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Wort-Bild-Beziehungen bei Magritte

Zwischenprüfungsarbeit 2003 19 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Hauptteil
2.1.Bildbeschreibung
2.2.Bildintention
2.3. Inspiration und Darstellungsmöglichkeiten

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturnachweis

5. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man die Bilder Magrittes, so stellt man fest, dass diese sehr eigenartig sind. Sie werfen Fragen und Rätsel auf. Sie rufen Verwunderung und Verwirrung hervor. Lässt sich der Betrachter auf den Inhalt der Darstellung ein, um ihn auf sich wirken zu lassen, so bekommt er schließlich das Gefühl, eine „absolute Wahrheit“ zu erfassen.

All dieses ist besonders in den s.g. „Sprachbildern“ Magrittes vereint. Eins dieser Sprachbilder ist das Werk Der Verrat der Bilder, das 1928/29 von dem Künstler gemalt worden ist (Abb.1).

Dieses zuerst verwirrende und dann aber doch aufschlussreiche Bild, ist das Hauptthema dieser Arbeit. Am Beispiel dieses Werkes soll die Intention Magrittes vorgestellt werden. Im Bezug dazu werden Inspirationen erwähnt, somit auch das Problem der Semiotik und Semantik (Saussure), was sowohl zu der Zeit, als der Künstler seine ausgefallenen Wort-Bild-Werke geschaffen hat, aber auch später, ein vielfältiges und begehrtes Thema gewesen ist. Anschließend folgen manche Darstellungsmöglichkeiten, derer sich Magritte in seinen Sprachbildern bedient hat. Darauf erfolgt eine Zusammenfassung der in den vorigen Kapiteln erarbeiteten Aspekte, die für Magrittes Sprachsujet von Bedeutung gewesen sind, was schließlich zu einer die Arbeit abschließenden Bildinterpretation führt.

Demzufolge ist das Ziel dieser Arbeit: die Wort-Bild-Beziehung(en) in Magrittes Sprachbildern zu veranschaulichen und dadurch ein besseres Verständnis bzw. Erfassen dieser zu ermöglichen, was aus einem konkreten Beispiel resultieren (s.o.) und durch das ergänzende Einbeziehen von sechs anderen Sprachbildbeispielen (s. Abbildungsverzeichnis) zusätzlich gefestigt werden soll.

Die aufgestellten Behauptungen und Annahmen in diesem Text werden durch die unterschiedlichen Theorien von z.B. J. Meuris, K. Lüdeking, P. Müller-Tamm, und D. Ottinger unter- und gestützt.

2. Hauptteil

2.1. Bildbeschreibung

Mit Öl auf eine 60 x 81 cm große Leinwand malt Magritte, wie bereits gesagt, 1928/29 das Bild der Verrat der Bilder, das sich heute in dem Los Angeles Country Museum of Art befindet (Abb.1).

Bei diesem Werk hat sich Magritte für ein Querformat entschieden, dessen Hintergrund er gleichmäßig und vollständig mit einer ocker – beige Farbe bedeckt. Darauf bildet er zentral, fast die ganze Bildfläche einnehmend, eine Pfeife ab. Diese gestaltet er sehr plastisch. Er setzt gezielt Schatten ein, die auf Grund des Lichteinfalls von der linken Seite des Bildes entstehen und auf eine im Bild nicht mehr sichtbare Lichtquelle hindeuten. In folge dieses Lichteinfalls und dem damit verbundenen Schattenwurf entstehen die Pfeife bezeichnende Farbtöne Braun bis Ocker und die Nichtfarben Schwarz, Grau und Weiß. Diese Plastizität des dargestellten Gegenstandes wirkt so authentisch, dass diese Pfeife aus der ebenen Hintergrundfläche des Bildes herauszutreten scheint, als ob sie tatsächlich wie ein dreidimensionaler Pfeifengegenstand greifbar bzw. mit dem Tast- und nicht nur mit dem Sehsinn wahrnehmbar wäre.

