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Der Zusammenhang von Geschlecht, Sprache und Identität. Eine Betrachtung im Kontext von queeren Theorien

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Queere Theorien
1.1 Geschlecht: sex und gender
1.2 Begriff und Entwicklungsgeschichte von queer
1.3 Queere Konzepte und Kritik an queer
1.3.1 Queere Konzepte
1.3.2 Kritik an queeren Theorien

2 Sprache
2.1 Poststrukturalistische Sprachauffassungen
2.2 Konzept der Performativität bei Butler

3 Identität
3.1 Queere Identitätskritik
3.2 Konstruktion von Geschlechtsidentitäten

Fazit

Einleitung

Bereits vor der Geburt eines Menschen wird den werdenden Eltern die Frage gestellt: Wird es ein ›Mädchen‹ oder ein ›Junge‹? Diese Frage erscheint wohl dem Großteil der Bevölke- rung trivial, doch enthält sie wichtige Aspekte, die zum Thema dieser Arbeit geführt haben und daher von Interesse sind: Erstens verweist sie auf die binäre Geschlechterordnung von Frau und Mann, die andere Geschlechtsidentitäten ausschließt, denn „Alles andere ist eigent- lich unmenschlich, d. h. entspricht nicht dem Wesen des Menschen“ (Kormos, 2004: 6). Zweitens ist die Antwort auf die exemplarische Frage nach dem Geschlecht ein sprachlicher Akt, der die vermeintliche Wirklichkeit und damit auch Geschlecht und Identität des Kindes konstituiert. Es zeigt sich außerdem, dass Sprache im Prozess der Entwicklung von Ge- schlechtsidentität eine entscheidende Rolle spielt, da dieser erst durch die Benennung einer Person als ›weiblich‹ oder ›männlich‹ ausgelöst wird. Drittens wird deutlich, dass Personen erst durch die Geschlechtszuweisung Gestalt, Sichtbarkeit und den Status eines Menschen erhalten und Kinder bereits vor der Geburt eine geschlechtliche Identität zugewiesen bekom- men (vgl. ebd.: 6).

Anhand dieser einleitenden Überlegungen sind die Verknüpfungen zwischen Ge- schlecht, Sprache und Identität zu erkennen, doch wie lassen sich diese drei Schwerpunkt- begriffe definieren und wie gestalten sich die Verbindungen zwischen ihnen? Der Fokus richtet sich daher auf die theoretischen Grundlagen von queeren Theorien1 sowie auf die Konzepte Performativität und Heteronormativität, da diese die drei Themenkomplexe und ihre Zusammenhänge thematisieren. Dabei beinhaltet diese Arbeit weder eine komplette Darstellung der Beziehungen zwischen den Kategorien noch eine allumfassende Übersicht zu queeren Theorien. Eine strikt getrennte Behandlung der Themen Geschlecht, Sprache und Identität ist nicht nur unmöglich, sondern wäre auch unproduktiv, sodass einige Argumente aufgrund der engen Verschränkungen wieder aufgegriffen oder aus einer anderen Perspek- tive fortgesetzt werden.

Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile, wobei das erste Kapitel die Entwicklung und Konzepte von queeren Theorien thematisiert, aber auch Kritikpunkte auf- greift: Was meint der Begriff queer und welche Grundlagen, Inhalte und zentralen Themen vertreten queere Theorien? Anschließend liegt das Hauptaugenmerk auf Sprache selbst und ihrer Bedeutung im Zusammenhang mit Identität und Identitätsherstellung: Wie wirken sich Sprache und sprachliche Äußerungen auf (Geschlechts-)Identität aus? Im letzten Teil verla- gert sich der Schwerpunkt auf Identitäten und die Erzeugung von Geschlechtsidentitäten. Wenn „Geschlechtsidentität […] ein Entwurf“ ist, „der auf das kulturelle Überleben abzielt“ (Butler, 1997: 205), wie werden dann Geschlechtsidentitäten (re)produziert und wie funktioniert ihre Konstruktion?

1 Queere Theorien

Im Zentrum der folgenden Ausführungen steht eine Beschreibung von queeren Theorien, die zwar keine einheitliche wissenschaftliche oder politische Strömung darstellen, jedoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten in Bezug auf kritisches Denken, Theorie und Ziele bestimmen. Als Einstieg dient eine Erläuterung zum sex/gender-Modell und die Definition der grundle- genden wichtigsten Terme Geschlecht, sex und gender. Außerdem stehen folgend der Be- griff queer sowie die Entstehungsgeschichte der danach benannten Theorien und ihre wich- tigsten Konzepte im Mittelpunkt. Obwohl es sich nicht um e i n e Theorie handelt, sind dennoch die spezifischen Übereinstimmungen innerhalb des queeren Rahmens von Bedeu- tung für die Fragestellungen.

1.1 Geschlecht: sex und gender

In den Auseinandersetzungen zum Thema Geschlecht und Geschlechterdifferenzen lassen sich grundsätzlich zwei verschiedene Perspektiven unterscheiden. Einerseits die VerfechterInnen einer natürlichen Differenz, die sich durch die körperlichen, vermeintlich angeborenen Merkmale begründet und andererseits die TheoretikerInnen, die Geschlecht als soziokulturell konstruiert betrachten (vgl. Butler, 1991: 22).

Die erste Perspektive, die besonders in feministischer Wissenschaft und Geschlech- terstudien weit verbreitet war und teils noch ist, wird durch das sex/gender- Modell aufge- brochen. Die Unterteilung von Geschlecht in sex und gender dominierte in den 70er und 80er Jahren die Frauen- und Geschlechterforschung und verweist darauf, dass die vermeint- lich natürlichen Unterschiede zwischen ›Frauen‹ und ›Männern‹ (›weibliche‹ und ›männli- che‹ Eigenschaften und Aufgaben) nicht auf ihren angeborenen körperlichen Merkmalen (sex) basieren (vgl. Villa, 2007b: 51). Statt also von einer Kohärenz zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität auszugehen, richtet die zweite Perspektive den Blick auf die kulturelle Konstruktion von Geschlechtsidentitäten (vgl. Butler, 1991: 22). Das sex/gender-Modell ermöglicht eine Auseinandersetzung mit Geschlecht auf zwei Ebenen:

sex als Begriff für körperlich angeborene Merkmale, d. h. primäre und sekundäre Ge- schlechtsmerkmale wie Anatomie, Physiologie, Hormone und Chromosomen und gender als Bezeichnung für die soziale Konstruktion von Geschlecht (vgl. Krüger-Fürhoff, 2009: 69). Die Kategorie Geschlecht muss nach Lorber (2003: 47) unabhängig von biologischen Merkmalen als eine soziale Institution verstanden werden, d. h. als eine menschliche Erfin- dung, die aus Konflikten um Ressourcen und Machtverhältnisse entstanden ist. Durch diese Kategorisierung von Menschen findet gleichzeitig eine Hierarchisierung statt, die den sozi- alen Status sowie Rechte und Pflichten des Individuums festlegt (vgl. Lorber, 2003: 78). Die Individuen erhalten ihrerseits die vergeschlechtlichte gesellschaftliche Ordnung aufrecht, in- dem sie Erwartungen und Normen des zweigeschlechtlichen Modells erfüllen. Gerade weil Geschlecht(er) bzw. sex und gender durch Menschen in Alltagsinteraktion konstruiert und reproduziert werden, sind die Diskurse über Geschlecht veränderbar (vgl. Lorber, 2003: 47).

1.2 Begriff und Entwicklungsgeschichte von queer

Die deutschen Übersetzungsmöglichkeiten z. B. „gefälscht, sonderbar, fragwürdig, verrückt“ (vgl. Czollek/Perko/Weinbach, 2009: 33; siehe auch Perko, 2003: 28) implizieren alle etwas Außergewöhnliches bzw. nicht der Normalität Entsprechendes. Das Wort queer kann grammatikalisch als Substantiv, Adjektiv und Verb auftreten, wobei Jagose (2001: 173) betont, dass gerade die Verbform auf die Methoden von Queeren Theorien verweist. Denn queer steht mittlerweile auch für eine aktive Kritik an den gesellschaftlichen Phänomenen der binären Geschlechterordnung und normativen Heterosexualität.

Doch zu Beginn des Wortgebrauchs in den USA ist queer ein Schimpfwort speziell gegen Schwule und Lesben, aber auch andere Menschen, die nicht den gesellschaftlich ak- zeptierten Geschlechternormen entsprechen (vgl. Perko, 2003: 28; siehe auch Jagose, 2001: 13). Im Verlauf der politischen lesbisch-schwulen Bewegung seit den 70er Jahren in den USA entwickelt sich die abwertende, spöttische Benennung zu einer Selbstbezeichnung von Lesben und Schwulen, die so eine Umkehr der negativen Konnotation erzeugt (vgl. Czollek et al., 2009: 33). In den 90er Jahren nimmt die Verwendung des Begriffs auch in den Lesbi- schen und Schwulen Studien an Universitäten zu, da queer nicht an eine bestimmte Identi- tätskategorie gebunden ist und sich zahlreich anwenden lässt (vgl. Jagose, 2001: 14).

Im Zuge dieser neuen Bedeutungszuschreibungen entwickelt sich queer zu einem Begriff für einen politischen Aktivismus (Queer Politics) und einer Denkrichtung (Queer Theory) sowie deren interdisziplinärer wissenschaftlicher Forschungsrichtung (Queer Stu- dies). Gleichzeitig gilt queer heute auch als Bezeichnung für alle Menschen, die die Grenzen der zweigeschlechtlichen Ordnung überschreiten (vgl. Czollek et al., 2009: 33). Im Sinne einer wissenschaftlichen Strömung verwendet Teresa de Lauretis im Jahr 1991 erstmals queer in einem Essaytitel zum Thema lesbische und schwule Sexualitäten. Die Autorin begründet die Wahl des Begriffs mit der Hoffnung, die kategorisierenden Begrenzungen, denen Homosexualität unterliegt, aufzulösen (vgl. Hark, 2009b: 310). Als interdisziplinäres Theoriefeld sind Queer Studies bzw. Queer Theory v. a. in Sozial-, Kultur- und Literaturwissenschaften und Philosophie verortet (vgl. Spargo, 1999: 41).

1.3 Queere Konzepte und Kritik an queer

Da diese Arbeit die Kategorien Geschlecht, Sprache und Identität im Kontext von queeren Theorien betrachtet, ist es nötig, den Theoriekomplex genauer zu definieren und gemein- same Konzepte und Ziele, aber auch Kritik an queer herauszuarbeiten. Queere Theorien kön- nen zwar nicht als ein einzelnes oder systematisches Konzept verstanden werden, befinden sich aber im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungsrichtungen zu den Relationen zwi- schen Geschlecht, Körper, Sexualität, Begehren sowie Macht und Regulierungsverfahren. Gemeinsame queere Ziele sind Toleranz und Anerkennung der Vielfalt von Sexualität, Ge- schlecht und Begehren sowie die Forderungen nach Abschaffung von Diskriminierung (vgl. Ganarin, 2002: 408; siehe auch Czollek et al., 2009: 34). Dennoch zielen Queere Theorien nicht auf eine Antidiskriminierungspolitik von Minoritäten, sondern hinterfragen kritisch das heterosexuelle Regime, das die Ungleichheiten, Diskriminierungen und teils Verfolgun- gen von sexuellen Minderheiten erzeugt (vgl. Jagose, 2001: 175). Es handelt sich daher eher um eine Kritik an Hierarchie- und Machtstrukturen, die durch die gesellschaftliche Regulie- rung von Sexualität entsteht (vgl. ebd.: 72).

1.3.1 Queere Konzepte

In Abgrenzung zu Gender Studies und der Lesben- und Schwulenbewegung kritisieren Ver- treter queerer Theorien das gesellschaftliche Modell der Zweigeschlechtlichkeit und verwei- sen auf eine Vielzahl weiterer Geschlechtsidentitäten jenseits der Kategorien von Frau und Mann. Allerdings werden weltweit zwei bis drei Prozent der Kinder mit mehrdeutigen Ge- schlechtsmerkmalen geboren und lassen sich nicht einfach den Kategorien ›weiblich‹ oder ›männlich‹ zuordnen. Diese Neugeborenen gelten häufig als unnormal, krank oder bemitlei- denswert und ihren Eltern wird oft eine sogenannte Geschlechtsanpassung empfohlen (vgl. Butler, 2002: 6). Die verbreitete Praxis geschlechtsangleichender Operationen verweist auf die binäre Geschlechternorm, den gesellschaftlichen Zwang eine eindeutig ›weibliche‹ und ›männliche‹ Identität anzunehmen und die Ausgrenzung alles Andersartigen.

Diese Dichotomie von ›weiblich‹ und ›männlich‹ schließt nicht nur bestimmte z. B. intersexuelle, transsexuelle, androgyne, asexuelle und bisexuelle Menschen aus, sondern be- inhaltet auch den Zwang des gegengeschlechtlichen Begehrens (vgl. Czollek et al., 2009: 34). Die Norm, dass ›Frauen‹ ›Männer‹ lieben und andersherum, entspricht der Ignoranz und Unterdrückung von anderen Sexualitäten als Heterosexualität und wird durch das queere Konzept der Heteronormativität durchbrochen. Es ist daher ein queeres Gedankenziel, die gesellschaftliche heteronormative Ordnung zu entmachten und Heterosexualität als grund- legendes, ursprüngliches Gesellschaftskonzept zu entnaturalisieren (vgl. Jagose, 2001: 168).

Performativität hat einen sprachwissenschaftlichen Hintergrund und ist für diese Arbeit von spezieller Bedeutung, weil es eine direkte Verbindung zwischen Sprache und der Erzeugung von Identität herstellt (siehe Kapitel 2.2). Gerade das Themenfeld von Identität und (Re-)Produktion von Geschlechtsidentität nimmt in queeren Theorien eine wichtige Stellung ein. Basierend auf poststrukturalistischen Denkern des 20. Jahrhunderts, die das Verständnis von Identität und Machtregulierung radikal zu kritisieren begannen, negieren queere Theorien die Vorstellung von eindeutigen, festen und natürlichen Identitäten (vgl. Jagose, 2001: 100f.). Vielmehr handelt es sich bei Kategorisierungen von Geschlechtsidentität und Sexualität wie z. B. ›weiblich‹/›männlich‹ und hetero- sexuell/homosexuell um Konstruktionen von Identität (vgl. Perko, 2003: 34).

Im Zusammenhang mit einer queeren Definition von Geschlecht lösen queere An- sätze die Opposition von sex und gender auf (siehe Kapitel 1.1). Diese Trennung gilt als problematisch, da sie unterschwellig zur Erhaltung der Dichotomie von biologischem und sozialem Geschlecht bzw. Natur und Kultur führt. Das Konzept ermöglicht zwar eine Kritik an tradierten Vorstellungen, die den Kategorien ›Frau‹ und ›Mann‹ scheinbar geschlechtsty- pische Eigenschaften und Fähigkeiten zuschreiben, vernachlässigt aber, dass auch das bio- logische Geschlecht einer Konstruktion unterliegt (vgl. Krüger-Fürhoff, 2009: 70f.; siehe auch Hirschauer, 2001: 30). Somit vollziehen queere Theorien eine Denaturalisierung des biologischen Geschlechts, das als eine Fiktion entlarvt wird, „in deren Notwendigkeit wir leben und ohne die das Leben selbst undenkbar wäre“ (Butler, 1997: 27).

Gerade Butlers These eines konstruierten biologischen Geschlechts hat sich inner- halb von queeren Theorien durchgesetzt, stößt aber dennoch auf einige Kritik (vgl. Villa, 2003: 78). Denn Butler bezieht sich nicht auf die sichtbaren Geschlechtsmerkmale, sondern auf die Bedeutungen, die biologische Geschlechter in Geschlechterdiskursen haben. Sie zielt damit nicht auf eine Abschaffung des Körpers oder auf eine Negierung von unterschiedli- chen körperlichen Merkmalen, stellt aber seine Voraussetzungen infrage.

[...]


1 Im wissenschaftlichen Gebrauch ist die Bezeichnung Queer Theory bzw. queere Theorie durchaus geläufig, doch da es sich nicht um eine einheitliche, fest definierte Wissenschaft, Strömung, Forschung oder politische Bewegung handelt, umgeht die Bezeichnung im Plural eine starre Definition.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668150461
ISBN (Buch)
9783668150478
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315773
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Queer Gender Sprache Identität Geschlecht Performativität Heteronormativität Konstruktion von Geschlecht Judith Butler

Autor

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