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Sozialisation in der Schule. Werden Geschlechterklischees sozial konstruiert?

Das geschlechterbezogene Rollenverständnis in der Schule

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Betrachtung von Gleichstellung in der Schule

3. Doing gender in der Schule
3.1 Geschlechteralltag in der Schulklasse (Breidenstein/Kelle)
3.1.1 Die Studie und ihre Rahmenbedingungen
3.1.2 Inhalt der Studie
3.2 Geschlechtergerechtigkeit in der Schule (Budde/Scholand/ Faulstich-Wieland)...
3.2.1 Vorstellung der Studie
3.2.2 Inhalt der Studie
3.3 Vergleich der Studien
3.4 Geschlechtertypische Schulleistungen
3.5 Geschlechterbezogene Interaktionen in der Schule
3.6 Einfluss des Geschlechts der Lehrperson auf den Schulerfolg
3.7 Zusammenfassung

4. Möglichkeiten für die Schaffung von mehr Geschlechtergerechtigkeit
4.1 Herausforderungen für die Lehrkräfte
4.2 Verbesserungsmöglichkeiten

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich schlage in der Schule mein Buch auf, wo es um die Berufswahl geht. Schon die Seiten sind farblich unterschieden einmal für Jungen in blau und für Mädchen in einem hellen rot. Als Berufe werden dann für die Jungen Polizist, Kfz-Mechaniker und Pilot vorgestellt, auf der Mädchenseite Friseurin, Verkäuferin und Restaurantfachfrau. Jeder Schüler oder Lehramtsstudent kennt zahlreiche solcher Beispiele, die es selbst im Jahr 2015 immer noch gibt. Hier zeigt sich ein festes Rollenverständnis der Geschlechter. Daraus entsteht die Frage, inwieweit Geschlecht in der Schule sozial konstruiert wird und welche Rolle dieses sowohl für Schülerinnen und Schülern (im Folgenden SuS) als auch für Lehrer im Schulalltag spielt. Dazu soll in dieser Arbeit das Konzept des doing gender anhand zweier Studien näher betrachtet werden. Zuvor wird eine kurze historische Rekonstruktion von Gleichstellung in der Bildung als Überblick dargestellt. Zusätzlich wird auf die Themen geschlechtertypische Schulleistungen und geschlechterbezogene Interaktionen in der Schule sowie den Einfluss des Geschlechts der Lehrperson auf den Schulerfolg eingegangen. Am Ende der Arbeit sollen dann Möglichkeiten für die Schaffung von Geschlechtergerechtigkeit aufgezeigt werden. Im anschließenden Fazit werden die Erkenntnisse dieser Arbeit kurz zusammengefasst.

2. Historische Betrachtung von Gleichstellung in der Schule

„Vieles von dem, was uns heute als „natürlich“, als selbstverständlich erscheint oder wovon wir annehmen, das sei „immer schon“ der Fall gewesen, entpuppt sich als Nachwirkung von Geschlechterbildern und Konstruktionen des 19. Jahrhunderts.“1 So beginnt Barbara Rendtorff ihr Kapitel zum Thema „Geschlechtstypische Kontinuitäten“. In diesem geht sie kurz auf die Entwicklung der Geschlechterrollen vor allem innerhalb der Familie ein und kommt am Ende zu dem Schluss, dass ein Lehramtsstudium bei Frauen so attraktiv ist, da die Bezahlung in diesem Beruf für sie überdurchschnittlich ist, im Gegensatz zu den Männern.

Beachtlich ist, dass sich in Deutschland erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts die Frage stellte, ob Frauen überhaupt zu höherer Bildung fähig sein.2 Doch auch Politiker, die sich für die Frauenbildung einsetzten, wie Theodor von Hippel wollten, dass Frauen „alles was sie als Hausfrauen wissen müssen im besonderen Unterricht“3 erlernen. Die typischen Rollenmuster sollten bleiben und auch auf die natürlichen Unterschiede im Geschlecht wurde immer wieder hingewiesen. Doch auch mit Einführung der höheren Bildung für Mädchen änderte sich wenig an den beruflichen Perspektiven, da die höhere Bildung immer umfassender im Staatsdienst aufging und somit auf Berufskarrieren abzielte, welche dem weiblichen Geschlecht verschlossen waren und verschlossen bleiben sollten.4 Erst die Industrialisierung mit der Veränderung der Arbeitswelt brachte neue Bewegung in das feste Rollenverständnis bei den Berufen. Aber auch heute sind Frauen noch überwiegend in Büroberufen tätig, im nichtärztlichen Gesundheitswesen, in sozialen Berufen oder als Reinigungspersonal. 65 % aller Dienstleistungen werden von Frauen erbracht, dagegen sind 90 % aller Erwerbstätigen, die Maschinen einrichten und überwachen, Männer.5

Doch in den Schulen hat sich das Bild mittlerweile geändert. Die Abiturientenquoten zeigen, dass die Chancen für Jungen das Abitur zu machen, verglichen mit den Mädchen, in den letzten Jahren deutlich gesunken sind. 1953 waren 64 % der Abiturienten Jungen, im Jahr 2007 waren es nur noch 31 %.6

3. Doing gender in der Schule

An dieser Stelle soll zuerst das Konzept des doing gender erklärt werden, bevor der Bezug mit der Schule hergestellt wird.

Candace West und Don Zimmermann führten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts den Begriff des doing gender ein, der besagt, dass Geschlechteridentitäten und - differenzen nicht als natürlich gegeben anzusehen sind, sondern erst in einer sozialen Interaktion hergestellt werden. Wichtig für das Verständnis ist an dieser Stelle die Definition von gender und die Abgrenzung vom Begriff sex. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht sex, das von Natur aus gegeben ist, wird das soziale Geschlecht gender im Laufe des Lebens erworben. Dies kann dazu führen, dass sex und gender nicht übereinstimmen, wie es beispielsweise bei Transsexuellen der Fall ist.7

Besonders während der Jugend spielt die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht eine große Rolle. Die Herausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale führt zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit. Dabei hat auch die Schule einen großen Einfluss auf die Geschlechtersozialisation. Sie muss die SuS für das Wirtschaftssystem qualifizieren und vor allem selektieren und die Kinder für das politische System und das Rechtssystem sozialisieren. Die Schule muss somit gesellschaftliche Einflüsse gewähren, ihre Wertvorstellungen und Grundmuster übernehmen und sie dadurch reproduzieren. Überraschend ist, dass es wenige empirische Untersuchungen zur sozialen Interaktion und somit zum doing gender im Schulalltag gibt.

Jedoch hat sich das niedersächsische Kultusministerium intensiv mit dem Thema beschäftigt und die Internetseite www.genderundschule.de ins Leben gerufen. Ziel des Portals ist es, den Blick für Geschlechtergerechtigkeit in der Schule zu schärfen und Wahrnehmungsmuster neu zu gestalten.

In den folgenden Kapiteln soll dargestellt werden, wie doing gender sich in der Praxis zeigt. Dafür werden zwei empirische Studien vorgestellt, wobei jeweils ein Überblick über die Forschungssituation gegeben wird, bevor anschließend je zwei wesentliche Aspekte der Studien dargestellt werden.

3.1 Geschlechteralltag in der Schulklasse (Breidenstein/Kelle)

In der Studie „Geschlechteralltag in der Schulklasse. Ethnographische Studien zur Gleichaltrigenkultur“ von Georg Breidenstein und Helga Kelle wird die Bedeutsamkeit der Geschlechterunterscheidung als empirische Frage behandelt. Dabei wird versucht jene Situationen und Praktiken zu identifizieren, welche der Geschlechterunterscheidung Relevanz verleihen.8 Im folgenden sollen die Rahmenbedingungen der Studie kurz umrissen werden, bevor auf die empirische Untersuchung der Bildung der Zweigeschlechtlichkeit sowie der geschlechter-differenzierenden Inszenierung eingegangen wird.

3.1.1 Die Studie und ihre Rahmenbedingungen

Für die Studie haben die Forscher in den Jahren 1993 bis 1996 in fünf acht- bis zwölfwöchigen Erhebungsphasen am Alltag zweier Schulklassen teilgenommen. Die erste Klasse wurde in den Schuljahren vier, fünf und sechs, die zweite in den Schuljahren vier und sechs beobachtet.9 Die Studie wurde an der Laborschule in Bielefeld durchgeführt, wobei die Schulklassen sich aus Mädchen und Jungen zusammengesetzt haben, das Kollegium aber rein weiblich war. Ergänzt wurden die Beobachtungen in Unterricht und Pausen durch Einzel- und Gruppeninterviews.10

3.1.2 Inhalt der Studie

Im ersten Teil der Studie geht es um die Bildung der Zweigeschlechtlichkeit. Dabei sollte durch die Untersuchungen herausgefunden werden, in welchen Situationen die Geschlechterzugehörigkeit von den Kindern selbst zum Thema gemacht wird. Dabei werden fünf interaktive Kontexte in Form von Spielen und Ritualen herausgegriffen, welche für die Geschlechterzugehörigkeit der Kinder von Bedeutung sind.11 In dieser Arbeit sollen zwei Kontexte vorgestellt werden.

Der erste ist die Verteilung der SuS auf Tische und Zimmer, was im Alltag einer Schulklasse immer wieder nötig ist. Hier kommt es zur Verhandlung sozialer Beziehungen. Dabei ist zum Beispiel bei der freien Platzwahl eine „Normalität“ der Geschlechtertrennung aufgefallen, wonach sich Mädchen neben Mädchen und Jungen neben Jungen setzen.12 Dagegen stellt die Möglichkeit einer gemeinsamen Gruppenbildung von Mädchen und Jungen einen Status des Besonderen für die Option der Gemischgeschlechtlichkeit her.13

Im zweiten Kontext geht es um die Organisation pädagogischer Prozesse. Damit sind Reihenfolgen gemeint, beispielsweise bei der Übernahme des Tafeldienstes, von Rederecht in einer Erzählrunde oder Wortbeiträgen in einer Diskussion. Hier wählten die Lehrerinnen häufig die Methode der Abwechslung zwischen Jungen und Mädchen, um eine Art von Gerechtigkeit herzustellen, welche ein grundlegendes Problem von Reihenfolgen darstellt. In der Schule kann es nicht immer gewährleistet werden, dass jedem Kind immer dieselbe Gerechtigkeit zukommt, jedoch sind die Verfasser der Studie davon überzeugt, dass die Methode der Abwechslung eine gute Möglichkeit bietet, um diese ansatzweise herzustellen.14

[...]


1 Rendtorff, Barbara: Bildung der Geschlechter, Stuttgart 2011 (Praxiswissen Bildung), S. 40.

2 Vgl. Herrlitz, Hans-Georg; Hopf, Wulf; Titze, Hartmut u. a.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart, Eine Einführung, Weinheim 2009[5], S. 83.

3 ebd., S. 84.

4 Vgl. ebd., S. 89 f,

5 Vgl. Rendtorff, Bildung der Geschlechter, S. 40 f.

6 Vgl. Neugebauer, Martin: Sind Lehrerinnen für die "Bildungskrise" der Jungen verantwortlich, in: Spinath, Birgit (Hg.): Empirische Bildungsforschung. Aktuelle Themen der Bildungspraxis und Bildungsforschung, Berlin, Heidelberg 2014, S. 40-48, S. 41. (SpringerLink : Bücher)

7 Vgl. Gildemeister, Regine: Doing gender, Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung, in: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, 2010, S. 137-145, S. 132 f.

8 Vgl. Breidenstein, Georg; Kelle, Helga: Geschlechteralltag in der Schulklasse, Ethnographische Studien zur Gleichaltrigenkultur, Weinheim 1998 (Kindheiten Bd. 13), S. 15.

9 Vgl. ebd., S. 21.

10 Vgl. ebd., S. 30 ff.

11 Vgl. ebd., S. 37.

12 Vgl. ebd., S. 43 f.

13 Vgl. ebd., S. 45 f.

14 Vgl. ebd., S. 47 f.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668145740
ISBN (Buch)
9783668145757
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315470
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Erziehungswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Schule Geschlecht Konstruktion Rolle Jungen Noten Bevorzugung doing gender

Autor

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