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Mikro- und Makrogeschichte der Pinochet-Diktatur in Chile in Alejandro Zambras Roman "Formas de volver a casa"

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenüberstellung: Mikro- und Makrohistorie

3. Makrogeschichte in Chile (1970-1990)
3.1 Die Regierung von Salvador Allende und die Unidad Popular
3.2 Der Militärputsch vom 11.9.1973
3.3 Die Diktatur Augusto Pinochets (1973- 1990)
3.4 Der Übergang zur Demokratie

4. Mikrogeschichte
4.1 Analyse Formas de volver a casa in Bezug auf die Makrogeschichte

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen meiner Hausarbeit des Proseminars „Formas de volver a casa - el relato de filiación en la literatura chilena contemporánea“, möchte ich der Frage auf den Grund gehen, wie die Mikrogeschichte und die Makrogeschichte zueinander stehen. Bisher spielte eine Beziehung der beiden vor allem in der geschichtswissenschaftlichen Forschung eine große Rolle. Nun möchte ich anhand des Romans „Formas de volver a casa“ von Alejandro Zambra die innovative Gegenüberstellung und Verschränkung von Mikro- und Makrogeschichte in der Literatur untersuchen. Dabei wird die Bedeutung der Mikrogeschichte während der chilenischen Diktatur unter Pinochet im 20. Jahrhundert diskutiert.

2. Gegenüberstellung: Mikro- und Makrohistorie

In den Wirschafts- und Sozialwissenschaften gab es seit den 1950er Jahren umfangreiche Debatten bezüglich der Beziehung von Mikro- und Makroansätzen. Mikroansätze beschreiben das „Kleine“ und gehen ins Detail, während Makroansätze aus der Vogelperspektive einen Gesamtüberblick geben. Bei diesen Debatten sind große Spannungen zwischen den beiden Disziplinen aufgetreten, die vor allem auftraten, da die Makroansätze versuchten die Mikroansätze an den Rand zu drängen.1 In der Geschichtswissenschaft wird bisher das nebeneinander bestehen zwischen Mikro- und Makrogeschichte kritisch betrachtet. Zwar haben Mikrohistoriker versucht, die Relevanz der Mikrohistorie zu etablieren, jedoch wurde diese von den Makrohistorikern bisher abgelehnt.2 Die Mikrogeschichte scheint als komplexe aber ernsthafte Wissenschaft noch nicht anerkannt zu sein und steht der etablierten Ausrichtung der Geschichtswissenschaft im Wege. Des Weiteren gilt die Mikrogechichte im Vergleich zu den größeren Schwestern Ökonomie und Soziologie als Neuankömmling.3 In den 50er Jahren wurde das erste Mal von der Unterscheidung zwischen Mikro- und Makrogeschichte gesprochen. Siegfried Kracauer war der Erste, der sich mit der Frage beschäftigte, inwiefern ein Zusammenhang zwischen Mikro- und Makrogeschichte besteht, also ob sie komplementär (d.h. sich ergänzend) oder inkommensurabel (d.h. unvergleichbar) sind. Er kam zu dem Entschluss, dass sie beides zugleich sind.

„Nicht alles an historischer Realität ist in mikroskopische Elemente zu zerlegen. Das Ganze der Geschichte umfasst ebenso Ereignisse und Entwicklungen, die sich oberhalb der Mikrodimension abspielen. Aus diesem Grund sind Geschichten auf höheren Ebenen von Allgemeinheit ebenso wesentlich wie Detailstudien. Aber sie leiden an Unvollständigkeit Makro-Geschichte kann nicht Geschichte im idealen Sinn werden, es sei denn, sie ziehe Mikro-Geschichte nach sich.“4

