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Die psychische Entwicklung des Individuums aus Sicht der Tiefenpsychologie. Theoretische Aspekte und ihre Bedeutung für die therapeutische Praxis

Essay 2015 15 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Tiefenpsychologisches Grundverständnis
1.1 Tiefenpsychologisches Grundverständnis
Was bedeutet das für die Praxis?
1.2 Die Entwicklung in Krisen
Was bedeutet das für die Praxis?
1.3 Fünf Stufen der krisenhaften Entwicklung
Was bedeutet das für die Praxis?
1.4 Die vierte Phase: Individuation
Was bedeutet das für die Praxis?
1.5 Die fünfte Phase: die primäre Sozialisation
Was bedeutet das für die Praxis?
1.6 Die Latenzzeit: die sekundäre Sozialisation
Was bedeutet das für die Praxis?
1.7 Die Pubertät
Was bedeutet das für die Praxis?

2. Die Konfliktsituationen
2.1 Allgemeine Konfliktbeschreibung
Was bedeutet das für die Praxis?
2.2 Pathologische Konstellationen
Was bedeutet das für die Praxis?

3. Die neurotische Störung: eine Krankheit?

4. Das psychodynamische Modell
Was bedeutet das für die Praxis?

Quellen:

1. Tiefenpsychologisches Grundverständnis

1.1 Tiefenpsychologisches Grundverständnis

Nicht nur im tiefenpsychologischen Verständnis der Entwicklung des Individuums werden die ersten Erfahrungen in der Beziehung zur primären Bezugsperson als stark bestimmend und entscheidend angesehen.

In der tiefenpsychologischen Betrachtungsweise sieht man die Interaktion zwischen Baby und primärer Bezugsperson in ihrer Wechselwirkung dafür verantwortlich, dass das Baby aufgrund seiner Erfahrung der emotionalen Resonanz der Bezugsperson und deren schrittwiese Wiederholung und damit Verinnerlichung sich allmählich eine innere emotionale Basis bzw. emotionale Tiefenstruktur etabliert und entwickelt. Basis- oder Tiefenstruktur deswegen so genannt, weil später unbewusst auf die gespeichert und verinnerlichten Erfahrungsstrukturen quasi automatisch zurückgegriffen wird und diese Strukturen auch unbewusst die Reaktionen und Verhaltensweisen des Kindes, des Heranwachsenden und jungen Erwachsenen bestimmen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Wenn Anamnese und vorläufige Diagnose (Verdachtsdiagnose) eine solche frühkindliche Erfahrung als Ursache von Störungen in der Persönlichkeit oder des Verhaltens des Klienten herausarbeiten, muss eine mögliche Therapie darauf ausgerichtet sein, die dysfunktionalen Erfahrungen durch korrektive Erfahrungen zu ersetzen, zu überschreiben oder zu kompensieren, je nach gewählten therapeutischen Verfahren.

Was letztendlich in den neuronalen Strukturen geschieht, ist wissenschaftlich nicht endgültig geklärt.

1.2 Die Entwicklung in Krisen

Die Entwicklung des Individuums erfolgt immer und unausweichlich über krisenhafte Phasen. Es geht immer darum, dass der Mensch, ganz gleich in welchem Alter, etwas zurücklassen, aufgeben und verlieren muss, um etwas Neues zu gewinnen, erfahren, erwerben zu können. Abschieds- und Verlustgefühle auf der einen Seite, Unsicherheit und Notwendigkeit zur Neuorientierung auf der anderen Seite. In diesem Spannung- und Konfliktfeld befindet sich der Mensch sein Leben lang. Oft laufen die Veränderungen langsam, still und leise ab, und der Mensch wundert sich eines Tages im Rückblick, wer und was aus ihm geworden ist.

Manchmal gibt es aber auch ein plötzliches Ereignis, das den Menschen zur Neuausrichtung und zur Neuorientierung zwingt. Negativ gesehen kann es sich um ein traumatisches Ereignis handeln, um einen traumatischen Schock, positiv gesehen kann es eine Überraschung oder ein Glücksfall sein, die dem Leben eine neue Richtung eröffnen, eine neue Wende geben.

