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Die Frauenfrage als Nebenwiderspruch. Die proletarische Frauenbewegung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 15 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“

3. Haupt- und Nebenwiderspruch

4. Auswirkungen der Industrialisierung
4.1. Freisetzung der Hausfrau
4.2. Antifeminismus in der Arbeiter_innenbewegung

5. Die proletarische Frauenbewegung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 8. März 2011 jährte sich der Internationale Frauentag zum einhundertsten Mal. Die­ser, durch Vorschlag von Clara Zetkin am 19. März 1911 erstmals aufgrund des Be­schlusses der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen be­gangene Tag, hatte das Frauenwahlrecht zum zentralen Thema.[1] Die Betrachtung der Frauenfrage als Teil der Arbeiter_innenfrage war zentrales Element der proletarischen Frauen­bewegung um Zetkin. In strenger Abgrenzung zur bürgerli­chen Frauenbewegung entwi­ckelte sich eine Theorie der Befreiung der Frau, die eine Befrei­ung der Arbei­ter_innen als Voraussetzung hat. Die Frauenfrage wurde dadurch unter die Arbei­ter_innenfrage subsu­miert und somit eine Trennung zwischen Haupt- und Ne­benwider­spruch vorgenommen. Diese Trennung führte zu heftigen Auseinandersetzun­gen inner­halb von Gewerkschaf­ten, Parteien und anderen sich als sozialistisch verste­henden Or­ganisationen. 1968 warf Sigrid Rüger eine Tomate in Richtung des Vor­standstisches auf dem Delegiertenkon­gress des Sozialistischen Deutschen Studenten­bundes, um ihren Protest gegen die Nichtbeachtung der besonderen Unterdrückung der Frau durch den SDS deutlich zu machen[2] und in den 1980er Jahren stritten DKP-orien­tierte Frauen mit progressiveren Kräften innerhalb der Gewerkschaft und in autonomen Frauenorganisa­tionen um die Gleichrangigkeit der Widersprüche.[3]

Ziel dieser Arbeit ist es, die Trennung von Haupt- und Nebenwiderspruch durch die proletarische Frauenbewegung genauer zu betrachten, um so beurteilen zu können, ob Nebenwiderspruch mit Nebensächlichkeit gleichbedeutend ist oder ob eine solche Gleich­setzung aus Frustration über männerdominierte antifeministische Gruppierungen zu­stande kam. Hierzu werden in Kapitel 2 die Überlegungen Friedrich Engels zur Entste­hung der sozi­alen Geschlechterunterschiede geschildert. Im Anschluss werden Haupt- und Nebenwi­derspruch in Kapitel 3 differenziert. Die Vo­raussetzungen der pro­letari­schen Frauenbe­wegung werden in Kapitel 4 betrachtet. Durch die Industrialisie­rung nahm die Zahl der Lohnarbeiterinnen zu, was einen Anti­feminismus durch die Ar­bei­ter_innenbewegung zur Folge hatte. Kapitel 5 widmet sich der proletarischen Frauen­bewegung und ihrer Reaktion auf die in Kapitel 4 dargestellte Situation. Kapitel 6 zeigt die Folgen ei­ner Trennung in Haupt- und Nebenwiderspruch und beantwortet die ein­gangs formu­lierte Frage.

Friedlich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ sowie August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ sind die Standardwerke zur Frauenfrage aus marxistischer Sicht. Die in beiden Büchern vorgenommenen Vorüberlegungen wa­ren wesentlich für die proletarische Frauenbewegung, welche in Karin Bauers „Clara Zetkin und die proletarische Frauenbewegung“ ausführlich beleuchtet wird. Die in die­sem Buch abgedruckten Reden Clara Zetkins sowie Clara Zet­kins Aufsatz „Die Arbeite­rinnen- und Frauenfrage“ sind zentrale Quellen dieser Arbeit.

2. „Die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“

„Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, [4] fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männ­liche.“[5]

