Lade Inhalt...

Burnout. Was macht Pflegekräfte krank?

Eine Betrachtung von Ursachen und Risikofaktoren im Hinblick auf Strukturwandel und Arbeitsbedingungen im Krankenhaus

Bachelorarbeit 2012 36 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung und theoretische Erklärungsansätze

3 Ursachenforschung und Risikofaktoren
3.1 Persönlichkeitszentrierte Aspekte
3.2 Strukturwandel und DRG im Krankenhaus
3.2.1 Einführung des DRG-Systems
3.2.2 Trägerschaften im Kontext von Kooperation, Fusion und Übernahme
3.2.3 Wettbewerb und Qualitätsanspruch
3.2.4 Ambulant vor stationär
3.2.5 Verweildauer und Krankenhausbetten
3.2.6 In- und Outsourcing von Teilleistungen
3.3 Belastungsfaktoren im Pflegeberuf
3.3.1 Individuenbezogene Arbeitsbelastungen
3.3.2 Physische und psychische Arbeitsbelastungen
3.3.3 Organisationsbezogene Arbeitsbelastungen
3.3.4 Tätigkeitsbezogene Arbeitsbelastungen
3.3.5 Kooperation, Kommunikation und Interaktion

4 Zusammenfassung und Ausblick

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die heutige Arbeitswelt ist zusehends geprägt von anhaltendem Stress und einem extrem hohen Zeit- und Leistungsdruck. Diese Belastungsfaktoren haben einen großen Einfluss auf die Gesundheit und führen laut zahlreichen Studien zu einem immer höheren Anstieg psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft. Dabei sind besonders diejenigen Berufsgruppen betroffen, deren Arbeit vorwiegend in einem intensiven Einsatz für andere Menschen besteht. Der Pflegeberuf, der innerhalb des Gesundheitswesens zu einem der größten Beschäftigungsbereiche zählt, stellt als „Helferberuf“ eine bedeutende Risikogruppe für die Ausprägung eines Burnouts da. Darüber hinaus belegen zahlreiche Studien und Befragungen von examinierten Pflegefachkräften zu Arbeitsbedingungen und der gegenwärtigen Pflegesituation in deutschen Kliniken, die in diese Bachelorarbeit an zahlreichen Stellen mit einfließen, die Relevanz für die Thematik Burnout bei Pflegekräften. Da Burnout ein sehr umfangreiches und komplexes Thema darstellt, richtet sich die zentrale Frage dieser Arbeit auf die Ursachen und bestehenden Risikofaktoren, die im stationären Gesundheits- und Pflegebereich von Bedeutung sind und die Ausprägung eines Burnouts begünstigen können.

Im Vorfeld dieser Betrachtung erfolgt einführend eine Annäherung an den Begriff Burnout, indem verschiedene Definitionen und Erklärungsansätze vorgestellt werden, die den Begriff aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Anschluss erfolgt eine ausführliche Beschreibung und Analyse von Ursachen und Risikofaktoren aus unterschiedlichen Bereichen. Dabei werden neben auf Individuen bezogenen Dispositionsfaktoren auch arbeits-, organisations- und tätigkeitsbezogene Aspekte aufgegriffen. Abschließend werden noch einmal die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassend dargestellt und es erfolgt ein kurzer Ausblick auf mögliche sich anschließende Fragestellungen.

Zur Erstellung dieser Bachelorarbeit wurde ausschließlich deutschsprachige und aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte Literatur verwendet. Bei der Auswahl der verwendeten Quellen wurde stets darauf geachtet, dass diese dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit entsprechen und eine möglichst hohe Aktualität aufweisen. Die persönliche Motivation, mich mit diesem Thema tiefgreifender auseinander- zusetzen, entwickelte sich aus meiner beruflichen Tätigkeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin heraus. Im Laufe der vergangenen Jahre konnte ich gravierende Veränderungen auf allen Ebenen des Krankenhauswesens feststellen. Neben einer spürbaren Arbeitsverdichtung konnte auch ein deutlicher Wechsel der Patientenklientel beobachtet werden. Im Frühjahr dieses Jahres gab es Bestrebungen einer möglichen Fusion des Klinikbetreibers Rhön-Klinikum mit dem Gesundheitskonzern Fresenius und in Kürze starten zahlreiche Umbaumaßnahmen auf allen Ebenen der Klinik mit dem Ziel der Zusammenlegung von Stationen. Während Operationen zur Entfernung von Krampfadern vor etlichen Jahren noch fester Bestandteil der stationären Versorgung waren, erfolgen diese seit geraumer Zeit vorwiegend ambulant in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), das direkt neben dem Klinikgebäude erbaut wurde und diesem auch angegliedert ist. Dies sind nur einige praktische Beispiele für den vollziehenden Strukturwandel im Krankenhauswesen. Diese führen zu einer grundlegenden Veränderung der Arbeitssituation im Krankenhaus und haben einen direkten und indirekten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte, die im stationären Bereich tätig sind. Aus diesem Grund ist es auch unerlässlich, sich im Rahmen dieser Bachelorarbeit mit dem Strukturwandel und dessen Folgen auseinanderzusetzen, um der Frage nachgehen zu können, welchen Einfluss der Strukturwandel in deutschen Kliniken auf die Arbeitsbedingungen bzw. Arbeitsanforderungen der Pflegekräfte hat und welche Arbeitsanforderungen und damit verbundenen Belastungsfaktoren zum Burnout führen können.

Da sich diese Arbeit im Kern auf die Ursachen und Risikofaktoren von Burnout konzentriert, werden keine Maßnahmen der Prävention und der Intervention vorgestellt. Auch auf eine ausführliche Beschreibung möglicher Burnout-Phasen mit entsprechender Symptomatik wurde aus diesem Grund weitgehend verzichtet. Im Vorfeld der Erstellung dieser Arbeit erfolgte eine allgemeine Literaturrecherche mit den Begriffen „Burnout und Pflege“ in verschiedenen Datenbanken, um sich einen ersten Überblick über verfügbare Literatur zu verschaffen. Dabei fand sich eine unüberschaubare Anzahl von wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Beiträgen aus unterschiedlichen Quellenbereichen. Die weitere Literaturrecherche konzentrierte sich hauptsächlich auf den Bestand der Sächsischen Staats- und Landesbibliothek Dresden (SLUB) und die dazugehörenden Fachdatenbanken. Um die Vielzahl der Beiträge einzugrenzen, wurden die Begriffe „Burnout“, „Ausgebrannt“, „Burnout-Syndrom“ mit weiteren Schlagwörtern wie „Strukturwandel Krankenhaus“, „Belastungen“, „Arbeitsbelastungen“ und „Risikofaktoren“ kombiniert. Neben Buchveröffentlichungen wurden auch Artikel aus Fachzeitschriften und Publikationen, die im Internet veröffentlicht wurden, verwendet. Gibt man den Begriff „Burnout“ in der Internetsuchmaschine „Google“ ein, so erhält man 7.550.000 Ergebnisse auf Deutsch (24.08.2012) und sogar 59.100.000 Ergebnisse insgesamt (24.08.2012). Für weitere Internetrecherchen dienten „Google books“ und „Google scholar“.

Ein interessanter Aspekt, der mir innerhalb der Literaturrecherche immer wieder begegnete und mich erstaunte, war die Tatsache, dass Burnout bis in die Gegenwart kein eigenständiges Krankheitsbild darstellt und in der ICD-10-GM lediglich unter Zusatzdiagnosen Z 73 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ mit der Beschreibung Ausgebrannt-sein [Burn out] erfasst wird (vgl. DIMDI 2012). Die ICD-10-GM in der aktuellsten Version von 2012 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt und ist eine „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Zudem wird Burnout in der Literatur oft in Zusammenhang mit der Depression genannt, allerdings mit teils unterschiedlicher Positionierung der Autoren. Nachdem ich einige Bücher und Artikel gelesen habe, die sich mit der Thematik Burnout und Depression beschäftigen, konnte ich feststellen, dass Uneinigkeit darüber besteht, ob Burnout nun ein eigenes Störungsbild darstellt oder lediglich eine Sonder- bzw. Unterform der Depression ist. Einige Mediziner vertreten sogar die Auffassung, dass Burnout als Erkrankung gar nicht existiere und lediglich als ein Modewort unserer heutigen Gesellschaft geprägt worden sei (vgl. Schmiedel 2010, S. 19). Diese Uneinigkeit begründet sich meiner Meinung nach auch infolge der mangelnden Eigenständigkeit von Burnout als Krankheitsbild in der ICD-10, während die Depression unter F32 „Depressive Episode“ als Krankheitsbild klassifiziert ist und als eigenständige Diagnose erhoben werden kann. Entgegen dieser Position erkennen andere wiederum Burnout als eigenständiges Krankheitsbild an und begründen dies durch spezifische Unterscheidungsmerkmale, die ihrer Auffassung nach eine Abgrenzung des Burnout-Syndroms von der Depression ermöglichen und an dieser Stelle kurz benannt werden.

Der Auslöser für eine Burnout-Erkrankung findet sich nach Angaben der meisten Autoren in der Arbeitswelt des Betroffenen und ist oft an die Arbeitsleistung und an ein berufliches Überengagement gekoppelt (vgl. Unger, Kleinschmidt 2009, S. 80). Die Depression hingegen entwickle sich oft unabhängig von berufsbezogenen Belastungsfaktoren und umfasse dabei sämtliche Lebensbereiche (vgl. ebd., S. 80). Zu erwähnen ist noch, dass die Wege zur Burnout-Entstehung, die in der Literatur beschrieben werden, oft von Phasen depressiver Verstimmung begleitet werden. Im Gegensatz dazu ist eine Depression nicht immer zwangsläufig an ein Burnout gekoppelt, da nicht jeder Depression ein Burnout vorausgeht (vgl. Bergner 2010, S. 47).

Auch der gesellschaftliche Blick auf diese beiden Erkrankungen ist different. Während der Depression durch Zuschreibungen wie Schwäche und mangelnde Belastbarkeit ein negatives Stigma anhaftet, wird Burnout als Folge beruflicher Überbelastung und übermäßiger Aufopferung als etwas Positives gewertet und dadurch als Erkrankung von der Gesellschaft eher akzeptiert.

2 Begriffsbestimmung und theoretische Erklärungsansätze

Bevor in die Thematik eingestiegen werden kann, ist es im Vorfeld notwendig, den Begriff Burnout näher zu beleuchten. Der Begriff Burnout selbst ist noch relativ jung und wurde erstmals im Jahre 1974 von dem amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägt und in die Psychologie eingeführt (vgl. Litzcke, Schuh 2007, S. 155). Hintergrund dafür war die Beobachtung eines physiologischen und psychologischen Endzustandes infolge erhöhter Anstrengungsbereitschaft zum einen bei sich selbst und zum anderen bei ehrenamtlichen Mitarbeitern alternativer Selbsthilfe- und Kriseninterventionseinrichtungen (vgl. Rook 1998, S. 16). Bei Angehörigen helfender Berufsgruppen beobachtete Freudenberger auffällig oft ein psychisches Zusammenbrechen der oft hochmotivierten Mitarbeiter circa ein Jahr nach deren Arbeitsaufnahme (vgl. Hofmann 2010, S. 21). Nach Freudenberger zählten besonders engagierte Menschen, die hohe Erwartungen an sich selbst stellen und ein hohes inneres Verpflichtungsgefühl aufweisen, zu der gefährdeten Personengruppe (vgl. Rook 1998, S. 23). Das Burnout-Syndrom, das allgemein einen lang anhaltenden Zustand der Erschöpfung und des Ausgebrannt-seins beschreibt, ist keine neue Erscheinung und wurde schon viel früher beobachtet, allerdings ohne dafür den Begriff Burnout zu verwenden.

Im Rahmen der Literaturrecherche konnte festgestellt werden, dass es trotz einer fast unüberschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen zu dieser Thematik keine einheitliche Definition zu dem Begriff Burnout gibt. Als Grund hierfür ist anzuführen, dass diese komplexe Erkrankung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann und aus diesen wiederum unterschiedliche Definitionen des Begriffes Burnout hervorgehen. Das Fehlen einer einheitlichen Definition zeigt sich auch in dem Gebrauch verschiedener Begriffe, die in der Literatur synonym verwendet werden. Neben „Burnout-Syndrom“ verwenden die Autoren noch „Burnout-Phänomen“ und „Erschöpfungssyndrom“ und beschreiben damit alle das gleiche Störungsbild, wie ich nach intensiverer Recherche in verschiedenen Quellen festgestellt habe. Innerhalb meiner Arbeit werde ich ausschließlich den Begriff Burnout-Syndrom synonym für den Begriff Burnout verwenden, da er meiner Meinung nach am besten diesen Zustand der Betroffenen beschreibt. Bei der Burnout-Entwicklung treten eine Vielzahl von Symptomen in den Stadien der Burnout-Entstehung auf.

Allgemein lassen sich in der gesichteten Literatur, die sich mit der Ursachenforschung des Burnout-Syndroms beschäftigt, zwei Richtungen herauslesen. Zum einen sind die persönlichkeitszentrierten Aspekte von Bedeutung, die den Helfer selber als Ursache in den Fokus rücken, und zum anderen werden die äußeren Bedingungen und gesellschaftlichen Faktoren als Grund für die Krankheitsentstehung aufgeführt (vgl. Köppl 2006, S. 39). Obwohl es sich bei Burnout laut Klassifikation um eine medizinische Zusatzdiagnose handelt, mit der sich Mediziner im Rahmen bestimmter Diagnosestellungen auseinandersetzen, wird in keiner der gesichteten Literatur darauf hingewiesen, dass für die Burnout-Entstehung auch biomedizinische Ursachen existieren; ergo konnte kein biomedizinischer Erklärungsansatz für dieses Störungsbild gefunden werden. Die vier in der Literatur beschriebenen Erklärungsansätze werden im Folgenden nun näher dargestellt.

Persönlichkeitszentrierte Erklärungsansätze

Neben Edelwich & Brodsky (1984) sind auch Burisch (1989) und Freudeberger & Richelson (1983) wichtige Vertreter dieses Erklärungsansatzes (vgl. Hofmann 2010, S. 23). Nach dieser Theorie wird der Helfer selbst als Ursache für die Symptomentstehung in den Fokus gerückt, der sich selber die Schuld an dem Burnout gibt (vgl. Köppl 2006, S. 39 f.). Freudenberger und North definieren Burnout als „[…] Energieverschleiß, eine Erschöpfung aufgrund von Überforderungen, die von innen oder von außen - durch Familie, Arbeit, Freunde, Liebhaber, Wertesysteme oder die Gesellschaft - kommen kann und einer Person Energie, Bewältigungsmechanismen und innere Kraft raubt. Burnout ist ein Gefühlszustand, der begleitet ist von übermäßigem Stress, und der schließlich persönliche Motivationen, Einstellungen und Verhalten beeinträchtigt.“ (Freudenberger, North 1994, S. 27)

Während bei den persönlichkeitszentrierten Erklärungsansätzen die Ursache in Persönlichkeitsmerkmalen wie Idealismus und übersteigertem Engagement des Betroffenen gesehen wird, stehen bei den nachfolgenden Ansätzen überwiegend die Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Faktoren im Blickpunkt der Betrachtung (vgl. Köppl 2006, S. 39 f.).

Sozialpsychologischer Erklärungsansatz

Als bedeutende Vertreter dieser Entstehungstheorien können unter anderem Enzmann & Kleiber (1989), Cherniss (1980) sowie Maslach & Jackson (1984) genannt werden (vgl. Hofmann 2010, S. 23). Nach der Sozialpsychologin Maslach entwickelt sich Burnout durch einen anhaltenden emotionalen Stress, der situationsbedingt aus der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen dem Helfer und seinem Empfänger heraus entsteht (vgl. Killmer 2011, S. 28 f.). Neben dieser Helferbeziehung führen die umgebenden Arbeitsbedingungen zusätzlich zu stressbelasteten Situationen. Aus diesen beiden Faktoren entsteht folglich ein Ungleichgewicht von berufsspezifischen Anforderungen und deren Bewältigungsmöglichkeiten (vgl. ebd., S. 28 f.). Maslach führt Burnout demnach auf die Kumulation von situationsbedingtem Stress und den umgebenden Arbeitsbedingungen zurück. Nach ihr definiert sich Burnout durch die drei Hauptsymptome „emotionale Erschöpfung“, „Depersonalisation“ und „reduziertes Wirksamkeitserleben“ (vgl. ebd., S. 28). Was Maslach genau unter diesen Merkmalen versteht, soll im Folgenden geklärt werden.

Infolge der Emotionalen Erschöpfung fällt es den Pflegekräften zunehmend schwerer, ihre täglichen Anforderungen im stationären Pflegebereich erfolgreich zu bewältigen (vgl. ebd., S. 21 f.). Die Pflegekräfte sind ausgelaugt, fühlen sich ständig müde und zeigen aufgrund ihrer Erschöpfung ein deutlich reduziertes Mitgefühl für die Patienten, die sie betreuen (vgl. Müller-Timmermann 2004, S. 16). Dieses Mitgefühl ist allerdings in pflegenden Berufen von besonderer Bedeutung und das Fehlen emotionaler Reaktionen kann zu Missverständnissen und Spannungen zwischen Patienten und Pflegekraft führen.

Die Depersonalisation ist nach Maslach ein weiterer Burnout-Faktor, bei dem sich die Betroffenen innerlich schon stark von ihrer Tätigkeit als Pflegekraft distanziert haben und kein echtes persönliches Einbringen mehr in die Arbeit zu beobachten ist (vgl. ebd., S. 16). Oft funktionieren sie nur noch als „leere Hülle“ mit pausenlosem Blick auf die nächsten dienstfreien Tage. Ein weiterer Aspekt in diesem Zusammenhang ist die zunehmende Entwicklung einer Gleichgültigkeit gegenüber den zu betreuenden Patienten und deren Bedürfnissen und pflegerelevanten Problemlagen (vgl. Killmer 2011, S. 22). Die daraus resultierende Distanz zu Patienten und Kollegen wird zunehmend größer und oft zum eigenen Schutz als Professionalität ihrer Arbeit deklariert (vgl. Müller-Timmermann 2004, S. 16).

Das dritte Hauptmerkmal ist ein reduziertes Wirksamkeitserleben, bei dem sich die betroffenen Pflegekräfte trotz ständig hohen Aufwands als sehr eingeschränkt leistungsfähig empfinden (vgl. ebd., S. 17). Die ausgebrannten Helfer haben das Gefühl, bei ständig steigender Initiative, die sie aufwenden, ein immer geringeres Maß an Erfolg verzeichnen zu können (vgl. ebd., S. 17). Als Ursache für diese verminderte subjektive Leistungsfähigkeit sieht Maslach das Unvermögen der Betroffenen, sich in die Patienten hineinzuversetzen, ihre berufliche Tätigkeit als Bereicherung ihres Lebens anzusehen und arbeitsbedingte Probleme professionell zu lösen (vgl. Killmer 2011, S. 22). Anfangs können diese Misserfolge noch kompensiert werden, langfristig reagieren die Pflegekräfte allerdings zunehmend mit Resignation (vgl. Müller- Timmermann 2004, S. 17).

Arbeitsorganisatorischer Erklärungsansatz

Im Gegensatz zu Maslach beschreibt Cherniss 1980 Burnout als einen transaktionalen Prozess, bei dem „eine Interaktion zwischen personen- und arbeitsbezogenen Bedingungen zugrundegelegt wird.“ ( Killmer 2011, S. 31) Nach Cherniss besteht dieser Prozess aus insgesamt drei Stadien. Das Anfangsstadium ist durch einen beruflichen Stress gekennzeichnet, der im zweiten Stadium zu einer emotionalen Stressreaktion führt, die in emotionaler Erschöpfung mündet und zu Angstzuständen sowie Spannungsgefühlen führt (vgl. ebd., S. 31). Wird der Prozess an dieser Stelle nicht unterbrochen, schließt sich das dritte Stadium an, in dem es zu Einstellungs- und Verhaltensänderungen der Betroffenen kommt (vgl. ebd., S. 32). Cherniss sieht in den arbeitsorganisatorischen Faktoren die wichtigsten Stressauslöser, berücksichtigt allerdings auch innerhalb dieses Ansatzes individuelle Faktoren wie Alter, Geschlecht, Charakter und bisherige Berufserfahrungen (vgl. ebd., S. 32).

Soziologische Erklärungsansätze

Im Anschluss an den arbeitsorganisatorischen Ansatz entwickelte Cherniss zusammen mit Krantz (1983) einen soziologischen Erklärungsansatz, nach dem nicht der Stress, sondern vielmehr „der Verlust an sozialem Engagement und moralischen Zielsetzungen“ zu Burnout führt. (Killmer 2011, S. 33) Sie deklarieren Burnout zu einem sozialen Problem, „das auf die Verdrängung des moralisch-religiösen durch das wissenschaftlich-technische Paradigma zurückgehe, weil die damit verbundene Professionalisierung soziale Unterstützung und Engagement untergrabe.“ (ebd., S. 33) Somit sehen Cherniss & Krantz die Ursachen in den beruflichen Zielvorstellungen und den Einstellungen und Werten des Einzelnen. Weiter werden kulturelle und historische Gegebenheiten als wesentliche Einflussgrößen benannt (vgl. Killmer 2011, S. 33).

3 Ursachenforschung und Risikofaktoren

3.1 Persönlichkeitszentrierte Aspekte

Innerhalb dieses Gliederungspunktes werden nun Persönlichkeitsmerkmale vorgestellt, die bei einer übermäßigen Ausprägung die Burnout-Entstehung fördern können.

Ein disponierendes Persönlichkeitsmerkmal stellt das Helfer-Syndrom dar, das Schmiedbauer beschreibt als „die zur Persönlichkeit gewordene Unfähigkeit, eigene Gefühle und Bedürfnisse zu äußern, verbunden mit einer scheinbar omnipotenten, unangreifbaren Fassade im Bereich der sozialen Dienstleistungen.“ (Schmiedbauer 2002, S. 15) Dabei verfügen die Helfer oft über ein geringes Selbstwertgefühl und streben nach Anerkennung und Erfolg, um ihre persönlichen Schwächen abzuwehren, die sie als eigene Wertlosigkeit interpretieren (vgl. Hofmann 2010, S. 86). Infolgedessen entwickeln die Helfer einen regelrechten Zwang zu helfen, mitunter auch an Stellen, an denen diese Hilfe gar nicht notwendig erscheint; dies wird allerdings von den Betroffenen als solches gar nicht wahrgenommen. Führt diese Hilfe allerdings zum Erfolg, wird die entstandene Helfer-Schützling-Beziehung aufgelöst und der Helfer kann sein Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung nicht mehr stillen, was ein unlösbares Dilemma für den Helfer bedeutet. Um einen Verlust dieser Beziehung abzuwenden, produziert der Helfer seine eigene Abhängigkeit und verwehrt den Klienten dadurch ihre eigene Autonomie - so die zentrale These von Schmiedbauer (vgl. Martin 2007, S. 112). Da die psychische Disposition des Helfer-Syndroms im Pflegeberuf weit verbreitet ist, kann davon ausgegangen werden, dass erst eine stärkere Ausprägung dieser zu einem Problem führt (vgl. Hofmann 2010, S. 24). Erst wenn das Helfen durch den ständigen Drang nach Anerkennung zur „Sucht“ wird und der Helfer durch seine übertriebene Aufopferung die eigenen Grenzen überschreitet und angezeigte Warnsignale ignoriert, besteht eine erhöhte Gefahr, an Burnout zu erkranken. Nach Freudenberger sind auch besonders leistungsorientierte Menschen betroffen, die eine übersteigerte Verausgabungsbereitschaft in Bezug auf ihre berufliche Tätigkeit zeigen (vgl. ebd., S. 24).

Pflegekräfte, die einen gesteigerten Idealismus in Bezug auf die Bewältigung ihrer beruflichen Anforderungen aufweisen, stecken sich oft unrealistische Ziele, die sie nicht erreichen können und in der Folge zwangsläufig daran scheitern (vgl. ebd., S. 86). Der Grund ist in einer Überschätzung der realen Erfolgsaussichten und eigener Einflussmöglichkeiten zu sehen (vgl. ebd., S. 86). Dabei wird die bestehende Diskrepanz zwischen der Idealvorstellung des Einzelnen und der Realität im Berufsalltag als ein wesentlicher Grund für die Entstehung des Burnouts betrachtet (vgl. Köppl 2006, S. 39). Gerade frisch examinierte Pflegekräfte haben eine hohe Anspruchshaltung gegenüber sich selbst und möchten im Berufsalltag ihr erworbenes Wissen anwenden und ihre eigenen Idealvorstellungen umsetzen. Durch erlebte Rückschläge kommt es allerdings schnell zu Anspannung, Frustration und nicht selten zu einem hohen Maß an Unzufriedenheit, die sich auf den beruflichen Alltag überträgt.

Pflegende, die einen hohen Anspruch an sich und ihre Arbeitsleistung haben, neigen auch oft zu einem übersteigerten Perfektionismus, der eine permanente Motivationsgrundlage darstellt und beeinflussende bzw. behindernde Faktoren einfach ausblendet (vgl. Hofmann 2010, S. 86). Diese Pflegekräfte sind in ihrem Temperament oft sehr ungeduldig, treffen folglich übereilte Entscheidungen, die mitunter auch Fehlentscheidungen bedeuten können, und schon kleinere Rückschläge und Niederlagen führen frühzeitig zu Ärger und Frustration dieser Persönlichkeiten (vgl. ebd., S. 86). Der eigene Anspruch, immer der Beste sein zu wollen und die bestmögliche Leistung zu erbringen, verlangt ein hohes Arbeitstempo und eine intensive Arbeitsleistung; oft weit über die geforderten Ansprüche hinaus. Zudem sind Perfektionisten oft wenig kompromissbereit, da sie darin eine eigene Schwäche sehen, die mit eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten verbunden ist (vgl. ebd., S. 86). Diese Persönlichkeiten setzen sich zeitlich und leistungsmäßig selber unter extrem hohen Druck, dem sie auf Dauer nicht standhalten können und langfristig an den Anforderungen scheitern und „ausbrennen“.

Weitere Charaktereigenschaften, die Burnout begünstigend wirken können, sind Konkurrenzdenken, Hektik, Aggressionsbereitschaft, Emotionsleugnung, Arbeit als Lebensinhalt, hohes Verantwortungsbewusstsein, Schuldgefühle und Gefühle der eigenen Benachteiligung (vgl. Domnowski 2010, S. 71).

Neben den persönlichen Aspekten spielen natürlich auch die Rahmenbedingungen im Krankenhaus eine entscheidende Rolle, die sich in den letzten Jahren durch eine Vielzahl von Neuerungen gravierend verändert haben und innerbetriebliche Umstrukturierungen zur Folge hatten.

Wodurch dieser Strukturwandel im Krankenhaus begründet ist und welche Veränderungen die Folge sind, wird im folgenden Abschnitt vertiefend dargestellt. Weiter wird an ausgewählten Stellen auf den Zusammenhang und die Folgen für die Arbeitstätigkeit der Pflegekräfte im Stationsalltag hingewiesen.

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668152564
ISBN (Buch)
9783668152571
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316145
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Berufliche Fachrichtung Gesundheit und Pflege
Note
1,3
Schlagworte
Burnout Pflege Belastungsfaktoren Burnout Pflegekräfte Burnout Pflege

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Burnout. Was macht Pflegekräfte krank?