Unter dieser täuschendechten Pfeife, ein wenig oberhalb des unteren Bildrandes, verläuft in der Länge der Pfeife, ein schwarzes, wie mit der Hand geschriebenes und nicht gedrucktes Schriftbild, das besagt: „Ceci n’est pas une pipe“. Es ist ein einfacher, französischer Aussagesatz, der in die deutsche Sprache übersetzt heißt: „Dieses ist keine (Hervorhebung, d.V.) Pfeife“.

Diese simple, in sich vollständige und an sich verständliche Aussage verwundert und irritiert jedoch den Betrachter, sobald er diesen Schriftlaut mit der oberhalb platzierten Pfeifenabbildung in Verbindung setzt. Er sagt und fragt sich: „Es ist eine Pfeife abgebildet, ich sehe doch eine Pfeife ganz genau vor mir, was soll dann diese Behauptung? Müsste es nicht: Dieses ist eine Pfeife, heißen? Ist da Magritte nicht ein Fehler unterlaufen?“

Genau diese Verwirrung und Rätselhaftigkeit ist die Wirkung, die Magritte beim Betrachten dieses Bildes und auch bei seinen anderen Sprachbildern, hervorrufen will.

Mit der Begründung bzw. Intention, die den Künstler zu diesem Handeln verleitet, befasst sich das folgende Kapitel (2.2. Bildabsicht). Und dass der Titel und das Bild durchaus einen Bezug und Zusammenhang zueinander haben können, spricht das letzte Kapitel dieser Arbeit (s. 3. Schlussbetrachtung) an.

2.2. Bildintention

Wie in dem vorherigen Kapitel angekündigt, beschäftigt sich dieser Textabschnitt mit der Intention des Künstlers. Deshalb ist die Leitfrage dieses Kapitels: Warum malt Magritte die Sprachbilder und was wollte er damit erreichen?

Der Beweggrund für die Sprachbilder Magrittes ist: das „Mysterium“ und das „Sein“, das in jedem Ding vorhanden ist (s.u.), durch seine Bilder der restlichen Welt sichtbar bzw. greifbar zu machen, auch wenn es nur für den Bruchteil einer Sekunde sein sollte. Gelingt dieser Höhepunkt des Erfahrens der tatsächlichen Welt, des „absoluten Seins“ (s.u.), dem Betrachter nicht, so wird er wenigstens durch die Rätsel und Unstimmigkeiten, die Magrittes Bilder beim Bildbetrachter hervorrufen, darauf aufmerksam gemacht, dass etwas mit der dem Betrachter bisher gewohnten Welt nicht stimmt. Dadurch bringt Magritte den Leser seiner Werke zum Nachdenken (s. Kap.2.1.) über die üblichen Werte, Normen, Gewohnheiten, etc., die uns täglich in unserer Gesellschaft umgeben. Es ist ein Hinterfragen der existierenden Welt, ohne darauf (klare) Antworten zu liefern.[1] Magritte ist davon überzeugt auf diese Weise das Wesentliche, „ das ‘metaphysische’ oder ‘surrealistische’ Sein der Dinge “ in seinen Bildern zu erfassen.[2]

Was ist aber dieses „Mysterium“ und das „absolute Sein“ der Dinge?

Meuris definiert das „Mysterium“ als etwas überall Vorhandenes und Auffindbares, das Rätsel aufgibt. Das „Mysterium“ ist: „etwas aufgrund einer Beschreibung in mehrdeutigen Formulierungen erraten.“ [3] Lüdeking behauptet, dass für Magritte das „Mysterium“ ein „ungreifbares und unverfügbares absolutes Sein ist, über das man nichts sagen kann, außer, dass es existiert.“ [4] Magritte selbst erklärt und versucht das Wesen des „Mysteriums“ am Beispiel „der Pfeife“ (Abb.1) zu veranschaulichen. Er sagt nämlich:

„Dieses Gemälde repräsentiert das Bild einer Pfeife, ist aber keine. Wenn man an das Mysterium denkt, evoziert man das Mysterium. Dieses Bild der Pfeife, lässt an die Erscheinung denken, also an das, was gar keine Erscheinung hat, das Mysterium.“[5]

Schließlich definiert Lüdeking das Phänomen des „Mysteriums“ noch verständlicher, er ist der Meinung:

