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Lösungsansätze zum Wasserkonflikt in Zentralasien

Das Potential von Mikro- und Makro-Level-Ansätzen zur dauerhaften Beendigung des Konflikts

Bachelorarbeit 2014 43 Seiten

Politik - Internationale Politik - Klima- und Umweltpolitik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Region
2.1 Ökonomie
2.2 Ökologie

3. Konflikt
3.1 Konfliktgegenstände
3.1.1 Politische Situation
3.1.2 Ethnische und religiöse Konflikte
3.1.3 Wasser und Energie
3.2 Konfliktklassifikation

4. Konfliktlösung
4.1 Aral Sea Basin Program (ASBP)
4.2 Transboundary Water Management in Central Asia Programme

5. Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein gerechter Frieden beinhaltet nicht nur zivile und politische Rechte - er muss wirtschaftliche Sicherheit garantieren. Wahrer Frieden heißt nicht nur, frei von Angst zu sein, sondern frei von Mangel.(...) Es ist ohne Zweifel richtig, dass Entwicklung nicht ohne Si- cherheit stattfinden kann. Es stimmt auch, dass es keine Sicherheit geben kann, wo Menschen nicht genug zu essen haben oder saube res Wasser oder die Medizin, die sie zum Überleben brauchen.“

(Süddeutsche Zeitung, 2010)

Mit diesem Auszug aus der Rede von Barack Obama anlässlich seines Friedensnobelpreis wird deutlich, dass Wasser im Zuge aktueller Entwicklungen zunehmend Teil des sicherheitspolitischen Diskurs und weniger Teil des umweltpolitischen wird. Ursächlich dafür sei insbesondere der Klimawandel. In diesem Diskurs macht das Planungsamt der Bundeswehr in seiner Teilstudie wesentliche „(De-)Stabilisierungshebel“ (Dezernat Zukunftsanalysen (Hrsg.), 2012 S. 8) aus. Zu den wichtigsten Hebeln, so das Dezernat Zukunftsanalysen, gehöre Wasser. Weiterhin beeinflussen Faktoren wie „Energie, Wirtschaft, Sektordynamik und Infrastruktur“ (ebd.) die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel und damit auch die Stabilität der Region. Im Punkt Energiesicherheit fällt der Blick, so stellt auch das Dezernat fest, nach Zentralasien. (Dezernat Zukunftsanalysen (Hrsg.), 2012 S. 30)

In Zentralasien findet sich eine Verknüpfung der Hebel, die zur (De-)Stabilisierung einer Region beitragen können. So stellt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest, Zentralasien befinde sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit regional geschaffener Infrastruktur, die Wasserressourcen, Energieversorgung und Handelswege beinhaltet. (Krumm, 2007 S. 3) Es findet sich also reichlich Konfliktpotenzial zwischen den Staaten in Bezug auf diese Faktoren. Das stärkste Konfliktpotenzial scheint dabei die Kombination aus Wassermanagement und Energiepolitik zu bieten. Dies zeigt klar und deutlich die indirekte Kriegsdrohung Karimows gegen Tadschikistan und Kirgistan, wenn es um den Bau von Staudämmen geht. (Bensmann, 2012)

Zentralasien steht jedoch nicht isoliert in der Welt, denn das Interesse an der Region scheint groß zu sein. Russland, die Vereinigten Staaten von Amerika, China, Türkei,

Iran und die Europäische Union engagieren sich dort. Der „New Great Game“ Diskurs, der schon Mitte der 1990er-Jahre beispielsweise durch Cuthbertson geführt wurde, geht davon aus, dass die Interessenpolitik der oben genannten Akteure wesentliche Entscheidungen in Zentralasien beeinflusse, auch um ihre eigenen Einflusssphären auszubauen, und das Gesicht der Region präge. (Cuthbertson, Winter 1994/1995) (Pradetto, 2012 S. 19-21) Diese Perspektive erfährt jedoch ebenso deutliche Kritik durch Autoren, wie Pradetto, Bar und Wipperfürth, die klare Unterschiede zwischen der aktuellen Situation und der Situation des ursprünglichen Great Game im 18. und 19. Jahrhundert (Pradetto, 2012 S. 14) ausmachen. Aktuell finde sich nämlich kein Machtvakuum in der Region, so dass die externen Akteure höchstens starke Partner seien, jedoch nicht frei über die Geschicke der Region bestimmen könnten. (Bar, 2009 S. 61)

