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Interkulturelle Kompetenzen in der beruflichen Bildung. Eine Notwendigkeit in einer globalen Welt?

Masterarbeit 2014 71 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Interkulturelle Kompetenz
2.1 Definition von Kultur
2.2 Definition interkulturelle Kompetenz
2.3 Dimensionen interkultureller Kompetenz
2.4 Interkulturelle Kompetenz als Transferfähigkeit allgemeiner Handlungs- kompetenzen

3 Globalisierung als Referenz für interkulturelle Kompetenz
3.1 Chancen und Herausforderungen durch die Globalisierung für Unternehmen
3.2 Veränderte Anforderungen an Mitarbeiter
3.3 Relevanz von Interkultureller Kompetenz in Unternehmen
3.4 Schulungsmaßnahmen der Unternehmen

4 Bedeutung des Erwerbs interkultureller Kompetenz in der kaufmännischen Berufsausbildung am Beispiel der Ausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung
4.1 Allgemeine Bedeutung in der kaufmännischen Berufsausbildung
4.2 Curriculare Einbindung am Beispiel der Ausbildung zum/zur Kaufmann/frau für Spedition du Logistikdienstleistung

5 Möglichkeiten und Grenzen einer Ausweitung
5.1 Instrumente zur Sichtbarmachung interkultureller Kompetenz
5.1.1 Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen (GER)
5.1.2 Europäischer Qualifikationsrahmen (EQR)
5.1.3 Europäisches Leistungspunktesystem für die Berufsbildung (ECVET)
5.2 Lernen im Ausland
5.3 Zusatzqualifikationsmodul Interkulturelle Kompetenz im Beruf

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Etymologie des Kulturbegriffs

Abbildung 2: Sprachbasiertes Organisationsmodell interkultureller Kommunikation

Abbildung 3: Interkulturelle Kompetenz als Transferfähigkeit allgemeiner Handlungs- kompetenzen

Abbildung 4: Internationalisierungszwänge und -anreize

Abbildung 5: Bereiche interkultureller Trainings

Abbildung 6: Niveaustufen im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen

Abbildung 7: Anforderungen und Instrumente der Qualitätssicherung

1 Einleitung

ÄMit Ihnen arbeiten wir gerne zusammen. Sie interessieren sich ja richtig für die Dinge, die wir hier machen, und auch für unser Land. Die meisten anderen Europäer kommen hier immer nur her und wollen nichts anderes als ihr Geschäft durchziehen, sind arrogant und dann schnellstmöglich wieder weg.“1

Dieser Ausspruch eines Mühlenbesitzers aus Malawi zu einem jungen Vertreter für Mehlzusatzstoffe eines Unternehmens nahe Hamburg zeigt zweierlei. Zum einen pflegen deutsche Firmen augenscheinlich bis ins südlichste Afrika geschäftliche Kontakte und zum anderen sind bei solchen Auslandsgeschäften offensichtlich nicht nur das Produkt und dessen Qualität wichtig. Die Bemerkung macht deutlich, dass die Globalisierung es ermöglicht, auch in sehr weit entfernte Regionen seine Waren zu verkaufen aber es auch durchaus von Vorteil ist sich kulturell in diesen Gegenden auszukennen und ein generelles Verständnis für interkulturelle Belange zu haben.

Der Umstand, dass Ädie internationale Ausrichtung der deutschen Unternehmen […] längst Unternehmensalltag [ist und] […] bei mehr als 60 Prozent der Unternehmen […] der Auslandsumsatz mehr als 20 Prozent des Gesamtumsatzes [erreicht]“2, zeigt, dass interkulturelle Kompetenz3 in der Zukunft eine immer wichtigere Fähigkeit darstellt. Wahrscheinlich macht es daher Sinn die genannte Kompetenz bereits während der Berufsausbildung zu erlangen. Dies wirft allerdings die Frage auf, wie und ob eine solche Kompetenz trainierbar ist und ob ein eventuelles Training von Mitarbeitern4 von Unternhemen erwünscht ist. Gerade für international und global operierende Unternehmen könnte es aber interessant sein, denn interkulturellen Kontakt gibt es nicht nur in einer Mühle im fernen Afrika. Das mögliche Training interkultureller Kompetenz soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, genauso wie die Frage, ob der Erwerb interkultureller Kompetenz eine Notwendigkeit in einer globalen Welt darstellt.

Ein besonderer Fokus soll dabei auf die kaufmännische Berufsausbildung gelegt werden.

Gerade in dieser spielen internationale Geschäftsbeziehungen oft eine große Rolle, sodass eine Annahme in dieser Arbeit ist, dass angehende Kaufleute in ihrem späteren Beruf über die Fähigkeit der interkulturellen Interaktion verfügen sollten. Aus diesem Grund soll auch die Frage beantwortet werden, ob diese Notwendigkeit in der beruflichen Bildung schon erkannt worden, ob eine Implementierung des Erwerbs interkultureller Kompetenz im Curriculum möglich und ob eine solche überhaupt gewollt ist.

Um diese Fragen zu klären ist die vorliegende Arbeit so aufgebaut, dass im ersten Teil zunächst definiert wird, was den Begriff Kultur ausmacht. Dies macht es möglich auch interkulturelle Kompetenz begrifflich einzuordnen. Anschließend daran werden dann verschiedene Dimensionen interkultureller Kompetenz aufgezeigt und ein Bezug zu allgemeiner Handlungskompetenz hergestellt. Im zweiten Teil soll der Blick dann auf die Globalisierung als Referenz interkultureller Kompetenz gerichtet werden. Hierfür wird untersucht werden, welchen Chancen und Herausforderungen Unternehmen durch die Globalisierung ausgesetzt sind und welche Auswirkungen dies auf die Anforderungen auf die Mitarbeiter hat. Außerdem soll herausgearbeitet werden, welche Relevanz interkulturelle Kompetenz in Unternehmen hat und ob es Schulungsmaßnahmen der Firmen gibt, um genannte Kompetenz bei den Mitarbeitern zu fördern, beziehungsweise wie solche Maßnahmen zurzeit aussehen. Ausgehend von diesen Voruntersuchungen soll im dritten Teil analysiert werden, welche Bedeutung dem Erwerb interkultureller Kompetenz in der kaufmännischen Berufsausbildung zurzeit zukommt. Hierzu wird zunächst ein Blick auf die allgemeine Bedeutung des Erwerbs geworfen, um dann exemplarisch am Ausbildungsgang zum Kaufmann/Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung zu analysieren, inwiefern interkulturelle Kompetenz curricular im Ausbildungsberuf verankert ist. Im vierten Teil soll dann eine Analyse erfolgen, inwiefern das Curriculum es zukünftig zulässt interkulturelle Kompetenz weiter im Ausbildungsgang Kaufmann/Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung zu verankern. Hierzu werden zunächst drei Instrumente vorgestellt, die es ermöglichen könnten, interkulturelle Kompetenz zu messen beziehungsweise den Grad der Ausprägung zu beschreiben. Anschließend soll dann anhand zweier Beispiele erläutert werden, wie interkulturelle Kompetenz im untersuchten Ausbildungsgang besser gefördert werden könnte. Hierfür wird zum einen gezeigt, wie ein Auslandsaufenthalt während der Ausbildungszeit dazu beitragen könnte, aber auch, dass es Konzepte zur Implementierung im normalen Berufsschulalltag gibt. Im letzten Teil soll dann in einer Schlussbetrachtung ein Resümee gezogen werden.

2 Interkulturelle Kompetenz

2.1 Definition von Kultur

Kultur ist ein sehr weitgefasster Begriff, dessen präzise Definition äußerst schwierig erscheint. Um in Kapitel 2.2 auch den Begriff der interkulturellen Kompetenz besser definieren zu können und eine Diskussionsbasis für die folgenden Kapitel zu schaffen, bedarf es daher einer genaueren Betrachtung, was Kultur ausmacht und wie der Begriff eingeordnet werden kann.

Eine allgemein gültige Definition von Kultur ist in der Literatur nicht zu finden. Dies liegt laut Bolten (2012) vor allem daran, dass der Begriff Kultur ein sehr weites etymologisches Spektrum hat. Es macht daher Sinn erst einmal auf den Ursprung des Wortes zu schauen. Dieses stammt ursprünglich aus dem lateinischen Partizip Perfekt Passiv cultum des Verbs colere, was etwas, dass gepflegt worden ist bedeutet. Pflege kann sich dabei auf vier verschiedene Bedeutungen von colere beziehen.5 Die Bedeutungen sind: Ä(1) (be)wohnen, ansässig sein, (2) Ackerbau betreiben, bebauen, (3) verehren, anbeten, (4) ausbilden, wahren, schmücken, veredeln.“6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Etymologie des Kulturbegriffs. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bolten 2012, S.19.

Bolten (2012) zeigt, wie in Abbildung 1 dargestellt, dass der Begriff Kultur durch die Beziehung mindestens zweier Parteien gekennzeichnet ist und vier verschiedene spezifische Formen dieser Beziehungspflege herausgearbeitet werden können. Die erste Form bezieht sich auf soziale Kontexte also die Soziokultur. Zweitens gibt es einen Bezug auf natürliche Umwelten, also Agrikultur, drittens auf Sinngebungsinstanzen, also zum Beispiel Religion und viertens auf das Selbst bezogene Aspekte. Dabei ist wichtig festzustellen, dass die Beziehungen niemals einseitig, sondern immer wechselseitig, also reziprok, verlaufen.7 Dies bedeutet, dass alle vier Bereiche des Kulturbegriffs auch untereinander in wechselseitigem Zusammenhang stehen. Welche Gewichtung zwischen den einzelnen Bereichen besteht ist dabei teilweise sehr verschieden. Dieser Zusammenhang zeigt deutlich, warum es keine allgemein gültige Definition von Kultur geben kann. Denn, je

,,nach aktueller Relevanz und Gewichtung der einzelnen Reziprozitätsbeziehungen, werden die Akteure eines Handlungsfeldes auch die vier konkurrierenden Bedeutungen des Kulturbegriffs unterschiedlich gewichten und dementsprechend zu unterschiedlichen Aussagen hinsichtlich dessen gelangen, was sie unter ‚Kultur‘ verstehen.“8

Obwohl es wie beschrieben durch das Zusammenwirken der Reziprozitätsbedingungen sehr verschiedene Auffassungen davon gibt, was Kultur ist, gibt es Möglichkeiten sich dem Begriff trotzdem stärker anzunähern. Dazu ist eine Kategorisierung der einzelnen Elemente des Begriffs nötig. Hierzu wird nicht wie in der obigen Annäherung etymologisch vorgegangen, sondern versucht Kultur in Sachkategorien einzuordnen.

Jaßmeier (2009) unterteilt Kultur in zwei Sachkategorien. Die erste Kategorie ist der Unterschied zwischen einer fass- und beobachtbaren Ebene und einer nicht direkt wahrnehmbaren Ebene von Kultur. Eine solche Unterscheidung führt dazu, dass Kultur in materielle und immaterielle Elemente aufgeteilt werden kann. Die immateriellen Elemente sind dabei die Concepta, womit Normen, Werte, Grundannahmen, Einstellungen und Überzeugungen gemeint sind. Diese Elemente sind nur sehr schwer fassbar, wohingegen materielle Elemente beobachtbar sind. Diese werden Percepta genannt und machen Teile der Concepta in Form von Verhaltensweisen und Artefakten sichtbar.9

Die zweite Kategorie unterscheidet zwischen Resultaten und Ursachen des Kulturphänomens. Durch diese Unterscheidung können Modelle und Definitionen zur Analyse des Kulturphänomens in deskriptive und explikative Definitionen unterteilt werden. Deskriptive Definitionen stellen sowohl die materiellen als auch immateriellen Ergebnisse von Kultur in den Mittelpunkt. Ergebnisse und Phänomene können hierdurch sehr gut beschrieben werden. Erklärungen für diese bleiben aber meist verborgen. Explikative Definitionen gehen das Problem der fehlenden Erklärung an und versuchen diese mit Hilfe von Grundannahmen, Werten und Einstellungen begreiflich machen. Explikative Definitionen sind daher schwer empirisch messbar.10

Das Begriffsverständnis von deskriptiven Definitionen kennzeichnet Kulturen objektiv und wird mit Modellen der Kulturdeskription untersucht. Unter explikativen Definitionen wird eine subjektive Kultur verstanden, welche durch Modelle der Kulturexploration untersucht werden können.11

Eine weitere Möglichkeit sich dem Begriff Kultur anzunähern ist laut Bolten (2012) der Unterschied zwischen weiter und enger Fassung des Kulturbegriffs. Der enge Kulturbegriff, der in Deutschland bis in die 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts oft verwendet wurde, trennt Zivilisation und Kultur und macht den Begriff zu einem Repräsentanten des Wahren, Guten und Schönen. Dieser enge und kunstbezogene Kulturbegriff wird heutzutage kaum noch verwendet, wohingegen sich der erweiterte Kulturbegriff durchgesetzt hat. Dieser ist lebensweltlich orientiert und nicht nur auf das Besondere beschränkt. Vielmehr umfasst er alle Reziprozitätsbeziehungen, wie sie weiter oben beschrieben wurden, also Aspekte wie Religion, Kunst, Bildung, Technik und Recht.12 Unter dem erweiterten Kulturbegriff können deshalb Lebenswelten verstanden werden, die sich der Mensch durch eigenes Handeln immer wieder neu geschaffen hat. Diese bestehen ohne jegliche Bewertungsmaßstäbe und beziehen zwar das Schöne, Wahre und Gute mit ein, basieren aber nicht auf diesem. Sie umfassen alles, was zum Aufbau der Lebenswelt beigetragen hat.

Zusätzlich zu der Frage, ob der Kulturbegriff eng oder erweitert definiert wird, kann der erweiterte Kulturbegriff als geschlossene oder offene Variante gesehen werden. Geschlossen heißt hierbei, dass eine betrachtete Kultur frei von Einflüssen anderer Kulturen ist. Der Begriff offen dagegen zeigt, dass Kulturen Überschneidungspunkte mit anderen Kulturen haben. Bolten (2012) merkt hierzu an, dass

ÄKulturen […] keine Container [sind.] [S]ie sind - je näher man an sie heranzoomt und sich auf ihre Details konzentriert - weder homogen noch mit dem Zirkel voneinander abgrenzbar, sondern - als Zeichen ihrer Vernetzung - an den Rändern mehr oder minder stark ‚ausgefranst‘.“13

Zusätzlich merkt er an, dass sich diese Sichtweise auf den Begriff immer mehr durchsetzen wird, da durch das Zerbrechen der Einheit von Nationalstaat und Nationalgesellschaft in der heutigen Zeit und den immer stärker verbreiteten pluralistischen Weltsichten alte Denkweisen zunehmend in Frage gestellt werden. Diese, durch Einheitsvorstellungen und - zwänge geprägten Ansätze werden in der Zukunft kaum mehr legitim sein.14

In Bezug auf die in dieser Arbeit behandelte interkulturelle Kompetenz ist es an dieser Stelle allerdings verwunderlich, Ädass immer wieder auf die geschlossenen Varianten des erweiterten Kulturbegriffs zurückgegriffen wird.“15 Dieses stellt einen Widerspruch zu den Konzeptionen zum interkulturellen Lernen dar, die noch in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit besprochen werden. Bolten (2012) sieht einen Grund in der einfachen Handhabung, die durch die Abgrenzung und dem Verständnis von Kultur als homogenes und abgrenzbares Konzept entstehen. Allerdings hält er es auch für sehr fragwürdig ein Instrument zu verwenden, welches eigentlich nicht zu den Konzeptionen für interkulturelles Lernen passt.16

