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Der demographische Wandel in der Ärzteschaft. Eine drohende Gefahr für die Patienten?

Hausarbeit 2013 24 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problem – Fragestellung

2. Praxisbeispiel

3. Studien
3.1. Altersstruktur und Ärzteanzahl in Deutschland
3.1.1. Durchschnittsalter der Ärzteschaft
3.1.2. Altersbedingter Ersatzbedarf
3.2. Fehlende Landärzte
3.2.1. Einschätzung der KBV
3.2.2. Hintergründe für die Landflucht von Ärzten
3.3. Hausärzte - Fachärzte
3.3.1. Wertung KBV - BÄK
3.3.2. Gefahr von Facharztmangel in ländlichen Regionen
3.3.3. Zu geringe Facharztanerkennungen
3.4. Bürgerversicherung
3.4.1. Bürgerversicherung - Bedrohung der medizinischen Infrastruktur?
3.4.2. Bürgerversicherung contra Ärztemangel
3.5. Analyse der Studien

4. Lösungen
4.1. Integration ausländischer Ärzte in das deutsche Gesundheitswesen
4.2. Einführung des Versorgungsstrukturgesetzes

5. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ersatzbedarf an Ärzten bis 2019

Abbildung 2: Durchschnittsalter der Ärzte

Abbildung 3:Anteil der unter 35- jährigen Ärzte

Abbildung 4:Altersbedingter Abgang der Ärzte

Abbildung 5: Facharztanerkennungen in Deutschland

Abbildung 6: Umfrageergebnisse PVS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problem – Fragestellung

In der nachfolgenden Arbeit möchte ich untersuchen, ob sich aus dem demographischen Wandel in der Ärzteschaft in Deutschland eine drohende Gefahr für die medizinische Versorgung und Behandlung für Patienten abzeichnet.

Durch ständig abnehmende Ärztezahlen im niedergelassenen Bereich und im Besonderen in ländlichen Gebieten, stellt sich bei genauer Betrachtung der Situation die Frage, ob sich hierdurch nicht eine drohende Gefahr für die Patientenversorgung entwickelt.

Diese Problematik wird auch von den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gesehen: Auf Grund der derzeitigen Altersstruktur in der Ärzteschaft und den aktuellen Studentenzahlen zeichnet sich in den kommenden Jahren eine drohende Gefahr durch medizinische Unterversorgung für die Bevölkerung ab. „Laut Bundesärztekammer (BÄK) und KBV wird es 2020 bis zu 7000 Hausärzte weniger in der Bundesrepublik geben als heute. Das gaben die beiden Organisationen unter Berufung auf eine neue Studie bekannt.“1

„Deutschland wird sich aufgrund der demographischen Entwicklung innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre stark verändern. Deutschland altert, aber diese Entwicklung vollzieht sich in den Regionen sehr unterschiedlich und wird vor allem durch innerdeutsche Wanderungsbewegungen verändert. Die voraussichtliche Veränderung der Bevölkerungsstruktur hat starke Auswirkungen auf den Bedarf an Ärzten. Durch Abwanderungen wird insbesondere in strukturschwachen Gegenden die Bevölkerungszahl deutlich sinken, zurück bleiben aber die älteren und häufig multimorbiden Menschen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung wird dort deshalb vor allem in der hausärztlichen und in der altersspezifischen fachärztlichen Versorgung steigen. Kinderärzte hingegen werden in solchen Gegenden kaum noch gebraucht.“2

Für niedergelassene Fachärzte werden diese Regionen wegen fehlender Infrastrukturen und attraktiven Freizeitangeboten immer unattraktiver und deshalb wird man dort auch zukünftig nicht mehr flächendeckend die Anzahl an Fachärzten vorfinden, wie sie für eine effiziente und umfassende Patientenversorgung von Nöten wäre.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ersatzbedarf an Ärzten bis 2019

(http://www.dkgev.de/media/file/8324.2010_10_11_Aerztemangel_Endbericht_1.pdf, S. 26)

2. Praxisbeispiel

Anhand einer Untersuchung der ärztlichen Versorgung in Berlin möchte ich aufzeigen, wie sehr der Versorgungsgrad in diesem Falle bei Psychotherapeuten zwischen den einzelnen regionalen Gebieten unterschiedlich ist.

„Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat ein Lieblingsbeispiel, um die ungleiche Verteilung von Ärzten innerhalb Berlins deutlich zu machen. Seit Czaja im Amt ist, gehört die Neuordnung der ärztlichen Versorgung in der Stadt zu seinen bevorzugten Themen. Bei Gelegenheit erzählt er dann gern, dass der Versorgungsgrad mit Psychotherapeuten in Charlottenburg-Wilmersdorf bei 400 Prozent liegt, in Marzahn-Hellersdorf dagegen bei 35 Prozent. Dann fügt Czaja – geboren und wohnhaft in jenem Ost-Berliner Bezirk – immer scherzend hinzu: "Rückschlüsse auf die Bevölkerung kann man daraus natürlich nicht ziehen."

