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Frauen und ihre Rolle in der Mafia und der Antimafiabewegung

von Nadja Fiegle (Autor)

Facharbeit (Schule) 2016 27 Seiten

Didaktik - Italienisch

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Mafia – ein rein männliches Phänomen?

2. Frauen für die Mafia
2.1 Traditionelles Rollenbild
2.2 Bedeutungswandel der Frauenrolle
2.3 Komplizinnen
2.4 Patinnen
2.4.1 Maria Licciardi
2.4.2 Nunzia Graviano
2.4.3 Emanzipation in der Mafia?

3. Frauen gegen die Mafia
3.1 Die Leidenden
3.2 Die Kronzeuginnen
3.3 Die Kämpfenden

4. Ergebnisse der Recherchen und Schlussbemerkung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Die Mafia – ein rein männliches Phänomen?

„Zwielichte Männer in dunklen Anzügen, verrauchte Hinterzimmer, Geldkoffer und brutale Morde […]“ (Gillert, 2014)

Dieses Sinnbild der Mafia wird durch Hollywood imitiert und kultiviert. Unzählige Filme wie Francis Ford Coppolas „Der Pate“ aus dem Jahr 1972 verfestigen zusammen mit dem starken Einfluss der Medien in weiten Kreisen der Bevölkerung eine Vorstellung von der Mafia, die sie als rein männliches Phänomen darstellt. Dieser Gedanke ist prinzipiell nicht abwegig, da die Mafia „eine Geheimgesellschaft [ist], die per definitionem Frauen ausschließt“ (Siebert, 1997, S. 23). Nur Männer werden vorschriftsgemäß per Initiationsritus in die kriminelle Organisation aufgenommen. Der Aufnahmeritus ist allerdings lediglich eine traditionelle Zeremonie – eine Formalität, die dazu beitrug, die Gesellschaft glauben zu machen, Frauen seien nicht in die Mafia involviert und wüssten nicht über die Taten ihrer Männer Bescheid (vgl. Martellozzo, 2005).

Die Überzeugung von der unbewanderten Frau war und ist zum Teil sogar noch auf juristischer Ebene weit verbreitet. Die Beteiligung an oder Vertuschung von kriminellen Unternehmungen der Mafia durch Frauen wurde mehrheitlich von der italienischen Justiz ignoriert, verleugnet und als Unsinn abgetan. In den Augen der italienischen Richter galten Frauen als unfähig, autonom zu handeln, als zu einfältig, um an der komplexen mafiosen Geschäftswelt teilnehmen zu können. Mit diesem zweifelhaften Privileg ausgestattet, genossen sie nicht selten eine mildere strafrechtliche Behandlung – zahllose Gerichtsverfahren gegen Frauen endeten mit höchst fraglichen Freisprüchen (vgl. Longrigg, 2000, S. 15ff.).

Es überrascht daher nicht, dass das Image der unterwürfigen und passiven Frau immer wieder aufkommt und reproduziert wird, wenn selbst in gebildeten Milieus das Stereotyp der unbefleckten Frau vorherrscht (vgl. Casella, 2004, S. 7). Diese verklärte Illusion ist heutzutage allerdings längst widerlegt: Frauen steigen auf in der „ehrenwerten Gesellschaft“. Insbesondere in den Mafia-Organisationen, die ihre Strukturen aufgelockert haben, übernehmen Frauen zunehmend wichtige Aufgaben und teilweise sogar die Führung des Clans (vgl. Badde, 2012).

Warum aber konnten sich Frauen inmitten dieses rein virilen Bündnisses derart etablieren? Welche Aufgaben und Funktionen übernahmen Frauen infolge dieser Veränderung? Und wie sieht das Leben einer einflussreichen Frau an der Spitze eines Clans aus? Diese Fragen gilt es im ersten Teil der vorliegenden Arbeit unter der Prämisse „Frauen für die Mafia“ zu klären. Der zweite Teil widmet sich der diametral entgegengesetzten Seite – den Frauen gegen die Mafia. Um den Paradigmenwechsel innerhalb der Syndikate genauer beleuchten zu können, soll zuerst das traditionelle Rollenbild der Mafia erläutert werden.

