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Chancen und Grenzen transnationaler Familienverbünde

Masterarbeit 2015 66 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand, methodisches Vorgehen und Zielsetzung der Arbeit ... 5

2. Familie in der soziologischen Forschung ... 10
2.1 Beschäftigungsfelder der Familiensoziologie, Begriffe und theoretische Grundlagen ... 10
2.2 Definition des Begriffs Familie ... 14
2.3 Familienmodelle nach Burgess, König, Parsons & Bales sowie Bertram ... 19

3. Transnationalisierung: Begriffsdefinition, Konzept und Abgrenzung ... 27

4. Grenzüberschreitende Vergesellschaftung: Familien in der Migration ... 31

5. Transnationale Beziehungen, -Netzwerke und -soziale Räume ... 36


6. Transnationale alltägliche Lebenswelten ... 41

6.1 Barbara Pusch: „Transnationale Familienkontexte von MigrantInnen in der Türkei“ ... 41
6.1.1 Transnationale Familien: Wiedersehen und Trennung ... 44
6.1.2 Grenzenloser Verlass: Familiäre Unterstützung in Notsituationen ... 45
6.1.3 Familiäre Verbundenheit: Über Grenzen hinweg feiern und trauern ... 45
6.1.4 Familiäre Verantwortung und materielle Hilfe... 45
6.1.5 Binationale Paare als transnationale Familien ... 46
6.1.6 Die Generalisierbarkeit der von Pusch klassifizierten Muster ... 47
6.2 Katharina Zoll: „Stabile Gemeinschaften. Transnationale Familien in der Weltgesellschaft“ ... 47

7 Chancen und Herausforderungen transnationaler Familienverbünde ... 54

8. Resümee ... 61

Literaturverzeichnis ... 64
Internetquellen ... 65

1. Gegenstand, methodisches Vorgehen und Zielsetzung der Arbeit

Die Welt ist in Bewegung.

Globalisierung ist sicherlich eines der am meisten verwendeten sozialwissenschaftlichen Modewörter zur Beschreibung des Strukturwandels gegenwärtiger Gesellschaften. Wie schon die Globalisierung in den 90er-Jahren sind auch Begriffe wie internationale Migrationsbewegung oder Transnationalisierung heute unter dem Oberbegriff der Megatrends[1] bekannt. Sie verändern Gesellschaften und beeinflussen Menschen rund um den Globus. Der Megatrend Mobilität prägt das gegenwärtige Leben in einer globalisierten Gesellschaft so nachhaltig wie kaum ein anderer, denn Mobilität ist die Basis unseres Lebens und Wirtschaftens. Sie bedeutet Beweglichkeit, Wandlungsfähigkeit und Veränderung – sowohl gesellschaftlich als auch individuell. Der weltweite Austausch von Informationen und Waren sowie die Möglichkeit, unabhängig von Jahreszeiten im Supermarkt Produkte aus aller Welt kaufen zu können, werden von den meisten Menschen als vollkommen selbstverständlich empfunden. Die kulturelle Globalisierung stellt gegenwärtig hohe Mobilitätsanforderungen an die Menschen und veranlasst sie häufiger als jemals zuvor, ihr Heimatland zu verlassen um in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Ähnlich verhält es sich mit der Internationalisierung menschlicher Lebenszusammenhänge, einer der vielleicht größten Veränderungen des 21. Jahrhunderts. Was auf der einen Seite Risiken und Unsicherheit impliziert, bietet auf der anderen Seite neue Chancen, eine größere Optionenvielfalt und die Möglichkeit, Neues zu entdecken und zu erfahren. Internationale Migrationsbewegungen sind kein neues Phänomen der Geschichte, in Zeiten von Globalisierung verändert sich allerdings ihr Charakter. Durch die zunehmende Durchlässigkeit nationalstaatlicher Grenzen können räumliche Distanzen leichter denn je überwunden werden und neue Kommunikations- sowie Transporttechnologien erhöhen die Geschwindigkeit dieses Trends. Das gegenwärtige Ausmaß und die Muster dieser Mobilität verweisen auf ein Novum.

Auch in Deutschland findet hinsichtlich der Bevölkerungsanteile von Inländern, Ausländern, Eingebürgerten, Zu- und Fortgezogenen ein demografischer Wandel statt. Denn anders als bislang öffentlich wahrgenommen ist auch Deutschland schon lange ein Einwanderungsland (vgl. OECD, Berlin Centre, 2013). Im ersten Halbjahr des Jahres 2014 sind nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes ca. 667.000 Menschen nach Deutschland zugezogen, etwa 112.000 mehr als im ersten Halbjahr des Vorjahres. Von allen im ersten Halbjahr 2014 zugewanderten Menschen besaßen rund 611.000 eine ausländische Staatsangehörigkeit. Dies waren ca. 110.000 Personen und somit 22 % mehr als im ersten Halbjahr des Jahres 2013 (vgl. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Februar 2015a, 1). Währenddessen zogen im ersten Halbjahr 2014 rund 427.000 Menschen aus Deutschland fort. Insgesamt hat sich somit der Wanderungssaldo von 206.000 im Vorjahr auf rund 240.000 Personen erhöht (vgl. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Februar 2015a, 1). Mit einem steigenden Wanderungssaldo gewinnt auch der Themenkomplex Familie und Migration zunehmend an Bedeutung. Für viele dieser Menschen führt die Migration zu einem geplanten oder auch ungeplanten dauerhaften Landeswechsel, was nicht nur für die jeweiligen Einzelbiografien, sondern auch für die dazugehörigen Familien prägend ist, denn Migration ist, anders als häufig dargestellt, in den meisten Fällen keine Individualentscheidung. In aller Regel werden Migrationsentscheidungen in familiären Netzwerkstrukturen häufig vor dem Hintergrund beruflicher Perspektiven gemeinsam gefällt, organisiert und auch umgesetzt (vgl. Pries 2010, 37).

Galt die Familie zu Beginn der 1950er-Jahre noch als „eine auf Dauer angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau mit einem gemeinsamen Kind und einer gemeinsamen Haushaltsführung […]“ (Endruweit, Trommsdorff und Burzan 2014, 120), so hat sich die Sicht auf sie im Zeitalter globaler Megatrends spürbar verändert. Familie wird in ihrer Form und Funktion nicht nur durch den Wandel vom nationalstaatlichen Industrialismus zu einer globalisierten und internationalisierten Informationsgesellschaft geprägt, auch die interdisziplinär oft beschriebenen Neuzeit-Phänomene der Pluralisierung, Individualisierung und Differenzierung von Lebensentwürfen stellen das konventionelle Bild einer „Normalfamilie“[2] infrage. Wirtschaftliche, technische und auch kulturelle Veränderungen markieren seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert eine deutliche Intensivierung der Transnationalisierungsprozesse (vgl. Pries 2008, 20). Als Entwicklung jenseits von Globalisierung und Nationalstaat gewinnen grenzüberschreitende Beziehungen unweigerlich an Bedeutung, so auch bei Familienmitgliedern in der internationalen Migration. Durch eine Vielzahl an Motivationen zur Migration und dem damit verbundenen Verlassen des Heimatlandes entstehen grenzüberschreitende Kontakte, Beziehungen und soziale Netzwerke. Menschen in der Migration halten über große Distanzen hinweg engen Kontakt zu Freunden und Familienangehörigen aus ihrer Herkunftsregion (vgl. Pries 2008, 15). Unweigerlich unterliegt in diesem Zusammenhang auch das Familienleben tiefgreifenden Veränderungen. Vor dem Hintergrund von Mobilität und Transnationalisierung ergeben sich für die Familie im 21. Jahrhundert neue Chance aber auch neue Herausforderungen. Lässt sich ein Mensch in einem anderen Land nieder, so hat dies eine wiederholte oder gar dauerhafte Trennung von seinen Familienangehörigen zur Folge. Dort, wo weltweite Mobilität möglich ist und sich die internationale Migration verstärkt, entwickeln sich transnationale Familienverbünde. Der Begriff transnationale Familien wird dabei für jene Familien verwendet, die ihr Leben zumindest zeitweise zwischen verschiedenen geografischen Räumen organisieren, beispielsweise dann, wenn Teile der Familie regelmäßig den Wohnort wechseln oder einzelne Familienmitglieder auf Dauer, bestimmte oder unbestimmte Zeit getrennt von Angehörigen in einem anderen Land leben. Vor allem durch grenzüberschreitende Arbeitsmigration werden transnationale Beziehungen, die verschiedene Orte der Welt miteinander verbinden, täglich neu geschaffen (vgl. Pries, 2008, 18). Die Transnationalisierung von Familien kann hierbei sowohl Herausforderung als auch Chance sein.

Im Allgemeinen soll in der vorliegenden Arbeit auf die Folgen der zunehmenden Transnationalisierungstendenzen für die Lebensform Familie im 21. Jahrhundert eingegangen werden, um zu zeigen, dass sich für transnationale Familienverbünde aus der räumlichen Trennung sowohl Chancen als auch Grenzen ergeben. Im Besonderen soll analysiert werden, in welcher Form internationale Migration Einfluss auf den familiären Zusammenhalt haben kann und wie die alltägliche Lebenswelt transnationaler Familienverbünde dadurch beeinflusst wird. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere jene transnationalen Familienverbünde, die ihr gemeinsames Leben nach dem Migrationsakt eines oder mehrerer Familienmitglieder über Ländergrenzen hinweg organisieren, sowie deren Bedürfnisse und Bewältigungsstrategien zur Aufrechterhaltung der familiären Einheit. Aus einer transnationalen Perspektive soll gezeigt werden, wie sich die Erfahrungen internationaler Migration auf Familienbeziehungen auswirken und in welcher Form sie Einfluss auf Kommunikationsstrukturen und -strategien sowie Zugehörigkeitsgefühle und Alltagsgestaltung nehmen.

Das 2. Kapitel dieser Arbeit, Familie in der soziologischen Forschung, setzt sich als theoretische Grundlage mit dem Forschungsfeld der Familiensoziologie auseinander, auf dessen Basis anschließend eine Annäherung an die Definition von Familie erfolgt. Im Anschluss daran werden vier historisch-soziologische Familienmodelle erläutert, um darauf aufbauend zu diskutieren, ob das gegenwartsnahe Familienmodell Hans Bertrams noch eine zeitgemäße Darstellung der Lebensform Familie im 21. Jahrhundert widerspiegelt oder ob es um den Aspekt der transnationalen Familienbeziehungen zu erweitern ist.

Unter der Überschrift Transnationalisierung: Begriffsdefinition, Konzept, Abgrenzung werden zuerst im Allgemeinen die Schlüsselvokabeln Transnationalisierung und Globalisierung thematisiert, um sie insbesondere vom Konzept des methodologischen Nationalismus abzugrenzen. Das verbindendende theoretische Element und den konzeptionellen Rahmen zwischen den Themenfeldern Familie und Transnationalisierung bildet dabei die Frage ihres Zusammenwirkens und die sich daraus ergebenden Chancen und Herausforderungen für transnationale Familienverbünde. Kapitel 4 erläutert das Konzept der grenzüberschreitenden Vergesellschaftung. Dazu werden fünf spezifische Typen familiärer Migration vorgestellt, um nachfolgend in Kapitel 5 darzulegen, inwiefern transnationale soziale Beziehungen, -Netzwerke und -Räume als Ausgangspunkt und Basis für familiären Zusammenhalt über nationalstaatliche Grenzen hinweg fungieren können.

In Kapitel 6, Transnationale alltägliche Lebenswelten, schließt sich ein Einblick in die alltägliche Lebenswelt transnationaler Familien im Allgemeinen und die Darstellung konkreter Familiensituationen anhand von Beispielen im Besonderen an. Dazu werden die empirischen Studien Barbara Puschs, „Transnationale Familienkontexte von MigrantInnen in der Türkei“, und Katharina Zolls, „Stabile Gemeinschaften. Transnationale Familien in der Weltgesellschaft“, vorgestellt. Dabei sollen Erkenntnisse über transnationale Familien aufgezeigt und konkrete Einblicke in die alltägliche Lebenswelt dieser Familien gegeben werden.

In Kapitel 7, Chancen und Herausforderungen transnationaler Familienverbünde, wird zusammenfassend formuliert, welche Auswirkungen die räumliche Trennung transnationaler Familienmitglieder auf den familiären Zusammenhalt hat, wenn der kommunikative Kontakt über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg gehalten werden muss. Folgende Kernfragen werden beantwortet: Welche Aufgaben und Herausforderungen sind zu meistern? Welche Handlungsoptionen stehen zur Verfügung? Durch welche Faktoren kann die Aufrechterhaltung der familiären Einheit beeinflusst werden? Den Abschluss der Arbeit bildet ein Resümee.

Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit wird nachfolgend auf die parallele Nennung weiblicher und männlicher Substantivformen verzichtet. Die überwiegend verwendete grammatisch männliche Form bezeichnet nachfolgend grundsätzlich beide Geschlechter. Wenn im Folgenden von ‚Migranten‘ die Rede ist, sind damit vereinfachend alle Personen gemeint, die ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegen. Von ‚internationaler Migration‘ wird dann gesprochen, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2010, 14). In der vorliegenden Arbeit wird dabei nur die Außenwanderung betrachtet, die Binnenmigration innerhalb nationalstaatlicher Grenzen findet hingegen keine Berücksichtigung.

2. Familie in der soziologischen Forschung

„Die Familie ist und bleibt unverzichtbar.“
Richard Freiherr von Weizsäcker (*1920; † 2015), deutscher Jurist, CDU-Politiker und von 1984-1994 Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Das vorangestellte Zitat Richard Freiherr von Weizsäckers verdeutlicht eine Kernaussage der nachfolgenden Arbeit jenseits aller Konzepte zu Transnationalität und der historischen oder aktuellen Familienforschung, denn das Themenfeld Familie verknüpft Aktualität mit Zeitlosigkeit. Der zeitlose Charakter der Lebensform Familie besteht darin, dass die Familie die kleinste soziale Gruppe in der Gesellschaft sowie den Ursprung der Reproduktion der menschlichen Gattung bildet. Seine Gegenwartsbezogenheit erhält das Thema dadurch, dass Familie damals wie heute einem gesellschaftlichen Wandel unterliegt, der sie selbst als Lebensform nachhaltig prägt, aber auch diejenigen Individuen, aus denen sie besteht. Wie noch zu zeigen ist, verändern sich die Strukturen familialen Zusammenlebens im 21. Jahrhundert tiefgreifend. Das Netzwerk aus Familienbeziehungen wird heute, in Zeiten verdichteter internationaler Migrationsbewegungen, durch geografische Trennungen der Familienmitglieder beeinflusst und es entsteht ein Wirkungskreis, der sich auf immer mehr Menschen erstreckt, die in familialen Einheiten miteinander verbunden sind. In Zeiten demografischen Wandels, zunehmender Mobilität und der daraus erwachsenden räumlichen Trennung von Familienmitgliedern kann nicht länger am Bild der traditionellen Familie, nach dem Eltern und Kinder gemeinsam in einem Haushalt leben, bis Letztere nach ihrem Auszug eine eigene Familie gründen, festgehalten werden.

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit werden die Beschäftigungsfelder der soziologischen Familienforschung sowie der aktuelle Forschungsstand näher beleuchtet, um im Anschluss daran das Begriffsfeld Familie für den weiteren Verlauf exakter zu skizzieren und den Versuch zu unternehmen, Familie zu definieren.

2.1 Beschäftigungsfelder der Familiensoziologie, Begriffe und theoretische Grundlagen

Die historischen Ursprünge der Familienforschung als unabhängiges Forschungsfeld lassen sich ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert verorten. Als Reaktion auf durch die industrielle Revolution in Europa hervorgerufenen starken wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen entwickelt sich die Familienforschung im Zuge der Entstehung der Demografie (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 17). Erstmalig sollen genaue Zählungen, Messungen und Beobachtungen dazu beitragen, eine systematische und exakte statistische Erfassung sämtlicher Bevölkerungsvorgänge zu ermöglichen. Bei haushaltsstatistischen, sozioökonomischen und sozialpsychologischen Untersuchungen richtet sich der Blick der Wissenschaft zu jener Zeit erstmalig auch auf die Aspekte von Ehe und Familie und deren Bedeutung für Gesellschaft und Industrie. Rechts- wie auch Staatswissenschaften betrachten die Familie im Zuge des neuen wirtschaftlichen Wachstums und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Umstrukturierungen nicht nur als staatstragende, sondern auch als staatsregulierende Institution (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 17). So wird die Familienforschung in ihren Anfängen als Ausgangspunkt und Basis für politisches Handeln genutzt. Heute sehen Soziologen in dieser erstmaligen Betrachtung der Familie als wissenschaftliches Forschungsfeld den Beginn einer eigenständigen soziologischen Beschäftigung mit dem Themenkomplex Familie und schließlich die Entstehung der Familiensoziologie (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 17).

Damals wie auch heute wird die wissenschaftliche Sicht auf Familie vom stetigen Wandel und der Angst vor einem Auseinanderbrechen bestehender Familienstrukturen dominiert. Unabhängig voneinander wurden bereits im Jahr 1855 zwei Arbeiten veröffentlicht, die den drohenden Zerfall familiärer Strukturen durch die zunehmende Industrialisierung und deren Folgen für ihre soziale Umwelt prophezeien. So versteht sich die noch junge familiensoziologische Forschung ursprünglich als eine „Oppositionswissenschaft" (Huinink & Konietzka 2007, 17), deren Bemühungen gekennzeichnet sind von dem Bestreben, die Gesellschaft durch die Stärkung der Familie zu stützen und auch in politischer Hinsicht zu stabilisieren (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 17). Daneben steht die zentrale Frage nach ihrer Beständigkeit und den Möglichkeiten ihrer Festigung im Mittelpunkt. Die befürchteten Risiken für die Familie als soziale Gruppe und gesellschaftliche Institution nehmen im folgenden Jahrhundert nicht ab. Auch in der heutigen Familienforschung steht der drohende Zerfall der Familie stets im Blickfeld soziologischer Forschungen. Während früher die Industrialisierung die Angst vor einer Auflösung familialer Strukturen schürte, werden diese Befürchtungen heutzutage von Globalisierungs- und Internationalisierungstendenzen genährt.

Hierbei zeigt sich, dass die Angst vor dem Zerfall der Familie jeweils ein Spiegel ihrer Zeit ist – inmitten einer sich konstant verändernden Gesellschaft. Und es wird eines deutlich: Das System Familie vollzieht auch aktuell einen Strukturwandel, denn sie ist nach wie vor starken gesellschaftlichen Veränderungsprozessen unterworfen. Wird die normale Familie traditionell „als eine auf Dauer angelegt Beziehung zwischen Mann und Frau mit einem gemeinsamen Kind und einer gemeinsamen Haushaltsführung […]“ (Endruweit et al. 2014, 120) definiert, so gewinnt heute eine Fülle an alternativen Lebens- und Familienformen an Bedeutung. Die oben zitierte „Ein­engung“ (Endruweit et al. 2014, 120) des Familienbegriffs findet daher innerhalb der neueren soziologischen Forschung bereits deutlich weniger Beachtung als noch vor einigen Jahrzehnten. Heute rückt die Untersuchung nicht ehelicher Lebensgemeinschaften oder homosexueller Paarbeziehungen kontinuierlich in den Fokus von Öffentlichkeit und Wissenschaft. Spricht man gegenwärtig von Familie, so kann damit eine Vielzahl von Gruppenstrukturen gemeint sein.

Im Mittelpunkt der aktuellen familiensoziologischen Forschung steht u. a. die Eigendynamik der inneren Familienstruktur. Das Familienleben wird in Abhängigkeit von sozialen, kulturellen und ökonomischen Faktoren betrachtet, die großen Einfluss auf dessen Gestaltung nehmen – und umgekehrt wiederum von der Familie beeinflusst werden. Huinink und Konietzka (2007, 12) beschreiben die Beschäftigungsfelder der Familiensoziologie als die Untersuchung der
„[…] individuellen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Faktoren, welche beeinflussen, ob und wann im Leben Individuen eine Familie gründen, wie sie ihr Familienleben gestalten und welche Auswirkungen auf ihre Lebensumstände und ihren Lebenslauf insgesamt damit verbunden sind.“

Darüber hinaus werden in der soziologischen Familienforschung vordergründig die Beziehungen und sozialen Interaktionen der Familienmitglieder untereinander, die Rolle der Familie als Institution innerhalb der Gesellschaft sowie ihre Entwicklung im Rahmen von gesellschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen untersucht. Die Familiensoziologie betrachtet als Forschungsfeld des Weiteren die Bedingungen und Auswirkungen der Erziehung und Sozialisation der Kinder innerhalb der familialen Strukturen (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 12) sowie die Herstellung, Pflege und Auflösung von Eltern-Kind-Beziehungen und deren Bedeutung für soziale Institutionen und gesellschaftliche Strukturen (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 14). Sowohl in der Gegenwart als auch im sozialhistorischen Vergleich besitzt die Familie viele Erscheinungsformen und damit die soziologische Familienforschung viele Betrachtungsperspektiven (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 24). Um den Strukturwandel in der Familie zu begründen, dienen gegenwärtig zahlreiche makro- und mikrosoziologische Theorien als Erklärungsansätze. Johannes Huinink und Dirk Konietzka (2007, 101) erläutern die beiden Betrachtungsebenen wie folgt:

Familiensoziologische Makrotheorien untersuchen die Familie als gesellschaftliches Teilsystem im Austausch mit anderen Institutionen. Aus dieser Perspektive wird die Familie als gesellschaftliche Institution betrachtet, die eine gesamtgesellschaftliche Leistung erbringen kann, indem sie andere Institutionen, wie beispielsweise das Bildungswesen, den Arbeitsmarkt oder den Staat, entlastet (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 14 f.). Umgekehrt wird sie wiederum von anderen gesellschaftlichen Teilbereichen beeinflusst und mehr oder weniger stark mit Ressourcen und Dienstleistungen versorgt. Auf diesem Wege kann ihre eigene und die Leistungsfähigkeit aller darin befindlicher Individuen erhöht werden, was wiederum der Gesellschaft zugutekommt (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 101). Auch strukturelle Analysen der Familienentwicklung, beispielsweise hinsichtlich der Wechselbeziehung zwischen Familienformen und sozialer Ungleichheit, werden aus der makroanalytischen Dimension heraus untersucht (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 15).

Mikrotheorien hingegen betrachten die Familie als ein in sich geschlossenes System. Huinink und Konietzka (2007, 72) reden in diesem Zusammenhang von Wohlfahrtseffekten als privaten Leistungen, die zwischen den Familienmitgliedern, in persönlichen Beziehungen zueinander sowie füreinander erbracht werden. Außerhalb befindliche Institutionen spielen in diesem Zusammenhang keine maßgebliche Rolle. Der mikrotheoretische Blickwinkel betrachtet die Familie als einen Ort, an dem durch emotionale Stabilisierung Kohäsion geschaffen wird. Darüber hinaus werden Sozialisations- und Bildungsleistungen innerhalb familialer Strukturen untersucht (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 72). Aus der mikroanalytischen Perspektive werden ebenfalls die familiale Beziehungsebene sowie Interaktionen des psychosozialen Miteinanders, die innerfamiliäre Alltagsorganisation und die Erziehung und Sozialisation von Kindern in den Blick genommen. Auch Intergenerationen- und Verwandtschaftsbeziehungen gehören von der Betrachtungsweise her zur familialen Bezugs- und somit zur Mikroebene (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 15 f.). Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass die Familie als grob unterteiltes, soziologisches Forschungsfeld sowohl aus einem makro- als auch aus einem mikrosoziologischen Ansatz heraus betrachtet werden kann. Beide Perspektiven laufen jedoch für sich genommen Gefahr, vereinfachend zu wirken. Da sich Makro- und Mikroperspektive in den meisten Fällen durchdringen, kann nur eine Betrachtung aus beiden Blickwinkeln eine umfassende Sicht auf das Forschungsfeld sicherstellen.

Bezugnehmend auf die Thematik dieser Arbeit werden die Chancen und Grenzen transnationaler Familienverbünde im weiteren Verlauf auf der Mikroebene betrachtet. Dabei wird auf den Wandel der familialen Lebenswelt und die daraus resultierenden strukturellen und sozialen Veränderungen für die Familie Bezug genommen, die letztlich Konsequenz einer sich verändernden Makrostruktur sind, die durch Transnationalisierungsprozesse diese neuartigen Familienstrukturen erst hervorbringt. Will man die Ursachen für den gegenwärtigen Wandel der Familie und die daraus resultierenden Veränderungen verstehen, so ist eine Beschäftigung mit der Definition von Familie und ihrer Historizität unabdingbar.

2.2 Definition des Begriffs Familie

Für die Einführung in die Thematik der vorliegenden Arbeit ist eine Definition des kontroversen Begriffs Familie erforderlich, da sich im Verlauf der historischen Entwicklung auch die Bedeutung von Familie stetig wandelt. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Begriff Familie. Nach einer etymologischen Begriffsbestimmung werden grundlegende Kriterien herausgearbeitet, welche die Familie als soziale Gruppe von anderen Lebensformen, unabhängig von ihrer historischen oder kulturellen Erscheinungsform, unterscheiden. Darauf folgend sollen universelle Merkmale und spezifische Funktionen von Familie bestimmt und beschrieben werden.

Folgt man den Soziologen Bernhard Schäfers und Johannes Kopp (2006, 69), so lässt sich Familie im heutigen Verständnis wie folgt definieren:

„Ausgehend von dem etymologischen Ursprung (lat. Familia – Hausgenossenschaft, Hausstand, der auch die Dienerschaft sowie den gesamten Besitz umfasste) wurde oft die gesamte Hausgemeinschaft als Familie bezeichnet. Neuere Definitionen schränken den Begriff der Familie deutlich ein und verweisen als Definitionskriterien der Kern- oder Kleinfamilie auf eine – zumindest auf Dauer angelegt und legitimierte – Beziehung zwischen Mann und Frau, die gemeinsame Haushaltsführung und das Vorhandensein mindestens eines Kindes. Erst die Filiationsbezeichnung, also das Kindschaftsverhältnis macht aus einer Ehe eine Familie […]“

Die oben beschriebene Eltern-Kind-Gruppe ist dabei klar abzugrenzen von der Verwandtschaftsfamilie. In dieser normativ, institutionell und juristisch verankerten Definition unterscheidet sich Familie hinsichtlich der Partnerschaft, der Elternschaft und der Haushaltsform von anderen familialen Lebensformen (vgl. Schäfers & Kopp 2006, 69). Doch im letzten Jahrzehnt lassen sich wichtige Veränderungen, die Familienstrukturen betreffend, beobachten. So betrachten Endruweit et al. (2014, 120) die Arbeitsteilung in homosexuellen Paarbeziehungen ebenso wie die soziale Integration kinderloser Paare als Gegenstand aktueller familiensoziologischer Forschung.

In den vergangenen Jahrzehnten führen grundlegende Veränderungen zu einem strukturellen Wandel der Familie, des Rollenverständnisses und zu einer Verschiebung der Bewertung familialer Entscheidungen (vgl. Schäfers & Kopp 2006, 71). Das durchschnittliche Heiratsalter ist gestiegen, während die Geburtenrate gesunken ist. Wie die Lebenserwartung ist auch die Scheidungsrate gestiegen (vgl. Schäfers & Kopp 2006, 71). Ebenfalls impliziert die zunehmende Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Frauen eine Änderung des Selbst- und Rollenverständnisses und führt zu einem innerfamiliären Wandel in Bezug auf Elternschaft, Eheschließung, Erwerbstätigkeit oder auch die Entscheidung zur Migration. Formen des familialen Zusammenlebens werden u. a. durch diese Faktoren stark beeinflusst.

Der Wandel des Familiengriffs lässt sich durch immer komplexer werdende Elternschafts-, Ehe- und Partnerschaftsverhältnisse kennzeichnen. Heute besteht eine Familie nicht mehr zwangsläufig aus einer Mutter, einem Vater und mindestens einem gemeinsamen Kind, die zusammen in einem Haushalt leben. Die Familie im 21. Jahrhundert hat viele Gesichter und umfasst mittlerweile zahlreiche verschiedene Lebensformen[3]. Auch Huinink und Konietzka (2007, 29) weisen darauf hin, dass Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen ebenso wie die Rollen einzelner Familienmitglieder aus historischer und kultureller Sicht ein sehr hohes Maß an Variabilität aufweisen. In der deutschsprachigen Familiensoziologie wird daher der Begriff Lebensform immer häufiger dazu gebraucht, dem strukturellen Wandel der verschiedenen Familien- und Haushaltsformen Rechnung zu tragen (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 35). Ebenso hat sich dort der Begriff der Eltern-Kind-Gemeinschaft weitestgehend durchgesetzt (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 37 f.). Im Zuge dieses erweiterten Begriffsverständnisses passt auch das Statistische Bundesamt im Jahr 2005 seine Definition von Familie an die veränderten Verhältnisse an:

„Die Familie im statistischen Sinn umfasst im Mikrozensus – abweichend von früher – alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, das heißt Ehepaare, nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie allein erziehende Mütter und Väter mit ledigen Kindern im Haushalt. Einbezogen sind in diesen Familienbegriff – neben leiblichen Kindern – auch Stief-, Pflege- und Adoptivkinder ohne Altersbegrenzung. Damit besteht eine statistische Familie immer aus zwei Generationen (Zwei-Generationen-Regel) [Hervorhebung durch Autor]: Aus Eltern bzw. Elternteilen und aus im Haushalt lebenden ledigen Kindern. Kinder, die noch gemeinsam mit den Eltern in einem Haushalt leben, dort aber bereits eigene Kinder versorgen, sowie Kinder, die nicht mehr ledig sind oder mit eine(m)/r Partner/in in einer Lebensgemeinschaft leben, werden im Mikrozensus nicht der Herkunftsfamilie zugerechnet, sondern zählen als eigene Familie beziehungsweise als eigenständige Lebensform.“ (Statistisches Bundesamt 2015b)

Nicht zu den Familien im Sinne des Statistischen Bundesamtes gehören Paare, Ehepaare und Lebensgemeinschaften ohne Kinder sowie Alleinstehende. Das Novum in der oben genannten Definition: Die gemeinsame Haushaltsführung zweier Elternteile, die Ehe und die Heterosexualität der Elterngeneration verlieren mit oben aufgeführter Begriffsbestimmung ihre normative Verbindlichkeit und ihre soziale Faktizität (vgl. Schäfer und Kopp 2006, 72). Zusammenfassend kann bislang festgehalten werden, dass die Familie im engsten definitorischen Sinne durch die universellen Merkmale einer klaren Generationendifferenzierung und Elternschaftsbeziehung bestimmt werden kann (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 38). Da sich die Thematik dieser Arbeit jedoch nicht ausschließlich auf Eltern-Kind-Gemeinschaften bezieht, sollen die Begriffe der Lebensform, des Familiennetzwerks und des Familienverbundes nachfolgend eine eingeschränkte Sicht auf die Familie als Eltern-Kind-Gemeinschaft verhindern.

Der Sozialwissenschaftler Rüdiger Peukert bezeichnet Familie als „eine allgemeine Lebensform, die mindestens ein Kind und ein Elternteil umfasst und einen dauerhaften und im Inneren durch Solidarität und persönliche Verbundenheit charakterisierten Zusammenhang aufweist“ (Peukert 2007, 36). Alle weiteren Merkmale dessen, was gemeinhin als typisch für eine Familie empfunden wird, sind, so Peukert (2007, 36) weiter, kulturell variabel. Mit dieser Definition erweitert der Soziologe die oben beschriebene definitorische Begriffserklärung um die Merkmale der familiären Solidarität und der persönlichen Verbundenheit der Familienmitglieder untereinander. Neben den beiden Faktoren der Generationendifferenzierung und der Elternschaft sind demnach auch die zwischenmenschlichen Merkmale von Familienmitgliedern zu definieren. Bezugnehmend auf die Tatsache, dass im weiteren Verlauf dieser Arbeit besonders die inneren familiären Strukturen transnationaler Familienverbünde untersucht werden sollen, ist es sinnvoll, nachfolgend die grundlegenden sozialen Charakteristika von Familien kulturübergreifend zu beschreiben. Jutta Ecarius, Nils Köbel und Katrin Wahl (2011) grenzen im Zuge der Formulierung allgemeingültiger familiärer Merkmale die Familie als soziale Gruppe von anderen gesellschaftlichen Lebensformen ab. Um ein möglichst hohes Abstraktionsniveau zu erreichen, das sowohl historische Veränderungen als auch Einblicke in aktuelle Erscheinungsformen der Familie mit einbezieht, wählen Ecarius et al. für ihre Familiendefinition einen strukturtheoretischen Ansatz. Dadurch sollen die (relativ) konstanten und stabilen Charakteristika in den innerfamiliären Beziehungsstrukturen dargestellt werden (vgl. Ecarius et al. 2011, 14). Die strukturtheoretische Bestimmung geht davon aus, dass Familien

(a) Kommunikationssysteme sind, die besondere Merkmale aufweisen,
(b) eine hohe Interaktionsdichte innerhalb dieser Systeme besteht und
(c) sie ein besonderes Verhältnis zur historischen Zeit, eine hohe Leibgebundenheit ihres alltäglichen Austauschs sowie eine hohe Personalisiertheit der Beiträge innerhalb des Kommunikationssystems haben (vgl. Ecarius et al. 2011, 14).

