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Der Prozess des Einkaufs. Grundlagen des Einkaufs sowie Besonderheiten in einem Bauunternehmen und im Hinblick auf die Digitalisierung der Wertschöpfungskette

von Erik Burschäpers (Autor) Fabian Malla (Autor) Alexander Piplat (Autor)

Hausarbeit 2015 59 Seiten

BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.. Grundlegung der Hausarbeit

2 Grundlagen des Einkaufs
2.1 . Begriffsdefinitionen
2.1.1. Einkauf
2.1.2. Prozess
2.1.3. Prozessmanagement
2.1.4. Kunde
2.1.5. Lieferant
2.1.6. GAEB DA XML
2.2 . Besonderheiten im Bauunternehmen
2.3 . Methoden und Werkzeuge des Einkaufs
2.3.1. Bedarfsanalyse
2.3.2. ABC Analyse
2.3.3. Nutzwertanalyse
2.3.4. Lieferantenanalyse

3. Der Einkauf im Bauunternehmen
3.1 . Aufgaben und Ziele des Einkaufs
3.2 . Organisation des Einkaufs
3.2.1. Strategischer Einkauf
3.2.2. Operativer Einkauf

4. Der Prozess des Einkaufs im Bauunternehmen
4.1 . Grundlegung der Prozessstruktur
4.1.1. Aufbau des Einkaufsprozesses
4.1.2. Phasen des Einkaufsprozesses
4.2 . Der Einkaufsprozess in der Angebotsphase
4.3 . Der Einkaufsprozess in der Bauvorbereitung und Bauausführung
4.3.1. Beschaffung von Dienstleistungen
4.3.2 . Beschaffung von Geräten
4.3.3 . Beschaffung von Material
4.3.4. Beschaffung von Nachunternehmer
4.3.5 . Lieferanten,- Händler und Dienstleistungsüberwachung
4.3.6. Abnahme von Nachunternehmerleistungen
4 4 Der Einkaufsprozess in der Bauverwaltung und Bauinstandhaltung

5. Einkauf in Hinblick auf die Digitalisierung der Wertschöpfungskette
5.1 . Industrie 4.0 in der Bauwirtschaft
5.2 . Vom Einkauf 1.0 zum Einkauf
5.3 . Einkauf

6. Fazit

Quellenverzeichnis

Anlagen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einkauf

Abbildung 2: Prozessdefinition

Abbildung 3: GAEB DA XML Austauschphasen

Abbildung 4: Industrielle und bauindustrielle Betriebe im Vergleich

Abbildung 5: ABC - Analyse 1

Abbildung 6: Zielkatalog einer Nutzwertanalyse

Abbildung 7: Bewertungsskala einer Nutzwertanalyse

Abbildung 8: Trichtermodell bei der Lieferantenauswahl (Klassifizierung)

Abbildung 9: Projektphasen

Abbildung 10 : Einkaufsdurchführung

Abbildung 11: Phasen des Einkaufs

Abbildung 12: Der Weg zur Industrie 4.0

Abbildung 13: Der Sourcingprozess in der Übersicht

Abbildung 14: Bauinvestitionsquote

Abbildung 15: Besonderheiten der Bauproduktion gegenüber chemischer und Auto­mobilproduktion

Abbildung 16: Prozesslandkarte Einkauf

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Prozesssymbole

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Grundlegung der Hausarbeit

Der Einkauf zählt zu einem Kerngebiet der Betriebswirtschaftslehre und hat, was im­mer mehr an Bedeutung gewinnt, einen wesentlichen Einfluss auf den betrieblichen Erfolg eines Unternehmens. In den letzten Jahren hat der Einkauf einen stetigen Wan­del vom eher irrelevanten operativen Geschäftsfeld, zu einer wesentlichen Stütze der strategischen Unternehmung durchzogen. Gerade in der Bauwirtschaft, in der mehr und mehr Nachunternehmer bestellt werden, weil sich die Bauunternehmen auf ihre eigentlichen Kernkompetenzen zurück orientieren, hat der Einkauf eine große Bedeu­tung bekommen. In der Zukunft wird sich diese Richtung der Entwicklung aufgrund der voranschreitenden Digitalisierung der Wertschöpfungsketten weiter intensivieren.

Diese Hausarbeit befasst sich mit dem Prozess des Einkaufs. Dafür ist sie in vier Haupt­kapitel aufgeteilt. Zuerst wird wesentliches Wissen über den Einkauf in Hinblick auf die Bauwirtschaft beschrieben. Hierzu zählen Begriffsdefinitionen, die Erläuterung von den Besonderheiten im Bauunternehmen und die Auflistung von wichtigen Methoden und Werkzeugen im Einkauf. Das nächste Kapitel gibt eine Erklärung von den Aufga­ben, Zielen, sowie der Organisation des Einkaufs. Danach wird der Prozess des Einkaufs im Bauunternehmen erläutert. In der Beigelegten Mappe findet sich das zu diesem Kapitel dazugehörende Prozessstrukturmodell. Hier wird der Prozess Schritt für Schritt visualisiert. Im letzten Hauptkapitel wird auf den Einkauf der Zukunft in Hinblick auf die Digitalisierung der Wertschöpfungsketten eingegangen. Hierzu wird das Zukunftspro­jekt „Industrie 4.0", was in der Bauwirtschaft als Building Information Modeling be­kannt ist, beschrieben, um daraufhin den Bezug zum Einkauf zu erörtern. Zuletzt wird ein Fazit dieser Hausarbeit gezogen.

Ziel ist es, dem Leser einen klaren Überblick über den Prozess des Einkaufs in einem Bauunternehmen zu geben. Da das Bauen und Einkaufen Projektorientiert ist, wird der Prozess auf Projektebene dargestellt.

2. Grundlagen des Einkaufs

In diesem Kapitel werden grundlegende Informationen für das Verständnis des Ein­kaufs gegeben. Es werden notwendige Begriffe erklärt, Besonderheiten des Baubetrie­bes hervorgehoben und schließlich die Aufgaben und Organisation des Einkaufs erläu­tert.

2.1. Begriffsdefinitionen

2.1.1. Einkauf

Der Begriff Einkauf ist ein sehr schwammiger Begriff. Je nach Unternehmen hat es un­terschiedliche Aufgaben wahrzunehmen. Im Wirtschaftslexikon des Springer Gabler Verlags findet sich dazu folgende Definition: „Summe aller operativen und strategi­schen Tätigkeiten eines privaten oder öffentlichen Unternehmens, die im Rahmen der Beschaffung von Werkstoffen, Waren, Betriebsmitteln und Dienstleistungen durchzu­führen sind."[1]

Der Begriff Einkauf wird oft einerseits als Synonym für die Beschaffung oder Material­wirtschaft verwendet, andererseits aber auch oft von einander differenziert. Nach un­serem Verständnis ist die Versorgung von Erzeugnis- und Betriebsstoffen, sowie Anla­gen und Dienstleistungen, eines der Hauptaufgaben im Unternehmen.[2] Dies geschieht mittels der Beschaffung und der Materialwirtschaft und Logistik. Je nachdem, welches von den beiden Faktoren im Unternehmen stärker ausgeprägt ist, bildet die Schnitt­stelle den Einkauf:[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Einkauf

Quelle: eigene Darstellung, nach: Witte, H.: Materialwirtschaft, 2000, S. 5

2.1.2. Prozess

Ein Prozess besteht aus mehreren Vorgängen innerhalb eines Systems, die durch Auf­gaben, Sachmittel und Informationen verknüpft sind. Am Anfang steht immer ein Startereignis (Input) und am Ende ein Ergebnis (Output), dazwischen läuft der Prozess in einer nachvollziehbaren und definierten Reihenfolge ab. Aus dem Prozess lassen sich räumliche, zeitliche und mengenmäßige Dimensionen konkretisieren.[4] [5]

Hinsichtlich der Unternehmensführung spricht man in der Betriebswirtschaftslehre von der Prozessorientierten Sichtweise eines Unternehmens. In einem Unternehmen gibt es mehrere - oft sehr viele - Prozesse, die alle zusammen die Prozessorganisation bil­den. Bei dieser Sichtweise löst der Kunde, z.B. durch einen Kundenwunsch, das Start­ereignis (Input) aus. Dieser Kundenwunsch wird nun durch einen Prozessablauf erfüllt. Als Ergebnis (Output) empfängt der Kunde das fertige Produkt.[6] [7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.3. Prozessmanagement

Das Prozessmanagement hat die Aufgabe, die Prozesse in einem Unternehmen zu ko­ordinieren. Es findet Fehler und Schwachpunkte und korrigiert sie. Die Prozesse be­stehen aus andauernden Abläufen, sodass auch das Prozessmanagement eine stetige Aufgabe im Unternehmen ist. Fischermanns definiert Prozessmanagement folgender­maßen: „Prozessmanagement ist ein auf Dauer ausgerichtetes Konzept von Vorge­hensweisen, Verantwortlichkeiten, IT-Unterstützungen und kulturflankierenden Maß­nahmen, um eine effektive und effiziente Prozessorganisation im Unternehmen ge­währleisten zu können."[8]

Hieraus lassen sich unter anderem folgende Ziele ableiten: eine Verbesserung von Ab­laufstrukturen, die Erzeugung und Einführung von Projektstrukturen, eine Beschleuni­gung des Datenflusses und eine wirtschaftliche Führung.[9]

2.1.4. Kunde

Nach dem Duden ist ein Kunde jemand, der eine Leistung kauft oder in Anspruch nimmt.[10] Im Prozessmanagement bekommt der Begriff allerdings eine umfassendere Bedeutung. Nach Fischermanns muss man zwischen internen und externen Kunden unterscheiden. Abhängig von der Sichtweise auf ein Prozess lassen sich diese Begriffe unterscheiden: „Stehen alle Prozesse eines Unternehmens im Fokus, sind alle Organi­sationseinheiteninnerhalb der Unternehmensgrenzen interne Kunden. Alle anderen Einheiten außerhalb der betrachteten Firma [...] werden als externe Kunden bezeich­net."[11] Interne Kunden sind z.B. Mitarbeiter oder Abteilungen, externe z.B. Lieferan­ten, Endkunden, Transportgesellschaften und auf den Baubetrieb bezogen, z.B. die Auftraggeber, Bauherr oder Nachunternehmer.[12]

2.1.5. Lieferant / Nachunternehmer

Der Lieferant versorgt das Unternehmen mit den vom Einkauf georderten Materialien und Leistungen. Als Gegenleistung verpflichtet sich das Unternehmen zur Vergütung der bestellten Leistungen. Im Bauunternehmen hat sich der Lieferant vom Zulieferer zunehmend zum Dienstleister entwickelt und stehen oft als Synonym für den Nachun­ternehmer dar. Beispielhaft liefern Schalungshersteller nicht nur Schalungen, sondern verwenden ihr Know-How, um die Schalung selbst durchzuführen.[13]

Lieferanten können auf verschiedene Art und Weise Einfluss auf ein Unternehmen nehmen:[14]

- Je verhandlungsstärker ein Lieferant ist, desto niedriger wird die Gewinnspanne im Unternehmen ausfallen.
- Bei einem betrieblichen Wandel des Unternehmens können Lieferanten Wider­stand leisten, indem sie sich dagegen aussprechen. Die Aussicht, einen guten Lieferanten zu verlieren, ist nicht erstrebenswert.

2.1.6. GAEB DA XML

Der Begriff „GAEB" dienst als Bezeichnung des Gremiums „Gemeinsamer Ausschuss Elektronik im Bauwesen". Zielsetzung der GAEB ist die Rationalisierung im Bauwesen mit Hilfe der EDV zu fördern. Alle öffentlichen Auftraggeber sowie private Auftragge- ber, Architekten, Ingenieure, Bausoftwarehäuser und Bauwirtschaftler sind in der GAEB vertreten.[15]

„GAEB DA XML soll dazu dienen, einen einheitlichen Standard für den Austausch von Bauinformationen zu vereinbaren und damit alle Anforderungen an elektronische Pro­zesse zur Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung bei der Durchführung von Bau­maßnahmen zu unterstützen."[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: GAEB DA XML Austauschphasen Quelle: GAEB: GEAB-Datenaustausch (Letzter Zugriff 18.06.2015)

2.2. Besonderheiten im Bauunternehmen

Die Bauwirtschaft beschreibt einen Teilbereich der Volkswirtschaft. Sie beschäftigt sich mit der „Errichtung, Erhaltung und Nutzung von Bauwerken sowie mit der Anpassung und Veränderung von Bauwerksbeständen durch Bautätigkeit [...]."[17]

Die Bauindustrie unterscheidet sich grundlegend von konventionellen Industriebetrie­ben und bringt somit einige Besonderheiten mit sich. Ein wesentliches Merkmal der Bauindustrie ist, dass jedes neue Bauprojekt eine Einzelfertigung darstellt. Eine Serien­fertigung oder Massenproduktion gibt es nicht. Auch wenn der Bauinhalt eines Projek­tes gleich bleibt, z.B. durch eine Serie von Fertigteilhäusern, ändern sich jedes Mal die Bauumstände durch z.B. andere Bodenverhältnisse, Jahreszeit etc. Die Einzelfertigung kann höchstens auf Vorerfahrungen und somit kombinierter Teilprozesse aus anderen Projekten zurückgreifen. Die Einzelfertigung ist eine Auftragsfertigung, dass heißt, der Kunde ist von vornherein bekannt.[18] [19] [20] [21]

Prof. Diemand fasst die unterschiede in folgender Tabelle zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Industrielle und bauindustrielle Betriebe im Vergleich Quelle: Diemand, F.: Bau-BWL, 2012, S. 11

Die Besonderheiten der Bauindustrie bringen zudem besondere Schwierigkeiten mit sich. Hake fasst diese folgendermaßen zusammen: „

- Es gibt fette und magere Zeiten, die jeweils mehrere Jahre dauern können. Die Konjunktur verläuft abrupter als bei Konsum? oder Investitionsgütern.
- Jeder Auftrag ist Einzelfertigung und an einen speziellen Bauherrn gebunden. Produktion auf Vorrat ist nicht möglich.
- Die Produktion ist witterungsabhängig und nicht stationär.
- Bauarbeit ist körperlich anstrengend und gefährlich. [...] Personalengpässe sind die Folge.
- Viele Aufträge werden über Ausschreibungen vergeben. Das bedeutet: der Bil­ligste bekommt den Auftrag.
- Wettbewerber sind viele kleine Betriebe, deren Inhaber sehr unterschiedliche Qualifikation und Ausbildung haben.
- Ein Wettbewerber, der unter den Selbstkosten anbietet, findet sich fast immer: weil er seine Kosten nicht kennt oder weil er dringend einen Anschlussauftrag braucht. Das verdirbt die Preise.
- Wegen des geringen Kapitalbedarfs kann jeder Bauunternehmer' werden. In eine Rezession arbeitslos gewordene Bauarbeiter machen sich [...] selbständig. Das verstärkt den Preiskampf. Den Gewinn der fetten Jahre frisst die Rezession wieder auf.
- Wenn Baufirmen den ruinösen Preiswettbewerb durch kooperatives Verhalten verhindern wollen, gilt das als Kartellabsprache. Die Strafen sind hart, wenn sie dabei erwischt werden.
- Die hohen Transportkosten beschränken den Aktionsradius der Firmen.
- Ämter, Behörden, Planer machen eine Fülle von Vorschriften.
- Die Bedeutung von Spezialisten und Subunternehmern wächst.
- Hoher Lohnkostenanteil, geringe Kapitalintensität und Produktivität.
- Trend zu mehr Aufwand für Planung, Disposition, Arbeitsvorbereitung. Daher höhere Fixkosten.
- Viele Insolvenzen, daher hohe Forderungsausfälle."[22]

Das Image der Bauindustrie ist nicht sonderlich gut. Oft wird sie mit Schattenwirt? schaft, Preisabsprachen, manipulierten Angeboten oder illegaler Beschäftigung in Ver? bindung gebracht. Schlagzeilen von ausufernden Großprojekten befeuern diese Ein­stellung zunehmend.[23]

Trotz all dieser Besonderheiten und regelmäßiger Krisen ist die Bauindustrie einer der größten Wirtschaftszweige in Deutschland. Der Verband der deutschen Bauindustrie e.V. fand heraus, dass „[...] rund zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes für Baumaßnahmen verwendet werden, 2014 waren dies 293 Milliarden Euro. Gleich­zeitig werden fast fünf Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland vom Bau­gewerbe erbracht. Das Baugewerbe ist mit rund 2,5 Millionen Erwerbstätigen - das sind fast 6 Prozent der gesamten Erwerbstätigen - einer der größten Arbeitgeber in Deutschland.[24] [25] [26]

In Hinblick auf die Zukunft bekommen Themengebiete wie Klimaschutz, Ressourcen­schonung oder demografischer Wandel erhebliche Bedeutung für die Bauindustrie. [27]

Damit die Bauindustrie weiterhin stark bleibt und nicht noch weiter in die Rezession rutscht, gibt es viele Lösungsansätze. Eines Bezieht sich auf den Einkauf. Der Zukaufan­teil in der Bauindustrie liegt bei 80% und ist somit sehr hoch. Dies lässt sich auf ver­schiedene Einkaufsspezifische Besonderheiten zurückführen: Es besteht eine zuneh­mende Tendenz, Leistungen durch Nachunternehmer verrichten zu lassen, um flexibler zu sein oder Haftungsprobleme zu verlagern. Spezielle Kundenwünschen beschränken die Möglichkeit, Standardverfahren im Bau einzuführen. Zudem ist eine Lagerhaltung schwer umsetzbar, der Materialbedarf ist oft nur kurzfristig ermittelbar. Durch einen gut durchgeführten Einkaufsprozess, in dem zwar günstig, aber trotzdem qualitativ hochwertig beschaffen wird und eine reibungslose Versorgung der Baustelle gewähr­leistet wird, kann die Unternehmenssituation stark verbessert werden.[28]

2.3. Methoden und Werkzeuge des Einkaufs

2.3.1. Bedarfsanalyse

Ausgangspunkt einer absatzorientierten Beschaffungsplanung ist die Analyse des Be­darfs. Die Bedarfsanalyse dient zur Feststellung des zukünftigen Bedarfs an Waren o­der Dienstleistungen. Das Management muss auf Basis der Marktforschungsergebnisse und strategischer Unternehmensziele, eine Prognostizierung der zu erwartenden Nachfrage festlegen. Unter Einfluss der Marktrecherche, richtet sich die Analyse dabei auch auf Ist,- und Vergangenheitszustände, welche mit zu einer Prognose des künfti­gen Bedarfs führen. Erst dann gelangt eine Planung für die Festlegung der zukünftig zu erwartenden Bestellmenge. Ein weiterer, notwendiger Faktor ist der Vorhersagezeit­raum um in die Planung einzugrenzen. Man spricht hier auch von Planungsperiode, in der das Unternehmen die zukünftige Beschaffung vorsieht. Wichtig ist es hierbei, die richtige Dauer des Zeitraums zu definieren. Plant man diesen beispielsweise zu lang ein, könnten gravierende Absatzänderungen zu wenig berücksichtig werden. Im Ge­ genzug könnten bei zu geringer Wahl der Dauer des Zeitraums unter Einfluss von kurz­fristiger, heftiger Marktschwankungen das Bild verzerren. Die Prognose wäre somit verfehlt und zu ungenau.[29]

Die Gestaltung des richtigen Zeitraums ist betriebsindividuell, denn es muss auch hier die Lieferzeit der Waren berücksichtigt werden. Beispielsweise sollte bei einer acht monatigen Bezugszeit, auch die Basislänge der Prognose acht Monate betragen. Denn es stellt sich für uns die Frage, was nach Abgabe der Bestellung innerhalb der acht Mo­nate bis zur Lieferung passiert.[30]

2.3.2. ABC Analyse

Bei der zu wählenden Beschaffungsart steht die Materialart im Vordergrund. Hier gilt es mittels einer ABC-Analyse festzulegen, worauf sich das Management konzentrieren soll. „Die ABC Analyse ist ein betriebswirtschaftliches Konzept zur Steuerung der wirt­schaftlichen Aktivitäten nach Prioritäten, ausgehend von Erkenntnis, das ca. 75 % der Erfolge sich aus ca. 25 % der Aktivitäten ergeben. Für die restlichen 25 % der Erfolgspo­tenziale müssen demnach 75 % des Aufwands betrieben werden."[31] Man spricht also von einer Klassifizierung von Gütern, in Abhängigkeit des Einkaufsumsatzes, durch Un­tersuchung und Differenzierung von komplexen Mengen-Wert-Verhältnissen.[32] Ein kleiner Teil ergibt den größten Teil des Gesamtwertes und genau diesen Teil gilt es zu identifizieren und den Schwerpunkt folgender Entscheidungen auf ihn zu richten, z.B. durch:[33]

- eingehende Markt-, Preis- und Kostenstrukturanalysen
- exakte Dispositionsverfahren
- gründliche Bestandsführung und Überwachung und
- effiziente lieferantenpolitische Maßnahmen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 : ABC - Analyse Quelle: eigene Darstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anwendung der ABC-Analyse in der Praxis findet sich beim Einkaufs- und Beschaf­fungsmanagement zum Beispiel wie folgt wieder:

- BeiBetrachtung des Beschaffungsumsatzes nach Wert und Position für die Feststellung der Prioritäten von Maßnahmen bei der Beschaffungsmarktfor­schung ! Beschaffungsmarketing.
- Analyse des Beschaffungsumsatzes nach Wert und Lieferern für die Prioritäten von Maßnahmen[34]
- zur Lieferleistungsbeurteilung und Bewertung o Lieferförderung und Betreuung o Vereinbarung von Konditionen o strategische Gestaltung der Liefersegmente

2.3.3. Nutzwertanalyse

Die Nutzwertanalyse ist eine nicht monetäre Analysemethode zur Bewertung von Handlungsalternativen. Die Nutzwertanalyse dient als Hilfestellung für alle Mehrziel­entscheidungen. Es werden die Entscheidungsalternativen bevorzugt, welche für den Entscheidungsträger von größter Bedeutung sind. Die Entscheidungsalternative mit dem höchsten Nutzen gewinnt. Da jedes Unternehmen individuelle Interessen verfolgt sieht jede Nutzwertanalyse verschieden aus. Für viele Unternehmen ist der Preis der größte Entscheidungsfaktor, wohingegen andere Unternehmens z.B. auf die Qualität und Nachhaltigkeit des Produktes oder der Dienstleistungen besonders großen Wert legen. Die Voraussetzung für die Anwendung des Verfahrens ist, das mehrere Alterna­tiven zur Verfügung stehen. In unserem Prozess sind diese Alternativen z.B. die ver­schiedenen Nachunternehmer oder Zulieferer.[35]

Betrachten wir die Nutzwertanalyse anhand eines Beispiels. Der Einkäufer muss für das Errichten einer Fassade zwischen 2 Nachunternehmern entscheiden, wobei sich beide preislich nicht gravierend unterscheiden.

Als erstes werden die Anforderungen ausgewählt, welche beide Nachunternehmer erfüllen sollten, um einen Zielkatalog erstellen zu können. Das können z.B. sein:

- Qualität des Produktes
- Termintreue
- Kosten
- Koordinationsbedarf
- Außendarstellung des NUs auf der Baustelle

Die Optimale Fertigstellung der Fassade bekommt den Zielwert 100 %. Diese 100 % müssen nun auf die fünf Anforderungen, welche der Einkäufer definiert hat gesplittet werden. Die Splittung erfolgt nach der Wichtigkeit der Anforderungen für das überge­ordnete Ziel. Da dem Unternehmen z.B. die Qualität des Produktes besonders wichtig ist, erhält es den Teilzielwert 40 %. Anforderungen, welche für den Entscheidungsträ­ger weniger relevant sind, erhalten einen geringeren Teilzielwert. Die Summe der Teil­zielwerte entspricht genau dem Zielwert. Die Anforderungen welche Priorität haben (hoher Teilzielwert) werden nochmals in Teilzierwerte gegliedert.[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Zielkatalog einer Nutzwertanalyse

Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an: Weber, J.; Schäffer, U.: Einführung in das Controlling, 2014,S. 3

Nun gilt es die zur Wahl stehenden Nachunternehmer zu bewerten, in wieweit sie die unterschiedlichen Teilziele erfüllen können. Hierzu bedient man sich einer Bewer­tungsskala, wo die einzelnen Teilziele mit Punkten bewertet werden (1 Punkt schlecht, 5 Punkte gut). Das Problem der Nutzwertanalyse wird nun deutlich. Denn wo soll man die Informationen die für die Bewertung wichtig sind hernehmen? Hierfür sollte jedes Unternehmen eine Lieferantenstammdatenbank führen. Erste Informationen beschafft sich das Unternehmen z.B. über Internetseiten, persönliche Gespräche etc. Die Ge­wichtung aus dem Zielkatalog wird anschließend mit den Punkten Werten multipliziert, sodass für sich für beide Nachunternehmer ein Gesamtpunktewert ergibt.[37]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Bewertungsskala einer Nutzwertanalyse

Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an: Weber, J.; Schäffer, U.: Einführung in das Controlling, 2014 S. 3

Der Nachunternehmer mit dem höheren Gesamtpunktewert stellt für das Unterneh­men des Einkäufers den höheren Nutzen dar.

