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Die Personenidentifikation und ihr sprachlicher Ausdruck im Roman von Martin Suter "Ein perfekter Freund"

Magisterarbeit 2015 79 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Das Problem der Identität
1.1. Martin Suter als Vertreter der Schweizer Gegenwartsliteratur.
1.1.1. Die Schweizer Gegenwartsliteratur.
1.1.2. Suters psychologischer Roman mit den Elementen eines Kriminalwerkes
1.2. Personenidentifizierung als literarisches Problem
1.2.1. Arten der Identifikation
1.2.2. Gedächtnis und Erinnerung als Voraussetzung der Identifikation
1.3. Das Problem der Identität im Roman „Ein perfekter Freund“
1.3.1. Gedächtnis- und Identitätsverlust im Roman
1.3.2. Motive des Themas Personenidentifikation

II. Sprachlicher Ausdruck der Personenidentifikation im Roman von M.Suter. 33 2.1. Sprachliche Mittel im Werk von M. Suter.
2.2. Sprachlicher Ausdruck der Motive des Themas Identitätsbildung im Roman
2.2.1. Das Kernmotiv: Die Erlangung des alten Aussehens
2.2.2. Das Kernmotiv: Die Heilung
2.2.3. Das Kernmotiv: Das Zurückkehren zur Berufsarbeit
2.2.4. Das Kernmotiv: Die Wiederherstellung des „Ichs“

Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema der vorliegenden Magisterarbeit lautet „Die Personenidentifikation und ihr sprachlicher Ausdruck im Roman von Martin Suter „Ein perfekter Freund“.

Mit dem Problem der Personenidentifikation beschäftigen sich mehrere Forscher: M.A. Koslowets, N.M. Madey, M. Gattinger, J. Goldstein, J. Hamann, G.Jüttemann, H. Keupp, L. Krappmann, R. Spiertz und K.H. Spinner u.a. Einige Wissenschaftler setzen sich auch mit diesem Problem in den Werken von Martin Suter auseinander: Karin Berndl, Christina Dehler, Ruth Hassler, Theo Herold und Charlotte Schallié.

Die Aufgabe dieser Forschung ist die Analyse von sprachlichen Mitteln zum Ausdruck des Problems „Personenidentifikation“ im Roman von Martin Suter.

Das Objekt dieser Arbeit ist der Roman von Martin Suter.

Der Gegenstand sind die sprachlichen Mittel zum Ausdruck der Motive des Themas „Personenidentifikation“ im Roman.

Das Ziel der Magisterarbeit ist die Analyse der häufigsten lexikalischen Mittel, die Martin Suter im Roman verwendet, die das Problem der Personenidentifikation ausdrücken.

Dem Ziel entsprechend ist die Magisterarbeit in 2 Teile eingeteilt.

Im theoretischen Teil wird, auf Grund der theoretischen Arbeiten von Volker Meid, Egon und Eugen Ammans, Rudolf Hernegger, Martin Neubauer, Irena Šebestová, Kaspar H. Spinner u. a. das Problem der Personenidentität in der gegenwärtigen Literaturwissenschaft am Beispiel des Romans von Martin Suter behandelt. Es werden die Identifikationsarten und ihre Voraussetzungen gezeigt, die Beziehungen der Persönlichkeit zu der Gesellschaft im Roman "Ein perfekter Freund“ und Motive als Bestandteile des Themas Identität im Roman betrachtet.

Im praktischen Teil wird die Analyse der sprachlichen Mittel vorgenommen, die zum Ausdruck von Motiven der Personenidentifikation im Roman gebraucht werden. Zuerst werden kurz die sprachlichen Mittel im Werk des Schriftstellers betrachtet. Genauer werden die Mittel zum Ausdruck der Motive analysiert. Hier werden folgende Motive behandelt: die Erlangung des alten Aussehens, die Heilung, das Zurückkehren zur Berufsarbeit und die Wiederherstellung des „Ichs“.

