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Die Konzeption der Anfechtung bei Martin Luther und Eberhard Jüngel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 38 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Anfechtung bei Martin Luther
2.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Luthers
2.2. Zur Struktur der Anfechtung
2.3. Ursprung der Anfechtung
2.4. Sinn der Anfechtung
2.5. Überwindung der Anfechtung
2.6. Weitere Analyse

3. Anfechtung bei Eberhard Jüngel
3.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Jüngels
3.2. Zur Struktur der Anfechtung
3.3. Ursprung der Anfechtung
3.4. Sinn der Anfechtung
3.5. Überwindung der Anfechtung
3.6. Weitere Analyse

4. Fazit

Anhang
Bibliographie
Internetquellen

1. Einführung

Heute ist es populär geworden zu sagen: ‚Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.‘ Wohl wahr - solange wir darüber nicht vergessen, wie unendlich tief wir für unsere Verhältnisse fallen können, bevor wir seine rettende Hand zu spüren bekommen!1

So äußerte sich Robert Leicht in einer Predigt zum Reformationstag. Er erinnert hier an das Leid der Anfechtung, den schier unendlichen Fall des Menschen, bevor er endlich von Gott aufgefangen wird. Über dieses Leid darf nicht hinweggetäuscht werden, denn der Glaube ist nicht immer eine Erleichterung und erst recht keine Garantie für Sorglosigkeit. Er kann auch gerade zum Gegenteil führen, zur Anfechtung.2 Das Wort ‚Anfechtung‘ geht auf das Mittelhochdeutsche zurück und meinte dort ursprünglich „einen körperlichen Kampf gegen jemanden“3. Im theologischen Sinne entwickelte es sich zur Übersetzung des lateinischen tentatio, für dessen Definition Thomas von Aquin maßgeblich herangezogen wird: Tentare est proprie experimentum sumere de aliquo.4 Dem Begriff nach ist Anfechtung folglich eine Prüfung - vornehmlich durch Gott. Das Lateinische bietet neben tentatio eine Vielzahl an Vokabeln wie z.B. tribulatio, die das Deutsche als Anfechtung wiedergibt. Diese weisen z.T. unterschiedliche Konnotationen auf, werden aber auch synonym verwendet.5 Oswald Bayer rekurriert zur Definition der Anfechtung auf den juristischen Sprachgebrauch, der den Begriff „als rückwirkende Annullierung einer Willenserklärung“6 verwende. Dies spiegele sich in der theo- logischen Verwendung des Begriffs insofern wider, als in der Anfechtung die promissio Gottes - das Versprechen Gottes auf Gemeinschaft und Gottesnähe - höchst zweifelhaft und gefährdet erscheine. Dabei sei die Anfechtung nicht mit dem Zweifel zu verwechseln, den sie ungleich übersteige, da sie den Menschen mit der Katastrophe der Gottesferne konfrontiere.7 Diese existenzielle Not, die die Anfechtung darstellt, hat seiner Zeit vor allem Luther als solche erkannt, indem er über die Vorstellung der

Anfechtung als Prüfung durch Gott hinausging.8 Daher erscheint die Auseinander- setzung mit Luthers Lehre von der Anfechtung besonders interessant und wird den Schwerpunkt dieser Ausarbeitung darstellen. Dazu werden Luthers Schriften auf ihre Aussagen über wichtige Aspekte der Anfechtung wie ihren Ursprung, ihren Sinn und ihre Überwindung hin überprüft und analysiert. Seit Luther haben sich jedoch starke Veränderung in Lebenswelt und -wirklichkeit ergeben. Das Wort ‚Anfechtung‘ begegnet mittlerweile fast ausschließlich in der Fachsprache.9 Dies führt zu der Frage „ob wir Christen heute überhaupt noch angefochten werden.“10 Daher wird sich in einem zweiten Schritt einer modernen Position zur Anfechtung zugewandt: Hierfür wird der soeben zitierte Fragensteller - Eberhard Jüngel - herangezogen. Seine Ansichten zur Anfechtung werden betrachtet und bezüglich der oben genannten Aspekte analysiert. Gleichzeitig werden die jüngelschen Anfechtungsgedanken mit Luthers Konzept verglichen.

