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Der Untergang des Einzelnen im Klassenkampf? Zur Möglichkeit der Durchsetzung individueller Interessen im Rätedemokratischen Staatsmodell und der Marxistischen Gesellschaftstheorie

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Grundzüge des Marxismus
1.1 Marxistische Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie
1.2 Die Entfremdung der Arbeit
1.3 Religion als Opium des Volkes
1.4 Marxistische Philosophie
1.5 Menschenrechtsgedanke im Marxismus
1.6 Ziele des Marxismus

2. Das „reine“ Rätesystems der USPD
2.1 Aufbau und Prinzipien
2.2 Ziel und Zweck der Räterepublik

3. Analyse des Marxismus

4. Analyse der Räterepublik

5. Fazit

6. Bibliografie

Einleitung

Die marxistische Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie sowie die damit verbundenen Forderungen als Reaktion auf das Elend der Industriearbeiter Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts fanden in wenigen Jahren eine große Anhängerschaft, sodass sich schnell auch über Europas Grenzen hinaus sozialistische bzw. kommunistische Parteien, Organisationen und andere Zusammenschlüsse bildeten, die das politische sowie gesellschaftliche Geschehen fortan maßgeblich mitbestimmten.

Als sich in Deutschland im Zuge der sich anbahnenden militärischen Niederlage gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und dem damit möglicherweise einhergehenden Zusammenbruch der Monarchie die Frage nach Möglichkeiten einer politischen Neuordnung stellte, sahen die deutschen Sozialisten Chancen zur Verwirklichung ihrer marxistischen Ideale. Innerhalb der SPD kam es jedoch schon vorm Ersten Weltkriegs zu programmatischen Differenzen; Während der mehrheitliche Teil eine repräsentative parlamentarische Demokratie als erstrebenswertes politisches System für Deutschland betrachtete, orientierte sich ein kleinerer Teil unentwegt streng am Marxismus. Aus diesem innerparteilichen Konflikt der deutschen Sozialdemokraten folgte die Abspaltung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD), die mit einer klassischen Räterepublik einen basisdemokratischen Staat errichten wollte.

Diese Rätekommunisten beanspruchten mit ihrem Modell die wahre Demokratie zu errichten, dem kollektiven Volkswillen gerecht zu werden und damit die individuelle Freiheit des Einzelnen schaffen zu können.[1]

Intention dieser Hausarbeit ist es, die Frage zu untersuchen, inwieweit das Staatsmodell der klassischen Räterepublik im demokratischen Willensbildungsprozess dem Individualismus des Einzelnen gerecht wird bzw. wie sehr er im Kollektiv an Bedeutung verliert. Ermöglicht dieses System, dessen Demokratie auf betrieblichen Versammlungen aufbaut, den Ausdruck und die Durchsetzung individueller, auch nichtwirtschaftlicher Interessen? Damit verbunden soll die theoretische Grundlage der Räterepublik, der Marxismus, daraufhin untersucht werden, wie er zum Individualismus steht und wie er die Freiheit des Einzelnen interpretiert. Dazu soll herausgearbeitet werden, inwieweit er seinen Fokus auf die wirtschaftlichen Interessen der Menschheit legt und nichtwirtschaftliches Interesse unbeachtet lässt. Des Weiteren ist die Frage zu klären, wie sehr der Marxismus unter Nichtberücksichtigung anderer Faktoren menschliches Interesse ausschließlich von den jeweiligen Produktionsverhältnissen ableitet.

Schließlich soll elaboriert werden, inwieweit der Kollektivismus und die Nichtbeachtung des Individualismus des Marxismus im Rätesystem ihren konkreten Ausdruck finden.

Dabei wird sich auf das Modell der reinen Rätedemokratie der USPD bezogen, dessen zeitlichen Rahmen die Jahre 1918/19 darstellen.

Zu allererst ist es notwendig, die wichtigsten Inhalte des Marxismus sowie das Grundgerüst der reinen Räterepublik zu beschreiben, um auf diesen Grundlagen eine Analyse hinsichtlich der Fragestellung durchführen zu können.

Hauptsächliches Referenzwerk zur Beschreibung der Rätedemokratie war Volker Arnolds „Rätebewegung und Rätetheorie in der Novemberrevolution“. Zur Verdeutlichung des Marxismus wurde in erster Linie „Das Marx Engels Lexikon“ herangezogen. Eine genaue Angabe der literarischen Werke ist der Bibliographie zu entnehmen.

Diese Hausarbeit ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Staatsmodell der Rätedemokratie und dem in diesem Ausdruck findenden Menschenbild des Marxismus.

1. Grundzüge des Marxismus

Um das Modell der Räterepublik, dessen Zweck und die Gründe für die Art seiner Konzeption zu verstehen, muss man sich dessen theoretische Grundlage, den Marxismus, vor Augen führen. Die Maxime des Marxismus ist eine humanistische, die die politische und wirtschaftliche Freiheit des Individuums zum Ziel hat.[2]

1.1 Marxistische Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie

Der Marxismus ist eine Reaktion auf die kapitalistische Gesellschaftsordnung, die im Zuge der Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht in Europa entstanden und durch die bürgerlichen Revolutionen ermöglicht worden war, die den zuvor herrschenden Feudalismus zerbrochen hatten.[3] Die kapitalistische Gesellschaft zeichne sich dadurch aus, dass sich das Großkapital und der Großgrundbesitz zu Lasten des Kleinbürger- und Bauerntums sowie den Arbeitern, dem Proletariat, in den Händen weniger Besitzbürger, der Bourgeoisie, sammle.[4] Diese besitze demnach genug Kapital, um Produktionsmittel (Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Werkzeug usw.) sowie die Arbeitskraft der Arbeiter zu kaufen. Somit sei die Bourgeoisie in der Lage, ihr Kapital durch dessen wirtschaftlichen Einsatz zu vermehren. Die Arbeiterklasse dagegen, das Proletariat, verfüge über kein oder nicht genügend Kapital bzw. Produktionsmittel, um es der Bourgeoisie gleich zu tun, sodass es gezwungen sei, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Dieser sogenannte Lohnarbeiter werde damit selbst zum Kapital der Bourgeoisie, welche ihn in nur so geringem Maße entlohne, dass er kein größeres Kapital anhäufen und sich nicht aus seinem Abhängigkeitsverhältnis befreien könne. Diese Produktionsverhältnisse würden also durch den Produktionsprozess selbst reproduziert.[5]

Der werktätige Proletarier sei im Kapitalismus jederzeit ersetzbar, da eine „Industrielle Reservearmee“ [6] in Form von arbeitslosen Proletariern für die Industrie zu Verfügung stehe. Durch die Einseitigkeit der Arbeit in der arbeitsgeteilten Industrieproduktion war die Einstellung des klassischen Facharbeiters keine Notwendigkeit mehr und führte dazu, dass angelernte nicht ausgebildete Lohnarbeiter einen Großteil der Werktätigen im Betrieb stellten und ersetzbar wurden. Da die sogenannte Industrielle Reservearmee in Konkurrenz zum arbeitenden Proletariat trete, sei dieses einerseits zu niedriger Lohnarbeit und andererseits zu einer von ihren bourgeoisen Arbeitgebern geforderten Überarbeit gezwungen, welche die Industrielle Reservearmee wiederrum anschwellen lasse.

Hierin bestehe eine wechselseitige Verschärfung der Missstände, also eine weitere Reproduktion der Produktionsverhältnisse durch die Produktionsprozesse.[7]

Dadurch sei zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat, das sich zum großen Teil aus einer zugezogenen armen Landbevölkerung gebildet habe, mehr und mehr ein Ausbeuter-Ausgebeuteten-Verhältnis entstanden.[8]

1.2 Die Entfremdung der Arbeit

Der Marxismus sieht ein Problem des Elends der Arbeiter in deren Entfremdung von ihrer Arbeit. Diese bestehe darin, dass der Proletarier im kapitalistischen Produktionsprozess jeglichen persönlichen Bezug zu seiner Arbeit bzw. den hergestellten Produkten verloren habe. Er arbeite für andere und zu niedrigem Lohn, ohne adäquaten Anspruch auf die Produkte seiner Arbeit zu haben. Der Nutznießer der proletarischen Arbeit sei somit die Bourgeoisie. Je produktiver das Proletariat arbeite, desto größer werde deren Armut, gemessen am Reichtum der Bourgeoisie. Dies habe zur Folge, dass

„die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich in seiner Arbeit […] verneint, […] unglücklich fühlt, […]. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen.“ [9]

Die Fremdheit der Arbeit drücke sich im Schluss darin aus, dass der Proletarier diese ohne jeglichen Zwang nicht ausführen würde. Im gesamten kapitalistischen Produktionsprozess werde der Proletarier selbst zu einer Ware, zu einem Produktionsmittel, weil er sich mit seiner Arbeit selbst verkaufe. Da er so nicht selbstbestimmt arbeite, lebe er nicht nur in ökonomischem, sondern zugleich in geistigem Elend.[10]

Die Bourgeoisie erlebe dabei eine ähnliche Entfremdung, da sie nicht an den Produktionsprozessen teilnehme. Da sie aber Nutznießer fremder proletarischer Arbeit sei, fühle sie sich in diesem Zustand wohl und wisse ihn für sich zu nutzen und zu etablieren.[11]

1.3 Religion als Opium des Volkes

Der Marxismus sieht die Religion als Machtmittel der herrschenden Eliten. Sie habe den Zweck, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Missstände zu legitimieren und mit paradiesischen Versprechungen über das Elend der Proletarier hinwegzutrösten. Dabei würden die aktuellen Zustände als göttliche bzw. natürliche Ordnung deklariert und somit die irdischen Mächte, die es zu brechen gelte, zu höheren stilisiert. Da die Götter und das Paradies Projektionen des menschlichen Gewissens und der tiefsten menschlichen Wünsche seien, würde die Religion für die Menschen zur unanfechtbaren Autorität. Dadurch entstehe im Proletariat Akzeptanz für ihr irdisches Elend, da sie es, wie von den herrschenden Eliten beabsichtigt, für gottgewollt glaubten. Zugleich würden sie damit vertröstet, dass sie nach dem Tod für ihr beschwerliches irdisches Leben und ihren Gehorsam das Paradies ereile und ihre Anstrengung damit posthum belohnt werde. Die Religion sei damit „ das Opium des Volkes“ [12], da sie die Wahrheit verzerre und allgemeines menschliches Glück suggeriere. Der naive Drang des Menschen, jedwedem Missstand bzw. dem eigenen Leid Sinn einzuhauchen, werde missbraucht.

Der Marxismus ist daher der Auffassung, dass eine Religion in einer emanzipierten, demokratischen Gesellschaft ihre Anhängerschaft verliere, da sie dort ihre Funktion als machtlegitimierendes und vertröstendes Mittel einbüße. Im Umkehrschluss sei die Präsenz der Religion also der Ausdruck menschlichen Elends. Die Religion sei deshalb dem Weg in die demokratische Gesellschaft ein Hindernis und gehöre bekämpft.[13]

Der Schluss und Lösungsansatz der marxistischen Kritik sei die Erkenntnis, dass für den Menschen nur der Mensch selbst das höchste Wesen sein könne. Anstelle der religiösen Dogmen müsse Immanuel Kants Kategorischer Imperativ treten, der beinhaltet, dass der Mensch so handeln solle, dass er es wollen würde, die Maxime seines Handelns zu einem allgemeingültigen Gesetz zu erheben.[14]

1.4 Marxistische Philosophie

Die Philosophie des Marxismus ist der Materialismus. Er ist ein erkenntnistheoretischer Ansatz und geht davon aus, dass alles Bewusstsein, jede Idee ihren Ursprung im materiellen Sein der Welt hat. Der Materialismus ist atheistisch und verneint jegliche übernatürliche Instanz, Kraft oder Allgemeingültigkeit. Aus der Welt heraus sei die Welt zu erklären. Allem Geschehen lägen damit natürliche Gesetze und Gegebenheiten zugrunde.

[...]


[1] Volker Arnold, Rätebewegung und Rätetheorien in der Novemberrevolution. Räte als Organisationsformen des Kampfes und der Selbstbestimmung, 2. Aufl. Hamburg, 1985, S. 188 ff.

[2] Lorenz Tschudi, Rätedemokratie und Marxismus. Kritische Grundlegung der Idee der direkten Demokratie im Marxismus, Basel, 1973, S. 17

[3] Lorenz Tschudi, Rätedemokratie und Marxismus. Kritische Grundlegung der Idee der direkten Demokratie im Marxismus, Basel, 1973, S. 18

[4] Ebd. S. 18 f.

[5] Konrad Lotter; Reinhard Meiner; Elmar Treptow, Das Marx Engels Lexikon. Begriffe von Abstraktion bis Zirkulation [ME Lexikon], 2006, Köln S.38f, S. 290

[6] Das Kapital, MEW 23, 658; vgl. ebd.; 660, 662, 664, 665, 674 f., 796 f.; Grundrisse, 502 ff; MEW 25, 228 f., 233, 260 f., zitiert aus ME Lexikon, S. 164

[7] ME Lexikon, S. 165

[8] Lorenz Tschudi, Rätedemokratie und Marxismus. Kritische Grundlegung der Idee der direkten Demokratie im Marxismus, Basel, 1973, S. 18f.

[9] Iring, Fetscher, Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 2. Aufl. 1973 München, S. 87

[10] Ebd. S. 86f.

[11] Ebd. S. 88

[12] Zur Kritik des Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1843/44, MEW 1, 378, Zitiert aus ME Lexikon S. 317

[13] ME Lexikon, S. 327 f.

[14] ME Lexikon, S. 319

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668154360
ISBN (Buch)
9783668154377
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316422
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,5
Schlagworte
Weimarer Republik USPD Räterepublik 1918 1919 Marxismus Rätesozialismus Rätekommunismus Individualismus SPD Rätesystem Rätedemokratie Räte Arbeiterräte Soldatenräte Betriebsversammlungen Novemberrevolution Ernst Däumig Rätebewegung Kapital Kapitalismus Opium des Volkes Diktatur des Proletariats Basisdemokratie

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