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Gestaltung und Produktion eines Stop-Motion-Films

Bachelorarbeit 2015 68 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Theorie
1 Der Filmtrick
2 Entwicklung und Darstellung verschiedener Formen & Techniken
2.1. Historische Betrachtungen
2.2 Verschiedene Formen und Beispiele
3 Neuzeitige Entwicklungen
3.1 3D-Stop-Motion
3.2 Werbung
3.3 Musikvideos
3.4 Trends
3.4 Anwendungen

III Praktischer Teil
1 Konzeption
1.1 Vorgaben und Zielsetzung
1.2 Konzeptionelle Ausarbeitung
1.2.1 Idee
1.2.2 Erste Visualisierungen
2 Umsetzung
2.1 Drehvorbereitungen
2.1.4 Planung der Effekte und Filmtricks
2.2 Der Dreh
2.3 Postproduktion

IV Fazit

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis
Literatur
Online
Filmografie

I Einleitung

Der Weg ist immer mehr als das Ziel.

Diese Redensart beschreibt sowohl den Inhalt, als auch die Entstehung des Filmes „FarbChaos – Komplementierung“, kurz „Farbchaos“. Ausgehend von der Geschichte eines jungen Menschen, welcher verschiedene Erfahrungen in seinem Leben macht, soll in der vorliegenden Arbeit der Entstehungsprozess des Stop-Motion-Filmes veranschaulicht werden.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es Animations- und Stop-Motion-Filme. Die damals noch simpel zusammengefügten Bilder erhalten in der heutigen Zeit durch das Einsetzen moderner technischer und gestalterischer Mittel neue Möglichkeiten der Darstellung. Die Formen und Herangehensweisen zur Produktion eines Stop-Motion-Films haben sich in den letzten Jahren vervielfacht und ausgebaut. Im Rahmen der Bachelorarbeit möchte ich auf die Formen, Erstellung und Gestaltung dieser Filme, anhand eines selbsterstellten Stop-Motion-Clips, eingehen. Dabei soll verdeutlicht werden, dass von Hand animierte Filme nicht nur Vorgänger herkömmlicher Animationen darstellen, sondern vielmehr zu wirkungsvollen Filmen gestaltet werden können.

Meine eigene Begeisterung für das Thema, die Technik und deren Umsetzung begründet sich in mehreren Punkten. Zum einem in meiner Affinität zu Film- und Werbung welche ich während meiner dreijährigen Tätigkeit im Kino entwickelte. Es interessierten mich vor allem jene Filme, die etwas ungewöhnlich inszeniert waren. So zum Beispiel der Stop-Motion-Film DER FANTASTISCHE MR. FOX (GB/USA, 2009) von Wes Anderson. Als Kind schon liebte ich Trickfilme. Begeistert haben mich zum Beispiel die Knetfiguren aus der Serie PLONSTERS (DEU, 1983), die sich grenzenlos in alle möglichen Formen verwandeln konnten. Ich bastelte, malte und musizierte jeden Tag. Während meiner Jugend behielt ich diese Leidenschaft bei. Ich interessierte mich für den Trend Manga und malte meine eigenen Geschichten. Durch die künstlerische Darstellung mit der Stop-Motion-Technik ist man in seiner Fantasie nicht eingeschränkt. In einem Film kann man vielmehr alle Interessen und Fertigkeiten kombinieren. Das Erfinden einer Geschichte, das handwerkliche Gestalten, die musikalische Untermalung und die technische Umsetzung können miteinander verbunden werden.

Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass man mit scheinbar einfachen Dingen oder Techniken eine Botschaft auf interessantem Wege transportieren kann.

Die Aufgliederung der vorliegenden Bachelorarbeit erfolgt in vier Teilen.

Nach der Einleitung, welche an das Thema heranführen soll, folgt das zweite und theoretische Kapitel. Die Anfänge der Animationstechnik werden erläutert und die Meilensteine in der anfänglichen Entwicklung werden hervorgehoben. Im weiteren Verlauf werden einzelne Formen der Technik aufgegriffen und verdeutlicht. Die Betrachtung aktueller Entwicklungen, Formen und Trends bilden den Abschluss der theoretischen Betrachtung und geben Aufschluss über die derzeitige Präsenz von Stop-Motion-Clips.