Geschichte kann laut Kracauer nur rekonstruiert werden, wenn man sich zwischen dem Ganzen und dem Detail bewegt. „Der Historiker [müsse] deshalb in der Lage sein , sich frei zwischen den Makro- und Mikro-Dimensionen zu bewegen.“5 Kracauer ist der Meinung, dass Mikro- und Makrogeschichte gleicherweise notwendig und legitim sind, der Übergang zwischen beiden Ansätzen sich jedoch als schwer darstelle. So differenziert er zwischen einem kleinen und einem großen Maßstab, zwischen „Großaufnahmen“, „Totale“ und „Vogelperspektive“ oder „Fliegerperspektive.“ Kracauer traf seine Unterscheidung sehr allgemein und machte diese anhand raumzeitlicher Aspekte fest. Sein schlüssigstes Argument für die Mikrogeschichte betonte er im Zusammenhang der Bedeutung der Geschichte, „dass nichts verloren gehen soll.“6 Es haben sich auch andere Schriftsteller und Historiker mit dem Begriff der Mikrogeschichte befasst. Fernand Braudel setzte Mikrogeschichte mit Ereignisgeschichte gleich und beschrieb sie als „an der Oberfläche bleibend.“ Bei Raymond Queneau (1965) taucht die Mikrogeschichte als „Gegenpol zur Weltgeschichte“ auf. Erst in den 1970er Jahre befassten sich italienische Historiker näher mit dem Terminus der Mikrogeschichte. Carlo Ginzburgs Werk „Käse und Würmer“ wird in diesem Zusammenhang als beispielhaft angesehen. 1979 führten Carlo Ginzburg und Giovanni Levi den Begriff der „microhistoria“ ein, welcher in der gleichnamigen Buchreihe „Microhistorie“ thematisch behandelt wird. Diese „microhistoria“ trat mit dem Anspruch auf, die Disziplin der Geschichtswissenschaft grundlegend zu verändern. Des Weiteren verstand sie sich als Gegenbewegung zur Historiographie, die sich bisher auf die Vorstellungen des eurozentrischen Weltbildes beschränkt hatte. Bei der Mikrogeschichte sollte es nicht wie erwartet um die „kleinen Dinge“ in der Geschichte gehen, sondern sie sollte unter mikroskopischer Betrachtungsweise die Phänomene der Vergangenheit aufdecken, die bisher nicht beachtet worden waren. Mikrogeschichte richtete sich nach den „unteren Schichten“ der Menschheit, hingegen kaum nach der „Elite“ der Gesellschaft. Dies lag vor allem daran, dass die beteiligten Autoren vom linken Flügel kamen und vom Marxismus beeinflusst wurden, wie Giovanni Levi betonte. Das grundlegende Ziel dieser Mikrohistorie war, „die Menschen der Vergangenheit als Handelnde mit eigenen Zielen und Strategien zu begreifen.“7 Außerdem war das Ziel von Ginzburg und Poni, „die nicht-elitäre Perspektive“ der (Makro-)Sozialgeschichte mit den „Individualisierungsbemühungen“ der biographisch orientierten Elitenforschung zu verbinden.“ Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass es den beiden nicht um Individuen ging, sondern um das Verständnis der sozialen Gefüge und Beziehungen.8 Viele Makrohistoriker haben sich zu den Ansätzen der Mikrohistoriker nicht geäußert. Es gab jedoch auch Makrohistoriker, die eine Kombination von Mikro- und Makrohistorie befürworteten, dennoch war ihnen der entscheidende Impuls der Mikrogeschichte nicht von großer Bedeutung.9 Das Mikro-Makro-Verhältnis wird noch heute Kontrovers diskutiert, wobei die Mikrogeschichte zunehmend an Bedeutung gewinnt.

