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Schulabsentimus. Hintergründe, Interventions- und Präventionsmaßnahmen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 25 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rechtliche Grundlagen zur Schulpflicht und zum Schulbesuch

3. Begriffsdefinitionen
3.1 Schulschwänzen
3.2 Schulverweigerung
3.3 Elterliches Zurückhalten

4. Typische Verhaltensmuster von Schulschwänzern

5. Ursachen
5.1 Individuelle, soziale Faktoren
5.2 Schulbezogene Faktoren
5.3 Schulangst
5.4 Schulphobie

6. Mögliche Folgen

7. Intervention und Prävention der Schule
7.1 Definitionen
7.2 Präventionsmaßnahmen
7.3 Interventionsmaßnahmen
7.4 Bezug zum Seminar „Jugendhilfe und Schulsozialarbeit“

8. Projekte bei Schulverweigerung
8.1 Straßeneckschulen in Baden-Württemberg

9. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Viele Schülerinnen und Schüler haben es im Laufe der Schulzeit schon einmal ausprobiert: das Schulschwänzen.

In Deutschland schwänzen nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes (DL) um die 200.000 Schülerinnen und Schüler (Stand 2011) täglich die Schule. Von insgesamt 12 Millionen schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen fehlen etwa 10 Prozent regelmäßig im Unterricht. Hinter dieser Zahl wird jedoch eine hohe Dunkelziffer vermutet, da Eltern in vielen Fällen das unentschuldigte Fehlen ihrer Kinder decken.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus ist jedoch der Meinung, dass sich das Schulschwänzen statistisch gesehen unterschiedlich darstellt. So wird in Kleinstädten oder kleineren Ortschaften weniger geschwänzt, als in Großstädten, in denen sich die Schülerinnen und Schüler ihrer Anonymität sicher sind. Die Konsequenzen, die aus dem Schulschwänzen gezogen werden, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Sie reichen von beispielsweise Bußgeldern und Jugendarrest oder Beratung und verstärkte Betreuung der Betroffenen.

Josef Kraus meint dazu: „Schulschwänzen ist bei rund 50 Prozent aller Fälle psychologisch bedingt: durch Mobbing, Angst vor Mitschülern oder vor Prüfungen. Maßnahmen wie Bußgelder sind da wirkungslos. Auch einen vorläufigen oder gar dauerhaften Ausschluss aus der Schule lehne ich ab. Für viele Schulschwänzer wäre das wie eine Belohnung." (vgl. http://www.lehrerverband.de/aktuell_schulschwaenzer.html)

In dieser Hausarbeit werden die verschiedenen Begriffsdefinitionen von Schulabsentismus, den Verhaltensmustern sowie Ursachen, Folgen und Interventions- und Präventionsmaßnahmen erläutert.

2. Rechtliche Grundlagen zur Schulpflicht und zum Schulbesuch

Die allgemeine Schulpflicht wurde durch die Weimarer Reichsverfassung im Jahre 1919 eingeführt. Durch das Reichsschulpflichtgesetz war die Schulpflicht dann auch erstmals reichseinheitlich und flächendeckend in Deutschland geregelt.

„Es besteht allgemeine Schulpflicht. Ihrer Erfüllung dienen grundsätzlich die Volksschule mit mindestens acht Schuljahren und die anschließende Fortbildungsschule bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahre. Der Unterricht und die Lernmittel in den Volksschulen und Fortbildungsschulen sind unentgeltlich.“ (§ 145 Absatz 1 Reichsschulgesetz).

Zusätzlich wurden außerschulische Bildungsinstanzen wie Hauslehrer oder Unterricht durch die Eltern im häuslichen Kontext abgelehnt. Diese waren zwar nicht verboten, wurden allerdings als nicht legitime Unterrichtsformen erachtet.

Das Grundgesetz von 1949 stellte dann die Schulen unter Aufsicht des Staates. Die Bundesländer können dagegen die genaueren Umstände der Schulbesuchspflicht selbst regeln.

Die Schulpflicht in Deutschland ist eine gesetzliche Regelung, die beinhaltet, dass ab einem bestimmten Alter Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter bzw. der Vollendung einer Schullaufbahn, spätestens jedoch bis zum Ende der Minderjährigkeit, dazu verpflichtet, eine Schule zu besuchen. Die Erziehungsberechtigten haben somit die Aufgabe den Schulbesuch ihres Kindes zu ermöglichen.

„Kommen die Erziehungsberechtigten oder diejenigen, denen Erziehung und Pflege eines Kindes anvertraut ist, ihrer Pflicht nach § 85 Abs. 1 nicht nach, kann die obere Schulaufsichtsbehörde nach Maßgabe des Landesverwaltungsvollstreckungsgesetzes ein Zwangsgeld festsetzen.“ (§ 86 Absatz 1 Schulgesetz Baden-Württemberg).

Des Weiteren müssen die Erziehungsberechtigten oder diejenigen, denen die Erziehung und Pflege eines Kindes anvertraut ist dafür sorgen, dass die Kinder regelmäßig am Unterricht, sowie an zusätzlich verbindlichen Veranstaltungen teilnehmen. Zusätzlich gewährleisten sie, dass die Schülerinnen und Schüler sich an die von der Schule vorgegebene Ordnung halten.

„Schulpflichtige, die ihre Schulpflicht nicht erfüllen, können der Schule zwangsweise zugeführt werden. Die Zuführung wird von der für den Wohn- oder Aufenthaltsort der Schulpflichtigen zuständigen Polizeibehörde angeordnet. Wenn die Erziehungsberechtigten oder diejenigen, denen Erziehung und Pflege eines Kindes anvertraut ist, schulpflichtige Kinder trotz Aufforderung nicht vorstellen, kann das Amtsgericht auf Antrag der zuständigen Polizeibehörde eine Durchsuchung von deren Wohnung anordnen.“ (Schulgesetz § 86 Absatz 2) Alle Kinder nach Vollendung des 6. Lebensjahres unterliegen der allgemeinen Schulpflicht. Das schulpflichtige Kind muss die Schule besuchen, in deren Schulbezirk es wohnt. Ausnahmen gelten dabei nur für Gemeinschaftsschulen oder Schulen in freier Trägerschaft.

Speziell in Baden-Württemberg gilt eine allgemeine Schulpflicht von neun Jahren plus eine Berufsschulpflicht von drei Jahren Teilzeit oder ein Jahr Vollzeit. Für Kinder, die in dieser Zeit den Hauptschulabschluss nicht erreicht haben, kann die Schule die Schulpflicht um ein Jahr verlängern.

Mit Beginn des Schuljahres sind alle Kinder, die bis zum 30. September des laufenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollendet haben, dazu verpflichtet vier Jahre lang eine Grundschule zu besuchen. Anstelle des Besuchs einer Grundschule darf nur in Ausnahmefällen anderweitig Unterricht von der Schulaufsichtsbehörde gestattet werden. Danach folgt der Übergang auf eine aufbauende Schule wie eine Gemeinschaftsschule, Hauptschule, Realschule oder ein Gymnasium.

3. Begriffsdefinitionen

In dieser Arbeit stehen die verschiedenen Arten des Fernbleibens von der Institution Schule im Vordergrund. Im Volksmund wird dieses Phänomen als „Schulschwänzen“ bezeichnet, in der Fachsprache als „Schulabsentismus“.

Schulabsentismus umfasst alle vielfältigen Formen des unerlaubten Fernbleibens von der Schule. „Dazu gehören die Schulverweigerung, das Zurückhalten des Kindes durch die Eltern, das Schwänzen einzelner Lektionen oder das Fehlen mehrerer Tage oder Wochen inklusive dessen gelegentlichen Legitimation durch ein Arztzeugnis.“ (STAMM 2008,7).

3.1 Schulschwänzen

Das Schwänzen wird als „temporärer Ausstieg aus der Schule bezeichnet, der jedoch immer wieder durch Anwesenheitsphasen im Unterricht unterbrochen wird“ (SÄLZER 2010, 15). Meist wird das Aussetzen des Unterrichts zugunsten angenehmerer Aktivitäten im außerhäuslichen Bereich genutzt. Oft halten sich die Schülerinnen und Schüler an belebten Plätzen in der Stadt, im Einkaufszentrum oder an jugendtypischen Treffpunkten auf. Der Schüler handelt aus eigener Initiative, die Erziehungsberechtigten erfahren erst im Nachhinein durch die Rückmeldung der Schule davon.

Ist das Ausmaß der Fehlzeiten begrenzt, so kann es sich um einen adoleszenztypischen Regelverstoß handeln, der das Aufbegehren gegen die geltenden Regeln und diejenigen, die sie durchsetzen, verstanden wird. In exzessiver Form und in Begleiterscheinung von Schulversagen ist Schulschwänzen jedoch als problematisch einzustufen, da die Gefahr des vorzeitigen Schulabbruchs besteht.

Die ICD 10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) fasst Schulschwänzen als Form von dissozialem Verhalten auf und ist somit Symptom für eine Störung des Sozialverhaltens (ICD-10, F91).

3.2 Schulverweigerung

Schulverweigerung ist in Bezug auf das Ausmaß der Schulversäumnisse ein stärkerer Begriff als Schwänzen. Die betroffenen Kinder und Jugendliche sind aufgrund von Ängsten nicht in der Lage die Schule zu besuchen. Die Ängste sind schlichtweg eine Reaktion auf eine subjektiv wahrgenommene Bedrohung, die daraufhin vermieden werden soll.

„Als Schulverweigerer sollten diejenigen beschrieben werden, deren Schulabwesenheit den Eltern bekannt ist und deren Verhaltensprobleme sich im emotionalen Bereich so verdichten, dass das Nicht-zur-Schule-gehen-können mit auffälligen psychogenen und/oder psychosomatischen Veränderungen einhergeht.“ (Preuß 1978, 164; Zitat nach Ricking 2003, 92)

Aufgrund des inneren Angsterlebens ist es den Betroffenen nicht möglich den Unterricht zu besuchen. Diagnostische Merkmale einer angstbedingten Schulverweigerung können u.a. das Verbleiben in der elterlich geschützten Umgebung und schwere emotionale Ausbrüche (zum Beispiel Schreiattacken) bei angestrebtem Schulgang sein.

Im Gegensatz zu Schulschwänzern suchen Schulverweigerer die Sicherheit des Elternhauses, anstatt sich an außerschulischen Orten mit anderen Jugendlichen aufzuhalten. Sie klagen oftmals über Krankheitssymptome wie Kopf- und Bauchschmerzen, für die sich aber keine organischen Ursachen finden lassen.

3.3 Elterliches Zurückhalten

Eine besondere Form stellt das Zurückhalten des Kindes vom Unterricht dar. Dies wird von den Erziehungsberechtigten veranlasst, da die Präsenz des Sohnes oder der Tochter außerhalb der Schule erwünscht ist. Gründe hierfür sind zum Beispiel unentschuldigtes Fehlen vor bzw. im Anschluss an die Ferien aufgrund von Urlaubsreisen, kulturelle und religiöse Gründe sowie Gleichgültigkeit und Desinteresse der Eltern an der Schule. Fehlzeiten durch Zurückhalten können auch Anzeichen auf Kindesmissbrauch sein. Das Schulkind soll das Zuhause nicht verlassen, damit niemand dessen Verletzungen bemerken kann.

In diesem Fall ignorieren die Eltern meist die Schulpflicht ihrer Kinder und „nehmen einen Verstoß gegen gesetzlich geregelte Normen in Kauf“ (SÄLZER 2010, 17).

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Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668157675
ISBN (Buch)
9783668157682
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316922
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Schlagworte
schulabsentimus hintergründe interventions- präventionsmaßnahmen

Autor

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Titel: Schulabsentimus. Hintergründe, Interventions- und Präventionsmaßnahmen