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Hegel über die tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone

von Nils Gantner (Autor)

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: Einleitung:

B: Hegel über tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone
1. Staat, Gesetz, Familie und griechische Sittlichkeit
2. Die „höhere“ Sprache der Tragödie
3. Das Tragische in der Antigone

Bibliographie

A: Einleitung:

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Frage zu beantworten, wie G.W. F. Hegel die sophokleische Antigone in der Phänomenologie des Geistes (1806) und später in seinen Ästhetik-Vorlesungen (1830) deutet. Neben den beiden genannten Werken wird zudem auch auf andere Texte von ihm Bezug genommen werden wie z.B. der Rechtsphilosophie, der Religionsphilosphie oder der Geschichtsphilosophie. Genau untersucht werden soll dabei das Verhältnis zwischen Staat und Familie, welches Hegel als dialektischen Gegensatz hier konstruiert. Was den Aspekt der Familie betrifft, gilt es zudem die Beziehung zwischen Bruder und Schwester im Sinne der Geschlechterthematik mit zu reflektieren. Die Kategorien des Männlichen und Weiblichen sind in seinem Diskurs über die Sittlichkeit der Antigone von Bedeutung, was im Laufe der Arbeit genauer herausgearbeitet werden soll. Auch die Sprache der Tragödie wird eigens in einem Kapitel angegangen und ihre Bedeutung aufgezeigt. Ein wesentliches Anliegen der Arbeit ist zu erforschen, was Hegel selbst unter dem Tragischen versteht und wie er sein Verständnis desselben in seiner Deutung der sophokleischen Antigone einfließen lässt. Was die Forschung noch anbetrifft, soll insbesondere Derridas Interpretation von Hegel in seinem Buch Glas (2006) berücksichtigt werden und damit besonders die französische Hegelforschung Beachtung finden, die durch ihn hier repräsentiert ist. Selbstverständlich wird auf einige andere Vertreter der philosophischen Forschung eingegangen werden wie z.B. Christoph Menke. Aber auch die Stellungnahmen von Philologen wie Szondi sollen beachtet werden, da sie zu Hegels Deutung der sophokleischen Antigone Stellung genommen haben. Insofern wird, was die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur betrifft, die philosophische als auch philologische Forschung zu ihrem Recht kommen.

B: Hegel über tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone:

1. Staat, Gesetz, Familie und griechische Sittlichkeit :

Hegel entfaltet innerhalb der Phänomenologie des Geistes (PhG[1] ) eine Deutung der sophokleischen Antigone, die mit wesentlichen Aspekten seiner eigenen Philosophie verbunden ist. Sie ist vor allem im Geist-Kapitel enthalten, genauer in dem Abschnitt A. Der wahre Geist. Die Sittlichkeit. Dort beginnt Hegel einen Diskurs, der zunächst ein Eingehen auf das Verhältnis zwischen „Geist“ und „Sittlichkeit“ darstellt und für das Verständnis dessen von Bedeutung ist, was er die „sittliche Welt“ (PhG, S.328) nennt. Hegel definiert den „Geist“ terminologisch als die „sittliche Wirklichkeit“ (PhG, S.325) bzw. als „wirkliche sittliche Wesen“, das sich durch Lebendigkeit auszeichnet. Er ist das „absolute reale Wesen“, das „wirklich“ und „lebendig“ ist. Und er ist „Bewusstsein“, dass sich selbst „vorstellt“. Der „Geist“ im Sinne Hegels zeichnet sich also gerade dadurch aus, dass er objektive Wirklichkeit besitzt, also existiert. Diese Termini, die von Hegel im Geist-Kapitel eingeführt werden, sind grundlegend für das, was er später in der Enzyklopädie die „Philosophie des Geistes“ nennen wird. Die Phänomenologie nimmt aber diese schon antizipierend in wesentlichen inhaltlichen Elementen vorweg, ohne über die spätere terminologische Differenzierung wie „subjektiver Geist“ oder „objektiver Geist“ zu verfügen. Hegel gibt hier eine phänomenologische Beschreibung dessen, wie der „Geist“ seiner Struktur nach beschaffen ist. Bemerkenswert ist, dass Hegel seine Ausführungen über den „Geist“ im Kontext einer politischen Philosophie bettet, die den „Geist“ in seiner politischen Dimension begreift. Die Politisierung des Geistes leistet Hegels Diskurs dadurch, dass der „Geist“ als das „sittliche Leben eines Volkes“ (PhG, S.326) begriffen wird[2]. Er ist als „Substanz“ ein „Gemeinwesen“, ein „ganzes Volk“, das „existiert“. In dieser Form hat er seine „Wahrheit“. Der „Geist“ ist zwar substantiell gesehen einerseits ein „Volk“, anderseits ist er „wirkliches Bewusstsein“, indem er „Bürger“ des Volkes bzw. Individuum ist. Die dialektische Relation zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen wird von Hegel auch für den „Geist“ selbst geltend gemacht, da er sowohl in der Form der „Einzelheit“ als auch in der Form der „Allgemeinheit“ als „Gemeinwesen“, als „ lebendige sittliche Welt“ da ist[3]. In einem nächsten Schritt geht Hegel auf das „menschliche Gesetz“ ein, dass zu diesem „Gemeinwesen“ geistig dazugehört. Dieses nennt er das „bekannte Gesetz“ und die „vorhandene Sitte“. Es ist das Gesetz, dass an der „Sonne“ (PhG, S.334) gilt und damit zum „oberen“ Gemeinwesen gehört. Neben diesem Gesetz existiert für Hegel aber noch eine weitere sittliche „Macht“, die er das „göttliche Gesetz“(PhG, S.330) nennt und zur „sittlichen Staatsmacht “ –dem Gemeinwesen- im Gegensatz steht. Das „göttliche Gesetz“ wird „dem unterirdischen Reiche“ (PhG, S.335) zugeordnet und selbst auch als unterirdisches Gesetz (PhG, S.341) bezeichnet[4]. Hegel betont jedoch, dass dieses Gesetz „in der Familie waltet“ (PhG, S.335) und sich durch ein „innerliches Gefühl“ (PhG, S.336) auszeichnet[5], während das menschliche Gesetz als ein äußerliches gilt. Es ist das „innere göttliche Gesetz“ (PhG, S.352), welches sich nicht zum Bewusstsein bringen lässt. Die „sittliche Substanz“ bzw. die „sittliche Welt“ ist in diese zwei Gesetze aufgespalten. Während Hegel das menschliche Gesetz dem „Gemeinwesen“ zuordnet, kommt der Familie das göttliche zu. Das sind die beiden sittlichen Sphären, in denen sich die „sittliche Welt“ aufteilt. Was ist aber für Hegel die „Familie“ selbst? Sie ist ein „ natürliches sittliches Gemeinwesen“ (PhG, S.330). Überraschend hierbei ist, dass es sich bei zwei sittlichen Mächten um ein „Gemeinwesen“ handelt, mit dem Unterschied allerdings, dass die Familie selbst über kein „Bewußtsein“ verfügt und sich daher „bewußtloser“ (ebd.) Begriff ist. Ihr Wesen liegt nicht „am Tage des Bewußtseins“ (PhG, S.336). Es gibt also zwei sittliche Gemeinwesen, die sich hinsichtlich der Differenz bewusst-unbewusst unterscheiden. Obwohl Hegel innerhalb der Phänomenologie die Struktur der Familie (PhG, S.331) .insofern beschreibt, indem er auf die Relation der einzelnen Familienmitglieder in Bezug zur Familie im Ganzen eingeht, soll hier nur auf einige Charakteriska dieser Beschreibung kurz eingegangen werden. Wesentlich ist, dass dem Prinzip des Weiblichen -verkörpert durch die Frau und Schwester - die höchste sittliche Kraft zugestanden wird (PhG, S.336). Deshalb ist die Frau oder die Schwester der „Vorstand des Hauses“ (PhG, S.338) und daher die eigentliche „Bewahrerin des göttlichen Gesetzes“. Der Mann bzw. der Bruder hingegen verlässt die Familie, da ihm ihre Form der Sittlichkeit als defizitär gilt. Sie ist deshalb ungenügend, weil ihre Sittlichkeit noch über kein „Selbstbewusstsein“ verfügt wie der Geist des Gemeinwesens. Der Mann bzw. der Bruder geht daher zum menschlichen Gesetz über und verlässt die familiäre Sphäre. Hierdurch begründet Hegel in seinem Diskurs die unterschiedliche Aufteilung der Gesetze auf die beiden Geschlechter. Die Differenz der Geschlechter markiert somit auch den dialektischen Gegensatz der Gesetze und ist einer der wesentlichen Charakteristika dieses Diskurses, wie er im Kapitel Die sittliche Welt von Hegel entfaltet wird. Die Gesetze erfahren je ihre „Individualisierung“ (PhG, S.341) in Mann und Frau. Die Geschlechterdifferenz ist allerdings keine Bedrohung für die „Einheit der Substanz“ (PhG, S.338), wie er betont. Vielmehr entzweit sich die Substanz in die beiden Geschlechter[6], ohne selbst aber ihre „Einheit“ zu verlieren. Das menschliche und göttliche Gesetz unterscheiden sich aber noch in einer anderen Hinsicht von einander. Am Ende des Kapitels Die gesetzprüfende Vernunft zitiert Hegel aus der sophokleischen Antigone den Vers, der den unvergänglichen und ewigen Charakter des göttlichen Gesetzes betont (PhG, S.322)[7]. Dieses Gesetz ist zudem ungeschrieben, während das menschliche Gesetz selbst schriftlich verfasst ist[8]. Die Frage der Schriftlichkeit ist damit für den hegelschen Diskurs ein weiteres wesentliches Moment, das den Gegensatz der beiden Gesetze ausmacht. Im §165 der später verfassten Rechtsphilosophie geht Hegel auf den Gegensatz der beiden Gesetze erneut ein, ohne allerdings wesentlich neuere Modifizierungen hinsichtlich diesen Punktes in hinzuzufügen. Bemerkenswert ist allerdings im Vergleich zur Phänomenologie die drastische Formulierung, dass dieser Gegensatz der Gesetze „der höchste sittliche und darum der höchste tragische“ ist (Grl, S.319)[9]. Die Weiblichkeit bzw. die Frau als Repräsentantin des göttlichen Gesetzes wird aber durch das Gemeinwesen unterdrückt und ausgeschlossen, damit es sich selbst erhalten kann (PhG, S.352). Das nennt er seine „negative Seite“ oder die „Kraft des Negativen“. Die Unterdrückung selbst gilt dem weiblichen Prinzip, das als Gefahr für das Ganze wahrgenommen wird und deshalb bekämpft wird. Durch die Ausschließung der Weiblichkeit als einem „inneren Feind“, die Hegel als einem notwendigen Mechanismus der Selbsterhaltung des Gemeinwesens ansieht, entscheidet sich auch für ihn welches Gesetz aus diesem „Kampf“ für ihn als Sieger (PhG, S.351) hervorgeht. Die Unterdrückung selbst führt dazu, dass das unterirdische Gesetz „nicht auf Erden“ (PhG, S.251) gelten kann und deshalb unterliegt. Aus dem „Streit“ (PhG, S.344) dieser beiden Rechte darf nur das eine siegend hervorgehen. Der „Sieg“ der einen „sittlichen Macht“ führt jedoch auch zu ihrem Untergang (PhG, S.349). Hierbei berührt Hegel die Frage der Gerechtigkeit. Sein Diskurs über Gerechtigkeit betont zunächst die „Gerechtigkeit des menschlichen Rechts“ (PhG, S.340)[10], Diese besteht darin, einzelne Tendenzen mit dem Allgemeinen in ein Gleichgewicht zurückzubringen. Die andere Rede betrifft die Gerechtigkeit, die als das „gerechte Schicksal“ (PhG, S.349) auftritt. Das Schicksal ist die „negative Macht“ und schafft Gerechtigkeit, indem sie beiden Seiten – die Familie und den Staat – denselben „Untergang“ (ebd.) erfahren lässt. Es wäre für Hegel eine einseitige Sache und das „unvollendete Werk“ par excellence, wenn nur eine der beiden sittlichen Mächte siegt. Der Untergang, den die siegende sittliche Macht erfährt, ist derselbe Untergang, den sie der besiegten anderen Macht widerfahren lässt. Nur das Schicksal als eine höhere metaphysische Instanz kann deshalb ein Gleichgewicht herstellen und das „absolute Recht“ vollbringen[11].

