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Die Emotionen des Menschen: Schuldgefühl, Gewissen und Moral

Seminararbeit 2004 31 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Begriffliche Grundlagen
2.1 Emotion
2.2 Moral
2.3 Gewissen
2.4 Schuld

3. Eigenschaften, Funktionen und Ursachen von Schuldgefühl
3.1 Definition Schuldgefühl
3.2 Die Struktur des Emotionsbegriffs Schuldgefühl
3.3 Ausgesuchte Beispiele für Schuldgefühle
3.4 Die Beziehung zwischen Schuldgefühl und Scham
3.4.1 Unterschiedliche Ursachen von Schuldgefühl und Scham
3.4.2 Unterschiedlicher Ausdruck von Schuldgefühl und Scham
3.4.3 Das Profil der Emotionen
3.4.4 Das Profil der Dimensionen
3.5 Funktionen und Fehlfunktionen von Schuldgefühl
3.6 Schuldgefühl und Psychopathologie

4. Theoretische Konzeptionen von Schuldgefühl
4.1 Psychoanalytische Konzeption von Schuldgefühl
4.2 Das Konzept des existentiellen Schuldgefühls
4.2.1 Verwirkung von Möglichkeiten
4.2.2 Trennung von den Mitmenschen
4.2.3 Trennung von der Natur
4.3 Lerntheoretische Konzeptionen der Ursprünge und Konsequenzen von Schuldgefühl in der Entwicklung

5. Experimentelle Untersuchungen zum Schuldgefühl
5.1 Interaktion Schuldgefühl und Zorn
5.2 Schuldgefühl und Nachgiebigkeit
5.3 Entwicklung von Schuldgefühl als Persönlichkeitseigenschaft
5.4 Schuldgefühl und Feindseligkeit
5.5 Schuldgefühl und Sexualverhalten

6. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schuld und Schuldgefühle sind Grundphänomene menschlicher Existenz. Der religiöse „Sündenfall“ von Adam und Eva, die „Kollektivschuld“ im Dritten Reich – Kunst und Dichtung, Religion und Politik, Sexualität und Mythologie: das Thema umspannt nahezu alle Lebensbereiche:

Diese Arbeit richtet ihr Augenmerk auf zwei wesentliche Punkte. Zum einen soll eine – soweit möglich – allgemeine Systematik zu diesem Thema geschaffen werden. Wie wird die Emotion Schuldgefühl primär verstanden und definiert, wie entsteht sie nach bisheriger Kenntnis, wie stellt sie sich dar, grenzt sich zu anderen Emotionen ab, korrespondiert und korreliert mit ihnen? Als Diskussionsgrundlage dienen die Ausführungen des amerikanischen Emotionsforschers Carroll E. Izard aus dem Jahr 1981. Das Gravitationszentrum seiner Arbeiten bildet die Forschung in den Bereichen der Entwicklung sozialer Kompetenz, Persönlichkeit, sowie Verhaltensprobleme und deren Prävention. Izard bündelt neben eigenen Beiträgen auch Forschungsergebnisse weiterer Emotionsforscher. Ein ganz offensichtlich umfangreicher und breit gefächerter Überblick.

Dennoch bleiben viele Fragen unberührt und einige Diskussionspunkte offen. Wie Izard selbst einräumt, existierten zu dem Zeitpunkt der Publikation nur „wenige empirische Forschungen“ zum Thema Schuldgefühle. Dem Nachholbedarf ist bis heute Rechnung getragen worden. So finden sich zum anderen in dieser Arbeit auch neuere Erkenntnisse zum behandelten Thema, die traditionelle Aussagen verifizieren, ergänzen und den Fokus auf zusätzliche, alternative Aspekte lenken.

2. Begriffliche Grundlagen

In dieser Thematik finden sich einige grundlegende Begrifflichkeiten wieder, die unterschiedlich definiert und interpretiert werden können. Daher ist es ratsam, zunächst eine einheitliche Begriffs- und Verständnisebene zu schaffen. Zu den elementaren Termini in diesem Kontext zählen „Emotion“, „Moral“, „Gewissen“, „Schuld“ und „Schuldgefühl“. Die Bedeutung, Funktionen und Eigenschaften von „Schuldgefühl“ werden ab Kapitel 3 erläutert.

2.1 Emotion

Schuldgefühl wird von dem Oberbegriff „Emotion“ umspannt. Diesen auf lexikalischem Level zu erfassen, ist eine sprachlich und inhaltlich relativ schnell lösbare Aufgabe.

Emotionen bzw. Gefühle werden im Allgemeinen als weitgehend spontane Grundformen des Erlebens und Denkens beschrieben, die man bei Menschen – aber auch höheren Tierarten - findet. Sie lassen sich grob in angenehme bzw. positive und unangenehme bzw. negative Gefühle gliedern. Emotionen werden durch Situationen, Personen oder Orte ausgelöst und sind oft auf ein bestimmtes Objekt hin ausgerichtet – beispielsweise Freude oder Angst beim Erblicken einer bestimmten Person. Auch Kognitionen – Gedanken – können Gefühle initiieren bzw. verändern.