Bezugnehmend auf diese Festlegungen schlägt die moderne Familienforschung folgende Strukturmerkmale von Familie vor, die als Erweiterung der vorab dargestellten allgemeinen Merkmale (a, b, c) dienen. Anstatt historische Erscheinungsformen in den Blick zu nehmen, betrachtet sie vielmehr das widerstandsfähige und konstante Beziehungsnetz der Familie (vgl. Ecarius et al. 2011, 14):

(d) Familien weisen eine biologisch-soziale Doppelnatur[4], im Hinblick auf ihre Reproduktions- und Sozialisationsfunktion, auf.
(e) Innerhalb der Familie herrschen einzigartige Kooperations- und Solidaritätsverhältnisse. Es existiert eine einmalige Rollenstruktur (Vater, Mutter, Kind), in der die Mitgliedschaftsbegriffe ausschließlich für dieses Sozialsystem gelten.
(f) Innerhalb der Familie existiert eine Generationendifferenz. Diese bildet zwischen den Eltern und den Kindern ein entscheidendes Kriterium. Beispielsweise kann durch sie eine alleinerziehende Mutter mit einem Kind klar als Familie definiert werden (vgl. Ecarius et al. 2011, 14; vgl. Statistisches Bundesamt 2015b).

Aufgrund der steten Veränderungen der Familienformen erscheint es zunächst schwierig, den Begriff Familie im Sinne einer klaren Eingrenzung der dazugehörigen Personen zu definieren. Aus der beschriebenen strukturtheoretischen Perspektive heraus jedoch wird von Kernfamilie gesprochen, wenn es sich bei den Familienmitgliedern um einen Vater und/oder eine Mutter und ein Kind handelt. Umfasst die Perspektive darüber hinaus die Großeltern oder Urgroßeltern, spricht man von einer 3- oder 4-Generationenfamilie (vgl. Ecarius et al. 2011, 14 f.). Diese (erweiterte) Definition familiärer Strukturmerkmale kann historienunabhängige und kulturübergreifende Charakteristiken herstellen, die einheitlich verwendet werden können.

Wie bereits aufgezeigt, verändert sich die Bedeutung von Familie im historischen Verlauf je nach gesellschaftlichem Kontext (vgl. Ecarius et al. 2011, 13). Einerseits ist der Begriff Familie daher sowohl möglichst offen zu halten, damit Veränderungen und Pluralität der Familienformen nicht ausgeschlossen werden. Andererseits ist eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig, um den zeitlosen Charakter von Familie zu beschreiben und universelle Merkmale und spezifische Funktionen zu betrachten, die damals wie heute gelten. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Familien durch eine biologisch-soziale Doppelnatur, bezogen auf Reproduktions- und Sozialisationsfunktionen, sowie eine klare Generationendifferenzierung und Elternschaftsbeziehung gekennzeichnet sind. Innerhalb von Familien bestehen einzigartige Verbundenheits-, Kooperations- und Solidaritätsverhältnisse sowie eine unikale Rollenstruktur. Familien können darüber hinaus als Kommunikationssysteme mit einer besonders hohen Dichte an Interaktionen bezeichnet werden, bei denen die Beiträge der Mitglieder innerhalb des Systems einen besonders hohen Grad an Personalisiertheit aufweisen.

[…]


[1] Der Begriff des Megatrends geht auf John Naisbitt zurück, der 1982 ein Buch mit diesem Titel veröffentlichte. Der US-amerikanische Autor und Zukunftsforscher sagte bereits in den frühen 80er-Jahren den Beginn des Übergangs von der Industrie- zur Informationsgesellschaft voraus und beschrieb die Grundzüge der Globalisierung. Vgl. hierzu Megatrends. Ten New Directions Transforming Our Lives (1982).

[2] Als kennzeichnend für die „Normalfamilie“, die vor allem in den 50er- und 60er-Jahren Akzeptanz fand, gibt die Bundeszentrale für politische Bildung 2003 folgende Merkmale an: „verheiratet; mehrere Kinder; gemeinsamer Haushalt; zwei leibliche Eltern im Haushalt; lebenslange Ehe; Monogamie; heterosexuell“. Vgl. hierzu Bundeszentrale für politische Bildung. Themenblätter im Unterricht (2003).

[3] Um ein „differenziertes familiensoziologische[s] Instrumentarium“ zu verwenden, bedienen sich Huinink und Konietzka (2007, 29) in ihren Forschungen des Begriffs der Lebensform. Dadurch lässt sich die Vielfalt der Familienformen besser erfassen, ohne sie dabei zu simplifizieren. In der Literatur wird der Begriff der Lebensform nicht einheitlich definiert. Das Statistische Bundesamt versteht darunter relativ stabile Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich, die allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens mit Kindern oder ohne Kinder beschrieben werden können (vgl. Huinink & Konietzka 2007, 29).

[4] Der Begriff der biologisch-sozialen Doppelnatur geht auf René König zurück, wobei die Familie in ihrer biologisch-sozialen Doppelrolle sowohl die Reproduktionsaufgabe auf biologischer Ebene als auch essenzielle sozialisierende Funktionen auf der sozialen Ebene übernimmt. Vgl. hierzu Materialien zur Soziologie der Familie (1974).

Details

Seiten
66
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668175617
ISBN (Buch)
9783946458371
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316546
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Migration Familie Familiensoziologie Familienforschung Transnationale Familien Transnationalität Pries Familienverbünde transnationale Netzwerke transnationale Beziehungen soziale Räume

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Titel: Chancen und Grenzen transnationaler Familienverbünde