2. Frauen für die Mafia

2.1 Traditionelles Rollenbild

Die sozialen Rollen von Mann und Frau in der Mafia richten sich traditionell nach einem exakt definierten Ehrenkodex. Da die Frau diesem ungeschriebenen Gesetz zufolge als „physisch und moralisch schwach“ (Casella, 2004, S. 71) gilt, hat das starke Geschlecht, der Mann, die Kontrolle über die Frau zu übernehmen. Diese Norm legitimiert und verstärkt die virile Autorität und die Überzeugung von der weiblichen Minderwertigkeit. Die Beziehung zwischen Mann und Frau gleicht insofern einem Besitzverhältnis: Die Familie und die Frau werden „als Gut betrachtet, als Eigentum, das es vor (…) Anderen zu verteidigen gilt“ (Casella, 2004, S. 55). Kontrolle und Verteidigung sind allerdings nur möglich, wenn der Handlungsbereich der Frau streng auf die häusliche Umgebung beschränkt ist, da weibliche Ehre und Tugend im außerhäuslichen Milieu ständig in Gefahr sind. Weil eine eigene Erwerbstätigkeit der Frau unter diesen Umständen unweigerlich ausgeschlossen ist, begreift sich der Mann als Ernährer – er übernimmt die alleinige Verantwortung für die ökonomische Sicherung seiner Familie. Der Aktionsradius eines Mannes erstreckt sich dementsprechend im Gegensatz zu dem einer Frau über die öffentliche Sphäre (Casella, 2004, S. 46ff.).

Trotz verschiedener Handlungsbereiche sind beide Rollen, weibliche und männliche, korrelativ und zielen auf die Integrität des Rufes und die Bewahrung der Ehre ab. Die Direktiven zur Aufrechterhaltung der Ehre sind wiederum geschlechtsspezifisch – der Ehrenkodex unterscheidet zwischen einer weiblichen und einer männlichen Ehre (vgl. Casella, 2004, S.71ff.). Während der Mann „in der öffentlichen Sphäre den Normen seiner sozialen Rolle folgen [muss]“ (Casella, 2004, S. 47) und das Prestige der Familie zu verteidigen hat, gilt es für die Frau, sich durch gesittetes Verhalten einen kontinuierlich guten Ruf im Sozialleben der Mafiafamilien zu erarbeiten (vgl. Casella, 2004, S. 59). Denn die Reputation und die Ehre der Familie beruhen trotz der Mafia als rein maskulines Bündnis auf dem Habitus der Frau, auf der „weiblichen Reinheit“ (Di Bella, in: Siebert, 1997, S. 52). Eine ehrbare Frau kennzeichnet sich durch Verhaltensweisen wie „Diskretion, ein unauffälliges Auftreten und Bescheidenheit“ (Casella, 2004, S. 84) aus. Ehrloses Verhalten der Frau – etwa eine Liaison mit einem anderen Mann sowie Scheidungen – sind Ehrverletzungen und verringern das Machtpotenzial eines Ehrenmannes (vgl. Casella, 2004, S. 69ff.). Gesittetes Verhalten der Frau dagegen trägt dazu bei, das Prestige eines Mafioso aufrechtzuerhalten und sein Ansehen in der Cosca [1] zu erhöhen (vgl. Siebert, 1997, S. 53).

Eine Frau selbst erlangt Anerkennung und Respekt erst durch die Geburt eines Kindes, denn: „ L’unica donna veramente importante per un mafioso é e deve essere la madre dei suoi figli, le altre sono tutte puttane “ (Siebert, in: Casella, 2004, S. 83). Die Wichtigkeit der Mutter resultiert aus ihrer Funktion als Erzieherin. Sie gewährleistet die Kontinuität der Mafia, indem sie die sozialen Institutionen omertà, vergogna und vendetta [2] vermittelt und die traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau an den Nachwuchs weitergibt (vgl. Badde, 2012). Ihren Sohn zu einem Mafioso auszubilden und nach dem Prinzip der Phallokratie zu formen, bedeutet für die Mutter, ihm tagtäglich Macht über sie einzuräumen und ihm dadurch die Diskreditierung des Weiblichen zu vermitteln (vgl. Siebert, 1997, S. 80). Die Sozialisation erfolgt „im Einklang mit dem väterliche Modell“ (Casella, 2004, S. 88). Die Töchter als ehrbare Mafia-Frauen zu erziehen, bedeutet, sie auf ihre spätere Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau vorzubereiten (vgl. Casella, 2004, S. 48).

Summa summarum lassen sich die traditionellen Normvorschriften der Mafia praktisch mit den Verhaltensmaßregeln des 19. Jahrhunderts (vgl. Gillert, 2014) vergleichen: Der Mann als starkes Geschlecht muss seine Familie verteidigen und deren Überleben gewährleisten. Die Frau als Besitztum des Mannes hat sich zu unterwerfen und sittsam zu verhalten. Ihr einziger Lebensraum ist das Haus und ihre einzige Lebensaufgabe die Erziehung der Kinder.

2.2 Bedeutungswandel der Frauenrolle

Dieses Bild einer patriarchalischen und konventionellen Mafia, in der Frauen grundsätzlich passive Rollen spielen, ist heutzutage – wie bereits erwähnt – nicht mehr zeitgemäß (vgl. Badde, 2012). Die Mafia ist weitaus anpassungsfähiger und weniger rückständig. Veränderungen innerhalb der Organisation sowie von außen erforderten mit der Zeit neue Strategien, die eine Beteiligung von Frauen begünstigten oder sogar erforderten.

Zunächst stieg die Mafia in den 1960er- und 70er-Jahren vermehrt in den internationalen Drogenhandel ein (vgl. Casella, 2004, S. 37). Die Organisation war in diesem Milieu bald derart erfolgreich, dass sie expandieren konnte. Das erforderte mehr Arbeitskräfte, sodass zwangsläufig auch Frauen in Aktion traten. Da sie – aufgrund der geschlechtsspezifischen Stereotype in Italien und der mangelnden Präsenz weiblicher Grenzbeamter für eine Leibesvisitation – kaum einer Kontrolle unterzogen wurden, konnten sie nahezu unbehelligt Rauschgift über die Staatsgrenzen schmuggeln und erwiesen sich daher als ideale Drogenkuriere (vgl. Longrigg, S. 18). Als Nächstes etablierte sich die Mafia im Investmentgeschäft, um das enorme, durch Rauschgifthandel angehäufte Kapital zu waschen. Auch in diesem Milieu kamen Frauen innerhalb kürzester Zeit zum Einsatz. Gedeckt durch die italienische Rechtsprechung, die sie als nicht schuldfähig betrachtete (vgl. Siebert, 1997, S. 214), agierten sie weitaus unauffälliger als ihre Männer und erwiesen sich somit auch bei der Abwicklung der Finanztransaktionen als ideale Arbeitskräfte (vgl. Longrigg, 2000, S. 18).

Die Partizipation von Frauen in der Mafia wurde allerdings nicht nur durch die neuen Geschäftsfelder und den damit einhergehenden Arbeitskräftemangel begünstigt, sondern insbesondere durch das in den letzten Jahren vermehrt auftretende Phänomen des pentitismo [3] . Mit dem im Januar 1991 verabschiedeten legge dei pentiti [4] bot die Justiz den Mafiosi erstmals eine verlockende Alternative. Viele Geheimnisse der organisierten Kriminalität wurden aufgedeckt, weshalb die Mafia „ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärfen [musste] und dabei wurde der ausschließlich für Männer geltende Initiationsritus – das einzige formelle Hindernis für die Aufnahme von Frauen – fast aufgegeben.“ (Longrigg, 2000, S. 18) In der Folge konnten Frauen zunehmend aktiv werden. Dies lässt sich anhand des Berichts der parlamentarischen Untersuchungskommission über Organisiertes Verbrechen aus dem Jahr 1996 belegen: „(…) 1990 just one woman had been indicted in Italy for Mafia association; by 1995 this figure had increased to 89.“ (Martellozzo, 2005)

Eine weitere wichtige Ursache für den Aufstieg von Frauen bildet die Tatsache, dass in Italien erst 1982 ein entsprechendes Gesetz – das Rognoni-La-Torre-Gesetz – verabschiedet wurde, welches die Mafia als eine kriminelle Organisation definierte und damit der Justiz erst die Möglichkeit eröffnete, die Mafia als System – in dem eben auch Frauen ihre Hände im Spiel hatten – zu verfolgen (vgl. Longrigg, 2000, S. 19).

Nach den Attentaten von 1992[5] wurden sämtliche Antimafia-Gesetze verschärft und in der Folge entsprechend massiv nach Mafia-Mitgliedern gefahndet (vgl. O. A., 2009). Das trug zu einer radikalen Veränderung der weiblichen Rolle innerhalb der Mafiastruktur bei. Denn als die Zahl der Verhaftungen zunahm und auf diese Weise viele männliche Anhänger und Führungskräfte untertauchten oder in Haft kamen, mussten Frauen zwangsläufig einspringen und wichtige Aufgaben übernehmen (vgl. Hausen, 2012). Sie entwickelten sich zum unverzichtbaren Sozius für inhaftierte oder untergetauchte Mafiosi – zu essenziellen Handlangerinnen, Helferinnen und Komplizinnen.

2.3 Komplizinnen

Eine primäre Funktion der Komplizinnen bestand darin, als „Scharnier zwischen der legalen Welt und den Männern, die in der illegalen Welt agierten – sei es im Untergrund oder im Gefängnis“ (Mattioli, 2010) zu wirken. Damit ein Mafia-Boss aus der Haftanstalt oder dem Untergrund heraus delegieren konnte und seine Kommunikationskette weiterhin reibungslos funktionierte, wurde seine unauffällige und unbehelligt agierende Frau zur persönlichen Botschafterin: Sie übernahm die Verantwortung, regelmäßig sogenannte pizzini [6] ins Gefängnis bzw. in das Versteck ihres Mannes zu bringen und seine Nachrichten an die Adressaten in der Außenwelt zu verteilen.[7] Carmela Luculano erinnert sich:

Einmal hat er mir Kipferl für die Kinder gegeben, darin waren Botschaften versteckt, die ich weitergeben musste. Ein anderes Mal gab er mir Schokoladentafeln – offiziell wieder für die Mädchen ‒, darin waren pizzini für Bernardo Provenzano enthalten (Schwabender-Hain, 2013, S. 69).

Parallel zu dieser Rolle übernahmen Frauen die Funktion der Beschützerin und Verteidigerin vor der Justiz – als „Vehikel für ein Bild von Normalität, das Zustimmung im Umfeld der Mafia herstellt.“ (Dino, 2013) Bei Gerichtsverhandlungen schlüpften sie in die Rolle der harmlosen und besorgten Mutter in der Hoffnung, Sympathien zu wecken, die Öffentlichkeit und die Richter von sich zu überzeugen und so die Urteile abzumildern. Als Carmela Minniti – Ehefrau von Nitto Santapaola ‒ zusehen musste, wie ihre beiden Söhne verhaftet wurden, richtete sie nach der Gerichtsverhandlung unter Tränen einen Appell an die Kameras: „Es sind nur zwei Kinder, die nichts mit den Geschäften ihres Vaters zu tun haben (…) und ich kann Ihnen versichern, dass es nur zwei unschuldige Kinder sind“ (Rizzo, in: Longrigg, 2000, S. 141). An der Reaktion der Journalisten ist abzulesen, wie effizient diese Strategie war: Sie definierten Carmela als „würdevoll und elegant, eine Mutter, die aus Liebe zu ihren Kindern Tränen vergoss.“ (Rizzo, in: Longrigg, 2000, S. 141)

Die Rolle der Beschützerin nahmen Frauen allerdings nicht nur vor der Justiz ein. Als Schatzmeisterinnen hatten sie während der Abwesenheit ihrer Männer auch das milliardenschwere Kapital zu schützen. Das wiederum bedeutete nicht nur, die Geldmittel zu verwalten, sondern auch auf eine genaue Verteilung sowie als Schuldeneintreiberin auf den Fortbestand der Erpressungen zu achten. Beispielhaft ist der Fall Giuseppa Condello. Während ihr Mann Antonio Imerti ‒ der Boss des kleinen kalabrischen Städtchens Villa San Giovanni ‒ im Bergland versteckt lebte, übernahm sie die Buchhaltung und vermerkte detailliert, von wem und insbesondere wie viel Schutzgeld bezahlt wurde. Bei täglichen Telefongesprächen musste sie diese Fakten Punkt für Punkt an Antonio weitergeben, der ihr im Gegenzug genau erklärte, wie sie das Geld aufzuteilen hatte. Die Erpressungen führte Giuseppa mithilfe ihrer Schwester fort: Sobald sich ein neues Unternehmen im Bezirk ansiedelte, kontaktierten sie den Inhaber, drohten ihm und zwangen ihn zur Schutzgeldzahlung (vgl. Longrigg, 2000, S. 90ff.).

Neben den genannten Rollen und Funktionen müssen sich Frauen aber nolens volens auch um alle anderen Angelegenheiten kümmern: von Haushaltsaufgaben bis zu einem guten Anwalt. Darüber hinaus müssen sie die alten Kameraden ihrer Männer im Auge behalten (vgl. Longrigg, 2000, S. 265) und Reski zufolge vom Mann diktierte Morde in Auftrag geben.[8] Die Situation dieser Frauen gleicht folglich mehr oder weniger den Umständen, in denen sich eine Sekretärin befindet, deren Chef im Krankenhaus liegt (vgl. Longrigg, 2000, S. 91).

An dieser Stelle sei allerdings erwähnt, dass die Rolle als Sekretärin bzw. Komplizin eines inhaftierten Mafioso nicht nur mit vielen Aufgaben und Funktionen, sondern auch mit sozialen sowie materiellen Vorteilen verbunden ist: Jede Frau bekommt die sogenannte mesata [9] zugeschickt, sobald ihr Angetrauter im Gefängnis landet (vgl. Saviano, 2007, S. 167). Ihre Beteiligung an kriminellen Unternehmungen der Organisation steigert außerdem ihr soziales Prestige und ihren Status im mafiosen Clan (vgl. Christian, 2008).

2.4 Patinnen

In den 1990er-Jahren[10] schienen einige Frauen ihren „Statusgewinn“ (Casella, 2004, S. 109) und ihre Stellung während der Abwesenheit ihres Mannes derart gefestigt und ausgebaut zu haben, dass sie sich von Komplizinnen und Delegierten zu echten Mafia-Bossen entwickeln konnten – zu Autoritäten, die nicht außerhalb der Befehls- und Entscheidungsebene stehen, sondern selbstständig die Initiative ergreifen. Immer wieder tauchten Frauen seitdem als Patinnen in den Schlagzeilen auf (vgl. Niethammer, 2014). Das Phänomen eines weiblichen Bosses scheint heutzutage auch in der Mafia längst keine Ausnahme mehr zu sein.

„Weibliche Karrieren“ verlaufen im mafiosen Ambiente aber von Organisation zu Organisation unterschiedlich. Während sich die Rolle der Frauen in der archaischen Cosa Nostra, deren Strukturen weiterhin streng hierarchisch sind, auf „Propaganda für die Organisation“ (Longrigg, 2000, S. 11) beschränkt, spielen die Frauen der 'Ndrangheta bereits zentrale Rollen – „akzentuiert durch den Umstand, dass die Organisationsstruktur grundsätzlich auf verwandtschaftlichen Beziehungen basiert.“ (Dino, 2013) Die „Vorreiterrollen“ (Dino, 2013) haben die Frauen der Camorra inne, was auf die größere Flexibilität in puncto Ehrenkodex und die weit weniger starren Prinzipien innerhalb der Organisation zurückzuführen ist (vgl. Casella, 2004, S. 104ff.). Nicht selten lassen sich daher Fälle beobachten, in denen Frauen der Camorra wichtige Aufgaben und führende Positionen „mit (…) Befehlsverantwortung (…)“ (Dino, 2013) in den Clans übernehmen.

2.4.1 Maria Licciardi

Der Lebensweg von Maria Licciardi ist exemplarisch für den Aufstieg einer Frau innerhalb der Camorra. Es handelt sich um eine bereits im Milieu der Camorra aufgewachsene Frau, die nicht nur die Karriereleiter in der Organisation aufstieg, sondern zu einer echten Patin, zu einem „Camorra-Boss mit Verbindungen rund um den Globus“ (Schwabender-Hain, 2014, S. 144) aufrückte. Ursprünglich stammt sie aus einem von der Camorra durchdrungenen Problemviertel, in dem ihr Bruder Gennaro Licciardi zum Oberhaupt der Alleanza di Secondigliano[11] avancierte. Als er im Jahr 1994 starb, überließ er Maria die Führung seines Clans – anfangs keine einfache Angelegenheit für sie, denn: „ she (…) had to prove her qualities to the other bosses and more importantly her soldiers (…) “ (Amoruso, 2001). Innerhalb kürzester Zeit hatte sie ihre Führungsqualitäten jedoch bewiesen: Der Clan konnte sich lukrativ am Rauschgifthandel Neapels bereichern und war überdies in unterschiedlichsten Bereichen aktiv. Maria beschränkte sich beileibe nicht auf Drogen und Schutzgelderpressung – die üblichen „Mafia-Domänen“ (Schwabender-Hain, 2013, S. 148) – sondern entdeckte neue Möglichkeiten, Geschäfte zu machen: Markenpiraterie, Mülltransport und Waffenhandel.

Diese Tendenz zur Diversifizierung ist Marias erstklassigen Kompetenzen in der globalen Ökonomie zuzuschreiben. Sie beobachtete den internationalen Markt mit Argusaugen und verstand es, geopolitische Prozesse für den eigenen Vorteil zu nutzen. Mit dem Mauerfall in Berlin und dem späteren Zerfall der Sowjetunion beispielsweise ergab sich der ideale Zeitpunkt, die „neuen Märkte der postkommunistischen Staaten für sich [zu] erobern.“ (Schwabender-Hain, 2013, S. 149) Maria ließ unverzüglich die Länder des ehemaligen Ostblocks – insbesondere die neuen Bundesländer des vereinten Deutschland – sondieren und brachte die Geschäfte ins Rollen: von Drogenhandel über Bauwesen bis hin zu Giftmülltransport. Als sich in den 1990er-Jahren die Produktion und Qualität von gefälschter Markenkleidung in Kampanien verbesserte, stieg Maria unvermittelt in den Handel mit Falschware ein. Der Erfolg übertraf jegliche Vorstellungen: Das Geschäft der Produktpiraterie brachte ein Milliardenvermögen ein und der Clan konnte innerhalb kürzester Zeit expandieren. Die Alleanza eroberte nahezu jeden Kontinent: neben Deutschland, Frankreich und Spanien auch Erdteile wie Argentinien, Kuba oder sogar Südafrika (vgl. Schwabender-Hain, 2014, S. 150ff.). Maria wurde in diesen Jahren des Erfolgs und des Ruhms der Alleanza als „Mutter der Camorra“, als eine „Königin“ (Schwabender-Hain, 2014, S. 152) in ihrem Milieu angesehen.

Nachdem die Patin einer Verhaftung entkommen konnte und mehrere Jahre im Untergrund gelebt hatte, wurde sie 2001 schließlich festgenommen. Das Urteil lautete zehn Jahre Haft und totale Isolation im Gefängnis, womit Licciardis Geschäfte ein jähes Ende nahmen und ihr Clan weitestgehend besiegt war. Heute ist Maria Licciardi wieder auf freiem Fuß und „(…) [das] letzte Kapitel des Clans ist noch nicht geschrieben.“ (Schwabender-Hain, 2014, S. 169)