Die bisherige Herausarbeitung der Strukturen der „sittlichen Welt“, die ihre Verfasstheit hinsichtlich des menschlichen und göttlichen Gesetzes aufzeigen sollte, hat allerdings einen wesentlichen Aspekt bisher unberücksichtigt gelassen, der für Hegel besondere Bedeutung zukommt. Damit die genannten Gesetze nämlich „Wirklichkeit“ bekommen, müssen sie selbst durch die „sittliche Handlung“ realisiert werden (PhG, S.345). Im Kapitel Die sittliche Handlung, das an das Kapitel über Die sittliche Welt anschließt, beschreibt Hegel wie diese Handlungsstruktur auszusehen hat. Der Urheber der Handlung ist für ihn das „sittliche Bewusstsein“(PhG, S.342) oder einfach der sittliche Mensch. Durch die „Tat“ als das „ wirkliche Selbst “ wird aber die „ruhige Organisation und Bewegung“ der Polis empfindlich gestört. Das sittliche Individuum handelt „nach dem sittlichen Gesetz“, da dieses ihm selbst „Pflicht[12] “ (PhG, S.342) ist und somit keine andere Wahl hat. Die „Tat“ ist die „Vollbringung dieses Gesetzes“ (PhG, S.345). Der Preis für das „Übergehen aus dem Gedanken in die Wirklichkeit“ (ebd.) ist aber eine nicht vermeidbare „Gewalttätigkeit“ (PhG, S.344), da eine Umsetzung des einen sittlichen Gesetzes nur auf Kosten des anderen von statten geht. Der „Wille“ (PhG, S.344) des jeweiligen Gesetzes nimmt als „Wille der Einzelheit“ bei der praktischen Umsetzung die negative Seite dieser Handlung und die damit verbundene Verletzung der anderen „sittlichen Macht“ in Kauf. Das sittliche Subjekt wird nach Hegel durch sein Handeln schuldig (PhG, S.346), indem es bewusst ein gewaltsames „Tun“ nicht vermeidet. Dadurch wird es Unrecht bzw. „Verbrechen“ (PhG, S.348). So heißt es bezüglich des ethischen Handelns von Antigone (ebd.):

[...]


[1] Die Phänomenologie des Geistes wird hier nach der Suhrkamp-Ausgabe (1970) zitiert.

[2] Hegel spricht sogar vom „schönen sittlichen Leben“ (ebd.) des Volkes. Sittlichkeit selbst gehört für ihn zur Schönheit. Kurz: Das Sittliche ist schön.

[3] Ludwig Siep (2008, S.276) weist darauf hin, dass Hegels Politische Philosophie, so wie sie auch in der Phänomenologie vorhanden ist, selbst „eine spezifisch neuzeitliche Form des politischen Aristotelismus“ ist. Es ist bekannt, dass ihm die politische Philosophie von Platon und Aristoteles zu der Zeit der Abfassung dieses Werkes vertraut war. Das was Hegel in seiner Sprache das „Gemeinwesen“ nennt, ist also nichts anderes als die antike Polis, wie sie von den beiden griechischen Philosophen in ihren Werken jeweils reflektiert wird. Dabei argumentiert Siep, dass Hegel doch eher die „polis-Philosophie des Aristoteles“ übernimmt. Vgl. dazu seinen Beitrag in dem Band Politischer Aristotelismus. Die politischen Werke der Philosophen an die zu denken ist, sind die platonische Politeia und die aristotelische Politik.

[4] Hegels Rede von einem unterirdischen Reich hat seinen Ausgangspunkt in der griechischen Mythologie. Er spielt damit auf den Hades, der „Unterwelt (PhG, S.351) nach griechischer Vorstellung an. Während die obere Welt, die des Gemeinwesen und des Lichtes ist, zeichnet sich das unterirdische Gesetz als ein „Gesetz der Schwäche und der Dunkelheit“ (ebd.) aus. Anderseits wird die die Unterwelt als eine „unterirdische Macht“ (PhG, S.339) angesehen, die „auf der Erde ihre Wirklichkeit “ hat. Das „göttliche Gesetz“ hat zwar einen Einfluss auf das, was auf der Erde geschieht, muss sich jedoch zunächst „dem Gesetz des Tages“ beugen, das auf Erden gilt. Der Gegensatz zwischen den Gesetzen ist wie der zwischen Tag und Nacht, zwischen bewusst und unbewusst (PhG, S.349) und könnte damit kaum größer sein.

[5] Es ist für Hegel das „Gesetz der Familie“ als das „ansichseiende, innerliche Wesen“ (PhG, S..336).

[6] Wenn auf Hegels Begriff der Substanz hier vermehrt zurückgegriffen wird, so muss darauf hingewiesen werden, dass es sich hier um die spinozistische Version der Substanz handelt. Hegel bedient sich somit nicht des aristotelischen Substanzbegriffs – der ousia -, wie vielleicht vermutet werden kann sondern nimmt Spinoza als seinen Gewährsmann für das Verständnis von Substanz. Die Substanz ist nach Spinoza unvergänglich und eine einzige, wie er in der Ethik ausführt. Hegel übernimmt genau diese Charakteristika der Substanz auch in seinem Diskurs. Wenn er also beispielsweise von der Einheit der Substanz und ihrer Unteilbarkeit spricht, dann knüpft er an Spinozas Bestimmung der Substanz in der Ethik an. Sein Verständnis der Substanz ist somit dem von Spinoza gleich.

[7] Vgl. Sophokles, Antigone (1981), V450ff. Dort heißt es gegenüber Kreon: „Nicht Zeus hat mir dies verkünden lassen noch die Mitbewohnerin bei den unteren Göttern, Dike, die beide dieses Gesetz unter den Menschen bestimmt haben, und ich glaubte auch nicht, daß so stark sein deine Erlasse, daß die ungeschriebenen und gültigen Gesetze der Götter ein Sterblicher übertreten könnte. Denn nun nicht jetzt und gestern, sondern irgendwie immer lebt das, und keiner weiß, wann es erschien“. Hegel selbst zitiert an besagter Stelle allerdings nur den Vers 456f. , der auf den unvergänglichen Charakter derselben hinweist.

[8] Interessanterweise nimmt auch Aristoteles in seiner Rhetorik (1375a35) auf denselben Vers aus der Antigone Bezug und versucht dabei die Frage zu klären, ob der Redner sich in seiner Argumentation auch auf das ungeschriebene Gesetz stützen soll. Vermutlich war Hegel beim Verfassen der Phänomenologie nicht bekannt, dass Aristoteles schon in der Rhetorik auf diese Differenz der Gesetze eingegangen ist. Er, der in der Vorrede seines Buches eine gewisse Wertschätzung und Kennerschaft der aristotelischen Philosophie zu erkennen gibt (PhG, S.66).

[9] Hegel selbst verweist in diesen Zusammenhang auf die Phänomenologie, so dass ein Vergleich beider Werke von ihm selbst intendiert ist. Was die Frage des tragischen Gegensatzes bzw. des Tragischen selbst anbetrifft, möchte ich diese allerdings erst im letzten Kapitel genauer behandeln.

[10] Christoph Menke nennt dies auch die „öffentliche Gerechtigkeit“ (1996, S.206).

[11] Es ist signifikant, dass Hegel nur auf diese Weise die Gerechtigkeit denken kann. Andere Formen von Gerechtigkeit –außer den beiden benannten- sind bei ihm nicht vorgesehen. Das Thema der Gerechtigkeit beispielsweise aus der Perspektive Antigones zu betrachten, ist gerade seiner Denkweise nicht möglich, da diese überwiegend von der Perspektive des Staates ausgeht.

[12] Der Begriff der Pflicht ist eine Anspielung Hegels auf die kantische Ethik. Die Menschen im Sinne Kants handeln aus Pflicht und der kategorische Imperativ ist der Ausdruck seines Pflichtdenkens. Auch Kant spricht von einem moralischen Gesetz. Es kann allerdings hier nicht auf die kantische Theorie der Handlung genauer eingegangen werden, die z. B. in der Metaphysik der Sitten zu finden ist. Trotz des kantischen Hintergrundes an dieser Stelle des hegelschen Diskurses, muss andererseits auch gesagt sein, dass Hegels Ethik und Handlungstheorie sich von der kantischen in gewissen Punkten unterscheidet. Wie weit diese Differenzen gehen, ist hier aber nicht zu behandeln.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668155626
ISBN (Buch)
9783668155633
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316640
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Hegels Literaturtheorie

Autor

  • Nils Gantner (Autor)

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Titel: Hegel über die tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone