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Kunst als Wissenschaft bei Goethe. Betrachtung über Morphologie

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Vom Beginn Goethes botanischer Studien

3 Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären
3.1 Die Urpflanze
3.2 Goethes Kunstauffassung

4 Natur und Kunst

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Sie [die Natur] allein ist unendlich reich und sie allein bildet den großen Künstler“[1]

Goethes literarisches Werk umfasst vor allem Lyrik, Dramen und erzählende Werke, aber auch gegenläufige Disziplinen wie kunsttheoretische und naturwissenschaftliche Schriften. Es wird bis heute zu den Höhepunkten der Weltliteratur gezählt. Der Bezug zwischen Kunst und Naturwissenschaft entwickelte sich allmählich im Zuge Goethes Aufenthalt in Weimar und kam später mit der Italienreise zu seinem Höhepunkt. In dieser Zeit (1821) entstand auch die Erstfassung seines Romans „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ in dem die Verknüpfung von Kunst und Natur allzu gut deutlich wird. Dieser Bezug schlägt sich allerdings auch in zahlreichen seiner anderen Werke nieder, wie zum Beispiel in „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil“ oder auch in seinem umfassenden Briefwechsel. Goethe selbst sieht sich wohl als der „Vermittler von Objekt und Subjekt“, wobei die Natur den Platz des Objektes und der Mensch den Platz des Subjektes einnimmt. Er appelliert zur genauen Betrachtung der Dinge im Ganzen, denn nur dann wird sich einem auch das Allgemeine offenbaren können und was noch größerer Bedeutung zukommt, mit ihm auch der Geist der Dinge.

Goethes Werke zur Naturkunde, die fast ein drittel seines Gesamtwerkes ausmachen, sind allesamt von einer pantheistischen Naturphilosophie geprägt. Er versuchte stets zu statischen Gesetzmäßigkeiten Theorien übersinnlicher Phänomene gegenüberzustellen. Dieses Übersinnliche lässt sich nach Goethe in allen Organismen wiederfinden, offenbart sich allerdings nur im reinen Kunstwerk – im Schönen.[2]

Das Wesen der Kunst (Schönheit), oder im engeren Sinne der Ästhetik wurzelte bereits in der Antike bei Vertretern wie Horaz, Aristoteles oder Platon. Der Begriff der Ästhetik leitet sich von dem griechischen Wort `aísthesis´ ab, was für Wahrnehmung, Gefühl und Verständnis steht. Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts existiert die Ästhetik als eigenständige Disziplin in dessen Zentrum „die Konzeption einer Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“[3] steht.

2 Vom Beginn Goethes botanischer Studien

Die ersten Erfahrungen mit der Botanik wurzelten aus Gothes Besuch in Weimar und seiner vorläufige Niederlassung dort vor Ort. Für Gothe, der sonst lediglich ‚Stadtluft‘ gewöhnt war, eröffneten sich durch ländliche Atmosphäre und die Naturgebundenheit ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten. Besonders prägend war sein Verhältnis zu dem einzigen Apotheker der Stadt Weimar – Doktor Buchholz. Allein schon durch seine Tätigkeit als Pharmazeutiker war er sehr eng mit der Wissenschaft und Pflanzenwelt verbunden. Es bedurfte immer neue Arzneien zu finden und so legte Buchholz eigene kleine Gärten mit seltenen Pflanzen an, um sie zu studieren. Goethe selbst war „[…] unter solchen Umständen auch genötigt, über botanisches Wissen immer mehr und mehr Aufklärung zu suchen“.[4] Vor allem der Wissenschaftler Carl von Linné prägte Goethe in dieser Zeit maßgebend. Linné schuf ein hierarchisches Klassifizierungsverfahren, in das alle Pflanzen und Tiere eingeordnet werden konnte. Hierzu entwickelte er auch die binäre Nomenklatur um Pflanzen und Tiere eindeutig bezeichnen zu können. Der erste Begriff bezeichnet hierbei die Gattung und der zweite die Art. Veranschaulicht an der Gattung der Lilien (lilium), zu der über 100 Arten gehören, wie z.B. lilium debile oder lilium maritimum etc. Diese Einteilung Linnés hat bis heute Bestand. Sein Hauptwerk war das Systema Naturae, worin Linné die drei Bereiche der Pflanzen, Tiere und Mineralien klassifizierte – immer nach seinem selbst entwickelten System, das in Klasse, Ordnung, Gattung, Art und Varietät unterscheidet. Linnés Klassifizierung des Pflanzenreiches orientiert sich jeweils an der Blüte und der Frucht, die er als ‚Fruchtbildungsorgan‘ bezeichnet.[5] Goethe betrachtete Linnés Forschung eher kritisch und bemängelte die strikte Abgrenzung der einzelnen Pflanzenteile zueinander. „[…] vorläufig aber will ich bekennen, daß […] auf mich die größte Wirkung von Linné ausgegangen und zwar gerade durch den Widerstreit zu welchem er mich aufforderte.“[6]

Besonderen Nutzen zog Goethe aus der Gründung eines botanischen Instituts an der Akademie in Jena. Die ihm dort zugängliche Literatur ermöglichte ein noch intensiveres Studium der Botanik. Weiterhin prägend waren auch seine Bekanntschaften zu zahlreichen anderen Naturwissenschaftlern. Darunter auch die Familie Dietrich, die durch ihre Durchbrüche in der Naturwissenschaft bereits von Linné lobend erwähnt wurde.[7] Goethe versuchte stets Kunst und Natur zu einen und wandte sich so maßgebend gegen Linnés statisches Klassifizierungsverfahren, was die Teile der Pflanzen nur isoliert betrachtet. Diese Vorstellung von der Verbundenheit von Poesie (Kunst) und Natur finden sich auch in zahlreichen Gedichten Goethes wieder, wie in dem Werk ‚Gingo Biloba‘, was 1815 geschrieben und 1819 in der Sammlung des West-östlichen Diwans veröffentlicht worden ist.

Dieses Baums Blatt, der von Osten

Meinem Garten anvertraut,

Gibt geheimen Sinn zu kosten,

Wie´s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,

Das sich in sich selbst getrennt?

Sind es zwei, die sich erlesen,

Daß man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,

Fand ich wohl den rechten Sinn;

Fühlst du nicht an meinen Liedern,

Daß ich eins und doppelt bin?[8]

Der Gingko Baum ist seit jeher eng mit dem Dichter verknüpft. Bemerkenswert ist bei dem Titel die Aussparung des harten Konsonanten ‚k‘, wahrscheinlich um sich der ‚Leichtigkeit‘ des Themas anzupassen. Es handelt sich hierbei um ein Liebesgedicht - zwei Personen die eins zu werden scheinen. Es zeigt sich ganz deutlich Goethes Verhältnis zur Teil-Ganzes bzw. Körper und Geist Beziehung. Es kann sich letztlich nur dem „Wissenden“ die ganze Wahrheit offenbaren. Die letzten zwei Verse spiegeln Goethes innere Zerrissenheit wieder, die man auch mit seinem Zwiespalt zwischen der Ausübung von Naturwissenschaft und Kunst, bzw. Poesie verbinden kann.

3 Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären

„Bei allem Vorgesagten hatte ich nicht unterlassen auf dem von Linné bezeichneten Wege fortzuschreiten, auf welchem jedoch manches mich wo nicht irre machte, doch zurückhielt.“[9]

Mit seiner Abhandlung „Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ versuchte Goethe eine Pflanzensystematik zu entwickeln, die der von Linné überlegen ist. Der Aufbau der Abhandlung ist kongruent mit dem Aufbau einer Pflanze. Diese erstreckt sich vom Keimling hin zur grünenden und anschließend blühenden Pflanze. Den Schluss bilden Frucht und Samen. In diesem Werk unterscheidet Goethe zwischen regelmäßiger Metamorphose (fortscheitend), unregelmäßiger Metamorphose (rückschreitend) und der zufälligen Metamorphose, die von externen Faktoren beeinflusst ist. Goethes Metamorphose Begriff gründet auf seiner selbstständigen Naturforschung und basiert auf der Einheit seines Dichter und Forscherseins. Metamorphose wird bei Goethe zum Beispiel von bildnerischer Tätigkeit. Durch seine Beschreibung der Umwandlung einzelner Pflanzenteile, aus denen neue hervorgehen, vermag es der Leser den komplexen Vorgängen bewusst zu werden. Im Paragraph sechs der Einleitung seiner Abhandlung wird der Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung besonders deutlich. Hier beschreibt Goethe die fortschreitende Metamorphose, in der sich die Umwandlung einer Gestalt in eine andere stufenweise bemerkbar macht. Diese Umwandlung können „auch im Menschen und dessen künstlerischer Bestätigung […] Prozesse und Gestaltungsvorgänge als eine stufenweise Erfahrung qualitativer Verwandlungen begriffen werden“.[10] Der Paragraph sechs bildet im Prinzip das Herzstück Goethes Abhandlung. Seine Entdeckung, dass bei einer einjährigen Pflanze die zeitlich aufeinander folgenden Organe allesamt mit dem Stammblatt identisch sind, ebnet seinen weiteren Weg als Botaniker. Die sukzessiven Verwandlungen des Stammblattes vollziehen sich Goethes Ansicht nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten durch den Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung. Diese Größen werden auch als ‚Polarität und Steigerung‘ bezeichnet und bilden nach Goethe die entscheidende Antriebskraft der Natur.[11]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig: Suhrkamp Basis Bibliothek 1998, S. 16.

[2] Siehe Fußnote 26.

[3] Vgl. Becker, Sabine; Hummel, Christine und Sander, Gabriel: Die Gestaltung literarischer Texte. In: Grundkurs Literaturwissenschaft. Stuttgart: Reclam Universalbibliothek 2006, Seite 37.

[4] Goethe, Johann Wolfgang von: Geschichte meines botanischen Studiums. In: Schriften zur Morphologie. Hrsg. Dorothea Kuhn, Deutscher Klassiker Verlag 1987, S. 408.

[5] Vgl. O. A.: Carl von Linné. Gottes Schöpfungsordner. Focus online. Im Internet unter: http://www.focus.de/wissen/natur/carl-von-linne_aid_57033.html (Stand: 06.03.2014).

[6] Goethe: Geschichte meines botanischen Studiums. S. 408.

[7] Vgl. Ebd. S. 409f.

[8] Goethe: Gingo Biloba. In: West-östlicher Divan Teil 1. Hrsg. Hendrik Birus. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1994, S. 78f.

[9] Ebd. S.412.

[10] Lichtenstern, Christa: Dir Wirkungsgeschichte der Metamorphosenlehre Goethes. Von Philipp Otto Runge bis Joseph Beuys. Weinheim, VCH Verlagsgesellschaft 1990, S. 1.

[11] Ebd. S. 3.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668171473
ISBN (Buch)
9783668171480
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317876
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
kunst wissenschaft goethe betrachtung morphologie

Autor

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