Die Betrachtung mehrerer Definitionen von Kultur zeigt, dass die Aspekte von Orientierungsfunktion und symbolischen Charakter von Kultur in fast jeder Definition vorhanden sind. Es kann also festgestellt werden, dass kulturelle Symbole, aber auch Werte und Normen, allgemein als Bestandteile von Kultur angesehen werden. Nachdem weiter oben diskutiert wurde, was unter Kultur verstanden wird, soll nun untersucht werden, was Kultur ausmacht. Laut Kießler (2009) gelten vor allem ÄRituale des Miteinander- Kommunizierens, Wohn- und Kleidungsstile usw. […] als Definitionsmerkmalen des Symbolischen und gleichzeitig des Kulturellen. Die kulturellen Symbole dienen der Verständigung, der Darstellung nach außen.“17 Neben diesem Symbolischen dient Kultur als Repertoire an Repräsentations- und Kommunikationsmitteln. Gleichzeitig besteht durch die Orientierungsfunktion der Kultur bei Symbolen wie Kleidung auch eine identitätsstiftende Funktion und Repräsentation des Selbst. Sie dient somit zur Deutung gesellschaftlichen Lebens und dadurch der Orientierung des Handelns.18

Wie die Untersuchung zur Definition des Begriffs Kultur gezeigt hat, gibt es teilweise sehr verschiedene Herangehensweisen und Schwerpunkte, um zu beschreiben, was den Begriff genau ausmacht. Da es in dieser Arbeit speziell um interkulturelle Kompetenzen geht wird im weiteren Verlauf der offene und erweiterte Kulturbegriff verwendet.

2.2 Definition interkulturelle Kompetenz

Interkulturell bedeutet zunächst einmal zwischen Kulturen und beschreibt das Aufeinandertreffen sowie den Austausch zwischen zwei Individuen verschiedener Kulturen. Auf diese Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen verweist dabei das lateinische Präfix. inter (= zwischen) in dem Wort Interkulturalität. Der Begriff meint somit nicht die soziale Struktur, sondern Äeinen Prozess, der sich im Wesentlichen auf die Dynamik des Zusammenlebens von Mitgliedern unterschiedlicher Lebenswelten, auf ihre Beziehungen zueinander und ihre Interaktionen untereinander bezieht.“19

Der Begriff interkulturell ist dabei von multikulturell und transkulturell abzugrenzen, die umgangssprachlich manchmal synchron verwendet werden. Interkulturell bezieht sich auf die Überlagerungen, wechselseitigen Abhängigkeiten und dem gegenseitigen Durchdringen von Kulturen und nicht auf Differenzen (multikulturell) oder Gemeinsamkeiten (transkulturell). Interkulturalität kann daher auch als Dialog zwischen der Fremdkultur und der eigenen Kultur verstanden werden.20

Interkulturelle Kompetenz müsste nach diesem Verständnis demnach die Fähigkeit sein, in einem interkulturellen Raum zu agieren und über andere Kulturen Bescheid zu wissen. Allerdings ist die Fähigkeit Ätolerant, offen, belastbar zu sein und über [interkulturelle Kompetenz] Bescheid zu wissen […] für sich genommen noch keine interkulturelle Handlungskompetenz.“21 Interkulturelle Kompetenz ist weitaus mehr als ein Funktionieren eines Subjekts in einer ihm fremden Umgebung oder Kultur und benötigt verschiedene Faktoren, um ausgeprägt zu sein.

In einer weitgefassten und abstrakten Definition kann interkulturelle Kompetenz zunächst allerdings trotzdem als ein Profil von verschiedenen Fertigkeiten und Fähigkeiten angesehen werden. Dieses versetzt das Subjekt dazu in die Lage, sich in Situationen, in den es zu Überschneidungen von verschiedenen Kulturen kommt, zurechtzufinden und angemessen zu verhalten.22

,,Das heißt, dass die Begegnung mit dem Anderen, mit Personen aus einer fremden Kultur, im Empfinden, Denken und Verstehen sowie Handeln des Subjekts friedfertig, verständigungsorientiert und somit konstruktiv und produktiv abläuft, so dass am Ende ein beidseitiger positiver kultureller Austausch stattfindet“23

Um eine enger gefasste und weniger abstrakte Definition des Begriffes zu erhalten, muss an dieser Stelle zunächst beschrieben werden, was unter dem Kompetenzbegriff verstanden wird. Dieser wurde schon von vielen Autoren kontrovers diskutiert und soll daher nur exemplarisch und für die weitere Arbeit passend aufgegriffen werden, da eine umfassende Diskussion des Kompentenzbegriffs den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde. Klieme und Leutner (2006) beschreiben ÄKompetenzen als kontextspezifische kognitive Leistungsdispositionen, die sich funktional auf Situationen und Anforderungen in bestimmten Domänen beziehen.“24 Dabei ist die Kontextabhängigkeit des hier verwendeten Kompetenzbegriffs das wesentliche Charakteristikum. Der Begriff ÄKompetenz bezieht sich immer darauf, Anforderungen in spezifischen Situationen bewältigen zu können.“25 Diese Anforderungen umfassen Wissen, Einstellung und praktische Fähigkeiten, die mit einander gezielt verbunden werden müssen. Eine solche Verwendung des Kompetenzbegriffs scheint insbesondere für das Verständnis von interkultureller Kompetenz sinnvoll und ist bei der Bestimmung spezifischer interkultureller Kompetenz hilfreich. Dies wird auch bei der Betrachtung von Over und Mienert (2006) deutlich, die darstellen, dass interkulturelle Kompetenz ÄWissen, Einstellungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die zu einer angemessenen und erfolgreichen Kommunikation und Interaktion zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen führen, [umfasst].“26 Aus diesem Grund gilt es, Äein Verständnis interkultureller Kompetenz zu entwickeln, das die kommunikative Praxis in den Vordergrund stellt.“27

Eine engere Definition von interkultureller Kompetenz befasst sich nur mit den Elementen, die eine kulturellen Bezug und somit sich auf das interkulturelle Kommunizieren konzentrieren.28 Allerdings wird in dieser Definition ausgelassen, dass eine Äwesentliche Eigenschaft interkulturell kompetenter Menschen […] die Fähigkeit zur Reflexion, also zur dezidierten Selbst- und Fremdwahrnehmung [ist].“29 Over und Mienert (2006) argumentieren, dass erst, wenn ein Individuum sich seiner eigenen Kultur bewusst ist und somit sein eigenes Erleben und Verhalten in dieser reflektieren kann, Unterschiede zu anderen Kulturen wahrgenommen werden können.30 Interkulturelle Kompetenz ist demnach erst vorhanden, wenn ein Individuum eine fremde Kultur durch die eigene reflektieren kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Sprachbasiertes Organisationsmodell interkultureller Kommunikation. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Chamberlain 2000, S.17 und Jaßmeier 2009, S. 150.

Ein weiterer Ansatz zur Klärung des Begriffs der interkulturellen Kompetenz bietet laut Jaßmeier (2009) das sprachbasierte Organisationsmodell interkultureller Kommunikation nach Chamberlain.31 Dieses erweitert die obige enge Definition und erklärt einzelne Teile des interkulturellen Bezuges genauer. Wie in Abbildung 2 dargestellt, ist das Modell zwiebelförmig aufgebaut und es werden mehrere Schichten interkultureller Kommunikation unterschieden. Im Kern steht die linguistische Kompetenz, welche die sprachinhärente Elemente wie Syntax, Lexik, Morphologie usw. enthält. Die zweite Schicht, die den Kern umgibt, enthält die Kommunikationskompetenz, die in extra- und paralinguistischer Elemente aufgeteilt ist. Paralinguistische Elemente sind dabei Tonhöhe, Sprachmelodie, Lautstärke etc. Als extralinguistische Elemente werden zum Beispiel Augenkontakt und Berührungen genannt. Diese Schicht ist für eine interkulturelle Kommunikation von hoher Bedeutung. Die äußerste Schicht ist durch nicht linguistische Elemente kultureller Kompetenz geprägt. Linguistische Kompetenz wird in diesem Modell also durch Kommunikationskompetenz und kulturelle Kompetenz ergänzt beziehungsweise verbunden.32

Das obige Modell zeigt, dass interkulturelle Kompetenz nicht, wie oft vermutet, vor allem linguistische Kompetenz ist. Der sprachliche Aspekt ist immer in Verbindung mit kultureller Kompetenz und der Dimension der Kommunikation zu sehen. Dieser Zusammenhang lässt sich auch mit einer These nach E.T. Hall begründen, nach der Kultur immer auch Kommunikation impliziert. Hall (1982) sieht die Gesamtheit von Kultur als eine Form der Kommunikation an und hat zur Unterlegung seiner These zehn sogenannte Primary Message Systems entwickelt, die seiner Meinung nach kombiniert werden müssen, um Kultur zu produzieren.33 Dabei ist nur eine der zehn Primary Message Systems explizit auf die linguistische Dimension bezogen, wohingegen die weiteren neun nicht linguistische Elemente des Kommunikationsprozesses sind.34 ÄHalls Untersuchungen bilden somit ein Bindeglied zwischen sprachinhärenten und soziolinguistischen Elementen interkultureller Kommunikation auf der Ebene der Percepta und kognitiven Elementen interkultureller Kompetenz auf der Ebene der Concepta.“35

Somit lässt sich feststellen, dass interkulturelle Kompetenz im Zusammenhang mit Sprachschulung immer ein Bindeglied, nämlich das der interkulturellen Kommunikation benötigt, was sowohl aus soziolinguistischen als auch nicht linguistischen Elementen besteht.

Ein weiterer Faktor, der bei der Definition von interkultureller Kompetenz nicht übersehen werden sollte, ist, dass interkulturelle Kompetenz nicht singulär zu sehen ist. Es handelt sich bei ihr nicht um eine Fähigkeit oder Kompetenz, die einzeln betrachtet werden kann. Wie beschrieben besteht sie vielmehr aus verschiedenen Teilkompetenzen, die, um eine interkulturelle Interaktion zu ermöglichen, alle miteinander vernetzt und ausgebildet sein müssen.36

Zusammengefasst lässt sich interkulturelle Kompetenz nach den obigen Überlegungen als eine Kompetenz beschreiben, die das Individuum dazu befähigt, Äauf Grundlage bestimmter Haltungen und Einstellungen sowie besonderer Handlungs- und Reflexionsfähigkeiten in interkulturellen Situationen effektiv und angemessen zu interagieren.“37 Und dies mit linguistischer Kompetenz unterstützt werden kann. Sie ist somit ein ganzheitliches Zusammenspiel von sozialem, individuellem, strategischem und fachlichem Handeln in Kontexten, wobei die genauen Regeln dem Individuum nur bedingt plausibel sind und erst erlernt werden müssen. Daraus lässt sich folgern, dass ein Individuum interkulturell kompetent ist, wenn es ihm gelingt, die genannten Regeln zu verstehen und gemeinsam plausible Regeln mit den Akteuren aus der Zielkultur zu kreieren. Sofern dies funktioniert, entstehen laut Bolten (2012) eigenständige Normalitäts- und Plausibilitätsregeln und die Interkulturalität generiert Kulturalität.38 Umgekehrt kann es allerdings auch passieren, dass

,,Positionen zum Beispiel unter religiösen oder ethischen Aspekten nicht verhandelbar [sind und dadurch] Perspektiven für ein gemeinsames interkulturelles Handeln nicht ersichtlich [sind. In diesem Fall] kann interkulturelle Kompetenz durchaus auch darin bestehen, ‚nein‘ zu sagen - allerdings unter der Maßgabe, es zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu versuchen.“39

Wie sich gezeigt hat, hat interkulturelle Kompetenz in einer globalen Welt eine hohe gesellschaftliche Bedeutung und wird teilweise sogar als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts angesehen. Bezogen auf die Berufswelt rückt sie immer mehr in den Fokus der Personalabteilungen und kann aus dieser Perspektive auch als Mobilitätsfähigkeit interpretiert werden.40 Welche Bedeutung interkulturelle Kompetenz in einer globalen Berufswelt genau hat, wird in Kapitel 3 dieser Arbeit genauer untersucht.

2.3 Dimensionen interkultureller Kompetenz

Nachdem im vorherigen Kapitel interkulturelle Kompetenz zunächst begrifflich eingeordnet wurde, soll in diesem Abschnitt nun genauer auf einzelne Dimensionen interkultureller Kompetenz eingegangen werden, um in den darauf folgenden Teilen dieser Arbeit besser anknüpfen zu können. Besonders interessant ist dies auch im Hinblick auf Trainings- oder Lernkonzepte zur Förderung von interkulturellen Kompetenz.

Seit den neunziger Jahren werden interkulturelle Kompetenzen überwiegend durch Strukturmodelle beschrieben. Sie haben eine große Verbindlichkeit aufgrund ihrer hohen Systematik. Sie klassifizieren interkulturelle Kompetenz in die Dimensionen kognitiv, affektiv und pragmatische Teilkonstrukte. Interkulturelle Kompetenz wird daher auch als dreidimensional bezeichnet.41

Die kognitive Dimension beschreibt die Aneignung von Wissen zur Interpretation fremder Verhaltensweisen. Außerdem umfasst diese die Reflexion des eigenen Verhaltens in interkulturellen Situationen. Zu dem Wissen, dass sich angeeignet werden soll, gehört auch das klassische landeskundliche Wissen, in Form von geschichtlichen, politischen, geografischen und wirtschaftlichen Kenntnissen. Hierdurch wird eine hermeneutische Herangehensweise an eine andere Kultur erst möglich. Allerdings sollte dieses oberflächliche Wissen durch eine Erschließung von innerer Logik und Grundmustern der Zielkultur ergänzt werden. Aus diesem Grund ist auch das Wissen über Kultur im Allgemeinen ein wichtiger Bestandteil der kognitiven Dimension. Ohne zu wissen, was Kultur ausmacht, ist weder ein Verständnis der Zielkultur noch, was vielfach für sogar noch wichtiger angesehen wird, der eigenen Kultur möglich. Die kognitive Dimension ist also das Wissen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kulturen und hilft dabei die Komplexität von Kultur zu verstehen.42

Die affektive Dimension kann als bewusstes Wahrnehmen der kulturellen Unterschiede beschrieben werden. Sie betrifft somit die interkulturelle Sensibilität. Bei der Entwicklung interkultureller Kompetenz ist auch diese Dimension von hoher Wichtigkeit, da besonders auf der affektiven Ebene viele interkulturelle Missverständnisse entstehen. Durch eine Sensibilisierung können diese verhindert oder entschärft werden und das Individuum kann Situationen durchschauen und als eventuell kulturbedingt einordnen. Eine erfolgreiche Interaktion in dieser Dimension erfordert eine hohe Ausprägung von Sozialkompetenzen, die nicht nur im interkulturellen Kontext gebraucht werden, um Situationen richtig einschätzen zu können.43

Die pragmatische Dimension der interkulturellen Kompetenz beinhaltet die Umsetzung des Wissens, das auf der kognitiven und interkulturellen Ebene vorhanden ist. Des Weiteren ist ein wichtiges Element dieser Dimension die Fremdsprachenkompetenz. Die Sprache agiert dabei als Transportmittel von Ideen und gedanklichen Mustern. Sie beschreibt somit die interkulturelle Handlungskompetenz. Interkulturelle Sensibilität und interkulturelles Wissen müssen daher um Fertigkeiten und Fähigkeiten sowohl auf der Verhaltensebene als auch auf der kommunikativen Ebene ergänzt werden. So kann eine effektive Interaktion mit Menschen einer anderen Kultur gewährleistet werden. Außerdem können Probleme und Konflikte, die aus den kulturellen Unterschieden resultieren, bewältigt oder von vornherein vermieden werden.44 Die verhaltensbezogene Dimension kann dabei in drei Fähigkeiten unterteilt werden. Der Willen und die Fähigkeit zur Kommunikation ist die erste dieser Fähigkeiten. Sie beinhaltet aktives Zuhören und Kommunikation, die durch Respekt, Empathie und Flexibilität gekennzeichnet ist. Das aktive Zuhören steht dabei im Vordergrund, da auf diese Weise Deutungsunterschiede in der Kommunikation erfasst und Missverständnisse verhindert werden können. Die zweite Fähigkeit ist die soziale Kompetenz, wobei hiermit vor allem die Fähigkeit gemeint ist zwischenmenschliche Beziehungen und Vertrauen aufzubauen. Auch diese Fähigkeit ermöglicht ein besseres Kommunizieren, da durch gute persönliche Beziehungen zum Kommunikationspartner mehr Informationen über angemessenes und effektives Verhalten sowie mehr Feedback über die eigenen Verhaltensweisen gewonnen werden können. Als dritte Basisfähigkeit der pragmatischen Dimension nennt Kießler die kommunikative Kompetenz, denn durch sie kann ein bereichernder Austausch als Basis für eine erfolgreiche interkulturelle Begegnung entstehen.45

2.4 Interkulturelle Kompetenz als Transferfähigkeit allgemeiner Handlungs- kompetenzen

Nachdem in den letzten beiden Kapiteln zunächst interkulturelle Kompetenz definiert wurde und dann in verschiedene Dimensionen unterteilt wurde, soll in diesem Kapitel die Frage beantwortet werden, ob interkulturelle Kompetenz überhaupt als selbstständiger Kompetenzbereich angesehen werden kann. Bei genauem Hinsehen fällt auf, dass die meisten Bereiche der interkulturellen Kompetenz relativ gut in Teilkompetenzen der allgemeinen Handlungskompetenz eingeordnet werden können. Die Einordnung gelingt problemlos in die individuellen, sozialen, fachlichen und strategischen Teilkompetenzen.

Nicht eingeordnet werden können kulturspezifisches Wissen, Fremdsprachenkenntnisse und die Fähigkeit sich selbst und anderen plausibel eigen-, fremd- und interkulturelle Prozesse beschreiben zu können.46

Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, interkulturelle Kompetenz nicht als einen eigenständigen Kompetenzbereich anzusehen. Sie kann vielmehr als eine Fähigkeit gesehen werden individuelle, soziale, fachliche und strategische Teilkompetenzen zu verknüpfen und bestmöglich auf interkulturelle Handlungskontexte zu beziehen. Der Unterschied gegenüber Handlungskompetenz in der eigenen Kultur ist, dass die Fähigkeit besteht in dem jeweiligen kulturellen Umfeld die Realisation der genannten Teilkompetenzen zu gewährleisten. Die interkulturelle Kompetenz wird somit, wie in Abbildung 3 aufgezeigt, zu einer Transferfähigkeit allgemeiner Handlungskompetenz. Sie ist eine Art Filter und ermöglicht es, in Verbindung mit Fremdsprachenkompetenz, kulturellem Wissen und der Fähigkeit Prozesse zu beschreiben, im interkulturellen Handlungskontext zu agieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Interkulturelle Kompetenz als Transferfähigkeit allgemeiner Handlungskompetenzen. Quelle: Eigene Darstellung.

Bolten (2012) erklärt dies am Beispiel der sozialen Handlungskompetenz sehr eindrucksvoll an einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit. Bei diesem geht es nicht einfach darum die Funktionsweise einer landwirtschaftlichen Maschine zu erklären. Die Erklärung muss in anderen Sinnzusammenhängen, in einer fremden Sprache und unter anderen Umweltbedingungen erfolgen und dabei sicherstellen, dass die Maschine nicht etwa als unheimlicher und nicht begreiflicher Gegenstand von der Zielgruppe einer anderen Kultur gemieden wird, sondern den Gegebenheiten entsprechend optimal eingesetzt wird.47

Die beschriebene Transferleistung zeigt auch den qualitativen Unterschied zwischen interkultureller, sozialer Handlungskompetenz und allgemeiner sozialer Handlungskompetenz, da das Individuum eigen- und fremdkulturelles Wissen und zusätzlich vorangegangene interkulturelle Erfahrung zur Lösung der Situation mit einbringen muss. Interkulturelle Kompetenz stellt somit eigene Anforderungen an die soziale Kompetenz. Das gleiche gilt auch für die anderen Teilbereiche der Handlungskompetenz. Selbstkompetenz, strategische Kompetenz sowie fachliche Kompetenz werden zu ihren interkulturellen Gegenstücken, indem sie Transferleistungen zu interkulturellen Kontexten berücksichtigen.48

Im Hinblick auf die Förderung von interkultureller Kompetenz in der Berufswelt und insbesondere in der kaufmännischen Berufsausbildung lässt sich folgern, dass interkulturelle Kompetenz niemals ein Schulfach sein kann. Dadurch, dass sie als keine eigenständige Kompetenz angesehen werden kann, muss sie fächerübergreifend gelehrt werden. Des Weiteren kann sie nicht als eigenständige Schlüsselqualifikation angesehen werden, sondern als die Fähigkeit, die anderen Teilkompetenzen in interkulturelle Handlungskontexte umzuwandeln und einzubringen.49 Gleichzeitig hilft diese Transferfähigkeit und -aufgabe der interkulturellen Kompetenz aber auch, diese in die andere Richtung, quasi rückwärts einzusetzen. Denn,

,,sobald Teilnehmer/-innen […] die Erfahrung gemacht haben, dass Reflexion und Toleranz sie selbst in der Einschätzung von Menschen verschiedenartiger Kulturen voranbringen, können sie diese Erfahrungen zukünftig auch in anderen, z.B. beruflichen Situationen anwenden.“50

Abschließend lässt sich also feststellen, dass interkulturelle Kompetenz nicht wie in Kapitel 2.2 beschrieben, als die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts angesehen werden kann, da sie keine eigenständige Kompetenz ist. Allerdings kann man sie als sehr wichtige Transferfähigkeit von allgemeiner Handlungskompetenz bezeichnen, die benötigt wird, wenn es zu interkulturellen Kontakten kommt. Da im Zuge der Globalisierung diese Kontakte immer mehr zunehmen, wird interkulturelle Kompetenz zunehmend unverzichtbar. Es kann also eher von einer Schlüsseltransferfähigkeit des 21. Jahrhunderts gesprochen werden.

3 Globalisierung als Referenz für interkulturelle Kompetenz

3.1 Chancen und Herausforderungen durch die Globalisierung für Unternehmen

Die immer weiter fortschreitende Globalisierung der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass Unternehmen zunehmend globaler denken müssen. Hierdurch entstehen neue Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten zur Erschließung neuer ausländischer Märkte. Die sich hierdurch ergebenden Chancen, aber auch Herausforderungen für global agierende Unternehmen sollen in diesem Kapitel herausgearbeitet werden.

Zunächst ist hierfür erst einmal wichtig zu klären, was Globalisierung ist und was unter einem global agierenden Unternehmen zu verstehen ist. Unter Globalisierung ist grob gesagt der Prozess Äder weltweiten Öffnung und Verschmelzung von Märkten [und][…] der Auflösung geschlossener Volkswirtschaften“51 gemeint. Hierdurch wird das weltweite Beziehungsgeflecht engmaschiger und größer und der Grad der internationalen Arbeitsteilung steigt. Der theoretische, ökonomische Vorteil einer erfolgreichen Globalisierung besteht in der nahezu vollkommenen Transparenz der Märkte, auf denen Anbieter und Nachfrager schnell aufeinander reagieren können. Der Prozess bezieht sich dabei auf alle Gesellschaftsbereiche. Somit ist nicht nur die Privatwirtschaft, sondern auch das rechtliche, fiskalische und politische System betroffen. Es werden durch die Globalisierung nicht nur Unternehmen in ihrer Struktur verändert, sondern auch die Finanzwelt, die Transport- und Kommunikationssysteme und nicht zuletzt auch das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt beeinflusst.52 In der Öffentlichkeit wird Globalisierung oft nur mit negativen Assoziationen verbunden.

[...]


1 Nach Lennart Flügge, Mitarbeiter der Mühlenchemie GmbH & Co. KG.

2 DIHK 2013, S. 4.

3 In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff interkulturelle Kompetenz für einen besseren Lesefluss in der Einzahl verwendet. In den folgenden Kapiteln wird jedoch dargestellt, dass es sich um eine Vielzahl von Kompetenzformen handelt. Der Begriff interkulturelle Kompetenz soll in dieser Arbeit also als Überbegriff aller benötigten Kompetenzen verstanden werden.

4 Für einen besseren Lesefluss wird in dieser Arbeit zumeist nur ein Genus verwendet werden. Gemeint sind aber beide Geschlechter.

5 Vgl. Bolten 2012, S. 18.

6 Ebd.

7 Vgl. ebd., S. 19.

8 Ebd., S. 20f.

9 Vgl. Jaßmeier 2009, S. 144f.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Bolten 2012, S. 21ff. u. S. 43.

13 Ebd., S. 27.

14 Vgl. ebd., S. 29.

15 Ebd., S. 27f.

16 Vgl. ebd., S. 27f.

17 Kießler 2009, S. 10.

18 Vgl. ebd., S. 9.

19 Bolten 2012, S. 39.

20 Vgl. Kießler 2009, S. 12.

21 Camerer 2009.

22 Vgl. Kießler 2009, S. 14.

23 Ebd.

24 Klieme und Leutner 2006, S. 3.

25 Ebd.

26 Over und Mienert 2006, S. 48.

27 Camerer 2009, S. 46.

28 Settelmeyer und Hörsch 2009, S. 90.

29 Over und Mienert 2006, S. 48.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. Jaßmeier 2009, S.150.

32 Vgl. ebd.

33 Hall 1981, S.28 und Jaßmeier 2009, S. 149.

34 Vgl. Jaßmeier 2009, S. 150.

35 Ebd.

36 Vgl. Antor 2007, S. 112 und Kießler 2009, S. 14.

37 Bertelsmann Stiftung 2006, S. 15.

38 Vgl. Bolten 2012, S. 130.

39 Ebd.

40 Wordelmann 2009.

41 Vgl. Kießler 2009, S. 16.

42 Vgl. Jaßmeier 2009, S. 142 und Kießler 2009, S. 17ff.

43 Vgl. ebd.

44 Vgl. ebd.

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Bolten 2012, S. 127f.

47 Vgl. ebd.

48 Vgl. Bolten 2012, S. 128ff. und Over und Mienert 2006, S. 48.

49 Vgl. ebd. S. 160.

50 Wordelmann 2009.

51 Bürklin 2000.

52 Vgl. ebd.

Details

Seiten
71
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668206847
ISBN (Buch)
9783668206854
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315996
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Wirtschaftspädagogik
Note
1,0
Schlagworte
interkulturelle kompetenzen bildung eine notwendigkeit welt

Autor

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Titel: Interkulturelle Kompetenzen in der beruflichen Bildung. Eine Notwendigkeit in einer globalen Welt?