[...]


[1] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon: Einkauf (letzter Zugriff: 7.06.2015)

[2] Vgl. Arnolds, H.; Heege, F.; Röh, C.; Tussing, W.: Einkauf - Spezialthemen, 2013, S. 1

[3] Vgl. Witte, H.: Materialwirtschaft, 2000, S. 5

[4] Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon: Produktionsprozess (letzter Zugriff: 28.04.2015)

[5] Vgl. Fischermanns, G.: Prozessmanagement, 2012, S. 12

[6] Vgl. Wöhe, G.; Döring, U.: BWL, 2013, S. 46

[7] Vgl. Fischermanns, G.: Prozessmanagement, 2012, S. 12-14

[8] Fischermanns, G.: Prozessmanagement, 2012, S. 26

[9] Vgl. Greiner, P.; Mayer, P. E.; Stark, K.: Bau-PM, 2009, S. 178

[10] Vgl. DUDEN: Kunde, der (letzter Zugriff: 7.06.2015)

[11] Fischermanns, G.: Prozessmanagement, 2012, S. 15

[12] Vgl. Fischermanns, G.: Prozessmanagement, 2012, S. 15

[13] Vgl. Stark, K: Baubetriebslehre, 2006, S. 31

[14] Vgl. Dillerup, R; Stoi, R.: Unternehmensführung, 2011, S. 189, 603

[15] Vgl. T&T Datentechnik: GAEB-Info (Letzter Zugriff: 18.06.2015)

[16] Vgl. GAEB: GEAB-Datenaustausch (Letzter Zugriff: 18.06.2015)

[17] Klinke, D. A.: Finanzcontrolling Bau, 2005, S. 11

[18] Vgl. Diemand, F.: Bau-BWL, 2012, S. 9-11

[19] Vgl. Kahle: Produktion, 1996, S. 23

[20] Vgl. BWI-Bau: Ökonomie Bau, 2013, S. 17-18

[21] Siehe Anlagen, Abb._______ : Besonderheiten der Bauproduktion gegenüber chemischer und Automobil­ produktion

[22] Hake, B.: Akquisition im Bau, 2003, S. 9

[23] Vgl. Leinz, J.: Beschaffungsmanagement im Bau, 2004, S. 4

[24] Deutsche Bauindustrie: Baukonjunktur (letzter Zugriff: 31.05.2015)

[25] siehe Anlagen, Abb. : Bauinvestitionsquote

[26] Vgl. BWI-Bau: Ökonomie Bau, 2013, S. 1-6

[27] Vgl. BWI-Bau: Ökonomie Bau, 2013, S. 1

[28] Vgl. Leinz, J.: Beschaffungsmanagement im Bau, 2004, S. 4-5, 13-14

[29] Vgl. Köfer, C.: Beschaffungscontrolling, 2011, S. 12

[30] Vgl. Handelswissen: Beschaffungsmarketing (Letzter Zugriff: 11.06.2015)

[31] Vgl. Hirschsteiner, G.: Einkaufs- und Beschaffungsmanagement, 2006, S. 422

[32] Vgl. Kummer, S.; Grün, O.; Jammernegg, W.: Grundzüge der Beschaffung, Produktion und Logistik, 2009, S. 103

[33] Vgl. Unternehmenslexikon: Beschaffungsmanagement (Letzter Zugriff: 12.06.2015)

[34] Vgl. Hirschsteiner, G.: Einkaufs- und Beschaffungsmanagement, 2006, S. 422

[35] Vgl. Weber, J.; Schäfer, U.: Einführung in das Controlling, 2014, S. 314

[36] Vgl. Weber, J.; Schäfer, U.: Einführung in das Controlling, 2014, S. 315

[37] Vgl. Weber, J.; Schäfer, U.: Einführung in das Controlling, 2014, S. 316

Details

Seiten
59
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668150751
ISBN (Buch)
9783668150768
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315146
Institution / Hochschule
Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven; Standort Oldenburg – Wirtschaftsingenieurwesen
Note
1,3
Schlagworte
Einkauf Prozess

Autoren

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Titel: Der Prozess des Einkaufs. Grundlagen des Einkaufs sowie Besonderheiten in einem Bauunternehmen und im Hinblick auf die Digitalisierung der Wertschöpfungskette