Im Zusammenhang mit dieser Perspektive erklärt sich die Fragestellung, die in dieser Arbeit beantwortet werden soll. Die Rolle der Staaten in der Region und der Einfluss anderer Staaten mit Interessen in der Region findet sich im Versuch wieder, den Konflikt mithilfe internationaler Verträge zu lösen beziehungsweise die gewaltsame Weiterentwicklung der Spannungen zu verhindern. Das Aral Sea Basin Programm ist ein solcher Vertrag, der auf der Makro-Ebene geschlossen wurde. Seine Vereinbarungen betreffen hauptsächlich die Staaten selbst sowie ihre Institutionen.

Es soll untersucht werden, ob sich diese Herangehensweise eher eignet als der Versuch, Konfliktlösung und -prävention auf der Mikro-Ebene herbeizuführen. Das Beispiel, dass hier betrachtet werden soll, ist das „Transboundary Water Management in Central Asia Programme“, das in der Region durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) implementiert wird. Dabei liegt der Fokus der Arbeit in diesem Programm auf der Förderung der Infrastruktur bezüglich des Wassermanagements.

Außerdem wird die Rolle des Wassers im Konflikt betrachtet. Es soll am Rande der Bewertung der Lösungsansätze geklärt werden, ob das Wasser ursächlich für den Konflikt ist und damit die Lösungsansätze überhaupt als Konfliktlösungsmechanismus wirksam sein können. Sich also nicht nur als Symptombehandlung herausstellen. Eine weitere Hypothese, die untersucht werden soll, ist die Feststellung von Bichsel, dass der Wasserkonflikt, dazu genutzt wird, um Identität zu schaffen und Identifikationsmöglichkeiten mit bestimmten Gruppen zu ermöglichen (Bichsel, 2009 S. 125) Damit wäre der Wasserkonflikt eher ein Werkzeug zur Konfliktaustragung und nicht ursächlich für die ange-

spannte Lage in der Region. Die Lösung der Dispute um das Wasser wäre somit in Bezug auf die Stabilität in der Region eher zweitranging, wenn die Konflikte, in denen das Werkzeug Wasser eine Rolle spielt, nicht zuerst gelöst würden. Dass eine Gefahr für die Stabilität in der Region besteht, zeigt hier wieder Karimows Kriegsdrohung. Das Säbelrasseln behindert Kooperationsversuche zur Konfliktbeilegung. In welchem Ausmaß diese Beeinträchtigung vorliegt, soll ebenfalls Eingang in die Bewertung der Lösungsansätze finden.

Die Literatur zu dem Themenfeld des Wasserkonflikts ist umfangreich. Es gibt Texte zu grundlegenden Ansätzen der Konfliktforschung mit direktem Bezug zu Klima und Wasserkonflikten sowie zahlreiche internationale Kooperationsverträge in diesem Sachgebiet. Der Großteil der Literatur, die sich mit Wasserkonflikten beschäftigt, legt den Fokus auf andere Regionen, wie die US-amerikanisch-mexikanische Grenze, den Nahen Osten oder Regionen in Afrika. Zentralasien wird zwar ebenso betrachtet, jedoch deutlich weniger umfangreich, wenn es um den Wasserkonflikt geht, anders als die historische und politische Entwicklung der Region, die reges Interesse bei Autoren zu wecken scheint. Zu diesem Themenkomplex gibt es umfangreiche Werke, wie etwa die Textsammlung der Bundeszentrale für politische Bildung oder das umfassende Werk von Jürgen Paul. Was jedoch fehlt, ist die empirische Evaluation der angewandten Lösungsansätze. (Wolf, et al., 2003 S. 15) Es liegt einiges an empirischer Arbeit zu der Region vor, sie steht jedoch oft nicht konkret in Bezug zu dem Versuch, den Wasserkonflikt zu lösen. In dieser Arbeit soll für die oben genannten Beispiele versucht werden, eine solche Evaluation zu erstellen. Dazu gebe ich zunächst einen kurzen Überblick über die Region, über wichtige Entwicklungen und Fakten. Danach stelle ich den theoretischen Rahmen vor, in dem ich den Konflikt kategorisiere. Als nächsten Schritt der Evaluation betrachte ich die beiden Lösungsansätze, um sie abschließend in Bezug auf ihre Wirksamkeit bezogen auf die Ursachen des Wasserkonflikts bewerten zu können.

