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Psychiatriegeschichte im Wandel der Zeit. Das psychiatrische Krankenhauses in Heppenheim

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 22 Seiten

Medizin - Neurologie, Psychiatrie, Süchte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychiatrie in der frühen bürgerlichen Gesellschaft
2.1. Ideengeschichtliche Leitideen im Zeitalter des Umbruchs
2.2. Die Ära der Anstaltsgründungen und deren Philosophie

3. Das psychiatrische Krankenhaus in Heppenheim
3.1. Georg Ludwig und die Gründung der Großherzoglichen Landes-Irrenanstalt in Heppenheim
3.2. Die Landesirrenanstalt als Heil und Pflegeanstalt
3.3. Die Krisenzeiten 1914-1945
3.4. Von der Krise zur Katastrophe
3.5. Der Weg zum modernen Krankenhaus

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seelische Störungen sind heutzutage eine der am häufigsten Erkrankungen der Menschheit. Folgt man der deutschen Techniker Krankenkasse, so litten im Jahr 2013 fünf Prozent der Versicherten an psychischen Erkrankungen und Störungen. Die Fehlzeiten der Versicherten sind in den Jahren 2000 bis 2013 um 69 Prozent gestiegen und eine Besserung ist bisher nicht in Sicht1. Auch in der Vergangenheit waren viele Menschen von physischen Erkrankungen betroffen. Falls man diese Menschen überhaupt behandelte, dann mit fragwürdigen Mitteln. Gang und gebe war es, die Irren einfach aus der Gesellschaft herauszunehmen und sie in dementsprechende Einrichtungen unterzubringen um sie dort meist verwahrlosen zu lassen2.

Die Geschichte der Psychiatrie ist mehr als jede andere medizinische Disziplin in der Menschheit abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Einstellungen. Aus heutiger Sicht stößt der Umgang mit Geisteskranken Menschen im Laufe der Zeit auf eine große Absonderlichkeit der damaligen Weltbilder und deren Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen3.

Es stellt sich Kontext der zuvor erläuterten Problematik die Frage, inwieweit und durch welche Einflüsse sich der Umgang mit Geisteskranken Menschen im Laufe der Geschichte zum heutigen Standard entwickelte. Warum kam es zu Großinstitutionen in denen Geisteskranke mehr verwahrt als aktiv therapeutisch gefördert wurden und mit welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen standen diese Verachtung in Bezug auf psychisch Kranke und behinderten Menschen.

Ich möchte die Frage anhand eines konkreten Beispiels analysieren. Das psychiatrische Krankenhaus in Heppenheim bietet mit seinem 139 jährigen Bestehen eine gute Grundlage für die Untersuchung. Ich habe mich für diese Einrichtung entschlossen, da sie zum einen meine Kindheit in Form von Ehrfurcht und dem Drang, was hinter den Mauern wohl passieren könnte, geprägt hat. Zahlreiche Geschichten kamen mir vor Ort bereits zu Ohren, sodass ich im Kontext meines Seminars über die Psychiatriegeschichte im 19. Jahrhundert, die Chance in dieser Ausarbeitung nutzen möchte, mich ausführlich mit dieser Einrichtung und deren Geschichte zu beschäftigen. Daneben erscheint es mir in Bezug auf die Vorherrschaft an psychischen Erkrankungen in der heutigen Gesellschaft als notwendig, mich mit der Entwicklung und dem Umgang mit Betroffenen zu beschäftigen.

Ich möchte diese Ausarbeitung mit der Vorstellung über Psychiatrie in der frühen bürgerlichen Gesellschaft beginnen. Einleitend werde ich hierbei einen kurzen Abriss der historischen Entwicklung vor dieser Epoche erläutern um im Anschluss die weitere Phasen aufzeigen zu können. Ich werde hierbei das damalige Verständnis über Geisteskrankheiten erläutern und den Umgang mit Betroffenen in damaligen Gesellschaft darlegen. Um diese Ausarbeitung nicht zu sprengen, werde ich die unterschiedlichen Geisteskrankheiten dieser Zeitepoche allerdings nicht ihren Formen und Merkmalen beschreiben, sondern mich lediglich auf die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und dem Umgang mit dieser Personengruppe konzentrieren.

Im ersten Unterkapitel werde ich die geschichtlichen Leitideen im Zeitalter des Umbruchs vorstellen. Dabei werde ich die Gründe für die gesellschaftlichen Veränderungen beschreiben und die Wegbereiter hierfür benennen und um diese Hausarbeit zu konzipieren, nur auf einzelne Grundideen dieser Personen näher eingehen. Genaue Abläufe von Revolutionen werde ich nicht analysieren, sondern lediglich deren Auswirkungen auf die Psychiatrie in diesem Kapitel aufzeigen.

Die Umbrüche riefen zur damaligen Zeit eine Ära von Anstaltsgründungen ins Leben, mit dessen Thematik ich mich im zweiten Unterkapitel innerhalb des zweiten Kapitels beschäftigen möchte. Neue Umgangsformen und ebenfalls deren Wegbereiter werden hierbei vorgestellt. Auch werde ich in diesem Kapitel das damalige Verständnis von Geisteskrankheiten aufzeigen und das Personenbild eines Anstaltspsychiaters für die weitere Erschließung dieser Hausarbeit vorstellen. Der bisher vorgestellte Inhalt soll für den weiteren Verlauf als Einleitung für das darauffolgende Verständnis dienen. Ich möchte in der weiteren Abfolge dieser Ausarbeitung, weitere Entwicklungen innerhalb der Psychiatriegeschichte, explizit an dem Beispiel des psychiatrischen Krankenhauses in Heppenheim erläutern.

Im dritten Kapitel möchte ich mich zunächst dem Gründer der Anstalt Georg Ludwig widmen. Nach meinen Recherchen war er für die damalige Zeit eine bemerkenswerte Persönlichkeit, welchem eine Heilung der Patienten an oberste Stelle stand. Ich werde innerhalb dieses Kapitel sein Leben und sein Verständnis zu Geisteskranken und deren Umgang aufzeigen, um im nächsten Kapitel die Heil- und Pflegeanstalt in Heppenheim vorstellen zu können.

Das zweite Unterkapitel des dritten Kapitels thematisiert die Landes-Irrenanstalt in Heppenheim in ihrem vollem Charakter, bei welchem ich die Hintergründe für dessen Beschaffenheit erläutern werde.

Im darauffolgenden Unterkapitel, werde ich mich den Krisenzeiten von 1914- 1918 der Anstalt widmen. Hier wird der Wendepunkt der Verschlechterung in Bezug auf dem Umgang mit Geisteskranken deutlich. Das Zeitalter der Völkerfeindschaften bedeutete negative Veränderungen innerhalb Deutschlands und der Anstalt in Heppenheim mit sich. Ich werde in diesem Kapitel die Situation der Patienten und der damaligen Ärzten während dieser Epoche offenbaren und erste Hinweise auf die darauffolgende Katastrophe innerhalb des Nationalsozialismus aufzeigen. Daneben werde ich auch explizit auf die Veränderungen innerhalb der psychiatrischen Anstalt in Heppenheim eingehen.

Im vierten Unterkapitel innerhalb des dritten Kapitels dieser Ausarbeitung werde ich mich dem dunkelsten Kapitel innerhalb der Psychiatriegeschichte zuwenden. Die zuvor gewonnen Erkenntnisse erscheinen innerhalb dieser Zeit wie ausgelöscht oder so, als hätten sie nie existiert. Auch hier werde ich wieder die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und der Ärzte thematisieren und die Situation für Betroffene aufzeigen und die Akzeptanz von Sterilisationen analysieren.

