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Wie kann das Wissen über die Sexualtriebe in die sozialpädagogische Praxis transferiert werden?

Studienarbeit 2014 59 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sexualität
1.1 Was ist Sexualität?
1.2 Ein systemischer Definitionsversuch
1.3 Pubertät
1.4 Sexualpädagogik
1.5 Sexualerziehung
1.6 Sexualaufklärung
1.7 Sexualökonomie und deren Regulierung
1.8 Moral und Innere Moral

2. Grundlagen der Sexualpsychologie nach Sigmund Freud
2.1 Infantile Sexualität
2.2 Die 3 Instanzen der Psyche
2.2.1 Das „ Es “
2.2.2 Das „ Ich “
2.2.3 Das „Überich “
2.2.4 Triebe
2.3 Psychosexuelle Entwicklung
2.3.1 Orale Phase: Geburt - 18 Monate
2.3.2 Anale Phase: 18 Monate - 3;5
2.3.3 Phallische Phase: 3;5 - 6;
2.3.4 Latenz Phase
2.3.5 Genitale Phase „ postpubertäre Phase “
2.3.6 Urethralerotik
2.3.7 Haut- und Blickerotik

3. Sexualpsychologie nach Wilhelm Reich
3.1 Selbstregulation als allgemeines Funktionsprinzip
3.2 Die Konfrontation kindlich-analer Lust mit dem Ekel der Umwelt als Beispiel Zwangsmoralischer Unterdrückung
3.3 Reinlichkeitserziehung, Versagensängste und Ordnungszwang
3.4 Natürliche genitale Erregung zwischen Kindern
3.5 Unterdrückung kindlich-sexueller Kontakte und sexuelle Schuldgefühle
3.6 Unterdrückung kindlich-genitaler Sexualität und Autoritätsangst
3.7 Triebenergie und natürliche Triebentfaltung
3.8 Triebunterdrückung und Verdrängung
3.9 Verdrängung und Neurose
3.10 Schichtweise Verdrängung und Charakterpanzer
3.11 Charakterpanzer und körperlicher Panzer
3.12 Körperlicher Panzer, Triebstauung und Krankheit
3.13 Triebunterdückung, Anpassung und Destruktion
3.14 Gesellschaft und Libido
3.15 Sexualökonomische Moral

4. Grundsätze einer nichtunterdrückenden, nichtautoritären sexualbejahenden Erziehung
4.1 Pubertät & Kinder - Fixe Abläufe und Triebbefriedigung
4.2 Beobachtungen an Kindern die bewusst sexualbejahend erzogen wurden
4.3 Sexuelle Reizung bei Kleinkindern
4.4 Sexuelle Reizung bei Jungen
4.5 Sexuelle Reizung bei Mädchen

5. Konsequenzen sozialpädagogischen Handelns
5.1 Themen der Sexualpädagogik
5.2 Keine neuen pädagogischen Wesensbestimmungen sexuellen Verhaltens
5.3 Eigene Sexualität kennen und Position beziehen
5.4 Sexualität positiv besetzen und als Identitätsquelle nutzen
5.5 Grenzsetzungen und Scham als Identitätsschutz
5.6 Kinder und Jugendliche sprachfähig machen
5.7 Wissen, wovon wir reden: „Die Sache klären“
5.8 Spannende und Lustvolle Erfahrungen fördern
5.9 Alter und Entwicklungsstufen beachten
5.10 Lebenswelten berücksichtigen
5.11 Den Institutionellen Rahmen beachten
5.12 Störungen und Brüche ernst nehmen und zulassen
5.13 Gestaltung wertvoller Erfahrungsräume
5.14 Handlungsfelder und Handlungsmodalitäten der Sexualpädagogik

6. Zusammenhänge und Auswirkungen der sexualmoralischen Unterdrückung in der Gesellschaft

Schlusswort

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kurzfassung

Diese Abschlussarbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen der Lehre der Sexualpsychologie mit dem Fokus auf Kinder und Jugendliche.

Die zentrale Fragestellung dazu lautet: Wie können die Erkenntnisse der Lehren der Sexualpsychologie in der sozialpädagogischen Praxis förderlich umgesetzt werden? Die Fragestellung wurde mit vorliegender Literatur bearbeitet.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Was wir aus unserer Sexualität machen, ergibt sich oft aus den Erfahrungen die wir in der Jugend mit ihr haben.

Das Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, wie man als pädagogische Fachkraft, unter Einbeziehung des theoretischen Wissens um die Sexualpsychologie, das Kind und den/ die Jugendlichen/Jugendliche dabei unterstützen kann, seine/ihre sexuelle Reife zu erlangen.

Es wurden dafür speziell die Schriften von Wilhelm Reich herangezogen.

Wilhelm Reich ist insofern interessant, da er in vielen Wissenschaften wie der Medizin, der Biologie, der Physik und der Psychoanalyse bewandert war.

Zudem war er ein Schüler Sigmund Freuds welcher zu dieser Zeit viele bedeutende psychoanalytische Grundsteine legte.

Dieses umfangreiche naturwissenschaftliche Wissen und Verständnis für das Leben und alles Lebendige, ließ Wilhelm Reich Zusammenhänge erkennen, die anderen Wissenschaftlern verborgen blieben.

Vor allem in Hinsicht auf die Psyche der Menschen und die Zusammenhänge von Körper, Geist, Gesellschaft, Gesundheit und Krankheit konnte Reich klinisch und wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge herstellen.

Reich erkannte, dass die Triebunterdrückung und somit die Stauung von Triebenergie, die Wurzel für psychosomatische Erkrankungen, asoziale Regungen und Einschränkungen im Sozialverhalten als auch der Sexualität bildet.

Reich hatte viele Gegner, manche so mächtig und so angsterfüllt von den Erkenntnissen die Reich hatte, dass ihm die weitere Forschung verboten und seine Werke verbrannt wurden.

Dass seine Werke verbrannt wurden, geschah nicht nur im damaligen Nazi-Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, in die Reich flüchtete um den Nazis zu entfliehen.

Darum verfügte Reich in seinem Testament, dass sein Nachlass erst fünfzig Jahre nach seinem Tode der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werde.

Seit 2007 sind seine Werke wieder öffentlich zugänglich.

Die leitende Frage dieser Arbeitet daher:

Wie kann das Wissen über die Sexualtriebe in die sozialpädagogische Praxis transferiert werden?

Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut:

Am Anfang der Arbeit sollen Grundlegende Begriffe im Bezug auf die Sexualität erklärt werden. Das zweite Kapitel widmet sich den Grundlagen der Sexualpsychologie nach Sigmund Freud und klärt deren Grundbegriffe und Zusammenhänge des Phasenmodells und des 3-Instanzen-Modells von Sigmund Freud.

Aufbauend darauf kommen die Zusammenhänge die Wilhelm Reich - ein Schüler von Sigmund Freud - entwickelt hat.

Daraufhin folgen praktische Exemplare einer nichtunterdrückenden nichtautoritären sexualbejahenden Erziehung auf der Basis wissenschaftlicher Beobachtungen und wie sich die Erkenntnisse Wilhelm Reichs auch auf die Gesellschaft übertragen lassen. Das Ende der Arbeit beschreibt die Möglichkeiten sozialpädagogischer Handlungsweisen und der Konsequenzen des Wissens um eine nichtunterdrückende, nichtautoritäre sexualbejahende Erziehung für das Berufsfeld der Sozialpädagogik.

1. Sexualität

1.1 Was ist Sexualität?

Die Sexualtherapeutin Offit schreibt:

Sexualität umfasst zu viel und zu Widersprüchliches, ist weitgehend dem Irrationalen und Unbewussten verhaftet. Kurz: Die Widerborstigkeit dessen, was menschliche Sexualität darstellt, sträubt sich gegen jede rational einsichtige Benennung.(vgl. Sielert 2005, S.37)

Eine weitere Definition:

„Sexualität ist, was wir daraus machen. Eine teure oder eine billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Agression (der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse und das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form von Zärtlichkeit, eine Art der Regression, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Extase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biolgische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung“ (Offit 1979, S.16)

1.2 Ein systemischer Definitionsversuch

„Sexualität kann begriffen werden

-als allgemeine, auf Lust bezogene Lebensenergie,
-die sich des Körpers bedient,
-aus vielfältigen Quellen gespeist wird,
-ganz unterschiedliche Ausdrucksformen kennt und
-in verschiedener Hinsicht sinnvoll ist“

(Sielert 2005, S.41)

1.3 Pubertät

Unter Pubertät wird die Phase der Adoleszenz bezeichnet, in dem der entwicklungspsychologische Verlauf der Geschlechtsreifung als Ziel die Geschlechtsreife im Sinne von Fortpflanzungsfähigkeit erreicht und im weiteren Verlauf zu einem ausgewachsenen Körper führt.