2. Region

„Where is Central Asia?“ (Hunter, 1996 S. 3) Diese Frage zeugt nicht etwa von geografischer Ignoranz, die man den Amerikanern oft unterstellt, sondern ist im Falle der Region, die im Fokus dieser Arbeit liegt, durchaus berechtigt. Der Terminus Zentralasien ist nämlich keineswegs so eindeutig besetzt, wie man es sich wünschen würde. Zentralasien, so Paul, habe keine natürlichen Grenzen. Dies führe dazu, dass die Definitionen unterschiedliche Räume bezeichnen. Seiner Definition nach umfasst Zentralasien Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, Afghanistan, die Mongolei, den Süden Sibiriens, die chinesischen Provinz Xinjiang und Tibet. Abweichend zu dieser großen Region stellt er Mittelasien, dass er aus der sowjetischen Terminologie ableitet, als geografischen Begriff vor. Dieses Mittelasien umfasst die vier ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan. Zentralasien hingegen sind dieser sowjetischen Terminologie zufolge die nicht-sowjetischen Gebiete in China und der Mongolei. (Paul, 2012 S. 15-21) Auch Pradetto anerkennt den umstrittenen Charakter der Bezeichnung der Region. Insbesondere die gemeinsame Entwicklung, so führt er an, führe zu Schwierigkeiten mit der genauen Abgrenzung. Auch die Abgrenzungen der Region durch verschiedene internationale Organisationen würden diese Schwierigkeiten deutlich machen. Pradetto definiert, dass die Region aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan bestehe. (Pradetto, 2012 S. 11-12) Dieser Definition folge ich in dieser Arbeit. Ein Blick auf die Landkarte erklärt dies schnell. Da die wichtigen Flusssysteme der Region, der Amudarja und der Syrdarja, sowie die jeweiligen Zuflüsse sich hauptsächlich in diesen fünf Staaten befinden, sind sie für diese Arbeit von Interesse. Einzige Ausnahme ist der Pjandsch, dessen Ursprung im Norden Afghanistans liegt.

2.1 Ökonomie

Wie die Definition der Region über die Flusssysteme nahelegt, spielt Wasser dort eine wichtige ökonomische Rolle. Zum einen in den Oberlaufanliegern Kirgistan und Tadschikistan, wo das Wasser zur Erzeugung hydroelektrischer Energie genutzt werden soll. Für Staaten am Unterlauf der Flüsse geht es vor allem um verlässliche Wasserversorgung für die Baumwollfelder. Usbekistan ist weltweit der viertgrößte, Turkmenistan der neuntgrößte Exporteur von Baumwolle. (Index Mundi) Bei weiterverarbeiteten Produkten wie Baumwollsamenöl, finden sich Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan unter den zehn größten Exporteuren wieder. (Index Mundi 2) Ein weiterer wesentlicher Wirtschaftsfaktor sind Rohstoffe. Zu den wichtigsten in der Region zählen Primärenergieträger wie Erdgas, Erdöl und Kohle. (Amt für Geoinformationswesen der Bundeswehr, 2011 S. 163; Manutscharjan, 2013) (Schlager, 2008) (Wegerich, 2009) (Bar, 2009 S. 93) (Paul, 2012 S. 490 f.)

Diese Wirtschaftsschwerpunkte beruhen einerseits auf den geographischen Gegebenheiten, andererseits auf den starken infrastrukturellen Verknüpfungen, die seit Sowjetzeiten bestehen. „Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion spielten bei der Wasserbewirtschaftung administrative Grenzverläufe und die gerechte Verteilung des Wassers unter den Republiken keine große Rolle. Von Interesse waren vielmehr die hydrologischen Gegebenheiten.“ (Wegerich, 2009). Dies war der Konzentration auf die Baumwollproduktion geschuldet. (Schlager, 2008) So dienten etwa 75 % des Wasserabflusses zu Bewässerung der Unteranrainer im Sommer. Die Oberanrainer wurden dafür im Winter, wenn ihr Energiebedarf hoch war, von den Unteranrainern versorgt. (Wegerich, 2009) (Manutscharjan, 2013)

In jüngster Zeit wecken vor allem die immensen Rohstoffvorkommen an Primärenergieträgern das Verlangen Russlands, Chinas, der USA und Europas nach Kontrolle und Handelsbeziehungen in die Region. (Stone, 2012 S. 180) (Krumm, 2007 S. 2) Zugleich wird die gemeinsame Infrastruktur zwischen den zentralasiatischen Staaten mehr und mehr durchbrochen. (Bösiger, 2013) Die Staaten in der Region versuchen infrastrukturelle Autarkie, insbesondere gegenüber den anderen zentralasiatischen Staaten, zu schaffen. Die großen Gas- und Ölvorkommen ermöglichen ein deutliches Wirtschaftswachstum. „Cockpit“ und „Lokomotive“ (Krumm, 2007 S. 8) dieses Wachstums ist dabei Kasachstan. (Bar, 2009 S. 93 f.) (Pradetto, 2012 S. 74)

Dieses Wachstum ist auch bedingt durch den Export. Bei den Unteranrainern sind dies meist Baumwolle, Öl oder Gas. (Barzel, 2013) Hauptabnehmer sind Russland, China, Türkei, Ukraine und im Falle Kasachstans die beiden größten europäischen Staaten Frankreich und Deutschland. (Barzel, 2013) (Pradetto, 2012 S. 85) Der chinesische Anteil des kasachischen Exportvolumens verdoppelte sich dabei von 2004 bis 2012 auf etwa 21 %. Im selben Zeitraum verlor Russland etwa 5 % des Exportanteils. Die europäischen Staaten, i.e. Deutschland, Frankreich und Italien, hielten relativ konstant einen Anteil von 20 % an den kasachischen Exporten. (Barzel, 2013) (Pradetto, 2012 S. S. 85 Tab.14) Der geringe russische Anteil erklärt sich wahrscheinlich auch dadurch, dass Kasachstan eher einen Absatzmarkt für die russische Wirtschaft darstellt. Von 2002 bis 2012 stellte Russland immer stets mindestens ein Drittel und bis zu 37,1 % der importierten Waren nach Kasachstan, gefolgt von China. Die Bedeutung Chinas, nahm jedoch auch hier, wie bei den Exporten, zu. Der chinesische Anteil steigerte sich von etwa 10 % auf knapp 27 %.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den usbekischen Exporten. Auch dort überflügelte China 2010 Russland als wichtigstes Exportland. Weitere Handelspartner Usbekistans sind die Türkei und Kasachstan. Tadschikistan war bis 2008 mit etwa 4 % noch ein Abnehmer usbekischer Güter, taucht seitdem aber nicht mehr in den Außenhandelsbilanzen auf. (Barzel, 2013) (Amt für Geoinformationswesen der Bundeswehr, 2011 S. 163) Die meisten Importe nach Usbekistan kommen seit 2002 aus Russland. Hier schwankt der Volumenanteil zwischen 22,6 % und 27,6 %. China und Südkorea sind die beiden anderen wichtigen Partner. Interessant ist die Zunahme des Anteils der Importe aus Kasachstan, der sich von 2010 auf 2012 mehr als verdoppelte auf ca.13 %. (Barzel, 2013) Turkmenistans Entwicklung stellt sich etwas anders dar. Von 2002 bis 2008 war die Ukraine wichtigster Abnehmer turkmenischer Produkte. 2010 löste China die Ukraine ab und stellte mit einem Anteil von etwa zwei Dritteln am turkmenischen Exportvolumen 2012 den größten Abnehmer dar. Beim Importverhalten stellt Turkmenistan eine Ausnahme dar. (Pradetto, 2012 S. 85) China und Russland sind hier anteilig unter den größten Importeuren, jedoch bezieht Turkmenistan seine Güter aus einer Vielzahl von Ländern, wie der Türkei, den V.A. Emiraten, EU-Mitgliedsstaaten und dem Iran. Turk- menistan ist auch der einzige Unteranrainer, der 2012 keinen Exportüberschuss erwirtschaften konnte. (Barzel, 2013)

Die Oberanrainer Kirgistan und Tadschikistan haben keine reichen Vorräte an Öl und Gas. Ihr Exportvolumen ist deutlich geringer als das der Unteranrainer. 2012 waren es für Tadschikistan 1803 Millionen US-Dollar, für Kirgistan mit 2000 Millionen US-Dollar etwas mehr. Im Vergleich mit 15.400 Millionen (Turkmenistan), 16.650 Millionen (Usbekistan) und 93.070 Millionen US-Dollar (Kasachstan) sind diese Summen deutlich geringer. Hauptausfuhrprodukte Kirgistans sind Früchte, Gemüse, Gold und Tabak. Abnehmer sind Russland, Kasachstan und Usbekistan. Allerdings schwanken die Anteile der Abnehmer hier deutlich im Zeitraum von 2002 bis 2012. Kasachstan und Russland sind jedoch seit 2004 immer zwei der drei größten Abnehmer. Mit 55,9 % bis 70,5 % ist seit 2008 China Hauptimporteur nach Kirgistan. Zuvor hatten Russland und Kasachstan auch deutliche Marktanteile, diese sanken aber deutlich. Neben chinesischen haben russische und kasachische Waren aber die anteilig größte Rolle in Kirgistan.

(Barzel, 2013)

Tadschikistans Exportwaren sind Aluminium, Strom, Baumwolle, Früchte und Textilien. Seit 2010 ist die Türkei der Hauptabnehmer. Wichtige Handelspartner in der Region sind Afghanistan, Kasachstan, China und Russland. Der Handel mit Usbekistan ist seit 2010 nicht mehr in den Statistiken zu finden. Gleichzeitig fällt der russische Anteil um 10 % auf nur noch 4 %. Die Niederlande hatten von 2002 bis 2006 noch 30 % bis 41 % Anteil an tadschikischen Exporten. Ab 2008 sind sie nicht mehr unter den Top Sechs. Ab 2008 gehen ungefähr 10 % des tadschikischen Außenhandelsvolumens in den Iran. (Barzel, 2013)

Zusammenfassend lässt sich die starke ökonomische Rolle Kasachstans feststellen, dass ist als einziges der zentralasiatischen Länder in der Lage ist ausländische Direktinvestoren anzuziehen. (Weltbank, 2014) Ebenso fällt das Fehlen eines florierenden Handels innerhalb der Region auf. Anders als während der Sowjetzeit mit seinem Austausch von Wasser und Energie, sorgte die Öffnung der Region zu den Weltmärkten dazu, dass der regionale Handel erstarb. Gleichzeitig entwickelte sich in vier der fünf Staaten, mit Ausnahme Kasachstans, extreme Verteilungsverhältnisse von Vermögen. So bildete sich in diesen Staaten eine reiche Oberschicht und „eine große Masse von Armen“ (Pradetto, 2012 S. 93)

2.2 Ökologie

Neben den wirtschaftlichen Faktoren spielt die Umweltsituation bei der Wassersituation in der Region eine entscheidende Rolle. „Die sowjetzeitliche Landwirtschaft (und auch die postsowjetische) war und ist durch intensive Bewässerung, insbesondere für den Anbau von Baumwolle, geprägt. Hauptproduzenten waren und sind Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan; Baumwolle wird ferner im Süden Kasachstans (…) angebaut.“ (Paul, 2012 S. 478) Die Folge dieser Bewässerung und des hohen Verlustes an Wassers aufgrund der technischen Mängel in den Bewässerungssystemen (Paul, 2012 S. 478 f.) (Sehring, 2007 S. 498-502) (Grewlich, 2009 S. 29) ist eine „der größten, je von Menschen verursachten Umweltkatastrophen“ (Sehring, 2007 S. 498) Der Aralsee schrumpft und eine gigantische Salzwüste entsteht. Krankheiten wie Anämie, Typhus, Hepatitis und Krebserkrankungen scheinen sich dadurch zu häufen. (Grewlich, 2009 S. 29) Auch versalzen hierdurch die Anbauflächen. Die notwendigen Ausspülungen des Bodens steigern den Wasserverbrauch weiter. (Paul, 2012 S. 479) Dieser immense Wasserverbrauch hat das Gleichgewicht von Zufluss und Verdunstung im Aralsee derart verändert, dass dieser Mitte des 20. Jahrhunderts auszutrocknen begann. Seit 2005 ist der nördliche Teil des Sees, der vom Syrdarja gespeist wird, vom Rest des Sees abgetrennt und scheint sich zu erholen. „Der Wasserpegel im nördlichen Aralsee stieg an, der Salzgehalt ging zurück, das Ökosystem erholte sich, einzelne Fisch- und Vogelarten kehrten zurück.“ (Sehring, 2007 S. 502)

Die globale Erwärmung beeinflusst, neben der Entwicklung am Aralsee, die beiden Flusssysteme am gravierendsten. Die Quellgletscher schmelzen ab und sollen aufgrund der in Zentralasien schneller voranschreitenden Erwärmung bereit 2025 auf ein Drittel zusammengeschmolzen sein. Die klimatischen Veränderungen und ihre weiteren Auswirkungen sind umstritten. Es werden einerseits steigende Niederschläge erwartet, andererseits aber auch ausgedehntere Trockenperioden, insbesondere im

Sommer. (Paul, 2012 S. 480 f.) Jedoch selbst im Fall einer höheren Niederschlagsmenge würde eine höhere Verdunstung das Mehr an Wasser dem Wasserkreislauf, und insbesondere dem Zuflussvolumen in den Aralsee, wieder entziehen. Eine Besserung der Situation ist also zunächst nicht in Sicht.

3. Konflikt

Ähnlich der Frage nach der Gestalt Zentralasiens bedarf auch der Begriff des Konflikts einer genaueren Definition, da im Sprachgebrauch verschiedene Verständnisse des Begriffs existieren. Egbert Jahn teilt den Konfliktbegriff, der politikwissenschaftlich interessant ist in drei Kategorien. Als erste nennt er bewaffnete Konflikte und Kriege, als zweite Physische Gewalt und strukturelle Gewaltverhältnisse, als dritte den politisch beabsichtigten Massenmord. Letztere ist für den hier betrachteten Fall uninteressant. Es gibt zwar ethnische Konflikte in der Region, die auch im Zusammenhang vom Konflikt um das Wasser zu sehen sind, (Bichsel, 2009) jedoch fehlen Charakteristika wie eine zentrale Organisation und, so zynisch dies auch klingen mag, eine ausreichende Zahl an Opfern, um einen Massenmord feststellen zu können. (Jahn, 2012 S. 39-41)

Krieg definiert Jahn als eine „gesellschaftliche organisierte Form des länger anhaltenden politischen Kampfes unter Inkaufnahme des Todes vieler Kämpfer und Unbeteiligter“ (Jahn, 2012 S. 32 f.) Die wichtigsten Elemente dieser Definition sind die Festlegung des Krieges als politisches Mittel. Damit wird eine Unterscheidung zu anderen eher weiten Kriegsdefinitionen, wie beispielsweise der der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) der Universität Hamburg oder dem Correlates of War (COW) Projekt. Die AKUF definiert Krieg als „ gewaltsamen Massenkonflikt, der folgende Merkmale aufweist:

- „an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte be teiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;
- auf beiden Seiten muss ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidi- gung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanen krieg usw.);
- die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2014)

COW definiert einen Kriegszustand über die Anzahl getöteter Kombattanten pro Jahr. Die Universität Michigan setzte ursprünglich 1.000 per annum fest. Dieses Kriterium wurde oft abgewandelt, sodass auch 200 getötete Soldaten bzw. eine Mindestgröße von 1.000 Kombattanten der Konfliktparteien als Zusatzkriterium eingeführt wurde. Weitere Abwandlungen und eine Diversifizierung in verschiedene Kriegsgrößen wurde durch die Universität Uppsala vorgenommen. (Bundeszentrale für politische Bildung, 2014) Beide Definitionen lassen jedoch auch organisierte Kriminalität, wie beispielsweise durch die großen Drogenkartelle Mexikos ausgeführt, und die daraus entstehenden bewaffneten Auseinandersetzungen untereinander und mit staatlichen Sicherheitskräften, zu Kriegen werden. Die 47.000 Toten in den Jahren 2007 bis 2012 (SpiegelOnline, 2012), im Durchschnitt als 4.700 Tote pro Jahr, lassen die Auseinandersetzungen nach COW-Definition und ihren Abwandlungen zu einem Krieg werden. Auch die AKUF-Definition wird bei diesen Auseinandersetzungen erfüllt. Es bekämpfen sich mindestens zwei Gruppen, auf der einen Seite finden wir staatliche Sicherheitskräfte, auf der anderen die organisierten Drogenbanden. In den Drogenbanden findet sich eine ebenso klare Organisation wie auf Seiten der staatlichen Kräfte. Klar erkennbar ist dies an, der klaren Aufteilung der Territorien der einzelnen Kartelle und der eindeutigen Führung durch sogenannte Bosse. (SpiegelOnline 2, 2014) Die Konflikte dauern schon lange an und auch ein Ende ist nicht unmittelbar in Sicht. All diese Punkte sprechen klar für einen Krieg.

Was in diesen Definitionen fehlt, anders als in Jahns Definition, ist das Element des politischen Mittels, dass dem Krieg immanent ist. Den Kartellen geht es um wirtschaftlichen Profit, nicht um politische Auseinandersetzung. An diesem Beispiel lässt ich klar erkennen, warum es bei der Kriegsforschung, je nach genutzter Operationalisierung für dieselbe Auseinandersetzung, verschiedene empirische Befunde gibt. Wichtig in Jahns Operationalisierung ist der Unterschied zwischen Krieg und reiner Kriegsandrohung. Eine solche Androhung mag, so Jahn, denselben Effekt haben wie ein tatsächlicher militärischer Sieg in einem Krieg. Krieg beginnt jedoch erst mit der tatsächlichen bewaffneten Auseinandersetzung. (Jahn, 2012 S. 33)

Die Kategorie der physischen Gewaltsamkeit und struktureller Gewaltverhältnisse ist geprägt durch die Abkehr von der Friedensdefinition als simple Abwesenheit von Krieg. Jahn greift hier auf die Gewaltdefinition Galtungs zurück. Die Definition vergleicht den potenziellen geistigen und somatischen Zustand von Personen, anderen Lebewesen, der Umwelt und Sachen mit ihrem tatsächlichen. Der geistige Zustand bezieht sich dabei eher nicht auf beiden letztgenannten. Gewalt ist dabei jede Beeinflussung, die das Erreichen des potenziellen Zustands verhindert. (Jahn, 2012 S. 36 f.) Probleme mit dieser Definition gibt es bei legaler Gewalt, die von Polizei und Justiz ausgeübt wird. Ein Verzicht auf diese im Rahmen eines pazifistischen Anarchismus scheint keine Möglichkeit zu sein. Auch zukünftig werden staatliche Institutionen und ihr Recht auf Gewalt notwendig zur friedlichen Konfliktaustragung sein. Ferner fehlt eine Unterscheidung verschiedener politscher Systeme. Autoritär geführte System können genauso gewaltfrei sein wie Demokratien. Das gleiche gilt für verschiedene Wirtschaftsmodelle. (Jahn, 2012 S. 38) Um die vorgeschlagenen Lösungen für den Wasserkonflikt bewerten zu können, müssen wir zunächst einmal verstehen, worum genau sich dieser Konflikt dreht. Er ist außerdem nicht der einzige Konflikt, der in der Region besteht. Daher muss auch überprüft werden, inwiefern andere Konflikte den Wasserkonflikt beeinflussen oder von ihm beeinflusst werden. Wenn hier von Konflikt die Rede ist, ist eine Vorstufe zum Krieg nach der Kriegsdefinition durch Jahn, gemeint.

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Details

Seiten
43
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668151178
ISBN (Buch)
9783668151185
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316150
Note
Schlagworte
lösungsansätze wasserkonflikt zentralasien potential mikro- makro-level-ansätzen beendigung konflikts

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Titel: Lösungsansätze zum Wasserkonflikt in Zentralasien