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Rache und Gerechtigkeit in der Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Gerechtigkeit?

2. Was ist Rache?

3. Der Besuch der alten Dame
3.1 Ankündigung des Mordes
3.2 Die Macht der Korruption
3.3 Exekution von Ill

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„Justice has been done.“1 (dt. „Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.“). Diese Worte des aktuellen amerikanischen Präsidenten Barack Obama zum Todestag des Al-Qaida-Anführers Osama bin Laden im Mai 2011 sorgten für Aufsehen in der globalen Bevölkerung. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 auf das World Trade Center, für die Bin Laden verantwortlich gemacht wird, folgte eine jahrelange Hetzjagd der Amerikaner auf den Terroristen. Ein Ende fand diese in der Ermordung Bin Ladens durch ein Spezialkommando des Militärs.

Die darauffolgende weltweite Debatte, ob eine Tötung ohne Prozess gerechtfertigt gewesen sei, kam zu keinem eindeutigen Ergebnis. Kritiker sagen, dass das Handeln der Amerikaner menschenunwürdig gewesen sei und gegen die bestehenden westlich-demokratischen Prinzipien verstoßen habe. Befürworter wiederum sehen die Vergeltungsmaßnahme als gerechte Strafe für die Taten Bin Ladens an und verweisen darauf, dass die Amerikaner damit einen gefährlichen Attentäter ausgeschaltet haben.2

Aus dem vorangehenden Fall wird deutlich, dass die Frage, was Gerechtigkeit bedeutet und was sie ausmacht, nicht immer klar beantwortet werden kann. Auch inwieweit eine Vergeltungshandlung, wie im Falle Bin Ladens, gerecht sein kann oder darf, ist umstritten. Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit der Thematik, ob Rache als probates Mittel für Gerechtigkeit zulässig sein kann. Um diese Frage beantworten zu können, wird sich der erste Abschnitt mit dem Verständnis von Gerechtigkeit im allgemeinen Sinne befassen. Dabei werden reguläre Gerechtigkeitsprinzipien sowie ihr Verständnis im staatlichen und gesellschaftlichen Sinne erläutert. Im Anschluss geht das zweite Kapitel auf die psychologischen Aspekte der Entstehung und Entwicklung von Rachegedanken und Rachehandlungen ein. Im letzten Schritt werden die zuvor erörterten Begriffe, anhand von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame"3, von 1955, auf die Fragestellung hin analysiert. Zur besseren Übersicht werden die drei Akte des Werkes nacheinander in getrennten Kapiteln untersucht.

1. Was ist Gerechtigkeit?

Seit Jahrhunderten schon gilt die römische Göttin Iustitia als Symbol der Gerechtigkeit. Die Waage in ihrer Hand versinnbildlicht das Abwägen von Recht und Unrecht. Das Schwert in ihrer anderen symbolisiert die Vollstreckung des Urteils als auch den Schutz der Freiheit und des Rechts. Die Augenbinde, die sie in manchen Darstellungen trägt, symbolisiert ihre Neutralität gegenüber den Beteiligten.4

Iustitias Götterbildnis stellt den Inbegriff der Gerechtigkeit dar, doch mangelt es ihr an dem, was den Menschen fehlbar macht: der Menschlichkeit. Nach Liebig beschreibt Gerechtigkeit "einen Idealzustand, der sich durch drei Merkmale auszeichnet: (…) Gleichbehandlung, Unparteilichkeit und Berücksichtigung individueller Anrechte“5. Demnach ist das Stadium der vollkommenen Gerechtigkeit ein Ideal, das in der Gesellschaft angestrebt, aber nie völlig erreicht wird. Grund dafür ist die Fehlbarkeit des Menschen. Irrtümer und Zweifel begegnen ihm tagtäglich, geben ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit zur Selbstreflexion. Durch diese kann der Mensch Situationen kritisch beurteilen und sein Handeln anpassen, um dem Ideal der Gerechtigkeit in Zukunft näher zu kommen.6

Um Gerechtigkeit zu erreichen, muss, nach Liebig, jeder Mensch in derselben Lebenslage gleichbehandelt werden, er darf also keine Vor- oder Nachteile im Vergleich zu seinen Mitmenschen erfahren. Zum anderen muss garantiert sein, dass bestimmte Umstände zunächst neutral beurteilt werden, zugleich allerdings auch persönlichen Anliegen Beachtung geschenkt wird.7 Liebigs Definition beinhaltet dadurch bereits einen möglichen Widerspruch, der auf die Unerreichbarkeit des Idealzustands hindeutet. Jeder Mensch strebt nach Gleichbehandlung, legt aber zur selben Zeit hohen Wert auf Individualität und die Anerkennung seiner Bedürfnisse. Durch diesen Interessenkonflikt können objektive und gerechte Urteile erschwert werden.

Gerechtigkeit wird in einem demokratischen Staat durch rechtsstaatliche Prinzipien organisiert und trägt zur Sicherung des sozialen Zusammenlebens bei.8

Die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit ist Aufgabe des Staates, der "die äußere Ordnung des Friedens, die Freiheit für jedermann, die Gleichheit vor dem Gesetz"9 wahren soll. Konsequenzen für die Verletzung von Rechten werden auf juristischem Wege durchgesetzt und beinhalten gesetzlich fixierte Sanktionen. Die Aufgabe der staatlichen Institutionen ist es, jedem Menschen einen fairen und angemessenen Prozess zu machen, um seine Gleichheit vor dem Gesetz aufrechtzuerhalten.

Um diese zu gewährleisten, gibt es Prinzipien, die Bedingung für einen objektiven Prozess sind. Zum einen müssen die belastenden Indizien sorgfältig geprüft und nach ihrer Vollständigkeit hin untersucht werden. Außerdem muss gewährleistet sein, dass sich Kläger und Angeklagter ausführlich zu den Vorwürfen äußern können und ihre Aussagen zunächst wertungsfrei entgegengenommen werden. Alle Entscheidungen, die während des Verfahrens getroffen werden, müssen nachvollziehbar sein und bei veränderter Sachlage korrigiert werden. Eine Beaufsichtigung der Verfahren durch verschiedene Kontrollmaßnahmen, wie zum Beispiel dem Verfassen von Protokollen, soll Transparenz und Sicherheit für die Beteiligten bieten. Grundsätzlich ist die Verfahrensgerechtigkeit unabhängig von sozialen und persönlichen Hintergründen, das heißt, sie erfüllt in besonderem Maße das Ziel der Gleichheit des Einzelnen vor dem Gesetz.10

Der Grund dafür, warum der Staat eine bedeutende Rolle in der Gerechtigkeitssicherung spielt, ist der, dass sich die Bewertung von Recht und Unrecht von Mensch zu Mensch teilweise drastisch unterscheidet. Um dennoch eine objektive Alternative zur Lösung der Rechtsfrage zu bieten, gibt es bindende Gesetzestexte, mit deren Hilfe ein neutrales Urteil gefällt werden kann. Der durch staatliche Institutionen kontrollierte Bereich der Gerechtigkeit ist eng mit dem Gerechtigkeitsverständnis des Einzelnen verbunden. Dies zeigt sich beispielsweise in der Möglichkeit, unter besonderen Umständen ein milderes Urteil zu fällen, um Rücksicht auf die private Situation des Angeklagten zu nehmen.

Im gesellschaftlichen Sinne bezeichnet Gerechtigkeit „das Verhalten eines Menschen oder eine soziale Gegebenheit, die subjektiv als (ge-)recht beurteilt wird."11 In diesem Kontext nimmt Gerechtigkeit Bezug auf Normen und Werte innerhalb der Gesellschaft, die das tägliche Miteinander prägen. Bestimmte Verhaltensregeln und Moralvorstellungen werden dem Menschen beim Hineinwachsen in die Gesellschaft vermittelt und sorgen dafür, dass er lernt,

Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen und nicht ausschließlich egoistisch zu handeln.12 Diese Normen sind, anders als die Gesetzestexte, nicht schriftlich fixiert. In Interaktionen zwischen Menschen treffen unterschiedliche Wertvorstellungen, moralische sowie normative Erwartungen und religiöse Anschauungen aufeinander, die individuell enorm voneinander abweichen können. Ein Verstoß gegen Werte und Normen der Gesellschaft hat keine juristischen Konsequenzen, allerdings kann die Öffentlichkeit den Verstoß mit Ausgrenzung und Ächtung bestrafen.13

Aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen und Einstellungen kann das persönliche Urteil darüber, was gerecht und was ungerecht ist, von Mensch zu Mensch variieren.14 Eine einheitliche und allumfassende Definition von Gerechtigkeit gibt es also nicht.