Der dritte und praktische Teil handelt von der Konzeption und der Umsetzung des zu produzierenden Filmes. Hierbei werden mögliche Prozesse von der Entstehung, Ideenfindung, dem Setaufbau bis hin zu einzelnen Produktionsphasen und der Ausgabe des Filmes erläutert und durch das praktische Beispiel unterlegt. Am Ende des praktischen Kapitels liegt der Fokus auf der Postproduktion. Das vierte und letzte Kapitel der Arbeit umfasst das Fazit. Hier sind die wichtigsten Aspekte zusammengefasst und ein thematischer Ausblick schliesst die Arbeit ab.

II Theorie

Im ersten Kapitel soll die Entwicklung und Verwendung von Animationsfilmen aufgezeigt werden. Es werden zudem Werke beschrieben die bei der Konzeption von FARBCHAOS (DEU, 2015) von Bedeutung waren.

1 Der Filmtrick

Seit den Anfängen des Films gibt es verschiedene Trickverfahren um unterschiedlichste Illusionen zu erzeugen. Die Begriffe Filmtrick und Trickfilm sind sich ähnlich, unterscheiden sich dennoch in ihrer Bedeutung. Diese und weitere Begrifflichkeiten werden zunächst differenziert erläutert um das Grundverständnis für diese Arbeit zu vermitteln.

Der Filmtrick bezeichnet die Verfahren, welche angewandt werden, um das reale Bildmaterial während der Produktion, mittels Spezialeffekte oder in der Postproduktion mit Hilfe visueller Effekte, zu erweitern (vgl. Schneider 2012: 5). Der Trickfilm/ Animationsfilm stellt wiederum ein einheitliches Medium dar, bei dem die „Bewegungen von Objekten durch technische Verfahren künstlich simuliert werden.“ (vgl. MSN Encarta (Hg.) 2008, online).

So setzt sich der Trickfilm aus Aufnahmen (z. B. Zeichnungen) zusammen, welche in „Einzelbildschaltung die Phasen der animierten Bewegung“ wiedergeben (vgl. Wulff 2012, online). Das Verfahren der Einzelbildschaltung lässt sich anhand eines Daumenkinos veranschaulichen. Jede Seite (Einzelbild) ist bebildert durch Motive, welche sich von Seite zu Seite verändern (Abb. 1).

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Abb. 1: Screenshots 'Make a flip book'

Werden die Seiten des Buches mit dem Daumen schnell abgeblättert verbinden sich die einzelnen Illustrationen zu einer einheitlichen Bewegung (vgl. Voss 2010: 7f).

Das ursprüngliche lateinische Wort animare gibt Aufschluss über den Sinn von Animationen. Denn es bedeutet so viel wie: „Zum Leben erwecken“ oder „Geist einhauchen“ (vgl. Wright 2005: 1).

Diese „Beseelung“ spiegelt auch den Kern von StopMotion wieder. Allgemein bekannt als Modell- und Puppenanimation ist der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. So werden Draht-, Knet- , Papierfiguren oder einfache Gegenstände wie Büroklammern oder PostIts zum Leben erweckt (vgl. Voss 2010: 9). Die StopMotion-Technik gilt als elementares Verfahren der Animationstechnik. Mit der Technik kann ein geschlossener „Trickfilm“ entstehen, demnach eine Stop-Motion-Animation, „indem dreidimensionale Modelle in Etappen bewegt und einzelbildweise abgelichtet werden.“ (vgl. Schneider 2012: 5).

Stop-Motion kann aber auch als Spezialeffekt bei realen Filmen angewandt werden, dann handelt es sich um den sogenannten Stopp-Trick . Dieser Spezial-Effekt gilt wohl als der älteste Trick des Filmzeitalters. Inmitten des Filmdrehs wird die Aufnahme der Kamera gestoppt. Während der Aufnahmepause wird die Szenerie verändert (z.B. Krawatten zweier Männer werden ausgetauscht) und anschließend wird der Dreh fortgesetzt. So entsteht der Effekt einer scheinbar „phantastischen Veränderung“ (vgl. Bender, Kempken 2012: online).

2 Entwicklung und Darstellung verschiedener Formen & Techniken

Für die Erstellung des eigenen Stop-MotionFilmes ist es erforderlich, sich mit dem historischen Anfängen des Verfahrens und deren Entwicklung auseinanderzusetzen. In der langen Zeitspanne vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute differenzierten sich verschiedene Formen der Stop-MotionTechnik. Im Folgenden wird die anfängliche Entwicklung betrachtet und die größten Meilensteine des Stop Motion werden in komprimierter Form dargelegt.

Anschliessend liegt der Fokus auf den verschiedenen Formen und den heutigen Entwicklungen. So ist es möglich ein Kontingent an Optionen aufzuzeigen, um daraus die nötigen Tipps und Tricks zu erkennen, sie historisch einzuordnen und letztendlich auf die praktische Arbeit zu projizieren bzw. anzuwenden.

2.1. Historische Betrachtungen

2.1.1 Die Anfänge des bewegten Bildes

Die Entstehungsgeschichte der Animation ist lang, da sie bereits existierte, bevor der Film entstand. Mit der Illusion von Bewegung wurde schon Anfang des 19. Jahrhunderts experimentiert und es wurden unterschiedliche technische Mittel hierfür entwickelt. So erschafften die Brüder Lumière verschiedene optische Spielgeräte, eines mit dem Namen „Thaumatrop“, welches 1825 seinen Weg in die Öffentlichkeit fand. Eine Scheibe, die von beiden Seiten bemalt war, konnte anhand von zwei befestigten Bändern, schnell gedreht werden. Erreichte man eine bestimmte Geschwindigkeit, verschmolzen Vorder- und Rückseite miteinander. Demnach sah es bei der „Wunderscheibe“ so aus, als würde der Vogel im Käfig sitzen (Abb. 2).

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Abb. 2: Thaumatrop

Die optische Wirkung ist auf die Trägheit des menschlichen Auges zurückzuführen. Der Effekt wird als „Nachbildwirkung“ bezeichnet und besagt, dass eine Abbildung auf der Netzhaut des Auges eine gewisse Zeit vorhält, obwohl die eigentliche Abbildung sich schon verändert hat. So entsteht der Eindruck einer flüssigen Bewegung (Klant, Spielmann 2008: 30). Folglich entstanden weitere Sinnestäuschungstechniken dieser Art. Darunter auch das „Phenakistiskop“, auch „Lebensrad“ genannt, das sich durch den stroboskopischen Effekt auszeichnete und für die Entwicklung des Films von großer Bedeutung war. Mit dem „Zeotrop“ wurde die Kunst der bewegten Bilder perfektioniert. Die Illusion einer gleichmäßigen Bewegung wurde mittels eines mit Schlitzen versehenen Zylinders erzeugt. An der Innenseite des Zylinders konnten Papierstreifen mit einzelnen Bewegungszeichnungen angebracht werden. (Abb. 3).

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Abb. 3: Zeotrop

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Abb. 4: Praxinoscope

Eine Weiterentwicklung des „Zeotrops“ stellte das „Praxinoscope“ dar (Abb. 4), welches von Emile Reynaud 1877 vorgestellt wurde. Dies war in seiner Funktionsweise ähnlich, jedoch wurden die Bilder auf ein Spiegelprisma in der Mitte des Zylinders projeziert.

So war es möglich, dass mehrere Menschen gleichzeitig den Ablauf betrachteten (Klant, Spielmann 2008: 30). Die Vorrichtung wurde 1892 von ihm mit dem Prinzip der „Laterna Magica“ kombiniert, was dazu führte, dass die Zeichnungen projeziert werden konnten und erste handbetriebende Filmvorführungen unter dem Namen „Theater Oblique“ stattfanden (vgl. Giesen 2003: 8) Anschliessende Entwicklungen, wie zum Beispiel das „Kinetoscope“ von Edinson und die Projektoren der Gebrüder Lumière sorgten für eine fortlaufende Erneuerung von Filmprojektion- und Aufzeichnung (vgl. Praller 2005/2006: online)

2.1.2 Meilensteine der Stop-Motion-Animation

Neben den anfänglichen Technologien sorgten vor allem die Fotografie und das Entstehen von Filmkameras für das Abbilden realer Bewegungsabläufe. Zu den Filmpionieren und Begründern des Stopptricks zählte der Theaterbesitzer und Regisseur Georges Méliès. Er erzeugte Effekte durch das Darstellen von Zaubertricks, Beispielsweise ließ er Personen verschwinden oder Schauspieler durch andere ersetzen (Abb. 5).

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Abb. 5: Zaubertrick Georges Méliès

Den Effekt entdeckte Méliès durch einen Zufall während Dreharbeiten. Die Kamera stockte, während die Darsteller von der Kulisse verschwanden. Anschließend viel auf, dass es den Anschein hatte, als ob sie auf wundersame Weise verschwunden wären. Diese Illusion machte sich Méliès fortan zu Nutze (Altendorfer 2014: 10). Neben dem Aufkommen von Zeichen- und Puppentrickanimationen, kam die Technik vor allem in bestimmten Spielfilmproduktionen zur Geltung. Die Filme THE LOST WORLD (USA, 1925) und KING KONG (USA, 1933) gehören zu den Meisterstücken von Willis O´Brien und zu dem Triumphen der Stop-Motion Geschichte. O’Brien entwickelte zu animierende Dinosaurier-Figuren (Abb. 6) und kombinierte die Aufnahmen mit Filmausschnitten realer Darsteller. Die Verfahrensweise wird auch als „Split-Screen“ bezeichnet.

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Abb. 6: Willis O´Brien

Bei dieser Methode wurden zunächst die Schauspieler gefilmt, welche sich in einem bestimmten Bereich des Bildes aufhielten. Der Bereich in dem später die Dinosaurier eingefügt werden sollten wurde abgedeckt, sodass der Film an dieser Stelle noch unbelichtet blieb. Nun wurde der Film zurückgespult, die Stelle der Schauspieler wurde mittels Maske verdeckt und der Rest des Filmes wurde im Stopptrick-Verfahren (also Einzelbildweise) belichtet. So sah es aus, als würden Schauspieler und Dinosaurier miteinander agieren (Priebe 2007: 13ff). Die Ära der Spezialeffekte war eingeleitet. Die Nutzung von Masken zur Kombination in Filmen wurde weitestgehend von dem Rückprojektionsverfahren abgelöst. Hier ist es möglich, dass die Darsteller oder Animationsfiguren vor einer Leinwand auftreten, auf die mittels eines speziellen Projektors von hinten ein beliebiger Hintergrund geworfen werden kann (Abb. 7).

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Abb. 7: Rückprojektion

Ray Harryhausen entwickelte das Verfahren weiter und kombinierte Bildmaskierung und Rückprojektion, bekannt als „Dynamation“. So konnten die Animationsmodelle innerhalb der rückprojezierten Szenerie eingefügt werden. Viele Filme entstanden unter Ray Harryhausens Hand, zum Beispiel SINBADS SIEBENTE REISE (USA, 1958) oder JASON UND DIE ARGONAUTEN (USA, 1963).(Manthey 2003: 182ff). Noch bis in die 1980er Jahre wurde Stop Motion in berühmten Filmen wie STAR WARS (USA, 1977) oder KAMPF DER TITANEN (USA, 1981) eingesetzt.

2.2 Verschiedene Formen und Beispiele

Genauere Betrachtung der Verfahren oder geschichtlichen Aspekte erfolgen durch die Darstellung einiger Stop-Motion Formen und Filme.

2.2.1 Cut-Out- Animation/ Silhouetten-Animation

„Cut-Out“ bedeutet „Ausschneiden“ und beschreibt damit das Verfahren in welchem die Objekte entstehen. Die Motive werden aus Materialien wie Papier, Pappe oder Stoff geschnitten und mittels Legetechnik und Stop-Motion-Verfahren animiert. Die meisten dieser Animationen zeichnen sich durch ihre surreale Qualität aus. Als Begründer der Technik gelten Émile Chol als auch Lotte Reiniger. Lotte Reinigers Film DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMEND (DEU, 1926), stellt beispielsweise einen epischen Silhouette-Film dar, welcher exotische Landschaften und elegante Helden im Scherenschnitt zeigt (Abb. 8). In der heutigen Zeit werden diese stilistischen Animationen oftmals am Computer erstellt.

Ein Beispiel hierfür ist die Serie SOUTH PARK (USA 1997) (Abb. 9) (Priebe 2007: 12).

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Abb. 8: Silhouetten-Animation

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Abb. 9: South Park

Eine weitere Form, innerhalb der am Computer erstellten Animationen, bilden auch die sogenannten Flash Cut Out Animationen wie sie in dem Film von Ari Folman WALTZ WITH BASHIR (ISR, F, DEU 2008) zu sehen sind (Abb. 10) (Canfi (Hg.) 2013: online).

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Abb. 10: Flash Cut Out Animation

2.2.2 Puppentrick

Die Verwendung von Puppen innerhalb der Szenen lässt den Puppentrick entstehen, bei dem es möglich ist, Fabelwesen und fiktive Figuren in die Handlung einzubinden. Ihr Ursprung reicht bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Die Materialien, welche für die Grundgerüste beweglicher Puppen verwendet werden, sind unter anderem Holz, Metall oder Draht. Darüber entsteht folglich das äußere Erscheinungsbild. Die frühen Werke von Willis O´Brien und Harry Ray Hausen wurden durch Puppentricks realisiert (2.1.2) in denen Dinosaurier, Riesengorillas und Fabelwesen vorkamen. Die Beweglichkeit und Perfektionierung der verwendeten Puppen nahm immer weiter zu. Carlo Rambaldi trug als Ingenieur und Techniker wesentlich zur Entwicklung des Puppentricks bei, indem er verschiedene DrahtKonstruktionen für eine stabile Haltung der Puppen entwickelte. Um einzelne Bewegungsabläufe authentisch darzustellen, nutzte er Hebel- und Zahnradtechniken. Durch computergesteuerte Befehle war die Bewegung der Puppen bis ins kleinste Detail möglich. Weitere Anwendungen und Weiterentwicklungen konnten mit dem Tim Burtons Meisterwerk NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS (USA, 1993) vorangetrieben werden. Die hier verwendeten mechanischen Scharniere und Gelenke erweiterten die Armatur als bewegliches Skelett zum stabilen Halt. Meist überzogen Lederstoffe diese. Die Puppen selbst waren aus Gips, Holz oder Pappmaché und mit Schaumstoff und Watte gefüllt. Die Veränderungen der Gesichtszüge bei den Puppen lässt sich oftmals nur durch austauschbare Gesichter oder Köpfe vornehmen, auch bekannt als „Replacement Animation“ (Abb. 11) (vgl. Klant, Spielmann 2008: 41).

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Abb. 11: Gesichtszüge der Puppe

2.3.3 Claymation

In der Anwendung von Claymation, auch genannt Knetanimation, stellen die Veränderungen von Körperformen und Gesichtszügen kein Problem dar. Die meistens aus Knete, Ton oder Plastikteilen geformten Figuren lassen sich oftmals in jede erdenkliche Weise verformen, da das flexible Material dies hergibt. Im Gegensatz zu üblichen Filmproduktionen, welche mit 24 Bildern pro Sekunde produziert werden, entsteht eine Claymation-Filmproduktion oftmals mit 30 Bildern pro Sekunde. Dies bewirkt, dass die Bewegungen flüssiger erscheinen.

Zu den ersten Knetanimationen gehören die Produktionen von Art Clokey. In den 60igern erschien seine berühmte Fernsehserie The GUMBY SHOW (USA, 1957) in der aus Knete gefertigte Tiere auftraten.