2. Anfechtung bei Martin Luther

Martin Luthers Ausführungen zur Anfechtung sind keineswegs rein theoretischer Natur. Er betont seine eigenen bitteren Erfahrungen, die er in diesem Gegenstand sammeln musste: Ego habui tentationes inenarrabiles, in quibus nulla creatura consulere mihi potuit. 11 Gerhard Ebeling konstatiert für Luther sogar, dass die Anfechtung „als Grund- thema sein ganzes Leben durchzieht“12. Die Anfechtungen blieben sein steter Begleiter, weshalb nicht verwunderlich ist, dass Luther vielerlei über sie schrieb und sagte.

2.1. Zur Rolle der Anfechtung in der Theologie Luthers

Die Auseinandersetzung mit der Anfechtung bei Luther kann nicht losgelöst von seiner Theologie erfolgen. Daher wird im Folgenden etwas allgemeiner auf diese Bezug genommen, um schließlich zur Anfechtung zu gelangen.

Konstitutiv für das lutherische Anfechtungskonzept ist die Theologia crucis, die den Blick der visibilia et posteriora Dei13 zuwendet und das Gegenteil der Theologia gloriae mit deren Schwerpunkten auf der Majestätizität Gottes und der Werke bildet: „Jetzt handelt es sich nicht mehr um die Erkenntnis von Gottes unsichtbarem Wesen aus den Werken, sondern um die Erkenntnis seiner sichtbaren Rückseite durch die Leiden.“14 So äußert sich Paul Althaus in Anspielung auf Ex 33, 18-23. Luther kritisierte an der Theologia gloriae besonders den Aspekt der Selbsterhebung des Menschen: Hierbei versehe der Mensch Gott mit menschlichem Maß, nämlich der menschlichen Vorstellung von Glanz, Herrlichkeit und Macht, was zugleich auch den Menschen auf eine göttliche Stufe erhebe, wenn er diese Attribute aufweise. Außerdem führe die Werkheiligkeit nicht nur zu einer Bewunderung göttlicher, sondern eben auch menschlicher Werke. Dem entgegengesetzt versteht Luther das Kreuz. Durch den gekreuzigten Christus werde Gott konkret sichtbar statt abstrakt herrlich zu er- scheinen.15 Das Kreuz zerbricht die durch eigene Werke aufgebaute Selbstgerechtigkeit des Menschen und verkehrt die Maßstäbe ins Paradoxe: Gerade das Kreuz als Bild der Niedrigkeit offenbart die Herrlichkeit Gottes. Das Leid ist aber nicht nur Betrachtung oder Kontemplation der Kreuzigung Christi, sondern zugleich ein „Mitsterben“16 des Betrachters. Erst in dieser existentiellen Erfahrung begegnet der Mensch Gott, der als Deus absconditus beim Kreuz zu finden ist. Das Paradoxe des Kreuzes und der Gottes- erkenntnis birgt nun große Schwierigkeiten für den Menschen, der erkannt hat, dass Gottes Wirklichkeit nicht der menschlichen entspricht, sondern umgekehrt ist: „Glauben heißt, im ständigen Widerspruch zur empirischen Wirklichkeit sich zu der verborgenen zu bekennen“17. Daher muss der Mensch sich immer wieder seiner eigenen Erfahrung mit der Welt erwehren und sie geradezu umkehren. In einem stetigen Prozess hat er also nicht nur Gott mit dem Leid in Einklang zu bringen zu versuchen, wie es Bestrebung der Theodizee ist, sondern er soll Gott sogar gerade in Leid und Not erkennen.18 Doch ist auch dies kein rationaler Prozess: Es gilt, die der Theologia gloriae anhängige Vernunft nicht als Werkzeug der Ergründung zu benutzen, um sich selbst - durch eigenes Werk - eine Gotteserfahrung zu schaffen, sondern die „der Vernunft anstößige Verborgenheit des gekreuzigten Gottes wird […] zum Ende aller eigenen Weisheit und Gerechtigkeit, um Gott wirken zu lassen.“19 Dieses Wirken Gottes ist also ein Gnadenakt. Der unvermeidbar sündige Mensch kann ihn nicht herbeiführen oder verdienen. Doch gerade in seiner Sündhaftigkeit bleibt dem Menschen nur der Deus absconditus, den die Theologia crucis propagiert:

Et in actione contra peccatum et mortem, las Gott faren, quia iste intolerabilis hic. [ … ] las yhn faren et dic: nos iam versamur in alia caussa, disputamus scilicet de iustificatione et inveniendo deo iustificante, acceptante; [ … ] hoc ergo debemus studere, ut cum ad argumentum iusticiae, gratiae ventum, ubi res cum morte, peccato, lege, cum quibus habet christianus agere, de nullo deo sciendum, sed apprehendendus deus incarnatus et humanus deus. 20

Dieser Deus iustificans vollzieht die Rechtfertigung maßgeblich als Deus incarnatus. Doch auch die Rechtfertigung kann wie die Gotteserfahrung nicht anders geschehen als durch das Mitsterben des Menschen. Daher spricht Luther auch von dem beneficium Crucis mortificans21 - das Heil führt über das Leid des Kreuzes, über das Mitsterben. Doch wie auch die Erfahrung der Welt einen immer wieder neuen Erkenntnisprozess verlangt, ist auch die Rechtfertigung für den Menschen keine einmalige Erfahrung. Die Sünde holt ihn immer wieder ein: Der Mensch wird simul iustus et peccator22. Diese Spannung gibt nun Anlass, die Anfechtung in den Blick zu nehmen, denn sie kann ein Produkt dieser Spannung sein.23 Horst Beintker führt aus, dass Luthers Sünden- vorstellung sich von der zeitgenössischen darin unterschieden habe, dass er den Menschen insgesamt als sündhaft verstand. Das Mittelalter hingegen habe diese Ansicht nicht geteilt, weshalb es die Erlösung ex suis - dank eigener Werke und des freien und somit zum rechten Handeln fähigen Willens - propagieren konnte. Jedoch sei erst mit der völligen Sündigkeit und Heilsbedürfdigkeit die Tiefe von Luthers Anfechtung erfassbar.24 Der sich seiner unumstößlichen Sündhaftigkeit bewusste Mensch ist es, der seine Rechtfertigung nicht erkennen kann und so immer wieder angefochten wird: „ Nobis hoc malum affixum in tentatione, ut nihil spectemus quam hoc: Ach, were ich nur from. “ 25

2.2. Zur Struktur der Anfechtung

Die Gestalt der Anfechtung ist jedoch weitaus vielseitiger als soeben dargestellt. Es gilt daher, näher zu untersuchen, in welchen Formen die Anfechtung auftritt und wie sie sich vollzieht.

Luther postulierte verschiedene Anlässe bzw. Erscheinungsformen für die Anfechtung, wobei diese den Menschen von zwei Seiten bedrücken: Von links bedrängen den Ange- fochtenen schlimme Widerfahrnisse - alles, was „ tzu tzorn, hassz, bitterkeyt, unlust, ungedult reytzet, als sein kranckheit, armut, unere, und alles was eynem wehe thut “ 26 . Diese Erfahrungen führen zu einer Unsicherheit des Angefochtenen und zu seinem Zweifel an Gott. Althaus spricht hier von der „Gegenwärtigkeit der Trübsal, von ihrer harten Realität.“27 Auf die rechte Seite stellte Luther die glücklichen Gegebenheiten als „ anfechtunge des gluecks, da man zu lust, ehren, freude und alles, was hoch ist, gereytzt wird “ 28 , was den Mensch zum Übermut verleiten kann.29 Ebeling beschreibt diese Zwei-teilung als „auf der einen Seite [rechts] ein Sich-Verlassen auf sich selbst, auf der andern Seite [links] dagegen ein Sich-gänzlich-verlassen-Fühlen“30. Darüber hinaus kannte Luther noch zahlreiche weitere Arten und Aspekte der Anfechtung. So unterschied er die niedrigen von den hohen bzw. geistlichen Anfechtungen. Niedrige Anfechtungen stellen nach heutigem Verständnis weltliche Versuchungen dar, die geistigen Anfechtungen sind hingegen Angelegenheit des Glaubens.31 Zu ihnen zählt auch die oben hergeleitete Anfechtung, die aus der Spannung von Sünde und Recht- fertigung erwächst und die den Schwerpunkt dieser Erarbeitung von Luthers Anfechtungslehre bilden soll.32,33 Wichtig ist die Erkenntnis, dass es sich nicht um eine aktive Haltung des Gläubigen handelt - er wird angefochten. Ebeling hebt diesen Umstand zusätzlich anhand der häufigen Verwendung von Passiva und Intransitiva, wenn Luther über die Anfechtung schreibt, hervor.34 Zu dieser Feststellung ist mit Beintker zu ergänzen, dass der Angefochtene sich jedoch nicht gänzlich passiv verhält, sondern zweifellos aktiv wird. So versucht er durchaus, aus eigener Kraft seiner

