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Jan Hus zwischen Dogma und Reformation. Inwiefern beeinflusste Hussens Kirchenkritik die revolutionäre Bewegung in Böhmen?

Studienarbeit 2012 19 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. John Wyclif und Jan Hus

2. Die Ekklesiologie und Soteriologie von Jan Hus
2.1 Die Entstehung von „de ecclesia“
2.2 Hussens Kirchenverständnis
2.2.1 Laien und Kleriker im „corpus christi“: Die Prädestinationslehre
2.2.2 Gläubige „in ecclesia“ und „de ecclesia“
2.2.3 Menschliches und göttliches Urteil: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“
2.3 Zu Schriftverständnis, Tradition und Gesellschaftsordnung
2.3.1 Das Papsttum und der Gehorsam gegenüber dem Lex Dei
2.3.2 Die Ablassfrage
2.3.3 „Sola Scriptura“ und Traditionsverständnis
2.3.4 Hus Haltung zum Eucharistieverständnis Wyclifs
2.3.5 Geistliche und weltliche Gewalt und Strafverfolgung bei Jan Hus

3 Jan Hus: katholisch oder reformatorisch?

Literaturverzeichnis

1. John Wyclif und Jan Hus

In wesentlichen Teilen gleicht sich Jan Hussens Kirchenkritik stark der seines englischen Vorgängers John Wyclif. Hus hat große Teile seines englischen Vorgängers wortwörtlich übernommen und so erscheint es auf den ersten Blick, als trage Hus zu Unrecht einen bekannten Namen und habe nur wenig mehr zur revolutionären Stimmung in Böhmen beigetragen, als althergebrachte Gedankengänge zu kopieren. In der Forschungsgeschichte um die Rezeption seines Werkes waren bald nach Hussens Tod Stimmen zu hören, die darum bemüht waren, seine Originalität herauszustellen. Dabei wurde häufig auf tschechische Vorläufer Hussens hingewiesen, wie Konrad Waldauser oder Militsch von Kremsier; dass Jan Hus sich in ihrer Tradition sah, ist jedoch nicht belegt.[1] Auch eine Überinterpretation einzelner Textstellen, die Hus eigene Schwerpunkte zuschreiben, wäre nicht wissenschaftlich, ebensowenig aber die Anklage, es handele sich bei den Werken Hussens um bloße Plagiate.

Tatsächlich hat Hus die Kirchenkritik Wyclifs auf die historischen und politischen Geschehnisse seiner eigenen Zeit angewandt, ohne entscheidende neue Thesen einzu-bringen. Das schmälert seinen Wirkungskreis allerdings keineswegs. Die Gegebenheiten des 13. und 14.Jahrhunderts haben die Kirchenkritik Wyclifs vieler Orten gleichzeitig heraus-gefordert, wenn auch in modifizierter Weise. Zudem ist Jan Hus durchaus als geistig selbstständig einzuschätzen. Er übernahm große Gedankenstrecken Wyclifs Wort für Wort, selektierte dabei aber merklich und ordnete die Sequenzen in seinem Sinne an. Im Übrigen darf nicht von einem Plagiat nach heutigen Vorstellungen gesprochen werden, da dieses Vorgehen zur mittelalterlichen Gegenwart Hussens durchaus üblich war.[2]

Hus war ein Mann der Praxis und ein begeisterter Prediger mit großer Anziehungskraft, der sich vor allem durch Erfahrungen während seiner geistlichen Tätigkeiten in die theologische Diskussion um Macht und Einflussnahme der Kirche gezwungen sah. Bedeutsam an seiner Person ist nicht die Neuartigkeit seiner Thesen, sondern die Wirkungsgeschichte, die er historisch entfachte, und das Gehör, das er fand. Dabei scheint Hus auf böhmischen Boden mehr Erfolg gehabt zu haben Wyclif auf englischem.[3] Jan Hussens Lebenswerk besteht nicht darin, revolutionäres Gedankengut neu formuliert zu haben, sondern in seinem bedingungslosen Einstehen für das als richtig Erkannte bis zum Tod. So kann Wyclif als der Marx, Hus aber als der Lenin einer revolutionären Bewegung gesehen werden[4]. Sowie Wyclif ein Gelehrter in Oxford blieb und vorreformatorische Grundlagen legte, wurde Hus mit dessen Argumenten in Böhmen zum „Märtyrer für seine Ideen“[5], als er 1415 am Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Es ist also einleuchtend, dass beide auf ihre Art und Weise zum Erfolg der Kirchenkritik ihrer Zeit beigetragen haben und nur schwer voneinander zu trennen sind.

2. Die Ekklesiologie und Soteriologie von Jan Hus

2.1 Die Entstehung von „de ecclesia“

John Wycliff stellte die kirchliche und lehramtliche Autorität infrage, indem er betont, dass nicht der Papst, sondern Christus das Oberhaupt der Gemeinschaft der Gläubigen sei und somit kein Kleriker sich anmaßen dürfe, über Heil oder Verdammung der Menschen zu urteilen. Die Sakramente stufte der Reformator als nicht heilsnotwendig herab, wohingegen er auf das Predigen, das das Kirchenvolk zur Gewissens- und Glaubensbildung anrege, besonderen Schwerpunkt legte. Die Wandlung in der Eucharistie bestritt Wyclif ganz, da Brot und Wein ihre Substanz nicht verändern könnten: ganz im Sinne seines Realismus würde der Leib Christi ihnen lediglich zugeführt. Wyclif führt dafür den Begriff „Remanenz“ ein. Seine Kirchenkritik gipfelte im radikalen Angriff auf die Kleriker, denen er Machtmissbrauch und überflüssiger Reichtum vorwarf, obwohl ihnen als rein geistliche Kirche weltliche Herrschaft nicht zustände. Er forderte die Rückkehr zur urchristlichen Bescheidenheit. 1404 wurde an der Prager Universität das Lehren wyclifscher Kirchenkritik von einer großen Mehrheit der Wissenschaftler verboten. Zu diesem Zeitpunkt war Jan Hus bereits als Prediger in der Bethlehmskapelle in Prag erfolgreich tätig.[6] Auf Wyclifs Ekklesiologie war Hus durch seinen Kontakt zu Hieronymus I. von Prag gestoßen, der ebenso Anhänger Wyclifs war und unter anderem in Oxford studierte. Wiederholt ließ Hus fortan wyclifsche Gedankenstränge und darauf basierende moralische Standpauken einfließen, was zunächst nicht negativ auffiel.[7]

Um Wyclif waren an der Prager Universität heftige Streitereien entbrannt. Insbesondere dessen Lehre von der Remanenz in der Eucharistiefeier wurde von seinen böhmischen Anhängern als Schwerpunkt begriffen und verfochten. Stanislaus von Znaim, ein Lehrer Hussens, zählte zu den Wyclifisten, musste vor einer Kommission aber seine Anhängerschaft widerrufen. Je mehr sich die Diskussion um Wyclif ausdehnte, desto mehr geriet die Prager Universität unter Häresieverdacht und wurde vom Erzbischof Sbinko von Hasenburg misstrauisch beäugt. Jan Hus vertrat die Remanenzlehre nie ausdrücklich, mischte sich aber aktiv in den Streit ein, als ein der Häresie verdächtigter Priester ein Predigtverbot bekam – da das Predigen Hus über alles ging, sah er damit auch sich angegriffen. Erste Anklagen, Hus vertreten ketzerische und aufrührerische Ansichten, gingen beim Erzbischof ein und eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen den beiden entstand. Unruhen um Lösungsversuche des Abendländischen Schismas jedoch lenkten eine Weile von Hus ab. Als schließlich eine päpstliche Bulle sämtliche Verfechter der wyclifschen Lehre der Ketzerei anklagte und ein Predigtverbot erhoben wurde, setzte sich Hus öffentlich darüber hinweg und predigte Wyclifs Ekklesiologie fort. Damit erschien er plötzlich als Anführer der reformatorischen Bewegung. Schließlich erhielt er eine Vorladung zur Kurie, um sich zu verteidigen; als er dieser Aufforderung nicht nachkam, wurde Hus mit dem Kirchenbann belegt. Noch fand Hus am königlichen Hof Unterstützung, was nicht zuletzt auf seiner Kritik am Besitz der Kirchen gelegen haben wird. Mit König Wenzel IV. allerdings verscherzte er es sich, als er 1412 laute Kritik an der Ablasspolitik des Gegenpapstes Johannes des XXIII. äußerte, aus der auch der König Nutzen zog. Viele Mitstreiter Hussens an der Universität wandten sich von Hus ab oder gaben auf. Schließlich musste Hus Prag verlassen und predigte fortan unter dem Schutz adliger Befürworter in ländlichen Bereichen. In dieser Situation entstand auch Hussens Hauptwerk „de ecclesia“ (1413), das sein Bild von Kirche widergibt.