Zu den bekanntesten Knetanimationen der Neuzeit gehören die Figuren, des verrückten Erfinders und dessen Hund, genannt WALLACE UND GROMIT (GB, USA 2005), aber auch der Film CHICKEN RUN (GB 2000), aus dem Jahre 2000 (Shaw 2004: 3f).

2.3.4 Objektanimation

Objektanimationen erfassen grundsätzlich die Animation aller möglichen Gegenstände. Der Unterschied zu den vorangegangen beschriebenen Animationen liegt in der „Belebung“. Während beispielsweise die Knete verformt wird und einen Charakter darstellt, bleibt innerhalb der Objektanimation, der abgebildete Gegenstand in seiner realen Bedeutung gleich.

Der surrealistische Künstler Oskar Fischinger entwickelte abstrakte Objektanimation, die auch als „Absoluter Film“ bezeichnet werden. Die Handlung und Dramaturgie rücken bei diesen Filmen meistens in den Hintergrund oder sind nicht vorhanden. So stehen die künstlerischen Aspekte im Vordergrund. In dem Film KOMPOSITION IN BLAU (DEU, 1935) animierte Fischinger geometrische Figuren, zum Rhythmus einer Musik (Abb. 12). Das Spiel zwischen Musik, Objekten und Farbe gilt als künstlerisches Meisterwerk seiner Zeit (Merschmann 2012: online).

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Abb. 12: Bewegte Objekte

Jan Švankmajer ist ein weiterer surrealistischer Objektkünstler. Zu Švankmajers Markenzeichen zählen schnelle Bilder und exzentrischer Einsatz von musikalischer Untermalung. Mit der Stop Motion Technik kreierte er unterschiedlichste Filme. Darunter auch der Film MEAT LOVE (1989), in dem zwei Steaks miteinander flirten. (o.V. (o.J.): online).

2.3.5 Pixilation

Die Technik der Pixilation beschreibt einen Trickfilm indem Personen abgelichtet werden. Es handelt sich nicht um einen üblichen Film der menschlichen Darstellung, sondern vielmehr um eine überspitzte, teilweise unnatürliche Illustration. Hier greift der klassische Stoptrick. Während des Drehs wird die Kamera gestoppt, die Darsteller werden neu positioniert und das nächste Bild wird erzeugt. So kann zum Beispiel die Illusion erschaffen werden, dass der Mensch, ohne Schritte zu machen, über den Boden gleitet. Verschiedenste Effekte können so entwickelt werden. Unter anderem auch die Möglichkeit Personen verschwinden zu lassen oder das Fliegen bestimmter Gegenstände oder Schauspieler darzustellen. Der Begriff geht auf die dabei unruhig wirkenden, erzeugten Bewegungen zurück. Der Film NEIGHBOURS (CDN, 1952), von Norman McLaren, gilt als Grundsteinlegung der Pixilation. Die Technik wurde auch von verschiedenen Filmkünstlern, wie den Gebrüder Quay oder Jan Švankmajer, experimentell verwendet (Hüningen, 2013: online). Das Musikvideo HER MORNING ELEGANCE (ISR, 2009) von Oren Lavie zeigt ebenfalls, dass Stop-Motion keineswegs eine alte oder abgenutzte Technik ist. Hier wird eindrucksvoll präsentiert, wie sich alltägliche Objekte und menschliche Darstellung, mittels Stop Motion kombinieren lassen. Zu sehen ist, wie sich eine schlafende Frau durch den Alltag schlägt (Abb. 13). Dabei handelt die Protagonistin im Traum und benutzt die Kissen als Treppe, Socken schwimmen als Fische auf dem Bettlaken umher und sie tanzt mit einem Mann durch den Schlaf (Schubert 2009: online).

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Abb. 13: Screenshot, Her Morning Elegance

3 Neuzeitige Entwicklungen

Neben bereits erwähnten Musik und Experimentalvideos gibt es eine Reihe neuzeitlicher Verwendungen, Trends, Software und Bewegungen welche sich rund um die Stop Motion Technik gebildet haben. Die Geschichte hat gezeigt, dass selbst „alte“ Techniken oftmals neue Verwendungen finden oder ergänzt werden. Dies kommt meistens durch den Einsatz neuer Technologien aber auch durch die Entwicklung verschiedener gesellschaftlicher Strömungen zustande.

3.1 3D-Stop-Motion

Der Aspekt wird beispielsweise auch durch das Aufkommen der 3D-Technologie deutlich. Erste 3D-Filme wurden schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts produziert. Hierbei wird ein bewegtes Bild von dem Betrachter mit einem Tiefeneindruck wahrgenommen, auch genannt stereoskopisches Sehen. Einen regelrechten „Boom“ erfuhren die 3D-Filme jedoch erst im Jahr 2009 mit AVATAR – AUFBRUCH NACH PANDORA (USA, 2009). Der Film brach innerhalb von vier Wochen alle Kinorekorde und landete auf Platz eins der erfolgreichsten Filme. Mit Innovationen in Film-Technik, Kamera-Systemen und der Postproduktion bildet der Film ein technisches Meisterwerk (Gonska 2010: online). Der Maßstab von Avatar gilt jedoch als unerreicht und eine besondere Tiefenwirkung findet oftmals nur in Trickfilmen statt, welche am Computer in 3D animiert wurden. Hier waren es Filme wie UP (USA, 2009) die sich durchgesetzt haben. Nicht nur in der Ausstrahlung von Filmen hat sich die 3D-Technik eingegliedert. Zu den neueren Verwendungen der Stop-Motion-Industrie gehören unter anderem auch 3D-Drucker. In dem Film Puppentrickfilm CORALINE (USA, 2009) fand die Technologie ihren Einsatz. Daher wurden Gesichter der Charaktere zunächst digital animiert und dann als reales 3D-Modell „gedruckt“. Der mühsame Aufbau der Gesichtsmimik wurde somit erleichtert (Altendorfer 2014: 12). Der Film PARANORMAN (USA, 2012) schöpfte die 3DDrucktechnik vollkommen aus (Abb. 14). Es kamen Farb3D-Drucker zum Einsatz welche 31.000 Gesichtszüge produzierten (Weiss 2012: online).

Brian McLean, Creative Supervisor und Ingenieur, war maßgeblich für den Einsatz der 3D-Drucker in den StopMotion-Filmen verantwortlich. So sagt er über das 3DDruck-Verfahren: “I started to realize that this was the element that had been missing. The computer could now be a tool and you were sort of bridging the unreal with the physical world.” (Heater 2012: online).

ParaNorman und Coraline waren zusätzlich die ersten Stop-Motion-Filme, welche in 3D zu sehen waren(Altendorfer 2014: 12).

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Abb. 14: 3D-Drucker Gesichtszüge

3.2 Werbung

Nicht nur innerhalb der Spielfilmbranche kommt die 3DStop-Motion-Technik zum Einsatz. Für eine belgische Online-Plattform „Hello Play“, aus der elektronischen Musikbranche, entwarf Greg Barth verschiedene Commercials welche ebenfalls die 3D-Drucktechnik zum Einsatz brachte (Abb. 15) (o.V. 2015: online). Die Bewegungswellen des Schlagzeugs sind mittels 3DDruckern entstanden.

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Abb. 15: Screenshot 3D-Druck-Animation

Das Stop Motion Werbung wieder in Mode kommt und einen eigenen Markt abdeckt sieht man an den zahlreichen Beispielen der letzten Jahre. Namenhafte Firmen wie: MTV, Nikon, Dr. Oetker und Coca-Cola ließen Werbung in dem Stop-Motion-Stil entstehen. „Laserkraft 3D“, ein Team zweier deutscher ElektronicDJ’s, stellte den Song „Jumpin“ für einen handgemachten Werbespot von Coca Cola zur Verfügung. In dem Video ist zu sehen, wie Coca-Cola-Pet-Flaschen aus einem Kühlschrank fliehen und mit der Stoptrick-Technik durch die Wohnung und Strassen gleiten (Abb. 16) (Auer 2013: online).

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Abb. 16: Screenshot Coca Cola Werbung

3.3 Musikvideos

Wie zuvor bei Coca-Cola zu sehen (3.3) spielt die Verbindung zwischen Musik und Film eine entscheidende Rolle. Bereits Fischinger nutzte die künstlerischen Mittel des Stoptrick um die Musik besonders wirkungsvoll in Szene zu setzen (2.3.4.).

Das Video von Michel Gondry, für die „White Stripes“ und deren Lied THE HARDEST BUTTON TO BUTTON (USA, 2011), zeigt wie sich die beiden Musiker durch die Strassen New Yorks bewegen. Wobei die Bewegung durch viele Drumsets und Verstärker zustande kommt, die sich aneinanderreihen und durch die Szenerie bewegen. (Abb. 17) Der Rhythmus des Schlagzeuges eignet sich für die ruckartige Bild-für-Bild-Animation.

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Abb. 17: Screenshot Hardest Button

In einem anderen Musikvideo der White Stripes, FELL IN LOVE WITH A GIRL (USA, 2009), erzeugen die Bewegungen von LEGO®-Steinen ausgefallene Effekte (vgl. Kaufmann 2003: online). Die verwendete Technik beschreibt vor allem ein neuen Trend und ein viel eingesetztes Stop-Motion-Verfahren: den Brickfilm (Abb. 18).

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Abb. 18: Screenshot Brickfilm

3.4 Trends

Der Brickfilm gehört zu einer sehr populären Form des Stop-Motion-Films. Diese Art Film gab es bereits in den 1980ern. Das Wort „Brick“ bedeutet so viel wie Stein. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen üblichen Stein sondern um einen LEGO®-Stein. Da es unzählige Figuren und Bausteine von LEGO® gibt, lassen sich diese in jeder erdenklichen Weise zu einem Schauplatz des Filmes kreieren. (Altendorfer 2014: 15f). Um die LEGO®Stein-Animation hat sich eine regelrechte „Szene“ etabliert. So gibt es ein Brickfilm-Festival in Deutschland bei dem ausschließlich Filme gezeigt werden, die mit LEGO® erstellt wurden. Es gibt LEGO®-Werbung, LEGO®-Stop-Motion-Bücher, LEGO®-Musikvideos und auch LEGO®-Kinofilme.

Da die LEGO®Materialien leicht zugänglich und zu handhaben sind, kursieren zahlreiche, selbst erstellte Filme dieser Art.

So wurde Stop-Motion in den letzten Jahren immer mehr zu einer Art Hobbyfilmtechnik . Da bereits fast jeder Haushalt eine digitale Kamera besitzt oder jeder Jugendliche ein Smartphone, kann die Stop-MotionTechnik jederzeit selbst angewandt werden. Somit wird Stop-Motion auch zu einer Art Lernverfahren , für das Verständnis zum Film. Ein selbsterstellter Film, DAS LEBEN IST HART – STOP MOTION IST HÄRTER (DEU, 2005) von Schülern eines Gymnasiums, zeigt wie sich Schüler mit Pixilation auseinandergesetzt haben. Der Film präsentiert, wie ein Junge sich morgens auf den Weg zur Schule macht und dabei mit einem Besen fliegt, auf Bordsteinkanten gleitet oder durch die Eingangstür schwebt. (o.V. 2005: youtube).

Seit dem Aufkommen des Videoportals „Youtube“ im Jahre 2005, ist das Publizieren, für jedermann möglich (Marek 2014: 16). Stop-Motion dient dem Amateurfilmer als eine Art Grundausrüstung mit Spezialeffekten zur Selbstanwendung.

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Details

Seiten
68
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668212763
ISBN (Buch)
9783668212770
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315984
Institution / Hochschule
Beuth Hochschule für Technik Berlin
Note
Schlagworte
Stop-Motion Animation Produktion Konzeption

Autor

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