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Kleinunternehmer und ihre Einbettung in Netzwerke. Typisch afrikanische Strukturen?

Bachelorarbeit 2011 41 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analytischer Rahmen

3. Theoretische Ansätze
3.1. „Weak and strong ties“ und „Embeddedness“
3.2. Das „Traders' Dilemma“
3.3. Der Einfluss des Staates
3.4. Familiennetzwerke als Arenen der Aushandlung

4. Empirische Beispiele aus Subsahara-Afrika
4.1. Kenianische Businessmen und ihre Familien
4.2. Weak and strong ties im informellen Sektor von Nairobi und Harare
4.3. Netzwerke namibischer Kleinunternehmer
4.4. Ergänzende Beispiele
4.5. Zentrale Erkenntnisse der empirischen Beispiele aus Afrika

5. Empirische Beispiele aus den USA
5.1. Die Kenjinkai japanischer Migranten
5.2. Die spezialisierten Netzwerke mexikanischer Migranten
5.3. Gypsies und koreanische Kye
5.4. Ergänzendes Beispiel
5.5. Zentrale Erkenntnisse der empirischen Beispiele aus den USA

6. Abschließender Vergleich

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In a general way, there is evidence all around us of the extent to which business relations are mixed up with social ones“[1]

Der Bereich, in dem sich wirtschaftliche mit sozialen Beziehungen vermischen, ist größer als allgemein angenommen. Es handelt sich dabei um ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das ökonomisch, soziologisch, ethnologisch oder auch politikwissenschaftlich untersucht werden kann. Gerade die Wirtschaftswissenschaften prägten lange ein Bild, in dem ökonomische Interessen von sozialen Strukturen abgekoppelt sind, und gehen darüber hinaus von der übergreifenden „rationalen“ Motivation der Profitmaximierung aus. Vor allem neoliberale Ansätze kommen auf dieser Grundlage mitunter zu der Einschätzung, dass die beschriebene Vermischung von Nachteil ist[2]. An dieser Stelle liegt es in der Verantwortung der Sozialwissenschaften, diese Erklärungsmuster zu hinterfragen und zu ergänzen, um ein umfassenderes Bild zu schaffen. Die vorliegende Arbeit diskutiert sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu einem bestimmten Teilbereich dieses Feldes.

Die sozialen Netzwerke von Unternehmern eignen sich hier als Beispiel, weil sich an ihnen die Vermischung von wirtschaftlichem Handeln und sozialen Beziehungen besonders deutlich herausstellen lässt. Durch die Literatur ziehen sich zwei gegensätzliche Tendenzen, die Vermischung als hilfreich (Sozialkapital), oder als Hindernis (erdrückende Verpflichtungen) zu betrachten. Hadnes umreißt diese Problematik in Bezug auf Entwicklungsländer folgendermaßen:

„In einem Wirtschaftssektor, in dem öffentliche Instanzen und rechtliche Institutionen oftmals nicht greifen, sind (Kleinst-) Unternehmer stärker auf den Rückhalt durch ihr soziales Netzwerk angewiesen. Ihre Familien, Freunde, Nachbarn, Partner bieten ihnen Zugang zu Ressourcen und gegenseitiger Unterstützung und versorgen sie mit wichtigen Informationen und kaufen bei ihnen ein. Dennoch impliziert die Einbettung in ein soziales Netzwerk, insbesondere im südlichen Afrika, zu gleichem Maße soziale Verpflichtungen.“ (Hadnes 2008: 2).

Die zentrale Frage dieser Arbeit ist daher, ob die Einbettung in solche Strukturen von Vorteil ist. Oder konkreter: Welchen Einfluss haben Familie und soziale Netzwerke auf den wirtschaftlichen Erfolg von Kleinunternehmern? Die Eingrenzung auf Kleinunternehmer wähle ich deshalb, weil sie in ihrer Tätigkeit besonders auf Netzwerke angewiesen sind. Dies wird noch verstärkt dadurch, dass in den hier vorgestellten Beispielen dem Unternehmertum Migrationsprozesse vorangehen, die ebenfalls entlang von Netzwerken organisiert sind.

Im Hinblick auf die Bedeutung ihrer sozialen Netzwerke vergleicht diese Arbeit afrikanische Kleinunternehmer mit US-amerikanischen, damit die Ergebnisse eher generalisiert werden können. Die Idee dahinter war die Frage, ob die untersuchten Strukturen typisch afrikanisch sind oder so auch in anderen Regionen vorkommen. Der etwas undifferenziert anmutende Vergleich zwischen Kontinent und Land kam daher zustande, dass zum Zeitpunkt der Themenfestlegung meine Literaturrecherche zu Afrika noch nicht abgeschlossen war und ich keine möglicherweise relevanten Werke ausschließen wollte. Tatsächlich habe ich Beispiele aus dem südlichen, östlichen und westlichen Afrika und spreche daher im Folgenden von Subsahara-Afrika. Meine Auswahl der USA als Vergleichsregion ergab sich aus der besonders ergiebigen Literatur über diese Region, denn im Laufe der ausgedehnten Migration in die USA entstanden eine Reihe von ethnischen Minderheiten, die im Kleinunternehmertum sehr aktiv waren und sind. In Bezug auf die transnationale Migration ergeben sich Vergleichspunkte mit der in Subsahara-Afrika weit verbreiteten Migration vom Land in die Stadt.

Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Auf die Einleitung folgt ein kurzes Kapitel über den analytischen Rahmen, um die für diese Arbeit relevanten Konzepte grob zu umreißen und weiter in die Thematik einzuführen. Anschließend stelle ich ausgewählte theoretische Ansätze vor, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Fragestellung beschäftigen. Der Hauptteil der Arbeit besteht aus zwei Kapiteln mit empirischen Beispielen aus Subsahara-Afrika und den USA, die ich im Hinblick auf die Fragestellung untersuche. Dabei behandele ich die afrikanischen Beispiele etwas ausführlicher, da mir hier durch den Hintergrund meines Studiums eine tiefere Analyse möglich ist. Am Ende dieser beiden Kapitel werde ich jeweils die zentralen Befunde zusammenfassen und diskutieren. Sowohl im Theorieteil, als auch im Empirie-Teil beziehe ich mich in chronologischer Reihenfolge auf meine Quellen, erstens um dem Leser die Einordnung zu erleichtern und zweitens, um eine gewisse Entwicklung innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin darzustellen. Abschließend folgt als Fazit der Vergleich zwischen Subsahara-Afrika und USA.

2. Analytischer Rahmen

Bevor ich vollständig in mein Thema einsteige ist es an dieser Stelle notwendig, einen gewissen analytischen Rahmen abzustecken, um eine Grundlage für die folgenden wissenschaftlichen Betrachtungen zu legen und weiter in das Thema einzuführen. Dazu gehört die Definition der zugrundeliegenden Konzepte Informalität und Sozialkapital, ebenso wie die Definition von Kleinunternehmern und sozialen Netzwerken. Anschließend folgt im nächsten Kapitel eine Darstellung ausgewählter, theoretischer Ansätze.

Informalität

Informalität ist ein schwer fassbares Konzept, dessen analytischer Wert in der jüngeren Forschung vermehrt in Frage gestellt wird. Kate Meagher spricht in diesem Zusammenhang vom Kollaps des „Informalitäts-Paradigmas“ (Meagher 2010: 11). Diesen beschreibt sie wie folgt:

„Amid processes of deregulation, globalization and weakening states, informal forms of economic organization have become so pervasive, and so deeply intertwined with formal economic structures that the old notion of an 'informal sector' or 'informal economy' has been called into question“ (Meagher 2010: 11).

Auch Myriam Hadnes stellt fest, dass:

„formelle und informelle Betriebe in vielen Fällen nicht offensichtlich unterschieden werden können und die Verzahnung zwischen ihnen meist sehr eng ist [...]“ (Hadnes 2008: 16).

Das Problem bei der Definition von Informalität liegt also darin, dass „informell“ mit „formell“ untrennbar verwoben ist. Im konkreten Bezug auf diese Arbeit bedeutet das, die Eingrenzung auf „informelle Unternehmer“ macht keinen Sinn. Daher wurde die Unternehmensgröße als passenderes Kriterium ausgewählt. Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten plädiert Meagher für eine weitergehende, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Informalität, spricht sich aber für einen anderen Fokus aus:

„The Key issue is not the boundary between the official and unofficial spheres, but the distinctive organizational dynamics and power relations that characterize non-formal forms of order.“ (Meagher 2010: 16).

Im Zentrum des Interesses sollten die konkreten Eigenschaften der Ordnungsformen im informellen Bereich stehen, nicht die Abgrenzung zum formellen Bereich. Diese Perspektive ist für die Beschäftigung mit sozialen Netzwerken geeignet, die genauso eine Ordnungsform sind, welche sich formeller Erfassung weitestgehend entzieht.

Sozialkapital

Soziale Netzwerke werden generell als Form von Sozialkapital betrachtet, daher finde ich es notwendig, das Konzept Sozialkapital kurz zu beleuchten. Verschiedene Autoren[3] beziehen sich auf die Definition von James Coleman:

„Like other forms of capital, social capital is productive, making possible the achievement of certain ends that in its absence would not be possible. […] Unlike other forms of capital, social capital inheres in the structure of relations between actors and among actors. It is not lodged either in the actors themselves or in physical implements of production.“ (Coleman 1988: 98).

Sozialkapital ist gewissermaßen eine Ressource, die es ermöglicht, andere Ressourcen besser zu nutzen. Dass Sozialkapital in Beziehungen liegt, nimmt auch Hadnes an: „ Sozialkapital liegt ausschließlich in den Beziehungsstrukturen der Akteure und entzieht sich somit einem direkten, eigenen und dadurch messbaren Wert “ (Hadnes 2008: 10). Laut Hadnes werde Sozialkapital in der Literatur aus zwei Perspektiven betrachtet, der gesamtgesellschaftlichen Perspektive, die Sozialkapital als eine Art öffentliches Gut definiere, und der auf das Individuum ausgerichteten Perspektive (ebd. 10). John Harriss und Paolo De Renzio nehmen letztere ein und definieren Sozialkapital als:

„[...] resources that inhere in family and community organization – especially networks of contacts or connections – which can be seen as a form of capital which accrues to individuals“ (Harriss; De Renzio 1997: 932).

Um das Konzept analytisch zu verbessern unterscheiden sie zwischen verschiedenen Arten von Sozialkapital, von denen in dieser Arbeit vor allem die ersten beiden behandelt werden: „family and kinship connections“ und „(wider) social networks or 'associational life'“ (ebd. 932). Es erscheint daher für diese Arbeit passend, die individuelle Perspektive einzunehmen; trotzdem werde ich die gesamtgesellschaftliche nicht aus dem Blick verlieren. Die hier vorgestellten Definitionen von Sozialkapital haben gemeinsam, dass sie Beziehungen (und Netzwerke) als Ressource betrachten. Andere gehen noch darüber hinaus und weisen Sozialkapital eine elementare Rolle in der Entwicklung zu, so bemerken Harriss und De Renzio: „Social capital has been looked to by some in the World Bank as describing the 'missing link' in development“ (ebd. 921)[4].

Kleinunternehmer

Das Konzept dieser Arbeit erfordert es, die Fülle der wissenschaftlichen Beiträge zur Verbindung von wirtschaftlichen Aktivitäten und sozialen Beziehungen auf eine bestimmte Gruppe einzuschränken: Kleinunternehmer[5]. Meine empirischen Beispiele habe ich anhand der folgenden Richtlinien ausgewählt. Wie bereits dargelegt, ist die Klassifizierung als informelle Unternehmer schwierig, da eine klare Unterscheidung zwischen formellen und informellen Unternehmen nicht möglich ist. Trotzdem bleibt festzustellen, dass die hier betrachteten Unternehmer sich überwiegend im informellen Bereich bewegen. Das trifft auf alle empirischen Beispiele aus Afrika zu; auf die aus den USA mit Abstufungen. Ein weiteres Kriterium ist der eingeschränkte Zugang zu formeller Bildung und Ausbildung. In Afrika sind die entsprechenden Institutionen oft nur in geringem Ausmaß vorhanden und nur einer Elite zugänglich. Die Beispiele aus den USA handeln überwiegend von Minderheiten, die aufgrund von Diskriminierung oder illegalem Status keinen Zugang haben. Die Gründe sind anders, aber die daraus resultierende Situation ist ähnlich. Als Kleinunternehmer definiere ich folglich einen Geschäftsführer (dabei kann es sich auch um ein Ein-Mann-Unternehmen handeln) der auf einem niedrigen, ökonomischen Level selbstständig tätig ist und sich dabei überwiegend im informellen Sektor bewegt. Wie viele Mitarbeiter ein Kleinunternehmen zählt ist oft nicht eindeutig. Von Bedeutung ist hier, auf welche Art und Weise Unternehmen in soziale Netzwerke eingebettet sind.

Soziale Netzwerke

Aodheen O'Donnell et al. teilen die bisherige Forschung über Unternehmernetzwerke in zwei Hauptkategorien ein: Netzwerke zwischen Organisationen und persönliche Netzwerke (O'Donnell et al. 2001: 750). Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit den persönlichen Netzwerken von Unternehmern. Eine frühe Definition bietet James Mitchell, der als potentielles Netzwerk alle Personen bezeichnet, die auf Grund bestimmter Normen Unterstützung voneinander erwarten können (Mitchell 1969: 9). Ein tatsächliches, persönliches Netzwerk entstehe jedoch erst, wenn diese Beziehungen aktiviert würden und die Akteure in soziale Austauschhandlungen involviert seien (Mitchell 1969: 9). Ein wichtiger Aspekt, der von Hadnes mit einbezogen wird, ist der des Vertrauens zwischen den Akteuren im Netzwerk: „ Grundlage des sozialen Netzwerks ist die meist vertrauensvolle Beziehung zwischen den zwar autonomen, aber interdependenten Akteuren. “ (Hadnes 2008: 22). Dieses Vertrauen basiere auf die Einhaltung von Normen und Regeln, die wiederum Sanktionsmöglichkeiten voraussetzen (Hadnes 2008: 12). Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung im Kontext der Kleinunternehmer, in dem formelle Regulierung sehr schwach ausgeprägt ist. Jennifer Sequeira und Abdul Rasheed bringen Vertrauen und Sanktionsmöglichkeiten darüber hinaus mit konkretem, finanziellen Nutzen in Zusammenhang: „ More importantly, trust, as well as the existence of norms and sanctions, helps the entrepreneur to access financial resources.“ (Sequeira; Rasheed 2006: 362). Alle zitierten Autoren erwähnen Normen als wesentliche Grundlage für soziale Netzwerke. In Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit ist ein ganz bestimmte Art der sozialen Norm relevant: Die Reziprozitätserwartung. Damit gemeint ist, dass für gewisse Unterstützungsleistungen des Netzwerks gewisse Gegenleistungen vom Unternehmer erwartet werden.

3. Theoretische Ansätze

Oft wird kritisiert, die Debatte über soziale Netzwerke sei „unter-theoretisiert“[6]. An dieser Stelle verzichte ich bewusst darauf, die Geschichte der bisherigen Forschung nachzuzeichnen. Stattdessen werde ich einige ausgewählte Ansätze zu sozialen Netzwerken und Unternehmertum vorstellen, die durchaus zentrale Beiträge zur theoretischen Debatte darstellen, hier aber vor allem im Hinblick auf die Fragestellung relevant sind. Diese sind die Konzepte „weak and strong ties“ und „Embeddedness“ von Mark Granovetter und das „Traders' Dilemma“ von Hans-Dieter Evers. Darauf folgen zwei jüngere Ansätze, die ich ausgewählt habe, weil sie beide spezielle Perspektiven einbringen: Kate Meagher thematisiert den Einfluss des Staates auf die Funktionsfähigkeit von Netzwerken und nimmt dabei eine Makroperspektive ein, während Luise Steinwachs die Mikroperspektive einnimmt, indem sie Familiennetzwerke als Arenen der Aushandlung untersucht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch Steinwachs' Kombination der Handlungslogiken Sicherheit und Profitmaximierung.

3.1. „Weak and strong ties“ und „Embeddedness“

Mark Granovetter konzentriert sich, bezogen auf den euro-amerikanischen Kontext, auf die Stärke von sozialen Bindungen. Diese definiert er wie folgt:

„The strength of a tie is a (probably linear) combination of the amount of time, the emotional intensity, the intimacy (mutual confiding), and the reciprocal services which characterize the tie.“ (Granovetter 1973: 1361).

Laut dieser Definition sind zum Beispiel Familie und Freunde als starke Bindungen einzuordnen. Seine These, mit der sich viele der nachfolgenden wissenschaftlichen Beiträge auseinandersetzen, besagt, dass gerade die schwachen Bindungen für den wirtschaftlichen Erfolg von Individuen förderlich seien. Je mehr schwache Bindungen ein Akteur habe, desto wahrscheinlicher sei es, dass er relevante Informationen erhalte (ebd. 1371). Der Grund dafür ist, dass Personen, zu denen wir nur schwache Bindungen haben, sich in der Regel in anderen Kreisen bewegen als wir (ebd. 1371). Nur über schwache Bindungen ließen sich Brücken („bridges“) zwischen unterschiedlichen Gruppen herstellen (ebd. 1376). Anhand der folgenden empirischen Beispiele werde ich diskutieren, in wie weit sich dieses Konzept auf afrikanische Unternehmer übertragen lässt.

Während Granovetters These von der Stärke der „weak ties“ in der Literatur über soziale Netzwerken in Afrika unterschiedlich beurteilt wird, besteht weitestgehend Konsens über das Vorhandensein von „Embeddedness“. Diese bezeichnet die Einbettung von wirtschaftlichem Handeln in soziale Strukturen. Diese Einbettung sei so allgegenwärtig, dass sie auf keinen Fall vernachlässigt werden dürfe (Granovetter 1985: 482). Granovetter grenzt sich daher von gewissen Tendenzen in den Wirtschaftswissenschaften und in der Soziologie ab, die beide den Akteur als losgelöst von seinem sozialen Umfeld („atomized“) betrachten (Granovetter 1985: 485). Er richtet seine Überlegungen zwar ausschließlich auf „modern capitalist societies“ aus (ebd. 183), gibt aber zu bedenken, dass Muster der Einbettung von Geschäftsbeziehungen in soziale Bindungen möglicherweise in fremden Kontexten leichter zu erkennen seien, wo sie dann in der Regel als „kulturelle“ Besonderheiten erklärt würden (ebd. 497). Er warnt also gleichzeitig vor essentialistischen Erklärungen in Bezug auf fremd-kulturelle Kontexte, als auch vor der Annahme vollkommener, wirtschaftlicher Rationalität im eigenen Kontext. In diese Richtung geht auch seine Beurteilung von auf den ersten Blick wirtschaftlich irrationalen Handlungen:

„That such behaviour is rational or instrumental is more readily seen, moreover, if we note that it aims not only at economic goals but also at sociability, approval, status and power.“ (ebd. 506).

Die erwähnten anderen Ziele zeigen, dass Granovetter nicht von Profitmaximierung als übergreifender Motivation zum Unternehmertum ausgeht.

Im Hinblick auf die Fragestellung interessant ist der von Granovetter propagierte positive Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken und dem für wirtschaftliche Interaktion notwendigem Vertrauen:

„The embeddedness argument stresses instead the role of concrete personal relations and structures (or 'networks') of such relations in generating trust and discouraging malfeasance.“ (Granovetter 1985: 490).

Einbettung wird als wirtschaftlicher Vorteil gesehen. Andererseits will Granovetter den Zusammenhang zwischen Netzwerken und Vertrauen auch nicht überbetonen, da diese nicht für Vertrauenswürdigkeit garantieren können (ebd. 491). Zusammenfassend kann man sagen, dass Granovetter die soziale Einbettung weder als eindeutig positiv, noch als negativ beurteilt, sondern vor allem als unvermeidlich.

3.2. Das „Traders' Dilemma“

Hans-Dieter Evers thematisiert ebenfalls die Einbettung in soziale Strukturen, betont aber vor allem deren negative Auswirkungen auf den ökonomischen Erfolg von Kleinunternehmern in Afrika, hier speziell von Händlern. Ihr Dilemma komme dadurch zustande, dass die „Bauerngesellschaften“, in denen sie leben, sich durch einen hohen Grad an Solidarität auszeichnen, also durch ein Wertesystem, das gegenseitige Hilfe und das Teilen von Ressourcen betone (Evers et al. 1991: 1). Es entstehe ein sozialer Druck auf den Wohlhabenderen, ihre schlechter gestellten Nachbarn zu unterstützen (ebd. 1). Diese „moralische Ökonomie“ führe dazu, dass es für Händler mitunter sehr schwierig sei, Schulden einzufordern oder Kredite zu verweigern (ebd. 2). Ihr Dilemma besteht darin, dass sie entweder Geld oder soziales Ansehen verlieren. Im Folgenden beschreibt Evers zwei soziale Handlungsstrategien, die verfolgt werden, um das „Traders' Dilemma“ zu vermeiden. Eine typische Lösung sei die soziale und kulturelle Differenzierung von Händlern und Bauern, durch die zwei separate moralische Gemeinschaften entstehen (Evers et al. 1991: 2). Erreichen ließe sich das z.B. durch das Annehmen einer neuen Religion, oder indem kulturelle Werte so verändert würden, dass sich eine neue ethnische Identität bilde (ebd. 2). In vielen Gesellschaften werde Handel von Minderheiten, meistens Migranten, organisiert, die durch aktive Diskriminierung ausgegrenzt würden. Evers stellt dazu die alternative Hypothese auf, dass die Minderheiten sich selbst kulturell distanzieren, um dem „Traders' Dilemma“ zu entgehen (ebd. 3). Kleinhändler, die auf einem so niedrigen Level operieren, dass sie nicht reich würden, entgingen ebenfalls oft den Anforderungen denn wo es keine nennenswerte Gewinnspanne gäbe, würden auch keine Anforderungen gestellt (ebd. 3; 6). Darin bestehe die zweite Handlungsstrategie, die am weitesten verbreitet sei (ebd. 6).

Als wesentliches Hindernis auf dem Weg zum wirtschaftlichen Erfolg von Kleinunternehmern sieht Evers folglich die Reziprozitätserwartungen ihrer sozialen Gemeinschaften, die er wiederum auf kulturelle Faktoren zurückführt. Die einzige Möglichkeit, dem beschriebenen Dilemma wirklich zu entgehen, ist es, sich aus diesen sozialen Strukturen zu lösen. Die zweite Option der geringen Gewinnspanne setzt den Verzicht auf wirtschaftliches Wachstum voraus und ist daher aus Evers' Perspektive eigentlich keine Lösung. Laut diesem Ansatz überwiegen eindeutig die Nachteile, die aus enger, sozialer Einbettung entstehen.

Das zugrundeliegende Arbeitspapier von Evers et al. beinhaltet auch einen Aufsatz von Rüdiger Korff, der sich kritisch mit dem „Traders' Dilemma“ auseinander setzt[7]. Darin gibt er zu bedenken, dass die Bauerngesellschaft oder das Dorf, das moralische Forderungen an den Händler stelle, nicht als Einheit betrachtet werden könne, weil ihre Mitglieder Teil unterschiedlicher sozialer Netzwerke seien (Evers et al. 1991: 11). Folglich basieren die moralischen Anforderungen nicht auf den sozialen Beziehungen der Bauerngesellschaft, sondern auf solchen wie Verwandtschaft und Freundschaft und das „Traders' Dilemma“ entstehe nur in Bezug auf jene Kunden, die zu diesen eingegrenzten, sozialen Beziehungen gehören (ebd. 11). Außerdem vernachlässige das Bild der Bauerngesellschaft die Integration der Händler in einen weiteren politischen und ökonomischen Rahmen, der ihnen ermögliche, miteinander in Verbindung zu treten (ebd. 11). Ebenso unzureichend werde bedacht, dass es von Vorteil für den Händler sein könne, in eine Bauerngesellschaft integriert zu sein und dadurch Güter billiger zu kaufen und Kunden zu haben: Das Dilemma könne in diesem Fall auch als Ressource gesehen werden (ebd. 14). Korff relativiert so das „Traders' Dilemma“ im Hinblick auf die negativen Aspekte von Reziprozitätserwartungen.

3.3. Der Einfluss des Staates

In ihrem 2010 erschienenen Werk reflektiert Kate Meagher ausführlich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Informalität im afrikanischen Kontext und richtet ihre eigene empirische Forschung in Nigeria auf die Frage aus, in wie weit Netzwerke zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Staates beitragen können. Laut Meagher gibt es in der gegenwärtigen Forschung über informelle Netzwerke in Afrika zwei gegensätzliche Perspektiven: Die „Netzwerk-Optimisten“ sähen diese als Sozialkapital und betonen die Rolle von Vertrauen, gemeinschaftlicher Solidarität und eingebetteten indigenen Institutionen der Reziprozität, des Kredites und der sozialen Sanktionen, die unzureichende staatliche Institutionen ersetzen könnten (Meagher 2010: 20). Für die „Netzwerk-Pessimisten“ hingegen seien Netzwerke von Klientelismus und armutsbedingtem Opportunismus durchdrungen und damit Hindernisse auf dem Weg zu wirtschaftlichem Erfolg und Entwicklung, oder sogar eine Gefahr für staatsbildende Prozesse (ebd. 21; 22). Diese gegensätzlichen Perspektiven verursachen eine Tendenz zu essentialistischen anstelle von differenzierten Betrachtungen (ebd. 23). Außerdem werde der politische und wirtschaftliche Kontext vernachlässigt, denn soziale Netzwerke würden entscheidend durch ihr Verhältnis zum Staat geprägt (ebd. 25). Zusammenfassend beschreibt Meagher ihren eigenen, theoretischen Ansatz: „ From this perspective, network success and network failure are as much about power and the state as they are about culture. “ (ebd. 26).

In ihrem Fazit widerlegt sie sowohl „Netzwerk-Optimisten“ als auch „Netzwerk-Pessimisten“. Die Hoffnungen der Ersteren, dass informelle, wirtschaftliche Netzwerke afrikanischen Gesellschaften dabei helfen würden, die Einschränkungen korrupter und ineffizienter Staaten zu überwinden, seien zerschmettert worden (Meagher 2010:165). Obwohl sie entscheidendes Sozialkapital generieren, seien Netzwerke nicht der viel zitierte „missing link“ in der wirtschaftlichen Entwicklung (ebd. 166). Die Überlegungen zum „missing link“ gehen zurück auf Grootaert, der in einem Arbeitspapier für die Weltbank feststellt:

„Significant and growing evidence exists that local associations and networks have a positive impact on local development and the well-being of households.“ (Grootaert 1998: 11).

[...]


[1] Granovetter 1985: 495

[2] Siehe zum Beispiel Kali 1999, der die These vertritt, dass soziale Netzwerke generell negativ auf die Marktwirtschaft von Entwicklungsländern wirken.

[3] Sequeira; Rasheed 2006: 361 und Harriss; De Renzio 1997: 921

[4] Darauf komme ich in Kapitel 3.3 zurück.

[5] Eingeschlossen sind natürlich auch Kleinunternehmerinnen. Ich verwende in dieser Arbeit aus Platzgründen und um den Textfluss nicht zu unterbrechen nur die maskuline Form. Außerdem beschäftigt sich die hier vorgestellte Literatur fast ausschließlich mit männlichen Unternehmern.

[6] Siehe zum Beispiel Davidsson et al. 2006: 47

[7] Korff: Some Critical Remarks on the Traders' Dilemma S. 10-13

Details

Seiten
41
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668150584
ISBN (Buch)
9783668150591
Dateigröße
856 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316140
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Lehrstuhl für Entwicklungssoziologie
Note
1,8
Schlagworte
Kleinunternehmer Afrika Migration Netzwerke Traders Dilemma strong ties weak ties embeddedness Familie Familienunternehmen ethnic informeller Sektor business

Autor

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Titel: Kleinunternehmer und ihre Einbettung in Netzwerke. Typisch afrikanische Strukturen?