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Berlins kreative Gründer. Eine Untersuchung von Gründungsdynamiken der Kreativwirtschaft

von Magdalena Hass (Autor)

Bachelorarbeit 2015 57 Seiten

BWL - Unternehmensgründung, Start-ups, Businesspläne

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung und Vorstellung des Forschungsthemas

2. Theoretischer Rahmen.
2.1 Entrepreneurship: historische Einführung
2.2 Entrepreneurship Dimensionen
2.3 Entrepreneurship-Politik
2.4 Entrepreneurship und Kreativität
2.4.1 Richard Floridas Creative Class
2.4.2 Kreatives Milieu
2.3.3 Zusammenfassung

3. Ausgangslage: Berlin und seine Kreativen
3.1 Definition
3.2 Die elf Teilmärkte in Berlin
3.2.1 Musikwirtschaft
3.2.2 Buchmarkt
3.2.3 Kunstmarkt
3.2.4 Filmwirtschaft
3.2.5 Rundfunkwirtschaft
3.2.6 Markt für darstellende Kunst
3.2.7 Architekturmarkt
3.2.8 Designwirtschaft
3.2.9 Pressemarkt
3.2.10 Werbemarkt
3.2.11 Software-/ Games-Industrie
3.2.12 Zusammenfassung
3.3 Die neuen kreativen Unternehmen in Berlin
3.3.1 Finanzierung
3.3.2 Wissen
3.3.3 Netzwerk
3.3.4 Wohnungsmarkt
3.3.5 Sonstige Einflussfaktoren

4. Anlage der empirischen Fallstudie
4.1 Zum Begriff des sozialen Deutungsmusters
4.2 Datenerhebung
4.3 Methodische Vorgehensweise

5. Darstellung der Ergebnisse.
5.1 Darstellung der Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse
5.2 Darstellung der Deutungsmuster
5.2.1 Lebensqualität
5.2.2 Vielfalt
5.2.3 Gründungsförderung
5.2.4 Netzwerk
5.2.5 Berliner Wirtschaft
5.2.6 Forderung an Politik
5.3 Resümee und Diskussion der Ergebnisse

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis...

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Kultur- und Kreativwirtschaft

Tabelle 2 Kultur- und Kreativwirtschaft Berlin in Zahlen

Tabelle 3 Interviewübersicht

Tabelle 4 Fragebogenüberblick

Tabelle 5 Gewonnene Fakten

Tabelle 6 Übersicht von Übersicht von Deutungsregeln

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Ausschnitt Codebaum

1. Einleitung und Vorstellung des Forschungsthemas

- „ Mit den Kindern nach Berlin. Gute Idee. Die sind später eh hier. “ - (Begrüßungsplakat auf der Autobahn 10 in Berlin, September 2015)

Mit den obigen Worten werden derzeit die Autofahrer an der Stadtgrenze Berlins begrüßt. Es ist eine eindeutige Botschaft, die die Stadt damit vermittelt: Berlin ist zum Anziehungspunkt für junge Menschen geworden. Berlin, nach jahrzehntelanger Teilung, scheint in den 2010er Jahren beliebter denn je. Es strömen junge Südeuropäer, die in Portugal, Spanien oder Griechenland keine Jobs mehr finden, in die deutsche Hauptstadt - und das obwohl Berlins Wirtschaft auch heute noch als vergleichsweise ‘schwach’ gilt (Krätke 2011: 163). Ebenso aber zieht es auch viele junge Deutsche dort hin, um nach dem Studium den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Gewiss erleben auch andere Metropolregionen Deutschlands den Trend des Zuwachses an Einwohnern. Die Flucht vom Land in die Stadt ist überall gegenwärtig. Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft erwarten bis 2030 einen Bevölkerungszuwachs von 14,6% in der Region Berlin/Potsdam. Berlin ist damit an zweiter Stelle hinter dem Industrie- und Technologiestandort München, welcher gar einen Zuwachs von bis zu 24% erwartet (Röhl 2013: 6).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Gründungsdynamiken in Berlin. Aus einem zuerst sehr subjektiven Empfinden, dass es auf einmal gefühlt alle meiner Bekannten nach Berlin zieht, um etwas ‘Eigenes’ zu machen, ist ein Forschungsinteresse entstanden. Auch die Medien unterstreichen mehr und mehr dieses Empfinden. So wird Berlin nun vielerorts als ‘Gründerhauptstadt’ oder neu-deutsch als ‘Start-Up Capital’ bezeichnet (McKinsey 2013). Auch die Zahlen bestätigen dies: Zwar gilt Deutschland im Bereich Neugründungen immer noch im internationalen Vergleich als reines Mittelmaß, Berlin allerdings führt die innerdeutschen Gründungsraten an. In Relation zur Anzahl der bestehenden Unternehmen betrug die Anzahl der Gründungen in den Jahren 2011 bis 2013 in Berlin 7,22% - und ist damit Spitzenreiter in Deutschland (EFI 2015: 105 ff.).