Mit der von den psychologischen und biologischen Wissenschaften getätigten Aussage, dass es sich bei der Pubertät um eine Phase der Geschleichtsreifung handelt, die mit dem Kindesalter (in der Biologie) und der Geburt (in der Psychologie) beginnt und mit dem Erwachsenenalter endet. Damit ist klar, dass die Pubertät von der Sexualität dominiert wird.

1.4 Sexualpädagogik

Bei der Sexualpädagogik ist eine Aspektdisziplin der Pädagogik gemeint, die ihr Hauptaugenmerk auf die intentionale erzieherische Einflussnahme auf die Sexualität und die sexuelle Sozialisation richtet, diese erforscht und wissenschaftlich reflektiert.(vgl. Sielert 2005, S.15)

1.5 Sexualerziehung

„Unter dem Begriff der Sexualerziehung versteht man die kontinuierliche, intendierte Einflussnahme auf die Entwicklung sexueller Motivationen, Ausdrucks- und Verhaltensformen sowie von Einstellungs- und Sinnaspekten der Sexualität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen . “ (Sielert 2005, S.15)

1.6 Sexualaufklärung

„Als Sexualaufklärung versteht man die Informationen über Fakten und Zusammenhänge zu allen Themen menschlicher Sexualität.

Diese Informationen werden meist als einmaliges Geschehen und dies mehr oder weniger an Zielgruppen orientiert, vermittelt.

Sexualaufklärung wird damit zum Teil der Sexualerziehung.“(Sielert 2005, S.15)

1.7 Sexualökonomie und deren Regulierung

„Das Wesen der sexualökonomischen Regulierung besteht darin, dass man das Setzen absoluter Vorschriften und Normen vermeidet und die Interessen des Lebenswillens und der Lebenslust als Regulatoren menschlichen Zusammenlebens anerkennt. Dass diese Anerkennung heute durch die zerrüttete menschliche Struktur äußerst eingeschränkt ist, spricht nur gegen die moralische Regulierung, die sie erzeugt hat, und nicht gegen das Prinzip der Selbststeuerung.“ (Reich 2004, S.50)

1.8 Moral und Innere Moral

Unter der Moral versteht man die Gesamtheit von ethisch-Sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren und die von ihr als verbindlich akzeptiert werden.

Die Moral steuert das sittliche Empfinden und somit das Verhalten des Einzelnen und einer Gruppe. Die Moral regelt somit auch die Ordnung. (vgl. Reich 2010, S.392)

Unter „innerer Moral“ versteht man die Selbstversagung, also Triebversagung die bewusst passiert, wenn man die aufkommenden Triebenergien bewusst oder unbewusst zurückhält.

Fragt man jedoch nach der Herkunft der Triebversagung, so werden die Grenzen der Psychologie überschritten und man betritt das Gebiet der Gesellschaftswissenschaften und trifft auf eine grundlegend andere Problematik, als sie die Psychologie darstellt. (vgl. Reich 2010, S.392)

Es gibt zweierlei Moral, aber nur eine Art moralischer Regulierung. Diejenige Moral, die alle Menschen mit Selbstverständlichkeit bejahen (nicht vergewaltigen, nicht morden usw.), ist nur aufgrund vollster Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse herzustellen. Doch die andere Moral die wir (Willhelm Reich, seine Anhänger, usw.) verneinen (Askese für Kinder und Jugendliche, absolute ewige Treue, Zwangsehe usw.), ist selbst krankhaft und erzeugt das Chaos, zu dessen Bewältigung sie sich berufen glaubt. (vgl. Reich 2010, S.392)

2. Grundlagen der Sexualpsychologie nach Sigmund Freud

2.1 Infantile Sexualität

Freud entwickelte das Konzept der Sexualtheorie mit der infantilen Sexualität als Kernthema.

