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Mediennutzung als Werkzeug für die Entstehung, Entwicklung und Funktionsweise von Netzwerken

Bachelorarbeit 2015 47 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Ziel dieser Arbeit

2. Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext - Erläuterung der Begriffe
2.1 Vernetzung und Netzwerke
2.2 Medien & Mediennutzung - Selektion, Rezeption & Applikation

3. Netzwerkgeschichte, oder: wie Menschen sich verknüpf(t)en

4. Genese, Struktur und Funktionsweise von Netzwerken
4.1 Die Entstehung strategischer Verknüpfungen
4.2 Strukturaufklärung - Wie Akteure sich in Netzwerken organisieren
4.3 Voraussetzungen für eine funktionierende Vernetzung

5. Medialität von Netzwerken
5.1 Neue Möglichkeiten des Austauschs durch das Internet

6. Exemplarische Untersuchung
6.1 Zur Bedeutung transnationaler Netzwerke
6.2 Die WISIONS Initiative
6.3 Die transnationalen Netzwerke der WISIONS-Initiative
6.3.1 Das Hydro Empowerment Network
6.3.1.1 Entstehung
6.3.1.2 Struktur
6.3.1.3 Mediennutzung
6.3.2 Das RedBioLAC Netzwerk
6.3.2.1 Entstehung
6.3.2.2 Struktur
6.3.2.3 Mediennutzung
6.3.3 Das RedBioCOL Netzwerk
6.3.3.1 Entstehung
6.3.3.2 Struktur
6.3.3.3 Mediennutzung
6.3.4 Das Wind Empowerment Network
6.3.4.1 Entstehung
6.3.4.2 Struktur
6.3.4.3 Mediennutzung

7. Diskussion
7.1 Diskussion des exemplarischen Teils der Arbeit
7.2 Übersicht und Diskussion der Mediennutzung in den Netzwerken

8. Zusammenfassung

9. Danksagung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Ziel dieser Arbeit

Denkt man an Netzwerke, so wird das Augenmerk in der heutigen Zeit zumeist spontan auf soziale Netzwerke des Web 2.0 gerichtet, in denen sich Menschen frei von zeitlichen und räumlichen Konventionen verknüpfen und austauschen können. Auch historische Vorläufer solcher Netzwerke, vom Informationsaustausch durch die Entstehung der Schrift oder der Vernetzung durch die Erfindung des Telefons, mögen dabei ins Gedächtnis rücken. Wissenschaftliche Betrachtungen von Netzwerken sind jedoch nicht in einer solchen Einfachheit abzuhandeln. Ein breitgefächertes interdisziplinäres Feld, von der Informatik über die Biologie bis hin zu den Sozialwissenschaften, beschäftigt(e) sich mit der Analyse von Netzwerken. Wie entstehen diese und welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Wie ordnen sich die Elemente (Akteure) eines Netzwerks an und welche Beziehungen haben sie zueinander? Welcher externen Hilfsmittel, spezifisch welcher Medien, bedienen sich die Akteure und inwiefern begünstigen diese eine effektive Vernetzung, beziehungsweise ermöglichen sie erst? Neben einem Abriss der Netzwerkgeschichte wird diesen Fragen im ersten Teil dieser Arbeit nachgegangen. Dabei wird ein Fokus auf die Medialität von Netzwerken gelegt und die Auswirkungen von Medien auf das Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht, sowie die Möglichkeiten und Perspektiven, die besonders neue Medien der Vernetzung und dem Austausch darbieten, beleuchtet.

In einem zweiten Teil dieser Arbeit werden exemplarisch vier transnationale Wissensnetzwerke, die von der WISIONS-Initiative des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt & Energie gefördert und unterstützt werden, in Bezug auf die zuvor betrachteten Aspekte evaluiert. Diese Netzwerke wurden ausgewählt, um zu verdeutlichen, dass vor allem auch kleine Netzwerke jenseits von großen Organisationen, Unternehmen oder Verbänden durch ihre Arbeit etwas bewirken können. Das ‚Hydro Empowerment Network‘, die Netzwerke ‚RedBioLAC‘ und ‚RedBioCOL‘ sowie das ‚Wind Empowerment Network‘ werden dabei sowohl hinsichtlich ihrer Entstehung als auch ihrer Organisations- und Koordinationsstrukturen, und vor allem auch ihrer medialen Kommunikationsformen und Netzwerkarbeit analysiert. Wie haben sich diese Netzwerke entwickelt und sind sie dabei formalen Voraussetzungen gefolgt, die in der Literatur Erwähnung finden? Wie sind sie aufgebaut, wer koordiniert die Arbeit der Mitglieder und wer konkret sind diese eigentlich? Welche Rolle ‚neue‘ Medien wie das Internet bei diesen Prozessen gespielt haben und weiterhin spielen, findet dabei Beachtung. Besonders die Webauftritte sowie andere Kommunikations- und Wissensspeicherungs-Plattformen der Netzwerke stehen im Fokus der Betrachtung. Wie die Netzwerkmitglieder diese annehmen und anwenden und wo noch Verbesserungsbedarf besteht, wird abschließend dargestellt.

2. Einordnung in den wissenschafltichen Kontext - Erläuterung der Begriffe

Die wissenschaftliche Betrachtung von Netzwerken, wie beispielsweise Computernetzwerken, biologischen Netzwerken oder sozialen Netzwerken, ist ein breit gefächertes, interdisziplinäres Feld, welches Prinzipien der Mathematik, Physik, Biologie, Psychologie, Sozialwissenschaften und verschiedenen weiteren Bereichen kombiniert und folglich von einer enormen Bandbreite an Meinungen und Erkenntnissen profitieren kann.1 Bevor es im Zuge dieser Arbeit zu einer weiteren Betrachtung kommen kann, gilt es, die basalen Informationen und Zusammenhänge von Netzwerken aufzudecken und den Netzwerkbegriff zu manifestieren.

2.1 Vernetzung & Netzwerke

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann (1927 - 1998) kann als ein Anhaltspunkt dienen, um eine Einordnung des Netzwerkbegriffs zu ermöglichen und vom Ausdruck eines Systems zu differenzieren, obgleich diese Begriffe in engem Zusammenhang stehen. Der Systemtheorie zufolge entsteht Vernetzung durch die „wechselseitige Beeinflussung der Elemente eines komplexen Systems“.2 Unter einem System versteht Luhmann eine Menge von untereinander abhängigen Elementen und Beziehungen, alle Systemteile sind demzufolge interdependent, d.h. Veränderungen einzelner Systemelemente wirken sich mittelbar oder unmittelbar auf alle anderen Systemelemente aus.3 Bei weiterer Ausführung dieser Gedanken ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Elemente dieser Systeme in Wechselwirkung zueinander stehen oder in ein Beziehungsgeflecht eingebunden sind, wodurch ein vernetztes System (ein Netzwerk) entsteht,4 oder auch eine verfestigte, strukturelle Kopplung von Systemen.5 Bei Latour heißt es in diesem Zusammenhang, der Netzbegriff sei „geschmeidiger als der Begriff des Systems, historischer als die Struktur und empirischer als die Komplexität“.6

Das Netzwerk ist, in seiner einfachsten Form, eine Ansammlung von Punkten, welche durch Linien verbunden sind. Diese Punkte werden auch als Knoten, die Verbindungslinien als Kanten bezeichnet:

Netzwerke wie soziale Beziehungen […] bestehen aus so genannten Knoten (nodes), die die Mitglieder des Netzwerkes repräsentieren, und aus Verbindungslinien (links oder so genannte Kanten), die verschiedene Formen des Kontakts, der Zusammengehörigkeit oder andere Verbindungen verdeutlichen. Das ganze System aus Knoten und Kanten wird als Graph bezeichnet. Kanten zwischen den Mitgliedern (Knoten) eines Netzwerkes können unterschiedliche Stärken haben und einzelne Akteure können über den Umweg über andere Knoten eng miteinander in Beziehung stehen, ohne direkt miteinander durch eine Verbindungslinie verknüpft zu sein.7

Folglich lässt sich ein Netzwerk auf eine abstrakte Struktur simplifizieren, welche lediglich ein absolutes Minimum an Strukturelementen darstellt. Die Knoten und Kanten können bei Bedarf mit zusätzlicher Information, wie Namen von Akteuren, Hierarchien und anderweitigen Details versehen werden. Der Begriff des Netzwerks suggeriert weiterhin die Option einer aktiven Teilnahme der Akteure, der Möglichkeit des Austauschs: „Netz generiert (erzeugt, schafft, produziert, konstruiert) als Netz ein mediales Bindungsgefüge, dass wir als Netzwerk beschreiben“.8 Die Dichte des Netzwerks beschreibt in diesem Zusammenhang den Grad der Vernetzung der Akteure untereinander (je höher die Anzahl der Beziehungen, desto größer die Möglichkeit, Informationen auszutauschen), die Reichweite lässt Aussagen über das Maß der Beziehungen der Akteure über das eigene Netzwerk hinaus zu (sie steigt mit zunehmender Heterogenität des Netzwerks).9

Insbesondere das sozialwissenschaftliche Verständnis eines Netzwerkes als ein „Kooperationssystem, das auf Interessensausgleich und Gegenseitigkeit basiert, eher kooperativ als wettbewerblich ausgerichtet ist und relativ stabile Beziehungen unterhält“10, findet in dieser Arbeit nach einer historischen Untersuchung des Netzwerkbegriffs eingehendere Betrachtung. Ziel eines solchen Netzwerks ist es, durch eine Abstimmung von sich ergänzenden Fähigkeiten und Bündelung von Ressourcen Synergien und Emergenzeffekte unter den Akteuren zu bewirken, die den Nutzen und das Wissen aller Beteiligten mehren und zur Erreichung von gemeinsamen Interessen und Zielen beitragen.11

Was ist notwendig, damit derartige Netzwerke entstehen können? Wie der Titel dieser Arbeit suggeriert, spielen Medien dabei eine wesentliche Rolle. Nach Marshall T. Poe ist dies Definitionssache: so erlauben es Kommunikationsmedien, Individuen miteinander zu kommunizieren. Durch den Umstand der Kommunikation würden diese Individuen mit dem Medium verbunden und durch die Verbindung mit dem Medium wiederum entstehe ein „Mediennetzwerk“.12 Im folgenden Abschnitt wird ebenjener Medienbegriff eingehender betrachtet.

2.2 Medien & Mediennutzung - Selektion, Rezeption & Applikation

Die aktive Partizipation und das Knüpfen von Beziehungen in einem Netzwerk, sei es in einem sozialen Online-Netzwerk wie Facebook oder einer oben beschriebenen Form im Sinne eines Kooperationssystems, wird ermöglicht und besteht vor allem durch einen signifikanten Gebrauch von Medien.13 Um welche Medien handelt es sich hierbei und haben Individuen und Akteure durch neue Medien differenziertere Möglichkeiten, Information auszutauschen und zu kommunizieren? Betrachten wir zunächst den Medienbegriff für sich gesehen.

Der kanadische Philosoph, Geisteswissenschaftler, Literaturkritiker, Rhetoriker und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan (1911 - 1980) prägte die Medientheorie mit dem Begriff „Das Medium ist die Botschaft“,14 welcher impliziert, dass die Form, die Gestalt eines Mediums in seiner Botschaft (‚message‘) enthalten ist, woraus sich eine symbiotische Beziehung ergibt, da das Medium wiederum beeinflusst, wie die Botschaft wahrgenommen wird.15 Folglich ist auch das Medium an sich, nicht nur die transportierte Botschaft betrachtenswert.

McLuhan gilt als der einflussreichste Medientheoretiker weltweit, er schrieb bereits Jahrzehnte vor dessen Erfindung über das Internet, prophezeite DVD und Global Village.16 Obgleich seine Medientheorie sehr populär ist, in der Geschichte der Medien und der Mediennutzung ist dennoch häufig von einer Kombination mehrerer verschiedener (Medien)-Elemente die Rede, zwischen welchen ein Wechselspiel stattfindet, das gemeinhin als Kommunikation betitelt wird.17 Ob Buchdruck, Radio, Fotografie, Film, Fernsehen oder Internet; ob Neil Postman, Bertolt Brecht, Walter Benjamin, Niklas Luhmann oder eben Marshall McLuhan - sie alle beschäftigten sich mit der Frage, wie Wissen kommuniziert, reproduziert, archiviert und verbreitet werden kann.

Der Gebrauch von Medien, so Charlton und Neumann-Braun, erfolge allgemein im Kontext von alltäglichen Routinen und Ereignissen, wobei die Medien im Prozess der Lebensbewältigung des Einzelnen sowie der unmittelbaren sozialen Umgebung integriert sind.18 Soziale Kontexte, die bei der Rezeption von Medien Relevanz aufweisen können, sind beispielsweise die aktuelle persönliche Situation, oder die Struktur der Interaktionsbereiche innerhalb der Familie, mit Kollegen, Freunden oder gesellschaftlichen Institutionen.19 Doch wie selektieren Rezipienten Medien? Der Nutzen- und Belohnungsansatz (‚Uses and Gratifications Approach‘) nach Elihu Katz beschäftigte sich erstmals mit dieser Fragestellung, konkret: Was machen die Menschen mit den Medien? Vernachlässigt man zunächst die unterschiedlichen Funktionen von Medien, so lässt sich nach Katz’ Theorie konstatieren, dass Individuen Medien nutzen, um Verbindungen herzustellen, sei es zum sozialen Netzwerk bestehend aus Familie und Freunden oder gar zu Nationen oder anderen ‚großen‘ Organisationen.20 Ursache für diesen Wunsch des Menschen nach Verbindung liegt, so Nordlund, in seinem universalen Bedürfnis nach Interaktion begründet.21 Doch wie funktioniert diese Interaktion, welche Hilfsmittel kommen dabei zur Anwendung?

[…] individuals are moving from a logic of networking based on specific space-time constraints to a logic based on access through affordances. That is, we are moving from a logic of shared norms about the right spaces at the right times, to individualized perceptions of social structure based on the affordances of the media one uses.22

Es ist offenkundig, dass durch die rudimentär veränderte Medienlandschaft in der heutigen Zeit ganz neue Möglichkeiten zur Interaktion, Kommunikation und Vernetzung geschaffen wurden. Neue Medien wie beispielsweise (oder besonders) das Internet eröffnen enorm breiten Bevölkerungsschichten drastisch bessere Möglichkeiten des Austauschs als noch vor zehn Jahren. Individuen kommunizieren mühelos über Länder und Kontinente hinweg, tauschen Informationen und Wissen aus, organisieren und vernetzen sich. „Interpersonale Kommunikation im sozialen Netzwerk […] bildet einen wichtigen Kontext, der nicht nur die Auswahl von bestimmten Medieninhalten, sondern insbesondere auch deren Interpretation und Bewertung beeinflusst.“23 Wie diese Medien zur Vernetzung gewählt, genutzt und wahrgenommen werden, wird im Verlauf dieser Arbeit untersucht.

3. Netzwerkgeschichte, oder: wie Menschen sich verknüpf(t)en

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Mensch als soziales Wesen seit jeher ein Bedürfnis nach Interaktion und Kommunikation mit anderen hat. In diesem Sinne liegt es nahe, einen historischen Blick in die Vergangenheit zu werfen: wie organisierten Menschen sich? Welcher Hilfsmittel bedienten sich Individuen für den sozialen Austausch, wie wurde Wissen weiter getragen?

Das soziale Leben ist in zunehmendem Maße interdependent - das 20. Jahrhundert ist charakterisiert von Kommunikations- und Transporttechnologien, die die Welt kleiner gemacht haben, die in der Folge Individuen aus geografisch völlig differenten Orten in einen engen sozialen Kontext gebracht haben.24 Wir sind eingebettet in lokale Gemeinschaften, dennoch verfügen mehr und mehr von uns über den Globus umspannende Kontakte, jeder scheint nur noch einige wenige Verknüpfungen von jedem anderen in der Welt entfernt zu sein.25 Dies war keineswegs immer so - der Gedanke, dass Menschen sich in Netzwerken organisieren, ist jedoch nicht neu. Erste Versuche der Transmission von Nachrichten zur strategischen Kommunikation setzten dort ein, wo aus kriegspolitischer Motivation die Geschwindigkeit der persönlichen Nachrichtenüberbringung nicht mehr suffizient war - Beispiele der Telekommunikation in der Antike sind beispielsweise Signalhörner, Trommeln, Rufposten, Feuersignale und ähnliches.26 Jan Fuhse schreibt von militärisch und politisch geprägten Netzwerken der etablierten Oberschichten im römischen Reich, welche sich der Schriftkommunikation bedienten, um einen Austausch zu ermöglichen.27 Die Bedingung, dass dieser auch zu Stande kommt, liegt auf der Hand: Analphabeten waren nicht befähigt, in derartigen Netzwerken zu partizipieren. Ein weiteres Beispiel, etwa zur gleichen Zeit, sind die Netzwerke der Brahmanen in Indien, welche durch schriftlichen Kontakt eine kulturelle Homogenisierung über inkongruente Staatswesen und überwiegend lokale Netzwerke hinweg realisierten.28 Vor allem betraf dies jedoch auch hier die Oberschichten, denn nur diese hatten durch den Kontakt mit Schriftstücken überhaupt einen Anreiz, lesen und schreiben zu lernen. Weitere Gesellschaftsschichten konnten erst im späteren Verlauf der Geschichte mit der Durchsetzung des Buchdrucks erreicht werden, obgleich Alphabetisierung und Schriftlichkeit nach wie vor auf städtische Eliten beschränkt waren.29

Doch soziale Netzwerke bildeten sich nicht nur aufgrund der Klassenzugehörigkeit, auch Religion, Geschlecht, „Rasse“, Ideologien und moralische Begriffe spielten eine wesentliche Rolle.30 Wie also konnte Kommunikation in dem Sinne erweitert werden, dass neue Arten von Sprache, von Verständigung, möglicherweise von Codes über jene Grenzen hinweg uniform greifbare Bedeutung erlangten und so zum Ursprung von Austausch wurden? Als frühes Beispiel lässt sich das 1878 in Paris endgültig kodifizierte Braille-System anführen, welches Blinden allumgreifend die Kommunikation ermöglichen und sie so mit der Gesellschaft vernetzen sollte.31 In gleichem Maße ließe sich auch die im späten 19. Jahrhundert entstandene Fotografie als eine jener transnationalen Sprachen beschreiben, die das Potential zu universaler Vernetzung innehält.

Theoretiker verlautbarten bereits vor über 100 Jahren wissenschaftliche Konstrukte des Netzwerkgedankens. In den Endzügen des 19. Jahrhunderts erwähnte der Soziologe und Philosoph Ferdinand Tönnies in seinen Theorien die Idee des (sozialen) Netzwerks.32 Er sprach davon, dass soziale Gruppen entweder als persönliche Verbindungen von Individuen, die Werte und Glauben teilen, oder als unpersönliche, eher formelle Verknüpfungen von Gesellschaft(en) auftreten können.33 Auch Georg Simmel, Soziologe, Philosoph und Zeitgenosse Tönnies’, wies auf die Natur von Netzwerken hin und ging der Frage nach, ob deren Größe einen Einfluss auf die Interaktion hat sowie der Wahrscheinlichkeit von Interaktion in eher schwach geknüpften Netzwerken.34 Kurt Lewin, einer der einflussreichsten Sozialpsychologen, entwickelte in den 30er Jahren des menschliches Handeln immer in bestimmten psychologischen Feldern stattfindet, welche wiederum von den Akteuren mitgeformt werden. Diese Felder seien jedoch nicht wortwörtlich zu begreifen, sondern vielmehr metaphorisch als Repräsentation der Konzeption der Umwelt durch das Individuum.35

Netzwerke lieferten im Laufe der Jahrhunderte transnationale Anbindungen, sie funktionierten ober- oder unterhalb der formalisierten Strukturen nationaler Staaten, Imperien oder Institutionen.36 Elektrische Telegrafennetze stellten seit dem 18. Jahrhundert eine grundlegende technische Voraussetzung für ihre Funktion bereit. Mit der Zeit entwickelte sich aus diesen Netzen ein internationales Telegrafennetz, welches Kontinente und Meere überspannte und einen globalen Nachrichtenaustausch ermöglichte: so haben heutige Nachrichtenagenturen wie Reuters und dpa ihren Ursprung ebenfalls in dieser Zeit. 37 Die Erweiterung der telegrafischen Übertragungsprinzipien ist das Telefon, welches fortan sogar die menschliche Stimme in Impulse und Ströme zu dissoziieren vermochte.38 Mit der fortschreitenden Materialität der Vernetzungstechniken geht als folgerichtige Annahme eine Immaterialität der Kommunikation einher39 und es ist auch kein allzu weiter Weg mehr bis zur Medialität und Vernetzung, wie wir sie heute kennen.

Als vor etwa 25 Jahren das Internet erfunden wurde, eröffnete sich für extrem breite Bevölkerungsschichten ein völlig neuer Zugang zu Kommunikation und sozialem Austausch, Länder- und Kontinentgrenzen wurden ausradiert und Möglichkeiten der Vernetzung, Partizipation, Sozialisation geschaffen:

The invention of the World Wide Web in 1991, when Tim Berners-Lee managed to connect hypertext technolgoy to the Internet, formed the basis of a new type of networked communication. Weblogs, list-servers, and e-mail services helped form online communities or support offline groups. Until the turn of the millennium, networked media were mostly generic services that you could join or actively utilize to build groups, but the service itself would not automatically connect you to others. With the advent of Web 2.0, shortly after the turn of the millennium, online services shifted from offering channels for networked communication to becoming interactive, two-way vehicles for networked sociality.40

Das Internet unterscheidet sich in seinem medialen Charakter von anderen Massenmedien, da es nicht nur zu bestimmten Zeiten Nachrichten übermittelt oder zur Nutzung bereit steht, sondern Rezipienten völlig losgelöst von räumlichen und zeitlichen Restriktionen Inhalte abrufen und kommunizieren können.41 Die fortwährende Vernetzung der Menschen mittels Technologien sorgt für stetig neue Kommunikationsformen und Wege des Austauschs und der Zusammenarbeit geografisch distanter Individuen Zukunft noch bereithalten wird.

[...]


1 Vgl. Mark Newman, S. x.

2 Vgl. Brockhaus, S. 213.

3 Vgl. Claudia Müller, S. 3.

4 Vgl. Brockhaus, S. 213.

5 Vgl. Stefan Weber, S. 58f.

6 Bruno Latour, S. 10.

7 Heiner Fangerau, S. 227.

8 Manfred Faßler, S. 65.

9 Vgl. Fabian Göbel, S. 48.

10 Michael Gajo, Jörg Longmuss, Matthias Teller, Uwe Neugebauer, Annika Schönfeld, Rolf Sülzer, S. 5.

11 Michael Gajo, Jörg Longmuss, Matthias Teller, Uwe Neugebauer, Annika Schönfeld, Rolf Sülzer, S. 5.

12 Vgl. Marshall T. Poe, S. 13f.

13 Vgl. Bernard John Hogan, S. ii.

14 Marshall McLuhan: Understanding Media: The Extensions of Man, 1964; and The Medium is the ssage - An Inventory of Effects, 1967.

15 Ebd.

16 Vgl. Thomas Assheuer in DIE ZEIT, 20.07.2011.

17 Vgl. Stefan Hoffmann, S. 134.

18 Vgl. Charlton et al, S. 27f.

19 Vgl. Ulrich Sarcinelli, S. 391.

20 Vgl. Elihu Katz et al: Ulilization of mass communication by the individual, in: Elihu Katz and Jay G. Blumler: The Uses of mass communications: current perspectives on gratifications research, S. 19-32.

21 Vgl. Jan-Erik Nordlund, S. 150-175.

22 Bernard John Hogan: Networking in Everyday Life, S. 14f.

23 Michael Schenk: Medienforschung, in: Morten Reitmayer und Christian Marx: Netzwerkansätze in der Geschichtswissenschaft, S. 774.

24 Vgl. Christina Prell, S. 1.

25 Ebd.

26 Vgl. Jan Broch et. al., S. 227f.

27 Vgl. Jan Fuhse, S. 43f.

28 Vgl. Michael Mann, S. 351ff.

29 Vgl. Jan Fuhse, S. 44.

30 Vgl. Akira Iriye et al., S. 851.

31 Ebd., S. 853.

32 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft: Grundbegriffe der reinen Soziologie, 1887.

33 Vgl. Ferdinand Tönnies, S. 225.

34 Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, 1908.

35 Vgl. Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften, 1963.

36 Ebd., S. 86.

37 Vgl. Jan Broch et. al., S. 240.

38 Vgl. Jürgen Barkhoff, S. 149.

39 Ebd.

40 José van Dijck: The Culture of Connectivity: A Critical History of Social Media, S. 5.

41 Vgl. Joan Kristin Bleicher, S. 25.

Details

Seiten
47
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668287112
ISBN (Buch)
9783668287129
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315405
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medienkultur und Theater
Note
1,7
Schlagworte
Netzwerke Kommunikation Medien Mediennutzung

Autor

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Titel: Mediennutzung als Werkzeug für die Entstehung, Entwicklung und Funktionsweise von Netzwerken