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Der Begriff der Wahrheit in Anselm von Canterburys "De Veritate". Eine Quellenuntersuchung

Quellenexegese 2009 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Der Weg zur Definition der Wahrheit
2.1. Die Arten der Wahrheit
2.1.1. Wahrheit der Anzeige & Wahrheit der Aussage
2.1.2. Wahrheit des Denkens & Wahrheit des Willens
2.1.3. Wahrheit des Handelns
2.1.4. Wahrheit der Sinne & Wahrheit des Wesens der Dinge
2.2. Die Argumentation in Kapitel 8 & Kapitel 9
2.3. Die höchste Wahrheit

3. Die Definition der Wahrheit
3.1. Die Definition in Kapitel 11
3.2. Zusammenfassende Betrachtungen

4. Anhang

1. Einleitung

Anselm von Canterbury (1033-1109) gehört zu den bedeutendsten Philosophen des mittelalterlichen Abendlandes. In Italien geboren, wurde er in den 60er-Jahren des elften Jahrhunderts Leiter eines Benediktinerklosters in Frankreich, wo er durch seine Lehren weithin bekannt wurde.

Berühmt wurde er jedoch durch etwas anderes: Seine Schrift „Monologion“ (1076), in der er „über den Grund des Glaubens nachsinnt“ („Proslogion“, Vorrede, S. 7) und den Beweis führt, dass die höchste Wahrheit, als welche er Gott bezeichnet, keinen Anfang und kein Ende haben kann, und seine Schrift „Proslogion“ (1077/1078), die durch ihren ontologischen Gottesbeweis noch bis in unsere heutige Zeit für unermüdliche Diskussionen und Auseinandersetzungen sorgt. In ihr legt er den Glaubenssatz zugrunde, dass Gott als etwas angesehen wird, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann – und schlüsselt von diesem unantastbaren Grundsatz aus seine Beweisführung auf.

Die Inhalte beider Schriften nahmen erheblichen Einfluss auf sein späteres Werk „De Veritate“ (ca. 1082-1085). So bezieht er sich im einleitenden ersten Kapitel auf oben erwähntes Monologion, in dem er die Wahrheit der Rede als Beweis für die Anfangs- und Endlosigkeit Gottes sieht: Denn „wenn die Wahrheit einen Anfang gehabt hat oder ein Ende haben wird, dann war es damals, bevor sie begann (zu existieren), wahr, daß es keine Wahrheit gab; und nachdem sie (zu existieren) aufgehört haben wird, wird es wahr sein, dass es keine Wahrheit (mehr) geben wird.“ („De Veritate“, 1. Kapitel, S. 9) Von dieser Erkenntnis ausgehend, begibt er sich in „De Veritate“ in Form eines Dialogs zwischen Schüler und Lehrer auf die Suche nach einer Definition der Wahrheit in Bezug auf Gott, wie die Eingangsfrage des Schülers erkennen lässt: Es geht darum, ob man von jeder Wahrheit sagen könne, sie sei Gott, wo man doch von Gott sagt, er sei die Wahrheit. Diese Untersuchung nimmt in der Philosophiegeschichte eine zentrale Stellung ein, ist sie doch „die erste definitionale, d. h. zu einer ausdrücklichen Definition des Wahrheitsbegriffs führende Theorie der Wahrheit“ („De Veritate“, Einleitung, S. XII).

Angesichts der großen Komplexität der Argumentationen Anselms soll diese Hausarbeit ihr Augenmerk auf einen bestimmten Punkt in der Struktur des Werkes „De Veritate“ richten: Die vorläufige Definition der Wahrheit als allein vom Geist erfassbare Rechtheit. Die Argumentation, die bis zu dieser Erklärung im elften Kapitel erfolgt, soll nachvollzogen und erläutert werden. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass Anselms eigentliches Anliegen der rationale Beweis des in Kapitel eins befestigten Glaubenssatzes ist, dass Gott die Wahrheit sei. Wie gesagt, kann aufgrund der Komplexität der Beweiszusammenhänge auf den größeren Zusammenhang nur sehr bedingt eingegangen werden.

2. Der Weg zur Definition der Wahrheit

2.1. Arten der Wahrheit

2.1.1. Wahrheit der Anzeige & Wahrheit der Aussage

Wie bereits erwähnt, werden im ersten Kapitel der Beweis für die Zeitlosigkeit Gottes aus dem „Monologion“ zitiert und der Glaubensgrundsatz, „daß Gott die Wahrheit ist“ („De Veritate“, Kapitel 1, S. 9), befestigt. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass dieser Glaube zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt wird. Bei allem Anspruch Anselms auf rational nachvollziehbare Argumentation bleibt er stets auf dem Standpunkt des gläubigen Christen – die fundamentalen Dinge des Glaubens darf man nicht anzweifeln, auch wenn seine Schrift nach seinen eigenen Worten darauf ausgelegt ist, selbst Ungläubigen die Existenz Gottes zu beweisen.