Was bedeutet das für die Praxis?

Ganz wichtig ist in solchen Situationen die Anpassungsfähigkeit des Menschen, um nicht in das Spektrum der sogenannten Anpassungsstörungen, verbunden mit Depression, Erschöpfungszustände und Burnout zu geraten. Wichtig ist auch zu sehen, dass es nicht nur die reine Übergangsphase als krisenhafte Erscheinung gibt, sondern dass innerhalb dieser Phasen auch jeweils mindestens zwei Kräfte in entgegengesetzter Richtung am Individuum zerren. Der Mensch steht in solchen krisenhaften Situationen unter Spannungen, die ihn zu zerreißen drohen.

1.3 Fünf Stufen der krisenhaften Entwicklung

Wenn man die Entwicklung grob in fünf Stufen einteilt, so wird das Baby in der ersten Phase nach der Geburt einerseits mit der Mutter symbiotisch verschmelzen, das heißt, sich und die Mutter als eine Entität erleben. Gleichzeitig beginnt aber bereits der Prozess, in dem das Kind die Mutter allmählich als Objekt erkennt und ihren Anblick, ihr Sprechen von anderen unterscheiden zu können.

Ist diese zweite Stufe, also die dyadische Beziehung erreicht, erfolgt bereits der Beginn der dritten Stufe. Hier muss das Kind lernen zu akzeptieren, dass es noch eine dritte Person in seinem Leben gibt. Diese Person muss nicht unbedingt der Vater sein, sie ist aber ebenfalls eine wichtige, quasi zweite primäre Bezugsperson. Aus der dyadischen ist eine triadische Beziehung geworden.

Werden diese Phasen nicht oder nur unvollständig durchlaufen, kann das Kind später nicht spielen (= sich ausprobieren), es wird nicht oder nur sehr schwer funktionierende Beziehungen eingehen können, es nicht richtig gelernt hat mit seinen Gefühlen angemessen umgehen zu können. Es fehlte ganz oder zum Teil die emotionale Spiegelung durch eine primäre Bezugsperson. Mangelnde Impulskontrolle und sozial destruktives oder zu Teilen dysfunktionales Verhalten bis hin zu Aggression gegen Sachen und Menschen, Zerstörungswut sind die möglichen Folgen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Werden in einleitenden oder bereits anamnestischen Gesprächen die vorgenannten Störungsbilder angesprochen, muss man jedem auch noch so schwachen Hinweis auf mögliche frühkindliche Erfahrungen nachgehen, die zu dem führen könnten, warum der Klient den Therapeuten aufsucht. Oft sind es zunächst einmal die Komorbiditäten, die einen solchen Leidensdruck verursachen, die den Klienten veranlassen, Hilfe zu suchen. Die tieferliegenden Gründe lassen sich erst nach mehreren Sitzungen entdecken.

1.4 Die vierte Phase: Individuation

Die folgende Phase ist die der Individuation. Das Kind erfährt, erlebt und erlernt die Subjekt-Objekt Trennung, erkennt und erforscht sein räumliches Umfeld (Krabbel-Phase) und wird auf eine funktionale und konstruktive Art aggressiv. Alle Dinge in Reichweite werden auf ihre Stabilität oder Zerbrechlichkeit hin überprüft.

Der schwierigste Teil ist im dritten Lebensjahr die sogenannte Trotzphase. Das Kind entdeckt seinen eigenen Willen und versucht sich gegen andere (primäre und sekundäre Bezugspersonen) durchzusetzen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Dysfunktionale Verhaltensweisen, Verhaltensstörungen wie mangelnde Impulskontrolle, mangelnde Bindungsfähigkeit ebenso wie mangelndes Selbstbewusstsein und geringes Selbstwertgefühl bis hin in als Erwachsener können sich entwickeln oder ihre Ursachen hier zu finden sein.