Infantile Sexualität ist nicht auf das Kindesalter beschränkt, sie konstituiert sich gleich nach der Geburt, entfaltet sich im Verlauf der psychosexuellen Entwicklung in verschiedene Formen und bildet nach der Pubertät auch den Kern der genitalen, >>erwachsenen<< Sexualität.

So stellt genau das Infantile, Polymorph-Perverse den zentralen Wesenszug menschlicher Sexualität dar.

Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt (2005) unterteilt das Konzept der infantilen Sexualität paradigmatisch in zwei große Gruppen: in eine homologe (Ähnlichkeit kindlicher und erwachsener Sexualität) und in eine heterologe (kategoriale Differenz der Sexualität in ihrer Bedeutung) Position.

Die erste Gruppe betont die strukturelle Ähnlichkeit kindlich erwachsener Sexualität und interessiert sich vor allem für die quantitativen Unterschiede. Kindliche Sexualität bezeichnet er als Vorform der späteren Sexualität der Erwachsenen. Zurück gehen diese Erkenntnisse auf Untersuchungen der sexuellen Verhaltensweise (wie Masturbation oder sexuelle Aktivitäten mit anderen) als auch psychosexuelle Aspekte (wie Phantasien) oder soziosexuelle Phänomene (wie Verliebtsein). Methodisch überwiegen Beobachtung und Befragung von Bezugspersonen oder retrospektive Interviews.(vgl. Quindeau 2014, S.33)

„Es herrscht Konsens in der Sexualwissenschaft, dass schon bei Kleinkindern fast alle sexuellen Äußerungen wie bei Erwachsenen zu beobachten sind, von sexueller Neugier über Erregung bis hin zum Orgasmus mit allen Kennzeichen wie >>verlorenem Blick<<, Beschleunigung der Atmung und Muskelspasmus. Diese Verhaltensäußerungen unterscheiden sich vom Erwachsenen lediglich in der Häufigkeit, sie sind weit seltener und weit weniger zielgerichtet. Empirische Untersuchungen ergeben, dass sich etwa 60 Prozent der heutigen jüngeren Erwachsenen an präpubertäre Spiele mit anderen und etwa 40 Prozent an präpuberale Masturbation erinnern.“(Quindeau 2014, S.34)

„In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse diskutiert Freud die

Schwierigkeit, das Sexuelle präzise zu bestimmen, und schlägt schließlich vor, auf Definitionsversuche ganz zu verzichten. Stattdessen schildert er ,abweichende‘ Sexualbetätigungen und macht ihren Zusammenhang mit der mit der sogenannten normalen Sexualität deutlich.

Über die Perversionen kommt Freud zur kindlichen Sexualität mit der Annahme, dass >>alle Perversionsneigungen in der Kindheit wurzeln<<.

Genaue Beobachtungen hätten ihn zur Annahme geführt; perverse Sexualität sei nichts anderes als die >>vergrößerte, in ihrer Einzelregung zerlegte infantile Sexualität<<. Entsprechende nennt er, wie schon erwähnt, die infantile Sexualität >>polymorph- pervers<<- hinzugefügt sei noch einmal, dass die Bezeichnung >>pervers<< nicht im abwertenden, umgangssprachlichen Sinn gemeint ist, sondern alle sexuellen Formen umfasst, die nicht auf genitale, potenziell reproduktive Vereinigung von Mann und Frau zielt.“ (Quindeau 2014, S.35-36)

„Einen besonders deutlichen Unteschied zwischen infantiler und erwachsener Sexualität konzipiert Sándor Fernczi (1933).

Ferneczi unterscheidet die kindliche Sprache der Zärtlichkeit von der Sprache der Leidenschaft der Erwachsenen und beschreibt die Psychodynamik einer >>Missbrauchsbeziehung<< wie folgt: Im Unterschied zu einer unproblematischen, liebevollen Beziehung zwischen einem Kind und einem Erwachsenen, deren gemeinsames Spielen durchaus auch erotische Züge annehmen kann, die jedoch auf der Ebene der Zärtlichkeit bleiben, ist der sexuelle Missbrauch durch ein Überschreiten dieser Grenze gekennzeichnet; das Kind wird mit einer sexuell reifen Person verwechselt. Es reagiert darauf nun nicht - wie eigentlich zu erwarten - mit Ablehnung oder Abscheu, sondern ist durch ungeheure Angst regelrecht paralysiert. Diese Angst zwingt das Kind, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, dessen Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, das heißt, sich mit ihm zu identifizieren. Durch die Introjektion des Angreifers verschwindet er als äußere Realität und wird innerpsychisch; die frühere Zärtlichkeitsebene kann auf diese Weise aufrechterhalten werden.

Die Introjektion des Angreifers umfasst auch dessen Schuldgefühl, sodass sich das Kind durch den Übergriff nicht nur bedroht, sondern auch schuldig fühlt: ,das missbrauchte Kind wird zu einem mechanisch gehorsamen Wesen, (...) sein Sexualleben bleibt unentwickelt oder nimmt perverse Formen an‘.“ (Quindeau 2014, S.33-37)

2.2 Die 3 Instanzen der Psyche

Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, war der Begründer des Modells, dass der psychische Apparat aus 3 Instanzen bestehe, welche hier näher erklärt werden sollen.

2.2.1 Das „Es“

Die älteste psychische Instanz ist das Es.

Sein Inhalt umfasst alle ererbten, bei der Geburt mitgebrachten, konstitutionell festgelegten, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden. (vgl. Freud 2010, S.9)

Das Es, oder genauer gesagt die Macht die ihm innewohnt drückt die ursprünglichsten Lebensabsichten des Einzelwesens aus.

Die Absicht des Es besteht darin, seine mitgebrachten Bedürfnisse zu befriedigen.

Eine Absicht, sich am Leben zu erhalten und sich durch Angst vor Gefahr zu schützen, kann dem Es nicht zugeschrieben werden, dies ist die Aufgabe des „Ich“.(vgl. Freud 2010, S.12)

2.2.2 Das „Ich“

Unter dem Einfluss der Außenwelt hat ein Teil des Es einen besonderen Entwicklungsverlauf erfahren.

Ursprünglich als „Rindenschicht“ mit den Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, hat sich eine Organisation herauskristallisiert, die zwischen dem „Es“ und der Außenwelt vermittelt.

Dieser Teil des Seelenlebens trägt den Namen „Ich“.(vgl. Freud 2010, S.10)

Die Aufgabe des „Ich“ besteht darin herauszufinden, wie die Triebe auf die gefahrloseste Art und mit Rücksicht auf die Aussenwelt befriedigt werden können.(vgl. Freud 2010, S.12) Das „Ich“ hat infolge der vorgebildeten Verbindungen zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion Macht über die willkürlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung und schafft dies indem es Reize von Außen kennen lernt, Erfahrungen darüber mithilfe des Gedächtnisses speichert und überstarke Reize durch Flucht vermeidet oder mäßigen Reizen mit Anpassung begegnet. Die Aussenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern ist mitunter eine Aufgabe des „Ich“. Nach Innen hin soll von ihm die Herrschaft über die Triebansprüche gewonnen werden und es soll entscheiden, wann diese zur Befriedigung zugelassen werden. Als „Unlust“ wird in diesem Zusammenhang die Erhöhung der Reizspannung der Triebansprüche des „Es“ bezeichnet. Als „Lust“ wird die Erfüllung des Triebanspruchs und die darauf folgende Herabsetzung der Reizspannung bezeichnet.

(vgl. Freud 2010, S.10)

2.2.3 Das „Überich“

Die Hauptleistung des „Überichs“ ist die Einschränkung der Befriedigung, auch wenn es neue Bedürfnisse geltend macht.(vgl. Freud 2010, S.12)

Während der langen Kindheitsperiode, in der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich eine besondere Instanz heraus. Diese Instanz setzt den elterlichen Einfluss fort.

Es handelt sich um eine dritte Macht, der das „Ich“ Rechnung tragen muss. Eine Handlung des „Ichs“ ist dann korrekt, wenn sie den Anforderungen des „Es“ und des „Überichs“ sowie der Realität genügt. Damit ist gemeint, diese verschiedenen oft widersprüchlichen Ansprüche , miteinander in Einklang zu bringen.

Aus der Zurückführung auf das Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern werden die Einzelheiten der Beziehung zwischen „Ich“ und „Überich“ verständlich. Im elterlichen Einfluss wirkt nicht nur das Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluss von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus.

Im Laufe der individuellen Entwicklung nimmt das „Überich“ Beiträge von Seiten späterer Fortsetzender und Ersatzpersonen der Eltern auf so wie Erzieher, Freunde, Vorbilder der Gesellschaft verehrter Ideale. (vgl. Freud 2010, S.11)

Bei all ihren fundamentalen Unterschieden zeigen das „Es“ und das „Überich“ eine Übereinstimmung und zwar, dass sie die Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren. Das „Es“ nimmt dabei den Teil der ererbten und das „Überich“ den Teil (der unbewussten, triebhaften Bereiche des Mensch-Seins, d.Verf.) der von Anderen übernommen Moralvorstellungen ein.

Das „Ich“ wird hauptsächlich durch das selbst erlebte, also das Akzidentielle und das

Aktuelle, bestimmt.

(vgl. Freud 2010, S.12)

Das Überich stellt das subjektive Gesellschaftsideal dar, dass Moral und Werte beinhaltet.

2.2.4 Triebe

Die Kräfte die dem „Es“ innewohnen und die hinter den Bedürfnisspannungen stehen, werden als „Triebe“ bezeichnet.

Sie stehen repräsentativ für die körperliche Anforderung an das Seelenleben.

Man kann eine Reihe von von Trieben unterscheiden.(vgl. Freud 2010, S.12-13)

So gibt es den Sicherheitstrieb, den Aggressionstrieb, den Bindungstrieb, den Nahrungstrieb und den Sexualtrieb.

Der Trieb selbst kann als gewisser Energiebetrag gesehen werden.

Dem inneren Triebreiz kann der Mensch jedoch nicht, wie meist bei einem äußeren Reiz, ausweichen.

Ohne den Trieb zu befriedigen kann man der Triebspannung nicht entgehen.

Je länger die Triebbefriedigung aufgeschoben wird, desto größer wird die aversive (Ablehnung hervorrufende) Spannung und der Wunsch nach Triebbefriedigung und Energieabfuhr.

Das Triebziel ist die Erleichterung, Entladung oder Abfuhr der Erregungsspannung.

2.3 Psychosexuelle Entwicklung

Freud war der Meinung, dass sich die Sexualität aus Teiltrieben (Partialtrieben), die in den erogenen Zonen (Mund, After) auftauchen, zusammensetzt. Diese können auf unterschiedlichste Weise befriedigt oder an der Befriedigung gehindert werden und so das Triebschicksal eines Menschen mitbestimmen.

Freud nutzt das Auftauchen der Partialtriebe um die Psyche in verschiedene Entwicklungsphasen einzuteilen.

Er benannte sie folgendermaßen:

2.3.1 Orale Phase: Geburt - 18 Monate

Die orale Phase dauert von der Geburt bis ungefähr bis zur Mitte des zweiten Lebensjahres.

In dieser Phase wird die sexuelle Lust überwiegend durch Reizung der Mundhöhle und des Afters gestillt.

Nach der Geburt ist die Sexualität zunächst noch kein selbstständiger Trieb, sondern sie ist mit dem Nahrungstrieb verbunden und wird durch Lutschen und Saugen befriedigt. Dann verändert sich die orale Sexualität , das lustvolle „Wonnesaugen“ ist deutlich vom angestrengten „Nahrungssaugen“ zu unterscheiden. Das Kind erschließt sich durch das Lusterleben neue Wirklichkeiten. Dies geschieht lutschend und saugend, mit dem Mund begreifend, eignet es sich die ihm zugänglichen Gegenstände an und es lernt sich selbst weiter kennen, indem sich Saugen und Ausscheidungen verbinden. (vgl. Kentler 1988, S. 60)

Physischer Fokus: Mund, Lippen, Zunge (Lutschen).

Saugen ist die primäre Quelle der Lust für ein Neugeborenes. Alles wird über den Mund begriffen. Saugen bedeutet Nahrung.

Psychologisches Thema: Abhängigkeit.

Ein Baby ist sehr Abhängig von seiner Umwelt es kann selbst nur sehr wenig tun. Wenn die Bedürfnisse des Kleinkindes genügend erfüllt wurden, kann es in die nächste Phase eintreten. Wenn die Bedürfnisse nicht oder übererfüllt werden, wird es das Kind im späteren Leben schwer haben in einer Welt in der im Allgemeinen nicht all seine Bedürfnisse entsprechend erfüllt werden.

Erwachsene Fixierung: sehr abhängig/sehr unabhängig.

Wenn ein Baby sich in dieser Phase fixiert, entwickelt sich der Mensch zum „OralenCharakter“. Diese Menschen zeigen meist starke Abhängigkeiten und verhalten sich passiv und wollen die, sie betreffenden Angelegenheiten von anderen erledigt haben. Umgekehrt kann es sein, dass sich eine solche Person in einen sehr unabhängigen Charakter verwandelt, der in Stresssituationen zwischen dem Abhängigen und Unabhängigen Charakter wechselt.

Oralerotik

„Die erste Sexualbetätigung des Kindes wird im Saugen und Lutschen bzw. - in freudscher Ausdrucksweise - im Ludeln und in der Einverleibung von Objekten gesehen. Das Sexuelle zeigt sich dabei in Anlehnung an andere lebenswichtige Funktionen, in diesem Fall an das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme. Zunächst tritt es mit der Nahrungsaufnahme zusammen auf, dann wird es von ihr losgelöst und unabhängig. Der sexuelle Wunsch besteht in der Besetzung einer Erinnerungsspur - wie Freud dies im Zusammenhang mit dem primären Befriedigungserlebnis in der Traumdeutung (1900) beschreibt. Während der Hunger durch Nahrung gestillt werden kann, bleibt das Lutschen unstillbar, es tritt immer wieder von Neuem auf, auch wenn es eine Zeit lang Befriedigung verschaffen hat.

Die prinzipielle Unstillbarkeit unterscheidet die Lust - und damit das Sexuelle - vom Bedürfnis. Die Erfahrung von Lust und Befriedigung stattet den kindlichen Körper mit Erregbarkeit aus und es bilden sich - zunächst im Mund- und Lippenregion - erogene Zonen.

Freud sieht im Saugen an der Brust der Mutter den Ausgangspunkt der

Sexualentwicklung, ,das unerreichte Vorbild jeder späteren Sexualbefriedigung‘. Die Brust sei das erste Objekt des Sexualtriebs, das im Verlauf des Lebens auf vielfältige Weise gewandelt und ersetzt werde. Eine erste Ersetzung und Wandlung sei das Lutschen am Finger, mit dem sich das Kind von der Mutterbrust unabhängig mache, indem es sie druch einen Teil des eigenen Körpers ersetze. Der Lustgewinn werde somit von der Zustimmung der Außenwelt unabhängig.

Mit dieser Unabhängigkeit ist ein entscheidendes Kennzeichen infantiler Sexualität benannt: ihr sogenannter Autoerotismus. Die Kindliche Sexualität sucht und findet ihre Objekte am eigenen Körper.“ (Quindeau 2014, S.40)

2.3.2 Anale Phase: 18 Monate - 3;5

Die anale Phase folgt auf die orale Phase und dauert von der Mitte des zweiten Lebensjahres bis hin zum vierten Lebensjahr.

Meist wird diese Phase durch die Thematisierung von Reinlichkeit in der Erziehung hervorgerufen, wobei die Aufmerksamkeit auf die Ausscheidungsvorgänge und die betreffenden Organe gerichtet werden.

Physischer Fokus: Anus

Das Kind fokussiert, sich auf die Lustgewinnung durch die anale Reizung. Sexuelle Lust konzentriert sich in dieser Phase auf den Anus.

Psychologisches Thema: Selbstkontrolle und Gehorsam.

Diese Vorgänge sind nicht nur an die Ausscheidungen gebunden, das Kind muss lernen seine inneren Triebe und sein Verhalten zu kontrollieren.

Fixierung beim Erwachsenen:

Anal zurückhaltende Charakter ( Steif, überorganisiert, unterwürfig gegenüber Autoritäten) versus Anal ausscheidende Charakter (wenig Selbstkontrolle, desorganisiert, trotzig, feindlich)

[...]

Details

Seiten
59
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668148567
ISBN (Buch)
9783668148574
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315775
Institution / Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz – FH Oberösterreich, Fakultät für Gesundheit und Soziales Linz, Lehrgang nach §9 FHStG und §49 OÖSBG Sozialpädagogische/r FachbetreuerIn in der Jugendwohlfahrt
Note
2
Schlagworte
Willhelm Reich Sozialpädagogik Psychologie Abschlussarbeit Akademische pädagogik kindverstehen Sigmund Freud Freud

Autor

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