I. Das Problem der Identität.

1.1. Martin Suter als Vertreter der Schweizer Gegenwartsliteratur.

1.1.1. Die Schweizer Gegenwartsliteratur.

Die Schweiz ist ein Land von vier Sprachen und, entsprechend vier Kulturen, die einerseits einander ergänzen und andrerseits miteinander konfrontieren. Zu den wichtigsten Fragen und Problemen in der Literatur der Schweiz gehört die Sprache. Es gibt Autoren, die in verschiedenen Sprachen schreiben und Leser, die in unterschiedlichen Sprachen lesen. Was der deutschen Sprache anbetrifft, entsteht einen engen Zusammenhang zwischen der Standardsprache und der Mundart. Solche Multisprachlichkeit führt dazu, dass die Bedeutung des Begriffs die Heimat sich verändert und unterschiedlich von den Menschen verstanden wird.

Zu der neuen Generation der Schweizer Schriftsteller gehören Peter Weber, Zoë Jenny, Ruth Schweikert, Peter Stamm, Martin Suter. Am Beispiel ihrer Werke kann man Abwendung von der Politik und die Zuwendung zu Selbstsuche beobachten. Wenn bei den älteren Schriftstellern die Handlung oft verdoppelt war, ist sie bei den Gegenwartsautoren meistens linear. Neue Werke sind oft Autor zentriert und an den Geschmack des Publikums gerichtet.

Von der großen Beliebtheit ist heutzutage unpolitische, unterhaltsame und an Maßen gerichtete Literatur. Martin Suter äußerte sich dazu so: „Wenn es bedeutet, dass man seine Leser nicht langweilt, bin ich gerne ein Unterhaltungsschriftsteller“. [50].

Martin Suter ist solcher Meinung: „In meinen Büchern unterhalten sich auch dumme Leute intelligenter, als sie eigentlich sind.”[40].

Zu den jungen Schriftstellern der Schweizer postmodernen Literatur gehören F.Supino, A.Riklin, P. Stamm, U. Richle, P. Weber und M.Suter. Sie verzichten auf die Themen der vorigen Generation und widmen ihre

Aufmerksamkeit solcher Thematik, wie Heimat, Identität, Biographie, Liebe, Partnerschaft. Der Autor ist unabhängig und entscheidet allein, worüber und auf welche Weise zu schreiben. Schriftsteller dieser Epoche verwenden moderne Kommunikationsarten und kennen sich in den neuen Medien vortrefflich aus. Oft teilen sie in ihren Werken Ereignisse ihrer Biographie mit, auch wenn es sich um Tod, Krankheit oder Homosexualität handelt. [31,148].

Der Begriff "Heimat" ist in der Schweizer Literatur besonders problematisch. Das ist vor allem dadurch verursacht, dass die Schweizer Literatur aus zahlreichen kleinen Literaturen besteht, die in Rätoromanisch, Italienisch, Französisch, Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch geschrieben sind. Dabei ist die rätoromanische und italienische Literatur nur ein kleiner Teil. Auch die Anzahl der Leser der hochdeutschen Literatur ist gering, da das vor allem nur Bewohner der Deutschschweiz sind. [5,446].

In den nächsten Zitaten kann man sehen, was die Schweizer Schriftsteller unter "Heimat" verstehen. Ein Schriftsteller und Künstler aus der Schweiz René Regenass hat sich so geäußert: "Für mich ist Heimat der Ort, wo ich mich selber verwirklichen kann, wo ich Freiheit habe, wo ich in einer eigenen Sprache kommunizieren kann". [5,501].

Ein anderer Schriftsteller Dres Balmer ist der Meinung, dass man das Wort "Heimat" nicht mehr verwenden soll und dass nicht alle sie suchen: "Wir sollten also auch von der Dimension reden, die die Heimatlosigkeit anbieten kann". [5,503].

Carlo Castelli drückte sich aus: "...ich muss sagen, dass ich es nicht akzeptiere, ohne Heimat zu sein". [5,503].

In folgenden Aussagen fällt es auf, dass die Schweizer unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Heimat ist. Für einige ist es wichtig, sich zugehörig zu fühlen, für die anderen spielt es keine Rolle.

Zu den bedeutendsten Elementen der postmodernen Literatur gehören Geschichtsverlust, Intertextualität, Ironie, Subjektivitätsverlust, Pluralität und

Typisierung. Der Held sucht sich selbst und eigenes „ Ich“. Für die Geschichten sind Intellekt, Ehrlichkeit und Freimut charakteristisch. Auch die Ideen, wie Selbstverlust und Zweifel stehen im Mittelpunkt der postmodernen Romane. [31,152].

Die Sprache ist vielen Lesern durch ihre Einfachheit verständlich und selbst Martin Suter äußerte sich dazu so: „Ich habe bei meinen vier Romanen die Sprache immer mehr zurückgenommen. Ich versuche, eine Geschichte zu erzählen, bei der nicht alle paar Meter ein schöner Satz herausragt wie ein Hindernis auf einem Fitness-Parcours. Die Sprache eines Romans soll diskret der Geschichte dienen. Es gibt andere Sparten, wo man seine Formuliermuskeln spielen lassen kann, die Lyrik, zum Beispiel.” [40].

Auch das gewöhnliche „Ich“ wird anders. „Die Postmoderne entleert das traditionelle, „Ich“ sie spiegelt einerseits eine Selbstauslösung, andererseits eine Selbstvervielfältigung des Ichs vor. Das Ich wird unterdrückt oder aufgelöst, nach der Auflösung kommt sein Wiedergewinnen. Die Individualität der beschriebenen Subjekte wird oft vom Autor verschleiert. Solche Trübungen sollten bei dem Leser allfällig noch vorhandene feststehende Identitätsvorstellungen aufweichen und ausräumen. Anderseits hält man eine Wiedererkennungsmöglichkeit offen. Das Individuum wird oft in zwei oder drei Personen aufgespalten. [31,152].

Das Problem mit Selbstidentität entsteht normalerweise wegen der Drohung des Todes, Drogen oder Gedächtnisverlustes. Als Beispiel dient der Roman Schweizer Schriftstellerin Zoë Jenny. Im Roman von Z. Jenny

„Das Blütenstaubzimmer“, werden solche Probleme, wie Selbstfindung, Flucht vom Alleinsein und Identitätssuche, als Folge der Schizophrenie behandelt. [31,149].

Anette König ist der Meinung, dass auch die Globalisierung die Schweizer Literatur der Gegenwart bewirkt. Der Grund dafür ist das globalisierte Leben von Schriftstellern, was auch Peter Stamm, Christoph Simon, Martin Suter und andere eindeutig zugeben. Dieser Vorgang bezeichnet das Wachstum von Netzwerken, Modernisierung und Technologisierung. Alle diese Prozesse beeinflussen unter allem auch die Schweizer Literatur. Martin Suter weist darauf hin, dass die Gesellschaft „egozentrischer, resignierter, intoleranter und unfreier als vor zwanzig Jahren“ geworden ist. [21].

Solche Autoren, wie Milena Moser und Martin Suter, erleben Einfluss der Globalisierung, auch was ihren Wohnsitz anbetrifft. Martin Suter lebt in Guatemala, Spanien und in der Schweiz, deshalb sind seine Werke auch in anderen Ländern anerkannt. Dabei zeigen sie auch die andere Seite der globalisierten Welt, die der Leser zwar kennt, aber etwas Neues und Unerwartetes findet. [21].

Die Vielsprachlichkeit ist auch das Ergebnis der Globalisierung. Die englische Sprache ist zu der Weltsprache geworden, viele Werke von Schweizer Schriftstellern werden öfter ins Englische übersetzt, als in die anderen drei Amtssprachen. Dadurch kann man die sprachliche Grenze in der Schweiz merken. [27,12].

Da sich die Multikulturalität der Schweiz immer vergrößert, wird auch die Schweizer Literatur durch Zuwanderung beeinflusst und reichhaltiger gemacht. Auch heimische Schweizer Schriftsteller sind unter dem Einfluss der neuen vielfältigen Literatur ihres Landes. [27,13].

Das Geburtsland und die Nationalität scheinen nicht mehr so wichtig zu sein, wie eigene Zugehörigkeit und Identität. Die Rolle der nationalen Identität sinkt und die Person fängt an, sich selbst zu fragen, „woher sie kommt und wohin sie will“. „…im Individuum verschmelzen die unterschiedlichen Kulturen nur scheinbar zu einer neuen Identität“. [27,13].

Wolfgang Welsch hat sich zu diesem Punkt so ausgedrückt:

„Heutige Menschen nehmen, im Gegensatz zu früher, mehr unterschiedliche kulturelle Einflüsse aus und verbinden diese zu ihrer eigenen Identität“. [27,17].

Martin Suter ist ein erfolgreicher Schweizer Schriftsteller, der aus Zürich kommt. Er gehört zu den jungen Schriftstellern der postmodernen Literatur. Er schreibt Romane, Drehbücher, Theaterstücke und Artikel. Der psychologische Roman mit Elementen eines Kriminalromans ist die Gattung, die von ihm bevorzugt wird.

Die literarische Tätigkeit von Martin Suter ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet: Doppelgängermotiv, Gedächtnisverlust, Identitätssuche. Seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt und verfilmt. Über gute Geschichte äußerte er sich so: “Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder ändert sich die Welt, oder die Figur“. [6,7].

Besonders bekannt sind seine drei Romane: „Small World“ (1997), „Die dunkle Seite des Mondes“(2000) und „Ein perfekter Freund“(2002). Sie werden auch „Trilogie der Gedächtnisstörungen genannt. In allen drei Romanen sind die kontroversen Beziehungen dargestellt, in denen die männlichen Haupthelden voneinander abhängig sind. Dabei werden die Probleme des Gedächtnisses nicht nur aus der medizinischen Sicht, sondern auch aus der personalen behandelt.

Alle seine Figuren erleben einen existentiellen Zeitpunkt, zu dem eine Wende eintritt, eine grundlegende Veränderung. [40].

Wenn der Hauptheld in „Small World“ an Alzheimer-Krankheit leidet, der in eigenen vergangenen Erinnerungen lebt, dann in „Die dunkle Seite des Mondes“ provoziert er mithilfe von Pilzen Halluzinationen und in „Ein perfekter Freund“ hat er Gedächtnisverlust über 50 Tage seines Lebens. Alle drei Romane stellen den Suchprozess des Helden nach seiner Identität dar, dessen Persönlichkeit sich verändert. [28].

Identität ist das Problem, das von Martin Suter am häufigsten behandelt wird. Auch in seinem Interview hat er sich so ausgedrückt: „Es geht immer um die Identität. Was bin ich und was könnte ich auch sein? Da mir diese Frage schon einige Male gestellt wurde, habe ich keine improvisierte Antwort parat. In all meinen Büchern, Filmen wie auch Kolumnen geht es immer um das Eine: Schein und Sein.” [40].

Der Grund Suters Erfolgs ist die Identitätssuche in allen seinen Büchern. So behauptet der Journalist Wolfgang Göbel. Er findet die Ähnlichkeit mit den Helden von Max Frisch, die ihre Identitäten verleugnen. Dabei weist Gerg Jüttemann darauf hin, dass die Hauptpersonen von Martin Suter ständig psychologische Hilfe bei ihrer Identitätssuche benötigen. [19].

1.1.2. Suters psychologischer Roman mit den Elementen eines

Kriminalwerkes.

Psychologischer Roman ist eine Unterart des Entwicklungsromans. Im psychologischen Roman befindet sich der Hauptheld in der Krise. Er wird mit seiner Umgebung konfrontiert. Im Mittelpunkt des Romans steht der unruhige innere Zustand des Helden. [26,251].

Im psychologischen Roman sind äußere Vorgänge nicht so wichtig, wie der innere Zustand des Helden. Es werden nur die Ereignisse erläutert, die für den Protagonisten von besonderer Bedeutung sind. Obwohl im Roman „Ein perfekter Freund“ die Ereignisse detailliert beschrieben sind, bleibt der psychische Zustand und zwar, Gedächtnisverlust, immer im Mittelpunkt. Die Amnesie führt zu verschiedenen Prozessen im Inneren des Haupthelden. [12,102].

Der psychologische Roman konzentriert sich auf der Darstellung des psychischen Zustandes des Protagonisten. Die Autoren verwenden verschiedene narrative Mittel, wie indirekte Rede, innerer Monolog, Bewusstseinsstrom.

Bemerkenswert sind auch die Ereignisse relativ kurzer Zeit, die Änderung von Zeitformen und das offene Ende. [1].

Zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern des psychologischen Romans gehören Ch.M. Wieland, J.W. Goethe, E.T.A Hoffmann, H. von Hofmannsthal, R.M. Rilke. Dank der Psychoanalyse von Freud werden solche Erzählformen, wie Bewusstseinsstrom und innerer Monolog beliebt. [25,87].

In den Romanen der „neurologischen Trilogie“ kann man solche Motive erkennen: plötzliche Veränderung der Persönlichkeit, die psychische Störung, der Grund und der Prozess der Suche. Im Fall mit Fabio Rossi, dem Protagonisten des Romans „Ein perfekter Freund“, hat sich seine Persönlichkeit so stark verändert, dass er sich nicht mehr erkennen konnte. Dabei war die psychische Störung entscheidend und zwar, der Gedächtnisverlust. Die Amnesie wurde durch Streit mit dem Freund verursacht und als Folge, hat der Hauptheld den Schlag auf dem Kopf erlebt. Bei der Lösung dieses Problems hat ihm der Psychologe Doktor Vogel geholfen. Fabio sucht 50 Tage, die aus seinem Leben verschwunden sind. [12,26].

Das Genre des Romans „Ein perfekter Freund“ ist nicht eindeutig. Martin Suter bezeichnet ihn so: „...Ein perfekter Freund“ war ursprünglich als Liebesroman gedacht. Dann wurde die Liebe aber von anderen Ereignissen ein bisschen verdrängt, wie das oft so ist im Leben“ und im Jahr 2003 hat der Schriftsteller einen Krimipreis für den Roman bekommen [50].

Der Held des Romans „Ein perfekter Freund“ benimmt sich, wie ein Detektiv. Er sammelt Information über sich selbst, wobei ihm seine Ex-Freundin Norina und Freund Lucas helfen. [12,25].

Im Sachwörterbuch der deutschen Literatur wird der Begriff „Kriminalroman“, als „erzählende Prosagattung, die in unterschiedlicher Akzentuierung von Verbrechen und ihrer Aufklärung handelt und dabei an standardisierte Erzählmuster gebunden ist“ erklärt. [38,284].

Wenn man die Literatur der Moderne überblickt, spielt die kriminelle Literatur eine bedeutsame Rolle. Edgar Allan Poes, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie gehören zu den bedeutendsten Detektivschriftstellern. Solche Gestalten, wie Sherlock Holmes und Miss Marple sind die bekanntesten Personen dieser literarischen Gattung. Die komplizierten detektivischen Geschichten sind an diverse alltägliche Situationen angepasst, bei denen die Vernunft entscheidend ist. [17,1].

Wenn als Gründer dieses Genres Edgar Allan Poes mit seinem

„Doppelmord in Rue Morgue“ gilt, dann hat der Anfang des modernen deutschen Kriminalromans Johann Wolfgang Goethe mit seinem Werk „Die Wahlverwandtschaften“ gemacht. Im Mittelpunkt des Kriminalromans der Moderne steht eine geheimnisvolle und komplizierte Geschichte, die vom Rezipienten durchgeschaut und enträtselt werden soll. Da die ganze Epoche der Moderne durch Pluralität von Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Auswahl gekennzeichnet ist, sind auch in Detektiven mehrere Lösungen vorgeschlagen. Außer dem Gefühl der Gerechtigkeit sind auch psychologische, moralische oder soziologische Gefühle des Lesers verletzt. Die Straftaten solcher Art werden nicht unbedingt vom Autor geklärt, sondern der Leser soll sie selbst als falsche empfinden, entlarven und beurteilen. [17,3].

Zu den bedeutendsten Vertreter des Kriminalromans in der Schweiz gehören Friedrich Glauser und Friedrich Dürrenmatt („Richter und sein Henker“). In den 70er Jahren hat man das Thema der Kriminalität oft verwendet. [38,284].

