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Erstspracherwerb und Bedeutungserwerb. Ein Vergleich zweier Studien über den N400

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract (6-12 Zeilen)

Einführung
Entwicklung der Sprache
Ereigniskorrelierte Potentiale (EKP)

Studie 1: Maturing Brain Mechanisms
Einführung
Methoden
Versuchspersonen
Durchführung
Datenanalyse
Ergebnisse

Studie 2: Spatiotemporal Neural Dynamics of Word Understanding
Einführung
Methoden
Versuchspersonen
Durchführung
Ergebnisse

Vergleich der Studien

Forschungsvorschlag

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Abstract (6-12 Zeilen)

Die Entwicklung des Erstspracherwerbs wird in knappen Zügen dargestellt. Im weiteren Verlauf werden zwei Studien vorgestellt, miteinander verglichen und es wird versucht, einen neuen Studienvorschlag zu entwerfen. In den Studien geht es um einen 400ms dauernden Gehirnimpuls, den N400 bzw. den N400m. Dieser kann bereits bei zwölf Monate alten Kindern nachgewiesen werden. Des Weiteren wird gezeigt, dass die gleichen Hirnstrukturen beim Erstspracherwerb verwendet werden wie bei der Sprachverarbeitung bei Erwachsenen, zumindest was die semantische Integration angeht.

Einführung

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Spontan fallen uns sehr viele Dinge ein, die uns vom Tier, beispielsweise von einem Affen, unterscheiden. Doch im Grunde genommen sind nahezu alle dieser Unterschiede auf die Sprache zurückzuführen. Die Sprache als Kommuni- kationsmethode, zum Verständigen, Verstehen und zum Austausch von Informationen. Wich- tig ist, Sprache als ein Symbolwerkzeug zu verstehen. Affen haben vermutlich auch Bezeich- nungen für elementare Dinge, mit denen sie „kommunizieren“ können. Aber erst durch die Sprache, die so komplex ist wie die Umgebung selbst, kann diese unendliche Vielzahl an Ob- jekten, Ereignissen, allein das, was wir visuell wahrnehmen können, auch nur annährend be- schrieben und benannt werden. Es gibt einige Theorien darüber, wie die Sprache im Men- schen verankert ist. Grundsätzlich steht die Frage im Vordergrund, ob die Sprache ein erlern- tes Verhalten ist oder ob sie angeboren ist. Die Wissenschaft hat sich die Frage gestellt, wie genau Neugeborene Sprache erwerben. Laut Kauschke (2012) sucht die Spracherwerbsfor- schung nach drei Grundfragen: „Was macht sprachliches Wissen, was macht die Beherr- schung einer Sprache aus? Ist sprachliches Wissen angeboren oder wird es erlernt? Wird Sprache über sprachspezifische oder über allgemein-kognitive Mechanismen erworben?“ (S. 3) In diesem Zuge wurden höchst interessante Theorien entwickelt, die hierfür Erklärungsan- sätze liefern. Dabei ist zu beachten, dass diese Theorien sich nicht gänzlich ausschließen, sondern vielmehr eine Verbindung der folgenden Ansätze zu einem besseren Verständnis führt:

Der Nativismus nach Noam Chomsky geht von angeborenen Sprachinformationen aus. Demnach erwirbt das Kind spezifische Regeln der Muttersprache, welche allerdings so kompliziert sind, dass dies nur möglich sein kann, wenn der Mensch bereits eine angeborene Veranlagung zum Spracherwerb hat. Kinder bilden anfänglich Sätze, die sie in ihrer Umgebung nie gehört haben, was dafür spricht, dass sie einen natürlichen Mechanismus haben, um grundlegende Grammatikregeln anzuwenden.

Der Behaviorismus, hauptsächlich geprägt durch Burrhus F. Skinner, beschreibt, wie Babys durch Nachahmung lernen: Spracherwerb durch Imitation der Umgebung. Dabei ist besonders wichtig, dass positive Äußerungen durch beispielsweise die Reaktion der Mutter belohnt werden. „Falsche“ Äußerungen hingegen werden meist ignoriert oder gar negativ bewertet. Bei diesem Modell wird davon ausgegangen, dass Kinder spontan Laute produzieren, die anschließend bewertet werden können.