2.4.2 Nunzia Graviano

Der Fall Nunzia Graviano ist außergewöhnlich, denn es handelt sich um eine Patin, die nicht nur entgegen den archaischen Normen der Cosa Nostra zur Clan-Chefin aufstieg, sondern –atypisch für eine Mafia-Frau – ihre eigene Vorstellung einer „zeitgemäßen Mafia“ (Schwabender-Hain, 2013, S. 46) entwickelte. Nachdem sie die Führung des Clans übernahm, da ihre Brüder inhaftiert wurden, begann sie „internationale(n) Geschäftsmodelle(n)“ (Schwabender-Hain, 1997, S. 46) zu entwerfen und verlegte innerhalb kürzester Zeit die logistische Zentrale des Clans ins Ausland, um von dort aus die Geschäfte der Familie abzuwickeln. Mit diesem Schritt stand die Patin im starken Widerspruch zum traditionellen Bild einer „passiven First Lady der Mafia“ (Schwabender-Hain, 2013, S. 47). Die unwissende und brave Ehefrau zu mimen, war Nunzias Sache nicht. Sie nahm an allen wichtigen Entscheidungen des Clans teil, hielt kontinuierlich Kontakt mit ihren Brüdern im Gefängnis und kümmerte sich um die mesata für die Familien von Inhaftierten. Sie war Ansprechpartnerin für andere Mafia-Clans, wenn es darum ging, belangvollere Entscheidungen zu treffen und arbeitete Hand in Hand mit ihrem Anwalt und Steuerberater. Dank ihren Kompetenzen erlitten die wirtschaftlichen Geschäfte der Familie keinen Zusammenbruch – im Gegenteil: Allein durch Vermietungen von Appartements und Büros in Brancaccio soll Nunzia im Jahr 2012 monatlich 66.000 Euro eingenommen haben (vgl. Schwabender-Hain, 1997, S. 47).

Nach 1993 folgten hingegen schwierige Zeiten für den Graviano-Clan und seine Clan-Chefin, da der Staat entschiedener gegen die Mafia vorging und die Zahl Inhaftierter stieg. Dies stellte Nunzia vor neue Herausforderungen: Als Boss hatte sie die Pflicht, für den Lebensunterhalt von Clanmitgliedern und deren Familien aufzukommen – eine schwere Finanzbelastung. Um die Versorgung zu gewährleisten, stieg sie vermehrt ins illegale Glücksspiel ein. Das große Geld machte die „Finanzexpertin des Clans“ (Schwabender-Hain, 1997, S. 38) aber insbesondere an der Börse mit Aktien und Portfolios. Dabei war sie als eine, wie die Richter feststellten, intelligente Frau, stets darauf bedacht, jegliche Risiken so gering wie möglich zu halten: Mit ihrem Anwalt sprach sie ausschließlich über öffentliche Telefonstellen, ihr Mobiltelefon verwendete die Patin stark reglementiert und auf nur wenige Gesprächsthemen beschränkt. Darüber hinaus gedachte sie sich vom Wissen anderer unabhängiger zu machen. Sie lernte Französisch, studierte die „Feinheiten des Internets“ (Schwabender-Hain, 1997, S. 49) und informierte sich tagtäglich über die aktuellen Aktien- und Börsenkurse, frei nach dem Motto „Wissen ist Macht“. 1999 wurde Nunzia das erste Mal verhaftet, 2013 folgte eine erneute Verurteilung – zur Tarnung ihrer Geldgeschäfte hatte sie offiziell eine Bar in Rom geführt. In Wirklichkeit wurde weiterhin Drogengeld gewaschen und verwaltet (vgl. O. A., 2011). Heute sind Nunzia und ihre Brüder in Haft. „Das Kapitel der Familie ist aber weiterhin offen und Teil der jüngsten Kriminalgeschichte Italiens“, schreibt Schwabender-Hain (2013, S. 50).

2.4.3 Emanzipation in der Mafia?

„Selbstständig, unabhängig, intelligent und emanzipiert“ (Schwabender-Hain, 2013, S. 49), so wurde Nunzia charakterisiert. Diese Beschreibung ist bei Lichte betrachtet allerdings mehr verklärtes Wunschbild als Realität, denn nachdem Nunzias neuer Geliebter von ihren Brüdern nicht akzeptiert wurde, musste sie – von ihrer Familie unter Druck gesetzt – das Liebesverhältnis aufgeben. Trotz ihrer Karriere hatte sie sich den konventionellen, mafiosen Normvorschriften zu beugen (vgl. Schwabender-Hain, 2013, S. 50). Diese Restriktion findet sich Ingrascis Schilderungen zufolge nicht nur auf der Gefühlsebene. Frauen sind auch auf geschäftlicher Ebene eingeschränkt: Sobald ein Boss wieder ein freier Mann ist, muss seine Frau auf ihre Vorrangstellung verzichten. Es handelt sich demgemäß lediglich um eine weibliche Interimsregierung: Frauen sind „nur Platzhalter der Männer“ (Mattioli, 2010). Insofern resümiert Ingrasci, man könne „im Inneren der Mafia nicht von Gleichstellung sprechen, es [handele sich um einen] (…) Prozess der Pseudo-Emanzipation.“ (Mattioli, 2010)[12]

[...]