So ist das Thema natürlich auch in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Insbesondere Ökonomen und Wirtschaftsgeographen, wie Bastian Lange, behandeln das Thema. Allerdings fehlt es noch an Arbeiten aus politikwissenschaftlicher Sicht. Dabei ist es ganz offensichtlich, dass auch die Politik Interesse an einer Steigerung der bisher mittelmäßigen gesamtdeutschen Gründungsraten haben sollte. Diese Dynamiken, die sich derzeit in Berlin abspielen, zu verstehen, können also auch von großem Interesse in anderen Regionen sein, um daraus zu lernen und so ebenfalls vermehrt Neugründungen zu generieren.

Da es im Rahmen einer Bachelorarbeit nicht möglich ist, sämtliches Gründungsgeschehen der Hauptstadt zu untersuchen, fiel die Entscheidung sich auf die Gründungsdynamiken der Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin zu beschränken. Auch dies ergibt Sinn, da diese Branche aus zwei Gründen wichtig für die Wirtschaftspolitik ist. Zum einen trug der Sektor mit etwa 63 Mrd. Euro, also einem Anteil von 2,4% im Jahr 2013, ähnlich viel zur Bruttowertschöpfung Deutschlands bei, wie zum Beispiel die chemische Industrie, die Automobilindustrie oder die Energieversorgung (vgl. Puchta 2009: 59). Die ökonomische Bedeutung für die deutsche Wirtschaft, dieses seit den 1980er Jahren an Bedeutung gewinnenden Sektors, ist also nicht zu unterschätzen. Zum anderen sind die Erzeugnisse dieser Branche auch indirekt enorm wichtig für die Standortqualität einer Wirtschaftsregion. Kultur und Kreativität steigern deutlich die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes und somit auch indirekt die Wirtschaftsleistung der Region (vgl. Konrad 2010: 19). Kultur und Kreativität sind mittlerweile ein wichtiger Bestandteil für Regionalmarketing von Städten, und die Steuerung von Unternehmensniederlassungen ist daher auch für die Regionalpolitik von großem Interesse (vgl. Lange et al. 2009: 23). Sowohl aus Interesse der bundesweiten, als auch der regionalen Wirtschaftspolitik, sollte sich daher mit diesem Thema auch in der Politikwissenschaft beschäftigt werden.

Die Zielsetzung dieser Arbeit ist daher folgende Forschungsfrage zu beantworten:

„ Weshalb lassen die Gründer der Kultur- und Kreativwirtschaft sich zur Zeit ausgerechnet in Berlin nieder? “

Im ersten Teil der Arbeit wird daher zunächst in die Entrepreneurship-Theorie eingeführt. Sowohl historisch wichtige Beiträge wie die von Schumpeter, als auch moderne Ansätze werden hier diskutiert. Zusätzlich wird sich mit dem Faktor Kreativität in Verbindung mit Wirtschaftsräumen und Unternehmertum beschäftigt, wie auch auf Entrepreneurship-Politik eingegangen.

Im zweiten Teil wird die Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin untersucht, hier werden die Branche sowie Besonderheiten bezüglich Gründungen in Berlin vorgestellt.

Auf eine Beschreibung der Erhebungsmethode folgt im vierten Teil der Arbeit die Auswertung von Interviews mit Gründern der Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin. Mit Hilfe der Deutungsmusteranalyse werden die Aussagen der Gründer hinsichtlich der Fragestellung dieser Arbeit diskutiert. Anschließend wird die Arbeit mit einer Schlussbetrachtung abgerundet.

2. Theoretischer Rahmen

Es gibt nicht die eine Definition von Entrepreneurship, wie auch diese kurze Theorieeinführung zeigen wird. Dafür ist das Thema zu interdisziplinär, dass sich Soziologen, Ökonomen, Geographen und Weitere auf einen gemeinsamen Rahmen einigen konnten (vgl. Konrad 2010: 65 ff.). Das komplexe und äußerst vielfältige Phänomen hat daher im Laufe der Geschichte verschiedene Theorien und Ansätze von der Rolle des Unternehmers und des Unternehmerischen hervorgebracht. Alle Ansätze haben bestimmte unternehmerische Verhaltensweisen wie Motivationsfunktionen, einer Funktion der Risikoübernahme oder einer Funktion der Entwicklung neuartiger Kombinationen beschrieben. In der Entrepreneurship- Forschung aber werden vor allem Faktoren der Unternehmensgründungen beleuchtet (vgl. ebd.).

Zunächst wird eine kurze historische Einführung in Entrepreneurship-Forschung erfolgen, ehe dann die verschiedenen Dimensionen, also Sichtweisen, auf Unternehmertum beleuchtet werden. Darauf folgt eine kurze Vorstellung von Entrepreneurship-Politik und zuletzt werden Ansätze, die auf Kreativität und Unternehmertum eingehen, dargestellt.

2.1 Entrepreneurship: Historische Einführung

Der Begriff des Entrepreneurs, zu deutsch also der Unternehmer, wie er sich international etabliert hat, stammt aus dem mittelalterlichen Frankreich. So wird der Franzose Richard Cantillon von vielen als einer der Ersten verstanden, der etwa 1730 eine wirtschaftliche Theorie zum Entrepreneuership aufgestellt hat. Für ihn sind diejenigen Unternehmer, die

etwas zu einem bestimmten Preis kaufen, und zu einem ungewissen Preis weiter verkaufen “ (zitiert von Swedberg 2000: 19).

Auch sein Landsmann, Jean-Baptiste Say, bemerkte zur gleichen Zeit die Besonderheit des Unternehmers. Die britischen Ökonomen, begonnen mit Adam Smith, allerdings beschäftigten sich weniger mit den zuvor aufgestellten Theorien der Franzosen. Sie verwechselten den Entrepreneur mit einem Kapitalisten. Smith setzte also den Entrepreneur mit einem ganz normalen Geschäftsmann gleich und schrieb ihm keine gesonderte Position zu, sondern vernachlässigte ihn in seinem Werk The Wealth Of Nations (vgl. Ebner 2005: 257). Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts war es John Stuart Mill, der den Begriff des Entrepreneurs auch unter den britischen Ökonomen salonfähig machte. Auch deutsche Ökonomen wie Heinrich von Thünen, Hans von Mangoldt und Karl Marx untersuchten die Besonderheiten des Unternehmers im 19. Jahrhundert (Swedberg 2000: 20 ff.).

Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) allerdings spielte die wichtigste Rolle in der historischen Auseinandersetzung mit dem Entrepreneurship. Zu seinen Lebzeiten hat er unterschiedliche Aspekte des Entrepreneurships betrachtet. Sein interdisziplinärer Ansatz mit der Verbindung von Psychologie, Wirtschaftstheorie, Wirtschaftsgeschichte und Soziologie bewirkte seinen starken Einfluss auf das Wirtschaftsdenken, welches noch heute Bestand hat. Er setzte Entrepreneurship ebenso in den Mittelpunkt wie Wirtschaftswandel- und - entwicklung. In seiner zweiten Ausgabe von Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Jahr 1926 behandelt er im zweiten Kapitel Das Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung am direktesten den Entrepreneur (Swedberg 2000: 12 ff.).

Hier definiert er Unternehmertum als die recht simple ‘Durchsetzung neuer Kombinationen (Schumpeter 1926: 100). Er versteht darunter fünf unterschiedliche Fälle, die diese Durchsetzung darstellen können:

1. Die Herstellung eines neuen Gutes;
2. Die Einführung einer neuen Produktionsmethode;
3. Erschließung eines neuen Marktes;
4. Eroberung einer neuen Rohstoffquelle;
5. Kreation einer neuen Organisation eines Industriezweiges (Schumpeter 1926: 100 ff.). Für Schumpeter ist es nicht ein Erfinder, der diese neuen Kombinationen durchsetzt, sondern einzig der Unternehmer ist hierzu in der Lage. Indem er Unternehmen gründet, die durch Kredite von Kapitalisten finanziert werden, kann nur er diese fünf Fälle durchsetzen. Zusätzlich setzt Schumpeter die ‘kreative Zerstörung’ mit dem Ziel stetiger Innovation und wirtschaftlichen Fortschritts, in den Mittelpunkt seiner Wirtschaftstheorie. Der Unternehmer

übernimmt demnach die zentrale Funktion seiner Wirtschaftstheorie, indem genau er diese neuen Kombinationen einführt und durchsetzt (vgl. Ebner 2002: 3).

Daneben unterscheidet er deutlich zwischen dem besonderen Typus des Unternehmers und dem ‘Wirt schlechtweg’, letzterer steht für ein Synonym von statischer, nicht-dynamischer Wirtschaft (vgl. Euteneuer/Niederbacher 2007: 70). Als Hauptunterschied erwähnt er hierbei die verschiedenen Motive, die beide Typen zum Wirtschaften antreiben. Der ‘Wirt schlechtweg’ wird vor allem durch Egoismus, Rationalität, Nutzenmaximierung, Gehorsam, Routine und Passivität im Verhalten geprägt und aus diesem erfährt er auch seine Motivation (Schumpeter 1926: 132 ff.). So ist die Motivation des Unternehmers nach Schumpeters Ansicht eine ganz andere:

1. Traum und Wille nach der Gründung eines privaten Reiches verbunden mit Machtgefühl;
2. Der Wille zu kämpfen und vor allem zu siegen;
3. Die Freude am Gestalten (vgl. ebd.: 138).

Unternehmerisches Handeln bei Schumpeter ist also als Motiv an sich zu verstehen und nicht nur als reines Arbeiten (Euteneuer/Niederbacher 2007: 72).

Schumpeter wird häufig vorgeworfen er würde den Unternehmertypus geradezu verherrlichen. Allerdings sollte man den Typus, welchen er in seinen verschiedenen Arbeiten vorstellt, eher als einen Idealtypus verstehen, so beschreiben ihn Euteneuer und Niederbacher wie folgt:

Der Unternehmer ist bei Schumpeter eine theoretische Notwendigkeit und dergestalt als Idealtypus zu verstehen, dessen Funktion es ist, wirtschaftlichen Wandel auf spezifische Handlungsweisen einzelner zurückführen zu können “ (ebd.: 70).

Insgesamt ist der Unternehmer bei Schumpeter sehr wichtige für das Wirtschaftsgefüge, gleichzeitig ist er ein besonderes Glied, mit Eigenarten, Motivationen, und Handeln in jenem Gefüge. Mit seinen Schriften zum Unternehmertum prägt Schumpeter noch heute die Entrepreneurship-Forschung.

Später waren unter anderem wissenschaftliche Beiträge, wie die von Israel Kirzner oder Mark Casson sowie Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises für die theoretische Auseinandersetzung mit dem Entrepreneurship bedeutend (Swedberg 2000: 20 ff. )

2.2 Entrepreneurship Dimensionen

Wie bereits oben erwähnt findet das Thema des Entrepreneurships nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften Eingang, sondern auch in anderen Disziplinen. Was letztlich dazu führt, dass unterschiedliche Definitionen des Entrepreneurships existieren (Hébert/Link 1989: 47). Der folgende Abschnitt führt daher kurz in verschiedene Sichtweisen auf das Unternehmertum ein.

Entrepreneurship einfach mit dem simplen Akt einer Unternehmensgründung gleichzusetzen ist nicht ausreichend. Der Entrepreneurial Process umfasst nach Stevenson deutlich mehr, nämlich sieben verschiedene aufeinanderfolgende Stufen, die vor allem eine Entdeckung der unternehmerischen Chance, die Entscheidung diese Chance wahrzunehmen, die Realisierung der Unternehmensgründung und schließlich die ersten Jahre des neu gegründeten Unternehmens umfassen (vgl. Lundström und Stevenson 2005: 57 ff.). So beziehen sich nahezu alle modernen Definitionen auf die verschiedenen Phasen dieses Prozesses.

Hébert und Link zum Beispiel gehen in ihrer Definition des Unternehmertums auf die verschiedenen historischen Beiträge von Schumpeter, Mises und Kirzners ein. Für sie ist ein Entrepreneur schließlich:

[…] someone who specializes in taking responsibility for and making judgemental decisions that affect the location, form, and the use of goods, resources, or institutions “ ,

(Hébert/Link 1989: 47).

Eine andere der vielen Forschungsrichtungen setzt vor allem auf die systemische Sichtweise auf Entrepreneurship. Der Fokus wird hierbei darauf gelegt, dass unternehmerische Aktivitäten immer in einem wirtschaftlichen System stattfinden, welches durch Institutionen, Politik und Gesellschaft definiert ist (Beckmann 2009: 28).

Andere Denkrichtungen setzen hingegen den Unternehmer als Individuum in den Mittelpunkt. Dabei geht man der Frage nach, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ein Individuum ein Unternehmen gründet. Die Faktoren der Risikobereitschaft, der Managementfähigkeiten und auch der Kreativität sind bei diesem Ansatz von Bedeutung (ebd.: 29).

Wiederum andere beschäftigen sich damit, Unternehmertum von zwei konträren Seiten zu betrachten: Der Angebotsseite (supply-side of entrepreneurship) und der Nachfrageseite (demand-side of entrepreneurship). Für Thornton besteht dabei die Angebotsseite vor allem aus den individuellen Fähigkeiten und Ressourcen des potentiellen Unternehmers (vgl. Thornton 1999: 20). Beckmann hingegen betrachtet potentielle Unternehmer im Ganzen. Dies bedeutet, dass sie Arbeitsmarktperspektiven und demographische Charakteristika der Bevölkerung auch von der Angebotsseite aus betrachtet (vgl. Beckmann 2009: 29 f.). Die Nachfrageseite hingegen untersucht vor allem das kulturelle, politische, wirtschaftliche und institutionelle Umfeld (ebd.; Thornton 1999: 20). Diese Nachfrageseite überschneidet sich in vielen Bereichen mit der systemischen Sichtweise auf das Unternehmertum. Thornton merkt zusätzlich an, dass Entrepreneurship nicht nur von einer dieser Seiten betrachtet werden soll, und plädiert dafür das Phänomen von allen Seiten gleichzeitig zu beleuchten. Sie schlägt nun vor, dass ein integrativer Rahmen aus Soziologie, sozialer Einbettung, institutioneller und organisationsökologischer Theorien, wie auch mehrstufiger Modelle diese beiden Lager miteinander verbinden können, um so eine allumfassende und nicht mehr nur einseitige Sichtweise auf das Unternehmertum zu schaffen (vgl. Thornton 1999: 21).

Des Weiteren wird Entrepreneurship auch vor dem Hintergrund der Bedeutung des Netzwerks analysiert. Howard E. Aldrichs Ansatz umfasst dabei vier Analyseebenen: Gruppe, Organisation, Population und Gemeinschaft. Er befürwortet, dass man sich in der Entrepreneurship-Forschung wieder mehr auf ‘Raten’ beziehen soll, also nicht rein auf das individuelle Verhalten der Unternehmer. Es ist sinnvoller sich auf die Umwelt der Unternehmer zu konzentrieren und daraus das jeweilige Handeln abzuleiten und nicht andersherum (vgl. Aldrich 1990). Des Weiteren befasst sich Aldrich zusammen mit Catherine Zimmer expliziter mit der Bedeutung von sozialen Netzwerken für das Unternehmertum, so fokussieren sich die beiden hier also auf den sozialen Kontext, in dem das Unternehmertum stattfindet. Vereinfacht gesagt, enthalten diese sozialen Netzwerke Kommunikationsinhalte, austauschbare Inhalte wie Güter und Dienstleistungen sowie normative Inhalte in Form von Erwartungen an andere Menschen im jeweiligen Netzwerk. Diese komplexen Netzwerke von Beziehungen, so Aldrich und Zimmer, sind es, die sowohl potentielle unternehmerische Aktivitäten erleichtern, als auch blockieren können (vgl. Aldrich/ Zimmer 1986: 11 ff.).

Auch Beise-Zee erläutert, einen ‘regionalen Wissensspillover-Effekt’ (Beise-Zee 2014: 296). Dieser besagt, dass sich Innovation, also die Durchsetzung neuer Kombinationen nach Schumpeter, eher einstelle, insofern sich verschiedene Akteure in räumlicher Nähe zueinander befinden. Indem sie Wissen austauschen, und zwar möglichst vielfältiges Wissen, tragen sie zu einer erhöhten Innovationstätigkeit in einer Region bei.

Konrad geht ebenfalls auf die besondere Bedeutung von sozialen Kompetenzen sowie Netzwerkkompetenzen der Unternehmer im kreativen Bereich ein. Die Unternehmer treten in vielfältiger Weise mit externen Akteuren in Kontakt: vom Lieferanten, über Medienvertreter und Sponsoren hinzu Kunden. Die Fähigkeit sich solch ein Netzwerk aufzubauen und zu wahren trägt demnach zum Erfolg des innovativen Unternehmens bei (Konrad 2010: 81). Eine weitere Richtung beschäftigt sich vor allem mit verschiedenen Analyseebenen, die die Einflussfaktoren für Unternehmertum unterschiedlich zuordnen. Dabei unterscheidet man zwischen makrosozialen und mikrosozialen Umfeldfaktoren sowie personenbezogenen Faktoren (vgl. Audretsch et al. 2007:). Als makrosoziale Faktoren versteht man politische Rahmenbedingungen wie Regulierungen, aber auch wirtschaftliche und technologische Einflüsse. Ebenso können auch kulturelle Faktoren und Normen und Werte innerhalb einer Gesellschaft eine Bedeutung auf makrosozialer Ebene haben. Auf mikrosozialer Ebene wiederum sind es ganz individuelle Entscheidungen, die über unternehmerische Tätigkeit entscheiden. Dazu gehören sowohl persönliche, als auch psychologische Aspekte sowie das Bildungsniveau und der soziale und berufliche Hintergrund des Unternehmers (vgl. Beckmann 2009: 29).

Aus diesen verschiedene Dimensionen, die Entrepreneurship in sich birgt, wird ersichtlich, dass die Interpretation von unternehmerischen Aktivitäten immer von der gewählten Forschungsperspektive abhängt. Hering und Vicenti attestieren dem Entrepreneurship immer noch ein „[ . . . ] definitorisches Durch- und Nebeneinander [...]“ (Hering/Vicenti 2005: 154). Diese Arbeit wird sich jedoch insgesamt auf eine gründungsbezogene Auslegung des Entrepreneurships stützen. Demnach „[ . . . ] bezieht sich Entrepreneurship auf diejenigen unternehmerischen Aufgabenkomplexe, die zur Generierung neuer institutionalisierter Geschäftsgrundlagen in situationsadäquater Weise wahrgenommen werden müssen, um den Prozess von deren Generierung bis zu deren nachhaltiger Etablierung erfolgreich zu gestalten “ (Freiling 2006: 17).

Auch im Großteil der Literatur wird die Zahl von Unternehmensgründungen in einer Region als ein Indikator für starkes oder schwaches Entrepreneurship verstanden (vgl. Lundström/ Stevenson 2005).

Da sich diese Arbeit zusätzlich mit Gründungsdynamiken im Kunst- und Kultursektor beschäftigt, wird wegen der spezifischen Rahmenbedingungen dieser Branche der Begriff Selbstständigkeit als Synonym für Entrepreneurship und Unternehmertum verwendet, auch wenn letzterer grundsätzlich weiter gefasst werden kann. Diese Festlegung ermöglicht es auch vielen Künstlern ein unternehmerisches Element zuzuschreiben, an welchem es ihnen bis dato noch häufig fehlt (vgl. Hausmann 2007: 222).

2.3 Entrepreneurship-Politik

Auch die Politik hat seit den 1990er Jahren ihr Interesse auf Entrepreneurship gerichtet. Ein neues Politikfeld ist entstanden, welches die Förderung von Unternehmensgründungen in den Mittelpunkt setzt: die Entrepreneurship-Politik. Sie hat das Ziel Entrepreneurship-Aktivitäten in einer ganzen Volkswirtschaft oder auch nur einer Region zu erhöhen (vgl. Beckmann 2009: 30). Dabei werden alle Phasen des bereits oben erwähnten Entrepreneurial Process versucht zu fördern. Beckmann definiert das Ziel der Entrepreneurship-Politik wie folgt:

„[…] die Wahrnehmung unternehmerischer Chancen zu erhöhen und die Umsetzung neuer Geschäftsideen zu befördern. “ (ebd.: 31).

Wissenschaftler haben mindestens 25 verschieden Faktoren identifiziert, mit deren Hilfe unternehmerische Aktivitäten durch die Politik beeinflusst werden können. Diese Faktoren agieren dabei auf folgenden fünf verschiedenen Ebenen:

- Nachfrageseite des Entrepreneurship;
- Angebotsseite des Entrepreneurship;
- Verfügbarkeit von Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen;
- Präferenzen für Entrepreneurship;
- Entscheidungsprozess von potentiellen Unternehmern (Henrekson/Stenkula 2010: 601). Es sollte aber berücksichtigt werden, dass eine jeweilige Entrepreneurship-Politik immer vom Kontext abhängt. Dies bedeutet, dass kulturelle, politische und andere organisationelle Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Manch ein Faktor mag in einem Rahmen funktionieren, in einem anderen Umfeld wieder nicht (ebd.). Je nach gewählter Forschungsperspektive werden daher einige Einflussfaktoren als wichtiger angesehen als andere. Verheul et al. (2002) haben sechs verschiedene Kanäle zusammengefasst, die unterschiedliche Maßnahmen beinhalten, mit denen die Politik unternehmerische Aktivitäten fördern kann.

Der erste Kanal bezieht sich dabei auf alle Maßnahmen, die die unternehmerischen Gelegenheiten fördern. Darunter fallen vor allem Fördermaßnahmen im Bereich der Forschung und Entwicklung oder des technischen Fortschritts. Insbesondere auf Universitäten und Hochschulen fokussiert sich dieser Kanal (vgl. Beckmann 2009: 32-34). Unter den zweiten Kanal fallen alle Maßnahmen, die ganz allgemein die Anzahl möglicher Unternehmer in einer Region erhöhen. Regional- und Einwanderungspolitik stellt dies konkret dar (ebd.)

Da Fähigkeiten und Ressourcen ebenfalls wichtig für Entrepreneurship sind, soll der dritte Kanal genau diese steuern. Durch Finanzierung in Form von Kapital, aber auch durch Informationsweitergabe wie Kreditmöglichkeiten oder Business-Plan-Erstellung fallen darunter (ebd.)

Ebenso soll versucht werden, die Bevölkerung überhaupt auf Entrepreneur-Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Kanal vier hat zwar nur geringe politische Möglichkeiten darauf Einfluss zu nehmen, versucht jedoch durch ein positives Image die Bevölkerung für Unternehmertum zu begeistern (ebd.)

Auch andere Rahmenbedingungen wie Sozialversicherungs- und Steuersystem spielen für potentielle Unternehmer eine Rolle. Somit steht Kanal fünf für die politischen Maßnahmen, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen (ebd.).

Zuletzt ist noch Kanal sechs wichtig, welcher Markteintrittsbarrieren durch Politik, wie beispielsweise Regulierung von Wettbewerbspolitik oder spezielle Arbeitsmarktpolitik, abbauen soll (ebd.).

Exakt welche Maßnahmen innerhalb eines Kanals dabei jeweils anzuwenden sind, bleibt offen und liegt im Ermessen der Politik.

2.4 Entrepreneurship und Kreativität

Da sich die vorliegende Arbeit mit Unternehmensgründungen im Sektor Kunst und Kultur auseinandersetzt, werden im folgenden Teil Theorien vorgestellt, die sich hauptsächlich mit dem Faktor Kreativität und dessen Bedeutung für das Unternehmertum befassen.

2.4.1 Richard Floridas Creative Class

Der amerikanische Wissenschaftler Richard Florida hat einen Faktor analysiert, der zum wirtschaftlichen Aufschwung einer Region beiträgt: die Kreativität. Florida beschreibt seit 2003 die Creative Class. Für ihn spielen vor allem die Menschen, die in einer Region leben und diese dadurch besonders prägen, eine bedeutende Rolle.

So erklärt Florida, dass mit dem Übergang von der Industriegesellschaft hin zur Wissensgesellschaft, eine neue kreative Klasse entstanden ist. Dabei zählt er zum Kern dieser Klasse sowohl Architekten, Designer, Künstler, Musiker als auch Wissenschaftler, und Ingenieure (vgl. Florida 2012: 9). Gerade die beiden letzten Berufsgruppen würde man auf den ersten Blick nicht als kreativ bezeichnen. Jedoch unterstellt Florida all diesen eine wichtige wirtschaftliche Funktion, und zwar die der Schaffung neuer, kreativer Ideen, insbesondere wichtig im Bereich der Technologie. Was ihnen gemein ist, ist dass sie für das Verwenden ihres Geistes bezahlt werden und nicht wie die Arbeiterklasse für physische Arbeit (vgl. ebd.: 9 ff.). Nach Richard Florida ist also eigentlich jeder Beruf kreativ oder kann es zumindest werden. Dies ist gleichzeitig auch der Hauptkritikpunkt an Floridas Theorie (Krätke 2010: 837 ff.).

Durch den Wandel in der Gesellschaft wurden neue Lebens- und Arbeitsbedingungen hervorgerufen. So bedarf diese neu entstandene Creative Class anderer Faktoren, um sich entfalten zu können. Florida geht davon aus, dass die Kreativen sich selbst ihren Arbeits- und Wohnort aussuchen. Dabei fühlen sie sich vor allem angezogen, wenn der jeweilige Ort sich durch eine Kultur der Offenheit und eine starke kulturelle Vielfalt auszeichnet. Er behauptet, dass sich durch eine Vielzahl an Kreativen eine innovative Stimmung einstellt und damit Unternehmen anlockt. Harte Standortfaktoren wie Infrastruktur oder Ressourcen verlieren deutlich an Bedeutung und der kreative Ruf und das kreative Umfeld einer Region stellen nun die wichtigsten Standortfaktoren dar (vgl. Florida 2012: 65).

Florida hat diese Ideen in seinem Konzept der drei T’s messbar gemacht: Technologie, Talent und Toleranz. Nur Regionen, in denen alle drei T’s stark genug und ausgewogen vertreten sind, sind nach Florida wirtschaftlich erfolgreich, weil sie am ehesten in der Lage sind die Mitglieder der kreativen Klasse anzuziehen und auch zu halten. Ausgehend von verschiedenen Einzelindikatoren werden Talent-, Technologie- und Toleranzindikatoren hergeleitet, die schließlich zu einem Creativity Index zusammengefasst werden. Ist dieser besonders hoch, so ist das ökonomische Potential einer Region besonders stark.

Indikatoren für Talent sind demnach die Anzahl an gut ausgebildeten Menschen, hier kommt Florida der Humankaptialtheorie sehr nahe. Zusätzlich ist auch die Qualität des Bildungssektors einer Region wichtig für diesen Indikator. (ebd.: 231 ff.) Für Technologie verwendet Florida den Innovations Index (Anzahl gemeldeter Patente) und einen High-Tech-Index (Konzentration von High-Tech Unternehmen).

Toleranz ist eines der Schlüsselkonzepte Floridas. Offenheit, kulturelle Vielfalt und Weiteres erhöhen die Anziehungskraft eines Ortes. Diesen Index hat Florida dabei noch in einen Melting-Pot-Index (Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund), Gay-Index (Anteil an Homosexuellen), Bohemien-Index (Anteil an Künstler sowie kulturelle Infrastruktur in Form von Museen, Cafés etc.) wie auch Composite Diversity Index (Grad der ethischen und kulturellen Vielfalt) zusammengefasst (ebd.: 232-265).

Sind diese Indikatoren also stark ausgeprägt, so ist nach Florida wahrscheinlich, dass sich die Creative Class hier niederlässt. Die ersten beiden Indizes Talent und Technologie stellen dabei keine sonderliche Innovation im Bereich der Entrepreneurship-Forschung dar. Einzig der Faktor Toleranz, wie Florida ihn beschreibt und welch Wichtigkeit er diesem zuschreibt, gab es in dieser Form bisher nicht. Um es mit Floridas Worten zu sagen:

[…] , regions in which artists and gays have migrated and settled are more likely than others to provide an environment that is more open to innovation, entrepreneurhsip, and new firm formation. “ (ebd.: 245).

Vereinfacht gesagt, die Creative Class zieht Lifestyle, Nachtleben, soziale Interaktion, Diversität, Authentizität und Einzigartigkeit in einer Stadt, einem besseren Job oder ökonomischen Umfeld anderswo vor (ebd.: 290-303).

Gewiss bietet Florida auch genügend Ansatzpunkte zur Kritik. Die C reative Class ist durch den sehr schwammigen und nicht genauer definierten Faktor Kreativität nur sehr schwer von den anderen drei Klassen (Arbeiterklasse, Serviceklasse und der Landwirtschaftsklasse) zu unterscheiden. Genauso ist es auch fragwürdig, ob es so sinnvoll ist, so viele verschiedene Berufsgruppen, wie zum Beispiel die der Politiker, dieser Creative Class zuzuteilen (vgl. Krätke 2010: 837).

Da es jedoch Ziel dieser Arbeit ist, die Frage zu beantworten, weshalb sich Gründer der Kultur- und Kreativwirtschaft ausgerechnet Berlin als Standort aussuchen, ist es dennoch sinnvoll Floridas Konzept als theoretische Grundlage zu verwenden. Gründer dieser Branche sind nach Florida der Kern der Creative Class, die sogenannte Core Creative Class. Floridas Ansatz ist also am ehesten auf die Menschen dieser Branche zugeschnitten und kann somit helfen und veranschaulichen, weshalb Berlin so anziehend für Unternehmensgründungen in dieser Branche ist. Florida meint, dass insofern viele aus der Core Creative Class in einer Region vertreten sind , sich auch die gesamte Attraktivität des Standortes erhöht und Unternehmensgründungen aus anderen Branchen sind die Folge (vgl. Florida 2012: 299). Dies steht im Gegensatz zu klassischen entwicklungstheoretischen Ansätzen, welche unterstellen, dass Menschen nur dort hinziehen, wo Unternehmen Arbeitsplätze schaffen bzw. Rohstoffe vorhanden sind (vgl. Puchta et al. 2009: 23).

2.3.2 Kreatives Milieu

Das kreative Milieu, welches auch innovatives Milieu genannt wird, ist vor allem ein Konzept der Wirtschaftsgeographie. Der Ansatz versucht die Frage zu beantworten, worin die entscheidenden Ursachen für die unterschiedliche Innovationsfähigkeit verschiedener Wirtschaftsräume liegen. Die regionalökonomische Forschergruppe GREMI ("Groupe de Recherche Europeen sur les Milieux Innovateurs“) hat sich seit Mitte der 1980er Jahre mit der Erforschung eines kreativen Milieus befasst und eine Basis-Definition dessen geliefert:

„ The set, or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area, often determining a specific external 'image' and a specific internal 'representation' and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through synergetic and collective learning processes “ (Camagni 1991, S.3).

Aus dieser Definition gehen vor allem drei Hauptmerkmale hervor, die eine Region als besonders kreativ bzw. innovativ erscheinen lassen. Erstens ein Netzwerk regionaler Akteure, die den Lernprozess anregen. Zweitens persönliche Beziehungen zwischen diesen Akteuren. Und drittens Außen- und Selbstwahrnehmung als Ausdruck mentalen Zusammenhalts und gemeinsamer Zielsetzungen der Akteure (vgl. Fromhold-Eisebith 1999: 169). Kreative Milieus werden also als Faktoren verstanden, die die regionale Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit steigern. Fromhold-Eisebith merkt zusätzlich an, dass kennzeichnend für solch ein Milieu vor allem die vielen persönlichen und informellen Beziehungen zwischen den regionalen Akteuren sind. Diese Beziehungen führen dazu, dass wirtschaftliches Know- How leichter untereinander ausgetauscht werden kann. Ein weiteres Kriterium, welches das kreative Milieu beschreibt, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl und Milieu-Bewusstsein. Des Weiteren ist das Milieu auch nicht als völlig isoliert zu betrachten, sondern als offen angesehen, welches schließlich auch durch externe Akteure Kenntnisse gewinnen kann (vgl. Fromhold-Eisebith 1995: 34). Letztendlich ist das kreative Milieu ein auf menschlichen Beziehungen basierendes Konzept. Innovationen sind das Ergebnis des gemeinsamen Handelns der Akteure, die in ein enges Beziehungsgeflecht eingebunden sind (Bathelt/ Glückler 2012: 257).

2.3.3 Zusammenfassung

Diese beiden Ansätze helfen also vor allem die Standortpräferenzen von kreativen Gründern für ihre Unternehmen nachzuvollziehen. Demnach legen Kreative insgesamt weniger Wert auf klassische harte Standortfaktoren, sondern bevorzugen vor allem Orte, an denen eine Kultur der Offenheit, Vielfalt, und Kreativität verbreitet ist. Zusätzlich wird wert auf ein Netzwerk zwischen den Akteuren gelegt, welches vor allem auf persönlichen Beziehungen basiert. Gilt der Standort vom Image zusätzlich noch als kreativ, einzigartig und versprüht einen Zusammenhalt unter diesen Kreativen, sind demnach optimale Voraussetzungen für eine Unternehmensgründung im Sektor Kunst und Kultur gegeben.

3. Ausgangslage: Berlin und seine Kreativen

Das Thema Kultur- und Kreativwirtschaft ist in den vergangenen Jahren in den Mittelpunkt verschiedenster Politikfelder gerückt. So der Wirtschafts- und Kulturpolitik ebenso aber auch der Stadtplanung, da die ökonomische, arbeitsmarktpolitische, soziale und infrastrukturelle Bedeutung dieser Branche in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen hat (Konrad 2010: 19). Im folgenden wird der Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft definiert sowie die Lage der Branche in Berlin vorgestellt.

3.1 Definition

Der Sektor Kunst und Kultur steht in dem schwer definierbaren Licht des Faktors Kreativität. Es gibt zig Möglichkeiten Kreativität zu definieren. Im traditionellen Sinn beschreibt Kreativität die Fähigkeit, Neues zu erfinden, schöpferisch zu handeln, oder Bekanntes in einen neuen Zusammenhang zu stellen (Hentig 2000: 12). Söndermann und Fesel definieren schließlich den Sektor wie folgt:

„ All jene Betriebe und selbständige Unternehmer, die an der Vorbereitung, Schaffung, Erhaltung und Sicherung künstlerischer Produktion sowie an der Vermittlung und medialen Verbreitung kultureller Leistungen beteiligt sind oder dafür Produkte herstellen und veräußern “ (Fesel/Söndermann 2007: 9)

Aus dieser Definition ist ersichtlich, dass sich die Kultur- und Kreativwirtschaft leicht mit anderen Branchen vermischt. Oft ist es nicht möglich eine genaue Trennlinie zu ziehen. Kulturwirtschaftler haben zusätzlich noch den Begriff der Kreativwirtschaft entwickelt. Unter diesem Begriff werden die Kernbranchen der Kulturwirtschaft mit den Teilmärkten Software-/ Games-Industrie und der Werbewirtschaft zusammengefasst (Konrad 2010: 35f.).

[...]

Details

Seiten
57
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668213340
ISBN (Buch)
9783668213357
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317728
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Fachbereich 03
Note
1,3
Schlagworte
Entrepreneurship Berlin Start-Up Kreativwirtschaft Gründung Unternehmen Hauptstadt Gründungsdynamik Gründerhauptstadt

Autor

  • Magdalena Hass (Autor)

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Titel: Berlins kreative Gründer. Eine Untersuchung von Gründungsdynamiken der Kreativwirtschaft