Anfechtung zu entkommen oder ihr zumindest Widerstand zu leisten.35 Luther tut dies beispielsweise, indem er andere um Gebete für sein Heil und den Beistand Christi in der Anfechtung (nicht die Erlösung!) bittet.36 Andererseits kommt es jedoch auch vor, dass der Angefochtene aktiv wird, indem er sich gegen Gott empört und aufbegehrt. Die Passivität des Angefochtenen zeichnet sich für Beintker darin aus, dass der Mensch auch durch all seine Anstrengung nicht das Ende seiner Anfechtung herbeizuführen vermag: „Das Wesen des Menschen zeigt sich vordergründig in Aktivität, ist aber in seinen Tiefen durch Erleiden gekennzeichnet.“37 Mit der passiven Ausgesetztheit, dem Erleiden, geht auch das Leid des Angefochtenen einher. Luther empfindet sich in seiner eigenen Anfechtung quasi als Spielball der Mächte: Ita ego inter istos duos adversantes principes medius iactor et miserrime collidor.38 Damit siedelt er seine Anfechtung auf einer höheren Ebene an. Luther wollte sie nicht auf eine Krankheit - also Angriffe von links - zurückgeführt wissen, sondern erklärte seine gesundheitlichen Schwächen z.T. gerade als Folgen der Anfechtung.39 Es zeigt sich hieran, dass das körperliche Leid - und analog auch die anderen Angriffe von links und rechts - zwar Anlass zur An- fechtung gibt, jedoch nicht den eigentlichen Ursprung der Anfechtung darstellt.40 Dieser ist bei Luther auf übergeordneter Ebene, bei den duos adversantes principes zu suchen.

2.3. Ursprung der Anfechtung

Der Ursprung der Anfechtung ist eine diffizile Angelegenheit. Es wurde soeben festgestellt, dass die Anlässe der Anfechtung nicht mit ihrem Ursprung zu verwechseln sind. Die Anfechtung kann vieles zum Anlass nehmen, in Erscheinung zu treten. Ein wesentlicher Faktor ist dabei die schon genannte Erfahrung der Welt: Sie steht im Widerspruch zum verheißenen Heil und stellt damit den Erlösungswillen Gottes infrage. Der Ursprung ist dem Anlass jedoch vorgeordnet. Wie kommt es z.B. zu der wider- sprüchlichen Erfahrung? Leicht können hier Gott und Teufel als elementare Prinzipien, als Kampf zwischen Gut und Böse gegenüber gestellt werden, doch bei Luther heißt es:

Gott behutte vns vor den hohen tentationibus primae tabulae, quae sunt aeternitatis, do man nicht weiß, ob Gott Teuffel oder der Teuffel Gott ist.41 An diesem Wort Luthers lässt sich das komplexe Verhältnis von Gott und Teufel bereits erkennen. In der Anfechtung erscheinen diese beiden Kontrahenten vermischt und nicht identifizierbar. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch Luthers Lehre von der Anfechtung bezüglich des Wirkens dieser beiden Mächte unterschiedlich interpretiert wurde. Während Paul Bühler vornehmlich dem Teufel die Urheberschaft an der Anfechtung zuschrieb, wandte sich Beintker explizit gegen den „Verfechter der satanischen Anfechtung“42. Auf die unterschiedlichen Darstellungen der beiden Vertreter von Luthers Ansichten zum Ursprung der Anfechtung soll hier einmal genauer eingegangen werden.

Bühler eröffnet seine nähere Ausführung der lutherischen Anfechtungslehre mit einem Zitat in Übersetzung aus der zweiten Psalmenvorlesung:

Das muß man wissen, daß alles, was uns zu Unglauben, Verzagtheit und Verzweiflung bewegen will, nicht etwa von Gott kommt, sondern vom Teufel, ja, alles, was zum Tod und Schrecken, zu Mord und Lügen dient, das ist des Teufels Handwerk.43

Bühler fügt hier zwei Zitate zu einem zusammen, getrennt durch das ‚ja‘. Näher untersucht wird hier aus Platzgründen nur die erste Textstelle. Für diese bietet die Weimarer Ausgabe der Lutherwerke folgenden Wortlaut:

Dulcissime autem nos confortat his verbis spiritus, ut sciamus, seu verba seu cogitationes, quae nobis diffidentiam, pusillanimitatem, desperationem movent, non esse ex deo, sed [ … ] ex diabolo vel hominibus [ … ]. 44

Hier zeigt sich, dass die Bühlersche Übersetzung einige Schwächen aufweist. Dass der Beginn des Zitates recht frei auf das sciamus verkürzt wurde, ist durchaus verständlich. Ungleich schwerwiegender ist hingegen, dass Bühler sein Zitat nach ex diabolo enden lässt und das zugehörige vel hominibus unterschlägt. Damit ist die bei Bühler sehr überzeugend zu lesende Textstelle nicht so konkret, wie der Autor glauben macht: Das Übel wird hier zwar nicht auf Gott, jedoch auch nicht einzig auf den Teufel zurückgeführt, wie Bühler eigentlich beweisen will. Wenige Zeilen später lässt Luther die Heiligen Väter nicht bezweifeln, dass pusillanimitatem suam esse quidem a deo, sed tamen per diabolum et hominem45 . Die Präpositionen legen die Deutung nahe, dass Gott als Urheber (a), hingegen Teufel und Mensch als Mittler (per) gesehen werden.46 Die

Deutung, Luther habe die Anfechtung einzig als satanische Anfechtung proklamiert, lässt sich an dieser Stelle daher nicht aufrechterhalten. Doch entfaltet Bühler seine Darstellung nicht so einseitig, wie das obige Zitat vermuten lassen könnte. Er teilt die Erkenntnis der Urheberschaft der Anfechtung bei Luther in drei Stufen. Dabei führt der Angefochtene sein Leid zunächst auf Gott zurück. Dies sei aber nur der erste, oberfläch- liche Eindruck, denn es schließt sich eine zweite Stufe an, in der der Mensch erkennt, dass alle Anfechtung satanisches Werk sei.47 Damit habe der Angefochtene sich dem Sieg bereits genähert:

Prius hoc tribuit deo obliviscenti et avertenti, non exaudienti, nunc tribuit inimico. Atque hic iam incipit victoria inclinare ad tentatum et finis fieri tentationis. Pars enim victoriae est sensisse inimicum in hac tentatione ac illo superiorem iam fieri. 48