Im letzten Kapitel möchte ich mich dem Weg des psychiatrischen Krankenhauses in die Moderne widmen. Die Innovationen lassen sich hierbei auch auf andere Einrichtungen dieser Art übertragen und markieren das Ende der Umbrüche innerhalb der Psychiatriegeschichte und dem Umgang mit dessen Patienten. Ich werde in diesem Kapitel lediglich die Veränderungen benennen, um in meinem Fazit ein abschließend Resümee über die Thematik aufzeigen zu können.

Für die Analyse der Fragestellung kann eine Fülle an Literatur herangezogen werden. Für die Untersuchung des psychiatrischen Krankenhauses in Heppenheim, habe ich hauptsächlich das Werk des Landeswohlfahrtsverband Hessens „Psychiatrie in Heppenheim, Streifzüge durch die Geschichte eines hessischen Krankenhauses 1866-1992“ bezogen. Die Autoren dieses Werkes geben einen detaillierten Überblick in die Geschichte des Krankenhauses, gekoppelt mich reichlich Bildmaterial und Briefmaterial der Patienten und damaligen Behörden. Sehr aufschlussreich für diese Ausarbeitung ist das Werk von Dirk Blasius „Einfache Seelenstörung, Geschichte der deutschen Psychiatrie 1800/1945“ und das Werk von Klaus Dörner „Bürger und Irre“. Alle anderen Werke sind selbstverständlich im Literaturverzeichnis aufzufinden

2. Psychiatrie in der frühen bürgerlichen Gesellschaft

Betrachtet man einleitend die griechische Antike, so lässt sich der Umgang mit Geisteskranken Menschen, auch ohne genaue wissenschaftliche Erkenntnisse über den menschlichen Körper, als sehr human beschreiben.4 Mit der entstehenden Vorherrschaft des Christentums in Rom und darauffolgend in ganz Europa, änderte sich die Handhabung mit Geisteskranken Menschen schlagartig. Aufklärerische Schriften wurden von den Christen verboten und Exorzismus und Hexenverfolgung nahmen den Platz der Therapie ein. Die Blütezeit dieser Handhabung lässt sich vom 11. bis zum 17. Jahrhundert datieren. Ein menschliches Benehmen, welches nicht der allgemeinen Norm der damaligen Gesellschaft entsprach, stieß auf große Intoleranz unter den Bürgern. Das abnormale Verhalten solcher Personen konnte man sich nicht erklären. Man nahm an, sie seien vom Teufel oder von Dämonen besessen und schloss sie aus diesen Gründen einfach weg.5

Geisteskranke gerieten in die Gewalt von „sicherheits- und ordungspolizeilichen Säuberungsaktionen absolutistischer Staatsverwaltungen“6 und wurden zusammen mit Asozialen und Verbrechern, in „Zucht-, Armen-, Waisen-, Siechen- und Tollhäusern des 17. und 18. Jahrhunderts untergebracht“.7 Die Häuser waren vergleichbar mit Gefängnissen, wo die meisten Insassen mit Behinderten, Armen, Prostituierten und Straftätern vor sich hin vegetierten. Körperliche Arbeit stand auf dem Tagesplan der Insassen, nicht mehr arbeitsfähige Menschen wurden isoliert und psychisch vernachlässigt.8 Daneben wurden Betroffene nicht nur interniert, sondern auch über nationale Grenzen hinweg, beispielsweise durch Verschiffung, in andere Gebiete exterritorialisiert.9

Die bedenkenlose Akzeptanz gegenüber dieser Handhabung in der breiten Öffentlichkeit, spiegelt sich beispielsweise in dem sich entwickelten Familienbewusstsein des 18. Jahrhunderts nieder. Angehörige empfanden es als Erleichterung und als Segen, ein Familienmitglied in eine der genannten Einrichtungen unterbringen zu können. Man verstand unter den Toll- und Zuchthäusern zu dieser Zeit keine Strafanstalten, sondern Häuser, in denen eine Erziehung der Betroffenen für ein besseres Benehmen vorgenommen wurde.10

Daneben war es üblich, dass Geisteskranke zu dem Repertoire von Schaustellern und Wandertruppen gehörten. Sie wurden gegen Entgelt auf großen Plätzen Kindern und Erwachsenen vorgeführt und galten als sehr gute Belustigung für die breite Öffentlichkeit. Kaum einer stellte zur damaligen Zeit dieses Vorgehen in Frage, weder in Bezug auf deren Gefühlsleben, der Rechtsempfindung oder gar in Anbetracht der Religion11.

