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Fremdheit und Angst. Implikationen dieser Phänomene in der Physiotherapie

Bachelorarbeit 2015 52 Seiten

Physiotherapie, Ergotherapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Der Fall Frau X

2 Erkenntnisleitendes Interesse
2.1 Wissenschaftliche Fragestellungen und Hypothesen

3 Fremdheit
3.1 Der Fremde in der Geschichte
3.2 Unterschiede in der Sprache
3.3 Fremdheit in uns Selbst
3.4 Beunruhigung durch die Fremdheit
3.5 Erkennung und Aneignung der Fremdheit
3.6 Der Patient als Fremder

4 Einleitung in das Thema Angst
4.1 Definitionen von Angst
4.2 Grundlagen der Entstehung von Angst
4.3 Angstentstehung
4.4 Angst, Furcht und Stress – die Funktionen der Angst
4.5 Arten der Angst nach SCHWARZER
4.5.1 Selbstaufmerksamkeit
4.5.2 Aufgeregtheit
4.5.3 Besorgtheit
4.5.4 Existenzangst
4.5.5 Soziale Angst
4.6 Angstbewältigung
4.6.1 Coping als Bewältigungsstrategie

5 Beschreibung der Physiotherapie

6 Zur Interdependenz von Angst und Fremdheit

7 Beeinflussende und angstauslösende Fremdheitsfaktoren

8 Therapeutisches Eingehen
8.1 Empathie – Angst erkennen und damit umgehen

9 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Phänomene Fremdheit und Angst sind altbekannte Themen und beeinflussen den Menschen auf unterschiedliche Art und Weise, somit auch die Physiotherapie.

Die Fremdheit ist eine vielschichtige Thematik, die in unterschiedlichen Teilbereichen der Wissenschaften betrachtet wurde bzw. wird; vor allem in der Philosophie, Psychologie und Psychiatrie. Die vorliegenden Desiderate zeigen, dass Fremdheit mit der Sprache beginnt, uns beunruhigen kann, aber auch den Stellenwert einer Erfahrung beinhaltet. Patienten werden in der Physiotherapie mit Fremdheitsgut konfrontiert und erhalten somit eine eigene Gewichtigkeit; Der Patient als Fremder (vgl. Kap. 3.7).

Die Angst, als zweiter Schwerpunkt dieser Arbeit, ist ein seit Langem bekanntes Thema, welches seit Anbeginn der Menschheit zum Leben gehört und ein Merkmal erlebter Fremdheit sein kann. Die verschiedenen Gebiete wie Magie, Religion, Philosophie und Wissenschaft (vor allem die Psychologie) haben sich verstärkt mit dieser Materie auseinandergesetzt, versucht sie verständlicher darzustellen und verschiedene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Auch die Desiderate von Angst zeigen, welche wichtigen Funktionen die Angst hat, wie sie entsteht, welche Angstarten es gibt und wie sie bewältigt werden können.

Die mannigfaltigen Gegebenheiten, Fremdheit und Angst wurden in Bezug auf die Physiotherapie noch nicht thematisiert und sollen in der vorliegenden Bachelorarbeit theoretisch betrachtet werden. Zusätzlich wird ein Fallbeispiel verwendet, was in den folgenden Passus immer wieder aufgegriffen wird, um dieses vielfältige Thema anschaulicher darzustellen.

1.1 Der Fall Frau X

Ein wichtiger Faktor für das folgende Fallbeispiel ist der psychische Hospitalismus (bei Kindern) bzw. Deprivation (bei Erwachsenen) dies finden wir häufig im Zusammenhang mit Patienten die sich einem langen Krankenhausaufenthalt unterziehen müssen.

Der Begriff Deprivation leitet sich aus dem lat. von deprivare für berauben ab.

Der Hospitalismus/die Deprivation umschreibt die physischen und psychischen Beeinträchtigungen, die durch einen langen Krankenhaus-, Heimaufenthalt oder durch Inhaftierung entstehen. Dieser wird häufig bei Säuglingen und Kleinkindern aber auch bei erwachsenen Patienten (meist Langzeitpatienten oder Menschen, die in einem Heim leben) beobachtet.[1]

Die physische Deprivation drückt sich in körperlichen Schädigungen aus die während eines Krankenhaus- oder Heimaufenthaltes entstanden sind, z.B. Nosokomialinfektionen mit multiresistenten Krankenhauskeimen oder typische Schädigungen wie einen Dekubitus durch falsche Lagerung.

Beachtlicher ist die psychische Deprivation; die durch fehlende emotionale Zuwendung und fehlende soziale Kontakte entsteht.

