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Das Bild der "neuen Frau" bei Autorinnen und Autoren der Weimarer Republik - ein exemplarischer Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1.Die neue Frau
2.2.Zwei männliche Sichtweisen
2.3.Zwei weibliche Sichtweisen

3. Schlussbemerkungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich möchte in dieser Hausarbeit die Verarbeitung des Frauenbildes der Zwanziger Jahre in der Literatur näher beleuchten. Dabei werde ich auch den Blick auf die realen Lebenszustände der Frau in der Weimarer Republik richten. Ich habe mich für die folgenden vier Romane entschieden: Marieluise Fleißer „Eine Zierde für den Verein- Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen“, Christa Anita Brück „Schicksale hinter Schreibmaschinen“, Rudolf Braune „Das Mädchen an der Orga Privat“ und Erich Kästner „Fabian- die Geschichte eines Moralisten“. Diese Auswahl ist nicht zufällig so getroffen worden. Jeder dieser Romane stellt ein anderes und doch zeitweise ähnliches Frauenbild dar. Wichtig in dieser Arbeit ist auch das Geschlecht der Autoren, da ein Vergleich der Literatur mit der Realität angestellt werden soll und man meinen könnte, dass Männer anders über Frauen schreiben, als Frauen über Frauen.

Ich möchte der wissenschaftlichen Arbeit zwei Vorbemerkungen voranstellen. Zum einen werde ich biographische Aspekte außer acht lassen. Marieluise Fleißer hat zwar ihre Heimatstadt Ingolstadt und ihre Ehe zu Bepp Haindl verarbeitet, auch Kästners Muttchen findet sich in „Fabian“ wieder, Rudolf Braune kann seine sozialistische Einstellung nicht verbergen und Christa Anita Brück schreibt, wie nur jemand schreiben kann, der selbst als Stenotypistin gearbeitet hat. Doch letztlich sollten diese Tatschen bei der Beleuchtung des Frauenbildes nicht von Belang sein, sondern das Leben der weiblichen Angestellten in dieser Zeit.

Des weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass ich nicht alle in den Romanen behandelten Aspekte weiblichen Lebens so tief beleuchten kann, wie es beispielsweise Heide Soltau in ihrem Buch „Trennungs-Spuren“ getan hat. Dies ist mir im Rahmen einer Hausarbeit nicht möglich und ich möchte versuchen, den Umfang nicht allzu weit auszudehnen. Ich werde mich demzufolge auf die wichtigsten Themen beschränken. Damit meine ich die Schwerpunkte: Beruf, Wohnsituation und Lebensgefühl.

2. Hauptteil

2.1. Die neue Frau

Alexandra Kollontai versuchte bereits 1918 in ihrem Buch „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ das Phänomen der neuen Frau zu erfassen. Sie grenzte es von den alten Frauenbildern ab:

Es sind nicht die reinen, lieben Mädchen, deren Roman sein Ende in einer wohlgelungenen Verheiratung fand, es sind nicht die Ehefrauen, die unter der Untreue ihres Mannes leiden, oder die sich selbst des Ehebruchs schuldig gemacht haben, es sind auch nicht die alten Mädchen, die die unglückliche Liebe ihrer Jugend beweinen, es sind ebensowenig die „Priesterinnen der Liebe“, die Opfer der traurigen Lebensbedingungen oder ihrer eigenen lasterhaften Natur.[1]

Die neue Frau ist eine Frau, die ihre Persönlichkeit behauptet, selbständig ist und meist ledig. Sie will nicht in Ehe, Familie und Haushalt ihre einzige Pflicht sehen.

Das Bild der neuen Frau in der Weimarer Republik war geprägt durch die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion. Aus amerikanischen Filmen kamen Frauen wie das Girl, der Flapper, der Vamp, die Garçonne oder Tänze wie der Shimmy, der Foxtrott oder der Charleston. Es kam ein Lebensgefühl von Freiheit und Spaß auf.

Die moderne Frau war sportlich, gleichberechtigt und berufstätig. Sie zeichnete sich durch eine schlanke, sportliche Linie aus und strahlte trotzdem weibliche Erotik aus. Je nach Frauentypus konnten minimale Unterschiede bestehen. Das Girl hatte einen Bubikopf, einen Kirschmund, eine knabenhafte Figur und trug saloppe Kleidung. Es war ein oberflächlicher, aber selbstbewusster Typ. Der Flapper war kesser als das Girl, weiblich- beschwingt, hatte kurze oder halblange Locken und trug glockige Röcke. Er war oberflächlich, flapsig und schlagfertig. Der Flapper liebte den Konsum. Ein Gegenentwurf zu diesen beiden Typen war die Garçonne. Sie trug die Haare sehr kurz, zu Weilen mit Pomade zurückgekämmt, stach durch ein herb- strenges Äußeres hervor und trug männliche Kleidung. Dieser Frauentyp war vor allem in lesbischen Kreisen sehr beliebt.[2] Diese Modeerscheinungen wurden vor allem durch Werbung, Zeitschriften und Kino gefördert, welche in den 20er Jahren eine Blütezeit erlebten. Die neue Frau, welche sich von den Zwängen der Familie zu lösen versuchte, ergab sich den neuen Zwängen der Mode.

Aus der Sowjetunion kam die engagierte Angestellte oder Arbeiterfrau. Die emanzipierte russische Frau war mutig, politisch aktiv, sexuell freizügig und freiheitsbewusst.

In der Weimarer Republik vermischten sich diese Tendenzen. Irmgard Roebling schreibt im Abschluss ihres Aufsatzes: „Haarschnitt ist noch nicht Freiheit.“ von 2 Ideal- und Zielvorstellungen:

1. Der Drang der Frau am öffentlichen Leben teilzunehmen. Das Streben nach Ausbildung und Beruf. Das Leben in öffentlichen Räumen und die Teilnahme an politischer und sozialer Urteilsbildung
2. Der Anspruch auf Selbstbestimmung und Selbständigkeit, das heißt nicht in Abhängigkeit von Eltern, Familie und/oder Ehemann zu leben.[3]

Begünstigt wurden diese Entwicklungen durch verschiedene Faktoren. Während der Kriegsjahre mussten viele Frauen arbeiten und die Familie versorgen. Sie drangen dabei auch in männliche Berufsdomänen vor. Diese Situation führte zu einem neuen Selbstbewusstsein, welches die Frauen nach dem Krieg nicht wieder ablegen wollten. Ebenso gab es einen Frauenüberschuss, auf Grund der vielen im Krieg gefallenen Männer und somit potentiellen Ernährer. In der Nachkriegszeit stieg ebenso die Scheidungsrate an, in Folge von schnell geschlossenen Kriegsehen, die sich bei näherem Hinsehen nicht bewährten. Es gab demzufolge viele alleinstehende Frauen.

Des weiteren hatte die Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten viel erreicht. 1896 bestanden die ersten sechs Abiturientinnen in Berlin als Externe die Reifeprüfung. Im selben Jahr nahmen die Universitäten Göttingen und Berlin erstmals Frauen als Gasthörerinnen auf, mit Erlaubnis des lehrenden Dozenten. Um die Jahrhundertwende erhielten Frauen, neben 1900 (in Baden)- 1909 (in Mecklenburg) in sieben weiteren Ländern Immatrikulationsrecht.1920 folgte das Recht auf Habilitation.[4]

1908 trat in Preußen die Vereinsfreiheit für Frauen in Kraft. Das hieß, dass sie Mitglied einer Partei werden durften, allerdings ohne Wahlrecht[5]. Dieses erhielten sie im Jahre 1918. In der Verfassung der Weimarer Republik wurden 1919 für Männer und Frauen die gleichen Bildungs- und Berufschancen, die gleichen Rechte und Pflichten und somit die gleiche Verantwortung festgeschrieben[6]. Diese Erfolge der Frauenbewegung wären allerdings ohne den gesellschaftlichen Wandel und den technischen Fortschritt nicht möglich gewesen. Kaufmännische und Verwaltungstätigkeiten nahmen zu. Das Bahn-, Post- und Fernmeldewesen wurde ausgeweitet. Somit gab es viele neue Berufspositionen und Assistentinnenstellen[7].

In der Realität mussten die Frauen, trotz aller Errungenschaften und Idealbilder aus den Medien, um ihre Freiheit nach wie vor kämpfen. Die breite Bevölkerungsmasse war noch immer in alten Traditionen verhaftet. Es hieß, eine Frau könne nicht durch einen Beruf, sondern nur durch Ehe und Mutterschaft glücklich werden.

Alleinstehende Frauen hatten in beruflicher Hinsicht das Problem, dass viele keine angemessene Ausbildung absolviert hatten. Eine Lehre oder Ausbildung lohnte sich für Töchter nicht, da die Tochter so oder so verheiratet werden sollte. Somit arbeiteten sie in ungelernten Stellen. Diese Aushilfstätigkeiten waren von vornherein schlecht bezahlt. Der Punkt des Geschlechtes, wirkte sich ebenfalls auf das Gehalt aus. Frauen verdienten generell weniger als Männer in gleichbedeutender Stellung. Des weiteren konnte eine ungelernte Frau natürlich schwer Karriere machen. Meist wies man ihnen verantwortungslose Hilfstätigkeiten zu. Die Arbeit war in der Regel monoton, schematisch und anstrengend. Viele Frauen drängten in Angestelltenberufe, da das proletarische Leben den Makel der Armut und des Schmutzes trug. Den jungen Frauen wurde im Kino und in der Literatur vorgegaukelt, wie sich die junge Verkäuferin einen reichen Mann angelt, der bei ihr einkauft. Viele Mädchen wollten in ihren Berufen eine ebenso gute Partie machen.

So eklatant wie auf dem Arbeitsmarkt, sah auch die Situation der alleinstehenden Frau auf dem Wohnungsmarkt aus. Sie konnte sich, auf Grund ihres geringen Gehaltes, keine eigene Wohnung leisten. Ihr blieben die Möglichkeit möbliert zur Untermiete, bei den Eltern oder anderen Verwandten zu leben. Möbliertes Wohnen war für viele Angestellte zu teuer, so dass die meisten bei den Eltern oder Verwandten wohnten. Sie blieben also unter Kontrolle und konnten ihre individuelle Freiheit nicht ausleben. Durch eine mangelnde Diskussion über die Geschlechterrollen hatte die bei ihrer Familie wohnende Frau auch mit der Doppelbelastung Haushalt und Beruf zu kämpfen. Selbst wenn der Vater oder der Bruder oder der Schwager bei dessen Familie die Frau untergekommen war nicht arbeitete, kam er nicht auf die Idee im Haushalt zu helfen. An den patriarchalischen Zuständen im privaten Lebensbereich der Weimarer Republik wurde kaum gerüttelt. Das hieß also, die Frau ging arbeiten, kam abends nach Hause kochte, putzte, räumte auf.

Gerade diese patriarchalischen Zustände führten dazu, dass sich viele Frauen zwischen Beruf und Familie entscheiden mussten. Eine arbeitende Frau konnte nur unter schweren Bedingungen Hausfrau, Mutter und berufstätig zugleich sein. Aus diesem Grunde kamen neue Ideen der Partnerschaft auf, zum Beispiel die Kameradschaftsehe. Sie meinte eine Beziehung gleichberechtigter Partner.

Im Bereich der Partnerschaft strebten Frauen nach der Möglichkeit freiere Erfahrungen machen zu dürfen. Landläufig war man allerdings der Meinung, dass die alleinstehende Frau in einer Art Askese leben sollte. Sie sollte arbeiten und dann heiraten. Heide Soltau bezeichnete sie als „asexuelle Arbeitsbiene“[8].

Doch gerade als asexuell wurde die alleinstehende, arbeitende Frau nicht betrachtet. Sie war oftmals der sexuellen Belästigung durch männliche Angestellte oder Vorgesetzte ausgesetzt. Gerade im Bereich der Angestellten wurde von Frauen erwartet, dass sie chic, adrett und hübsch aussahen. Die Mischung hübsch und alleinstehend verleitete viele Männer zu der Annahme, sie dürften sich Aufdringlichkeiten erlauben. Auch hier spielte das Bild, welches in den Medien gezeichnet wurde eine große Rolle. Die neue, selbständige und selbstbewusste junge Frau galt als sexuell freizügiger. Sie ging angeblich allein tanzen und amüsierte sich. Sie sammelte Erfahrungen durch freie Liebesbeziehungen. In der Wirklichkeit sah es allerdings so aus, dass viele junge Frauen sich gerade mal einen Kinobesuch leisten konnten. Sobald sie doch allein in eine Tanzcafé oder ähnliches gingen, wurden diese Frauen als verdorben angesehen.

Ein weiteres Problem der sexuellen Freiheit lag in der Mutterschaft. Verhütungsmittel, wie Kondome, waren teuer. Wenn nun eine Frau durch vorehelichen Sex schwanger wurde, wurde sie häufig mit diesem Problem alleingelassen. Die wenigsten Männer heirateten die Frau um ihr Ansehen zu retten oder für sie und das Kind zu sorgen. Es gab Heime für Mütter mit unehelichen Kindern, in denen diese isoliert von der Außenwelt lebten und durch Aufseherinnen und schwere Arbeit für ihren Fehltritt büßen mussten. Der Abtreibungsparagraph §218 geriet erstmals um 1908 in die öffentliche Diskussion. Zur damaligen Zeit konnte eine Abtreibung noch mit Zuchthaus bestraft werden[9]. Es war schwer für junge Frauen einen Arzt zu finden, der diesen Eingriff vornahm. Aus diesem Grund wandten sich viele Frauen an Scharlatane oder sogenannte „Engelmacherinnen“, welche den Gesundheitszustand der Frau meistens verschlimmerten.

Die Punkte Arbeit, Wohnen, Freizeit, Beziehungen und Sex sind die wichtigsten aus dem breitgefächerten Lebensbereich der Frau. Dies sind die Punkte nach denen ich im Folgenden die vier Romane untersuchen möchte. Vor allem aber unter dem Gesichtspunkt, wer eher die Realität beschreibt und wer mehr die Medienideale vertritt.

[...]


[1] Alexandra Kollontai: Die neue Frau, in: Neue Frauen. Die zwanziger Jahre, hrsg. von Kristine von Soden und Maruta Schmidt; Berlin, 1988, S. 6.

[2] Susanne Meyer- Büser: Bubikopf und Gretchenzopf. Die neue Frau der zwanziger Jahre, Heidelberg, 1995, S.10ff.

[3] Irmgard Roebling: „Haarschnitt ist noch nicht Freiheit“. Das Ringen um Bilder der Neuen Frau in Texten von Autorinnen und Autoren der Weimarer Republik, in: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik, Bd. 5, St- Ingbert, 2000, S. 72.

[4] Rosemarie Nave- Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn, 1997, S.32.

[5] ebd. S.33.

[6] ebd. S.38.

[7] ebd. S. 41.

[8] Heide Soltau: Moderne Heldinnen. „Frauenlektüre als Spiegel weiblichen Seins“, in: Neue Frauen. Die zwanziger Jahre, hrsg. von Kristine von Soden und Maruta Schmidt, Berlin, 1988, S.22.

[9] vgl. Nave- Herz, Geschichte Frauenbewegung S.34.

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638324922
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31510
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Bild Frau Autorinnen Autoren Weimarer Republik Vergleich Angestelltenromane

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Titel: Das Bild der "neuen Frau" bei Autorinnen und Autoren der Weimarer Republik - ein exemplarischer Vergleich