"Theoretisch müsste jeder dritte Hausarzt seine Praxis in einen anderen Bezirk verlegen", sagte Susanne Bethge von der Gesundheitsverwaltung, die gemeinsam mit Czaja und Berlins Patientenbeauftragter Karin Stötzner die Studie vorstellte. Bethge erstellte eine mathematische Formel, die alle in Berlin ansässigen 2371 Hausärzte neu über die zwölf Bezirke verteilte. Der Berechnung zugrunde liegen die Bevölkerungszahl, der sogenannte Sozialindex der Bezirke sowie ihr Morbiditätsindex. Die Sozialstruktur ergibt sich etwa aus der Arbeitslosenzahl und der Zahl der Transferempfänger, die Morbiditätsrate gibt wieder, wie stark die Bevölkerung von Krankheiten betroffen ist.“3

In vielen ländlichen Gebieten außerhalb der Großstädte bedeutet es heute bereits ein Problem, gerade für ältere Menschen, wenn sie zum Arzt müssen. Vor allem wenn sie auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, kann das eine Tagesreise für sie bedeuten und eine große Belastung darstellen.

„Schon heute sind weite Wege zum Arzt in ländlichen Gebieten keine Seltenheit mehr. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Eine schwache Infrastruktur auf dem Land, aber auch die Budgetierung der Behandlungen und eine zunehmende Bürokratisierung halten immer mehr junge Ärzte davon ab, eine Praxis in ländlichen Gemeinden eröffnen bzw. übernehmen zu wollen.

Um dem auch nur in minimalem Umfang abzuhelfen, wird es Ärzten zudem erleichtert, Filialpraxen zu eröffnen. Der Arzt muss lediglich nachweisen, dass sich das Versorgungsangebot am Standort der Filiale verbessern, am Stammsitz aber nicht verschlechtern wird.“4

Aus den vorgenannten Zitaten kann man entnehmen, dass auch die eingebundenen Spezialisten die Gefahr als durchaus gegeben ansehen und versuchen rechtzeitig Wege aus der drohenden Gefahr zu finden.

3. Studien

Im Nachfolgenden möchte ich jetzt anhand mehrerer Studien die Problematik des drohenden Ärztemangels bei Allgemeinmedizinern, Fachärzten und auch die Auswirkungen der geplanten Bürgerversicherung auf das drohende Ärztedefizit darstellen. Das Thema wird von vielen Autoren und Institutionen ausführlich behandelt, wobei im Grunde genommen alle zu demselben Ergebnis kommen.

3.1. Altersstruktur und Ärzteanzahl in Deutschland

Bevor ich dediziert auf den Ärzteschwund eingehe, möchte ich mittels einer Studie aufzeigen, wie die derzeitige Altersstruktur der Ärzteschaft und die Arztzahlenentwicklung in Deutschland ausschauen.

Dr. Thomas Kopetsch von der BÄK hat 2010 eine sehr umfangreiche Studie zum Thema Altersstruktur der Ärzte in Deutschland erstellt. Diese Studie fand eine dermaßen große Beachtung, dass sie sogar in Buchform veröffentlicht wurde.

3.1.1. Durchschnittsalter der Ärzteschaft

„Das Durchschnittsalter der unter 69-jährigen Vertragsärzte erreichte im Jahre 1993 mit 46,56 Jahren seinen niedrigsten Wert, seitdem stieg es kontinuierlich an-auf 51,92 Jahre im Jahr 2009. Diese Entwicklung ist durch die Einführung der Bedarfsplanung im Jahre 1993 erklärbar, wodurch das vertragsärztliche System quasi zu einem „Closed Shop“ wurde. Umso überraschender ist, dass sich dieser Trend des steigenden Durchschnittsalters auch im Krankenhausbereich beobachten lässt.“5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Durchschnittsalter der Ärzte (Bundesarztregister der KBV, 2009)

„Erstaunlich ist, dass parallel zum Anstieg des Durchschnittsalters der Anteil der unter 35-jährigen Ärzte an allen berufstätigen Ärzten sinkt. Waren 1995 noch 24,8% der berufstätigen Ärzte unter 35 Jahre alt, so betrug der Anteil im Jahre 2009 nur noch 16,6% - ein Rückgang um 33,1%.“6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3:Anteil der unter 35- jährigen Ärzte (http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_03092010.pdf, S. 25)

Exemplarisch möchte ich die Situation bei den Internisten darstellen. In dieser Fachgruppe muss zwischen den hausärztlich und den fachärztlich tätigen Internisten unterschieden werden. „Bei den hausärztlich tätigen Internisten ist der Anteil der älteren Ärzte im Vergleich zu den fachärztlich tätigen Internisten sehr hoch.“7

„Ein Grund für das hohe Durchschnittsalter in bestimmten Fachgruppen sind die geringen Zulassungsraten, die durch die Ärzte Bedarfsplanung gesetzlich verursacht wurden.“8

Die Ärztebedarfsplanung wurde mit der Hilfe vieler Ärzte verabschiedet. Einer der Hintergründe war unter anderem, dass die Ärzte sich ihre Pfründe erhalten wollten. Beweggrund war, umso mehr Ärzte eine Zulassung bekommen, umso weniger Patienten bleiben den einzelnen Ärzten, umso weniger bleibt am Quartalsende in der Praxis finanziell hängen. Dass diese Sicht und vor allem die Hintergründe mehr als egoistisch und auch kurzsichtig waren, zeigt sich jetzt an der sich anbahnenden Misere. Der Numerus Clausus für die Zulassung zum Studium wurde auf Drängen der Ärzteschaft immer weiter verschärft, die Facharztausbildungszeiten wurden immer länger und der Weg zur Facharztanerkennung immer steiniger und zu guter Letzt kam die verschärfte Approbationsordnung auch noch hinzu.

„Da sich die Altersstrukturen fast aller Fachgebiete nicht gleichmäßig linear (rechteckig), sondern als „polygonale Gebirge“ darstellen, führen deren „Täler“ zu einem geringeren Ersatzbedarf, gefolgt von „Gipfeln“ mit hohem Ersatzbedarf. Umfassen diese Gipfel gleich mehrere Jahrgänge ist es schwierig bis nahezu unmöglich, den Ersatzbedarf zu decken.“9

Wie kommt es zu diesen „Berg“ und „Tal“ Bildungen, und nicht zu gleichmäßig verteilten Arztzahlen? Mitte 1996 gab es einen Tiefstand bei der Zahl der Medizinstudenten in Deutschland. Anzahl Bewerber/Studienplatz: 2,4. 1998 gab es einen kurzen Hochstand um kurz darauf 2001 wieder auf eine Zahl von 2,7 : 1 abzufallen.

Nachdem 2002 erstmalig diese Studie öffentlich vorgestellt wurde, gab es einen Anstieg an den Studentenzahlen im Fach Medizin. Dieser Anstieg erreichte 2005 eine Höhe wie zuletzt in der Hausse in den 80er Jahren mit einer Zahl von 5,3 : 1, um danach wieder abzufallen.10

Für viele Studenten ist der Beruf des Arztes wegen schwindender Einkommensmöglichkeiten, arbeitsmäßiger Überbelastung und zu langer Ausbildungszeiten einfach unattraktiv geworden.

3.1.2. Altersbedingter Ersatzbedarf

Wenn man sich die aktuellen, von der KBV, veröffentlichten Zahlen ansieht, wird man eine erschreckende Tendenz feststellen. Bis zum Jahre 2020 werden alleine unter den Hausärzten etwa 23768 in den Ruhestand gehen. Zugleich macht sich auch der ärztliche Nachwuchs rar. Die Gesamtzahl der Studenten sinkt mittlerweile wieder kontinuierlich. Außerdem beträgt die „Schwundquote“ im Studium etwa 14%. Etwa 12% der Absolventen werden nicht kurativ tätig und fallen somit ebenfalls als „Ersatz“ aus.11 Sehr dramatisch ist also die Tatsache, dass immer weniger Medizinstudenten ihr Studium zum Abschluss bringen, immer mehr Studenten nach dem Studium nicht kurativ tätig werden und immer mehr junge Ärzte auf Grund der besseren Arbeitsbedingungen ins Ausland abwandern.12

Summa Summarum kann nur gesagt werden, die Ärzteschaft überaltert und hat ein immenses Nachwuchsproblem.

[...]


1 Spiegel Online (Verbandsstudie: Deutschland droht dramatischer Ärztemangel 2010).

2 Köhler (KBV und Bundesärztekammer stellen Arztzahlstudie 2010 vor 2010).

3 Berliner Morgenpost (In sechs Berliner Bezirken herrscht akuter Ärztemangel 2013).

4 Kassenärztliche Bundesvereinigung (Land in Sicht).

5 Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 20.

6 Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 24.

7 Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 28.

8 Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 30.

9 Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 30.

10 Vgl. Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 32.

11 Vgl. Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 141.

12 Vgl. Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 144.

Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668178205
ISBN (Buch)
9783668178212
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318464
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandtes Management GmbH
Note
1,0
Schlagworte
demogrphischer Wandel im Gesundheitssektor Ärztemangel

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