Kirchliche, städtische und staatliche Umbrüche spiegeln sich in den politischen Verhältnissen innerhalb der europäischen Länder wieder.12 Um einen Wendepunkt aufzeigen zu können, möchte ich im nächsten Unterkapitel mich den ideengeschichtlichen Leitgedanken dieser Zeit widmen, um in den kommenden Kapiteln, meine Erkenntnisse am Beispiel des psychiatrischen Krankenhauses in Heppenheim aufzeigen zu können.

2.1. Ideengeschichtliche Leitideen im Zeitalter des Umbruchs

Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)13

Goethe umschreibt mit diesem Zitat exzellent das Bestreben vieler Menschen im 17. und 18. Jahrhundert. Die Französische Revolution (1789-1792) zertrümmerte dogmatisch „alte Herrschaftsstrukturen und begründete mit den Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eine neue Gesellschaftsordnung. Das Zeitalter der Aufklärung erreichte seinen Höhepunkt und stieß die Tore überall weit auf, die auch für die Psychiatrie […] neue Wege mit umwälzenden Einsichten eröffneten.14

Für den Prozess der Erneuerung nennenswerte Personen waren neben Goethe „Kant (1724-1804), Voltaire (1694-1778), Hume (1711-1776) und Rousseau (1712-1778) ebenso […] Lessing (1729-1781) und Schiller“15, bedeutsame Persönlichkeiten dieser Umbruchszeit. Das Ansehen des Staates und der Kirche wurde in den Köpfen der Menschheit immer weiter in den Hintergrund gedrängt „die Welt wurde entzaubert, so daß in ihr der Aberglaube an Hexen und Dämonen kaum noch Platz hatte“.16 Höhepunkt dieses Umbruchs markierte die Kantische Lehre 1781 mit ihrer Kritik der reinen Vernunft, welche den Grundbaustein für den stetigen Fortschritt in den Naturwissenschaften und innerhalb der Psychiatrie legte.17

Geisteskrankheiten lassen sich zur damaligen Zeit in vier Kategorien unterteilen, deren Symptome und Merkmale ich jedoch, um diese Ausarbeitung nicht zu sprengen, nicht weiter thematisieren möchte, sondern diese für die weitere Erschließung dieser Hausarbeit lediglich benennen möchte. Man unterschied innerhalb der Geisteskrankenheiden nach der Tobsucht oder Phrenesie genannt, nach der Manie oder Wahnwitz, nach Delirium oder Blödigkeit und nach Melancholie oder auch Schwermut benannt.18

Bereits im 17. Jahrhundert sahen immer mehr Ärzte Geisteskrankheiten als ein medizinisches Problem an. Allerdings wurde noch keine klare Grenzlinie zwischen Psychischem und Somatischen (Geistes- und Körperkrankheiten) gezogen. Die klinische Psychiatrie entwickelte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts und wurde ab diesen Zeitpunk,t als eigenständige Wissenschaft angesehen. Geisteskranke, die das höchste Gut der Menschheit, die Vernunft verloren hatten, galten nun als besonders bemitleidenswert. Die Behandlung von Geisteskranken wurde durch Joly Genf (1787), Philipphe Pinel (1793), William Tuke (1796), Vincenco Chiarugi (nach 1788) und John Gottf. Langermann (1805) für Betroffene menschlicher und die Irren wurden allmählich von ihren Ketten befreit.19

Deutschlands Blütezeit des Umbruchs, lässt sich in der Zeitspanne zwischen der Revolution 1848/49 und der Reichsgründung im Jahre 1871 datieren. Die zahlreichen Reformvorschläge der zuvor genannten Wegbereiter bezüglich der Notwendigkeit einer Umgestaltung in Bezug auf die Behandlung geisteskranker Menschen, war in der breiten Öffentlichkeit bis Mitte des 19. Jahrhunderts trotz vermehrter neuen Anstaltsgründungen, kein Thema in der Öffentlichkeit 20.

Die Medizin wurde in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts von der Romantik beherrscht. Viele Psychiater waren zugleich Dichter, dies bedeutete für die breite, meist unliterarische Öffentlichkeit, dass „Nichtwissen mit leeren und seltsamen Worten zu verhüllen statt es offen und bescheiden zuzugeben“21, was ein allgemeines Verständnis über Geisteskranke natürlich erschwerte. Der Ausdruck dieser romantischen Psychiatrie waren die Psychiker, welche Geisteskrankheiten als eine Erkrankung der körperlosen Seele aufgrund von Sündentaten betrachteten. Bekannter Vertreter auf diesem Gebiet war J. Heinroth (1773-1843). Ein Gegenpool bildeten die Somatiker, welche Geisteskrankheiten ausschließlich auf körperliche Begebenheiten zurückführten. Bedeutsame Vertreter dieser Ansicht war zum Beispiel Friedrich Nasse (1778-1851).22

Das Ministerium für Medizinangelegenheiten wirkte zur Mitte des 19. Jahrhunderts, der allgemeinen Ausblendung der Irren mit den Publizierungen von Rechenschaftsberichten innerhalb der Anstalten entgegen. Zudem wurde mit den Ideen der französischen Revolution und durch die Fortschritte innerhalb der Medizin und der Biologie neue Denkmuster geschaffen, welches eine zu einer Fülle an Gründungen neuer Anstalten oder deren Umgestaltung führte23. Für die weitere Erschließung dieser Ausarbeitung möchte ich diese Thematik im nächsten Unterkapitel näher thematisieren.

2.2. Die Ära der Anstaltsgründungen und deren Philosophie

In Deutschland ist die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt durch das sich neu entwickelnde Anstaltswesen. Die bereits erläuterten Häuser für Geisteskranke wurden zu Heil- und Pflegeanstalten umgestaltet und neue Einrichtungen dieser Art wurden gegründet. Durch die Erkenntnisse der bereits genannten Wegbereiter, welche die Irren von ihren Ketten befreiten, orientierte sich das deutsche Anstaltswesen an deren moralischen Behandlungsmethoden.24 Anhand der Rechenschaftsberichten der Irrenanstalten „schlägt man die Irren nicht mehr, sondern ist niedergeschlagen von dem Eindruck, den seine Aufbewahrung vermittelt“.25

Das Neue innerhalb der entstandenen Heil- und Pflegeanstalten war der allgemeine Heilgedanke und die Aufhebung der Trennung zwischen heilbaren und nicht heilbaren Menschen. Die Erneuerungsphase lässt sich auf den Zeitraum zwischen 1800 und 1840 datieren. Die Institutionalisierung erstreckt sich bis zu den 60er Jahren des Jahrhunderts, gekoppelt mit ersten Vereinsbildungen von Irrenärzten und der Entstehungen von Fachzeitschriften. Auch wurden in den 60er Jahren erste Lehrstühle in Berlin und Göttingen geschaffen und die Lehre fand Anschluss in Universitäten26.

Die Innovationsfigur für dessen Entwicklung war in Deutschland der bekannte Anstaltspsychiater Wilhelm Griesinger (1817-1868). Sein Werk galt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als unangefochtenes Hauptlehrbuch für Ärzte und Studierende und gab mit diesem Buch den Antrieb, zu einem naturwissenschaftlichen Selbstverständnis der Psychiatrie.

Griesinger folgte dem Konzept der Einheitspsychose, welche dem Gedanken umschließt, dass es keine vorhersagbaren, abgegrenzte psychische Krankheiten gibt, sondern nur Zustandsbilder eines einheitlichen Krankheitsablauf existieren können27. Diese Auffassung, welche versuchte die Fülle an psychopathologischen Symptomen in einer Interpretation zusammenzufassen, wurde von deutschen Psychiatern allgemein anerkannt und erst von Emil Kraepelin (1856-1926) entwickelnden Krankheitssystematik abgelöst.28

[...]


1 Vgl. Gerhard, Saskia (2015): Depressionen werden sichtbarer, nicht häufiger, unter: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-01/psychische-erkrankungen-depressionen-berufstaetige (12.04.2015).

2 Vgl., ebd.

3 Vgl. Schott, Heinz und Tölle, Rainer (2006): Geschichte der Psychiatrie, Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen, München, unter: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/bb/06geschichte.html (12.04.2015).

4 Vgl. o.V. (2011): Umgang mit psychisch Gestörten vom Mittelalter an, unter: http://www.geistundgegenwart.de/2011/10/umgang-mit-psychisch-gestorten-vom.html (09.04.15).

5 Vgl. Humbenschmid, Markus (2009): Zeitreise: Geschichte der Psychiatrie, unter: http://www.swr.de/odysso/geschichte-der psychiatrie/-/id=1046894/did=4919832/nid=1046894/1w43j8s/index.html (27.03.15)

6 Schrenk, Martin (1973): Über den Umgang mit Geisteskranken, Berlin, Heidelberg, New York, S. 2.

7 Ebd.

8 Vgl. Book, Wiki (2010): Geschichte von Psychologie und Psychiatrie, S. 9, unter: http://www.monkisch.de/media/4fcbf760aecfee55ffff8401fffffff4.pdf (27.03.15).

9 Dörner, Klaus (1984): Bürger und Irre, Frankfurt am Main, S. 187.

10 Vgl. Schrenk (1973), S. 27.

11 Vgl. Häßler, Günter/Frank (2005): Geistig Binderte im Spiegel der Zeit, Vom Narrenhäusl zur Gemeindepsychiatrie, Stuttgart, S. 42.

12 Vgl. Schrenk (1993), S.28.

13 http://www.aphorismen.de/zitat/40440 (Aufgerufen am 28.03.15).

14 Pauleikhoff, Bernhard (1983): Das Menschenbild im Wandel der Zeit, Stuttgart, S. 383.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Sahmland, Irmtraut (2013): Das medizinische Verständnis von Geisteskrankenheiten und ihre Behandlung zur Zeit der Aufklärung, S. 99, unter: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/9700/pdf/GU_34_35_2001_02_S93_107.pdf (07.04.2015)

19 Vgl. Ackerknecht, Erwin (1967): Kurze Geschichte der Psychiatrie, Stuttgart, S. 35.

20 Vgl. Blasius, Dirk (1994): Einfache Seelenstörung, Geschichte der deutschen Psychiatrie 1800-1945, Frankfurt am Main, S. 42-43.

21 Ackerknecht (1976), S. 59.

22 Vgl. ebd.,S. 59-60.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Schott, Heinz und Tölle, Rainer (2006): Geschichte der Psychiatrie, Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen, München, S. 259.

25 Blasius (1994), S. 43.

26 Vgl. ebd., S. 46-47.

27 Vgl. ebd., S. 49-50.

28 Eller, Peter (1993): Georg Ludwig und die Gründung der „Großherzoglichen Landes-Irrenanstalt“ Heppenheim, in: Psychiatrie in Heppenheim, Streifzüge durch die Geschichte eines Krankenhauses, S. 20.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668191464
ISBN (Buch)
9783668191471
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317082
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Vertiefungsmodul Neuere Geschichte, Hauptseminar
Note
11
Schlagworte
Psychiatrie Heppenheim Psychiatrische Klinik

Autor

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Titel: Psychiatriegeschichte im Wandel der Zeit. Das psychiatrische Krankenhauses in Heppenheim