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Time is of the essence. Wie Zeit Leben und Gesellschaft beeinflusst

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 24 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Time is of the essence

2. Über die Zeit

3. Beschleunigung und die Kultur der Moderne
3.1. Beschleunigung in der Neuzeit
3.2. Der Akzelerationszirkel

4. Die Bedeutung der Beschleunigung für Individuum und Gesellschaft
4.1. Ängste, Zwänge und Entfremdung in der Neuzeit
4.2. Politische Weltbeziehungen – Leben in einer beschleunigten Nation

5. Fazit: Resonanz in einer entfremdeten Welt

6. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung: Time is of the essence

Time is of the essence. Die Zeit drängt. Das Leben und Erleben der Menschen des 21. Jahrhunderts ist stark bestimmt durch Zeitstrukturen. Schon 1994 diagnostiziert der Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann: „Im Zeitalter großer Organisationen ist Zeit knapp geworden. Zeitdruck ist eine verbreitete Erscheinung. Der Blick auf die Uhr und der Griff zum Terminkalender in der Tasche sind Routinebewegungen geworden“ (Luhmann 1994: 143). Der Terminkalender in der Tasche ist zwei Jahrzehnte später durch hochtechnologisierte, intelligente Telefone ersetzt worden, das Gefühl der Zeitnot ist jedoch nicht verschwunden. Im Gegenteil, die Entwicklungen und Fortschritte des neuen Jahrtausends scheinen eher als Katalysator für die Beschleunigung des Lebens zu wirken. Die Frage nach der Einteilung der wertvollsten aller Ressourcen – Zeit – trifft jeden Tag aufs Neue auf die unendlichen, potentiellen Möglichkeiten, die die heutige Wohlstandsgesellschaft bietet. Wie alles erledigen, alles erleben was es zu erledigen und zu erleben gibt? Oftmals resultiert diese nicht lösbare Aufgabe in einem Gefühl keine Zeit zu haben, noch so viele Dinge machen zu müssen – in Zeitarmut. Dieses subjektive Empfinden spiegelt sich auch in der Gesellschaft wieder. Unzählige Bücher über besseres Zeitmanagement versprechen „noch mehr Zeit für das Wesentliche“ (Seiwert 2009), indem man Aufgaben mit Hilfe verschiedener Tricks effektiver managen kann. Auch in den Medien ist Zeit ein wichtiges Thema. Seit 2011 beschäftigten sich sechs Leitartikel des Spiegels mit dem Thema (Zeit)Stress und Burn-out (vgl. Blech 2012; Bratsch et al. 2013, Schindler 2014; Dettmer et al. 2011; Hackenbroch et al. 2013; Tietz et al. 2011). Fast-Food, und Self-Service Läden sind so stark in der Kultur verankert, dass die Fixation auf Zeitoptimierung fast nicht auffällt und wie von selbst verläuft. Doch war dies schon immer der Fall? Nein behaupten Zeitsoziologen wie Hartmut Rosa, die der modernen Gesellschaft einen Hang zur Beschleunigung unterstellen. Die Zeit ist zwar schon immer von großer Bedeutung, jedoch wird sie immer knapper, die Gesellschaft wird immer schneller. Das Zeitgefühl ist nicht statisch, es gibt einen ihm zugrundeliegenden Prozess der Beschleunigung. Weshalb ist das so? Was bedeutet Zeit für die Gemeinschaft? Wie wirkt sich diese Beschleunigung auf die Makroebene aus und wie sind Individuen davon betroffen?

Um diese Fragen zu beantworten soll im nachfolgenden Kapitel zunächst ein Blick auf Zeit an sich geworfen werden, in der Absicht die Wichtigkeit von Zeit und deren Bedeutung für die Menschen erfassen zu können. Anschließend soll im dritten Abschnitt ein genauerer Blick auf Rosas Theorie der Beschleunigung helfen, die Rahmenbedingungen, in welchen sich die moderne Gesellschaft entwickelt, besser zu begreifen. Dieses Wissen soll schlussendlich im vierten Teil dieser Arbeit genutzt werden, um den Einfluss von Beschleunigung auf Gesellschaft und Individuum nachzuvollziehen.

2. Über die Zeit

„Was ist also Zeit? Wenn mich jemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“ (Aug., conf. 11,14).

Die Frage nach dem Wesen der Zeit wurde schon von Aristoteles gestellt (vgl. Nassehi 2008: 44) und beschäftigt die Menschheit seit jeher. Die bisher objektivste Deutung von Zeit kann jedoch die moderne Physik leisten. Seit Einsteins Relativitätstheorie wird Zeit als Koordinate zwischen Raum und Zeitpunkt gesehen, als ein Maßstab, der das Nacheinander der Abfolge von Ereignissen beschreibt (vgl. Wild 1995: 152ff.). Der Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz bringt dies auf den Punkt, indem er Raum und Zeit nicht als Sachen, sondern als Anordnungen von Sachen versteht (vgl. ebd.: 154). Zeit ist also eine physikalische Gegebenheit, eine Urkonstante des Universums, die unabhängig vom Menschen existiert und existiert hat. Mit ihr lässt sich ein Punkt im Koordinatensystem des Kosmos bestimmen, sie ist somit eine „objektive Gegebenheit der natürlichen Schöpfung“ (Elias 1984: X).

Aber welche Bedeutung hat Zeit für die Gesellschaft? Lässt sich Zeit soziologisch begreifen? Um diese Frage zu beantworten ist es sinnvoll den theoretischen Antagonisten zur physikalischen Auffassung von Zeit näher zu betrachten – Kant: „Die Zeit ist […] an sich, außer dem Subjekte nichts“ (Kant, KrV, B37). Ohne den Menschen kann es laut Kant keine Zeit geben, sie ist apriorisch in ihm angelegt und somit abhängig vom Menschen. Zeit ist eine „reine[] Form[] der Anschauung“ (Kant, KrV, B59), die der Erfahrung vorangeht. Man kann sich weder ein Aufeinanderfolgen ohne Zeit, noch ein vollständiges Wegfallen von Zeit vorstellen. Die Zeit an sich ist etwas Ungeteiltes. Einzelne Zeitabschnitte sind immer Teil der einen Zeit an sich und die Vorstellung von Zeit ist unendlich. Daraus schließt Kant die Natur der Zeit als eine abstrakte Ordnungsstruktur des Verstandes. Die Zeit ist weder ein Ding, das in der Realität existiert, noch ist sie eine Eigenschaft von Dingen, sie entsteht aus der menschlichen Fähigkeit a priori zur Synthese - ohne Mensch keine Zeit (vgl. Nassehi 2008: 52ff.). Das bedeutet „in schlichterer Sprache, ganz einfach, daß [sic] die Zeit eine Art von angeborener Erlebnisform ist, also eine unabänderliche Gegebenheit der Menschennatur“ (Elias 1984: XI).

Norbert Elias stellt mit einer wissenssoziologischen Perspektive diese beiden Pole einer Zeitauffassung in Frage, indem er die vorausgesetzte Naturgegebenheit von Zeit kritisiert. Einmal als objektive, unabhängig vom Menschen existierende Naturgegebenheit der Physik und einmal als subjektive, in der Natur des Menschen angelegte Naturgegebenheit von Kants Metaphysik (vgl. ebd.: XI). Elias unterstellt beiden Theorien die Voraussetzung eines universellen, sich wiederholenden Ausgangspunkts, eine Art von Anfang des Erkennens (vgl. ebd.: XI). „Ein einzelner Mensch, so scheint es, tritt ganz für sich allein vor die Welt hin, das Subjekt vor dem Objekte, und beginnt zu erkennen“ (ebd.: XI). Elias stellt dem gegenüber, dass menschliches Wissen das Ergebnis eines langen, anfangslosen Lernprozesses ist, in dem jeder Mensch auf einen schon vorhandenen Wissensschatz seiner Vorgänger aufbaut und ihn, mag sein innovatorischer Beitrag noch so klein sein, fortsetzt. Dies gilt auch für das Wissen über die Zeit (vgl. ebd.: XII). Völker, zu deren Wissensbestand kein Kalender gehört, können auf die Frage nach dem Alter eines Individuums keine Antwort geben, die für einen Fragenden aus einer modernen Gesellschaft befriedigend wirkt (vgl. ebd.: XII). Das Wissen über das eigene Alter eines Individuums ist somit abhängig von dem Entwicklungsgrad der Gesellschaft in der er aufwächst und lebt. Elias geht davon aus, dass Zeit ein menschengeschaffenes Beziehungssymbol sei. Der Mensch hat zwar eine allgemeine Fähigkeit a priori zur Synthese, jedoch keine Anlage, spezifische Verknüpfungen vorzunehmen und Begriffe wie Zeit und Raum zu bilden. (vgl. ebd.: XVIf.).

„Der Ausdruck ‚Zeit‘ verweist also auf dieses ‚In-Beziehung-Setzen‘ von Positionen oder Abschnitten zweier oder mehrerer kontinuierlich bewegter Geschehensabläufe. Die Geschehensabläufe selbst sind wahrnehmbar. Die Beziehung stellt eine Verarbeitung von Wahrnehmungen durch wissende Menschen dar. Sie findet ihren Ausdruck in einem kommunizierbaren sozialen Symbol, dem Begriff ‚Zeit‘, der innerhalb einer bestimmten Gesellschaft das erlebbare, aber nicht mit Sinnen wahrnehmbare Erinnerungsbild mit Hilfe eines wahrnehmbaren Lautmusters von einem Menschen zum anderen tragen kann.“ (ebd.: XVIIf.)

Die Funktionen dieses menschengeschaffenen Symbols sind aber beobachtbar und messbar, Zeit dient als Orientierungsmittel. Physiker benutzen dieses Symbol auf diese Weise. Zeit kann aber auch ein sozial institutionalisiertes Orientierungsmittel sein, wenn beispielsweise eine Bahnhofsuhr institutionalisierte, visuelle Botschaften aussendet (vgl. ebd.: XLV). Diese Zeitbestimmer sind Instrumente, die Menschen für bestimmte Zwecke geschaffen haben, und sind eng verknüpft mit der Entwicklung der Gesellschaft. Je ausdifferenzierter die Gesellschaft, desto ausdifferenzierter die Zeitbestimmer, desto mehr stimmen die sozialen Zeitbestimmer mit der natürlichenZeitüberein, umso wichtiger ist Zeit für die Individuen und zur Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben, wie Arbeit oder dem Pflegen sozialer Kontakte. „Dieses Zeiterleben ist ein integraler Teil dessen, was Menschen in derartigen [hoch ausdifferenzierten] Gesellschaften als ihr eigenes Selbst erleben“ (ebd.: 117). Zeit als gesellschaftsspezifisches Symbol koordiniert und synchronisiert soziale Prozesse, indem eine Beziehung zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen hergestellt wird. Zeit ist also nicht nur Natur (Physik) oder rein menschlich „sondern ‚Menschen in der Natur‘ ist die Grundvorstellung, deren man bedarf, um Zeit zu verstehen“ (ebd.: XV).

3. Beschleunigung und die Kultur der Moderne

Der Umgang und das Empfinden von Zeit „hängt also von dem Entwicklungsstand der die Zeit repräsentierenden und kommunizierenden, sozialen Institutionen ab und von den Erfahrungen, die der Einzelne mit ihnen von klein auf gemacht hat“ (ebd.: XXI). Zeit und Gesellschaft sind grundlegend miteinander verbunden. Luhmann forderte 1994, dass das stetig wachsende Gefühl der Zeitnot nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht wurde (vgl. Luhmann 1994: 144). Der Soziologe Hartmut Rosa unternahm mit seinen Büchern zu Beschleunigung (Rosa 2005; 2013) und Zeitwohlstand (Rosa 2014) in der Gesellschaft einen Versuch diese Lücke zu füllen und den Prozess, der die Zeit in der Moderne immer knapper werden lässt wissenschaftlich zu begreifen.

3.1. Beschleunigung in der Neuzeit

Soziale Beschleunigung ist für Rosa eine Form der Erfahrung der modernen Gesellschaft[1] (vgl. Rosa 2005: 15). Auch wenn dieser Prozess schon im 18. und 19. Jahrhundert begann, leben wir heute in einer Zeit welche „in der Geschichte der Menschheit einmalig ist und die Industrialisierung im Nachhinein gemütlich erscheinen lässt“ (Freyermuth 2000: 75). Rosa definiert Beschleunigung im Sinne einer „progressiven Dynamisierung und Verkürzung von ereignis-, prozess-, und veränderungsbezogenen Zeitspannen“ oder einfacher „Mengenzunahme pro Zeiteinheit“ (Rosa 2005: 115). Er differenziert zwischen drei Dimensionen dieses Prozesses: der technologischen Beschleunigung (I), die sich als „intentionale Steigerung der Geschwindigkeit zielgerichteter Transport, Kommunikations- und Produktionsprozesse“ (Rosa 2013a: 20) definieren lässt, die Beschleunigung des sozialen Wandels (II), also „die Steigerung der Verfallsraten der Verlässlichkeit von Erfahrungen und Erwartungen und […] die Verkürzung der als Gegenwart zu bestimmenden Zeiträume“ (ebd.: 22), sowie der Beschleunigung des Lebenstempos (III), genauer die „Steigerung der Zahl an Handlungs- oder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit“ (ebd.: 27).

Die technologische Beschleunigung (I) ist die am einfachsten zu fassende Dimension. Rosa geht davon aus, dass die Geschwindigkeit der Kommunikation um den Faktor 107, die des Personentransports um 102 und die der Datenverarbeitung um 106 gestiegen ist (vgl. ebd.: 20). Die Entwicklung von Eisenbahn, Automobil und Flugzeug ermöglichte im 20. Jahrhundert den Transport von Waren und Personen in zuvor utopisch erscheinenden großen Mengen und Geschwindigkeiten (vgl. Rosa 2005: 124f.). Die maschinelle Beschleunigung ermöglichte darüber hinaus eine kontinuierliche Steigerung der Produktionsmenge von Dienstleistungen und Gütern (vgl. Rosa 2005: 126f.). Die technischen Errungenschaften der Moderne haben auch die Art verändert wie Kommunikation stattfindet. Während in vormodernen Zeiten Informationen durch Mensch, Pferd und später durch Telegraphen übermittelt wurden, können heute unvorstellbare Mengen an Daten per Lichtgeschwindigkeit um den Globus gesandt werden (vgl. Rosa 2005: 127f.). Dieser Prozess des immer schneller voranschreitenden Fortschritts verläuft jedoch nicht linear, sondern exponentiell. Sinngemäß zu Freyermuths Analogie zur industriellen Revolution, die ihm im Vergleich zu heutigem Fortschritt gemütlich erscheint (vgl. Freyermuth 2000: 75), diagnostiziert der Zukunftsforscher Raymond Kurzweil mit seinem Law of Accelerating Returns, dass der Fortschritt technischer Errungenschaften exponentiell ansteigt (vgl. Kurzweil 2004: 381). Ähnlich zu Moors Law, welches besagt, dass sich die Rechenleistung von Computern alle zwei Jahre verdoppelt, stellt Kurzweil durch statistische Auswertungen von historischen, biologischen und technologischen Entwicklungen eine regelmäßige Verdopplung des Fortschritts an sich fest. Jede technologische Entwicklung führt dazu, dass die nächste Verbesserung schneller erreicht wird, da sie auf vorangehendes Wissen aufbaut. Damit ist nicht genug, so wächst die Verbesserungsrate der Entwicklungsschritte ebenfalls exponentiell, da eine Kombination von verschiedenen Technologiesträngen zu einer Geschwindigkeitserhöhung der gesamten technologischen Evolution an sich führt (vgl. ebd.: 381f.). Fortschritt beschleunigt also nicht nur um einen bestimmten Faktor, sondern dieser Faktor selbst unterliegt einem Prozess der Beschleunigung.

Die Rate der technologischen Beschleunigung ist in den letzten Jahrzehnten schneller geworden und dieser Trend zeigt bisher noch keine Umkehr. Sie hat die Art und Weise verändert, wie Menschen in Raum und Zeit miteinander in Beziehung stehen (vgl. Rosa 2005: 161), denn „Wer von der Zeit redet, muss auch vom Raum reden“ (ebd.: 60). Nicht nur die philosophischen Überlegungen von Kants Kritik der reinen Vernunft oder Einsteins Raum-Zeit verbinden diese beiden Dimensionen miteinander. Auch Rosa zieht eine Verbindung zwischen der Beschleunigung von Technologie und der Beziehung zu Raum. Konnte man bei einem Fußmarsch den Raum noch in allen seinen Qualitäten wahrnehmen, wird mit der Erfindung des Automobils eine Strecke von A nach B nur noch durchquert. Ein Blick weg von der Straße kann lebensgefährlich sein und somit wird die Fahrt zu einer Warteschleife bis der Zielpunkt erreicht wird (vgl. ebd.: 61f.). Diese Raumschrumpfung (ebd.: 62) wird durch die elektronische Informationsübermittlung im Internet in ungeahnten Höhen getrieben. Der Raum verliert vollkommen seine Orientierungsfunktion und der Ort der Dateneingabe und -abfrage wird irrelevant. Nur noch die Dauer – die Zeit – ist von Bedeutung (vgl. ebd.: 62f.). Die Kommunikation des 21. Jahrhunderts revolutioniert die Beziehung der Menschen zueinander. Ein orts- und zeitunabhängiger Informationsaustausch wird durch das Internet möglich. Der Ort, von dem die Information ausgeht ist irrelevant, aber selbst der Zeitpunkt des Absendens, beziehungsweise des Empfangens verliert an Bedeutung wenn der Empfänger selbst entscheiden kann in welcher Reihenfolge er Nachrichten liest. Jeder kann zu jeder Zeit und an jedem Ort miteinander kommunizieren (vgl. ebd.: 62f.).