Im Interaktionismus, geprägt durch Jerome Bruners, wird der Interaktion eine zentrale Rolle zugewiesen. Beim Nativismus sowie beim Behaviorismus spielt die soziale Interaktion eher eine untergeordnete Rolle. Mütter kommunizieren mit ihrem Kind auf eine sehr spezielle Art und Weise, in Form von einfachen Sätzen, besonderer Betonung, Wiederholungen und beglei- tender Mimik und Gestik. Dabei nehmen sie jede Aktion des Kindes wahr und gehen darauf ein, vermitteln ein Gefühl von Verständnis. Durch gemeinsame Handlung bei gleich bleiben- den regelmäßigen Abläufen, wobei das Kind mehr und mehr auch die aktive Rolle über- nimmt, wird die Bedeutung verstanden und verbessert die interaktiven Prozesse. Beim Kognitivismus, hauptsächlich durch Jean Piaget geprägt, stehen kognitiv-sprachliche Entwicklungsprozesse im Vordergrund. Dabei geht es um die Denkleistungen, die es einem Kind ermöglichen, Sprache zu erlernen. Zum Beispiel wird die Objektpermanenz im Alter zwischen 1,5 und 2 Jahren erworben. Nach Piaget geht die Symbolbedeutung von Objekten mit dieser Entwicklung einher. Durch das grundlegende Verständnis für Symbolik - denn nichts anderes ist Sprache: ein Lautsymbol für ein Objekt, ein Ereignis, etc. - wird Sprache als Symbol-System verstanden und kann so benutzt werden.

Entwicklung der Sprache

Zum besseren Verständnis möchte ich an dieser Stelle vorab die grundlegende sprachliche Entwicklung des Menschen in ihren groben Zügen beschreiben. Wie aktuelle Studien zeigen, ist der Fötus bereits im Mutterleib dazu im Stande, Laute wahrzunehmen und aufzunehmen. Mit 24 Wochen ist das Innenohr des Fötus bereits vollständig entwickelt und bereit, Laute, Sprache aufzunehmen. Durch Versuche mit Neugeborenen, deren Saugimpuls an einem Schnuller gemessen wird, können signifikante Unterschiede aufgezeigt werden, wenn die Neugeborenen (zwischen 5 und 15 Stunden alt) mit ihrer Muttersprache oder einer anderen Sprache konfrontiert werden. So steigt die Saugrate bei ihrer Muttersprache extrem, was als ein Interesse und gewissermaßen „Verständnis“ zu interpretieren ist. Wie bei fast allen Stu- dien mit Babys oder Kleinkindern ist der Langeweilefaktor ein Indiz für Interesse, Verständ- nis und Aufmerksamkeit. Wird den Neugeborenen eine andere Sprache präsentiert, so reagie- ren sie nicht darauf, sprich die Saugrate bleibt unverändert. Eine weitere Studie untersucht mit Hilfe der gleichen Methode (Messen der Saugrate), ob Neugeborene bereits in der Lage sind, zwischen bedeutungstragenden und nicht bedeutungstragenden Wörtern in der Muttersprache zu unterscheiden. Dabei werden den Neugeborenen zuerst Wortsilben oder Wortendungen präsentiert, wobei sie keine Änderung der Saugrate zeigen. Im Anschluss wird ein Band abge- spielt mit Nomen, mit bedeutungstragenden Wörtern. Die erhöhte Saugrate ist signifikant und bestätigt, dass Menschenkinder bereits direkt nach der Geburt zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Wörtern der Muttersprache unterscheiden können. Bereits im Mutterleib muss das Menschenkind lernen, Geräusche von Sprache zu unterscheiden. So gewöhnt es sich schon pränatal an die Stimme der Eltern, besonders an die der Mutter, da ihre Stimme vermut- lich das Lauteste ist, was der Fötus wahrnehmen kann. Bemerkenswert ist, dass nach der Ge- burt die gesprochene Sprache weiterhin etwas ganz Anderes darstellt, als die Geräusche, die Laute der Umgebung. So kann das Neugeborene direkt zwischen Sprache und anderen Lauten unterscheiden und richtet seine Aufmerksamkeit bevorzugt auf Personen, die die Mutterspra- che sprechen. Eine weitere Studie wurde mit Babys durchgeführt, um deren Gehör zu unter- suchen. Dabei ging es darum, herauszufinden, wie stark das Gehör an die Muttersprache ge- bunden ist. Die Studie hat gezeigt, dass Babys als universale Zuhörer geboren werden, als Weltbürger, dazu fähig, jede Sprache zu erlernen. Dabei werden dem sechs Monate jungen Mathew zwei unterschiedliche „Da“ Laute präsentiert, die ausschließlich in Hindi benutzt werden und von Erwachsenen nicht unterscheidbar sind. Das Ergebnis: mit sechs Monaten kann der Laut noch unterschieden werden, mit zehn Monaten allerdings nicht mehr. Die erste Sprachproduktion beginnt direkt nach der Geburt, das Neugeborene schreit. Der Kehlkopf sitzt noch zu hoch und die Zunge ist zu groß für den Gaumen, um die Laute zu produzieren, die für eine Sprache notwendig sind. Allerdings stellt das Neugeborene schnell fest, dass es durch schreien auf sich aufmerksam machen kann. Nach vier bis sechs Monaten fängt es dann an zu „brabbeln“, experimentiert mit seinen Werkzeugen und versucht, Töne nachzuahmen, die es in seiner Umgebung wahrnimmt. Bereits vor zehn Monaten treten Protowörter auf, die sehr stark an den Kontext gebunden sind. Zum Beispiel sagt das Baby das Wort „Ente“, wenn es die Quietscheente aus der Badewanne wirft. Dabei hat es noch nicht verstanden, dass das Wort Ente tatsächlich das Tier bezeichnet.

Ab einem Alter von etwa achtzehn Monaten haben die meisten Kinder einen expressiven Wortschatz von circa 50 Wörtern. Ab dieser Marke steigt das Wortwachstum meistens sehr schnell an. Dieses Phänomen wird Wortschatzexplosion oder Vokabularspurt oder derglei- chen genannt. Wieso genau es auftritt kann nicht gesagt werden, auch hier gibt es einige ver- schiedene Modelle, deren Verbindung vermutlich den Auslöser erklären könnte. Die wichtigs- ten Punkte dabei sind, dass das Kind gelernt hat, dass Objekte (Nomen) und Verhalten (Ver- ben) bezeichnet werden können. Weil es bereits mit 50 Wörtern ein Lexikon hat, aus dem es Verbindungen bilden kann, wird es neugierig, noch mehr Dinge aus seiner komplexen All- tagswelt bezeichnen zu können. Während dieser Phase treten auch die ersten Zwei-Wörter- Minisätze auf. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll auf dem Bedeutungserwerb von Wörtern im Erstspracherwerb liegen. Deswegen soll im Folgenden nicht auf die weitere Entwicklung des Spracherwerbs eingegangen, sondern das Augenmerk auf den Bedeutungserwerb gelenkt werden. Protowörter stellen also die ersten bedeutungstragenden selbstproduzierten Wörter der Sprache dar. Sobald sie neue Wortformen hören, suchen sie sofort nach möglichen Bedeu- tungen, was unter der Bezeichnung „fast mapping“ zu verstehen ist. Mit diesem Mechanismus sind sie in der Lage, sehr effizient, viele neue Wörter zu lernen (Kauschke, 2012, S.44).

Ereigniskorrelierte Potentiale (EKP)

Bei den folgenden Studien, die miteinander verglichen werden sollen, ist es eine Grundvo- raussetzung zu verstehen, wie ein EKP funktioniert. Das Potential wird mithilfe einer Elektro- enzephalografie (EEG) gemessen. Wie der Name bereits sagt geht es beim EKP um den Zu- sammenhang zwischen einem Ereignis und einem Potential. Die Elektroden liegen dabei auf der Kopfhaut und messen die aufsummierten elektrischen Potentiale von Millionen Neuronen. Die Messungen dieser Potentiale werden in negativen und positiven „Peaks“ angezeigt. Wich- tig dabei ist auch, dass zufälliges Rauschen reduziert wird und die Synchronisation perfekt eingespielt ist. Das wird erreicht, indem das Signal durch viele „Trials“, also Testaufnahmen, gemittelt wird. Bei EKP-Messungen geht es weniger um die räumliche Auflösung - welche relativ schlecht ist, da ein elektrischer Impuls an der Kopfhaut seinen Ursprung irgendwo ganz anderes haben kann - sondern vielmehr um die präzise zeitliche Auflösung, da das Sig- nal direkt am Schädel gemessen wird. Ob die Peaks positiv oder negativ sind hat nichts mit der Stärke der Aktivierung zu tun, sondern die Amplitudengröße und die Latenz sind wichtige Indikatoren. Welche elektrochemischen Prozesse genau ablaufen, möchte ich nicht erläutern, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Besonders interessant ist zum Beispiel der N400, in dem es in der ersten Studie gehen wird. Dabei handelt es sich um eine negative Amplitude von 400ms nach dem letzten Wort, welches auch als „target“ bezeichnet wird. Bei- spiel: „Der Mann trinkt ein Glas… Beton“. Die Erwartungshaltung, dass ein Getränk im Glas ist, wird nicht bestätigt, es entsteht eine Schwierigkeit der semantischen Integration. Nachdem diese Messung sehr häufig wiederholt wurde, kann eine allgemeine Aussage getroffen wer- den: tritt eine N400-Messung bei einem Ereignis (Präsentieren des Satzes) auf, so hat die Ver- suchsperson Probleme bei der semantischen Integration des Targets.

Studie 1: Maturing Brain Mechanisms …

Maturing Brain Mechanisms and Developing Behavioral language skills Manuela Friedrich, Angela D. Friederici

Einführung

„The relation between brain maturation and behavioral development during early childhood is one of the mysteries that developmental and neurocognitive researchers have just recently begun to unravel.“1. Da es sehr schwer ist, das Gehirn in seinen gesamten Zügen zu verstehen - vor allem die Entwicklung des Gehirns muss darauf zurückgegriffen werden, Teilausschnitte zu verstehen. Die nicht invasive Methode des ERPs bzw. EKPs ist zumindest für die Sprach- forschung ein genialer Weg, um frühe Gehirnaktivität, Wahrnehmung und weitere kognitive Prozesse in der Entwicklung zu analysieren. Die Frage, wie wir Verhaltensweisen in einer sozialen Umgebung erlernen, geht damit einher, wie wir sprachliches Verhalten erlernen. Da- bei spielt vor allem das Verstehen von Wörtern eine entscheidende Rolle. Verschiedene Fä- higkeiten sind dazu notwendig, wie die akustisch/phonologische Verarbeitung (acoustic- phonological processing), welche auf dem Erwerb von sprachspezifischen Phonem- Kategorien basiert, die lexikalische Verarbeitung (lexical processing), um die korrekte Wort- form zu finden und zu verstehen, und die primäre semantische Verarbeitung (primary seman- tic processing), um den Referenten in der Realität einzuordnen. Hinzu kommt, dass Wörter stets in einem Kontext vorkommen und somit auch die Verbindung dieser Wörter im situati- ven Kontext semantisch erfasst werden muss. Auf der neurophysiologischen Ebene spiegelt der N400 semantische Abläufe sehr gut wider. Es wird weiterhin darüber diskutiert, ob der N400 eine primäre Verarbeitungsstufe (primary processing stage) widerspiegelt, die einen lexikalischen Zugriff auf Wortbedeutung ermöglicht, oder ob er die Leistung zeigt, die not- wendig ist, um zu bemerken, dass ein zweiter Prozess der semantischen Integration erforder- lich ist. Allerdings kann nach allgemeiner Ansicht davon ausgegangen werden, dass der N400 tatsächlich einen Fehler bei der semantischen Integration aufzeigt. Es wurden bereits viele Studien über den N400 Priming-Effekt mit Schulkindern, Vorschulkindern und auch schon mit zweijährigen Kleinkindern durchgeführt. Die bisherigen Ergebnisse über N200-N500 bei zwölf Monate alten Kleinkindern waren nicht aussagekräftig und unklar. Bei manchen trat der Effekt bereits auf, bei anderen nicht. Genau das soll diese Studie untersuchen: um der Bezie- hung zwischen Sprach- und Gehirnentwicklung ein Stück weiter auf die Schliche zu kommen, soll herausgefunden werden, ab welchem Alter der N400 bereits auftreten kann.

[...]


1 Brain & Language 114 (2010) 66-71, die folgenden Inhalte, die der Beschreibung der Studie dienen, sind ausschließlich aus der Studie selbst.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668159815
ISBN (Buch)
9783668159822
Dateigröße
878 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316808
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Kognitionswissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
erstspracherwerb bedeutungserwerb vergleich studien n400

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Titel: Erstspracherwerb und Bedeutungserwerb. Ein Vergleich zweier Studien über den N400