[1] Cosca bezeichnet die Familien, aus denen sich die Mafia aufbaut. Der Begriff leitet sich von dem sizilianischen Wort für Artischocke her. Sie steht als Symbol für Zusammenhalt (vgl. Stuff, 2006).

[2] Omertà bezeichnet die Schweigepflicht der Mitglieder der Mafia (vgl. Dickie, 2015, S. 17ff.). Vergogna kann man mit Schamangst übersetzen. Diese Furcht vor gesellschaftlicher Schande erzeugt ständige Angst und unterliegt nicht mehr der bewussten Kontrolle – ein wirkungsvolles Mittel, um das Funktionieren des mafiosen Ehrenkodex zu gewährleisten (vgl. Siebert, 1997, S. 52ff.). Vendetta, die sogenannte Blutrache, dient der Wiederherstellung der Ehre im Falle einer Ehrschande und wird von den Frauen mit Trauerklagen aufgerufen (vgl. Casella, 2004, S. 92).

[3] pentitismo bezeichnet die Gruppe von Mafiosi, die sich zur Kollaboration mit der Justiz entschieden haben (vgl. Longrigg, 2000, S. 18).

[4] Das sogenannte legge dei pentiti, auf Deutsch „Gesetz über die Reuigen“ bot den pentiti, die mit der Justiz kollaborierten sowie ihren Familien Schutz, monatliches Einkommen, eine Wohnung und später sogar Arbeitsplätze (vgl. Longrigg, 2000, S. 18).

[5] Am 23. Mai 1992 kam der Antimafia-Richter Giovanni Falcone auf der Autobahn von Capaci in einem von der Mafia intendierten Bombenanschlag ums Leben. Am 19. Juli 1992 wurde der italienische Richter und ebenfalls Antimafia-Kämpfer Paolo Borsellino in Palermo ermordet (vgl. Reski, 2012).

[6] pizzini ist die italienische Bezeichnung für kleine, mit verklausulierten Nachrichten beschriftete Zettel, die inhaftierte oder untergetauchte Mafia-Bosse nutzen, um ihren Anhängern in der Außenwelt heimlich Botschaften zukommen zu lassen. Diese Zettelkommunikation ermöglichte es den Paten, die moderne Abhörtechnik der Ermittler zu umgehen (vgl. Ulrich, 2010).

[7] Hierbei sei erwähnt, dass Frauen auch heute noch – trotz diverser Gegenmaßnahmen vonseiten der Haftanstalten – Botschaften übermitteln. Reski zufolge genügen Andeutungen oder verschlüsselte Sätze wie „Ist Pietro noch da?“ und der andere weiß, was damit gemeint ist (siehe Interview Petra Reski im Anhang, S. 20).

[8] Siehe Interview Petra Reski im Anhang, S. 20.

[9] Die mesata bezeichnet die monatliche Geldzahlung, welche die Clans den Familien ihrer inhaftierten Mitglieder schicken (vgl. Saviano, 2011, S. 151).

[10] Die Angabe dieses Zeitraums resultiert aus meiner eingehenden Literaturrecherche.

[11] Die Alleanza di Secondigliano wurde zwischen den späten 80er-Jahren und den frühen 90er-Jahren in Neapel gegründet. Es handelt sich um ein Bündnis zwischen dem Clan Mallardo der Giugliano-Familie, dem Licciardi-Clan und dem Clan Contini aus Ferrovia (vgl. O. A., 2015).

[12] Der Originaltext der Autorin auf Italienisch: <http://storicamente.org/ingrasci> [Stand: 07.11.2015].

Details

Seiten
27
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668153684
ISBN (Buch)
9783668153691
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316084
Institution / Hochschule
Bodensee-Gymnasium Lindau
Note
15
Schlagworte
Mafia Frauen Antimafiabewegung

Autor

  • Nadja Fiegle (Autor)

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Titel: Frauen und ihre Rolle in der Mafia und der Antimafiabewegung