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Jorge Luis Borges und die Phantastik. Phantastische Elemente in den Werken "La Biblioteca de Babel" und "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius"

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Jorge Luis Borges und die phantastische Literatur

Phantastische Elemente in La Biblioteca de Babel

Phantastische Elemente in Tlön, Uqbar, Orbis Tertius

Resumen

Bibliografía

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der phantastischen Literatur von Jorge Luis Borges als besonderen Fall der hispanoamerikanischen Kurznarrativik. Der erste Teil widmet sich der methodischen und theoretischen Klärung bezüglich der phantastischen Literatur der Moderne und Postmoderne. Sie bietet die theoretische Grundlage für die im weiteren Verlauf dieser Arbeit angesetzte Analyse der Werke La Biblioteca de Babel und Tlön, Uqbar, Orbis Tertius.

Die Arbeit behandelt die Fragestellung, wodurch sich Borges’ Literatur und Narrativik auszeichnet, wie für ihn die Phantastik definiert ist, und welche Unterschiede bzw. Neuerungen er für die Gattung der phantastischen Kurzgeschichte schafft. Zunächst wird der biographische Hintergrund zu Borges und dessen Werk festgehalten. Danach wird auf relevante Theorien zur Gattung der phantastischen Kurzgeschichte, wie die von Todorov, eingegangen, bevor es um die Betrachtung der phantastischen Literatur von Jorge Luis Borges geht. In Bezug auf Borges’ Literatur werden unter anderem intertextuelle Beziehungen nach Gérard Genette geklärt, sowie der Begriff der Heterotopie nach Focault.

Im weiteren Verlauf werden die Kurzgeschichten La Biblioteca de Babel (1941) sowie Tlön, Uqbar, Orbis Tertius zunächst inhaltlich zusammengefasst und dann im Hinblick auf phantastische Elemente analysiert. Hierbei soll hervorgehoben werden, was die Geschichte phantastisch macht und welcher Mittel sich Borges dazu bedient. Im Schlussteil werden noch einmal die wichtigsten Charakteristika für Borges’ Literatur zusammengefasst.

Jorge Luis Borges und die phantastische Literatur

Jorge Luis Borges wurde am 24. August 1899 in Buenos Aires, Argentinien, geboren und wuchs in einem englisch-spanisch sprachigen Elternhaus auf. Sein Vater, Jorge Guillermo Borges, war Rechtsanwalt und Professor für Philosophie und Psychologie und prägte ihn schon in seiner frühen Kindheit. Er besaß eine aus mehreren tausend Bänden bestehende Bibliothek, aus der Borges schon als Kind Literatur in Englisch las. Seine ersten Anfänge als Schriftsteller machte Borges während seines Europaaufenthalts 1919 in Spanien. Dort schloss er sich der literarischen Gruppe Ultraístas an, die vom Expressionismus sowie vom spanischen Ultraismo geprägt waren.

Im Jahr 1921 kehrte er nach Buenos Aires zurück und gründete zusammen mit Freunden die ultraistische Zeitschrift Prisma. Sein Ziel war es auf diese Weise, den ultraistischen Literaturgeist aus Spanien zu verbreiten. In den 30er Jahren arbeitete Borges als Bibliothekar in der Stadtbibliothek von Buenos Aires und veröffentlichte unter anderem die Werke Historia Universal de la Infamia und Historia de la Eternidad.

In den darauf folgenden Jahren stieg sein Bekanntheitsgrad an. Er war bei Sur, der damals wichtigsten argentinischen Literaturzeitschrift, tätig und publizierte seine wohl bekanntesten Werke El Jardín de Senedores que se bifurcan (1941), Ficciones (1944) und El Aleph (1949). Im Jahr 1955 wurde er zum Direktor der Nationalbibliothek ernannt und behielt diesen Posten bis 1974 bei. Borges etablierte sich als wichtiger Literaturkritiker, Übersetzer und Autor. Trotz abnehmenden Sehschwäche, die bis zur völligen Blindheit führte, schrieb er weitere Werke. Bis hin zu seinem Tod im Jahr 1986 erhielt er Auszeichnungen und Preise, wie den Verlegerpreis Formentor (1961), den italienischen Balzan-Preis für Philosophie und Linguistik (1980) und das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Seine Literatur ist geprägt von der Romantik, der Freud’schen Psychologie und der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die größten literarischen Einflüsse erhielt Borges von Franz Kafka, Rafael Assens, Macedonio Fernéndez. Seine philosophische Weltanschauung ist von George Barkeley und David Hume geprägt.[1]

Der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov veröffentlichte im Jahr 1970 sein Werk Introduction à la littérature fantastique, in welchem er sich mit der Gattung der phantastischen Literatur und einer geeigneten Definition auseinandersetzt und schafft eine wichtige theoretische Basis für die Literaturwissenschaft.

Ein wichtiger Punkt seiner Theorie ist die Voraussetzung, dass bei der phantastischen Literatur auf eine poetische bzw. allegorische Lesart verzichtet werden müsse, da sich Poesie und Fiktion gegenseitig ausschließen. Außerdem ist die Unschlüssigkeit, die der Mensch aufgrund übernatürlicher Erfahrungen erlebt, eines der wichtigsten Merkmale für die phantastische Literatur.[2]

So schreibt er:

Lo fantástico ocupa el tiempo de esta incertidumbre; en el momento en que se elige una u otra respuesta, se abandona lo fantástico para entrar en un género vecino: lo extraño o lo maravilloso.

Lo fantástico es la vacilación experimentada por un ser que no conoce más que las leyes naturales, frente a un acontecimiento en apariencia sobrenatural.[3]

Es ist die Unsicherheit gemeint, ob es sich bei dieser übernatürlichen Erfahrung um einen Bruch natürlicher Gesetzte handelt oder ob sich die Ereignisse doch durch den Verstand und die Vernunft erklären lassen. Ist Ersteres der Fall, dann handelt es sich um die Nebengattung maravilloso. Lässt sich das Übernatürliche jedoch rational erklären ist von der Nebengattung extraño die Rede.[4] Auf diese Annahme gestützt lässt sich die phantastische Literatur Todorov zufolge in vier Untergattungen aufteilen: extraño puro, fántastico-extraño, fantástico-maravilloso und maravilloso puro. Voraussetzung ist jedoch, dass die ungewöhnlichen Geschehnisse als real dargestellt werden.[5]

Die phantastische Literatur von Borges lässt sich jedoch nicht einfach in eine dieser Untergattungen eingrenzen bzw. einordnen, denn sie geht über Grenzen im Allgemeinen hinaus. Dies wird bei der ersten Ausgabe der Antología de la literatura fantástica, die Borges zusammen mit Adolfo Bioy Caseres und Silvina Ocampo im Jahr 1940 erstellte, deutlich. Sie ist das Ergebnis einer literaturkritischen Auseinandersetzung der drei Schriftsteller mit der Gattung der Phantastik. Ihre Sammlung von Texten phantastischer Literatur unterliegt weder einer chronologischen noch einer alphabetischen Gliederung. Eine eindeutige Definition für die Phantastik wird hier abgelehnt, stattdessen kommt es zu einer Überschneidung der Motiv- und Themenwahl der phantastischen Literatur mit anderen Gattungen.[6]

Der US-amerikanische Schriftsteller John Barth spricht in seinem Essay The Literature of Exhaustion von 1967 von einer Erschöpfung der Literatur, die zu Beginn der Postmoderne eintritt und die auch mit Borges Literaturverständnis einhergeht. Demnach seien alle inhaltlichen und formalen Mittel der Literatur ausgeschöpft und es würde in Zukunft nur noch zu einer Wiederholung literarischer Mittel kommen. Barth zufolge sind Borges’ Kurzgeschichten keine unabhängigen Einheiten, sondern Teil eines Gesamttextes, welcher eine bestimmte Auffassung der Welt und der Literatur widerspiegelt. Folglich ist Borges’ Literatur als fragmentarisch zu definieren.[7]