All dies fiel in eine Zeit großer kirchlicher Unruhen, nachdem 1378 das Große Abendländische Schisma die Kirchengemeinschaft in zwei Papstkurien in Rom und Avignon geteilt hatte und der sich in Böhmen anbahnende Konflikt denkbar unwillkommen war. Beim Konzil von Konstanz sollte somit auch die „causa fidei“ verhandelt werden, worunter man in erster Linie die böhmische Häresie unter Hus verstand. Zu diesem Zweck wurde auch Hus nach Konstanz beordert. Warum er sich dorthin begab, ist fraglich, war doch die kirchliche und politische Stimmung deutlich gegen ihn gerichtet. Vermutlich erhoffte er, sich in einem Disziplinarverfahren argumentativ verteidigen zu können, wie er es von der Universität gewohnt war, oder er hatte das Exilsleben schlichtweg satt. Fest steht, dass von einem gerechten Gerichtsverfahren nicht die Rede sein konnte. Zunächst wurde Hus eingekerkert; bei den Anhörungen wurde er verlacht und verspottet.[8] Gelegenheit zu Verteidigung bot sich wenig. Obwohl Hus nie die Remanenz oder den Laienkelch als heilsnotwendig vertreten hatte, wurde er auch dessen angeklagt. Er weigerte sich schließlich, die 30 Anklageartikel zu widerrufen, die seine ehemaligen Mitstreiter verfasst hatten.[9] Somit wurde er als Ketzer verdammt und 1415 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Um keine Reliquien des bereits zum Märtyrer stilisierten Jan Hus zu hinterlassen, wurde seine Asche in den Rhein gestreut.[10]

In Jan Hus Hauptwerk „de ecclesia“ finden sich viele Teile aus Wyclifs gleichnamigen Traktat; dennoch ist es systematischer aufgebaut. Vielmehr jedoch ist daraus die echte Empörung Hussens über die Kirche seiner Zeit herauszulesen, aber auch das Unverständnis zu Predigtverbot, Ablasspolitik und Reformfeindlichkeit, das aus seiner Biografie her rührt.[11] Im Grunde wurde Wyclifs Ekklesiologie erst zum Fundament Hussens, als er bereits aus Prag hinausgedrängt war und sich entweder ergeben oder rebellieren musste. Dort befand er sich in einer persönlich ausweglosen Lage. Dadurch, dass ihm Kritik verboten wurde, fühlte er sich erst recht zu Kritik herausgefordert. Erst in dieser Situation fand eine ausführliche Stellungnahme zu Wyclif, seiner Ekklesiologie und deren sozialen Folgen statt, die gruppenbildende Wirkung hatte und antikirchliche böhmischen Strömungen kanalisierte. Auf wyclifschem Boden fanden Hussens moralische Vorstellungen festen Stand.[12]

2.2 Hussens Kirchenverständnis

2.2.1 Laien und Kleriker im „corpus christi“: Die Prädestinationslehre

Wyclifs und Hussens Vorstellung einer reformierten Kirche ist geprägt von einer starken Differenzierung in Gut und Böse. In den wesentlichen Zügen ähnelt sie sich damit der gnostisch dualistischen Lehre des Manichäismus[13], der die Welt in Licht und Finsternis einteilt und drei Zeitalter kennt. Die Kirche wird als das Gute als solches bezeichnet („corpus Christi“[14] ), wohingegen deren bloßes Gegenteil („corpus diaboli“ oder „Antichrist“ genannt) das eigentlich Schlechte ist. Die Wortwahl für die Kirche reichen hierbei von „ecclesia sancta/sanctorum“, „ecclesia iustorum“ und „congregatio omnium hominum sub regimine regis Christi“ bis hin zum charakteristischen Begriff der Kirche der Prädestinierten („ecclesia praedestinatorum“), d.h. derjenigen Gläubigen, die zum Heil vorherbestimmt sind. Die Summe aller Gläubigen umfasst die gesamte Schöpfungsgeschichte bis hin zum Jüngsten Gericht und kann epochal gegliedert werden in die Prädestinierten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft („praedestinati praesentes, praeteriti, futuri“). Eine andere Dreiteilung der Kirchenmitglieder erfolgt in die Menschen, die bereits bei Gott sind („ecclesia triumphans“), die streitenden Menschen auf Erden („ecclesia militans“) und diejenigen Gläubigen, die noch im Fegefeuer ausharren müssen („ecclesia dormiens“). Zur Kirche des Antichristen ist nicht viel mehr zu sagen, als dass sie sich aus ihrem bloßen Gegenteil zur christlichen Kirche definiert.[15] Hus übernimmt die Prädestinationslehre von Wyclif; man kann sagen, dass er sie in „de ecclesia“ zu ihrer eigentlichen Prägnanz und Klarheit geführt hat. Die gegen den Klerus gerichteten Spitzen sind dabei unübersehbar.[16]

[...]


[1] Vgl.: Hilsch, Peter: Jan Hus. Ein Reformator als Bedrohung von Reich und Kirche2012: 26f.

[2] Vgl.: Patschovsky, Alexander: Ekklesiologie bei Johannes Hus, 1989: 372-378.

[3] Vgl.: Kalivoda, Robert: Revolution und Ideologie. Der Hussitismus. Böhlau Verlag, Köln u.a. 1976: 10-12.

[4] Vgl.: Patschovsky, Alexander: Ekklesiologie bei Johannes Hus, 1989: 378f.

[5] Patschovsky, Alexander: Ekklesiologie bei Johannes Hus, 1989: 379.

[6] zur Biografie vgl.: Šmahel, František: Die Hussitische Revolution, 2002: 578ff.

[7] Vgl.: Hilsch, Peter: Jan Hus. Ein Reformator als Bedrohung von Reich und Kirche? 2012: 28.

[8] Vgl.: Šmahel, František: Die Hussitische Revolution, 2002: 585f.

[9] Vgl.: Kalivoda, Robert: Revolution und Ideologie, 1976: 31.

[10] Vgl.: Hilsch, Peter: Jan Hus. Ein Reformator als Bedrohung von Reich und Kirche, 2012: 27-37.

[11] Vgl.: Hilsch, Peter: Jan Hus. Ein Reformator als Bedrohung von Reich und Kirche, 2012: 34.

[12] Vgl.: Patschovsky, Alexander: Ekklesiologie bei Johannes Hus, 1989:384-386.

[13] Vgl.: Klimkeit, Hans-Joachim: Art. Mani, Manichäismus, 2006.

[14] Hussens „de ecclesia“ ist durchzogen von den genannten Begriffen, als Hinweis genügt bereits: Hus, Jan: Tractatus de ecclesia, 1956: 1f.,4,7.

[15] Vgl.: Patschovsky, Alexander: Ekklesiologie bei Johannes Hus, 1989: 379-381.

[16] Vgl.: Kalivoda, Robert: Revolution und Ideologie, 1976: 19.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668159792
ISBN (Buch)
9783668159808
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316417
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
Schlagworte
dogma reformation inwiefern hussens kirchenkritik bewegung böhmen

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