Personen, die eine bestimmte Emotion haben

- erleben dies selbst innerlich, zumeist als ein definierbares Gefühl
- merken unter Umständen körperliche Reaktionen darauf (z.B. Mimik oder Gestik)
- zeigen häufig dieselbe Verhaltensweise in der Folge der Emotion.

Izard weist darauf hin, dass die Emotion „keine einfache Erscheinung ist“ (Izard, 1981, S.20). Sie zu beschreiben, indem man lediglich den – aktuellen oder vergangenen bzw. tatsächlichen oder hypothetischen – Gefühlszustand verbal zu artikulieren versucht, kommt dem Ziel zwar mitunter sehr nahe, erreicht es aber wohl nicht vollständig. Auch allein elektrophysiologische Messungen im Gehirn oder Beobachtung und Auswertung sonstiger körperlicher Reaktionen lassen keine lückenlose Beschreibung der bzw. einer Emotion zu. Drei Komponenten müssen Izard zufolge gleichermaßen einbezogen werden:

- das Erleben oder bewusste Empfinden des Gefühls
- die Prozesse, die sich im Gehirn und im Nervensystem abspielen
- das beobachtbare Ausdrucksgebaren, besonders im Gesicht

Vor diesem Hintergrund sollte jedoch auch die Artikulationsfähigkeit berücksichtigt werden. Nicht jeder verfügt über ein ausreichendes Potenzial, die Emotion verbal möglichst detailliert und facettenreich wiedergeben zu können.

In diesem Zusammenhang gibt es zwei weitere, existentielle Fragestellungen:

- Wie stark ist die Emotion (Intensität)?
- Welcher Art ist die Emotion (Qualität)?

Die Ausprägung richtet sich im Wesentlichen nach der Stärke des auslösenden Moments, aber auch der Sensibilität des Empfängers. Die Anzahl der nachweislich existierenden und empfindbaren Emotionen ist groß, kann jedoch individuell variieren. Bislang ungeklärt bleibt die Frage, ob das „Reservoir“ an Emotionen unterschiedlich bestückt ist. Oder eben nicht und individuell „verschwinden“ Emotionen in – bewusster oder unbewusster – Expressionsunterdrückung.

Beispiele für Emotionen sind Angst, Ärger, Hass, Liebe, Scham, Schuldgefühl, Freude oder Glück.

2.2 Moral

Der Begriff Moral beschreibt im Allgemeinen

1. die Gesamtheit der sittlichen Normen, Werte, Grundsätze, die das zwischenmenschliche Verhalten einer menschlichen Gesellschaft regulieren und von ihrem überwiegenden Teil als verbindlich akzeptiert oder zumindest hingenommen werden, sogenannte herrschende Moral oder bürgerliche Moral.
2. das sittliche Empfinden / Verhalten eines Einzelnen, bzw. einer Gruppe, das von „ hoher“ oder „niederer“ Moral geprägt sein kann.
3. in der Philosophie die Lehre vom sittlichen Verhalten des Menschen, häufiger auch Ethik genannt

Der Gegensatz zwischen Moral und Ethik besteht darin, dass die faktische Moral teilweise emotionale Ursprünge hat, z.B. Ekel, Hass, Angst, sowie kultur- und gesellschaftsabhängig ist, die Ethik hingegen mit Logik auf "absoluten" Maßstäben aufzubauen versucht.

2.3 Gewissen

Das Gewissen bezeichnet eine spezielle Instanz des menschlichen Bewusstseins, die den Einzelnen dazu drängt, aus ethischen Gründen bestimmte Handlungen auszuführen und andere zu unterlassen. Je nach Art der Situation und der Person kann die Entscheidung unausweichlich sein und ganz bewusst erfolgen, oder aber halbherzig und kaum durchdacht. Handelt der Mensch entsprechend seinem Gewissen, fühlt er sich gut und zufrieden Im Sinne eines guten, reinen Gewissen s, handelt er dagegen, fühlt er sich von eben dieser Bewusstseinsinstanz angeklagt und verfolgt, geplagt von schlechtem Gewissen oder Gewissensbisse n.

In der Psychologie bezeichnet das Gewissen die Fähigkeit und Bereitschaft der Persönlichkeit, unter Bezug auf positive sittliche Verpflichtungen und Normen Urteile zu fällen bzw. Normenabweichungen zu erleben hinsichtlich des sittlich-ethischen Wertes oder Unwertes antizipierter oder bereits vollendeter oder unterlassener Handlungen und Handlungsanweisungen. Die handlungsmotivierende sowie handlungsregulierende Funktion des Gewissens wird im Verantwortungsbewusstsein sichtbar und hat große Bedeutung für normenentsprechendes, bewusstes Handeln.