Zwar viele bezeichnen Suters Romane als Krimi und er hat schon zwei Preise für Krimis bekommen, nennt er selber nur den Roman „Ein perfekter Freund“ Krimi. [42].

Im Jahr 2003 wurde er zu Deutscher Krimi Preisträger für den Roman „Ein perfekter Freund“. Mit diesem Preis werden jedes Jahr die besten drei deutschsprachigen Krimi und Thriller ausgezeichnet. [43].

Suter selbst sagte, dass er “Geschichte mit Geheimnis” schreibe. [24,39].

Im Roman „Ein perfekter Freund“ sind Elemente des Krimis vorhanden und nämlich, „Täter, Tat, Opfer, Motiv, Ermittler“. [12,105].

Tat – rätselhafte Kopfverletzung Opfer – Fabio Rossi

Täter – Freund Lucas Jäger Motiv – Rettung

Ermittler – Fabio Rossi

Da auch die Umgebung von Fabio Rossi betroffen ist, ist der Roman „Ein perfekter Freund“ ein Gesellschaftsroman.

Der Kriminalroman ist ein übergeordneter Begriff für die Literatur, in der es um den Straftäter, Straftat und Bestrafung handelt. Nach S. Dulout, unterscheidet man verschiedene Formen des Kriminalromans und zwar, Detektivroman, klassischer Detektivroman, realistischer Kriminalroman, Spionageroman, Opferroman, Thriller und Néo-Polar. [30,126].

Im Opferroman (roman à suspense) „Das Geschehen wird aus der Opferperspektive geschildert“, deshalb ist der Roman „Ein perfekter Freund“ der Opferroman. In diesem Roman werden die Gedanken und die Empfindungen des Helden mit dem Leser geteilt. Der Protagonist geriet in die Situation, die er nicht mehr steuern kann. [30,135].

Diese Form des Kriminalromans haben P. Boileau und Th. Narcejac begründet, indem sie den Polizisten, Verdächtigen und Zeuge nicht mehr in Acht nehmen und nur das Opfer schildern. Auch die Straftat mit der Verheimlichung der Wirklichkeit steht im Mittelpunkt. Ein wichtiger Bestandteil des Opferromans ist vielfältige und komplexe Individualität des Helden. Das ist dank der Opferperspektive möglich.

Im Mittelpunkt des Romans „Ein perfekter Freund“ steht auch das Opfer und zwar, der Hauptheld Fabio Rossi. Die Geschichte wird aus seiner Perspektive gezeigt. Fabio kann seine Realität nicht nachvollziehen, weil sie durch zahlreiche Geheimnisse ihm unbekannt ist. Die Persönlichkeit des Helden ist vor allem wegen seines Selbstverlustes und seiner Selbstsuche interessant.

Die Schriftsteller S. Japrisot und F. Dart weisen auf das psychologische Moment des Opferromans hin und darauf, dass „nicht mehr die Frage nach dem „Wer“ im Vordergrund steht, sondern dem „Wie“ und dem „Warum“ der Tat“. [30,136].

Aus diesem Grund entsteht das Gefühl der außergewöhnlichen Ereignisse, die der Held mal annimmt, mal ablehnt. Die Person fühlt sich in der Gesellschaft verunsichert. Das Ende solches Romans ist meistens unerwartet und hat die sinnvolle Erklärung der Tat.

Im „roman à suspense“ „ …wo der Held, der zunehmend den Eindruck gewinnt, Spielball übernatürlicher Kräfte zu sein, zumeist nicht die Lösung für die unerklärliche anmutende Ereignisse erfährt“. [30,179].

Der Held ist der Täter. Die Schriftsteller solches Romans waren der Ansicht: „Der Roman muss, statt der Triumph der Logik zu zelebrieren, den Untergang des Verstandes bezeugen; und dadurch wird der Held zum Opfer“. [30,210].

Auch Fabio Rossi geriet in schwierige, psychologisch verursachte Situation und nämlich, verliert seine ältere Gedächtnisinhalte. Das Wichtigste für ihn ist „wer?“ und „warum?”:

„Er hatte versprochen, es zu tun. Aber jemand hatte das verhindert.

Warum? Wer?“ [51,148].

Durch den Gedächtnis- und Identitätsverlust fühlt sich Fabio Rossi unter den Menschen beunruhigt. Er vermutet, dass jemand sein Gedächtnis auf eine außergewöhnliche Weise gelöscht hat:

„Ist es möglich, einen genau definierten Zeitraum aus dem Gedächtnis zu löschen?“. [51,150].

Für die Vermittlung solches Romans ist es unwichtig, ob der Autor die Ich-Perspektive oder die personale Perspektive verwendet, weil der Rezipient die Situation aus der begrenzten Sicht des Opfers befolgt, die subjektiv ist und die Betrachtung der Identitätsveränderungen ermöglicht. Diese Perspektive bildet beim Leser das Gefühl der eigenen Anwesenheit im Roman ein. [30,292].

Martin Suter schreibt in der personalen Perspektive. Der Roman beinhaltet ein Liebesdreieck mit der Frau zwischen zwei Männern. Fabio Rossi ist Opfer eines Unfalls aber dabei ist er auch schuldig, weil er die Wahrheit verheimlicht hat und dadurch viele menschliche Opfer verursacht.

1.2. Personenidentifizierung als literarisches Problem.

1.2.1. Arten der Identifikation.

Im 20. Jahrhundert ist in der Literatur der Konflikt zwischen dem Menschen und der Welt eines der wichtigsten Themen.

Es gibt viele deutsche Schriftsteller, die mit ihren Helden neue Identitäten schöpfen, und zwar Thomas Mann und Alfred Döblin. Man kann den Wunsch des Autors verfolgen, der dem bürgerlichen Wesen und einem Milieu entfliehen will. [29].

Auch für die Romane von den Schweizern Max Frisch und Martin Suter ist das Problem der Beziehungen der Persönlichkeit zu der Gesellschaft typisch. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch, der seine innere Essenz begreifen will und sich auf die Rolle verzichtet, die ihm die bürgerliche Gesellschaft auferlegt hat. [2].

Für die beiden Autoren ist gekennzeichnet, dass ihr Bewusstsein im Mittelpunkt steht und in ihren Hauptfiguren widerspiegelt ist. Ihre Werke enthalten Geheimnisse, etwas, was man beim Lesen entdecken will. Zum Beispiel, im Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von M. Frisch ist die Hauptfigur und nämlich seine Identität unklar und es zieht den Leser an, man will dieses Rätsel unbedingt lösen.

Wenn aber der Held der Romane von Max Frischs aus der Wirklichkeit flüchtet, in der er lebt, dann bleibt Martin Suters Held in der Realität, in die er geraten ist, und versucht in ihr zu leben.

Max Frisch hat sich so über die Identität ausgedrückt: „Als ich das Wort „Identität“ hörte, war ich wahrscheinlich der letzte, der dieses Wort dabei gedacht hat…Ich habe nicht geschrieben um die Welt zu belehren…“. (Heinz L.A. Was bin ich? Versuch über Max Frisch, 2002)

Warum ist Identitätsproblematik so interessant für den Schriftsteller? Martin Suter erklärt sein Interesse so: "Wahrscheinlich fasziniert alle Leute ab und zu die Frage „Wer sind wir und wer könnten wir auch noch sein?“. Einerseits ist es die Faszination dieser Frage, dieser schmale Grat zwischen den Identitäten, zwischen den Persönlichkeiten - die Wandlung auf diesem schmalen Grat hat mich immer interessiert. ... In einer Geschichte sollte… eine Veränderung stattfinden. Am besten ist dabei eine Veränderung einer Figur, bzw. der Hauptfigur". [44].

Vor allem ist für ihn wichtig, wie die Person auf die Veränderung reagiert. Laut der Brockhaus Enzyklopädie ist Identifikation oder Identifizierung in allgemeiner Bedeutung „die weitreichende Übereinstimmung des Verhaltens oder Denkens einer Person mit einem Vorbild” und in der Psychoanalyse „die unbewusste Übernahme bestimmter Motive oder Merkmale anderer Personen oder Objekte in das eigene Ich, die z.B. als innerer Abwehrmechanismus eine Rolle spielt“. [35,373].

Nach dem Lexikon für Psychologie und Pädagogik, bedeutet die Identifikation “die Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen von einer respektierten oder bewunderten Gruppe zu übernehmen". [46].

Zusammenfassend bedeutet die “Identifikation” oder “Identifizierung” die Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die Identität einer Person feststellen und wiedererkennen oder mit einer anderen Person oder einer Gruppe übereinstimmen.

Wenn man die Bedeutung des Verbs “identifizieren” berücksichtigt, findet man in der Brockhaus Enzyklopädie solche Definitionen: „zu lat. Idem – „derselbe“, facere – machen, genau wiedererkennen, die Identität feststellen, gleichsetzen“. [35,373].

Das Wort „identisch“ bedeutet nach der Brockhaus Enzyklopädie:

„völlig übereinstimmend, vollkommen gleich“. [35,373].

Davon ausgehend, ist das Wort “Identität” bei den beiden Begriffen grundlegend. Es gibt folgende Bedeutungen dieses Nomens im Pons:

1. der Zustand, dass jemand mit sich selbst eins ist
2. völlige Gleichheit; Übereinstimmung in allen Merkmalen
3. PSYCH. die erlebte innere Einheit einer Person, durch die sie sich auch in der Gesellschaft bestimmt. [36].

Die Identitätsbildung wird von dem Menschen noch im Kinderalter durch Nachahmung ausgeführt und wird später unter dem Einfluss von solchen Prozessen, wie Erziehung, Vergesellschaftung und Internationalisierung verändert. Dank Motiven, Einstellungen und Absichten, wird das Ich des Menschen in der Lage zu handeln und er entwickelt ein bestimmtes Verhalten. Das identitätslose Wesen wird durch seine Instinkte gelenkt und ist nicht lange handlungsfähig. [13,55].

Für die Handlungsausrichtung und Selbstorientierung muss er über klare Selbstvorstellung und Zugehörigkeit verfügen. Die Identität der Person ist für ihre Entscheidungen, Einstellungen, Motivation, und Struktur des Verhaltens verantwortlich. Sie wird auch als Selbst bezeichnet: „Das handelnde Ich reguliert, ordnet und steuert seine Verhaltensweisen mit dem Blick auf seine Identität, der Spitze des zentralen Motivationsgefüges“. [13,56].

Der Identifikationsprozess ist sowohl objektiv (durch objektive Faktoren verursacht), als auch subjektiv (verursacht durch Selbstidentifizierung der Person). Der subjektive Aspekt der Identifikation ist vor allem, wenn der Mensch sich selber identifiziert und diese Identifizierung von den Anderen erkannt wird.

Der ukrainische Forscher, M.A. Koslowetz behauptet, dass der Diskurs der Identität ein charakteristisches Phänomen der Modernität ist. Früher stellte man selten die Fragen "Wer bin ich?" und "Was bin ich?", weil die Rolle des Menschen bestimmt war. Nach dem Verfall der traditionellen Gesellschaft hat sich die Rolle des Individuums verändert und seitdem steht es im Mittelpunkt. [34].

Die Frage nach der Identität ist schon in der Antike entstanden und wird auch heute gestellt und zwar, die Frage: „Wer bin ich?“. [20, 62].

Es entsteht noch eine Frage, ob die Identität immer gleich ist oder sich verändert. Solche Identität, die mit den Anforderungen und Regeln der Gesellschaft eng zusammenfällt, wie Zugehörigkeit zu bestimmter Religion oder Nationalität, lässt sich nicht so einfach verändern und ist deswegen auch dauerhaft. Es gibt aber auch eine andere Identität, die nicht so statisch ist, wie Selbstverlust und Selbstsuche. Wenn sich die Persönlichkeit entwickelt, verändert sich auch entsprechend ihre Identität und wenn dieser Prozess kompliziert ist, dann können Identitätsprobleme entstehen. Diese Art von der Identität kommt nicht mit der Geburt, sondern während des Lebens und hat verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten und zahlreiche Szenarien. [20,65].

[...]

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