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Die Erzähltechnik des Inneren Monologs in den Novellen "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler

Essay 2016 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition des inneren Monologs im Allgemeinen

3. Leutnant Gustl

4. Fräulein Else

5. Vergleich zwischen Leutnant Gustl und Fräulein Else

6. Zusammenfassung

1. Einleitung

Die Wiener Moderne kennzeichnet eine Gesellschaft zwischen Modernität und Dekadenz. Die Bürger sind, geprägt vom politisch-ökonomischen Aufschwung, schließlich ernüchtert durch die vor allem wirtschaftlichen und politischen Krisen, die diesen Zeitraum erschüttern. Ein zum Teil stark wissenschaftsgläubiges Bildungsbürgertum erlebt die Krise des Liberalismus hautnah und sieht sich immer wieder mit den stärker werdenden Problemen der Habsburg-Monarchie, aus Österreich, Ungarn und zahlreichen verschiedenen Ethnien bestehend, gegenüber. Fortschrittsglaube und Aufbruchswillen auf der einen und Frustration auf der anderen Seite sind die ambivalenten Pole jener Gesellschaftsstruktur.

Die Abkehr von der Gründerzeit steht bei den jungen Menschen hoch im Kurs: Es bildet sich eine „passive“ Gegenbewegung zur Vätergeneration, die sich in der Gesellschaft hochgearbeitet und am Adel orientiert hatte. Die meisten jungen Männer suchen neue Orientierungspunkte in einer immer schneller werdenden und durch Industrialisierung und Modernisierung unsicher gewordenen Welt. Die Mitglieder des „Jungen Wien“ haben ähnliche Hintergründe. Sie verfügen über ein „standesgemäßes“, aber eher bescheidenes Einkommen und haben meist eine klassische Bildung genossen, sind sowohl mit der Antike als auch oftmals mit neuen europäischen Sprachen vertraut.

Die Künstler interessieren einerseits moralisch-wissenschaftliche, andererseits ästhetische Aspekte. Im Ganzen wird aber der Drang, das (eigene) Innere zu erforschen, zunehmend deutlicher: Die Wendung nach Innen, der auch der Ästhetizismus Hugo von Hofmannsthals folgt, wird programmatisch für die Literatur der Wiener Moderne. Das Selbstverständnis heißt: „Leben als Kunst“. Ornamentierte, detailbewusste und die Maskierung der Realität aufzeigende Kunstwerke werden geschaffen.

Die „Jung-Wiener“ fokussieren auch ihre Arbeiten vornehmlich auf das Ich; die eigene innere (Wahrnehmungs-)Welt, die Nerven, werden zum häufig zitierten Thema:

„‚Nervös’ im Sinne einer als psycho-physisches Leiden empfundenen gesteigerten Sensibilität waren die Jung-Wiener allemal. […] Empfehlungen, wie man derartigen Zuständen abhelfen könne, bzw. welche Ärzte zu konsultieren waren, kursierten im Freundeskreis ebenso, wie die psychologischen Klassiker des 19. Jahrhunderts. […] Daß solche Nerven-Hypochondrie sich keineswegs im individuellen Leiden erschöpfte, sondern zugleich Ausdruck eines umfassenderen Leidens an der Moderne selbst war.“[1]

Arthur Schnitzler, der zusammen mit seinen Freunden Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann wohl zu den maßgeblichsten Autoren der Wiener Moderne und des Fin de siecle zählt, veröffentlicht 1900 seine erste und bereits 1924 seine zweite Novelle, die er konsequent in der Form des inneren Monologs gestaltet. „Leutnant Gustl“, sowie „Fräulein Else“ können im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts datiert werden.

2. Definition des inneren Monologs im Allgemeinen

Der Innere Monolog ist eine besondere Erzählform. Das erste Beispiel eines inneren Monologs lieferte Edouard Dujardin 1888 mit seiner Erzählung „Les Lariers sonst coupés“ („Der geschnittene Lorbeer) und „markiert [. . .] sowohl in systematischer als auch in historischer Hinsicht insofern einen entscheidenden Einschnitt, als hier jeglicher Erzählrahmen aufgegeben ist und ein Prosatext erstmals aus der Darstellung der Bewußtseinsvorgänge einer Figur besteht.“[2] Später hat Dujardin „die erste theoretische Untersuchung zum inneren Monolog vorgelegt“[3] und damit den literaturwissenschaftlichen Begriff dieser narrativen Methode eingeführt. Mit Arthur Schnitzler, der sich stark an Dujardins Erzähltechnik orientierte, etablierte sich dann der Begriff ebenfalls im deutschsprachigen Raum. Zu den Extremformen des inneren Monologs zählt der so genannte „Stream of Consciousness (Gedankenstrom)“, der laut Martinez und Scheffel „seine sprachliche Organisation der freien Assoziation verpflichtet“.[4] Eines der bekanntesten Beispiele für den Bewußtseinstrom ist das letzte Kapitel von James Joyces Roman „Ulysses“, der 1922, also etwa zwei Jahre vor Schnitzlers „Fräulein Else“ entstanden ist. Beim Stream of Consciousness wird versucht, Bewusstseinsabläufe, die vernunftmäßig nicht mehr gelenkt werden können, trotz ihrer Inkohärenz möglichst glaubwürdig darzustellen.

Der innere Monolog, der als „adäquate Erzähltechnik“[5] zur literarischen Umsetzung des Stream of Consciousness dient, wird in Metzlers Lexikon zur Literatur- und Kulturtheorie als „narratives Verfahren zur möglichst unvermittelten Präsentation direkter Gedankenzitate in einem fiktionalem Text“[6] beschrieben. Im Metzler Literaturlexikon „werden insbes. beim i. M. auch Regeln der Grammatikalität und der Kohärenzlogik überschritten, wenn z.B. der teils fragmentarische und chaotisch assoziative Charakter menschlichen Denkens dargestellt wird.“[7] Daher tauchen unvollständige und auch semantisch nicht korrekte Sätze auf, die den Gedankengang eines fiktionalen Individuums nachvollziehen sollen. Der innere Monolog versucht den Bewusssteinszustand einer Person unmittelbar darzustellen. Nach Martinez ermöglicht erst der zitierte innere Monolog, „die Gedanken einer Figur im Präsens und in der direkten Rede der ersten Person darzustellen und damit [. . .] die Präsenz einer vermittelnden narrativen Instanz scheinbar vollkommen auszuschalten.“[8] Dies verdeutlicht, welchen hohen Grad der Mittelbarkeit diese Technik des Erzählens auslöst. Der Leser hat das Gefühl, er könne einen Blick in den Kopf des Charakters werfen und dann völlig in dessen Gedanken eintauchen. Ziel ist es, sich in das Seelenleben des Protagonisten einzuleben und sich so mit diesem zu identifizieren. Außerdem soll der innere Monolog umfassende, mentale Zusammenhänge im Denken der Charaktere möglichst realistisch darstellen. Da die Bewusstseinsabläufe eines Menschen jedoch nicht geordnet erfolgen, ist auch der innere Monolog nach keinem Organisationsprinzip geregelt; so werden die Gedankengänge nach freier Assoziation dargestellt.

3. Leutnant Gustl

Die Novelle „Leutnant Gustl“ (ursprünglich in der Schreibweise „Lieutenant Gustl“) erschien zunächst als Vorabdruck 1900 in der Weihnachtsausgabe (vom 25. Dezember) der renommierten Zeitung „Neue Freie Presse“ in Wien, dann 1901 in Buchform. Die Novelle stieß in Militärkreisen auf Protest und zog für Schnitzler, der Reserveoffizier der k. u. k. Armee war, ein Verfahren nach sich, in dessen Folge ihm der Offiziersrang aberkannt wurde. Mit dem k. u. k. Offizier Leutnant Gustl stellt Schnitzler eine epochentypische Figur in den Mittelpunkt seiner Novelle, deren Wertvorstellungen stellvertretend für den inneren Zustand der Wiener Gesellschaft um 1900 stehen und diesen zugleich demaskiert (überkommener Ehrbegriff, Antisemitismus, Autoritätsgläubigkeit, Rolle der Frau u.a.). Einen bleibenden Platz in der Literaturgeschichte nimmt die Novelle als erster Text in der deutschsprachigen Literatur ein, in dem konsequent der innere Monolog als Gestaltungsmittel eingesetzt wurde.[9] Dadurch erfährt der Leser die direkten Gedankengänge des Leutnant Gustl, der sich, auf Grund einer Beleidigung durch den Bäcker Habetswallner, am nächsten Morgen erschießen muss.

Da es im inneren Monolog für den Akteur keine Distanz zum Geschehen gibt, sind seine Gedanken nicht reflektiert oder rational durchdacht. Leutnant Gustl kann seine Gedanken nicht vorsortieren, bevor sie dem Lesepublikum mitgeteilt werden. Durch Assoziationsketten kommen unkontrollierte Reflexe und Emotionen, Vorurteile und Einstellungen zum Vorschein. So können auch unbewusste Gedanken für den Leser offengelegt werden. Hier kommt Schnitzler seine medizinische Laufbahn zu Gute, in der er sich mit der Psychoanalyse beschäftigte und erweiterte Einblicke in die menschliche Psyche erhielt.[10]

Scheinbar ohne Ordnung und System, lediglich von Leutnant Gustls Assoziationen gelenkt, erfährt der Leser verstreute Details aus dessen Leben. Doch das „scheinbare Denkchaos ist von Schnitzler genauestens kalkuliert und organisiert“.[11] Er schafft hiermit eine Charakterisierung des Leutnants, welche die Aufregung, die die Veröffentlichung der Novelle mit sich brachte, erklären könnte.

4. Fräulein Else

Schnitzlers Monolognovelle Fräulein Else weist ein interessantes Konstrukt bezüglich der Struktur des Textes auf, denn dieser wird, laut Kronberger, in zwei verschiedene Sinnebenen unterteilt, die gleichzeitig miteinander verflochten sind. Auf der einen Seite steht der „manifeste Textinhalt“ und auf der anderen Seite „Elses Irritation und Interpretation“[12]. Das bedeutet, dass Schnitzler eine konkrete Handlung ablaufen lässt, diese sich aber aus Elses Perspektive ergibt und somit von ihren Gefühlen und Gedanken subjektiv gefärbt ist. Dabei sind diese zwei Strukturstränge so eng miteinander verwoben, dass sie sich gegenseitig bedingen: Die äußere Handlungsebene beeinflusst Elses Gefühlsleben, während Elses Gedanken und Ängste ihre Handlungen prägen, die zum Teil die Form des Plots modellieren. Das Mittel, das Schnitzler hierzu wählt, ist der Wechsel vom Dialog zum inneren Monolog Elses, wie z.B. bei einer kurzen Konversation mit Paul:

[...]


[1] Vgl: Wunberg, Gotthard, Wiener Moderne, Reclam 2000, S. 89.

[2] Vgl: Martinez, Matias; Michael Scheffel. Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck, 2005.S.61.

[3] Vgl: Martinez, Matias; Michael Scheffel. Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck, 2005.S.61.

[4] Vgl. Martinez, Matias; Michael Scheffel. Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck, 2005.S.61/62.

[5] Vgl. Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. J.B. Metzler. Stuttgart 1984.S. 425.

[6] Vgl. Nünning Ansgar (Hrsg.). Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften. Stuttgart: Metzler, 2005. (Sammlung Metzler). S.288.

[7] Vgl: Nünning Ansgar (Hrsg.). Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaften. Stuttgart: Metzler, 2005. (Sammlung Metzler). S.289.

[8] Vgl: Martinez, Matias; Michael Scheffel. Einführung in die Erzähltheorie. München: Beck, 2005.S.60.

[9] Vgl. Janz, Rolf-Peter/ Laermann, Klaus: Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bügertums im Fin de siècle. Stuttgart: J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung 1977. S.111.

[10] Vgl. Jandl, Ernst: Die Novellen Arthur Schnitzlers. Phil. Diss. masch. Wien: 1950. S. 77.

[11] Vgl: Jäger, Manfred: Schnitzlers „Leutnant Gustl“. In: Wirkendes Wort. Deutsches Sprachschaffen in Lehre und Leben 15. (1965). S. 311.

[12] Vgl: Kronberger, Silvia: Die unerhörten Töchter. Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie. Innsbruck [u.a.]: Studien-Verl., 2002, S.163-166.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668170773
ISBN (Buch)
9783668170780
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317795
Note
Schlagworte
erzähltechnik inneren monologs novellen leutnant gustl fräulein else arthur schnitzler

Autor

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Titel: Die Erzähltechnik des Inneren Monologs in den Novellen "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler