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Organisationskultur im Krankenhaus. Die Implementation von Evidence-based Nursing

Eine systematische Übersichtsarbeit

Bachelorarbeit 2013 59 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Evidence-based Nursing
2.1.1 Definitionen
2.1.2 Das Konzept EBN
2.1.2.1 Die Ziele von EBN
2.1.2.2 Die sechs Schritte der EBN-Methode
2.1.2.3 Pflegerische Entscheidungen unter EBN
2.1.3 Die Bedeutung von EBN auf unterschiedlichen Ebenen
2.1.4 Kritik an EBN
2.1.5 Theorie-Praxis-Konflikt
2.1.6 Die Rolle des Pflegemanagements
2.1.7 Barrieren in der Umsetzung von EBN
2.2 Organisationskultur
2.2.1 Definition von Kultur
2.2.2 Perspektiven und Definitionen von Organisationskultur
2.2.3 Modell nach Schein
2.2.4 Wirkung starker Organisationskulturen
2.2.5 Die Bedeutung der Führungsebene für Organisationskulturen
2.2.6 Subkulturen in Organisationen
2.2.7 Die Pflege als Subkultur im Krankenhaus

3 Methodik
3.1 Ein- und Ausschlusskriterien
3.2 Literaturquellen
3.3 Suchbegriffe
3.4 Bewertung der Studienqualität

4 Ergebnisse
4.1 Ausgeschlossene Studien
4.2 Eingeschlossene Studien

5 Diskussion
5.1 Studiendesigns
5.2 Auswahl der Studienteilnehmer
5.3 Eingesetzte Assessmentinstrumente
5.4 Interventionen und Ergebnisse
5.5 Limitationen des Reviews

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Implementationsbarrieren für EBN

Tabelle 2: Positive und negative Effekte einer starken Organisationskultur

Tabelle 3: Literaturquellen der systematischen Recherche

Tabelle 4: Suchbegriffe für die Datenbankrecherche

Tabelle 5: Suchergebnisse Medline via PubMed

Tabelle 6: Suchergebnisse CINAHL

Tabelle 7: Suchergebnisse Science Direct

Tabelle 8: Suchergebnisse PsycInfo

Tabelle 9: Nach Durchsicht des Volltextes ausgeschlossene Studien

Tabelle 10: Nach Durchsicht des Volltextes eingeschlossene Studien

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die sechs Schritte der Methode EBN

Abbildung 2: Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung

Abbildung 3: Die Bedeutung von EBN auf der Mikro-, Meso- und Makroebene

Abbildung 4: Die drei Ebenen der Organisationskultur nach Schein

Abbildung 5: Flussdiagramm der Literaturrecherche

1 Einleitung

Der heutige Krankenhauspatient1 ist durch einen zunehmenden Behandlungs- und Pflegeaufwand gekennzeichnet. Ursächlich hierfür sind die Verkürzung der Verweil- dauer, die Verlagerung leichter Fälle in ambulante Versorgungsstrukturen sowie der demographische Wandel, der mit einer Zunahme von Alter, Multimorbidität und chro- nischer Krankheit einhergeht, zu nennen (vgl. Bartholomeyczik, 2011, S. 513 f.). Der daraus folgende Wandel im pflegerischen Anforderungs- und Aufgabenprofil führt zu einer zunehmenden Forderung nach Evidence-Basierung pflegerischer Arbeit (vgl. Schaeffer & Wingenfeld, 2011, S. 9 f.). Die Disziplin Pflegewissenschaft existiert in Deutschland seit rund 20 Jahren und kann auf zahlreiche positive Entwicklungen zu- rückblicken (vgl. Moers et al., 2011, S. 349). Dem entgegen steht jedoch der Theorie- Praxis-Konflikt, der die problematische Verbindung von Theorie und Praxis be- schreibt (vgl. Arnold, 2008, S. 55). Professionalisierungsbemühungen der Pflegewis- senschaft, wie z. B. die Einführung des Pflegeprozesses oder der Pflegediagnostik, konnten in der Vergangenheit in die Praxis nicht erfolgreich implementiert werden (vgl. Bartholomeyczik, 2011, S. 523). Ähnliches gilt für Ergebnisse der Pflegefor- schung. Diese sind in der Pflegepraxis als Basis für pflegerisches Handeln zwar ak- zeptiert, jedoch gestaltet sich der Transfer der Forschungsbefunde in die Praxis häu- fig sehr schwierig (vgl. Köpke et al., 2013, S. 171; Panfil, 2005, S. 457; Brandenburg, 2005, S. 471). Das Konzept Evidence-based Nursing (EBN) wird als Weg gesehen, den Theorie-Praxis-Transfer zu ermöglichen (vgl. Brinker-Meyendriesch, 2003, S. 234; Panfil, 2005, S. 457; Schilder, 2010, S. 49). Pflegemanager sehen sich aber bei der Implementation von EBN mit Barrieren konfrontiert. Die Ursachen hierfür fin- den sich zum einen bei den Pflegenden selbst, z. B. als fehlende wissenschaftliche Methodenkompetenz. Zum anderen aber auch auf der Organisationsebene, u. a. in Form organisationskultureller Barrieren (vgl. Meyer & Köpke, 2012, S. 40 f.).

1.1 Motivation und Zielsetzung

Die Pflege im Krankenhaus bewegt sich in einem zunehmenden Spannungsfeld. Auf der einen Seite bestimmen eine wachsende Arbeitsverdichtung und seit Einführung des DRG-Systems auch zunehmende Ökonomisierung den Arbeitsalltag (vgl. Isfort et al., 2010, S. 25 f.). Auf der anderen Seite strebt die Pflegeprofession, im Kontext der Bemühungen um Professionalisierung der Pflege, die Etablierung von Pflegein- terventionen an, die auf wissenschaftlichen Beweisen basieren (vgl. Meyer & Köpke, 2012, S. 37). Für Pflegemanager im Krankenhaus stellt sich daher die Frage, wie die Weiterentwicklung der Pflege unter ökonomischen Zwängen und Ressourcenmangel effektiv und effizient gewährleistet werden kann. Eine systematische Literaturüber- sicht bietet insbesondere für die Managementperspektive eine fundierte Wissens- und Entscheidungsbasis unter Berücksichtigung der theoretischen und methodologi- schen Präzision sowie praktischen Relevanz (vgl. Tranfield et al., 2003, S. 219 f.).

Ziel dieser Arbeit ist es Pflegemanagern eine Übersicht über die relevante Literatur und somit eine Entscheidungshilfe bei der Implementation von EBN im Krankenhaus zur Verfügung zu stellen. Der Fokus liegt insbesondere auf den Einstellungen und Überzeugungen der Pflegekräfte zu EBN, als Teilaspekt der Organisationskultur. Daher orientiert sich die vorliegende systematische Übersichtsarbeit an folgender Forschungsfrage:

Welche Konzepte fördern die Implementation von EBN im Krankenhaus, unter Be- rücksichtigung der Einstellungen und Überzeugungen der Pflegekräfte zu EBN?

1.2 Aufbau der Arbeit

Um einen Einblick in die Thematik zu erhalten werden als theoretischer Hintergrund die Konzepte EBN und Organisationskultur beschrieben (Kapitel 2.1 und 2.2). Anschließend wird das methodische Vorgehen der systematischen Literaturrecherche detailliert und reproduzierbar dargestellt (Kapitel 3). Danach werden die Ergebnisse der Literaturrecherche tabellarisch dargestellt und in der Folge ausführlich beschrieben, analysiert (Kapitel 4) und diskutiert (Kapitel 5). Abschließend wird ein Fazit aus dem Literaturbericht gezogen und ein Ausblick auf die zukünftige Perspektive von EBN in deutschen Krankenhäusern gegeben (Kapitel 6).

2 Theoretischer Hintergrund

Zielsetzung dieses Kapitels ist die Einleitung in die Thematik, mittels Darstellung der Konzepte EBN und Organisationskultur.

In Kapitel 2.1 werden Ursprung, Entwicklung und die zentralen Definitionen des Konzepts EBN dargestellt. Dann folgt die Beschreibung des Konzepts und der Ziele, die es verfolgt. Die Anwendung der Methode wird nur kurz angerissen, da dies für die Beantwortung der Fragestellung ohne Relevanz ist. Anschließend wird beschrieben, wie pflegerische Entscheidungen unter EBN zustande kommen und welche Bedeutung EBN auf unterschiedlichen Ebenen hat. Danach wird die gesetzliche und gesundheitspolitische Bedeutung kurz angeschnitten, die Kritik an EBN erläutert und der Bezug zum Theorie-Praxis-Konflikt in der Pflege hergestellt. Zum Schluss folgt die Darstellung der Rolle des Pflegemanagements für die Implementation von EBN sowie die Überwindung der Barrieren gegen EBN.

Nachfolgend wird in Kapitel 2.2 das Konzept Organisationskultur dargelegt. Zuerst werden Ursprung, Entwicklung und die zentralen Definitionen und Strömungen des Konzepts dargestellt. Anschließend folgt die Beschreibung des Modells nach Schein als theoretische Basis des Konzepts. Danach wird auf die Bedeutung starker Organisationskulturen eingegangen und die Bedeutung der Unternehmensführung dargestellt. Abschließend wird der Begriff der Subkultur noch erläutert und am Beispiel der Pflege als Subkultur im Krankenhaus präzisiert.

2.1 Evidence-based Nursing

Die ersten historischen Bezüge zu EBN finden sich Mitte des 19. Jahrhunderts bei Florence Nightingale, die die hohe Mortalitätsrate in den Lazaretten des Krim-Kriegs systematisch untersuchte und nachhaltig senkte (vgl. McDonald, 2001, S. 68). Sei- nen konkreten Ursprung hat EBN im Konzept Evidence-based Medicine (EBM), wel- ches von Sackett et al. (1996) in ihrer Arbeit Evidence based medicine: what it is and what it isn ’ t erstmalig vorgestellt wurde (vgl. Gross, 2004, S. 196 f.). Die Übertragung und Anpassung des Konzepts auf den pflegerischen Kontext erfolgte durch Pflege- personen der Länder Kanada, USA und England (vgl. ebd., S. 197). Die Übernahme des Konzepts EBN aus dem angloamerikanischen Raum erfolgte zeitnah in Deutsch- land. Bereits 1998 wurde von Prof. Johann Behrens an der Universität in Hal- le/Wittenberg das erste EBN-Zentrum „German Center for Evidence-based nursing ‘sapere aude‘ “ gegründet (www.ebn-zentrum.de)2.

2.1.1 Definitionen

In der vorliegenden Arbeit wird durchgängig der Begriff Evidence-based Nursing verwendet3. Dies beruht auf der problematischen Übersetzung und Verwendung des Begriffs evidenz-basierte Pflege. Während der englische Begriff evidence mit „Be- weis“ (Langenscheidt, 2006, S. 224) übersetzt wird, findet sich für das deutsche Fremdwort Evidenz die Übersetzung „Deutlichkeit, vollständige überwiegende Ge- wissheit; einleuchtende Erkenntnis“ (Duden, 2001a, S. 288). So steht die phoneti- sche Ähnlichkeit von evidence (englisch) und Evidenz (deutsch) im Gegensatz zu deren Bedeutung (vgl. Thiel, 2001, S. 268). Um Missverständnissen vorzubeugen empfiehlt sich die Verwendung des englischen Begriffs Evidence-based Nursing mit Anpassung an die deutsche Großschreibung (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 57), im Sinne von Evidence-basierte Pflege. Nach der sprachlichen Klärung stellt sich die Frage wie EBN definiert ist. Eine erste deutsche Definition für EBN liefert Hasseler:

„ Evidenzbasierte Pflegepraxis bedeutet, die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte pflegerische Ma ß nahme auf einer rationalen Basis in Ü bereinstimmung mit der klinisch relevanten Forschung zu treffen “

(Hasseler, 1999, S. 417)

Behrens und Langer definieren Evidence-based Nursing aktuell folgendermaßen:

„ Evidence-based Nursing ist die Nutzung der derzeit besten wissenschaftlich belegten Er fahrungen Dritter im individuellen Arbeitsbündnis zwischen einzigartigen Pflegebedürfti gen oder einzigartigem Pflegesystem und professionell Pflegenden “

(Behrens & Langer, 2010a, S. 25)

Im Kontext von EBN findet sich auch der Begriff Evidence-based Practice (EBP), welcher die Konzepte EBN und EBM als Oberbegriff umfasst4 (vgl. French, 1999, S. 73; Behrens & Langer, 2010a, S. 53). French hat folgende Definition vorgeschlagen:

„ The systematic interconnecting of scientifically generated evidence with the tacit knowledge of the expert practitioner to achieve a change in a particular practice for the benefit of a well defined client/patient group ”

(French, 1999, S. 74)

Nach Definition der Begriffe EBN und EBP, folgt nun die Darstellung des Konzepts EBN.

2.1.2 Das Konzept EBN

EBN ist eine methodische Vorgehensweise, die mittels qualitativer oder quantitativer Methoden pflegerische Fragestellungen beantwortet (vgl. Meyer & Köpke, 2012, S. 37). EBN wird zudem als Antwort auf die zunehmende Komplexität der Pflegepraxis verstanden (vgl. Huber, 2013, S. 3). Es ist aber nicht nur ein Instrument zur Entscheidungsfindung, sondern auch ein: „... Konzept lebenslangen Lernens für Einzelpersonen, Teams und Organisationen immer zum Wohl des einzelnen Patienten“ (Schlömer, 2000, S. 49).

2.1.2.1 Die Ziele von EBN

Zu den zentralen Zielen von EBN zählt die Verbesserung der Ergebnisse von Pfle- geinterventionen sowie die Weiterentwicklung der Pflegepraxis (vgl. Schilder, 2010, S. 50). Darüber hinaus fördert EBN die:

1. Identifikation von Pflegeinterventionen ohne Effekt
2. Identifikation und Abwendung schädlicher Pflegeinterventionen
3. positive Beeinflussung von Pflegebedarf und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen.

(vgl. Schilder, 2010, S. 53 f.)

2.1.2.2 Die sechs Schritte der EBN-Methode

Die Anwendung der Methode EBN erfolgt nach Behrens & Langer in sechs Schritten, die in Abbildung 1 dargestellt und anschließend kurz erläutert werden:

Abbildung 1: Die sechs Schritte der Methode EBN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Behrens & Langer, 2010a, S. 42)

Die sechs Schritte umfassen nach Behrens & Langer:

1. Pflegender und Pflegebedürftiger bestimmen zusammen, ob es ein pflegerisches Problem gibt, dass eines pflegerischen Auftrags bedarf.
2. Auf der Basis des Pflegeauftrags wird eine zu beantwortende Fragestellung formu- liert.
3. Mittels Literaturrecherche werden relevante Befunde der Pflegeforschung identifi- ziert.
4. Die identifizierten Befunde werden kritisch beurteilt und bzgl. ihrer Anwendbarkeit überprüft.
5. Das beste verfügbare Wissen wird in Abstimmung mit der Pflegeexpertise des Pflegenden und den Wünschen des Pflegebedürftigen, unter Berücksichtigung der Umgebungsbedingungen, auf die pflegerische Problemstellung angewendet.
6. Die Wirkung der pflegerischen Intervention wird abschließend evaluiert.

(vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 42 f.)

Der erste Schritt, die Auftragsklärung, ist eine Ergänzung der klassischen 5-Schritt- Methode der EBM (vgl. ebd., S. 43). Weitere Abweichungen finden sich z. B. bei Melnyk et al. (vgl. 2010, S. 51 ff.), die eine 7-Schritt-Methode propagieren. Das We- cken des Forschergeistes bildet dort den Anfang, gefolgt von den klassischen 5 Schritten der EBM. Der siebte und letzte Schritt ist die Verbreitung der Ergebnisse in der Pflegepraxis.

2.1.2.3 Pflegerische Entscheidungen unter EBN

Behrens & Langer (vgl. 2010, S. 27 f.) betonen, dass wenn mittels EBN Ergebnisse der Pflegeforschung in die direkte Pflege mit einfließen, dies immer als Teil der pfle- gerischen Entscheidungsfindung geschieht. Pflegerische Entscheidungen beruhen demnach auf den vier Komponenten: Expertise der Pflegenden, Bedürfnisse des Pflegebedürftigen, Befunde aus der Pflegeforschung und den Umgebungsfaktoren. Die Komponenten einer pflegerischen Entscheidung sind in Abb. 2 dargestellt:

Abbildung 2: Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Behrens & Langer, 2010a, S. 28)

Es ist zu beachten, dass in der Pflegepraxis Befunde der Pflegeforschung, im Ge- gensatz zur Expertise der Pflegenden, noch kaum Anwendung finden (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 28). Die Entscheidung für einer pflegerische Intervention ergibt sich folglich idealerweise aus dem Abgleich bzw. der Übereinkunft von Pflegekraft und Pflegebedürftigem und wird dabei von den drei Faktoren externe Evidence (Er- gebnisse der Pflegeforschung), interne Evidence (Expertise der Pflegenden) und den ö konomischen Anreizen und Vorschriften (Umgebungsbedingungen) bestimmt (vgl. ebd., S. 30-34).

Die externe Evidence ist unabhängig von Pflegendem und Pflegebedürftigem und findet sich z. B. in Fachdatenbanken in Form wissenschaftlicher Befunde der Pflege- forschung (vgl. ebd., S. 32). Sie bezeichnet: „... alles gesicherte Wissen, das wir überhaupt aus der Erfahrung Dritter ziehen können“ (Behrens & Langer, 2010b, S. 27).

Dem gegenüber wird die interne Evidence definiert als: „alles Wissen über uns selbst, das oft nur in der Begegnung zwischen jeweils einzigartigen Pflegebedürftigen und Pflegenden geklärt werden kann“ (Behrens & Langer, 2010b, S. 28). Diese interne (biographische) Evidence umfasst somit sowohl die Überzeugungen und Erfahrungen beider, als auch die individuell-biographische Zielsetzung auf Basis der Diagnose von gesundheitlicher Einschränkung, Aktivität im täglichen Leben und Grad der sozialen Teilhabe, im Sinne der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 32 f.).

Zu den Umgebungsbedingungen zählen sowohl die ökonomischen Anreize (z. B. Kosten oder Entgelte) als auch die gesetzlichen und organisationalen Rahmenbedingungen, in die der Pflegende und Pflegebedürftige in ihrer Interaktion eingebettet sind (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 33 f.). Gerade organisationale Rahmenbedingungen müssen als Teil pflegerischer Praxis berücksichtigt und akzeptiert werden (vgl. ebd., S. 34), obwohl die Methode EBN z. B. für die Abwendung von Pflegestandards steht (vgl. Thiel et al., 2001, S. 269).

2.1.3 Die Bedeutung von EBN auf unterschiedlichen Ebenen

Die Bedeutung des Konzepts erstreckt sich über verschiedene Ebenen vom Pflegebedürftigen über die Profession Pflege hin zur Gesetzgebung und Gesundheitspolitik. Abb. 3 veranschaulicht die Bedeutung von EBN auf den drei Ebenen:

Abbildung 3: Die Bedeutung von EBN auf der Mikro-, Meso- und Makroebene

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf der Mikroebene zielt EBN darauf ab bessere Ergebnisse in der Pflegepraxis für die Pflegebedürftigen zu erreichen (vgl. Schilder, 2010, S. 50) und wirkungslose, schädliche oder gefährliche Pflegeinterventionen zu eliminieren (vgl. ebd., S. 53 f.). Nicht zuletzt aus ethischer Perspektive besteht für die Pflegenden gegenüber den Pflegebedürftigen die Verpflichtung, trotz tagtäglicher Entscheidungen unter Unge- wissheit und Druck, pflegerische Interventionen auf Befunde der Pflegeforschung zu stützen, um Leid und Qualen zu vermeiden (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 30 u. 33). Zudem steht EBN in enger Beziehung zum Pflegebedürftigen, da dessen Ziele, Vorstellungen und Handlungen in die Verständigung über die Entscheidungsfindung mit dem Pflegenden einfließen (vgl. Thiel et al. 2001, S. 269; Behrens & Langer, 2010a, S. 27).

Auf der Mesoebene dient EBN der Weiterentwicklung und Professionalisierung der Berufsgruppe der Pflegenden (vgl. Schilder, 2010, S. 54) und findet heute Anwendung in Fragestellungen der Pflegepraxis, Pflegewissenschaft und Berufspolitik (vgl. Remmers & Hülsken-Giesler, 2012, S. 79).

Als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis ist EBN aber auch notwendig um die Pflegeprofession gegenüber gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen, wie z. B. dem demographischen Wandel, zu wappnen (vgl. Huber, 2013, S. 3). Im Kontext der Professionalisierung des Pflegeberufs wird EBN sogar als das Ethos der Pflegepraxis angesehen, welches für eine professionelle und verantwortungsbewusste Pflege steht (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 25).

Die zentrale Intention von EBN ist es die Wirksamkeit pflegerischer Interventionen wissenschaftlich zu belegen und in der Folge das Ergebnis der Pflege für die Klien- ten zu verbessern (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 25 f.). Auf der Makroebene fin- det sich diese Intention als implizite Forderung in den relevanten Gesetzesbüchern wieder. So soll z. B. das Ausbildungsziel laut Krankenpflegegesetz: „... entsprechend dem allgemein anerkannten Stand pflegewissenschaftlicher, medizinischer und wei- terer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse fachliche, personale, soziale und me- thodische Kompetenzen ... vermitteln“ (§ 3 Abs. 1 Satz 1 KrPflG). Das SGB XI formu- liert für Pflegeeinrichtungen die konkrete Verpflichtung: „Die Pflegeeinrichtungen pflegen, versorgen und betreuen die Pflegebedürftigen ... entsprechend dem allge- mein anerkannten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse“ (§ 11 Abs. 1 Satz 1 SGB XI). Die Forderung nach Wirksamkeit wird ebenfalls aufgegriffen: „Die Leistun- gen müssen wirksam und wirtschaftlich sein ...“ (§ 29 Abs. 1 Satz 1 SGB XI). Im SGB V findet sich die Forderung nach: „Qualität und Wirksamkeit der Leistungen ...“ (§ 2 Abs. 1 Satz 3 SGB V) zumindest mit indirektem Bezug zur Pflege.

In Bezug auf die Makroebene der Gesundheitspolitik stellen Moers et al. (vgl. 2011, S. 349) fest, dass sich die Pflegewissenschaft in den letzten 20 Jahren in Deutsch- land positiv entwickelt hat. Sie begründen dies mit der zunehmenden staatlichen Förderung von Pflegeforschung oder auch der Berücksichtigung in der Gesetzge- bung, wie z. B. beim Pflegeweiterentwicklungsgesetz. Simon (vgl. 2007, S. 158) kriti- siert jedoch, dass Pflegeforschung von Seiten der Gesundheitspolitik noch zu sehr auf deren Anwendungsorientierung für die Pflegepraxis reduziert wird und deren ge- sundheitspolitische Bedeutung vernachlässigt wird.

Er begründet seine Kritik mittels folgender Logik:

„ 1. Die Sicherstellung einer ausreichenden pflegerischen Versorgung der Bev ö lkerung geh ö rt zu den Aufgaben staatlicher Politik.
2. Die Pflegepraxis steht vor gro ß en Herausforderungen, zu deren Bew ä ltigung sie fundierte Wissensgrundlagen ben ö tigt.
3. Diese Wissensgrundlagen kann die Pflegeforschung schaffen.
4. Darum ist Pflegeforschung von Bedeutung für die Gesundheitspolitik. “

(Simon, 2007, S. 153)

Simon (vgl. 2007, S. 154-158) sieht als Ursache für diese Situation, die grundsätzli- che Unterschiedlichkeit der Welten Politik und Forschung. Zudem gibt er die Forde- rung der Gesundheitspolitik nach Wirksamkeit und dem allgemein anerkannten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse an die Gesundheitspolitik zurück. Er be- zieht sich hierbei vor allem auf das Versäumnis der deutschen Politik sich an der Diskussion und der Entwicklung einer Evidence-based Policy zu beteiligen. Ab- schließend empfiehlt er aber auch der Pflegeforschung sich ihrer gesundheitspoliti- schen Bedeutung bewusst zu werden und auch für die Gesundheitspolitik relevante Forschung zu betreiben.

2.1.4 Kritik an EBN

Mit Beginn der Entwicklung von EBN in Deutschland gab es aber auch kritische Stimmen, die sich an der Ableitung von EBN aus der EBM und dessen naturwissen- schaftlichem Paradigma mit dem Fokus auf quantitative Forschung und der Überbe- tonung von RCTs und systematischen Übersichtsarbeiten, störten (vgl. Thiel et al., 2001, S. 269 f.; Wingenfeld, 2004, S. 79 f.; Mayer, 2004, S. 71; Moers et al., 2011, S. 352).

Dem gegenüber stehen jedoch einige Autoren, die immer wieder betonten, dass die- se Kritik als ein Hinweis für das Missverständnis des Konzepts anzusehen ist (vgl. Gross, 2004, S. 199; Panfil, 2005, S. 457). Dabei haben die Di Censo et al. (vgl. 1998, S. 39) schon 1998 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass EBN sich nicht nur auf RCTs und systematische Übersichtsarbeiten beschränkt, sondern sich auf die Auswahl der richtigen Forschungsmethode in einer pflegerischen Fragestellung konzentriert, mit dem Ziel dem pflegebedürftigen Menschen die bestmögliche Pflege anzubieten. Sie betonten auch, dass RCTs und systematische Übersichtsarbeiten zwar als der beste Weg gelten um pflegerische Interventionen zu bewerten, jedoch qualitative Arbeiten ebenfalls wichtig sind um etwas herauszufinden über die Erfahrungen und Einstellungen von pflegebedürftigen Menschen. Zudem soll pflegerisches Forschungswissen die Fachexpertise ergänzen und nicht ersetzen.

Nach Brinker-Meyendriesch (vgl. 2003, S. 231) umfasst EBN sowohl das normative Paradigma der quantitativen Forschung als auch das interpretative Paradigma der qualitativen Forschung. Ergänzend hierzu stellen Behrens & Langer fest:

„ Auch die Naturwissenschaft ist in folgender Hinsicht eine Sozialwissenschaft: Wissen un- terliegt dem hermeneutischen Zirkel, und statistische sowie auch naturwissenschaftliche Untersuchungen haben Handlungsrelevanz immer nur im Kontext dieses hermeneuti- schen Zirkels “

(Behrens & Langer, 2010a, S. 59)

Ein grundlegendes Problem stellt zudem ein Mangel an Daten und wissenschaftli- chen Befunden zu pflegerischen Interventionen dar (vgl. Thiel et al., 2001, S. 273). Die Diskussion hat sich jedoch gewandelt und konzentriert sich heute vielmehr auf die Frage warum die Implementation in der Pflegepraxis nicht gelingt (vgl. Smoliner, 2011, S. 225).

2.1.5 Theorie-Praxis-Konflikt

In der Pflegepraxis sind Forschungsergebnisse als Basis für pflegerische Maßnah- men akzeptiert, es zeigen sich jedoch Probleme im Transfer der empirischen Befun- de in die pflegerische Praxis (vgl. Panfil, 2005, S. 457; Brandenburg, 2005, S. 471). Dabei gilt die erfolgreiche Vernetzung von theoretischem und praktischem Wissen als wichtige Voraussetzung um mit der zunehmenden Komplexität der Pflegepraxis adäquat Schritt halten zu können (vgl. Huber, 2013, S. 3). Diese Schwierigkeiten im Transfer sind unter dem Begriff Theorie-Praxis-Konflikt bekannt, der die Problematik der Anwendung von theoretischem Wissen, durch die in der praktischen Pflege tätigen Fachpflegekräfte, beschreibt (vgl. Arnold, 2008, S. 56). EBN wird als ein Weg zur Überwindung dieses Konflikts angesehen, mit dem Ziel den Theorie-Praxis- Transfer erfolgreich zu realisieren (vgl. Brinker-Meyendriesch, 2003, S. 234; Panfil, 2005, S. 457; Schilder, 2010, S. 49).

2.1.6 Die Rolle des Pflegemanagements

In der Frage, wie der Transfer von pflegewissenschaftlichem Wissen in die Praxis gelingen kann, schreibt Huber (vgl. 2013, S. 3) dem Pflegemanagement eine bedeutende Rolle zu. Pflegemanager müssen demnach die Voraussetzungen schaffen, damit Pflegeforschung und evidenzbasierte Projekte in der Praxis Einzug finden. Hierzu müssen sie in ihren Einrichtungen adäquate Strukturen aufbauen, das Interesse an Forschung fördern und auf dem Boden einer gegenseitigen Wertschätzung Pflegeexperten und Pflegewissenschaftler etablieren.

Pflegemanager werden jedoch bei der Implementation von EBN in der Praxis mit unterschiedlichen Barrieren konfrontiert.

2.1.7 Barrieren in der Umsetzung von EBN

Solomons & Spross (vgl. 2011, S. 115-118) identifizierten in ihrer Übersichtsarbeit vier Ebenen auf denen Barrieren gegenüber EBN bei Pflegekräften bestehen können. Der Implementation einer evidenzbasierten Praxis stehen demnach strategische, kulturelle, technische und strukturelle Barrieren entgegen. In Tabelle 1 werden die vier Barrieren mit Beispielen aufgezeigt:

[...]


1 Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit durchweg die männliche Form verwendet. Selbstverständlich sind immer beide Geschlechter gemeint.

2 Internetseiten sind ständigen Änderungen unterworfen. Die Internetadressen in der vorliegenden Arbeit stammen vom August 2013.

3 Vereinzelte Abweichungen hiervon beruhen auf der Notwendigkeit der korrekten Zitation von Literaturquellen

4 Mit EBP ist in der vorliegenden Arbeit jedoch eine auf EBN basierende Pflegepraxis gemeint

Details

Seiten
59
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668156845
ISBN (Buch)
9783668156852
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315754
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Note
1,3
Schlagworte
organisationskultur krankenhaus implementation evidence-based nursing eine übersichtsarbeit

Autor

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