Die Erkenntnis der Urheberschaft des Teufels hilft dem Menschen demnach dabei, sich des Teufels und seiner anfechtenden Eingebung, Gott habe den Menschen verlassen, zu entziehen. Die dritte Phase findet Bühler direkt im Anschluss des obigen Zitats:49 Etsi enim ordinante deo inimicus exaltatur, tamen in media tentatione non apparet inimicus, sed solus deus omnia facere.50 Gott handelt hier - zum einen im facere, zum anderen als Deus ordinans. Letztendlich ist die Anfechtung also doch göttliches Werk, indem Gott selbst aktiv handelt oder sie zumindest auf Gottes Geheiß oder durch sein Zulassen geschieht.51 Dass die Anfechtung doch göttlichen Ursprungs sein muss, führt Bühler daran aus, dass sie Gutes hervorbrächte: Παθηματα μαθηματα - Quae nocent, docent.52 Was dieses Gute ist, wird beim Sinn der Anfechtung herauszuarbeiten sein. Hervorzu- heben ist, dass Bühler die göttliche Urheberschaft anerkennt, sie jedoch als Erkenntnis a posteriori (nach der Anfechtung) versteht. Der Teufel ist Gott gegenüber untergeordnet und wird von diesem als ein Werkzeug benutzt, jedoch bleibt auch dann Gottes Heils- wille für den Menschen bestehen.53

[...]


1 Leicht, Robert: Gewissheit aus der Anfechtung. Predigt über Psalm 46 zum Reformationsfest. Naumburg: 2011.

2 Vgl. Jüngel, Eberhard: Anfechtung und Gewißheit des Glaubens. Wie bleibt die Kirche heute bei ihrer Sache?, in: Jüngel, Eberhard: Anfechtung und Gewißheit des Glaubens oder wie die Kirche wieder zu ihrer Sache kommt. Zwei Vorträge. München: Kaiser Verlag, 1976, S. 27.

3 Bühler, Paul: Die Anfechtung bei Martin Luther. Zürich: Zwingli-Verlag, 1942, S. 8331.

4 Thomas von Aquin: STh I, q. 114 a. 2 co. Übersetzung der Verfasserin: „Anfechten ist eigentlich, jemanden einer Prüfung zu unterziehen.“

5 Vgl. Beintker, Horst: Die Überwindung der Anfechtung bei Luther. Eine Studie zu seiner Theologie nach den Operationes in Psalmos 1519-21. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954, S. 60, 65.

6 Bayer, Oswald: Art. „Anfechtung, I. Dogmatisch“, in: Betz, Hans Dieter (Hg.): RGG Bd. 1, 4., völlig neu bearb. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck, 1998, Sp. 478.

7 Vgl. ebd., Sp. 478f.

8 Vgl. Beintker, Horst: Art. „Anfechtung, III. Reformations- und Neuzeit“, in: Krause, Gerhard/Müller, Gerhard (Hg.): TRE Bd. 2, Berlin u.a.: 1978, S. 695.

9 Vgl. Schröer, Henning: Art. „Anfechtung, II. Praktisch-theologisch“, in: Betz, Hans Dieter (Hg.): RGG Bd. 1, 4., völlig neu bearb. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck, 1998, Sp. 479.

10 Jüngel, Eberhard: 1976, S. 21.

11 WA 40, III, 672, 5f. Übersetzung der Verfasserin: „Ich hatte unaussprechliche Anfechtungen, in denen kein Lebewesen mir helfen konnte.“

12 Ebeling, Gerhard: Luthers Seelsorge. Theologie in der Vielfalt der Lebenssituationen an seinen Briefen dargestellt. Tübingen : Mohr, 1997, S. 397.

13 WA 1, 362, 2.

14 Althaus, Paul: Die Theologie Martin Luthers. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 71994, S. 35.

15 Vgl. Pinomaa, Lennart: Sieg des Glaubens. Grundlinien der Theologie Luthers. Bearb. u. hrsg. von Beintker, Horst. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1964, S. 23.