[...]


1 Zit. nach Barack Obama in einer Fernsehansprache zur Ermordnung Osama bin Ladens vom 01.05.2011: The White House (2011): President Obama on Death of Osama bin Laden. YouTube, 7:16 Min., https://www.youtube.com/watch?t=1&v=ZNYmK19-d0U (abgerufen am 26.09.15).

2 Vgl. Wefing, Heinrich (2011): Schuss gegen das Recht. Durften die USA ihren ärgsten Feind töten? Berlin: Zeit Online. http://www.zeit.de/2011/19/USA-Toetung-Osama-bin-Laden (abgerufen am 26.09.15).

3 Dürrenmatt, Friedrich (1998): Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie. Zürich: Diogenes Verlag AG.

4 Vgl. Roßner, Ingrid / Kutter, Sieglinde (2000): Abitur-Wissen Ethik. Recht und Gerechtigkeit. Freising: Stark Verlagsgesellschaft mbH., S. 2.

5 Liebig, Stefan (2010): Warum ist Gerechtigkeit wichtig? Empirische Befunde aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften. In: Roman Herzog Institut (Hg.): Warum ist Gerechtigkeit wichtig? Antworten der empirischen Gerechtigkeitsforschung. München, S. 11.

6 Vgl. Kirchhof, Paul (2015): Was ist Gerechtigkeit? Unerfüllbarer Auftrag und alltäglicher Maßstab. In: Rutz,

Michael (Hg.): Gerechtigkeit ist möglich. Worauf es in Deutschland und der Welt ankommt. Freiburg im Breisgau. S. 11.

7 Vgl. Liebig, Stefan (2010): Warum ist Gerechtigkeit wichtig? S. 11.

8 Vgl. Kersting, Wolfgang (2009): Normative Überlegungen aus philosophischer Perspektive. In: Roman Herzog Institut (Hg.): Was ist Gerechtigkeit - und wie lässt sie sich verwirklichen? Antworten eines interdisziplinären Diskurses. München. S. 6.

9 Kirchhof, Paul (2015): Was ist Gerechtigkeit? S. 13.

10 Vgl. Liebig, Stefan (2015): Gerechtigkeit ist nicht nur Gleichheit und die Folgen erlebter Ungerechtigkeiten. In: Rutz, Michael (Hg.): Gerechtigkeit ist möglich. Worauf es in Deutschland und der Welt ankommt. Freiburg im Breisgau, S. 120. und Liebig, Stefan (2010): Warum ist Gerechtigkeit wichtig? S. 17.

11 Schubert, Klaus / Klein, Martina (2011): Das Politiklexikon. 5. aktual. Auflage, Bonn: Dietz.

12 Vgl. Hradil, Stefan (2009): Einige Anmerkungen aus soziologischer Sicht zu den Fragen: „Was verstehen Sie unter dem Begriff Gerechtigkeit?“ und „Wie glauben Sie, dass Gerechtigkeit zustande kommt?“ In: Roman Herzog Institut (Hg.): Was ist Gerechtigkeit - und wie lässt sie sich verwirklichen? Antworten eines interdisziplinären Diskurses. München, S. 20.

13 Vgl. Roßner, Ingrid / Kutter, Sieglinde (2000): Abitur-Wissen Ethik. Recht und Gerechtigkeit. S. 16.

14 Vgl. Liebig, Stefan (2015): Gerechtigkeit ist nicht nur Gleichheit. S. 116.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668155107
ISBN (Buch)
9783668155114
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316568
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Dürrenmatt Friedrich Rache Gerechtigkeit Analyse politisch

Autor

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Titel: Rache und Gerechtigkeit in der Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt