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Sequenzdatenanalyse von „Living Apart Together“. Welche partnerschaftlichen Lebensverläufe lassen sich in Bezug auf LATs bestimmen?

von Isabella Hoppmann (Autor)

Masterarbeit 2015 207 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis ... III

Tabellenverzeichnis ... III

1. Problemaufriss: LAT als (un-)bedeutende Lebensform in der Lebenslaufforschung ... 1
1.1 Relevanz der Fragestellung ... 1
1.2 Fragestellung und Aufbau der Arbeit ... 4

2. Begriffliche Klärungen: Was ist ein Lebens(-ver-)lauf oder eine Lebensform? ... 7
2.1 Leben(-ver-)lauf – Ein Überblick seiner Bedingungen und Struktur ... 7
2.1.1 Theoretische Konzepte des Lebenslaufs ... 8
2.1.2 Grundlegende Wesensmerkmale des Lebenslaufs ... 11
2.2 Lebensform – Drei „lebensformenkonstituierende Merkmale“ ... 14
2.3 Wer sind sie? – LATs im engen und weiten Sinne ... 16
2.4 Zwischenfazit – Lebensverlauf ist Gesamtheit aller Lebensformwechsel ... 20

3. Theoretischer Rahmen: LATs in einem Makro-Mikro-Link ... 22
3.1 Makrotheorien – Welche Trends durchziehen die moderne Gesellschaft? ... 23
3.1.1 Individualisierungsthese ... 23
3.1.2 These des postmaterialistischen Wertewandels ... 27
3.1.3 (De-)Standardisierungsthese ... 31
3.2 Mikrotheorien – Die Wahl der Lebensform in der modernen Gesellschaft ... 35
3.2.1 Rational-Choice-Forschung ... 36
3.2.2 Entwicklungspsychologische Perspektive ... 39
3.2.3 Sozialisationsforschung ... 42
3.3 Stufenmodelle – Zur Institutionalisierung der Paarbeziehung ... 46
3.4 Soziologisches Mehrebenenmodell – Systematisierung der Einflussfaktoren.. 49

4. Bisheriger Forschungsstand: LATs im partnerschaftlichen Lebensverlauf ... 51
4.1 Wer lebt wann im Lebenslauf in welcher Partnerschaftsform? ... 52
4.2 Gibt es eine Pluralisierung individueller Partnerschaftsverläufe? ... 53
4.3 Beziehungsbiographien im Generationenvergleich ... 55
4.4 Zwischenfazit: Wandel zu alternativen Lebens- und Partnerschaftsverläufen. 58

5. Eigene Analysen: LAT-Partnerschaftsverläufe zwischen 15-25 und 15-35 Jahre ... 59
5.1 Datengrundlage – Allgemeines zum pairfam ... 60
5.2 Beschreibung der Variablen – Stichprobengröße und -verteilung ... 62
5.2.1 Variablen zum Partnerschaftsstatus ... 63
5.2.2 Soziodemographische Variablen ... 69
5.3 Methoden – Einführung in die Sequenzdatenanalyse ... 73
5.3.1 Sequenzdatenanalyse ... 74
5.3.2 Optimal Matching Analyse ... 77
5.3.3 Clusteranalyse ... 80
5.4 Vorstellung der Ergebnisse – 5 Partnerschaftsverlauftypen ... 84
5.4.1 Ergebnisse für 15-25 Jahre ... 84
5.4.2 Ergebnisse für 15-35 Jahre ... 97

6. Fazit: LAT als eigenständige Lebensform im jungen Erwachsenenalter ... 108
6.1 Zentrale inhaltliche Aspekte ... 108
6.2 Methodische Grenzen und Forderungen ... 110

Literatur- und Quellenverzeichnis ... 113

Anhang ... 128

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Struktur des Lebensverlaufs ... 12
Abbildung 2: Struktur der Selbstsozialisation ... 43
Abbildung 3: Mehrebenenmodell der Determinanten des Partnerschaftsverlaufs ... 50
Abbildung 4: Übersicht des Ablaufs einer Sequenzdatenanalyse ... 74
Abbildung 5: Beispielsequenz ... 76
Abbildung 6: Übersicht der Sequenzindexplots (15-25) ... 85
Abbildung 7: Sequenzindexplots zu Geburtskohorten (15-25) ... 88
Abbildung 8: Sequenzindexplots zum Geschlecht (15-25) ... 90
Abbildung 9: Sequenzindexplots zum Schulabschluss (15-25) ... 92
Abbildung 10: Sequenzindexplots zum Wohnort (15-25) ... 94
Abbildung 11: Übersicht der Sequenzindexplots (15-35) ... 98
Abbildung 12: Sequenzindexplots zum Geschlecht (15-35) ... 102
Abbildung 13: Sequenzindexplots zum Schulabschluss (15-35) ... 103
Abbildung 14: Sequenzindexplots zum Wohnort (15-35) ... 105

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht der Makrotheorien ... 23
Tabelle 2: Übersicht der Mikrotheorien ... 36
Tabelle 3: Kontrollkomplexe - Fehlende Werte ... 65
Tabelle 4: Überblick aller ausgeschlossen Befragten (Fehlende Werte) ... 66
Tabelle 5: Kontrollkomplexe - Inkonsistente Werte ... 67
Tabelle 6: Überblick aller ausgeschlossenen Befragten (Inkonsistente Werte) ... 68
Tabelle 7: Übersicht der Stichprobengröße und -verteilung ... 71
Tabelle 8: Übersicht der pseudo-F-Werte ... 82
Tabelle 9: Übersicht der Verteilung für 5-Clusterlösung ... 83
Tabelle 10: Übersicht der soziodemographischen Faktoren (15-25) ... 87
Tabelle 11: Übersicht der soziodemographischen Faktoren (15-35) ... 100
Tabelle 12: Übersicht der missing values zum Partnerschaftsstatus (15-25) ... 128
Tabelle 13: Übersicht der missing values zum Partnerschaftsstatus (15-35) ... 129

1. Problemaufriss: LAT als (un-)bedeutende Lebensform in der Lebenslaufforschung

„(…) Familie [und] Ehe [besaßen] als Bündelung von Lebensplänen, Lebenslagen und Biographien weitgehend Verbindlichkeit. Inzwischen sind (…) Wahlmöglichkeiten und -zwänge aufgebrochen. Es ist nicht mehr klar, ob man heiratet und [/oder] nicht zusammenlebt“ (Beck 1990: 25). „(...) [E]s entsteht: das ganz gewöhnliche, ganz alltägliche Chaos der Liebe“ (Beck und Beck- Gernsheim 1990: 8).

1.1 Relevanz der Fragestellung

Eine Paarbeziehung hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in der gesamten Lebensplanung eines jeden Individuums (Zartler 1999: 224). Die Bindungsbereitschaft und -quote ist nicht nur unverändert hoch, sondern sie hat über die Generationenfolge hinweg sogar eher zu- als abgenommen (Klein 1999: 479; Meyer 2006: 347). So leben auch heute noch siebenundfünfzig Prozent der deutschen Bevölkerung verheiratet zusammen (Schneider und Ruckdeschel 2003: 249). Es klingt jedoch auch an, dass sich (familiale) Lebens- und Partnerschaftsverläufe und die darin eingelassenen Lebens- und Partnerschaftsformen im sozialen Wandel befinden – und dies seit nun mehr als vier Jahrzehnten (Peuckert 2005: 9ff.). Dieser zeigt sich in einem veränderten Partnerschaftsverhalten: Immer weniger Frauen und Männer heiraten jemals in ihrem Leben – falls doch, erfolgt der Übergang in die Ehe mit einem deutlich höheren Erstheiratsalter (Frau: auf 28,2 Jahre; Mann: auf 31,8 Jahre), sie bekommen durchschnittlich später (30,1 Jahre) und weniger (1,4) Kinder, lassen sich gleichzeitig häufiger scheiden und ein Übergang in eine weitere Ehe erfolgt seltener (Schmidt et al. 2006: 11; Dekker und Matthiesen 2004: 39; Meyer 2004: 62; Meyer 2006: 333ff.). Die wenigen, späteren und kürzeren Ehen bringen einen immer größeren zeitlichen Rahmen für die sogenannten nichttraditionellen (z.B. Beck-Gernsheim 1994: 117) oder nichtkonventionellen (z.B. Lenz 2009: 17) Lebens- und Partnerschaftsformen hervor. Die Ehe hat ihr Monopol verloren, Sexualität zu legitimieren oder gar eine Familie und Paarbeziehung zu definieren (Schmidt et al. 2006: 11). Sie wird zu einer möglichen wähl- und realisierbaren Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens unter verschiedenen Anderen (Meyer 2004: 58). Lesthaeghe und Van de Kaa (1986) subsumieren diese Wandlungsprozesse auch unter dem Begriff des zweiten demograph-ischen Übergangs (Kuijsten 1996: 117).

Die oben genannten partnerschaftlichen Lebensformen drücken sich in einer Vielzahl an 'neuen' Lebens- und Partnerschaftsformen aus; es sind die Alleinerziehenden, in einer Wohngemeinschaft (auch WG) Lebenden und die partnerlosen Singles sowie Personen, welche nicht ehelich Zusammenleben (auch Kohabitation*1) und diejenigen in Partnerschaften, in denen die Partner*2 keine gemeinsame Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft bilden (auch Living Apart Together: LAT) (Schmidt 2002: 291ff.; Peuckert 2005: 57ff.). Der Kenntnisstand erweist sich dabei als jeweils unterschiedlich groß (Noyon und Kock 2006: 28). LATs sind nur wenig erforscht (Noyon und Kock 2006: 28; Asendorpf 2008b: 2; Dorbitz 2009: 33; Strohm et al. 2009: 200; Diewald 1993: 279f.). Dies ist durchaus überraschend, zumal sie quantitativ besonders stark an Bedeutung gewonnen haben: Zum einen wird der Rückgang ehelicher Lebensgemeinschaften über die gleichzeitige Zunahme von Kohabitationen und Partnerschaften mit getrennten Haushalten vollständig ausgeglichen oder gar überkompensiert. Zum anderen ist eine deutliche Zunahme von LATs zu beobachten und das absolut wie relativ zu anderen partnerschaftlichen Lebensformen (Asendorpf 2008a: 750, 761, 756). Es wird davon ausgegangen, dass derzeit mehr als zehn Prozent der deutschen Bevölkerung mit ihrem Partner getrennt zusammenlebt und der Anteil von LAT-Partnerschaften auch weiterhin zunehmen wird (Lois 2012: 248). Das getrennte Zusammenleben wird von Hoffmann-Nowotny (1991) sogar als Lebensform der Zukunft begriffen, die am besten an moderne Ausbildungs- und Arbeitsmarkterfordernisse angepasst erscheint (Zartler 1999: 214).

Demnach sind LATs nur wenig untersucht (Tatjes und Konietzka 2010: 24). Eine stärkere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit getrennt zusammenlebenden Paaren ist für ein breiteres Verständnis von modernen Partnerschaften aber unabdingbar. Großes Potential scheint die empirisch orientierte Lebenslaufforschung zu bieten, welche sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts herausbildete (Scherger 2007: 17). Anfänglich wurde sie weniger auf soziologische, denn auf historische und psychologische Fragestellungen angewandt. Gleichwohl findet eine verlaufbezogene Forschungsperspektive vor allem in der deutschen Familiensoziologie großen Anklang. Als ihre wichtigsten Impulse in familiensoziologischen Forschungen gelten das gewandelte theoretische Herangehen an und veränderte methodische Vorgehen mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft: Das Individuum wird weniger als ein passiver, nur in gesellschaftliche Strukturen eingebundener Akteur verstanden; er kann vielmehr mit seinen Entscheidungen und Handlungen auch auf diese zurückwirken. Sie stehen nicht in einem statischen, sondern in einem stärker dynamischen Verhältnis zu einander; es wird z.B. über die individuelle (Lebensalter) oder historisch-gesellschaftliche (Geburtskohorte; historischer Kontext) Zeit abgebildet, betrachtet und analysiert (Scherger 2007: 19; Sackmann und Wingens 2001: 17). Die verlaufbezogene Familiensoziologie ist damit zweifach zeitgebunden: Sie geht Zustandsveränderungen im individuellen Lebenverlauf und – primär – sozialhistorischen Wandlungsprozessen, d.h. dem Grad, in dem Generationen unterschiedliche Lebenslaufmuster folgen, nach (Mayer 1987: 54; Huinink und Konietzka 2007: 42)

Vor diesem Hintergrund können zwei zentrale Forschungslinien nachgezeichnet werden. Sie machen deutlich, wie bedeutsam es – im verlaufbezogenen Sinne – ist, LATs systematisch in familiensoziologische Forschungen einzubeziehen: In einer ersten Forschungslinie wird der individuelle Lebenslauf zum zentralen Gegenstand sozialwissenschaftlicher Lebenslaufforschung gemacht. Für die Bundesrepublik ist kennzeichnend, dass sich zunächst unabhängig jeglicher methodischer Innovationen, eine breite Diskussion über den Wandel (familialer) Lebensläufe etabliert hat (Mayer 1990: 13). Im Mittelpunkt stehen also soziale Positionen und Lebensformen (auch Zustände), die im Laufe des individuellen Lebens eingenommen oder verlassen werden und deren Veränderung im gesellschaftlichen Kontext (Mayer 1987: 54; Sørensen 1990: 310). Aus einer solchen Lebenslaufperspektive wird Zweierlei sichtbar: Erstens beginnt jede Paarbeziehung i.d.R. als LAT. Sie bildet damit eine wesentliche Phase jeder Partnerschaft ab (Fux 2005: 24; Tatjes und Konietzka 2010: 24; Lois und Lois 2012: 117). Es ist zweitens erkennbar, dass die traditionelle Abfolge vom getrennten Zusammenleben, über unverheiratet Zusammenwohnen bis hin zur Ehe nicht nur seltener geworden ist, sondern sich vor allem im jungen Erwachsenenalter zu einem weniger typischen Lebenslauf- und Partnerschaftsmuster gewandelt hat (Schmidt et al. 2006: 76). Über die Anfangsphase hinaus gilt die Paarbeziehung mit getrennten Haushalten als eigenständige partnerschaftliche Lebensform, die weit über das durchschnittliche Heiratsalter hinaus aufrechterhalten und gelebt wird. Damit hat die LAT-Partnerschaft auch qualitativ an Relevanz gewonnen: Sie gilt nicht nur als bloße Probephase oder Vorstufe, sondern auch als bewusst gelebtes Beziehungsideal und dauerhaft gewählte Alternative zur Ehe (Dorbitz 2009: 34; Lois 2012: 247f.).

In einer zweiten lebenslaufbezogenen Forschungslinie gilt die Längsschnittanalyse selbst als zentrales Analysedesign. Partnerschaften ohne gemeinsamen Haushalt bleiben in größeren sozialwissenschaftlichen Studien als „hidden population“ meist unberücksichtigt (Ghazanfareeon Karlsson und Borell 2002: 14): Die Analysen erfolgen oftmals auf Haushaltsebene, sodass nur Partnerschaften innerhalb eines Haushaltes untersucht werden (Asendorpf 2008a: 750ff.). Häufig werden LATs unter Alleinlebenden subsumiert, auch wenn alleinwohnend nicht zwingend partnerlos meint. Sie zählen aber auch noch in (familien-)soziologischen Untersuchungen, die auf Längsschnittdaten beruhen, zu weniger betrachteten Lebens- und Partnerschaftsformen (Asendorpf 2008b: 4, 6). Doch wird nur eine Verlaufperspektive der Komplexität des individuellen partnerschaftlichen Lebenslaufs gerecht. Eine solche Perspektive macht sichtbar, welche Bedeutung LATs im partnerschaftlichen (Gesamt-)Lebenslauf gegenwärtig zukommt (Dekker und Matthiesen 2004: 42). Vor allem Abbott (1995) hat kritisiert, dass Letzterer methodisch oft ungenügend berücksichtigt wird (Sackmann und Wingens 2001: 30f.).

1.2 Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Mit der vorliegenden Masterarbeit soll genau hieran angeknüpft und eine Analyse der gesamten Partnerschaftsbiographien zweier Generationen geleistet werden:

'Sequenzdatenanalyse von „Living Apart Together“ – Welche partnerschaftlichen Lebensverläufe lassen sich in Bezug auf LATs bestimmen?'

Es soll geklärt werden, wie sie sich sowohl zwischen dem fünfzehnten und fünfundzwanzigsten als auch zwischen dem fünfzehnten und fünfunddreißigsten Lebensjahr sozial-strukturell voneinander unterscheiden. Über das sogenannte Optimal-Matching-Verfahren (auch OM) können komplexe Sequenzmuster und damit die einzelnen Partnerschaftsverläufe – für den festgelegten Beobachtungszeitraum – in ihrer ganzen Länge berücksichtigt werden. Die Masterarbeit steht im Gegensatz zu den meisten sozialwissenschaftlichen Studien, in denen Zustände nur zu einem bestimmten Zeitpunkt erhoben werden (Dekker und Matthiesen 2004: 40).

Um die aufgeworfene Fragestellung zu beantworten, wird wie folgt vorgegangen: In einem ersten Abschnitt gilt es zunächst den Terminus des (partnerschaftlichen) Lebens(-ver-)laufs und der Lebensform begrifflich zu fassen. Hierbei tritt die Frage in den Vordergrund, welche theoretischen Konzepte des Lebenslaufs und welche zentralen Differenzierungsmerkmale von Lebensformen sich finden lassen. Darauf aufbauend wird jene Lebens- und Partnerschaftsform vorgestellt, die im Zentrum der eigenen empirischen Analysen steht: das Zusammenleben in getrennten Haushalten.

Ein theoretischer Bezugsrahmen wird im zweiten Abschnitt herausgearbeitet. Hierbei handelt es sich um ein 'Zusammenspiel' von makro- und mikrotheoretischen Argumentationsansätzen. Sie unterscheiden sich dahingehend, ob sie primär der Sozialstruktur auf der Gesellschafts-, oder primär den Handlungs- und Entscheidungsmustern auf der individuellen Ebene zentrale Erklärungskraft für die Ausgestaltung von Lebens- und Partnerschaftsverläufen beimessen (Timm 2004: 49). Da bis dato keine 'speziellen' oder ausgereiften Theorien zu LATs vorliegen, handelt es sich dabei um allgemeine Makrotheorien der Familiensoziologie, um mikrotheoretische Ansätze aus der Rational-Choice-Forschung, Entwicklungspsychologie und (Selbst-)Sozialisation sowie um Stufenmodelle zur Institutionalisierung von Partnerschaften (Lois 2012: 249). Abschließend werden die abgeleiteten Annahmen in einem ganzheitlichen soziologischen Mehrebenenmodell integriert, systematisiert und aufeinander bezogen.

In einem dritten Abschnitt erfolgt die Darstellung des bisherigen Forschungsstandes. Es stellt sich die Frage, ob bereits empirische Befunde zum Verlauf von Partnerschaftsformen im Lebenslauf (mehrerer Generationen) vorliegen. Schwerpunktmäßig vorgestellt werden die Ergebnisse von Müller (2000), Brüderl (2004), Schmidt, Matthiesen, Dekker und Starke (2006) sowie von Dekker und Matthiesen (2004), auch wenn sie sich nicht direkt auf Paarbeziehungen mit getrennten Haushalten beziehen. Genau hieran wird mit dem Versuch eigener empirischer Analysen angeknüpft. Hierzu werden zunächst der herangezogene Datensatz Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (auch pairfam), die verwendeten Variablen und die ersten methodischen Schritte zur Bereinigung und Aufbereitung des Datensatzes beschrieben und abgebildet. Danach wird das weitere methodische Vorgehen erläutert und diskutiert: Es folgt die Erstellung von Sequenzen (Sequenzdatenanalyse), die jedem Alterszeitpunkt einen bestimmten Zustand zuordnen (Brüderl und Klein 2003: 192), die Berechnung einer Distanzmatrix (Optimal Matching Analyse), die über einen paarweisen Vergleich jene Kosten ermittelt, die bei einer Überführung des einen in den anderen Lebenslauf anfallen (Scherer und Brüderl 2010: 1036) und schließlich die Bildung gruppenspezifischer Typen von partnerschaftlichen Verläufen über Clusteranalyse. Letztere werden graphisch über Sequenzindexplots und inhaltlich über mehrere soziodemographische Faktoren weiter beschrieben und in den bisherigen Forschungsstand eingeordnet. Im abschließenden Abschnitt wird ein zusammenfassendes und kritisches (Gesamt-)Fazit gezogen.

2. Begriffliche Klärungen: Was ist ein Lebens(-ver-)lauf oder eine Lebensform?

Eine Begriffsbestimmung erweist sich als ein schwieriges Unterfangen: Kennzeichnend für die Lebenslaufforschung ist eine große Vielfalt und Unschärfe verwendeter Begriffe (Vaskovics et al. 1997: 20). So liegt weder eine allgemeingültige Definition, noch ein einheitliches theoretisches Konzept des Lebenslaufs vor. Jene differieren in ihrer thematischen Schwerpunktsetzung, postulierten Reichweite und Einbettung in gesellschaftliche und individuelle Strukturen (Scherger 2007: 19f.). Daraus resultieren sich zu- oder gar widerlaufende Begriffsbestimmungen. Die theoretischen Konzepte gilt es somit auf die interessierende Fragestellung bezogen heranzuziehen und zu bewerten.

Ebenso wird der Lebensformbegriff unterschiedlich bestimmt und anhand verschiedener Differenzierungskriterien präzisiert. Dabei entscheiden insbesondere Letztere, welche Lebensformen in den Blick genommen und analysiert werden können (Huinink und Konietzka 2007: 29f.). Mögliche Definitionen unterscheiden sich erheblich in der (An-)Zahl herangezogener Merkmale und damit auch in den erwarteten Begründungszusammenhängen zwischen einigen wenigen oder mehreren Kriterien.

Die begriffliche Ungenauigkeit insgesamt erschwert eine analytisch-vergleichende Betrachtung empirischer Ergebnisse (Vaskovics et al. 1997: 21). Es ist unabdingbar, ein gemeinsames Verständnis hinsichtlich des (partnerschaftlichen) Lebens(-ver-)lauf- und Lebensformbegriffs zu entwickeln. Dies ist deshalb so interessant, da die abgeleiteten Begriffsbestimmungen als Ausgangspunkt für die eigenen Analysen dienen. Hierzu werden sie zunächst 'allgemeingültig' gefasst, danach explizit auf Partnerschaften bezogen und anschließend zu anderen Definitionsvorschlägen in Beziehung gesetzt. Die abschließend angeführte Lebens- und Partnerschaftsform LAT ist – wenn auch vorgreifend – ebenso wenig inhaltlich konkretisiert (Eberle 2004: 11).

2.1 Leben(-ver-)lauf – Ein Überblick seiner Bedingungen und Struktur

Wie bereits angedeutet, unterscheiden sich die theoretischen Perspektiven, d.h. die Herangehensweisen, wie sich dem Begriff des Lebens(-ver-)laufs genährt wird, stark voneinander. Die verschiedenen Konzepte schließen sich nicht unbedingt aus, sondern können sich durchaus sinnvoll ergänzen (Scherger 2007: 19f.). Das Ziel ist weniger die vollständige Darstellung vieler oder gar aller Theorien; vielmehr sollen am Beispiel dreier Argumentationsfiguren bedeutende Widersprüche und Gemeinsamkeiten und damit zentrale Charakteristika des modernen (partnerschaftlichen) Lebensverlaufs sichtbar und herausgestellt werden: Zum einen weist er eine formal-komplexe Struktur auf (Huinink und Konietzka 2007: 43, 45). Zu seinen konzeptionellen Leitbegriffen – auf die die Autoren ebenso aufmerksam machen – gehören das 'Ereignis', der 'Übergang' und die 'Sequenz' (Sackmann und Wingens 2001: 18, 32). Zum anderen stellt er einen komplexen Handlungszusammenhang für das Individuum dar.

2.1.1 Theoretische Konzepte des Lebenslaufs

Zu einem der wohl bekanntesten Entwürfe zählt jener von Kohli, dessen zentrale These die Institutionalisierung des Lebenslaufs ist (Scherger 2007: 20). Als Bezugspunkt fungieren die modernisierten westlichen Gesellschaften, in denen der Lebenslauf als eine Art „(....) Regelsystem (…) einen zentralen Bereich oder eine zentrale Dimension des Lebens ordnet“ (Kohli 1985: 1). Mit Hebung des Sterbealters und der Konzentration der Sterblichkeit auf ein höheres Lebensalter wandelten sich diese „Zufälligkeit[en] der Lebensereignisse zu einem vorhersehbaren Lebenslauf[.]“ (Kohli 1985: 5). Ein solches Lebenslaufregime, in welchem der Lebenslauf die Form einer sozialen Institution angenommen hat, zeichnet sich in zweierlei Weise aus: Der Ablauf des individuellen Lebens wird über den Verlauf der Lebenszeit strukturiert (auch Verzeitlichung). Der individuelle Lebenslauf orientiert sich nicht mehr am Alter als kategorieller Status, über dem die Ordnung zu Altersgruppen erfolgt, sondern verstärkt am chronologischen Alter des Individuums (auch Chronologisierung) (Scherger 2007: 20; Kohli 2007: 255).

Aus dieser Verzeitlichung und Chronologisierung gehen zwei weitere Entwicklungen hervor (Mayer 1996: 46f.): Zum einen hat sich ein chronologisch standardisierter Normallebenslauf*3 herausgebildet, welcher sich vor allem um das Erwerbssystem herum organisiert hat (auch Standardisierung). Der Lebenslauf lässt sich in seiner äußeren Gestalt und zeitlichen Gliederung grob in eine Vorbereitungs- (Schule; Ausbildung; Studium), Aktivitäts- (Erwerbstätigkeit) und Ruhephase (Renteneintritt) dreiteilen. Neben diesen strukturellen Veränderungen, durch die der Lebenslauf als „lebenszeitliches Regelsystem“ die Abfolge bestimmter Sequenzen des Lebens strukturiert, lassen sich zum anderen solche Wandlungstendenzen ausmachen, die sich auf die Ordnung der lebensweltlichen (Zeit-)Horizonte, Wissensbestände und Handlungsstrukturen von Individuen beziehen (Kohli 1985: 3, 8, Scherger 2007: 21): Die Freisetzung des Individuums aus seinen bisherigen ständischen und lokalen Bindungen wirkt den obengenannten Strukturierungsimpulsen deutlich entgegen (Kohli 2007: 255). In diesem Moment der Individualität wirkt das individuelle Handeln eigenständig und konstituierend (Mayer 1996: 46). Die Kontrolle durch (soziale) Kleingruppen wird durch eine Selbstkontrolle (auch Affektkontrolle) ersetzt, welche eine längerfristige Planung und einen reflexiven Umgang mit altersgebundenen Anforderungen erfordert (Scherger 2007: 21; Kohli 1985: 10f.). Hiermit zeichnet sich eine zweifache Konfliktlinie zwischen äußeren Regelungen und biographischen Orientierungen ab: Nach Kohli (1985: 8ff., 19f.) bietet der institutionalisierte Lebenslauf zwar vielfältigere und entscheidungsoffenere Situationen und feste Handlungsorientierungen; gleichzeitig ist die individuelle Lebensführung aber nicht völlig von jeglichen strukturellen Einflüssen losgelöst. Sie orientiert sich an neuen Erfordernissen auf dem Arbeitsmarkt. Somit grenzt der Lebenslauf dieselben Handlungsoptionen zugleich auf einige wenige ein (Scherger 2007: 22, 42).

Ein solches Spannungsverhältnis löst sich bei Mayer (1990: 7) dahingehend auf, als dass er Lebensverläufenur durch (wohlfahrts-)staatliche Regelungen strukturiert sieht*4. Während Kohli dem individuellen Handeln eine mitgestaltende Wirkung beimisst, ist das Handeln von Individuen nur noch Ausdruck wohlfahrtsstaatlicher und weiterer politisch-gesellschaftlicher Logiken (auch institutionelle Rationalität): Das Individuum wird bestimmten Reizen ausgesetzt und richtet sein Handeln stets nach einem individualistisch-ökonomischen Kalkül aus. Die Entscheidungslogik ist für jeden Lebensabschnitt und/oder Zeitpunkt im Lebensverlauf durch unterschiedliche Anreize und Sanktionen bedingt. Sie steht auch hier den Werten, Normen und Regeln vormoderner familialer und lokaler Bindungen entgegen (Mayer 1996: 53, 67; Scherger 2007: 25f.). Die Prägkraft von traditionellen Liebes-, Ordnungs- und Pflicht-, Arbeits- und Leistungswerten hebt sich zu Gunsten von Selbstentfaltungs- und Bestrebungen nach unmittelbarem Erleben und Genießen auf (Mayer 1990: 15).

Neben solchen direkt-staatlichen Regelungsmechanismen benennt Mayer – als einer der führenden deutschen Vertreter der Lebenslaufforschung – noch zwei weitere Regelungsmechanismen: Es ist zum einen die Abfolge der Geburtskohorte, d.h. die altersstratifizierenden Wirkungen des Hineingeborenseins in sozial-historisch (un-)vorteilhafte Bedingungen, welche den Lebenslauf in seinen Übergängen strukturieren können (Sackmann und Wingens 2001: 21; Scherger 2007: 25f.). Eine stärker konstituierende Wirkkraft misst er aber einem endogenen Kausalzusammenhang zu; die gesellschaftlich geprägten Phasen und Übergänge stehen nicht als isolierte Ereignisse hintereinander, sondern vorgelagerte Ereignisse, Entscheidungen und Erfahrungen beeinflussen die nachfolgenden Übergänge, Zielsetzungen und Erwartungen maßgeblich. Mayer schreibt dem Lebenslauf damit jegliche Eigendynamik ab. Die Orientierungs- und Deutungsmuster (z.B. Altersnormen; kulturell geprägte Vorstellung vom Normallebenslauf) bekommen nur noch die Rolle als „sozialisatorische Verstärker“ der den Lebenslauf strukturierenden Institutionen zugewiesen (Mayer 1990: 10f.; Mayer 1987: 60).

In Levys Konzeption des Lebenslaufs als Statusbiographie – mit der er eine Art Zwischenposition einnimmt – gilt es ebenso wenig nützlich, den Lebenslauf selbst als eigenständige soziale Institution zu verstehen. Institutionalisierung meint die Einflüsse jener Institutionen, die strukturierend auf den Lebenslauf und so auf die Abfolge von Status- und Rollenpositionen wirken (Levy 1977: 31, 36; Scherger 2007: 20, 28). Er begreift die Institutionalisierung aber nicht nur als einseitigen top-down-, sondern umgekehrt auch als bottom-up-Prozess; der Lebenslauf kann sich unabhängig von den ihm prägenden Institutionen wandeln und auf dieselben (zurück-)wirken.

Nach Levy ist es zwar denkbar, dass zeitgleich mehrere Lebenslaufmuster – insbesondere für Frauen und Männer – in einer Gesellschaft normativ verbreitet sind. Es ist aber nur vereinzelt zu erwarten, dass abweichende Lebensläufe jenen gesellschaftlich standardisierten Normallebenslauf dauerhaft ändern können. Gesamtgesellschaftliche Durchschlagskraft haben also solche Lebensläufe, die sowohl strukturell und damit auf die den Lebenslauf bedingenden Regelungen als auch kulturell und somit auf die Sozialisierung von Ideologien und Vorstellungen bezogen, institutionalisiert sind. Institutionalisierte Lebensläufe*5 müssen nicht zwingend einem einheitlichen Muster folgen; sie können jeweils unterschiedlich auf verschiedene Personengruppen (auch fragmentierte Institutionalisierung) und gar direkt oder indirekt wirken (Levy 1996: 81, 84ff.; Scherger 2007: 28f.).

2.1.2 Grundlegende Wesensmerkmale des Lebenslaufs

Der Lebenslauf verfügt zunächst über eine formal-komplexe Struktur: In Anlehnung an Elder (1978) – der die konzeptionell-begriffliche Grundlage der lebenslaufbezogenen Forschung maßgeblich legte – ist der Lebenslauf das Resultat eines spezifischen Timings, d.h. der Reihenfolge und des Abstandes verschiedener Ereignisse (Sackmann und Wingens 2001: 19). Kohli (2010: 159) und andere sehen den Lebenslauf durch das Auftreten (auch Prävalenz) eines Ereignisses an sich und durch dessen Dauer (Permanenz) und Platzierung in der Lebenszeit strukturiert (z.B. Schiener 2010: 51; Schneider et al. 1998: 20). Sie treten in Form von Übergängen und Entscheidungen auf, die wiederum einen Zustandswechsel zur Folge haben (Abb. 1) (Sackmann und Wingens 2001: 23). Dabei wird eine soziale (Status-)Position, Rolle oder Lebensform geändert, die im Laufe des Lebens und in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Familien-; Bildungs- und Erwerbs-; Wohnungs- und Wohnortsverlauf) durchlaufen werden (Sørensen 1990: 310; Mayer 1990: 9; Scherger 2007: 74). So bewirkt etwa das Ereignis 'Neue Paarbeziehung' den Übergang von der Lebensform 'Partnerlos' in die Lebensform 'LAT-Partnerschaft'.

Nach Elder (1985) ist der Übergangsbegriff gegenüber den des Ereignisses zu präferieren; Veränderungen treten nicht punktuell, sondern prozesshaft auf und bedürfen mehr oder weniger (Lebens-)Zeit (Sackmann und Wingens 2001: 19). Das Konzept des Übergangs ist auch gegenüber den ihm nahestehenden Begriff der Statuspassage zu bevorzugen. Glaser und Strauss (1971) verstehen unter dem Lebenslauf einen „(...) universal escalator on which everyone rides“ (zit. nach Scherger 2007: 76). Es ist jedoch zu vermuten, dass sich ein Individuum über mehrere Lebensbereiche hinweg (synchron und diachron) bewegt und Statuswechsel auch in verschiedenen Lebensbereichen (zeitgleich) möglich sind (Scherger 2007: 76). Eine ähnliche Eindimensionalität weist auch Levys Konzept der Statusbiographie auf; Statusänderungen begrenzt er auf Auf- oder Abwärtsbewegungen im Gefüge sozialer Ungleichheit (Levy 1977: 31). Statuswechsel sind nachfolgend als ein potentieller Aspekt von Übergängen zu verstehen.

Abbildung 1: Struktur des Lebensverlaufs

[Abbildungen werden in dieser Leseprobe aus technischen Gründen nicht dargestellt]

Quelle: Eigene Darstellung.

Die Gesamtheit aller Übergänge, Entscheidungen und Zustandsänderungen bilden den Lebensverlauf eines Individuums ab. Analytisch wird er nach verschiedenen Lebensbereichen in einzelne Teilverläufe aufgegliedert und operationalisiert (Scherger 2007: 75; Sackmann und Wingens 2001: 42; Schiener 2010: 51, 53; Scherer und Brüderl 2010: 1032). Nachfolgend steht der Partnerschaftsverlauf im Mittelpunkt. In Anlehnung an Schneider und Rüger (2008: 132) werden hierunter sämtliche Übergänge vom Beginn der ersten Partnerschaft bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr verstanden. Sie sind durch konkrete Ereignisse in der Paarbeziehung geprägt. Als solche gelten die Gründung, Aufrechterhaltung und Auflösung einer partnerschaftlichen Lebensform. So initiiert z.B. die Aufnahme einer Partnerschaft, das Ende einer Unterbrechung oder die Gründung eines gemeinsamen Haushaltes bzw. beendet z.B. die Trennung eines Paares, der Beginn einer Unterbrechung oder die Auflösung einer Haushaltsgemeinschaft einen Übergang im Beziehungsverlauf (Mühling und Schreyer 2012: 5).

Als eine Art Bindeglied zwischen Übergängen und Verläufen fungiert die Sequenz, welche mindestens zwei Übergänge in einer bestimmten Prozesszeit umfasst. Sequenzen bilden normative und/oder empirisch regelmäßige Strukturmuster heraus; jene beziehen sich auf die Anzahl, Reihenfolge und Verortung vergangener Zustände (auch Prozessgedächtnis) und auf die aktuelle und zukünftige Verweildauer von Zuständen in einer Übergangsabfolge (Sackmann und Wingens 2001: 32ff., 42; Scherger 2007: 81; Scherer und Brüderl 2010: 1032). Letztere gibt die sozial-gesellschaftliche und/oder individuelle Bedeutung eines Zustandes wieder (Sackmann und Wingens 2001: 37).

Um die Zahl möglicher Verknüpfungen von Übergängen reduzier- und klassifizierbar zu machen, haben sich Sackmann und Wingens um eine Typologie von Sequenzen bemüht (Scherger 2007: 80). Sie bestimm(t)en den Zwischenstatus (A→B→A), bei dem der erste Übergang aus dem Start- und ein zweiter zum identischen Endstatus zurück führt, den Wechselstatus (A→B→C), wobei auf dem unterbrochenen ein neuartiger (End-)Status folgt, den Brückenstatus (A→AB→B), bei dem ein abrupter Zustandswechsel durch einen „Mischstatus“ abgefedert wird, der Folgestatus (A→B→AB), innerhalb diesem der End-Mischzustand den mit dem ersten Übergang verbundenen Statuswechsel mildert und den Statusbruch (A→B), der aus nur einen Übergang und Zustandswechsel besteht (Sackmann und Wingens 2001: 34f.). Hiermit kann das Verhältnis zwischen Übergängen und Verläufen unterschiedlich gedacht werden: In einem ersten Gedankengang wird der Lebensverlauf auf ein einziges prägendes Übergangsereignis reduziert; in diesem Fall sprechen z.B. Mayer (1988) und Blossfeld (1989) von „sensiblen Phasen“ (Scherger 2007: 81). In einem weniger deterministischen Gedankengang wird der Lebensverlauf von mehreren „verlaufsprägenden Ereignissen“ strukturiert (Sackmann und Wingens 2001: 24, 23ff.). Durch die Kombination aus zeitlich nah oder weit auseinanderliegenden Übergängen sind verschiedene „Richtungswechsel“ möglich (auch Wendepunkt: turning point).

Vom Individuum wird also eine stetig wachsende Anpassungsleistung abverlangt; der Lebensverlauf erweist sich hiermit ferner alskomplexer Handlungszusammenhang : Erstens spannt sich der moderne Lebensverlauf über verschiedene Realitätsbereiche (auch Mehrdimensionalität): Einzelne Teilverläufe wirken wechselseitig beeinflussend und sind stärker konkurrierend oder unterstützend aufeinander bezogen (Mayer 1990: 11; Scherger 2007: 77; Huinink und Konietzka 2007: 43f.). Ganz im Sinne Kohlis (1985) wird die Partnerschafts- primär mit der Bildungs-/Berufsbiographie abgestimmt. Mit der Bildungsexpansion werden z.B. flexiblere und kurzfristige Paarbeziehungen bevorzugt gelebt, engere und langfristigere Verbindungen stehen der Vollbeschäftigung junger Frauen indes entgegen (Blossfeld et al. 2008: 30).

Übergangsentscheidungenfolgen zweitens einer Pfadabhängigkeit (Huinink und Konietzka 2007: 44f.). Gegenwärtige Handlungen beeinflussen zukünftige Ereignisse. Konkrete Handlungsentscheidungen sind weiterhin nicht, die aus ihnen folgenden Konsequenzen aber umkehrbar (Sackmann und Wingens 2001: 26). Jene Übergänge, die vorherige wieder aufzuheben versuchen, werden weniger sozial sanktioniert (Nave-Herz 1996: 74; Scherger 2007: 77). Ein Beispiel: Das Eingehen einer neuen Paarbeziehung löst eine vorherige und die damit verbundene Haushaltsgemeinschaft auf.

Drittens findet der moderne Lebensverlauf auf verschiedenen Handlungsebenen (auch Mehrebenenbezug) statt: Er vollzieht sich an der Schnittstelle zwischen Vorgaben sozial-gesellschaftlicher Institutionen, kohortenspezifischen und zeitgeschichtlichen Gegebenheiten und individuellen Bedingungen (Mayer 1990: 10; Schneider et al. 1998: 20; Huinink und Konietzka 2007: 43). Sie stehen in Wechselwirkung zueinander. Nach Levy (1996) ist es ein Wandel vom Normallebenslauf zu -läufen, zwischen denen 'frei' gewählt werden kann (Schneider et al. 1998: 203).

Der moderne Lebensverlauf folgt viertens keiner verbindlichen Abfolge aufeinanderbezogener Übergänge und Sequenzen mehr (auch Destandardisierung): Jene dauern unterschiedlich lange an und werden nur von einigen wenigen Individuen (wiederholt) durchlaufen (Scherger 2007: 77). Gleichwohl können Übergänge weiterhin von Außen vorgegeben und erzwungen sein – dies ist z.B. bei einer Trennung durch den Partner der Fall. Übergänge können ebenso befriedigend wie belastend erlebt werden.

2.2 Lebensform – Drei „lebensformenkonstituierende Merkmale“

Der Ausdruck Lebensform dient als Oberbegriff vielfältiger Formen der alltäglichen Lebens- und Beziehungsgestaltung (Asendorpf 2008a: 750). Eine erste allgemeine(re) Definition gibt das Statistische Bundesamt vor, welches unter Lebensformen „(...) relativ stabile Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich (…)“ versteht, „(...) die allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens (mit oder ohne Kinder) beschrieben werden können“ (Niemeyer und Voit 1995: 437) Basis jeder Lebensform sind also private, soziale Beziehungen. Hiermit ist die Art und Weise gemeint, wie sich das Individuum in seiner Lebensführung zu anderen in Beziehung setzt und wie es das Zusammenleben mit anderen organisiert (Schneider et al. 1998: 13; Lauterbach 1999: 239; Huinink und Konietzka 2007: 32).

Ob eine Lebensform als traditionell erachtet wird oder nicht, hängt von der kollektiven Definition und subjektiven Bewertung ab – oder anders: Lebensformen sind (nicht) konventionell, weil sie als solche betrachtet und bewertet werden (Schneider et al. 1998: 10f.). Für die gesellschaftliche Legitimation sind jene Merkmale ausschlaggebend, die mit der bürgerlichen Kernfamilie in Verbindung gebracht werden (Schneider et al. 1998: 10ff.; Küpper 2000: 19): das Vorhandensein von (hier: 2) Kindern und eines Partners (hier: im gemeinsamen Haushalt), der Familienstand (hier: Ehelichkeit der Eltern- und Paarbeziehung) und die Binnenstruktur (hier: geschlechtsspezifisch Rollen- und Aufgabenverteilung). Für die Abgrenzung von Lebensformen lassen sich also drei strukturelle Aspekte nennen: Eine Lebensform kann zunächst anhand der sozialen Beziehungen, in der jemand lebt, unterschieden werden (Huinink und Konietzka 2007: 32). Hierbei differenzieren z.B. Schneider et al. (1998: 13f.) zwischen einer Eltern-Kind- (auch familiale Lebensform), Verwandtschafts-, Freundschafts-, social-support- und partnerschaftlichen Beziehung. Unter Letzterer wird oftmals eine exklusiv-dyadische, persönlich und potentiell sexuell-intime sowie auf Dauer angelegte Beziehung zwischen zwei gleich- oder gegengeschlechtlichen Personen verstanden (Huinink und Konietzka 2007: 30f.). Zum einen wird die Paarbeziehung anhand einer gegenseitigen Bestätigung des (Beziehungs-)Status', einem Selbstverständnis als Paar, einer Vermittlung desselben nach außen und einer Wahrnehmung von anderen als solches bewertet (Schneider et al. 1998: 13f.; Levin 2004: 227); zum anderen kann auch der subjektiven Deutung und Selbstdefinition des Paares übertragen werden, welche Verbindung als feste Partnerschaft zu werten ist (Schneider und Rüger 2008: 132). Gemein ist ihnen, dass die Manifestation einer Paarbeziehung keinen gemeinsamen Haushalt voraussetzt (Schneider und Ruckdeschel 2003: 246; Levin 2004: 224).

Eine (partnerschaftliche) Lebensform kann somit auch durch den Typus des Haushaltes bzw. der Lebensgemeinschaft, in dem/der ein Individuum lebt, bestimmt werden. Anhand der Haushaltsform unterscheidet z.B. Peuckert (2005: 29ff.) zwischen Allein- sowie getrennt, ehelich und nichtehelich Zusammenlebenden. Letztere wohnen und wirtschaften zusammen; sie bilden einen privaten Haushalt. Indes praktizieren Paare, die eine Partnerschaft, aber keinen privaten Haushalt führen, eine Paargemeinschaft und halten wie Alleinlebende einen eigenständigen (Einpersonen-)Haushalt aufrecht (Huinink und Konietzka 2007: 31f.; Huinink und Wagner 1998: 89).

Die Wohn- und Wirtschaftssituation ist ein wichtiger Bereich, in dem sich eine Partnerschaft 'vertiefen' kann: Ein meist erster Schritt ist der Zusammenschluss beider Haushalte (Kopp et al. 2010: 46). Eine stärkere Institutionalisierung kann sich auch über die Gründung einer gemeinsamen Wirtschaftsgemeinschaft (z.B. gemeinsames Konto des Paares) oder durch die Fixierung gesellschaftlicher (z.B. Fixierung der Rechtsstellungen der Partner durch Partnerschafts- oder Ehevertrag) sowie bi- oder multilateraler Regelungen (z.B. Arbeitsteilung in Partnerschaft), die in direkter Interaktion der Partner ausgehandelt werden, vollziehen (Schneider et al. 1998: 14; Huinink und Konietzka 2007: 34). Eine (partnerschaftliche) Lebensform wird also auch am Grad der Institutionalisierung (der Paarbeziehung) differenziert. Das getrennte Zusammenleben erweist z.B. als die weniger, die eheliche Lebensgemeinschaft dagegen als die stärkste institutionalisierte Lebensform (Schneider et al. 1998: 14).

Zusammen gelten das (Nicht-)Vorhandensein einer Paarbeziehung und Lebensgemeinschaft und der Grad der Institutionalisierung als grundlegende Merkmale zur Bestimmung von Lebens- und Partnerschaftsformen. Es lässt sich zwar auf eine Vielzahl weiterer „[l]ebensformenkonstituierende[r] Merkmale“ (z.B. Arbeitsteilung; Erwerbsarbeit; biographische Platzierung; Motive für Wahl und Aufrechterhaltung ) verweisen; eine vollständige Klassifikation und Differenzierung von Lebensformen ist empirisch jedoch kaum möglich und nur wenig sinnvoll (Huinink und Konietzka 2007: 32ff.; Schneider et al. 1998: 10f.). Dies gilt zumal deshalb, als dass die nachfolgende Lebensform nochmals über eine Vielzahl an möglichen Definitionskriterien verfügt.

2.3 Wer sind sie? – LATs im engen und weiten Sinne

Der Begriff „living apart together“ wurde in den 1980er Jahren von Straver in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt (Eberle 2004: 11). Bis heute haben sich eine Vielzahl an Bezeichnungen festigen können, denen jeweils unterschiedliche Definitionsversuche zugrunde liegen (Zartler 1999: 212f.). Es finden sich zunächst einige wenige Autoren, welche die Partnerschaft mit getrennten Haushalten anhand des Familienstandes zu definieren versuchen (Reuschke 2010b: 25). Schlemmer (1995: 363) meint z.B. unter der „partnerschaftliche[n] Lebensform von Singles“ eine Paarbeziehung, „(...) in der nichteheliche Partner, ohne einen gemeinsamen Haushalt zu führen, leben“ (auch Haskey 2005: 36). Umgekehrt wird nach Bertram (1991) eine solche von einem verheirateten Paar praktiziert (Schlemmer 1995: 363).

Nach Schneider (1994: 140) ist nicht der Familienstand oder das (Nicht-)Vorhandensein von Kindern im Haushalt, sondern der Grad der Frei- bzw. Unfreiwilligkeit des Entstehungszusammenhangs das zentrale Definitionskriterium. Dieser Aspekt wird unter dem Begriff der „Shuttle-Beziehung“ gefasst (Schneider et al. 1998: 53). Hierbei handelt es sich um eine partnerschaftliche Lebensform (zumeist) verheirateter Paare, die aufgrund struktureller und/oder berufsspezifischer Erfordernisse neben dem gemeinsamen, einen zweiten Haushalt gründen, welcher phasenweise von einem der Partner genutzt und (mehrheitlich) temporär aufrechterhalten wird. Hiervon lassen sich die 'richtigen' „living-apart-together-Beziehungen“ (Schneider et al. 1998: 54) oder „living apart relationships“ (auch LARs) ( Stoilova et al. 2014: 1076f.) abgrenzen. Darunter verstehen Schneider et al. (1998: 54) und Schneider (1994: 149) eine „Partnerschaft mit getrennten Haushalten“, in denen die (zumeist) nicht miteinander verheirateten Partner bewusst „(...) die Gründung eines gemeinsamen Haushalts [dauerhaft] nicht anstreben“. Individualistische Motivlagen spielen eine dominante, berufsbezogene Anforderungen können eine – müssen aber keine – (untergeordnete) Rolle spielen. Für Paarbeziehungen, die aufgrund einer stark ausgeprägten Karriereorientierung beider Partner getrennte Haushalte aufweisen, hat sich vor allem im angloamerikanischen Sprachraum der Begriff „Commuter-Ehen“ (Schlemmer 1995: 363) bzw. „commuting marriage“ (Levin 2004: 228) etabliert. Da eine solche partnerschaftliche Lebensform auch unabhängig vom Familienstand auftreten kann, ist der Terminus „dual-career-shuttles“ (Schneider et al. 1998: 54) oder „Commuter-Paare[.]“ (Peuckert 2005: 98) zu präferieren.

Das fällt mit Hoffmann-Nowotnys Begriffsverständnis durchaus zusammen, wobei er die konkreten Lebenswelten der Individuen stärker in den Vordergrund rückt (Dorbitz und Naderi 2012: 395). Das „getrennt[e] [Z]usammenleben“ geht nach Hoffmann-Nowotny (1995: 340f.) nicht zwingend mit einer getrennten Haushaltsführung einher. Vielmehr versteht er hierunter die weitgehende Verselbstständigung der Lebensstile und -sphären beider Partner. Es entstehen nicht zwei Sub- sondern zwei separate Systeme, die scharf voneinander abgegrenzt und weitgehend autonom geregelt werden; die(-selben) Funktionen innerhalb des Lebens-, Arbeits- und Sozialbereichs (z.B. Haushalts- und Erwerbsarbeit; Freundeskreis) werden doppelt und nicht arbeitsteilig (z.B. Frau: Hausarbeit; Mann: Erwerbsarbeit) ausgeführt (Schlemmer 1995: 363, 366f.; Zartler 1999: 213). Paare leben also getrennt zusammen, weil es ihrem Beziehungsideal entspricht; er sieht es als Garant für eine symmetrische Paarbeziehung, losgelöst von geschlechtsspezifischen Rollenstereotypen – oder wie es Burkart (1997: 165) treffend formuliert: als ein „ individualisierte[s] Paar per excellence“ .

Andere Autoren bemühen sich verschiedene Zeitkriterien zu etablieren. Das erfolgt in dreierlei Weise: Es ist zunächst die aktuelle und zukünftige Dauer der getrennten Haushaltsführung. So begreift z.B. Trost (1995) unter „living-apart-together“ – noch relativ allgemein – eine partnerschaftliche Lebensform „(...) von verheirateten oder unverheirateten Paaren, die lange Zeit räumlich getrennt voneinander leben“ (zit. nach Schneider et al. 1998: 51f.). Weiterführend erklären z.B. Haskey und Lewis (2006: 42), Schneider und Ruckdeschel (2003: 248) oder Noyon und Kock (2006: 32) erst eine Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt als solche, wenn die Paarbeziehung seit mindestens zwölf Monaten besteht. Andere betonen indes die lebensphasenspezifische Bedeutung des Getrenntlebens als Paar. So werden „Partnerschaften ohne gemeinsamen Haushalt“ in der Postadoleszenz als transitorische Lebens- und Partnerschaftsformen von (mehrheitlich) kinderlosen, ledigen jungen Paaren begriffen, die sich noch am Beginn ihrer Partnerschaftsbiographie befinden (Schneider et al. 1998: 52). Während Schneider und Ruckdeschel (2003: 251) diese (vereinzelnd noch) im Elternhaus wohnenden Paare als 'legitime' Träger einer Partnerschaft mit getrennten Haushalten begreifen, fasst Peuckert (2008: 78) unter einer solchen lediglich unverheiratete und verheiratete Paare, welche keine gemeinsame Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft führen und außerhalb des elterlichen Wohnhauses leben. Die obengenannten 'richtigen' Partnerschaften ohne gemeinsamen Haushalt lassen sich nach seinem Verständnis also nur im mittleren (meist nach Scheidung) oder höheren Lebensalter (meist nach Verwitwung finden, die vom Selbstverständnis und aus einer Verlaufperspektive her langfristig aufrechterhalten werden sollen (Burkart 1997: 146).

Gemein ist allen, dass sie das getrennte Zusammenleben ohne Bezugnahme auf die räumliche Entfernung der Haushalte definieren (Reuschke 2010b: 25). Nur wenige Autoren ziehen diese als Definitionsmerkmal heran: So verstehen z.B. Dorbitz (2009: 35f.) sowie Dorbitz und Naderi (2012: 395) unter einer „Nahbeziehung“ eine stärker selbstgewählte (Größtes Maß an persönlicher Autonomie; Unabhängigkeit) Partnerschaft von Verheirateten und Unverheirateten, die sich gegenseitig „(...) relativ schnell (...)“ erreichen können und umgekehrt sprechen sie von einer eher unfreiwilligen „Fernbeziehung“ (auch long distance relationship: LDR), wenn die getrennten Haushalte erst in mehr als zwei Stunden erreichbar sind. Analog bezeichnet Reuschke (2010b: 25) „[m]ultilokale Lebens- und Wohnformen“ als Fernbeziehung, wenn die getrennten Haushalte mehr als fünfzig Kilometer voneinander entfernt liegen.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Bestimmungsversuchen durchaus fließend sind. Um den LAT-Begriff in seiner ganzen Vielfalt zu operationalisieren, soll eine weite Definition*6 formuli ert werden (Reuschke 2010b: 75). Hierbei kann an Schmitz-Köster (1990) angeknüpft werden, die unter einer „Liebe auf Distanz“ „(...) verheiratete oder unverheiratete Paare, die freiwillig oder unfreiwillig, befristet oder unbefristet keine gemeinsame Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft praktizieren“, fasst (zit. nach Schlemmer 1995: 363). An einer LAT-Partnerschaft wird also zunächst nur eine einzige Bedingung gestellt: Das Nichtvorhandensein eines gemeinsamen Haushaltes; und das gilt unabhängig vom Familienstand und weiteren Haushaltskontext, der Nähe oder Distanz der Haushalte zu- bzw. voneinander, in welcher (Alters-)Phase im Verlauf des Lebens die getrennte Haushaltsführung auftritt, jene mit oder ohne Kinder gelebt, als freiwillig oder unfreiwillig, positiv oder defizitär erlebt und als dauerhafte oder zeitlich befristete partnerschaftliche Lebensform praktiziert wird. Gerade diese formale(-re-)n Merkmale sind dafür kritisiert worden, der subjektiven Lebenswirklichkeit und dem (Selbst-)Verständnis von Individuen nicht gerecht zu werden (Schmidt et al. 2006: 15).

Sodann sind zwei weitere Bedingungen zu nennen, mit denen über Schmitz-Köster hinausgegangen werden soll: Zum einen ist mit einer LAT-Partnerschaft*7 nachfolg end eine Lebens- und Partnerschaftsform gemeint, die homo- wie heterosexuelle Paarbeziehungen gleichermaßen einschließt. Sie sind sich weitaus ähnlicher als empirische Studien (z.B. männliche Homosexualität) dies nahelegen. Es hat sich in zahlreichen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen als fruchtbarer Ansatz erwiesen, nicht zwischen gleich- und gegengeschlechtlichen Partnerschaften zu unterscheiden oder die eine/andere aus der Analyse auszuschließen (z.B. Dekker und Matthiesen 2004: 41f.; Strohm et al. 2009: 177, 200; Stoilova et al. 2014: 1078). Welche Paarbeziehung anschließend als feste (LAT-)Partnerschaft zu bewerten ist, wird zum anderen von den Individuen selbst bestimmt. Damit wird – wie im deutschen Beziehungs- und Familienpanel auch – auf eine Selbstzuweisung gebaut (z.B. Dekker und Matthiesen 2004: 41). Das Vorgehen steht zwar im Kontrast zu solchen Autoren (z.B. Duncan und Phillips 2010: 117f.), die erst dann von einer Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt sprechen, wenn sie von anderen als solche (an-)erkannt wird; gleichzeitig erweist sie sich aber konform zu z.B. Schneider (1996: 89): Es ist eine partnerschaftliche Lebensform, „(...) in der die befragte Person nicht mit einem Partner zusammenlebt, aber angibt, eine feste Partnerschaft zu haben“ (Hervorhebungen durch Autorin).

2.4 Zwischenfazit – Lebensverlauf ist Gesamtheit aller Lebensformwechsel

Der (partnerschaftliche) Lebensverlauf ist als Gesamtheit aller Übergangs-entscheidungen, Positionsänderungen und Lebensformwechsel zu verstehen, die im Laufe der (Lebens-)Zeit – wechselseitig beeinflussend – getroffen und (wiederholt) durchlaufen werden (Kohli 2010: 159; Schiener 2010: 51; Mayer 1990: 11; Scherger 2007: 77). Als 'Bindeglied' zwischen Zustandsänderungen und gesamten Verläufen wirkt die Sequenz; sie umschreibt die Anzahl und Abfolge von, die Verweildauer in und Verortung von Übergängen zwischen verschiedenen Zuständen in der Prozesszeit (Sackmann und Wingens 2001: 32; Scherer und Brüderl 2010: 1032f.).

Eine Lebensform beschreibt wiederum, wie das Individuum sein Leben mit anderen organisiert (Schneider et al. 1998: 13). Anhand der Art der sozialen Beziehungen, Haushaltsform und dem Grad der Institutionalisierung lassen sich (partnerschaftliche) Lebensformen unterscheiden (Huinink und Konietzka 2007: 34). Für das getrennte Zusammenleben ist ein weiter Definitionsvorschlag vorgebracht worden, innerhalb diesem ob- wie subjektive Kriterien ineinandergreifen:

• In einer LAT ist jemand, der in einer festen Paarbeziehung, aber mit dem Partner nicht in einem gemeinsamen Haushalt lebt. Es ist irrelevant, ob er eine hetero- oder homosexuelle Partnerschaft führt.

3. Theoretischer Rahmen: LATs in einem Makro-Mikro-Link

Die theoretische Grundlage, auf welcher die verlaufbezogene Familienforschung fußt, zeichnet sich in zweierlei Weise aus: Zum einen liegen keine ausgereiften Theorien vor, die sich explizit auf LATs beziehen (Lois 2012: 249). Gleichwohl ist eine Vielzahl an divergenten Erklärungs- und Argumentationsansätzen hervorgebracht worden, denen es gelingt, die zahlreichen Einflussfaktoren, Ursachen und Beweggründe zu bestimmen, welche für das Eingehen einer bestimmen Lebens- und Partnerschaftsform und damit auch für die Form des partnerschaftlichen Lebensverlaufs verantwortlich sind (Meyer 1992: 17). Sie erweisen sich theoretisch wie empirisch*8 als außerordentlich anschlussfähig. Da sich die theoretischen Modelle und Befunde aber mehrheitlich auf zusammenlebende verheiratete Paare beschränken, werden ihre Überlegungen an Partnerschaften mit getrennten Haushalten entsprechend angepasst (Noyon und Kock 2006: 28). Hierüber ist es möglich, eine Reihe von Annahmen zur Gestalt moderner Partnerschaftsverläufe abzuleiten, welche die späteren Analysen und Interpretationen der Ergebnisse sinnvoll strukturieren können.

Zum anderen findet eine integrative Makro-Mikro-Perspektive großen Anklang (Timm 2004: 49): Bis weit in die Gegenwart hinein dominierte eine makrotheoretische Betrachtungsweise auf den Zusammenhang von sozial-gesellschaftlichen Entwicklungen und dem familialen wie partnerschaftlichen Verhalten. Gemein ist den nachfolgend vorgestellten Makrotheorien, dass sie beobachtbare Wandlungsprozesse vor dem Hintergrund verschiedener Modernisierungstrends bewerten (Meyer 1992: 17). Ihr Erkenntnisstand wird zunehmend von Handlungs- und Entscheidungstheorien auf der Mikroebene sinnvoll ergänzt (Schaeper und Kühn 2000: 125). Sie führen Veränderungsdynamiken stets auf altersbedingte und/oder nutzenmaximierende Abwägungen zurück (Asendorpf 2008a: 752f.; Timm 2004: 49ff.). Als besonders nützlich gelten sozialisationstheoretische und entwicklungspsychologische sowie familienökonomische und austauschtheoretische Ansätze aus der Rational-Choice-Forschung, welche anschließend vorgestellt werden. Ebenso nennenswert sind diverse Stufenmodelle zur Institutionalisierung von Paarbeziehungen; gemein ist ihnen die Annahme, dass mit der jeweils nächsten Stufe der Verbindlichkeitscharakter einer Partnerschaft zunimmt (Kopp et al. 2010: 21). Zur Systematisierung der zahlreichen Einfluss- und Erklärungsgrößen wird abschließend ein soziologisches Mehrebenenmodell herausgearbeitet (Scherger 2007: 83). Hierüber ist es möglich, dieselben systematisch aufeinander zu beziehen und ihre zahlreichen Wechselwirkungen aufzuzeigen. Es ersetzt das 'übliche' Zwischenfazit.

3.1 Makrotheorien – Welche Trends durchziehen die moderne Gesellschaft?

Bis dato ist noch unzureichend geklärt, in welchem Verhältnis die verschiedenen Makrotheorien stehen. Je nach Autor, können sie gegenseitig verstärkend oder abschwächend wirken, sich in die gleiche oder entgegengesetzte Richtung bewegen und als Ursache oder Ergebnis des jeweils anderen Prozesses hervorgehen (Brückner und Mayer 2005: 34). Gleichwohl lassen sich immer wiederkehrende Ansätze bestimmen, welche stets zueinander in Beziehung gesetzt werden: Es ist die Individualisierung, der Postmaterialismus und die (De-)Standardisierung. Zur besseren Strukturierung werden unter Letzterer – wie in der nachfolgenden Tabelle aufgezeigt – weitere Ansätze auf der Makroebene geordnet.

Tabelle 1: Übersicht der Makrotheorien

[Tabellen werden in dieser Leseprobe aus technischen Gründen nicht dargestellt]

Eigene Darstellung. Quelle: Scherger 2007: 96ff.; Zartler et al. 1999: 113f.

3.1.1 Individualisierungsthese

Hradil (1995) versteht unter Individualisierung – in sozialer Hinsicht – die Verselbstständigung des Einzelnen – und in kultureller Hinsicht – von übergeordneten Sinn- und Geltungsmustern, die seine Erfahrungshorizonte, Lebenswirklichkeiten und -interpretationen prägen (Peuckert 2008: 326). Hieran knüpft Beck (2003 [1986]: 206) an, wenn er die Herauslösung des Individuums „(...) aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhängen (...)“ und leitenden Glaubens- wie Normensystemen beschreibt. Die „Entzauberung“ erfolgt über zwei Individualisierungsschübe*9; während der erste im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft noch vornehmlich auf männliche Lebensverläufe beschränkt blieb, greift ein zweiter in den 1960er Jahren sodann – und insbesondere – auf die „entindividualisiert[e] Frau“ über (Peuckert 2005: 362f.; Huinink und Wagner 1998: 86f.). Ähnlich wie Beck (2003 [1986]: 211) spricht auch Leisering (1998: 66f.) von einem Übergang von primären Instanzen (hier: Familie; Stand; soziale Klasse), welche direkte Handlungsregeln vorgeben, hin zu stärker sekundären Institutionen, die Handlungsvoraussetzungen und -freiheiten schaffen. Kohli (1985: 24) erkennt im Aufbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates die Entlastung des Individuums von „Lebensrisiken“ und so jene Sicherheiten und Kontinuitäten (hier: wachsendes Einkommens-; Wohlstandsniveau) erzeugt, die vor allem Frauen aus sozialen Rollenmustern (z.B. Hausfrau; Mutter) und ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen (z.B. Versorgungsehe) freisetzen (Schmidt 2002: 284ff.; Meyer und Schulze 1989: 27).

In wirtschaftlicher Hinsicht versteht Hradil (1995) unter Individualisierung also die Herausbildung von Individuen zu Handelnden, die ihren Lebensunterhalt – neben staatlichen Transferleistungen – vornehmlich durch Erwerbsarbeit erzielen (Peuckert 2008: 326). Während er die neuen Handlungs- und Gestaltungsspielräume des Individuums einseitig positiv begreift, stellen Beck (2003 [1986]: 210, 216, 218) sowie Beck und Beck-Gernsheim (1990: 12) stärker jene neuartigen Ambivalenzstrukturen heraus, mit denen sich der freigesetzte Einzelne „als Planungsbüro (…) seines Lebenslaufes“ zunehmend konfrontiert sieht: Es entstehen nicht nur neue Handlungsmöglichkeiten, sondern auch Entscheidungszwänge, in dem er sich zur aktiven und permanenten Biographisierung gefordert sieht; es bilden sich sowohl neue Handlungschancen als auch -risiken heraus, da das Individuum mit dem „Verlust von traditionalen Sicherheiten“ (hier: Handlungswissen) keine (verbindlichen) Richtlinien und Beispielmuster (mehr) vorfindet, anhand denen es sich orientieren kann; es treten gleichermaßen Handlungsfreiheiten und Selbstverantwortungen sowie Reflexions- und Begründungszwänge hervor, indem der eigene Lebensentwurf gegenüber anderen Alternativen abzuwägen und ab zu sichern ist (Küpper 2000: 44ff.; Schmidt 2002: 287). Folglich bezeichnet Mayer die Individualisierung geradewegs als Ideologie, die Individuen allenfalls vormacht, über einen größeren Handlungsspielraum zu verfügen (Scherger 2007: 34). Es kommen neuartige Kontroll- und Integrationgrößen auf, die Individuen „(...) arbeitsmarktabhängig und deshalb bildungsabhängig (...)“ machen und damit wiederum „(...) Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten“ unterwerfen (Beck 2003 [1986]: 210, 206; 1990: 58f.). Das Individuum wird vorwiegend über das Bildungssystem, dem Arbeitsmarkt und ihren jeweiligen Regelungen, Maßgaben und Ansprüchen (z.B. Zwang zur Weiterbildung; Verlängerung Ausbildungszeit; Atypisches Beschäftigungsverhältnis; raum-zeitliche Mobilität und Flexibilität; Höhere Bildungs- und Erwerbschancen der Frau) sozial eingebunden bzw. reintegriert (Beck 2003 [1986]: 209; Beck und Beck-Gernsheim 1994: 12; Meyer 1993: 38).

Nach Hradil (1995) wirken diese „(...) Strukturen der Modernisierung immer mehr auch in den 'privaten' Bereich der Menschen hinein[.]“; partnerschaftliche Lebensformen und -verläufe bleiben von ihnen also nicht unberührt – ganz im Gegenteil (zit. nach Küpper 2000: 42): Die Paarbeziehung wandelt sich zu einem Verhandlungsraum, zur „Wahlgemeinschaft, zum Verbund von Einzelpersonen“, die jeweils spezifische Interessen und Erfahrungen sowie Risiken und Zwänge mit- und einbringen (Beck-Gernsheim 1994: 134). Hierin liegt ein immanenter Widerspruch des Individualisierungsprozesses begründet: zwischen „(...) den eigenen Interessen von Mann und Frau (...)“, der Bewältigung von Anforderungen eines komplexeren Bildungs- und Erwerbssystems und einem steigenden Bedürfnis nach einer stabilen Paarbeziehung, in der Intimität und Sicherheit zu befriedigen versucht wird (Peuckert 2005: 42; 368; Huinink und Konietzka 2007: 107f.). Vor diesem Hintergrund differenziert Meyer (1992: 86ff.) innerhalb des „Teilsystem[s] privater Lebensformen“ drei Privatheitstypen; den kindorientierten (hier: Ehe), in dem die Kinder und deren Erziehung und Bildung im Mittelpunkt stehen, den partnerschaftsorientierten (hier: Kohabitationen; kinderlose Ehen) und individualistischen (hier: Single; WG) Privatheitstyp, wobei Letztere mit ihrem latent präsenten Aufkündigungs- und biographischen Übergangscharakter mit modernen Funktionsprinzipien wie Mobilität, Flexibilität und Ungebundenheit am besten kompatibel sind. LATs können nach Peuckert (2005: 376f.) wohl diesen beiden Privatheitstypen zugeordnet werden; hiermit handelt es sich sowohl um eine affektiv-emotional auf die Paarbeziehung gerichtete als auch um eine nur schwach institutionalisierte, auf maximale Entfaltung, Flexibilität, Autonomie und Freizeit ausgerichtete partnerschaftliche Lebensform – um eine „Selbstverwirklichung zu zweit“ (Meyer 1992: 168). Eine LAT gilt danach als die am besten an die Bedingungen der modernen Gesellschaft angepasste Lebens- und Partnerschaftsform (Dorbitz und Naderi 2012: 395). Im Kontext der Individualisierungsthese lässt sich eine erste Annahme ableiten:

• LAT-dominierte Partnerschaftsverläufe sollten – unabhängig weiterer individueller Faktoren – aufgrund wohlfahrtsstaatlicher Sicherheiten und umgekehrt durch bildungs- und berufsbezogener Abhängigkeiten anteilsmäßig stark verbreitet sein.

Das fällt mit der Studie „Berufsmobilität und Lebensform“ von Schneider et al. (2002) zusammen, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (auch BMFSFJ) durchgeführt wurde. Sie können einen relativ engen Zusammenhang zwischen berufsbedingter Mobilität und partnerschaftlicher Lebensformen feststellen (Dorbitz 2009: 36). Achtundfünfzig Prozent der Befragten geben an, aufgrund ausbildungs- und berufsbezogener Umstände eine Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt zu wählen (Schneider und Ruckdeschel 2003: 247). Nach den Ergebnissen von Strohm et al. (2009: 201) wird eine Stärke vor allem darin gesehen, dass sie 'generell' eine Paarbeziehung zulässt und damit (zum bestehenden Zeitpunkt) die bestmögliche Lösung darstellt – gerade LAT-Partnerschaften „(...) are a way (…) to balance a desire for intimacy with the pursuit of education, work, or financial goals“. Diese „both/and solution“ macht die LAT-Partnerschaft zur idealen partnerschaftlichen Lebensform ( Levin 2004: 231; auch Duncan und Phillips 2010: 113). Dies gilt vor allem deshalb, als dass wachsende Mobilitäts-, Flexibilitäts- und Karriereanforderungen nicht (mehr) nur auf die Anfänge des Arbeitsmarkteintritts beschränkt bleiben, sondern auch in späteren Berufsphasen zu dauernden Bedingungen werden (Reuschke 2010b: 15).

Diese Paarbeziehungen mit getrennten Haushalten, die theoretisch als „berufsbedingte Notlösung“ bezeichnet werden, sind jedoch nicht per se als solche zu bewerten (Lois 2014: 2, 12). Anhand ihrer Clusteranalyse halten Lois (2012: 259) sowie Lois und Lois (2012: 127ff.) fest, dass Individuen in entsprechenden LAT-Typen (hier: Berufsbedingte Fernbeziehung; Mobile Karrieristen) hoch gebildet sind und ein hohes Erwerbsniveau und Berufsprestige aufweisen. Ebenso ist die Partnerschaftszufriedenheit über- und umkehrt das Konfliktpotential unterdurchschnittlich ausgeprägt. LATs, die aufgrund beruflicher Erfordernisse entstehen, können so partnerschaftlichen Idealvorstellungen entsprechen: Dreizehn Prozent der Befragten führen eine solche Paarbeziehung aus individuellen Präferenzen weiter (Schneider und Ruckdeschel 2003: 247).

3.1.2 These des postmaterialistischen Wertewandels

LATs sind folglich jene partnerschaftlichen Lebensformen, in denen sich die Individualisierung am stärksten ausdrückt – sie sind eine Art „individualising pioneers“ (Duncan und Phillips 2010: 124). Hiermit sind Vermutungen verbunden, dass in der Gemeinsamkeit des Paares besondere Vorstellungen und Leitbilder zur Elternschaft, zur Institution Ehe oder zu Geschlechterrollen vorliegen (Dorbitz 2009: 43f.). Es kann Ingleharts These (1977) eines globalen und unumkehrbaren Wandels weg von materialistischen hin zu postmaterialistischen Wertehaltungen in westlichen Nachkriegsgesellschaften angeführt werden, die er in den 1970er Jahren aufgeworfen hat (Huinink und Konietzka 2007: 109). Er folgt dabei einer Bedürfnishierarchie: Ist schrittweise ein gewisses physisches und wirtschaftliches Sicherheitsniveau erreicht, können höher liegende Bedürfnisse nach z.B. Gleichberechtigung, Partizipation, Autonomie, Selbstverwirklichung oder Lebensqualität nachgegangen und befriedigt werden (Küpper 2000: 102; Meyer 1992: 160f.; Peuckert 2005: 365). Nach Inglehart erfolgt die Prägung der Persönlichkeit und die Herausbildung derselben vornehmlich in der Adoleszenz; die Wertehaltungen des Einzelnen bleiben über den Lebensverlauf relativ stabil. Der postmaterialistische Wertewandel vollzieht sich damit im Übergang von älteren zu jüngeren Geburtsjahrgängen. Als Voraussetzung gelten (einmalig) historisch-gesellschaftliche Ereignisse oder Umbrüche (z.B. Wohlstand der Massen; Wirtschaftswachstum). Über Vergleichsanalysen internationaler Datensätze kann er belegen, dass der Anteil von Postmaterialisten in jüngeren Kohorten westlicher Industrienationen tatsächlich zugenommen hat (Huinink und Konietzka 2007: 109f.).

Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft ist also ein diffuses System von konkurrierenden Wertepräferenzen; jedoch weniger im Sinne eines Austausches von alten durch neue*10, sondern vielmehr im Sinne einer (Ver-)Mischung von alten und neuen Wertehaltungen (Peuckert 2005: 365; Meyer 1992: 161f.; Klages 1984: 164f.). Mit der „Konkurrenz der Genüsse“ geht notwendigerweise ein stärker individueller Umgang mit Werteorientierungen einher (Brüderl 2004: 8). Dies gilt zumal deshalb, als dass sie sich in verhaltensrelevanten Einstellungen ausdrücken können und so wiederum in spezifischer Art und Weise auf die partnerschaftliche Lebensführung wirken: Sie beeinflussen negativ die Wahl von jenen Lebens- und Partnerschaftsformen, in denen die Bereitschaft zur Elternschaft und Eheschließung hoch bzw. überhaupt ausgeprägt ist. Inglehart kann empirisch nachweisen, dass sich Post- im Vergleich zu Materialisten in konkreten Einstellungen zur Ehe, Kinder und Familie als weniger religiös und umgekehrt als deutlich liberaler hinsichtlich der Kinderlosigkeit, nichtehelichen Elternschaft, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität erweisen. Entsprechend messen Postmaterialisten der Ehe und Kindern einen geringeren persönlichen Lebenssinn bei (Huinink und Konietzka 2007: 109f.).

Ähnlich wie Ariès (1983), der eine Einstellungsverschiebung von der Qualität des Kindes (hier: Sozialisation; Bildung) hin zur Betonung der Paarbeziehung (hier: Anspruch auf Selbstverwirklichung; individuelle Autonomie; Emanzipation der Frau) beschreibt, fördern sie zum anderen solche Lebens- und Partnerschaftsformen, deren Partnerschaftsideal weniger auf Nähe und Gemeinsamkeit, sondern vielmehr auf Unabhängigkeit und Distanz ausgerichtet ist, in der also „(...) Emotionalität auf Abstand mit Freiräumen für die Partner gelebt wird“ (Schneider und Ruckdeschel 2003: 247; Zartler et al. 1999: 110f.). Ein solches spiegelt sich – wie bereits angedeutet – vor allem in Paarbeziehungen ohne gemeinsamen Haushalt wieder. Es gilt als Wesensmerkmal eines zweiten Idealtypus von LATs; sie werden von neunundzwanzig Prozent aufgrund individueller Autonomiebestrebungen begründet und (dauerhaft) aufrechterhalten (Schneider und Ruckdeschel 2003: 247; Dorbitz 2009: 43; Diewald 1993: 282).

So untersucht z.B. Dorbitz (2009: 35, 44ff.) anhand des Generations and Gender Survey (auch GGS) wie sich LATs vom partnerlosen Alleinleben sowie von Kohabitationen und Ehen im Hinblick auf die Elternschaft und beabsichtigte Zusammenzugs- und Fertilitätsentscheidung innerhalb der nächsten drei Jahre unterscheiden. Er kann deutlich höhere Heiratsneigungen und Kinderwünsche bei Letzteren ausmachen; sie unterscheiden sich nicht signifikant voneinander. Umgekehrt tendieren circa ein Drittel der LAT'ler und fast die Hälfte aller partnerlosen Alleinlebenden zur Kinderlosigkeit. Diese stützt sich wiederum auf die stärker individualistisch geprägten Einstellungen von LAT'lern; sie streben häufiger eine egalitäre Lebensführung im Bereich der Familie und Erwerbstätigkeit beider Partner an, lehnen die Institution Ehe stärker ab, akzeptieren ein Leben mit Kindern eher und äußern öfter Befürchtungen, dass mit der Geburt des Kindes weniger Zeit für den Partner zur Verfügung steht. 57,3 Prozent von ihnen wollen in den nächsten drei Jahren sicher oder wahrscheinlich nicht zusammenziehen.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen auch Duncan und Phillips (2010: 112; 125). Paare mit getrennten Haushalten, Singles und Individuen in Kohabitationen erweisen sich ähnlich liberal und im Vergleich zu Ehepaaren als weniger traditionell. Erstere stimmen mit circa fünfzig Prozent deutlich häufiger als Verheiratete (34%) z.B. der Aussage zu, dass ein Elternteil ein Kind genauso gut 'groß bringen' kann wie beide Elternteile zusammen. Beide Autoren argumentieren gleichzeitig, dass die beobachteten Unterschiede in erster Linie auf das Alter bzw. die Religiosität und – über diese vermittelt – erst in zweiter Linie auf verschiedene Lebens- und Partnerschaftsformen zurückzuführen sind (Duncan und Phillips 2010: 122, 131). So verwundert es nicht, dass LAT-Partnerschaften vor allemvon Jüngeren unter dreißig Jahren gelebt werden. Bei den 18- bis 24jährigen gilt das getrennte Zusammenleben mit fünfzehn (Schneider und Ruckdeschel 2003: 250f.) bzw. zwanzig (Dorbitz 2009: 38) Prozent als zweithäufigste partnerschaftliche Lebensform nach dem partnerlosen Alleinleben (Peuckert 2005: 101; auch Beaujouan et al. 2008: 4; Haskey 2005: 39). LAT'ler verfügen, sowohl insgesamt als auch auf jüngere Altersgruppen bezogen, über eine schwächere konfessionelle Bindung (Peuckert 2005: 101; Duncan und Phillips 2010: 123). Selbiges gilt für Individuen in Kohabitationen, wobei Betroffene mit zweiundzwanzig Prozent (Schneider und Ruckdeschel 2003: 251) oder sogar mit neununddreißig Prozent (Duncan und Phillips 2010: 122f.) mehrheitlich von den 25- bis 29- und 34Jährigen gelebt werden. Unter den Älteren (30-44; 45-61 Jahre) spielen LATs mit jeweils vier Prozent keine entscheidende Rolle. Gleichwohl haben sie nach dem (meist) Scheitern einer Ehe im dritten und vierten Lebensjahrzehnt rapide an Bedeutung gewonnen (Asendorpf 2008b: 23f.; Schneider und Ruckdeschel 2003: 251). Sie erweisen sich – und das stärker als Kohabitationen – als Äquivalent zur Zweitehe oder zum Alleinleben. In dieser Altersgruppe dominieren weiterhin Verheiratete, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit traditionell-religiösen Werten und Einstellungen zur Familie und Partnerschaft folgen (Duncan und Phillips 2010: 123). Bezüglich des kulturellen Wandels in der Generationenfolge ist eine zweite Annahme anzubringen:

Für jüngere Geburtskohorten ist im Vergleich zu vorangegangen zu erwarten, dass sie stärker LAT-dominierte Partnerschaftsverläufe folgen.

Gleichwohl lässt sich dieser globale Werte- und Einstellungswandel nicht für Gesamtdeutschland feststellen. Nach den Ergebnissen des Familiensurveys sind lediglich dreiundzwanzig Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern postmaterialistisch eingestellt (Bertram 1992: 215ff.) und lehnen nach der Untersuchung von Mühling und Schreyer (2012: 43f.) zwar die „Ehe [als] eine überholte Einrichtung“ stärker als Westdeutsche ab, gleichzeitig betonen sie stärker die „Kohabitation als Alternative zur Ehe“. Dies lässt sich auf das politische System – oder genauer: auf die deutsche Wiedervereinigung in den 1990er Jahren zurückführen: Die ineffiziente Planwirtschaft, die finanzielle Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit der Frau, das unkompliziertere Scheidungsverfahren und der Umstand, dass die Ehe gegenüber der Kohabitation kaum mehr Sicherheiten bot, dürften eine wichtige Rolle für die Ost-West-Unterschiede im partnerschaftsbezogenen (Einstellungs-)Verhalten spielen (Mühling und Schreyer 2012: 13ff.). Der postmaterialistische Wertewandel hat in den neuen Bundesländern entsprechend verzögert eingesetzt. Dies zeigt sich deutlich in der Wahl von Lebens- und Partnerschaftsformen: Während auch in Westdeutschland LAT-Partnerschaften eher von jungen (kinderlosen und ledigen) Paaren bevorzugt werden, zeichnet sich in den neuen Bundesländern eine Verschiebung hin zu mittleren und älteren Altersgruppen ab (Schlemmer 1995: 368, 371ff.). Fast ein Drittel aller LATs in Ostdeutschland ist für mindestens einen der Partner eine Lebens- und Partnerschaftsform mit Kindern, wobei Partnerschaften mit getrennten Haushalten mit fünf Prozent nur halb so oft gewählt werden wie in den alten Bundesländern. Wie bereits zu DDR-Zeiten leben Ostdeutsche stärker – und in der Hälfte der Fälle mit Kindern – in einem gemeinsamen Haushalt zusammen (Meyer 2006: 341). Hieraus lässt sich eine dritte Annahme ableiten:

Aufgrund des jüngsten Anpassungsprozesses des ostdeutschen an das westdeutsche System ist zu erwarten, dass Individuen aus den neuen Bundesländern weniger LAT-Partnerschaften und die damit verbundenen -verläufe wählen.

Nach Mühling und Schreyer (2012: 51) können die Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern zu einem großen Teil mit der unterschiedlichen Verbreitung religiöser Orientierungen erklärt werden: Weit mehr als achtzig Prozent der West-, aber nur ein Drittel der Ostdeutschen gehören einer Religionsgemeinschaft an.

3.1.3 (De-)Standardisierungsthese

Brückner und Mayer (2005) haben den Begriff der Standardisierung in die (sozial-)wissenschaftliche Diskussion eingeführt (Elzinga und Liefbroer 2007: 227). Anhand diesem unterscheiden sie zwei Dimensionen: Es ist zunächst die Universalität – also die allgemeine Verbreitung von Übergängen, Ereignissen und Sequenzen. Sind sie universal, werden sie von sehr vielen oder gar allen Individuen einer Gesellschaft durchlaufen; umgekehrt drückt sich eine abnehmende Universalität darin aus, dass einzelne Übergänge weniger verbreitet sind und gleichzeitig solche zunehmen, die vorherige rückgängig machen oder wiederholen (Scherger 2007: 93). Hierzu hat sich in der Familiensoziologie der Ausdruck der Pluralisierung bzw. Pluralität etabliert (Brückner und Mayer 2005: 33; Wagner et al. 2001: 53). Je nach Autor werden darunter unterschiedliche Tendenzen gefasst*11; es kann die Entstehung neuer nichtkonventioneller Lebens- und Partnerschaftsformen gemeint sein, eine Bedeutungsverschiebung von einer Ablehnung und Stigmatisierung hin zu einer normativen Akzeptanz derselben konstatiert oder eine quantitative Verschiebung dahingehend postuliert werden, dass von der Kernfamilie abweichende partnerschaftliche Lebensformen an Anteilswerten gewonnen haben und so eine Vervielfältigung der tatsächlich gelebten Beziehungsformen bewirken (Marbach 2003: 144f.; Wagner et al. 2001: 52ff.; Birkelbach 1998: 102; Meyer 2004: 72; Scherger 2007: 99). In jedem Fall sind die partnerschaftlichen Lebensformen heterogener miteinander zu Lebens- und Partnerschaftsverläufen verknüpft (auch qualitative Varianz) (Brüderl und Klein 2003: 191).

Eine Art „Pluralisierung in Grenzen“ konstatiert dagegen die Polarisierungsthese (Lauterbach 1999: 241). Sie basiert auf einer dreifachen Spaltung partnerschaftlicher Lebensverläufe: In Folge soziodemographischer Wandlungen zerfallen Letztere zunächst in familiale oder nichtfamiliale Verläufe. Aufgrund des folgenden Wertewandels spalten sie sich schärfer in ehe oder nichteheliche und in solche Verläufe auf, in denen eine traditionelle oder eine stärkere Berufs- und Karriereorientierung und egalitäre Arbeits- und Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern angestrebt wird (Fux 2005: 13ff.; Zartler et al. 1999: 113). Bei der LAT handelt es sich um eine „historically new family form“ (Levin 2004: 223); neu sind zwar nicht die Forderungen nach Gleichberechtigung von Mann und Frau, jedoch aber die Tatsache, dass an die Stelle einer traditionell-ehelichen und komplementären Rollenverteilung eine symmetrische Doppelung derselben tritt (Schneider et al. 1998: 65). Nave-Herz (2002) stellt heraus, dass sich insbesondere der Lebensverlauf bis zur Familiengründung wesentlich verändert hat (Dekker und Matthiesen 2004: 39).

Danach hält Marbach (2003: 148; 177ff., 183) auf der Grundlage der ersten drei Wellen des Familiensurveys eine Pluralisierung der Lebensformen zwischen 1990 und 2000 fest, wobei sich eine starke Vielfalt vor allem in den neuen Bundesländern abzeichnet. Es ist eine deutlich größere Vielfältigkeit – im Sinne einer größeren Streuung über partnerschaftliche Lebensformen – hinsichtlich des Zusammenlebens mit einem Partner und/oder Kindern bei den unter 30jährigen auszumachen, welche sich sowohl auf den Bedeutungsverlust von verheirateten Paaren insgesamt als auch auf den starken Anstieg von Singles, Partnerschaften in einem gemeinsamen Haushalt, Alleinerziehenden und Paarbeziehungen mit getrennten Haushalten stützt (auch Lauterbach 1999: 245; Schmidt 2002: 343). Weitere Untersuchungen – die nicht explizit LATs differenzieren – weisen eher auf Unterschiede zwischen Lebensphasen als zwischen Kohorten hin (z.B. Wagner et al. 2001: 64ff.). Übergangsbasierte Analysen zeichnen eine zunehmende Anzahl voneinander getrennter Übergängen im jungen Erwachsenenalter nach (z.B. Scherger 2007: 170). Es lässt sich zwar keine Polarisierung, aber eine stärker „zweigeteilte Phasierung der Partnerschaftsbiographie“ ablesen: das Alleinleben (eher Männer), Leben in einer LAT und Zusammenleben in einem Haushalt (eher Frau) etablieren sich als selbstverständliche Lebensformen innerhalb einer länger andauernden Phase vor dem Beginn einer Ehe (auch Reinstitutionalisierung). Dagegen steht eine insgesamt kleiner werdende Phase der Ehe- und Familienentwicklung, die sich in die dritte und vierte Lebensdekade schiebt (Schneider et al. 1998: 206; Burkart 1997: 107; Huinink und Konietzka 2007: 139; Lois 2014: 6f.). So lässt sich eine vierte Annahme folgern:

Es ist zu erwarten, dass partnerschaftliche Lebensverläufe im jungen Erwachsenenalter vielfältiger sind (d.h. junge Erwachsene gehen mehr unterschiedliche Lebens- und Partnerschaftsverläufe nach, welche unterschiedlich stark von Single-, LAT- und Kohabitationsphasen geprägt sind).

Es ist darüber hinaus die Uniformität – also die zeitliche Struktur des Lebensverlaufs. Eine hohe Uniformität zeigt sich in klar definierten Zeiträumen, in denen einzelne Übergänge, Ereignisse und Sequenzen erfolgen (Scherger 2007: 94; Brückner und Mayer 2005: 33). Sind sie weniger uniform, dann streuen sie stärker nach Alter und Dauer und es entstehen mitunter 'neue', längere Übergangsphasen und Zwischenereignisse (auch Differenzierung). Der Begriff der Destandardisierung – als Gegensatz zur Standardisierung – meint also insgesamt eine (relativ) höhere Unähnlichkeit der Lebensverläufe untereinander; mehr partnerschaftliche Lebensformen werden mit größerer zeitlicher Variation durchlaufen (Elzinga und Liefbroer 2007: 227). Vor diesem Hintergrund spricht Beck-Gernsheim (2010 [1998]: 38, 29) auch von der „Normalisierung der Brüchigkeit“: Im Zuge der Individualisierung entsteht eine unüberschaubare Vielfalt an Zwischen-, Neben-,Vor- und Nachformen von Familie. Die Stabilität von Paarbeziehungen nimmt allgemein ab (Mühling und Schreyer 2012: 5). Individuen binden sich nicht mehr lebenslang, sondern nur noch für eine begrenzte Lebenszeit. Sie leben in „Bastelbiographien“, in „Bausätze[n] biographischer Kombinationsmöglichkeiten“, in denen sich Episoden von zukunftsoffenen und unverbindlichen Lebens- und Partnerschaftsformen im Lebensverlauf mehrfach und in unterschiedlicher Dauer abwechseln (Beck und Beck-Gernsheim 1994: 19; Beck 2003 [1986]: 217). Die Trennung von einem Partner und der Aufbau einer neuen Paarbeziehung werden zu sich wiederholenden Erfahrungen und Ereignissen im partnerschaftlichen Lebensverlauf (Lenz 2009: 23). Der Drang zum beruflichen, sozialen und emotionalen „Spagatleben“ scheint Individuen geradezu in die Vereinzelung zu treiben (Beck 2003 [1986]: 217; Zartler et al. 1999: 115f.). In letzter Konsequenz prognostiziert Hoffmann-Nowotny (1991) eine Gesellschaft von weitgehend unabhängigen LAT-Partnerschaften. Sie gelten zukünftig als die vergleichsweise stabilsten partnerschaftlichen Lebensformen (Zartler 1999 et al.: 116).

Anhand von Daten der dritten Welle des Familiensurveys stellen Brüderl und Klein (2003: 206f.) tatsächlich eine höhere Anzahl von Lebensformwechsel bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren im Laufe eines Lebens fest. Im Mittel haben die Kohorten 1944 bis 1949 1,28 Lebensformwechsel, wobei die 1958 bis 1962 Geborenen bereits 1,71 Lebensformwechsel aufweisen. Ebenso stellen die Autoren heraus, dass der Anteil von „bunten Lebensläufen“ mit vier bis sieben Ereignissen kontinuierlich steigt. Auf derselben Datengrundlage zeichnen Schneider und Ruckdeschel (2003: 249, 254ff.) ähnliche Ergebnisse für LAT-Partnerschaften nach: Individuen in Partnerschaften mit getrennten Haushalten haben, insbesondere in der Gruppe der über 30Jährigen, eine größere Zahl aufeinander folgender Partnerschaften erlebt. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine Personengruppe mit besonders hoher Partnerfluktuation: Nur sieben Prozent nennen vier oder mehr Partnerschaften. Zwischen ihnen schiebt sich das Singlesein als Übergangsphase(n) ein; nur eine Minderheit kann sich dauerhaft ein Leben ohne Partner vorstellen (z.B. Meyer 2004: 71; Schneider et al. 2002: 19).

Dagegen leben zwei Drittel derjenigen, die sich in einer Kohabitation oder Ehe befinden, noch mit dem ersten Partner zusammen. Gleichwohl hat kaum jemand, der eine LAT-Partnerschaft führt, Erfahrungen mit anderen partnerschaftlichen Lebensformen gesammelt; circa zwanzig Prozent der 18-29Jährigen und 30- bis 61Jährigen haben bereits früher schon einmal in einer Paarbeziehung ohne gemeinsamen Haushalt gelebt. Letztgenannte (20%) haben bereits mit einem Partner in einer Kohabitation zusammengelebt und fünfzig Prozent waren verheiratet; bei den unter 30Jährigen LAT'lern trifft dies genauso wenig wie für Gleichaltrige in einer Kohabitation oder Ehe zu. Damit variiert auch die durchschnittliche Dauer des Übergangs von einer LAT in eine Kohabitation: Sie beträgt für die erste Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt durchschnittlich rund 2 Jahre, bei nachfolgenden Paarbeziehungen lediglich eineinhalb Jahre (Schneider und Ruckdeschel 2003: 254ff.). Auch Dorbitz und Naderi (2012: 412) zeigen anhand des Vergleichs zweier pairfam-Kohorten auf, dass Personen in LATs über mehr Beziehungserfahrungen verfügen, als solche in einer gemeinsamen Haushaltsführung. Dies gilt für beide Jahrgänge: So beträgt der Anteil bei Paarbeziehung mit getrennten Haushalten ohne vorangegangene Erfahrungen 20,3 bzw. 26,2 Prozent und mit vorangegangenen Erfahrungen vierunddreißig bzw. 41,9 Prozent bei den 1971 bis 1973 und 1981 bis 1983 Geborenen.

Eine LAT-Partnerschaft erweist sich – im Gegensatz zur Theorie – derzeit (noch) als die instabilste partnerschaftliche Lebensform und das zunächst unabhängig vom Alter; die Trennungswahrscheinlichkeit liegt bei fünfzig Prozent ( Asendorpf 2008b: 26). Hiermit korrespondiert eine höhere Trennungsabsicht von Individuen in LATs: Sie haben bereits öfter darüber nachgedacht, als solche in einer Kohabitation oder Ehe ( Dorbritz 2009: 52). D ie Stabilität ist im jüngeren Lebensalter niedrig, umgekehrt nimmt die Instabilität mit steigender Lebenszeit ab (Dorbitz 2009: 39; Asendorpf 2008b: 23f.). Auch die zwei von Lois (2012: 261) bestimmten Jugendpartnerschaften (hier: Verfestigte; unverbindliche Jugendpartnerschaft) erweisen sich als die instabilsten Paarbeziehungen mit einer nur sehr schwachen Kohabitationsneigung von jeweils unter zehn Prozent. Als fünfte Annahme lässt sich formulieren:

Partnerschaftliche Lebensverläufe insgesamt und speziell LAT-dominierte Partnerschaftsbiographien sollten eine hohe Seriellität (im Sinne mehrerer Trennungs- und Singlephasen zu unterschiedlichen Zeitpunkten) aufweisen.

3.2 Mikrotheorien – Die Wahl der Lebensform in der modernen Gesellschaft

Auf gesellschaftlicher Ebene kann es durchaus eine (größere) Vielfalt an Lebensformen geben, ohne dass den Individuen die gesamte Optionsfülle tatsächlich zur Verfügung steht: Es können auch weiterhin begrenzte Opportunitäten be- oder gar neue entstehen. Die Wahl der Lebensform und die Gestaltung des Lebensverlaufs sind – wie bereits angedeutet – auch abhängig von individuellen Ressourcen und askriptiven Merkmalen, persönlichen Präferenzen und Bedürfnissen sowie normativen Sozialisations-, Werte- und Einstellungsmustern (Huinink und Wagner 1998: 90f., 103). Die Einflüsse der Faktoren auf der Mikroebene (Tab. 2) sind unterschiedlich groß. In bestimmten Lebensphasen nehmen sie eine dominierende oder auch gar keine prägende Rolle ein (Burkart 1997: 84). Die verschiedenen Lebensformen sind nicht für alle Individuen und zu jeder (Lebens-)Zeit gleich erstrebenswert oder -bar (Huinink und Wagner 1998: 103).

[…]


1 Dieser Begriff wird nachfolgend angewandt; er ist weniger wertbehaftet und im Vergleich zum Konkubinat/Konsensualpaar auch international anerkannt (Peuckert 2005: 75; Burkart 1997: 80).

2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird sich bei Personenbezeichnungen auf die männliche Sprachform beschränkt. Das jeweilige weibliche Pedant soll sich aber ebenfalls angesprochen fühlen.

3 Kohli ist häufig dafür kritisiert worden, dass in seinem Konzept des Normallebenslaufs nur der männliche Lebenslauf als Bezugspunkt dient (z.B. Born und Krüger 2001: 13f.). Mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen müsse – wie er später selber anmerkt – auch ihnen ein stärkerer Einfluss auf die (Aus-)Gestaltung des Normallebenslaufs zugesprochen werden (Scherger 2007: 23; Kohli 1994: 222).

4 Mayers Konzept wird oftmals kritisiert, zu einseitig auf die Systemebene abzuheben, während die individuelle Handlungsebene weitgehend oder gänzlich vernachlässigt bleibt (Scherger 2007: 26f.).

5 Bei Levy bleibt offen, in welcher Beziehung die strukturelle und kulturelle Institutionalisierung konkret stehen. Es ist vergleichsweise ungeklärt, was Lebensläufe bewirken können, die entweder nur strukturell oder nur kulturell institutionalisiert sind (Scherger 2007: 28).

6 Das gilt ebenso für die Zustände 'Single' und 'Kohabitation', die in den eigenen Analysen unterschieden werden. Es wird den weiten Begriffsbestimmungen von z.B. Schmidt et al. (2006: 23) oder Dekker und Matthiesen (2004: 43) gefolgt: In einer Kohabitation wohnen Befragte mit ihrem Partner unverheiratet zusammen. Damit wird stärker auf den Aspekt der gemeinsamen Haushaltsführung – zur Abgrenzung von LATs – abgezielt (auch Meyer und Schulze 1983: 743f.); als Single führen die Befragten keine feste Paarbeziehung. Vor allem Küpper (2000: 15f.) verweist auf die methodisch-inhaltlichen Vorteile des Aspekts der „Partnerlosigkeit“; es wird berücksichtigt, welche sozialen Beziehungen ein Individuum unterhält - oder eben nicht. Es werden die tatsächlichen Bindungs- und Partnerschaftsformen untersucht, worüber andere Kriterien nur wenige bis keine Informationen geben.

7 Die Begriffe 'LAT', 'LAT-Partnerschaft', 'Partnerschaft/Paarbeziehung ohne gemeinsamen Haushalt' und 'Partnerschaft/Paarbeziehung mit getrennten Haushalten' werden nachfolgend synonym verwendet.

8 Die abgeleiteten Annahmen sind überwiegend durch deskriptive Befunde bestätigt. Auf diese wird an entsprechender Stelle verwiesen.

9 Die Individualisierungsthese ist oft dafür kritisiert worden, kein einheitliches theoretisches Konstrukt zu sein, welches zudem nur ungenügend empirisch gestützt und nur schwer empirisch zu untermauern oder zu widerlegen ist (z.B. Burkart 1997: 262, 271; Huinink und Konietzka 2007: 112).

10 Die Inglehart'sche Postmaterialismusthese postuliert dagegen den Geltungs- und Bedeutungsverlust von 'althergebrachten' Wertkonzepten, die vollständig durch neue abgelöst werden (Meyer 1992: 161).

11 Die Pluralisierungsthese wird insbesondere deshalb kritisiert, da sie die Vervielfältigung, die sich mehrheitlich auf das junge Erwachsenenalter und z.T. nur auf bestimmte Personengruppen konzentriert, als gesamtgesellschaftliches Phänomen suggeriert. Es findet keine strikte begriffliche Trennung zwischen einer Pluralisierung von familialen und partnerschaftlichen Lebensformen statt (Zartler et al. 1999: 114).

Details

Seiten
207
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668164710
ISBN (Buch)
9783668164727
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315995
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,3
Schlagworte
sequenzdatenanalyse living apart together welche lebensverläufe bezug lats

Autor

  • Isabella Hoppmann (Autor)

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Titel: Sequenzdatenanalyse von „Living Apart Together“. Welche partnerschaftlichen  Lebensverläufe lassen sich in Bezug auf LATs  bestimmen?