Es ist deine Gratwanderung zwischen liebevoller Grenzziehung und Unterdrückung der kindlichen Impulse einerseits und der Gewährung einer zu großen Freiheit, die auch das Maß der Vernachlässigung annehmen kann, andererseits.

1.5 Die fünfte Phase: die primäre Sozialisation

Der nächste Entwicklungsabschnitt, die primäre Sozialisation, beinhaltet die Ich- und Selbst-Entwicklung des Menschen. Rollenspiele stehen im Vordergrund, das Ausprobieren unterschiedlicher sozialer Identitäten. Die Kinder schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen, lieben das Verkleiden, auch im Spiel mit- und untereinander. Sie erleben so in ihrer Fantasie, das ‚ was wäre, wenn…‘.

Was bedeutet das für die Praxis?

Man kann sich hier vorstellen, dass bei einer Einschränkung der Spiel- und Ausprobiermöglichkeiten oder gar beim ‚Brechen des Kinderwillens‘ in der Trotzphase das Kind sich nicht so entwickeln kann, wie es ihm angemessen oder adäquat wäre. Das Kind empfindet einen Mangel, ein Bedürfnis, das ungestillt bleibt, und spürt später diesen Mangel als unerklärliche Frustration, die wiederum zur Depression und zur Aggression gegen sich selbst oder andere führen kann.

1.6 Die Latenzzeit: die sekundäre Sozialisation

In der Phase der Latenzzeit erfolgt die sogenannte sekundäre Sozialisation, in der sich das Kind als Mitglied einer größeren Gruppe erfährt. Die Mitglieder dieser Gruppe stammen nicht unbedingt aus dem familiären Umfeld. Es können Kita-Gruppe, Nachbarschaft oder ein Spielkreis sein. Hier lernt das Kind von und mit anderen. Es kann im Vergleich oder im Wettbewerb sich praktisch betätigen und erproben und durch Erfolgs- aber auch durch Erfahren der eigenen Grenzen sich selbst kennenlernen. Es kann sich so ein gesundes, an der sich entwickelnden Persönlichkeit orientiertes und nicht mehr fantasiegeprägtes Selbst und Selbstbewusstsein aufbauen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Kinder, die in ihrer Entwicklung nie motivierend begleitet wurden, trauen sich gar nichts zu. Ihr mangelndes Selbstvertrauen und wenig entwickeltes Selbstbewusstsein, ihre fehlende Erfahrung der Selbstwirksamkeit können einerseits zu einem totalen Minderwertigkeitsgefühl führen, wiederum mit den Folgen der Depression, Frustration und Aggression. Es kann aber auch eine Regression auf die Phase der primären Sozialisation als Coping-Strategie eintreten und der Klient sich in seine kindliche Fantasiewelt zurückziehen und dort als Kompensation eine Größen- oder Allmachtphantasie entwickeln. In dieser Konfliktsituation kann möglicherweise auch eine Erklärungsmöglichkeit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung liegen.

Eine Möglichkeit therapeutisch einzugreifen wäre, mit dem Klienten einen Weg zu vereinbaren, auf dem er etwas Neues in Angriff nimmt und ihm während dieses Lernprozesses die Fortschritte im eigentlichen Sinn des Wortes als ‚fortschreiten, weggehen, oder zurücklassen‘ alter Bedingungen und Auffassungen und Glaubenssätzen zu vermitteln. Denn waren in der Phase der sekundären Sozialisation die Faktoren Lernen, praktisches Können und dadurch Entwicklung von Selbstvertrauen und Erfahren von Selbstwirksamkeit die entscheidenden Dinge, so kann man es dem Klienten ermöglichen, unter Anleitung und stabilisierender und motivierender Begleitung diese Entwicklung nachzuholen.

1.7 Die Pubertät

In der Folgephase, der Pubertät, verlässt das Kind, der Heranwachsende seine Familie und orientiert sich an den Mitgliedern seiner Peergroup, in der Regel etwa gleichaltrig und zunächst auch gleichgeschlechtlich sind. Im zweiten Teil der Pubertät werden eigene Freundschaften angestrebt, die dann auch zu gegen- oder gleichgeschlechtlichen Kontakten führen, jedenfalls im Sinne einer Partnerschaft. Es kann eine Phase der Revolte ausbrechen oder auch das Gegenteil, d.h. die Übernahme der Werte, Verhaltensweisen, Einstellungen und Erwartungshaltungen der Elterngeneration oder sogar der Rückbesinnung auf Traditionen der Großelterngeneration. Die Besinnung oder Orientierungen können in dieser Phase durchaus noch einen probatorischen Hintergrund haben. Der Heranwachsende probiert sich aus. Erst in der Phase der sogenannten Spätpubertät trifft der Jugendliche Entscheidungen, die sein weiteres Leben mitbestimmen. Es geht hier um Berufs- und Partnerwahl, der Entwicklung eines Bildes von sich selbst, welches, die eigenen bereits vorhandenen Fähigkeiten miteinbezieht, aber auch die Potenziale, die es noch zu entwickeln, realisieren und aktualisieren gilt. Gleichzeitig müssen aber auch die eignen Grenzen erkannt und akzeptiert werden. Viele zu treffende Entscheidungen beruhen auf der sich bereits herausgebildeten und noch weiter zu entwickelnden Selbstdefinition und übernommenen oder gewählten Rollenbildern.

Was bedeutet das für die Praxis?

Diese Entwicklungsphase beinhaltet offensichtlich ein hohes Konfliktpotenzial. Wer waren die Bezugspersonen jenseits der Familie, in welchen Freundeskreisen (Peergroups) verkehrte der Klient, wie waren seine ersten Kontakte mit sexuellem Hintergrund mit dem anderen oder gleichen Geschlecht, waren die Revolten von tieferen Überzeugungen geleitet oder waren es lediglich spielerische Versuche der Selbstfindung, kam es zu Grenzüberschreitungen, die mit persönlichen Konsequenzen für den Klienten verbunden waren, wurden Anpassungen erzwungen oder Revolten gewaltsam gebrochen und unterdrückt? Und, letztlich, welche Bedeutung spielen diese möglichen Erfahrungen und welche möglichen Wirkungen haben sie noch immer im Komplex des Leidensbildes des Klienten?

2. Die Konfliktsituationen

2.1 Allgemeine Konfliktbeschreibung

In jeder Phase der frühkindlichen, kindlichen, pubertären und früherwachsenen Entwicklung geht es um den Konflikt zweier Grundpositionen.

In der symbiotischen Bindung zwischen Mutter und Neugeborenem ist es der Nähe-Konflikt. Das Kind wünscht sich die unmittelbare Nähe zur Mutter und es bedarf dieser Nähe mit einem unbedingten Anspruch. Durch diesen Anspruch kann sich die Mutter aber auch überfordert fühlen und quasi als Coping-Strategie sucht sie zeitweise eine für das Kind unangenehme Distanz.

Geht das Kind in die zweite Phase der Entwicklung und erkennt es sich selbst als Subjekt und die Mutter als Objekt, geht es in dem nun folgenden Konflikt um Abhängigkeit und Autonomie. Die Art und Weise wie diese Krise durchlebt wird, ist maßgebend für die spätere Bindungsfähigkeit und das zukünftige Bindungsverhalten des Erwachsenen. Kommen noch unverarbeitete Dinge aus der Phase der Subjekt-Objekt Differenzierung hinzu, erschwert dies eine gesunde Entwicklung.

Ebenso schwierig wird die Entwicklung in der Phase der Triadisierung verlaufen, wenn das Kind nun sich als eigenständiges und gleichzeitig noch abhängiges aber bindungsunsicheres Individuum erfährt.

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Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668164734
ISBN (Buch)
9783668164741
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317324
Note
Schlagworte
entwicklung individuums sicht tiefenpsychologie theoretische aspekte bedeutung praxis

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