In Borges Texten tauchen wiederholt Motive und Themen auf, die für seine phantastischen Erzählungen charakteristisch sind. Diese Motive sind die Verwandlung, die Vermischung von Traum und Wirklichkeit, der unsichtbare Mensch, das Spiel mit der Zeit und dem Raum, übernatürliche Wesen und zuletzt das Doppelgängermotiv.[8]

Jaime Alazraki prägte den Begriff des neofantástico und kritisierte den in der hispanoamerikanischen Sekundärliteratur vertretenen Gegensatz von Realität und Übernatürlichem, der oft als Kriterium für die Identifikation phantastischer Literatur herangezogen wird. Der Begriff der Neophantastik soll die phantastischen Elemente der Literatur von Franz Kafkas, Jorge Luis Borges und Julio Cortázar von der klassischen phantastischen Literatur abgrenzen. Alazraki zufolge gibt es bei den drei genannten Autoren kennzeichnende Neuerungen für die phantastische Literatur: su visión, intención y su modus operandi. Borges stellt sich nicht die Frage ob es sich um Realität oder Fiktion handle, sondern setzt eine fiktive zweite Wirklichkeit voraus, die wiederum Raum für Imaginäres schafft.[9]

Auch Pablo Brescia beschreibt in seinem Buch Modelos y Prácticas en el cuento hispanoamericano: Arreola, Borges, Cortázar die Veränderungen des cuento von 1935-1969. In seinem Werk stellt er den Bezug zwischen Jorge Luis Borges, Julio Cotrázar und Juan José Arreola her. Sowohl als Autor als auch als Leser zog Borges den cuento dem Roman vor. Gleichzeitig gibt es von Borges keinen einzigen Bericht, der die Funktion der Kurzgeschichte als Gattung in ihrem literarischen System untersucht.[10] Eine Rekonstruktion Borges’ Theorie zum cuento bildet sich mithilfe einiger kritischer Beiträge von Borges selbst. So sieht er die Überschaubarkeit der Kurzgeschichte als größten Vorteil gegenüber dem Roman. Außerdem ist für den cuento dessen Inhalt von Bedeutung, bei dem Roman sind es dagegen die Personen.[11]

Des Weiteren sind zahlreiche Bezüge zu Edgar Allen Poe festzustellen, der im 19. Jahrhundert großen Einfluss auf die Gattung der phantastischen Kurzgeschichte ausübte. Beide Autoren erzeugen ein ungeordnetes Labyrinth bzw. Geflechte, das sich durch Illusion und Intellekt auszeichnet.[12] In einem Vortrag von 1978 an der Universität von Belgrano äußerte sich Borges wie folgt:

Poe no quería que el género policial fuera un género realista, quería que fuera un género intelectual, un género fantástico si ustedes quieren, pero un género fantástico de inteligencia, no de la imaginación solamente; de ambas cosas desde luego, pero sobre todo de la Inteligencia.[13]

Die Intelligenz und das Denken sind demnach die Voraussetzung etwas Imaginäres zu schaffen. Außerdem dient die Vorstellungskraft nicht der Auflösung bzw. Erklärung, sondern der Potenzierung von Möglichkeiten. Lachmann bezeichnet diese Potenzierung des Möglichen als Logophantasmen und schafft einen wichtigen Begriff in Zusammenhang mit borealer Phantastik.[14] Die Vorstellungskraft bezieht sich hierbei nicht nur auf den Autor, sondern auch oder insbesondere auf den Leser. Denn er ist es, der beim Lesen in die Welt des Imaginären eintaucht. Somit schafft Borges eine eigene Leserschaft.

Alfonso de Toro geht in seiner Arbeit Borges und die Hyperräume unter anderem auf den Begriff der Intertextualität ein. Sie ist kennzeichnend für Borges’ Literatur, denn er macht den Text zum zentralen Thema seiner Erzählungen. Gérard Genette klassifizierte diese Beziehungen in fünf Kategorien: Paratextualität, Intertextualität, Metatextualität, Hypertextualität und Architextualität.[15] Die drei Typen Inter-, Meta- und Hypertextualität nehmen in Borges Werk einen großen Stellenwert ein, daher werden sie im folgendem kurz definiert. Die Intertextualität ist das Vorhandensein eines älteren Texts in einem neueren Text. Die Metatextualität ist die Verbindung zwischen einem Basistext und einem weiteren Text, der sich auf einer höheren Ebene mit dem Basistext auseinander setzt. Bei der Hypertextualität geht es um „einen Text zweiten Grades, der von einem anderen, früheren Text abgeleitet ist.“[16] Zusammenfassend besagt das Intertextualitätsprinzip, dass ein Text nur in Bezug mit der Gesamtheit aller Texte verstanden werden kann und dass ein Text je nach Kontext eine andere Bedeutung zugeschrieben wird. Insbesondere die Kurzgeschichten Pierre Menard, autor del Quijote und La biblioteca de Babel werden als kanonische Erzählungen des Intertextualitätsprinzips verstanden. Auch die Idee des Hypertexts stammt von Borges. Seine Erzählungen enthalten zahlreiche Verweise zu Autoren und Texten und schaffen somit eine „navigierende Enzyklopädie“.[17]

Die Theorie über das Verständnis des Raumes nach Michel Foucault ist ein weiterer wichtiger Anhaltspunkt für die Analyse von Borges imaginärer Literatur. Foucault zufolge gibt es zwei Typen von Räumen die anders sind, nämlich die Utopien und die Heterotopien. Bei den Utopien handelt es sich um nicht reale Orte, die eine Perfektionierung oder den Kontrast zur gegenwärtig existierenden Gesellschaft darstellen. Eine Heterotopie hingegen wird als eine real existierende Utopie definiert, also als ein wirklicher Raum.[18] Die Heterotopie existiert in allen Kulturen und Zeiten, jedoch nimmt sie in kultureller Hinsicht verschiedene Formen an und ist somit nicht universal. Des Weiteren führt sie unvereinbare Räume an einem Ort zusammen und zeigt häufig extreme Zeitschnitte. Außerdem kommt es zu einer Öffnung und einer Schließung des Raumes, der nicht immer für jeden zugänglich ist, wie zum Beispiel ein Gefängnis. Im Zusammenhang mit Borges ist hervorzuheben, dass die Heterotopie die Funktion hat einen illusorischen Ort abzubilden. Die Imagination ist Foucault zufolge ein psychologischer Raum, der vor allem durch die Literatur und Kunst abgebildet wird. Zum einen schafft die Literatur einen Raum, der alle Räume abbilden kann, zum anderen kann sie alle Diskurse in sich vereinen.[19]

[...]


[1] Vgl. Rodríguez Monegal (1988:177-180).

[2] Vgl. Hahn (2006:16).

[3] Todorov (2006:24).

[4] Vgl. Hahn (1997:15).

[5] Vgl. Hahn (1997:16).

[6] Vgl. Carillo Zeiter (2010:24).

[7] Vgl. Garrigós (1994:19).

[8] Vgl. Schmidt-Welle (2010:5).

[9] Vgl. Ferretti (2006:21-23).

[10] Vgl. Brescia (2011:50).

[11] Vgl. Brescia (2011:53).

[12] Vgl. Peeples (2004:145).

[13] Borges (1978:4)

[14] Vgl. Ferretti (2006:32)

[15] Vgl. Homscheid (2007:83-86)

[16] Homscheid (2007:85)

[17] Vgl. de Toro (2008:75)

[18] Vgl. Frank (2006:100)

[19] Vgl. Leiteritz (2005:256-257)

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668147652
ISBN (Buch)
9783668147669
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315458
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Universität
Note
1,0
Schlagworte
jorge luis borges phantastik phantastische elemente werken biblioteca babel tlön uqbar orbis tertius

Autor

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Titel: Jorge Luis Borges und die Phantastik. Phantastische Elemente in den Werken "La Biblioteca de Babel" und "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius"