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Weltbürgertum, Globalisierung, Gerechtigkeit. Aspekte zu Handlungs- und Kommunikationstheorie

Seminararbeit 2013 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Dörfliche Weltstädte oder Kosmopolitismus und "nil admirari"

2. Kommunikation, Medien und globalisierte Mobilität

3. Neue und alte Nationalismen, 1981 - 2005

4. Gerechtigkeit, Gleichheitsgrundsatz, rechtliche Gleichbehandlung und Handlungstheorien

5. Gleicher als das Klischee: Stereotype Propaganda

Resümee

1. Dörfliche Weltstädte oder Kosmopolitismus und "nil admirari"

zu deutsch: "cool bleiben".1

"Sie [die Weltbürger] verlieren das besondere und eigenthümliche Gepräge, das sie als Volk vor allen anderen Völkern auszeichnen sollte; sie verlieren alle Vorliebe für sich und allen Stolz auf sich als ein solches bestimmtes Volk: sie werden ein Allerweltsvolk, Allerweltmenschen, was man mit einem prunkenden Namen Kosmopoliten genannt hat; sie sind aber bei einer solchen Verwirrung und Schwächung ihrer Eigenthümlichkeit auf dem geradesten Wege, solche Allerweltsmenschen zu werden, die man Sklaven und Juden nennt" (Ernst Moritz Arndt)2

Bereits im 19. Jahrhundert verändert sich der Umgang mit dem Begriff "Kosmopolitismus" und entfernt sich von Idealen, die in Zusammenhang mit Aufklärung und Humanismus noch modisch waren. Infolge von kolonialpolitischen Kollateralschäden und nationalen Anspruchsdebatten verliert der schwärmerische Begriff, welcher Ende des 18. Jhds. eine glückliche Fügung aller Menschen der Welt zu einem Ganzen zum Ziel versprach, an positiven Konnotationen und zu Beginn des 20. Jhds. motivieren erneute Nationalismen und bürgerlicher Patriotismus im universitären und intellektuellen Milieu Autoren zur Suche nach "Deutscher Physik" (Philip Lenard), "verite française" (Maurice Barres) und diversen "nationalen Wahrheiten", während Nationalstaaten wirtschaftlich expandieren und ihren Kolonien keine Konnektion untereinander ermöglichen bzw. dies tunlichst verhindern. Ethnologen beschäftigen sich mit Eurozentrismus, überdenken ethnologische Forschungsergebnisse neu und bewerten Humanismus u.a. auch als bürgerlich-kapitalistischen Deckmantel für Kolonialisierung.

Im lexikalischen Bereich wird das Stichwort "Kosmopolitismus" immer knapper ausgeführt oder unter "Internationalismus" subsummiert3. Peter Coulmas weist mit Nachdruck (und das leidlich) auf das Verschwinden des Stichwortes "Kosmopolitismus" in diversen Verzeichnissen hin: "Die Auswahlkriterien der Stichworte sind großenteils national; nicht die Bedeutung der angeführten Personen oder Ereignisse, sondern die Zugehörigkeit zur Nation entscheidet darüber, ob bzw. wie lang der Gegenstand berücksichtigt wird. Zweit- und drittklassige französische Schriftsteller werden im "Larousse" oft länger abgehandelt als erstklassige amerikanische oder italienische, und umgekehrt geschieht es im "Brockhaus" oder der (amerikanischen) "Encyclopedia Britannica" [...] Das gleiche gilt von dem "Historischen Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland4 ": In dem Fehlen des Stichworts wird das verminderte Interesse an dem universalen Begriff deutlich."5 Da Peter Coulmas als Autor an dieser Stelle ebenfalls von französischen, englischen, amerikanischen, italienischen und deutschen Schriftstellern sprechen muss, erklärt sich von selbst, dass es sich hierbei nicht nur um nationale sondern eben vor allem sprachliche, weniger kulturelle Probleme handelt: während der bourgeoise Kosmopolit mehrerer Sprachen mächtig war/ist, scheitert der "Nationale Universalismus" als Widerspruch in sich, da jede Nation bereits als Statut "ihre" Nationalsprache für primär, souverän und übergeordnet postuliert.

Während gesellschaftlich "Jedermannsfreund" zum modernen Schimpfwort unter (korporierten) Studenten wird und der "Zwangskosmopolite" zum diskriminierten Heimatlosen, zum Apolis, wandelt sich auf intellektueller Ebene der Slogan "Alle Menschen werden Brüder" zum marxistischkommunistischen "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch" bzw. wird von diesem ergänzt.

Die Polarisierung zwischen kosmopolitischen Ansprüchen, welche von nationalen oder republikanischen, fallweise kommunistischen Ideologen als dekadent, fremdartig, auch semitisch, jüdisch oder kapitalistisch difffamiert wird, und einem diffusen Begriff von "Internationalismus" führt zu den Diskussionen, wie sie die EG führte und derzeit erneut auf anderem Level die Europäische Union führen muss: Der Verzicht auf Souveränität der Nationalstaaten zugunsten einer globalen oder andererseits europäischen Einheit, welche auf Kriegsverzicht, Abrüstung und idealerweise sogar globale ökonomische und soziale Gerechtigkeit als Ziel nachhaltig hinarbeitet, ohne nationale bürokratische Interessen und Kompetenzen in den Vordergrund zu stellen.

Abgesehen von innereuropäischen ministeriellen Zuständigkeitsquereleien und Währungsproblemen wird wirtschaftlich, kulturell und medial "global" der neue Zusatz-Begriff für politische und soziale, umwelttechnische und wirtschaftliche Betrachtungen und Bemühungen des 21. Jahrhunderts.

2. Kommunikation, Medien und globalisierte Mobilität

Da im 19. Jhd. Wissenschaftler einen kosmopolitischen Sonderstatus inne hatten und militärische Einheiten Informationen und Bestrebungen mit der wissenschaftlichen Welt teilten, wurden viele moderne Einrichtungen zu gesellschaftlichem Status Quo: Durch Post und Telegrafenämter kann beinahe jeder (postindustrielle) Staatsbürger universal erreichbar sein. "Universale Transportierbarkeit" garantiert globale Mobilität von Gütern und Menschen, Touristen und Arbeitskräften, Wissenschaftlern und Journalisten. "Universale Partizipation" am Weltgeschehen wird durch elektronische/digitale und gedruckte Medien zumindest in elektrifizierten Gegenden auf die eine oder andere Art garantiert und der Staatsmacht steht jene der Medien gegenüber. Nicht zuletzt ist jedoch Zensur jenes Mittel, das bereits zur Zeit der Aufklärung als letzte Folge seitens staatlicher oder religiöser Amtsinhaber exekutiert wurde, um vermeintliche Tabus zu sanktionieren. Radikal äussert sich dazu der Soziologe Edgar Morin, der den Nationalstaat als "paranoides Monster"6 bezeichnet. Klar ist nunmehr jedoch auch, daß ein wie auch immer gedachter Kosmopolitischer Realismus nicht nur mit nationalstaatlicher Logik, sondern auch mit Faktoren wie Nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) und vor allem globalwirtschaftlichen Akteuren rechnen muß.

3. Neue und alte Nationalismen, 1981 - 2005

"Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß die Menschheit noch lange überleben kann, wenn das gegenwärtige System souveräner Staaten fortbesteht."7

Entgegen ansatzweise internationalisierter Jugendkultur, scheinbar weltweiten Informationsnetzwerken und (vermeintlich) aufgeklärter (Kriegs-)Berichterstattung wird im 21. Jhd. nach republikanischen Prinzipien tendenziell mehr reglementiert und reguliert als jemals zuvor. Peter Coulmas beschreibt (1990) mit diplomatischer Attitüde das nationalstaatliche Kriterium als das relevanteste, wenn es darum geht, politisch-gesellschaftliche Selbstbeschreibungen von Menschen zu verlangen: Nach einer Umfrage von Sofres (Juli 1986) haben 68% der Befragten auf die Aufforderung «definissez-vous» an erster Stelle nicht Geschlecht, Alter, Beruf, Aussehen, gesellschaftlichen Status, Erfolg oder sonst ein Kriterium, sondern einfach den Umstand «je suis Français» geantwortet. Man benennt sich als Staatszugehöriger, nur im Kreise "Gleichgesinnter" als "Protestant, Tory oder Informatiker [...] vielmehr fast immer als Däne, Argentinier oder Syrer. Ebenso werden inter- und übernationale Gruppierungen - UN-Organisationen, Gewerkschaften, Sportverbände, Kirchen oder sogar die Sozialistische Internationale (im krassen Widerspruch zur Gründungsintention) -nach nationalstaatlicher Zugehörigkeit aufgegliedert. Das gleiche gilt für wissenschaftliche Verbände, die ihrerseits entgegen dem wissenschaftlichen Universalismus sich nationalstaatlich organisieren und internationale Dachverbände gründen. Bei der Postenvergabe in den internationalen Führungs- und Repräsentationsgremien wird das Prinzip nationalstaatlicher Quotierung stillschweigend oder ausdrücklich, aber fast ausschließlich befolgt. Nur die geschlechterspezifische Zuordnung setzt sich in jüngster Zeit als zusätzliches Einteilungs- und Qualifizierungsprinzip, sogar Quorum durch"8.

[...]


1. Horaz, Episteln I. 6. 1b: "Nichts anstaunen - nur dies kann Menschen glücklich machen und erhalten".

2. Ernst Moritz Arndt, Über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache. In: E.M. Arndts Schriften für und an seine lieben Deutschen, erster Theil, Leipzig 1845, 376.

3. Vgl. das Verzeichnis der "Library of Congress" sowie fehlende Verweise zu diesem Tatbestand in Pipers "Wörterbuch der Politik", hg. von Dieter Nohlen. 6 Bände. München, 1985f.

4. Vgl. Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Stuttgart, 1972.

5. Coulmas, Peter: 1990. Weltbürger. Geschichte einer Menschheitssehnsucht. Rowohlt, Reinbeck bei München, 471.

6. Vgl.: Beck, Ulrich: 2002. Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Neue weltpolitische Ökonomie. Edition Zweite Moderne. Herausgegeben von Ulrich Beck. Suhrkamp, Kapitel 2.

7. Tugendhat, Ernst: Überlegungen zum Dritten Weltkrieg. Die Zeit, 27. November 1987, 76f.

8. Vgl. Coulmas, Peter: 1990. Weltbürger. Geschichte einer Menschheitssehnsucht. Rowohlt, Reinbeck bei München, 481.

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