Auch Beschleunigung der Produktion verursacht eine Veränderung der Wertschätzung der Dinge. Technische Geräte, aber auch andere materielle Dinge, wie Kleidung werden in immer kürzeren Abständen ausgetauscht und nicht repariert. Es gibt keine feste Bindung zu den Gegenständen (vgl. ebd.: 173). Diese temporalen Beschleunigungsprozesse bewirken eine Kompression des Raums durch Zeit, weswegen die Zeit in Rosas Konzept einen Vorrang gegenüber dem Raum besitzt. „Es gibt kein der Beschleunigung analoges, eigenständiges räumliches Veränderungsmoment der Moderne; der Wandel der spatiotemporalen [raumzeitlichen] Strukturen wird primär durch ihre temporale Veränderungsdynamik angetrieben“ (ebd.: 62). Alle Dimensionen der Beschleunigung tragen dazu bei, dass sich unsere Beziehung zu Zeit und dadurch auch zu Raum stetig verändert. Diese technische Beschleunigung wird selbst immer schneller und ist eng verknüpft mit der Beschleunigung des sozialen Wandels und der Beschleunigung des Lebenstempos, sie bildet die Basis für Rosas Theorie der sozialen Beschleunigung.

Die Beschleunigung des sozialen Wandels (II) bezieht sich auf das Tempo „mit dem sich Praxisformen und Handlungsorientierungen einerseits und Assoziationsstrukturen und Beziehungsmuster andererseits verändern“ (ebd.: 129). Soziale Veränderungen gehen historisch Hand in Hand mit technologischen Innovationen, sind jedoch analytisch voneinander zu trennen (vgl. ebd.: 129). Die erste Kategorie (I) beschreibt Phänomene innerhalb der Gesellschaft, die zweite Kategorie (II) handelt jedoch von der Beschleunigung der Gesellschaft selbst. Rosa geht davon aus, dass sich Einstellungen, Werte, Mode, Lebensstile, soziale Beziehungen, Verpflichtungen, Gruppen, Milieus, Sprachen, Praxisformen und Gewohnheiten immer schneller verändern, es „verändern sich die Veränderungsraten selbst“ (Rosa 2013a: 22). Hier lässt sich die inhärente Beziehung zwischen technischer und sozialer Beschleunigung besonders gut erkennen, da erstere ebenso nicht nur schneller wird, sondern einer Beschleunigung der Veränderungsraten selbst unterliegt (vgl. Kurzweil 2004: 381f). Das Internet ist ein gutes Beispiel für die zweite Dimension (II) von Rosas Theorie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts benötigte das Radio 38 Jahre bis zu seiner Verbreitung, der Fernseher nur noch 13 Jahre, bis zum 50 millionsten Internetanschluss dauerte es jedoch nur noch vier Jahre (vgl. Rosa 2005: 129f.).

[...]


[1] Der Begriff ‚Moderne‘, soll im Sinne von Ullrich Becks ‚zweiter Moderne‘, welche Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts begann und bis in die Jetztzeit reicht, die Gegenwart beschreiben (vgl. Beck 1996).

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668158269
ISBN (Buch)
9783668158276
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315933
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Beschleuigung Rosa Hartmut Rosa Resonanz Akzelerationszirkel Neuzeit Weltbeziehung entfremdung Kapitalismuskritik Elias Kant Zeit Kultur Moderne Symbol schnell schneller langsam entschleunigen

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