16 Althaus, Paul: 1962, S. 37.

17 Ebd., S. 40.

18 Vgl. ebd., S. 34-38, 40. Vgl. dazu WA 4, 82, 17-21.

19 Ebeling, Gerhard: Luther. Einführung in sein Denken. Tübingen: Mohr Siebeck, 1964, S. 261.

20 WA 40, 1, 77, 5-9; 78, 3-6. Übersetzung der Verfasserin: „Und im Tun gegen Sünde und Tod, lass Gott fahren, weil dieser hier unerträglich ist, […] lass ihn fahren und sprich: wir bewegen uns schon in anderen Angelegenheiten, wir erörtern nämlich die Rechtfertigung und das Finden des rechtfertigenden, annehmenden Gottes; […] Um dies also müssen wir uns bemühen, dass, wenn wir zur Betrachtung von Gerechtigkeit und Gnade kommen, sobald die Sache von Tod, Sünde und Gesetz, kurz von dem, was den Christen angeht, handelt, wir von keinem Gotten wissen dürfen, außer den ergreifenden, mensch- gewordenen und menschlichen Gott.“

21 WA 5, 445, 37.

22 WA 40, I, 368, 26 und WA 56, 268, 26-269, 1.

23 Vgl. Beintker, Horst: 1954, S. 76f.

24 Vgl. ebd., S. 71.

25 WA 40, 1, 42, 1-3.

26 WA 2, 123, 30-32.

27 Vgl. Althaus, Paul: 1994, S. 59.

28 WA 21, 10, 36f.

29 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 3f.

30 Ebeling, Gerhard: 1997, S. 336.

31 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 4f.

32 Vgl. Beintker, Horst: 1978, S. 699.

33 Eine weitere Unterteilung der Anfechtungen ist in Luthers Schriften erkennbar, wird hier jedoch nicht vorgenommen, da sie für den Rahmen dieser Ausarbeitung weder möglich noch sinnvoll ist.

34 Vgl. Ebeling, Gerhard: 1997, S. 407.

35 Vgl. Beintker, Horst: 1954, S. 75f.

36 Z.B. WA BR 4, 288, 5f.

37 Beintker, Horst: 1954, S. 75.

38 WA BR 4, 289, 10f. Übersetzung der Verfasserin: „So werde ich geworfen mitten zwischen diese zwei einander gegenüberstehenden Fürsten und werde erbärmlichst zerschlagen.“

39 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 28f.

40 Ebeling spricht in Bezug auf Luther auch von den Begleitumständen seiner Anfechtung. Vgl. Ebeling, Gerhard: 1997, S. 376-397.

41 WA TR 5, 600, 10-12.

42 Beintker, Horst: 1954, S. 78.

43 Bühler, Paul: 1942, S. 7.

44 WA 5, 321, 13-16. Übersetzung der Verfasserin: „Am süßesten tröstet uns aber der Geist mit diesen Worten, dass wir wissen, seien es Worte, seien es Gedanken, die uns Unglauben, Verzagtheit und Verzweiflung zuführen, dass es von Gott kommt, sondern […] vom Teufel oder von Menschen […].“

45 WA 5, 321, 19.

46 Vgl. Menge, Hermann: Lehrbuch der lateinischen Syntax und Semantik. Völlig neu bearbeitet von Thorsten Burkhard und Markus Schauer. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 42009, S. 260/266.

47 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 11f./210.

48 WA 5, 387, 5-9. Übersetzung der Verfasserin: „Vorher schrieb er [der Angefochtene] dies [die Anfechtung] Gott zu, der ihn vergessen und sich abgewendet habe, der ihn nicht erhöre, nun führt er es auf den Feind zurück. Und hier beginnt schon der Sieg sich herzuneigen zum Angefochtenen und das Ende der Anfechtung zu geschehen. Ein Teil der Anfechtung ist es nämlich, den Feind in der Anfechtung erkannt zu haben und jenem schon überlegen zu werden.“

49 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 2112.

50 WA 5, 387, 9f. Übersetzung der Verfasserin: „Wenn auch wirklich, da Gott es so bestimmt, der Feind sich erhebt, scheint dennoch mitten in der Anfechtung nicht der Feind, sondern Gott allein alles zu tun.“

51 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 211.

52 WA TR 5, 292, 3.

53 Vgl. Bühler, Paul: 1942, S. 212f.

Details

Seiten
38
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668172142
ISBN (Buch)
9783668172159
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318000
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Theologische Fakultät Rostock
Note
1,0
Schlagworte
Anfechtung Luther Juengel Sache des Glaubens Konzeption der Anfechtung

Autor

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