3. Makrogeschichte in Chile (1970-1990)

3.1 Die Regierung von Salvador Allende und die Unidad Popular

Salvador Allende wird am 26. Juli 1908 in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso geboren. Nach seiner Schulzeit studiert er Medizin in Santiago de Chile. Bereits während seines Studiums widmet er sich der Politik und gehört zu den Gründern der Sozialistischen Partei Chiles (PS). 1969 schließen sich Kommunisten, Sozialisten und Radikale zur Unidad Popular (UP) zusammen. Bei den Präsidentschaftswahlen 1970 erzielt Allende, Kandidat der Unidad Popular, 36% der Stimmen und wird letztendlich mit Hilfe der Stimmen der Christdemokraten zum Präsidenten ernannt.10 „Zum ersten Mal“, so Dieter Nohlen, „errang [...] in freien Wahlen, mit demokratischen Mitteln, ein erklärter Marxist die Regierungsgewalt.“11 Präsident Allende stellte sich der Herausforderung ein kommunistisches System in Chile unter demokratischen Verhältnissen zu etablieren. Die Unidad Popular sah sich in der Pflicht die andauernde soziale Ungerechtigkeit zu beseitigen. Dabei sollten Oligarchen und Großgrundbesitzer entmachtet werden.12 Erste Maßnahmen Allendes Wirtschafts- politik war die Verstaatlichung der Kupfer- und Bergwerkindustrie, der Banken, sowie der Textil- industrie. Des Weiteren reformierte Allende das Agrarwesen, was vor allem zu Protest bei den Großgrundbesitzern führte. Das gewünschte Wachstum durch die Reformen konnte nicht erzielt werden, was auch am Einfluss externer und interner Kräfte lag. Vor allem die USA sah durch die Verstaatlichung der Rohstoffindustrie ihre wirtschaftlichen Interessen in Gefahr und strebten einen Sturz der Regierung Allendes an. Als Antwort auf die Wirtschaftspolitik Allendes verhängte die USA ein Wirtschaftsembargo gegen Chile. Außerdem verhängte die USA eine Kreditsperre und unterstützen die interne Opposition. Die rechte nationale Partei versuchte unter allen Umständen Allendes Politik zu boykottieren und die Mehrheit im Kongress zu erzwingen. Im Laufe der Zeit konnten sie vor allem Parteimitglieder der Christdemokraten, sowie das Militär auf ihre Seite bringen.13 Trotz des politischen Gegenwindes konnte Allende die Situation der Bevölkerung zumindest anfangs verbessern. Die Löhne der Arbeiter wurden erhöht. Jedes Kind bekam jeden Tag Gratismilch, welche die Kindersterblichkeitsrate reduzierte. Weitere Sozialleistungen waren kostenfreie Schulbildung und medizinische Versorgung. Im ersten Jahr nach seinem Amtsantritt erreichte Chile einen wirtschaftlicher Aufschwung. Zusätzlich konnte auch die Arbeitslosenquote verringert werden. Diese sozialen Wohltaten konnten jedoch nicht finanziert werden. Die Regierung musste daraufhin mehr Geld drucken, was eine starke Inflation verursachte. Die wirtschafliche Lage spitzte sich 1972 zu. Im gleichen Jahr mussten die Lebensmittel rationiert werden. Die wirtschaft- liche Rezession führte zu starken Protesten im ganzen Land. Viele Berufsgruppen, wie Studenten, Lastwagenfahrer und Bankangestellte streikten.14 Auf Druck der Opposition das Militär in die Regierung aufzunehmen, ernannte Allende General Carlo Prats zum Innenminister, was die Konfliktparteien vorerst beruhigte. Prats begründete seine Ernennung wie folgt: „Chile sei [..] an den Rand eines Bürgerkrieges geraten.“15 Bei den Parlamentswahlen von 1973 konnte die Unidad Popular um Allende die Stimmanteile auf 44% ausbauen. Die Opposition konnte hingegen trotz des Wahlbündnisses der Demokratischen Föderation (CODE) und der erreichten 55%, den Präsidenten nicht absetzen. Somit konnten auch die Parlamentswahlen den andauernden Konflikt nicht lösen. „Chile versank nun in einem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Chaos. Die wirtschaftliche Situation war durch chaotische Verhältnisse gekennzeichnet: Inflation, Versorgungsengpässe, Rückgang der Produktion, Haushaltsdefizite, negative Handelsbilanz und Kreditblockade.“16 In den folgenden Monaten kam es immer wieder zu Massendemonstrationen. Oberbefehlshaber der Streitkräfte Prats konnte einen Militärputsch im Juni 1973 gerade noch verhindern. Er konnte jedoch dem politischen Druck nicht standhalten und trat wenig später, wie andere Generäle des Militäres, zurück. Dieser Rücktritt legte den Grundstein für den Sturz Allendes. Nachfolger Carlos Prats wurde Augusto Pinochet Ugarte, der seinem Präsidenten „absolute Treue“ schwörte.17

[...]


1 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 9

2 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: The history of the family. An international quarterly, 1996, S.81-95

3 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen:Wallstein-Verlag² 2000, S. 11

4 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 12

5 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 12

6 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 11-15

7 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 20

8 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 16-24

9 Vgl. Schlumbohm, Jürgen: Mikrogeschichte Makrogeschichte komplementär oder inkommensurabel, Göttingen: Wallstein-Verlag² 2000, S. 29-30

10 Vgl. http://www.oocities.org/athens/4092/Chile/lebenslauf.html

11 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg: Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 20

12 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg: Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 20

13 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 20-23

14 Vgl. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Salvador_Allende.html

15 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg: Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 24

16 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg: Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 24

17 Vgl. Friedmann, Reinhard: Chile unter Pinochet: das autoritäre Experiment, Freiburg: Arnold-Bergstraesser-Institut 1990, S. 24-25

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668169784
ISBN (Buch)
9783668169791
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317706
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,7
Schlagworte
mikro- makrogeschichte pinochet-diktatur chile alejandro zambras roman formas

Autor

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