Lade Inhalt...

Der Gründungsmythos Buchenwaldkind. Bruno Apitz' "Nackt unter Wölfen"

Bachelorarbeit 2015 48 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Umgang der DDR mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
2.1 Gründung der DDR
2.2 Zum Selbstverständnis und zur Legitimationsgrundlage der DDR
2.3 Erinnerungskultur der DDR

3. Zur Kulturpolitik und Literatur der DDR

4. Ideologisierung nach Plan: Instrumentalisierung von Nackt unter Wölfen
4.1 Narration im Sinne des sozialistischen Realismus
4.1.1 Formale Gestaltung
4.1.2 Sprachliche Gestaltung
4.2 Zwischen Fakten und Fiktion: Fiktionalisierung im Sinne des sozialistischen Realismus
4.2.1 Die Rettung des Kindes
4.2.2 Das Lagerleben und der antifaschistische Widerstand
4.3 Vorbilder und Feindbilder im Sinne des sozialistischen Realismus
4.3.1 Die politischen Häftlinge
4.3.2 Die SS

5. Die Entstehung von „Nackt unter Wölfen“

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es dauerte nur wenige Stunden, da war die erste Auflage von Bruno Apitz' „Nackt unter Wölfen“ kurz nach seiner Veröffentlichung im Frühsommer 1958 in Halle (Saale) bereits vergriffen. Bis Ende 1959 wurden 200.000 Exemplare des sozialistischen Romans verkauft, er avancierte zum Bestseller.1 Literaturkritiker der DDR bezeichneten den Roman als bedeutendes Werk des sozialistischen Realismus, noch im Erscheinungsjahr erhielt er mit dem Nationalpreis die höchste staatliche Anerkennung.2 Es folgte schon bald die Empfehlung als Schullektüre für den Fachbereich „Antifaschistischer Widerstand in der sozialistischen Literatur“, ab 1970 stand „Nackt unter Wölfen“ fest im Lehrplan aller neunten Klassen.3

Schließlich verfilmte die DEFA4 ihn 1963 unter der Regie von Frank Beyer mit prominenter Besetzung.5 Nicht nur dieser Film wurde über die Grenzen der DDR hinaus bekannt, schon 1961 war der Roman in 12 Sprachen übersetzt und verkauft worden. Mit insgesamt 2.000.000 verkauften Exemplaren in der DDR gilt Bruno Apitz' Roman als das meistverkaufte Buch in der DDR.6

Doch wieso war der Roman eines bis dato gänzlich unbekannten Schriftstellers so erfolgreich? Diese Frage soll im Laufe der vorliegenden Arbeit beantwortet werden. Dabei wird die These genauer untersucht, ob der Erfolg von „Nackt unter Wölfen“ - einem Werk zum einen über den Widerstand und die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch kommunistische Häftlinge, zum anderen über die Rettung eines jüdischen Kindes - nicht zuletzt aufgrund seiner Instrumentalisierung durch die SED zustandekam. Dazu werde ich im ersten Kapitel den historischen Hintergrund, vor dem dieser Roman erschienen ist, dargelegen, der einen Überblick über den Umgang der DDR mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gibt, dem die Gründungsphase und Gründungsmythen der DDR folgen. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Kultur- und Literaturpolitik der DDR im allgemeinen betrachtet. Vor diesem Hintergrund ist es dann möglich, den Roman im dritten Teil hinsichtlich seiner für die DDR bedeutsamen Elemente zu analysieren. Dieser Teil gliedert sich in 3 Unterkapitel. Zum einen werden die Fiktionalisierungen, die Bruno Apitz vorgenommen hat, untersucht, außerdem werden die Sprache des Romans und Apitz' Erzähltechnik Gegenstand der Analyse sein, ebenso wie die inhaltliche Gestaltung des Romans in Form einer Figurenanalyse. Im vorletzten Kapitel gebe ich einen Überblick über die Enstehungsgeschichte des Romans und die Rolle der DDR-Politik dabei.7

In einer abschließenden Schlussbetrachtung fasse ich die gesammelten Analyseergebnisse zusammen, sodass am Ende der Arbeit die Frage beantwortet werden kann, warum „Nackt unter Wölfen“ so großen Erfolg hatte und welche Rolle die Instrumentalisierung durch die DDR-Regierung dabei spielte.

2. Der Umgang der DDR mit der nationalsozialistischen Vergangenheit

„Wir schreiben unter neuen Bedingungen“8 stellte Bertolt Brecht 1956 auf dem fünften Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin fest. Damit meinte er die Veränderungen, die der zweite Weltkrieg und schließlich das Kriegsende 1945 in Deutschland bedeuteten. Die Teilung Deutschlands in unterschiedliche Besatzungszonen und schließlich in zwei autonome, deutsche Staaten führte nicht nur politisch und geografisch zu einer Neusortierung des ehemaligen Dritten Reiches, auch im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit seiner Bewältigung und seiner Bedeutung für das Selbstverständnis der zwei deutschen Nationen unterschieden sich die Methoden der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik sehr deutlich. Ebendiese Unterschiede bezüglich der Erinnerungskulturen von Ost- und Westdeutschland werden in den unterschiedlichen Rezeptionen des Romans „Nackt unter Wölfen“ deutlich. Dies wird im Kapitel „Sprachliche Gestaltung“ innerhalb dieser Arbeit dargestellt.

2.1 Gründung der DDR

Die DDR verstand sich selbst als „antifaschistischer Staat“, als politische Alternative zur nationalsozialistischen Diktatur.9

Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft als ideologische Antwort auf den besiegten Nationalsozialismus wurde bereits in der Präambel der erweiterten Verfassung der DDR begründet:

„In der Fortsetzung der revolutionären Tradition der deutschen Arbeiterklasse und gestützt auf die Befreiung vom Faschismus hat das Volk der Deutschen Demokratischen Republik in Übereinstimmung mit den Prozessen der geschichtlichen Entwicklung unserer Epoche sein Recht auf sozialökonomische, staatliche und nationale Selbstbestimmung verwirklicht und gestaltet die entwickelte sozialistische Gesellschaft.“10

Doch nicht nur die Ereignisse der Vergangenheit spielten bei der Gründung der DDR eine Rolle, auch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland hatte massiven Einfluss auf die politischen Entwicklungen der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone:

„Die DDR ruht auf einem Gründungsmythos auf, der sich zum einen gegen das NS- Regime [...] als zu überwindenden Tiefpunkt der deutschen Geschichte stellt und zum anderen gegen den kapitalistisch-imperialistischen Westen, den der amtliche Marxismus

in der Tradition der Kommunistischen Internationale [...] unbeirrbar als Hort von Ausbeutung, Unterdrückung, Kriegsvorbereitung und neuen »Faschismen« sah.“11

2.2 Zum Selbstverständnis und zur Legitimationsgrundlage der DDR

Um nicht als künstlicher Staat betrachtet zu werden, musste sich die DDR ein legitimes Konstrukt einer eigenen nationalen Geschichte schaffen.12 Das Selbstverständnis der DDR als „antifaschistischer Staat“ beruhte auf zwei Komponenten, einer historischen und einer legitimatorischen.13 Bei der historischen Komponente handelte es sich um eine Ansammlung von Aussagen zur Geschichte der kommunistischen Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Die KPD wurde als konsequenteste Widerstandskraft gegen den Nationalsozialismus vorgestellt14, deren Kampf bereits in den frühen zwanziger Jahren, beim Aufkommen der ersten nationalsozialistischen Bewegung, begann und bis Kriegsende 1945 andauerte. Zudem handelte es sich laut Jürgen Danyel bei der kommunistischen Opposition um einen politisch organisierten Widerstand, im Gegensatz zu einzelnen religiösen oder individuellen Resistenzbewegungen, deren hohe Opferzahlen zusätzlich das Axiom des antifaschistischen Selbstverständnisses bestärkten.15

Der Erfahrung vieler Opfer und Verfolgter, zu einer Minderheit zu gehören und im Nachkriegsalltag erneut mit dem durch Verfolgung und Haft erlittenen Verlust von Lebenschancen konfrontiert zu sein, stand auf der anderen Seite jene kommunistische Haltung gegenüber, die in der Befreiung vom Nationalsozialismus eine Bestätigung ihres Kampfes gegen Hitler sah und aus dieser mit einer hohen Zahl der Opfer belegten Tradition einen Führungsanspruch gegenüber dem deutschen Volk ableitete.16

Ein Mythos, der als Legitimationsgrundlage zur Gründung der DDR galt, ist die vermeintliche Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Am 11. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager, jedoch wurde der Widerstandskampf der kommunistischen Häftlinge in der DDR so stark instrumentalisiert, dass die Geschichte der Selbstbefreiung der Insassen als Gründungsmythos für einen antifaschistisch- antiimperialistischen Staat verwendet werden konnte.17 Grund dafür war vor allem, dass sich die kommunistischen Buchenwaldhäftlinge nur kurz nach der Befreiung bereits zahlreicher Kritik stellen mussten. Es wurde der Vorwurf laut, dass einige von ihnen mit der SS kollaboriert hätten, deshalb wollten die ehemaligen Buchenwaldhäftlinge, viele von ihnen in hohen politischen Positionen, den Mythos des Widerstandes verstärken18 - wie sich zeigen wird, verfolgte auch Bruno Apitz mit „Nackt unter Wölfen“ dieses Ziel.

Daraus entwickelte sich dann die Geschichte vom heldenhaften Kampf der Kommunisten im Konzentrationslager Buchenwald, welche durch die Rettung eines jüdischen Kindes, Stefan Zweig, eine zusätzliche Heroisierung erfährt. In einem Handbuch über die Gedenkstätte Buchenwald wird die Rettung des dreijährigen Stefan als Triumph über den Tod dargestellt19, sodass auch diese Geschichte in den Gründungsmythos der DDR als antifaschistischer Staat mit humanistischen Grundprinzipien eingeflochten werden konnte.

1951 übergaben die sowjetischen Besatzer das Lager Buchenwald dem thüringischen Innenministerium, nachdem es von ihnen nach dem Krieg als Internierungslager genutzt und zum Schluss fast vollständig abgetragen worden war. Lediglich das Torhaus mit dem Befehlsturm und den beiden Seitenflügeln, mit je einem Wachturm links und rechts, sowie das Krematorium waren noch erhalten.20

Grund für die Demontage war zum einen, dass die Spuren der Nazi-Verbrechen beseitigt werden sollten, in der Hoffnung, Schuld und Verantwortung bei der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu tilgen. Zum anderen sollte die zweite Vergangenheit des Lagers als Sowjetisches Internierungslager, in dem es zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen kam, gelöscht werden.21 Offiziell wurde die Beseitigung der Spuren des Holocaust als Symbol des kommunistischen Sieges über den Faschismus propagiert, als ein bewusstes Zerschlagen der faschistischen Gräueltaten.22

Auf Beschluss des Politbüros wurde in den verbliebenen Resten der KZ-Anlage ein Museum errichtet, welches den Zweck hatte, das Volk bei der Bildung eines Nationalgefühls zu unterstützen.23 Im ehemaligen Krematorium des Lagers wurde dazu eine Gedenkstätte für den 1944 im KZ Buchenwald ermordeten Ernst Thälmann, der bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo 1933 Vorsitzender der KPD war, errichtet. Somit fand auf dem ehemaligen KZGelände eine Umkodierung der historischen Ereignisse statt.24

Das Krematorium sollte nicht mit massenhafter Verbrennung und Vernichtung in Verbindung gebracht werden, sondern mit einer einzigen Person, der man nahezu den Status eines Märtyrers verlieh.25

Zwei ehemalige Buchenwaldhäftlinge, Robert Siewert und Walter Bartel, die auch bei der Entstehung von „Nackt unter Wölfen“ eine entscheidende Rolle spielten, arbeiteten an dem Entwurf des Politbüros hinsichtlich der Nutzung der ehemaligen KZ-Anlage mit26, Bruno Apitz unterstützte sie dabei.27

Der Fokus der 1958 eröffneten Gedenktstätte Buchenwald lag ebenfalls auf der Abbildung des erfolgreichen kommunistischen Widerstands im Lager, auf dem „Sieg des Humanismus über die Barbarei“28, auf den Heldentaten der Kämpfer gegen den Faschismus.29 „Antifaschismus versus Faschismus“ lautete die dichotomische Weltanschauung der DDR-Führungselite30, sodass um die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch einen bewaffneten Aufstand des Internationalen Lagerkomitees eine so heroische Legendenbildung entstand, dass sich selbst ehemalige Inhaftierte über die Geschehnisse der letzten Tage im Lager nicht mehr sicher waren.31

Legitimatorisch kommt es außerdem zu einer Stilisierung historischer Fakten. Die nationalsozialistische Vergangenheit wird zu einem 'Vermächtnis des Widerstandes' reduziert, dessen Verwirklichung durch den Aufbau eines antifaschistischen, kommunistischen Staates erreicht wird. Es ist also nicht mehr nur der historische Kontext des NS-Regimes, der Widerstand und Opfertod einen Sinn gibt, sondern auch die Verwirklichung des historischen Vermächtnisses, also die neue gesellschaftspolitische Ordnung der DDR.32 „Die Deutsche Demokratische Republik wurde zum Vaterland für alle Deutschen, die Faschismus und Krieg hassen und in Frieden und Freundschaft mit allen Völkern leben wollen.“33

Wie die Analyse von „Nackt unter Wölfen“ zeigen wird, war auch Bruno Apitz daran gelegen, die Gründungsmythen der DDR auf literarischer Ebene festzuhalten, somit die Legitimationsgrundlagen des Staates zu stärken und diese einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen.

2.3 Erinnerungskultur der DDR

Die Erinnerungskultur der DDR und die sogenannte Traditionspflege waren besonders durch eine weitgehend abstrakte und entdifferenzierte Erinnerung geprägt, welche sich in hohem Maß auf Symbole berief. Die Erinnerung wurde von konkreten historischen Akteuren oder Handlungsorten losgelöst, es kam zu einem Verlust des Geschichtsbewusstseins.34 Besonders deutlich wurde dies in den zahlreichen Mahn- und Gedenkstätten, die in ehemaligen Konzentrationslagern errichtet wurden und die ehemaligen Schauplätze der NS-Verbrechen überragten und verdrängten, und somit eine Rekonstruktion dieser zum Erhalt der Geschichte unmöglich machten.35 Ebenso charakteristisch für die Erinnerungspolitik der DDR waren dezentralisierte Erinnerungsformen, repräsentiert durch eine große Anzahl standardisierter Gedenktafeln. In einer Studie zu diesen Tafeln in Ost-Berlin wurde festgestellt, dass die Opfer des NS-Regimes durch ebendiese zur bloßen Repräsentation des Widerstandes degradiert wurden, die Einzelschicksale spielten keine Rolle, sie wurden als politische Widerstandskämpfer zu Helden stilisiert.36

Der offizielle Umgang der DDR mit dem Holocaust hingegen war eher intoleranter, wenn nicht sogar verdrängender Natur, dies zeigte sich besonders deutlich bei der Errichtung der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald im Jahr 1958. Die sogenannte Straße der Nationen im Ehrenhain Buchenwald wird gesäumt von achtzehn Steinpodesten mit Feuerschalen, zum Andenken an die von den Nationalsozialisten Verfolgten aus achtzehn unterschiedlichen Nationen. Dem jüdischen Volk allerdings ist keine Stele gewidmet.37 Anfang der 60er Jahre kam es daraufhin zu einem Konflikt, welcher durch Protestbriefe von NS-Verfolgten aus Israel ausgelöst wurde.38 Darin hieß es, die DDR würde die Leiden der jüdischen Verfolgten während des Hitlerfaschismus nicht genügend berücksichtigen. Die offizielle Antwort der DDR darauf lautete folgendermaßen:

„Die in Buchenwald ermordeten Juden kamen in dieses Lager als polnische, russische, ungarische, belgische, französische und deutsche Staatsbürger [...]. Mit der Errichtung der Stelen auf der Straße der Nationen ehren wir die nach dem Konzentrationslager Buchenwald verschleppten und dort ermordeten Menschen ohne Unterschied der Rasse, Religion und Weltanschauung.“39

Die Errichtung einer Gedenktstätte für die jüdischen Opfer auf der Straße der Nationen war für die DDR-Regierung indiskutabel. Nach offizieller Sicht wäre dies eine indirekte Anerkennung des Staates Israel gewesen, dem man jedoch jegliche Legitimität aberkannte,galt er doch als Handlanger des amerikanischen Imperialismus.40 Bereits Ende der vierziger Jahre begann sich in der DDR das Verhältnis von politisch und rassisch Verfolgten zu Zeiten des Nationalsozialismus erheblich zu verschlechtern.41 Das Überschwappen des stalinistischen Antisemitismus förderte dies noch weiter, sodass die Stimmung in der DDR in den 1950er und 1960er Jahren latent antisemitisch gefärbt war. Pro-israelisches Engagement stand sogar auf dem politischen Index und wurde strafrechtlich verfolgt.42

Bei den Planungen zur Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald waren die jüdischen Verfolgten also nicht einfach 'vergessen' worden, ihnen wurde lediglich kein symbolischer Ort in dem Mahnmalkonzept zugesprochen. Denn die Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen während des Dritten Reiches war von der DDR-Regierung kurzerhand zu einem zwar opferreichen, aber letztlich gewonnen Widerstandskampf der europäischen Nationen und der Kommunisten und damit in einen historischen Sieg der Kommunisten über die Faschisten umkodiert worden.43

Mit der Herausbildung des „Antifaschismus“ als für die DDR identitätsbestimmenden und staatstragendem ideologischen Konstrukt kulminierte die bereits in den Vorjahren in der SBZ44 einsetzende Vereinnahmung einer ursprünglich breitgefächerten und weitestgehend spontanen Erinnerungskultur verschiedener Opfer- und Verfolgtengruppen durch die parteipolitischen Sonderinteressen der KPD/SED.45

Fritz Cremers Skulpturengruppe „Befreiung“ und der monumentale Glockenturm als Zeichen des Sieges machten die Gedenktstätte Buchenwald somit nicht nur zu einem Mahnmal gegen den Völkermord der Nationalsozialisten, sondern auch zu einem Symbol des siegreichen Widerstandes der Kommunisten. Aus diesem Grund ist Buchenwald als symbolischer Inbegriff des kommunistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zu verstehen, ein Legitimationssymbol für die staatliche Existenz und die politische und gesellschaftliche Form der DDR.46

Mit „Nackt unter Wölfen“ liegt ein Roman vor, der ganz im Sinne der Erinnerungskultur der DDR verfasst worden ist. Dem Holocaust spricht Bruno Apitz in seinem Roman keine besondere Rolle zu, jüdische Verfolgte werden kaum erwähnt, auch die anderen NS-Opfer werden nicht charakterisiert. Dieser Umstand wird besonders im Kapitel „Vorbilder und Feinbilder“ dieser Arbeit genauer betrachtet. Außerdem wird die Symbollastigkeit des Romans in den Kapiteln „Sprachliche Gestaltung“ und „Zwischen Fakten und Fiktion: Fiktionalisierung im Sinne des sozialistischen Realismus“ untersucht.

3. Zur Kulturpolitik und Literatur der DDR

„Kunst ist Waffe. Sozialistische Kunst ist Waffe im Klassenkampf zwischen Sozialismus und Imperialismus. Am perspektivreichsten sind daher jene künstlerischen Werke, die die Kunst als Waffe schärfen, im Leninschen Sinne die Parteiliteratur.“47

Mit der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 und dem damit verbundenen Aufbau des Sozialismus stand auch die Literatur dieser Zeit vor neuen Herausforderungen und Aufgaben. Im Zuge der daraus resultierenden, kulturpolitischen Strategie der SED ist besonders die Orientierung an vermeintlich fortschrittlichen, nationalen Kulturtraditionen ein entscheidendes Merkmal.48 Wesentlich stützte sich die DDR-Literatur dabei auf die Traditionen humanistischer und realistischer Literatur, so zumindest ihr eigener Anspruch an sich selbst.49 Der Leitgedanke der antifaschistisch- demokratischen Erneuerung bedeutete also nicht, dass in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 eine Kulturrevolution stattfand, vielmehr besann man sich auf die vom Hitlerregime zerstörte, nationale Identität.50

„Die sozialistische deutsche Nationalkultur entfaltet sich als Teil der Kultur des sozialistischen Weltsystems, die die Hauptlinie der Entwicklung der Menschheitskultur in unserer Epoche bestimmt. Sie verwirklicht die kühnsten Erziehungs- und Kulturideale humanistischer Denker aller Zeiten.“51

„Die Literatur hatte an der Erziehung [der] Menschen einen wesentlichen Anteil [...]“52, so heißt es auch in einem 1976 im „Volkseigenen Verlag“ erschienen Forschungswerk zur Geschichte der Literatur in der DDR. Die in Kunstwerken, ob nun literarischer oder malerischer Art, dargestellten Erkenntnisse, historischen Begebenheiten oder Gefühle sollten eine „moralische Veränderung im Geiste des Sozialismus“53 bewirken und ein sozialistisches Lebensgefühl gestalten.54 „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, daß ihr Bewußtsein bestimmt“55 postulierte Karl Marx bereits 1859.

Im Lehrplan der neunten Klassen hieß es zu Bruno Apitz' „Nackt unter Wölfen“:

„Der Unterricht ist so zu gestalten, dass die tiefe emotionale Wirkung und der aktuelle Gehalt dieses Romans jeden Schüler ergreift. Als Hohelied auf den proletarischen Internationalismus, auf den Kampf der Antifaschisten unter Führung der Kommunisten, auf den sozialistischen Humanismus erweckt „Nackt unter Wölfen“ Begeisterung für wahres Heldentum und echte Kameradschaft.“56

Als am ehesten geeignet, diesem Erziehungsauftrag, der die breite Masse der Bevölkerung erreichen sollte, gerecht zu werden, erschien den SED-Vorsitzenden die Methode des sozialistischen Realismus, der zu vorherrschenden künstlerisch-literarischen Doktrin der DDR wurde.57 Parteilichkeit, Ideengehalt, Menschenbild, Volksverbundenheit und Tradition zählten zu den Grundlagen der Literatur des sozialistischen Realismus58, dies sollte durch eine „wahrheitsgetreue, historisch-konkrete Darstellung der Wirklichkeit“59 mit Blick auf die revolutionären Veränderungen, die der Kommunismus sowohl vollzogen, als auch bewirkt hatte, in der Kunst und Literatur geschehen.60 Ferner bedeutete die humanistische Wirksamkeit des Künstlers [...] seine Kunst bewußt in den Dienst des Volkes zu stellen [...] und neue, tiefe und voranführende sozialistisch-humanistische Antworten auf die Frage zu geben: 'Wie soll man leben?'61

[...]


1 Vgl. Hantke, Susanne: „Das Dschungelgesetz, unter dem wir alle standen“. Der Erfolg von „Nackt unter Wölfen“ und die unerzählten Geschichten der Buchenwalder Kommunisten. In: Apitz, Bruno: Nackt unter Wölfen. Berlin, 2015. S. 515. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Hantke, Dschungelgesetz“.

2 Vgl. Zur Nieden, Susanne: „... stärker als der Tod“. Bruno Apitz' Roman Nackt unter Wölfen und die Holocaust-Rezeption der DDR. In: Köppen, Manuel; Scherpe, Klaus R.: Bilder des Holocaust. Köln, 1997. S. 101. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Zur Nieden, Holocaust-Rezeption“.

3 Vgl. Ebd.

4 Abk. für Deutsche Film AG.

5 Vgl. Hantke, Dschungelgesetz. S. 517.

6 Vgl. a.a.O. S. 518.

7 Bei der bearbeiteten Ausgabe des Romans handelt es sich um die 2. Auflage einer erstmalig 2014 erschienenen, erweiterten Neufassung mit bisher unveröffentlichten Textpassagen, herausgegeben von Susanne Hantke und Angela Drescher.

8 Brecht, Bertolt: Rede auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongreß. Zit.n.: Haase, Horst: Sozialistische Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik. In: Haase, Horst (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur. Berlin, 1976. S. 25. Dieses im Folgenden zitiert mit der Sigle „Haase, Geschichte“.

9 Vgl. Danyel, Jürgen: Vorwort. In: Danyel, Jürgen: Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit dem Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Berlin, 1995. S. 11. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Danyel, Vergangenheit“.

10 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik: in der Fassung vom 7. Oktober 1974. S. 5.

11 Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Leipzig, 1996. S. 29. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Emmerich, Literaturgeschichte“.

12 Vgl. Niven, Bill: Das Buchenwaldkind. Wahrheit, Fiktion und Propaganda. Halle (Saale), 2009. S. 79. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Niven, Buchenwaldkind“.

13 Vgl. Danyel, Jürgen: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR. In: Danyel,Vergangenheit. S. 37.

14 Vgl. Danyel: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? In: Danyel, Vergangenheit. S.37.

15 Ebd.

16 a.a.O. S.32.

17 Vgl. Niven, Buchenwaldkind. S. 87.

18 Vgl. a.a.O. S. 70f.

19 Vgl. a. a. O. S. 94f.

20 Vgl. Niven, Buchenwaldkind. S. 85.

21 Vgl. Ebd.

22 Vgl. Morsch, Günter: Von Denkmälern und Denkmalen. Von Gedenktstätten und Zeithistorischen Museen. In: Danyel, Vergangenheit. S. 182.

23 Vgl. Niven, Buchenwaldkind. S. 88.

24 Vgl. a.a.O. S. 87.

25 Ebd.

26 Vgl. Ebd.

27 Vgl. a.a.O. S. 128.

28 Vgl. Morsch: Von Denkmälern und Denkmalen. In: Danyel, Vergangenheit. S. 182.

29 Vgl. Niven, Buchenwaldkind. S. 100.

30 Vgl. Emmerich, Literaturgeschichte. S. 38.

31 Vgl. Briefwechsel zwischen Max Mayer und August Bräuker und Berichte anderer. In: Overesch, Manfred: Buchenwald und die DDR oder Die Suche nach Selbstlegitimation. Göttingen, 1995. S. 71-84.

32 Vgl. Danyel: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? In: Danyel, Vergangenheit. S.37.

33 Thälmann, Rosa: Rede zur Weihe der nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravenbrück. Zit. n.: Danyel: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? In: Danyel, Vergangenheit. S.37

34 Vgl. Danyel: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? In: Danyel, Vergangenheit. S.38.

35 Vgl. Ebd.

36 Vgl. Ebd.

37 Vgl. Zur Nieden, Holocaust-Rezeption. S. 97.

38 Vgl. Ebd.

39 a.a.O. S. 98.

40 Vgl. Zur Nieden, Holocaust-Rezeption. S. 98f.

41 Vgl. Groehler, Olaf: Verfolgten- und Opfergruppen im Spannungsfeld der politischen Auseinandersetzungen in der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Danyel,Vergangenheit. S. 27.

42 Vgl. Zur Nieden, Holocaust-Rezeption. S.99.

43 Vgl. Danyel: Die Opfer- und die Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? In: Danyel, Vergangenheit. S.37.

44 Kurz für: Sowjetische Besatzungszone.

45 Vgl. a.a.O. S. 31.

46 Vgl. Zur Nieden, Holocaust-Rezeption. S. 105.

47 Neutsch, Erik: Unsere Revolutionen. Zit.n.: Walwei-Wiegelmann, Hedwig: Neuere DDR-Literatur. Texte und Materialien für den Deutschunterricht. Paderborn, 1973. S. 19. Im Folgenden zitiert mit der Sigle „Walwei- Wiegelmann, DDR-Literatur“.

48 Vgl. Emmerich, Literaturgeschichte. S. 72.

49 Vgl. Haase: Sozialistische Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik. In: Haase, Geschichte.S. 24.

50 Vgl. Emmerich, Literaturgeschichte. S. 72.

51 Die sozialistische Nationalkultur als die Erfüllung der humanistischen Kultur des deutschen Volkes. Aus dem Programm der SED 1963. Zit.n.: Walwei-Wiegelmann: Neuere DDR-Literatur. S. 19.

52 Haase: Sozialistische Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik. In: Haase, Geschichte. S.25.

53 Die sozialistische Nationalkultur als die Erfüllung der humanistischen Kultur des deutschen Volkes. Aus dem Programm der SED 1963. Zit.n.: Walwei-Wiegelmann, DDR-Literatur. S. 20.

54 Vgl. Ebd.

55 Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Zit.n.: Walwei-Wiegelmann, DDR-Literatur. S. 35.

56 Zit.n.: Krauß, Matthias: Völkermord statt Holocaust. Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR. Schkeuditz, 2012. S. 58.

57 Lemke, Michael: Instrumentalisierter Antifaschismus und SED-Kampagnenpolitik im deutschen Sonderkonflikt 1960-1968. In: Danyel, Vergangenheit. S. 61.

58 Vgl. Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR. 1945-1990. Köln, 1994. S. 37.

59 Von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart, 1989. S. 870

60 Vgl. Ebd.

61 Aus dem Beschluss des Staatsrates der DDR vom 30. November 1967. Zit.n.: Walwei-Wiegelmann, DDR- Literatur. S. 159.

Details

Seiten
48
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668142008
ISBN (Buch)
9783668142015
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315236
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Bruno Apitz DDR-Literatur Holocaust Zweiter Weltkrieg Buchenwaldkind Nackt unter Wölfen Holocaust-Literatur DDR Stefan Jerzy Zweig DEFA

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Gründungsmythos Buchenwaldkind. Bruno Apitz' "Nackt unter Wölfen"