Fried­rich Engels zeichnete die Entwicklungsgeschichte der Menschheit bis ins 19. Jahr­hundert nach, um so den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates bis zu seiner spezifischen Form Mitte des 19. Jahrhunderts zu erläutern. Er stützt seine Aussa­gen auf die Untersuchungen des Anthropologen Lewis H. Morgan. Engels geht davon aus, dass in einem gesellschaftlichen Urzustand Polygamie herrschte, d.h. Frauen und Männer frei in der Wahl ihrer Partner waren[6], wobei es auch in diesem Zustand Haupt­frauen und -männer gab[7]. Den Inzestfolgen wurde mit der Konstruktion von Ver­wandtschaftsverhältnissen begegnet, welche in den verschieden Kulturen stark unter­schiedlich ausfielen.[8] Durch das Inzuchtverbot verfestigten sich die Beziehungsge­bilde einerseits, anderseits wurde Frauenraub in anderen Sippen attraktiv. Zu diesem Zeit­punkt gab es eine natürliche Arbeitsteilung. Die Frauen, welche aufgrund ihrer Fä­hig­keit Kinder zu gebären und zu stillen für große Zeitabschnitte auf das Heim zum Schutz angewiesen waren, bauten ihren Arbeitsbereich in dieser Sphäre auf. Der Mann be­schaffte die Nahrung, welche von der Frau zubereitet wurde. Sie hatte noch eine mäch­tige Position inne, da sie den Mann aus der Sippe verweisen konnte, falls die­ser seinen Aufgaben nicht nachkam. Mit der Domestizierung von Tieren setzte erstmals die Mög­lichkeit Überschüsse zu produzieren ein, welche Eigentum des Mannes waren. Es wurde attraktiv, die Männer befeindeter Stämme nicht mehr wie bisher zu töten, son­dern ge­fangen zu nehmen und für sich arbeiten zu lassen. Mit den Überschüssen setzte Han­del ein, sodass sich die gesamte Ökonomie und der gesellschaftliche Reichtum in der Hand des Mannes konzentrierten. Ihm fehlte bis zu diesem Zeitpunkt jedoch die Möglichkeit, seine Über­schüsse und Produktionsmittel an seine Kinder zu vererben. In der Sippe war nur der Frau be­kannt wer ihre Kinder sind, sodass im Todesfall die Güter an die Ge­schwis­ter des Ver­storbenen übergingen. Die neue Machtposition des Mannes wurde dazu ge­nutzt, genau diesen Umstand zu beseiti­gen, indem das bestehende Mutterrecht umgesto­ßen wurde, sodass die Kinder des Man­nes zu Erben werden konnten.[9] Dieser Umsturz, sei die „welt­geschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“[10] gewe­sen, folgte da­raus doch, dass die Frau nun ausschließ­lich zur Erbenproduktion be­nutzt und somit zur Monogamie verur­teilt wurde, während der Mann sich den gesellschaftli­chen Reich­tum aneignete. Nach Engels ist der Mann „[Er ist] in der Familie der Bour­geois, die Frau repräsentiert das Proletariat.“[11] Diese Ungleichheit verfestigte sich über Antike und Mittel­alter bis ins 19. Jahr­hundert, wobei Religion und Sitte nach Clara Zet­kin dabei eine große Rolle spielten.[12]

[...]


[1] Vgl. ver.di: Frauentag 2011. Heute für morgen ein Zeichen setzen. In: http://frauen.verdi.de/archiv/aktionstage/frauentag/frauentag_2011/, Zugriffsdatum: 05.03.2011

[2] Vgl. Hertrampf, Susanne: Ein Tomatenwurf und seine Folgen. Eine neue Welle des Frauenprotestes in der BRD. 2008. In: http://www.bpb.de/themen/E25KCE,0,0,Ein_Tomatenwurf_und_seine_Folgen.html, Zugriffsdatum: 05.03.2011

[3] Vgl. Stamm, Sybille: 100 Jahre Internationaler Frauentag. Eine unendliche Geschichte? 2011. In: http://www.sozialismus.de/heft_nr_3_maerz_2011/detail/artikel/eine-unendliche-geschichte/, Zugriffsdatum: 05.03.2011

[4] Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Mor­gans Forschungen. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Marx Engels Ausgewählte Werke (MEAW). Bd. VI. Verlag Marxisti­sche Blätter GmbH. Frankfurt am Main 1972. S. 71

[5] Ebd. S. 80

[6] Vgl. Ebd. S. 50

[7] Vgl. Ebd. S. 61

[8] Vgl. Ebd. S. 51 ff

[9] Vgl. Ebd. S. 68 ff

[10] Ebd. S. 71

[11] Ebd. S. 88

[12] Vgl. Zetkin, Clara: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart. [1889]. In: Brinker-Gabler, G. (Hg.): Frauen­arbeit und Beruf. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt am Main 1979. S. 134-146. S. 136

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668144835
ISBN (Buch)
9783668144842
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315174
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
13
Schlagworte
Internationale Sozialistische Frauenkonferenz Frauenbewegung Nebenwiderspruch Hauptwiderspruch Clara Zetkin Friedrich Engels Arbeiterinnenbewegung
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Titel: Die Frauenfrage als Nebenwiderspruch. Die proletarische Frauenbewegung