Auf seiner Suche nach einer Definition der Wahrheit geht Anselm nun Schritt für Schritt vor. In Kapitel zwei fragt er zunächst, „was die Wahrheit in der Aussage ist, weil wir von ihr häufiger sagen, sie sei wahr oder falsch.“ („De Veritate“, Kapitel 2, S. 11) Damit ist auch gleich eine erste Begründung für die Argumentationsreihenfolge der gesamten Schrift geliefert: Denn auch im weiteren Verlauf finden sich wiederholt Fragen an den Schüler, ob er noch eine Wahrheit kenne, die sie nicht behandelt hätten, oder ob man nun alles erfasst habe. Sein Weg führt ihn also vom Bekannten zum Speziellen, vom Allgemeinen zu den Details, die seine Argumente untermauern sollen.

In Kapitel zwei erklärt er, dass die Wahrheit einer Aussage nicht in der ausgesagten Sache liege – denn das Vorliegen der ausgesagten Sache muss viel mehr die Bedingung dafür sein, dass eine Aussage darüber als wahr angenommen werden kann. Die Sache selbst ist also die Ursache der Wahrheit einer Aussage. Des Weiteren ist aber auch die Aussage selbst nicht die Wahrheit, die in einer wahren Aussage zu suchen ist: Schließlich wäre sonst jegliche Aussage wahr, ganz unabhängig davon, was sie aussagt oder anzeigt. Die Wahrheit in der Aussage lässt sich eher so bestimmen: „Wenn sie (die Aussage) anzeigt, daß (der Fall) ist, was (der Fall) ist, dann ist in ihr Wahrheit und sie (die Aussage) ist wahr“ („De Veritate“, Kapitel 2, S. 13). Auf einen einfachen Nenner gebracht verhält es sich also so, dass die Aussage, wenn sie anzeigt, dass der Fall ist, was der Fall ist – dass also etwas so ist, wie es tatsächlich ist – dass sie dann recht anzeigt und wahr anzeigt. Sie tut, was sie in ihrer Schuldigkeit Gott gegenüber tun soll, denn von Gott hat die Aussage die Fähigkeit erhalten, etwas auszusagen. Dementsprechend, so argumentiert Anselm weiter, ist auch eine Aussage, die anzeigt, dass der Fall ist, was nicht der Fall ist, in dem Sinne als wahr zu bezeichnen, dass sie das tut, was sie von Gott erhalten hat, zu tun – nämlich etwas auszusagen. Er unterscheidet also die Wahrheit einer Aussage in zwei Verschiedenheiten: „Es gibt also eine Rechtheit und Wahrheit der Aussage, die anzeigt, was anzuzeigen sie geschaffen ist; es gibt aber auch eine andere (Rechtheit und Wahrheit der Aussage), die anzeigt, was anzuzeigen sie empfangen hat.“ („De Veritate“, Kapitel 2, S. 17).

Die empfangene Rechtheit der Aussage, etwas auszusagen, besitzt sie immer, sie kann ihr durch nichts genommen werden; während die Rechtheit, für die sie geschaffen wurde, das heißt, die Rechtheit, eine korrekte Aussage über einen Gegenstand zu treffen, nicht selbstverständlich ist – denn man kann auch eine Aussage über etwas treffen, die nicht mit dem bezeichneten Gegenstand übereinstimmt und dementsprechend im Volksmund als falsch oder unwahr bezeichnet wird. Dies also ist eine erste Hinführung zur tieferen Existenz der Wahrheit: Wahrheit als von Gott gegebene Fähigkeit – und dementsprechend als unantastbare Grundlage ihrer weiteren Verwendung.

2.1.2. Wahrheit des Denkens & Wahrheit des Willens

In Analogie hierzu geht Anselm im dritten Kapitel mit der Wahrheit des Gedankens um: Nicht unbedingt darin liegt die Wahrheit des Gedankens, dass man etwas über einen Sachverhalt denkt, das auch tatsächlich zutrifft – dies wäre ja nur eine oberflächliche, eine physische Übereinstimmung, in der keine tiefere Wahrheit liegt. Sondern der Prozess des Denkens überhaupt, dem Menschen von Gott gegeben, beinhaltet eine Schuldnis des Menschen gegenüber Gott: Dem Menschen wurde gegeben, zu denken, dass der Fall ist, was der Fall ist, und dass nicht der Fall ist, was nicht der Fall ist, also sind wir Menschen es Gott schuldig, dies auch zu tun. Allein die Tätigkeit des Denkprozesses (hier definiert als Aussagesatz ohne Ausformulierung, das heißt, ohne lautliche Realisierung, sondern nur im Kopf stattfindend) beinhaltet die Wahrheit des Denkens als Soll der von Gott dem Menschen gegebenen Fähigkeit.

Wenn er im vierten Kapitel zur Wahrheit des Willens kommt, verlässt er für einen kurzen Moment die Bahn der rationalen Begründungen, um sich auf ein Fallbeispiel aus der Heiligen Schrift als Autoritätsargument zu beziehen: Der Fall des Teufels als Beispiel dafür, was die Wahrheit des Willens ist – nämlich die Rechtheit des Willens. Wenn der Mensch das will, was Gott will, dass es der Mensch will, dann will er in rechter Weise und somit in wahrer Weise. Hier schon wie auch in den vorigen Kapiteln zeigen sich erste Parallelen und Zusammenhänge zwischen der Wahrheit und der Rechtheit. Weil „Wahrheit oder Rechtheit in seinem Willen nichts anderes war, als zu wollen, was er (wollen) sollte“ („De Veritate“, Kapitel 4, S. 23), zeigt sich, dass die Wahrheit des Willens nichts anderes als dessen Rechtheit ist – solange der Mensch will, was er von Gott aus wollen soll, befindet er sich in der Rechtheit des Willens und somit in der Wahrheit.

Schon an diesen ersten Kapiteln lässt sich wiederum die Beweisführung Anselms vom Allgemeinen zum Speziellen nachvollziehen. Auch zeigt sich besonders an diesem vierten Kapitel, dass sein Anspruch auf rationale Argumentation mitunter hinter dem unantastbaren Glauben zurückstehen muss. In den Verlauf der Gesamtargumentation indes fügen sich die einzelnen Beweisführungen nahtlos ein. Vom allgemein und gut Bekannten geht er nun immer weiter zu speziellen und durchaus auch problematischeren Beispielen über.

2.1.3. Wahrheit des Handelns

Im fünften Kapitel erfolgt eine weitere Analogie, diesmal zu Kapitel zwei (auch an den wiederholt auftretenden Parallelen kann man gut die durchstrukturierte Vorangehensweise Anselms erkennen). Denn wie er dort die beiden Wahrheiten des Aussagesatzes unterscheidet zwischen einer „naturhaften, unveränderlichen und einer akzidentell-veränderlichen Wahrheit“ („De Veritate“, Einleitung, S. XL), so unterscheidet er hier zwischen einer vernunftgemäßen und einer vernunftlosen Handlung und zieht zur Verdeutlichung das Feuer als Beispiel heran: Wenn das Feuer gemäß seiner Fähigkeit wärmt, dann tut es, was ihm von Gott gegeben wurde, tun zu können, und also handelt es in rechter Weise. Dies ist eine Wiederholung des Schuldigkeitsmotivs gegenüber Gott, der einem jeden die Fähigkeit gegeben hat, etwas Bestimmtes zu tun, und deshalb sozusagen erwarten kann, dass ein jeder dies auch tut. Die vernunftbegabten Handlungen sind in diesem Sinne nicht so zwanghaft – ein Mensch kann frei entscheiden, ob er einem Bettler Almosen geben will oder nicht. Allerdings tritt hier wieder das Moment des Sollens auf: Über das Bibelzitat „Wer die Wahrheit tut, kommt an das Licht“ („De Veritate“, Kapitel 5, S. 25) leitet Anselm zu dem Glaubensgrundsatz über, dass gute Handlungen eine unverzichtbare Grundlage für die Gnade Gottes sind.

Und immerhin geht es ihm ja auch um die Wahrheit im Handeln, welche er wiederum als nichts anderes als die Rechtheit erkennt. Erneut von einem Bibelzitat ausgehend, erklärt er, dass „böse handeln“ und „Wahrheit tun“ bzw. „gut handeln“ entgegengesetzt seien – dementsprechend müssten „Wahrheit tun“ und „gut handeln“ bedeutungsgleich sein. „Es ist aber allgemeine Ansicht, daß, wer tut, was er (tun) soll, gut handelt und die Rechtheit tut.“ („De Veritate“, Kapitel 5, S. 23). Womit der Schluss gezogen wäre dahin, dass „die Wahrheit der Handlung Rechtheit ist“ („De Veritate“, Kapitel 5, S. 23).

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Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668169463
ISBN (Buch)
9783668169470
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317588
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Note
3,0
Schlagworte
Geschichte der Philosophie Theologische Philosophie Anselm von Canterbury De Veritate Gottesbeweis Theodizee

Autor

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Titel: Der Begriff der Wahrheit in Anselm von Canterburys "De Veritate". Eine Quellenuntersuchung