„Die psychische Deprivation ist ein Zustand des Organismus, der als Folge solcher Lebenssituationen entsteht, in denen dem Subjekt nicht in ausreichendem Maße und für genügend lange Zeit die Möglichkeit zur Befriedigung seiner grundlegenden psychischen Bedürfnisse gegeben ist.“[2]

Unterschieden wird zwischen:

- Emotionaler bzw. affektiver Deprivation: ungenügende Befriedigung von emotionalen Bedürfnissen
- Sensorischer Deprivation: Mangel an Sinnesreizen (hören, sehen, fühlen, riechen)
- Sozialer Deprivation: Bezugspersonen und emotionale Nähe fehlen
- Kognitiver Deprivation: Fehlen von Reizen, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kreativität, Orientierung und Vorstellungskraft beanspruchen.[3]

Fallbeispiel

Das Krankheitsbild im folgenden Fallbeispiel ist eine bakterielle Endokarditis (=eine Entzündung der Herzinnenhaut die durch Bakterien ausgelöst wurde). Diese Erkrankung führt unbehandelt relativ schnell zum Tod, doch mit einer entsprechenden Behandlung ist eine Heilung dieser Entzündung nicht ausgeschlossen; Rezidiven sind häufig zu beobachten. Ein erhöhtes Risiko für den Erwerb einer Endokarditis haben Patienten mit einem angeborenen oder erworbenen Herzfehler. Die Klappen des rechten Herzens sind selten betroffen und wird meist nur bei drogenabhängigen Patienten beobachtet. Pilzerkrankungen können bei immungeschwächten Personen auch eine Ursache sein. Die Mitralklappe ist am häufigsten betroffen.

Häufige Symptome sind:

- intermittierendes Fieber (ca. 90%)
- allgemeine Symptome (körperliche Schwäche, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust)
- kardiale Symptome (Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienzzeichen, unspezifische EKG-Zeichen)
- Milzvergrößerung
- Nierenbeteiligung (Hämaturie, Proteinurie)

Komplikationen:

- Ausreißen von Herzklappen mit einer Herzklappeninsuffizienz, Abszessbildung im Klappenbereich
- thrombotische Vegetationen (können in Blutkreislauf geraten à Thrombus à Apoplex, Lungen- oder Nierenembolie und evtl. andere Organe)
- Verschleppung der Keime in andere Organe (evtl. Abszessbildung)
- evtl. Sepsis (durch giftbildende Bakterien à Organausfall mit Nieren- und Lungenversagen) à größte Befürchtung einer Endokarditis

Diagnostik:

- EKG (Echo-Kardio-Gramm)
- Untersuchung von Blutkulturen
- andere bildgebende Verfahren (z.B. Ultraschall)
- Nachweis von Herzklappenveränderungen, neu aufgetretenen thrombotischen Vegetationen und/oder Keimen in der Blutkultur à sind zwar sichere Zeichen, allerdings schwer zu erbringen

Therapie:

- Breitbandantibiotikum (intra venös mehrere Wochen, danach orale Einnahme)
- Immunsuppressiva (Arzneimittel zur Unterdrückung des Immunsystems)
- Antimykotika (Arzneimittel zur Behandlung von Pilzkrankheiten)
- evtl. OP à Herzklappenersatz und/oder Entfernung von streuenden Entzündungsherden
- Intensivstation (mit strenger Bettruhe) à Normalstation (mit aufgelockerter, später aufgehobener (ohne dann mit Treppensteigen) Bettruhe)
- Krankenhausaufenthalt ca. 5-8 Wochen
- Prophylaxe (langjährige Penicillineinnahme)

Prognose:

- immer abhängig von Erreger, Verlauf und Komplikationen
- Letalität beträgt ca. 30%
- Häufig schwere Klappenschäden, die operativ versorgt werden müssen

Patienteninformation:

- Patienten müssen bei besonderen Risiken (z.B. endoskopischer Eingriff, Operation) vorbeugend Antibiotikum erhalten (harmlose Bakteriämie kann zu Rezidiven führen) à Endokarditisprophylaxe[4]

Patientenbeschreibung

Allgemeine Daten:

Frau X ist 62 Jahre alt und eine Migrantin aus dem Nahen Osten. Sie lebt seit knapp 30 Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern (alle erwachsen) in Deutschland und hat sich nur bedingt integriert. Ihrer Religion, dem Islam geht sie nach; die Muttersprache ist arabisch und die Zweitsprache Deutsch, in der sie die Grundkenntnisse beherrscht.

Anamnese:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Physiotherapeutische Maßnahmen dürfen bei strenger Bettruhe keine Steigerung der Herz- und Atemfrequenz bewirken; Kontrolle muss über den Monitor erfolgen. Patienten fühlen sich meist unterfordert, deswegen bedarf es einer genauen Aufklärung über den Verlauf der Erkrankung und den weiteren Therapiemaßnahmen.

ICF – International Classification of Funktioning, Disability and Health (zu Deutsch: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Analyse des vorliegenden Fallbeispiels kann vermutet werden, dass die Patientin ängstlich und schüchtern ist. Sie fühlt sich zusätzlich in der Umgebung des Krankenhauses fremd und unwohl.

Das Fallbeispiel ist rein fiktiv; es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es derart Patienten gibt und diese Art von Problemen immer wieder auftreten können.

Anmerkung: Zur vereinfachten Lesbarkeit des Textes wird in dieser Arbeit die althergebrachte männliche Schreibweise verwendet.

2 Erkenntnisleitendes Interesse

Die Phänomene der Interdependenz von Fremdheit und Angst werden in der physiotherapeutischen Ausbildung bzw. im Physiotherapiestudium nicht reflektiert. Wie sich allerdings in der vorliegenden Arbeit immer wieder feststellen lässt, beeinflussen sie die physiotherapeutische Behandlung enorm. Deshalb sollte in der Ausbildung oder im Studium auf diese Thematik gesondert in mehreren Unterrichtseinheiten eingegangen werden, um den Schülern oder den Studenten eine Möglichkeit mit dem Umgang dieser Problematik darzustellen. Da aber die Gegebenheiten von Fremdheit und Angst in Verbindung mit der Physiotherapie noch nicht betrachtet wurden, ist es nicht voraussetzbar, dass diese Problematik in der Berufsfachschule oder Fachhochschule thematisiert wird.

Die vorliegende explorative Studie setzt sich erstmals deskriptiv-analytisch mit den Themen der Fremdheit und Angst, im Rahmen des professionellen physiotherapeutischen Prozess auseinander. Sowohl die aktuell verfügbare wissenschaftliche Literatur als auch die Diskussion innerhalb der sience community zeigen die Wichtigkeit der Thematik auf. Angesichts des einleitenden Fallbeispiels erscheint es somit notwendig den derzeit noch abseitigen, psychologisch geführten Diskurs zu Fremdheit und Angst auf die Physiotherapie selbst und deren Berührungsansätze aus Ausbildung und Studium zu beziehen, damit auch diese Phänomene, die in einer Behandlung auftreten werden, dem Therapeuten nicht mehr fremd sind und er adäquat darauf reagieren und damit umgehen kann. Zusätzlich wird es eine Erleichterung in der Behandlung und der zwischenmenschlichen Beziehung von Therapeut und Patient nach sich ziehen.

2.1 Wissenschaftliche Fragestellungen und Hypothesen

Die wissenschaftlichen Fragestellungen und die dazugehörigen Hypothesen setzen sich aus den drei Teilbereichen Fremdheit, Angst und der damit verbundenen Interdependenz zur Physiotherapie zusammen.

1. Fremdheit in der Physiotherapie

Wissenschaftliche Fragestellung: Welche Ursachen und Folgen hat das Phänomen der Fremdheit auf den Patienten in der Physiotherapie?

Nullhypothese: Es gibt keine Ursachen und Folgen des Fremdheitsphänomens in der Physiotherapie.

Erste Alternativhypothese: Wenn Patienten in einen formalen Prozess einer physiotherapeutischen Beziehung eintreten, dann muss angenommen werden, dass es Ursachen für das Phänomen der Fremdheit gibt.

Zweite Alternativhypothese: Wenn Patienten in einen formalen Prozess einer physiotherapeutischen Beziehung eintreten, dann muss angenommen werden, dass es Folgen für das Phänomen der Fremdheit gibt.

2. Angst in der Physiotherapie

Wissenschaftliche Fragestellung: Welche Ursachen und Formen von Angst tangieren die physiotherapeutische Behandlung?

Nullhypothese: Es gibt keine Ursachen und Formen von Angst die eine physiotherapeutische Behandlung beeinflussen.

Erste Alternativhypothese: Wenn Patienten sich in eine physiotherapeutische Behandlung begeben, dann muss vorausgesetzt werden, dass es Ursachen für eine Angstempfindung gibt.

Zweite Alternativhypothese: Wenn Patienten sich in eine physiotherapeutische Behandlung begeben, dann muss vorausgesetzt werden, dass es verschiedene Formen der Angst gibt.

3. Interdependenz zur Physiotherapie

Wissenschaftliche Fragestellung: Welche Einflüsse ergeben sich aus der Interdependenz von Fremdheit und Angst zwischen Patient und Physiotherapeut?

Nullhypothese: Es gibt keine beeinflussende Interdependenz von Fremdheit und Angst zwischen Patient und Physiotherapeut.

Erste Alternativhypothese: Es gibt Einflüsse, die sich aus der Interdependenz von Fremdheit und Angst zwischen Patient und Physiotherapeut ergeben.

3 Fremdheit

Die Begriffe fremd, Fremde und Fremdheit werden in der Gesellschaft und im alltäglichen Leben vielseitig verwendet. Häufig wird darunter verstanden, dass wir jenes nicht kennen oder noch nicht kennen. Das Fremde muss erst eingeordnet und einem bekannten alltäglichen Begriff zugeordnet werden um es uns bekannt zu machen. Damit ist das Fremde nicht mehr fremd oder scheint nicht mehr fremd zu sein. Wobei eine Person oder eine Situation einem bekannt sein kann und trotzdem ist sie fremd. In diesem Fall geht es um soziale Distanzen die entweder aufhebbar oder nicht aufhebbar sind.[5] Wendet man sich dem Begriff fremd zu, zeigt sich, dass dieser insbesondere sprachgeschichtlich nicht weltneutral ist. Das Adjektiv fremd entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen vrem(e)de und dem althochdeutschen fremidi, zu einem untergegangenen Adverb mit der Bedeutung vorwärts; von – weg und vorerst entfernt, dann unbekannt, nicht vertraut, ungewohnt.[6] Es ist somit das Gegenteil zum Bekannten bzw. Vertrauten und kann dadurch Ängste und Gefühle einer Beklemmung oder Furcht auslösen.

Die relationalen Begriffe fremd und Fremdheit können auch für die Beschreibung der Einsamkeit oder Isoliertheit einer Person verwendet werden. Der Begriff Fremder wird auch dazu verwendet, um Unterschiede einer einzelnen Person und einer Personengruppe aufzuzeigen.[7]

„Im Alltagsdenken sind die Begriffe „fremd“ und der „Fremde“ relationale Begriffe; insofern als der diese Begriffe Verwendende andere Individuen, Objekte oder Kollektive in Relation zu sich selbst betrachtet. Jedoch kann sich, sofern das Fremde im Alltag als unverständliche Größe betrachtet wird, auch eine absolute Perspektive einstellen. Hierin ist vermutlich der größte Unterschied zu einer wissenschaftlichen Betrachtung zu sehen, entsprechend der das Fremde immer relational zu denken ist.“[8]

Die Fremdheit oder was im Alltag als fremd bezeichnet wird, ist nicht hinterfragt. Eine ähnliche Situation tritt auf, wenn von Fremden gesprochen wird. Es sollte zwischen einer einzelnen Person, als Fremder und einer Gruppe, als Fremde, eine genaue Grenze gezogen werden. Ein Fremder kann eine Person sein die einer anderen Person unbekannt ist[9], wie z.B. der Patient und der Physiotherapeut. Es sind zwei Personen die sich vor der ersten Behandlung im Normalfall noch nie gesehen haben und auch nichts voneinander wissen. Doch begibt sich der Patient in die Obhut des Physiotherapeuten; in die Fremde, zu einem Unbekannten (dem Physiotherapeuten) und in eine fremde Situation, die evtl. bei dem Patienten ein Gefühl der Angst auslösen könnte. Wenn der Moment der Fremdheit überwunden ist und das Unbekannte vertraut wird, kann die Angst geringer werden und der Patient kann sich woh l fühlen.

Bei Personengruppen wird von Fremden gesprochen. Die Fremden sind Personen einer gewissen Nationalität oder Region. Sie werden in Kollektive eingeordnet bzw. werden aus ihnen Kollektive konzeptualisiert. In diesem Fall ist die soziale Wahrnehmung von Interesse. Es stellt sich die Frage: „Ab wann wird eine Person als Angehöriger oder Vertreter von Kollektiven, und wann als einzelner Fremder wahrgenommen?“.[10]

Die Zuordnung zu Kollektiven kann auch im Kontext aus der Herausbildung von Vorurteilen einer bestimmten Personengruppe durchleuchtet werden; der Therapeut könnte z.B. ein Vorurteil gegenüber einer bestimmten Nationalität haben und den Patienten der dieser angehört nicht gleich den anderen Patienten behandeln oder der umgekehrte Fall, dass ein Patient Vorurteile gegenüber einer bestimmten Nationalität hat und sich deswegen nicht von dem Therapeuten der dieser angehört behandeln lassen will.

Wie in dem beschriebenen Fallbespiel, gehört Frau X einer anderen Kultur und Religion an. Sie hat wahrscheinlich andere Vorstellungen des Verlaufs einer Behandlung oder kann sich vielleicht gar nichts darunter vorstellen. Sie fühlt sich in der neuen Umgebung fremd und dieses Gefühl löst wiederrum Angst aus. Die Patientin will grundsätzlich nicht von Männern behandelt werden oder sie hat vielleicht Probleme damit, von einer Therapeutin behandelt zu werden, die einer anderen Kultur angehört, da sie vielleicht Angst davor hat, nicht in ihrer Kultur und ihren damit verbunden moralischen und ethischen Vorstellungen und Einstellungen, verstanden zu werden.

3.1 Der Fremde in der Geschichte

Die Beschreibung der Fremdheit wird im Folgenden von Bernhard Waldenfels (2008, 2013) verwendet. Es handelt sich hierbei um einer der aktuellsten und fast einzigartigen Werke die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Sie sind bedeutsam, umfassend und analysieren alle wichtigen Fremdheitsfaktoren, die wiederum durch das Fallbeispiel auf die Physiotherapie angepasst werden können.

Der Begriff Fremde wird bei den Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Hierbei kommt es zu einer Unterscheidung zwischen Barbaren und Griechen.

Erst zu Beginn der Neuzeit, als die Gesamtordnung zerbricht, verändert sich die Situation. Es kommt zu einem Zusammenbruch der Vernunft und der Dezentralisation des Individuums, was die Konsequenz der Abenteuerlust der westlichen Moderne ist.[11]

„Diese Abenteuer, die von Entdeckungsfahrten und Eroberungszügen begleitet waren, auf denen sich neue und ferne Welten erschlossen und „wunderbare Besitztümer“ ansammelten, dauern schon lange an; doch erst im 18. und 19. und vollends im 20. Jahrhundert dringt das Fremde ausdrücklich und unwiderruflich in den Kern der Vernunft und in den Kern des Eigenen ein. Die Herausforderung durch ein radikal Fremdes, mit der wir uns konfrontiert sehen, bedeutet, dass es keine Welt gibt, in der wir völlig heimisch sind, und dass es kein Subjekt gibt, das Herr im eigenen Hause wäre. Bis heute stellt sich allerdings die Frage, wieweit diese Herausforderung angenommen, wieweit sie verdrängt wird.“[12]

In der heutigen Zeit ist das Fremde etwas Allvertrautes, mit dem die Menschen alltäglich konfrontiert werden. Es beginnt mit dem Fremdeln des Kindes, wenn es anfängt auf den Unterschied zwischen vertrauten und fremden Personen zu reagieren und die enorme Vielfalt in den Sprachen, beispielsweise kann eine Fremdsprache erlernt werden allerdings ist sie uns immer fremd und wird nie gleich der Muttersprache. Ein klinisches Phänomen ist die Entfremdung vom eigenen Körper was sich zu einem schwer kontrollierbaren psychiatrischen Krankheitsbild entwickeln kann; es wird aber teilweise in kulturspezifischen Riten oder auch therapeutisch eingesetzt.[13]

[...]


[1] Vgl. http://www.onmeda.de/pflege/hospitalismus.html.

[2] Langmeier, Psychische Deprivation im Kindesalter, 1977, S. 12.

[3] Vgl. Langmeier, Psychische Deprivation im Kindesalter, 1977, S. 9.

[4] Vgl. Menche, Innere Medizin, 2005, S. 85ff.

[5] Vgl. Geenen, Soziologie des Fremden, 2002, S. 20ff.

[6] Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/fremd.

[7] Vgl. Geenen, Soziologie des Fremden, 2002, S. 21.

[8] Geenen, Soziologie des Fremden, 2002, S. 21.

[9] Vgl. Geenen, Soziologie des Fremden, 2002, S. 21.

[10] Vgl. Geenen, Soziologie des Fremden, 2002, S. 21.

[11] Vgl. Waldenfels, Topographie, 2013, S. 16ff.

[12] Waldenfels, Topographie, 2013, S. 17.

[13] Vgl. Waldenfels, Topographie, 2013, S. 16ff.

Details

Seiten
52
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668150485
ISBN (Buch)
9783668150492
Dateigröße
909 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315929
Institution / Hochschule
Fachhochschule des Mittelstands Campus Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Fremdheit Fremde Patient Angst Furcht Stress Soziale Angst Coping Angstbewältigung Physiotherapie Interdependenz Therapeutisches Eingehen Empathie

Autor

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Titel: Fremdheit und Angst. Implikationen dieser Phänomene in der Physiotherapie