„Für Magritte ist nicht nur die Abbildung der Pfeife eine trügerische Erscheinung, sondern auch die wirkliche, handgreifliche Pfeife selbst. Ihr wahres Sein bleibt uns auch dann verborgen, wenn wir sie deutlich vor uns sehen oder wenn wir sie benutzen (...) Der eigentliche Kern der Dinge ist für uns (...) in jedem Fall etwas ‘absolut Fremdes’, eben ein Mysterium. Wenn Magritte also von einem Mysterium spricht, dann beschwört er nicht nur seine verlorene Referenz, sondern mehr noch den letzten Grund aller Existenz (Hervorhebung, d.V.).“[6]

Das „absolute Sein“ der Dinge lässt sich durch die Theorie von Heidegger, die er in der Aufsatzsammlung Holzwege darlegt, am besten aufklären. Die Theorie besagt, dass das Denken der Antike vom „Sein“ geprägt wurde, jedoch später durch das „Seiende“ verborgen wurde. Das „Sein“ ist dementsprechend vollkommen in Vergessenheit geraten. Infolgedessen verwechselt der Mensch, damals und heute immer noch, ständig das „Seiende“ mit dem „Sein“ und hält somit fälschlicherweise das „Seiende“ für das „Sein“. Dieses ist wiederum typisch für die damalige, aber auch für die heutige Gesellschaft, da sie vollkommen zivilisiert und durch die Wissenschaft vollständig bestimmt ist, was schließlich zu einer Empfindungsstumpfheit und Blindheit der Menschen geführt hat, so dass wir auch noch heute das „Seiende“ vom „Sein“ nicht auseinander halten bzw. unterscheiden können.[7]

Seitdem Magritte diese These bekannt ist, fühlt er sich in seiner eigenen Auffassung, „dass alle Bilder und Begriffe, die wir uns von den Dingen machen, nie ihr wahres Wesen enthüllen“, bestätigt.[8] Nur die Kunst kann das Verborgene, „sich unserer sinnlichen Wahrnehmung und der Artikulation in unserem Zeichensystem widersetzenden“ „Sein“ und „Mysterium“, sichtbar machen.[9] Die Kunst ist der einzige Weg, die einzige Tür und die einzige Ausnahme, das „wahre Sein“ der Dinge, dank dem „Mysterium“, zu erfassen.[10] Dieses Kunstverständnis versucht Magritte in seinen Werken darzustellen, was zu seiner Lebensaufgabe wird.

Das Gemälde Der Verrat der Bilder (Abb.1) ist eine Verinnerlichung der anspruchsvollen Intention Magrittes. Es beinhaltet das „Sein“ und das „Mysterium“, es wirft Fragen und Irritation(en) auf (s. Kap.2.1.), was schließlich zum Nachdenken über die eigene Wahrnehmungsweise, aber auch über die übliche und gewohnte Wahrnehmung der Welt, führt. Durch den Satz unterhalb der Pfeife, der schon fast wie eine Unterschrift wirkt, geschieht genau das, was oben erläutert wurde: Das Bild wird als Bild entlarvt. Durch das „Mysterium“ der Pfeife denkt man automatisch an den dreidimensionalen Gegenstand, den die Menschen als Pfeife bezeichnen, der aber im Grunde vielleicht gar keine Pfeife ist und sich somit er Menschheit niemals offenbaren wird.

[...]


[1] Meuris 1993, S. 114.

[2] Lüdeking 1996, S. 60.

[3] Meuris 1993, S. 114.

[4] Lüdeking 1996, S. 69.

[5] Ebd., S. 68.

[6] Ebd.

[7] Ebd., S.61.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638327466
ISBN (Buch)
9783640556779
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31858
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Kunstgeschichtliches
Note
2,7
Schlagworte
Wort-Bild-Beziehungen Magritte Surrealismus Pfeife Ceci n'est pas une pipe klassische moderne henri magritte semiotik und semantik semiotik semantik saussure kunst malerei kunstgeschichte absolutes sein der dinge das wesen der dinge mysterium sprachtheorie wort-bild-bilder

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