Sigmund Freud verwendet auf diesem Gebiet die drei Begriffe Es, Ich und Über-Ich (siehe auch Kapitel 4.1.) . Das unbewusst-triebhafte Es wird durch das Über-Ich hemmend kontrolliert. Dabei wird das Über-Ich verstanden als Introjektion der elterlichen und gesellschaftlichen Autorität in das Unbewusste . Das Gewissen veranlasst das Kind besonders in den ersten Lebensjahren die gesellschaftlich approbierten Verhaltensweisen einzuhalten. Das reife Ich, die individuelle Persönlichkeit mit ihren aus Erfahrung gewonnenen bewussten Wertsetzungen, bildet sich in der Konfrontation des Menschen mit seiner gesellschaftlichen Umwelt und durch Überwindung des Bestimmtseins durch das Über-Ich.

2.4 Schuld

Zwar soll hier der eigentlichen Definition von Schuldgefühl nicht allzu weit vorgegriffen werden, jedoch ist an dieser Stelle schon festzuhalten: Schuldgefühl entsteht aus Schuld, ganz gleich ob begründeter oder unbegründeter Art. Schuld lässt sich nach Jaspers (1946) wie folgt gliedern:

1. Kriminelle Schuld:

Verbrechen besteht in objektiv nachweisbaren Handlungen, die gegen eindeutige Gesetze verstoßen

2. Politische Schuld:

besteht in den Handlungen der Staatsmänner und der eigenen Staatsbürgerschaft, in deren Folge das Individuum die Handlungen des Staates (er-)tragen muss, es ist jedes Menschen Mitverantwortung, wie er regiert wird

3. Moralische Schuld:

Individuum ist immer und ausnahmslos für seine eigenen Handlungen verantwortlich, die letzte und entscheidende Instanz ist das eigene Gewissen

4. Metaphysische Schuld:

Solidarität zwischen Menschen als Menschen macht jeden mitverantwortlich für alles Recht, Unrecht und Ungerechtigkeit in der Welt

3. Eigenschaften, Funktionen und Ursachen von Schuldgefühl

3.1 Definition Schuldgefühl

„In der differentiellen Emotionstheorie wird Schuldgefühl als eine fundamentale Emotion betrachtet, die wie andere fundamentale Emotionen durch evolutionär-biologische Prozesse entstanden ist“ (Izard, 1981, S. 469).

Schuldgefühle entstehen infolge natürlicher und angeborener Auslöser. Izard führt darüber hinaus zusätzliche Instanzen an, welche Schuldgefühle verursachen können. Diese sind z.B. kultureller, religiöser oder auch familiärer Natur und diktieren dem Menschen bestimmte Verhaltensnormen. Die mitunter über große Zeit- und Entwicklungsräume tradierten Regeln, Vorschriften und Gesetze stellen moralisch-ethische Prinzipien dar, bilden die kognitive Komponente des Gewissens und sind im entwickelten Gewissen mit Emotion(en) verbunden. Dadurch schaffen sie „affektiv-kognitive Strukturen, die diejenigen Handlungen steuern, die wir moralisches und ethisches Verhalten nennen“ (Izard, 1981, S. 469).

Mit anderen Worten: ein politischer, gesellschaftlicher, religiöser oder familiärer Überbau schafft einen Rahmen, in welchem bestimmte Verhaltensmuster legal oder zumindest legitim sind. Diese können offen formuliert sein, z.B. Gesetzestexte, religiöse Schriften, oder unausgesprochen, intuitiv akzeptiert sein. Die Nichteinhaltung, Unterlassung oder gar Verletzung dieser Strukturen und Normen initiiert Schuldgefühl. Voraussetzung bleibt aber demnach das Bewusstsein über die Notwendigkeit, den diktierten Mustern folgen zu müssen. Im Umkehrschluss: wer sich darüber nicht bewusst ist oder sich aber bewusst auflehnt, empfindet kein Schuldgefühl oder lediglich in abgeschwächter Intensität (s. in 3.2. „Deliktbewusstsein“).

Allerdings stellt Schuldgefühl statt Furcht den Hauptaffekt im Gewissen dar. Die Begründung liefert Izard durch folgende Argumentation:

Das Er- bzw. Durchleben von Schuldgefühl schafft eine Form von Verantwortlichkeit an die Quelle des Schuldgefühls. Diese hält solange an, bis eine „soziale Harmonie“ wiederhergestellt ist. Konträr hierzu motiviert Furcht zur Flucht vor der Ursache und klingt in einer als sicher empfundenen Distanz vor der Gefahr ab (Izard, 1981, S. 469).

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Details

Seiten
31
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638326902
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31788
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,0
Schlagworte
Emotionen Menschen Schuldgefühl Gewissen Moral Proseminar Affekttheorien

Autor

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