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Die Novelle "Brigitta" von Adalbert Stifter. Inwiefern verkörpert Brigitta das Bild der Frau?

Ausarbeitung 2015 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Brigitta
2.1 Die Kindheit von Brigitta
2.2 Die Ehe mit Stephan
2.3 Brigitta und Gabriele
2.4 Das Leben nach der Scheidung

3 Discours der Erzählung
3.1 Zeit
3.2 Modus
3.3 Stimme

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die von Adalbert Stifter verfasste Novelle Brigitta ist erstmals 1844 und in überarbeiteter Form im Jahr 1847 im vierten Band der Studien erschienen. Brigitta ist noch heute eines der meistgelesenen Werke Stifters (vgl. Balzer 2012, S. 76; Baumann 1993, S. 121 f.). In dieser Novelle wird die außergewöhnliche Liebesgeschichte von den zwei sehr unterschiedlichen Menschen Brigitta und Stephan beschrieben. Stephan gilt in der Gesellschaft als bescheidener und schöner junger Mann. Einige behaupten sogar, sie hätten noch nie so etwas Schönes ge- sehen. Andere wiederum rühmen seinen Verstand und sein Benehmen (vgl. Stifter 2003, S. 40). Brigitta dagegen wird in der Handlung häufig als hässlich, schlank und stark beschrieben und mit männlichen Eigenschaften charakterisiert. Daraus resultiert die Fragestellung, inwie- fern Brigitta in der gleichnamigen Novelle von Adalbert Stifter das Bild der Frau verkörpert. Um diese Frage genauer zu analysieren, wird in dieser Hausarbeit zunächst Brigittas Kindheit und ihr gestörtes Verhältnis zu ihrer Familie dargelegt. Da Brigitta während der Ehe mit Ste- phan andere Eigenschaften annimmt, wird die Ehe mit Stephan in Kapitel 3.2 näher erläutert. Anschließend werden die beiden Frauen Brigitta und Gabriele gegenübergestellt und analy- siert. Das abschließende Unterkapitel befasst sich mit dem Leben Brigittas nach der Schei- dung. Des Weiteren soll in dieser Ausarbeitung die bereits erwähnte Frage mithilfe der Er- zähltextanalyse nach Gérard Genette beantwortet werden. Diese strukturalistische Erzähltheo- rie nach Genette beinhaltet die Kategorien Zeit, Modus der Erzählung sowie die Stimme des Erzählers, welche in Kapitel 3 behandelt werden. Abschließend wird eine kurze Zusammen- fassung mit eigener Schlussfolgerung präsentiert.

2 Brigitta

2.1 Die Kindheit von Brigitta

Die durchlebte Kindheit von der Protagonistin Brigitta wird in dem dritten Kapitel „Steppen- vergangenheit“ beschrieben. Gleich zu Beginn des Kapitels erhält der Leser Einblicke in die gestörte Beziehung, die Brigitta zu ihrer Familie hat. Schon als kleines Kind entsprach Brigit- ta nicht dem äußeren Erscheinungsbild und den ästhetischen Vorstellungen ihrer Familie. Als Brigitta geboren war, „zeigte es sich nicht als der schöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter erscheint“ (Stifter 2003, S. 36 f.). Unbemerkt wandte sich die Mutter immer mehr von Brigitta ab. „Wenn die Mutter […] die andern Kinder herzte, sah sie nicht das starre schwarze Auge Brigittas, das sich hinheftete, als verstünde das winzige Kind schon die Krän- kung. Wenn sie weinte, half man ihrem Bedürfnisse ab; weinte sie nicht, ließ man sie ruhig liegen“ (Stifter 2003, S. 37). Auf diese erste Entwicklungsphase folgt die nächste Phase, in der Brigitta sich ihre eigene Welt aufbaute. Sie spielte mit Steinchen und verdrehte „oft die wilden Augen, wie Knaben tun, die innerlich bereits dunkle Taten spielen. Auf die Schwes- tern schlug sie, wenn sie sich in ihre Spiele einmischen wollten“ (Stifter 2003, S. 37). Nun haben es ihre Eltern offensichtlich aufgegeben sie erziehen zu wollen: „Die anderen bekamen Verhaltensregeln und Lob, sie nicht einmal Tadel“ (Stifter 2003, S. 38). Als die Geschwister in das jungendliche Alter kamen, wurden Brigittas Schwestern „weich und schön, sie bloß schlank und stark“ (Stifter 2003, S. 38). Ihre Schwestern legten großen Wert auf das äußere Erscheinungsbild und erlernten Fähigkeiten wie Musizieren und Tanzen, um ihre Attraktivität gegenüber den anderen Geschlecht zu steigern. Brigitta dagegen lernte weder Tanzen noch Musizieren, sondern half viel bei der knechtlichen Arbeit, bis „ihr die Tropfen von auf der Stirne standen“ (Stifter 2003, S. 38 f.). Insbesondere der Ausschluss von der Familie und Ge- sellschaft lassen Brigitta ihre Individualität stark ausprägen und zu einer ungewöhnlich star- ken sowie selbstbewussten Frau heranwachsen (vgl. Baumann 1993, S. 127).

2.2 Die Ehe mit Stephan

Eines Tages veranstaltete Brigittas Onkel ein Fest, zu dem er auch Brigitta eingeladen hatte. Auf dieser Veranstaltung begegnen sich Brigitta und der als schöne sowie wohlhabende be- schriebene junge Mann zum ersten Mal. Als Stephan Brigitta bemerkte, findet er sofort Gefal- len an der äußerlichen so wenig ansprechenden Brigitta und fordert sie zum Tanz auf. Brigitta aber lehnt diese Aufforderung ab, da sie die das Tanzen nicht gelernt habe. Doch Stephan lässt sich von dieser Abfuhr nicht entmutigen und wirbt weiter um die verschlossene Brigitta (vgl. Stifter 2003, S. 40 ff.). Nach einer Begegnung der beiden auf einem Balkon, sah Brigitta lange Zeit in den Spiegel und weinte „die ersten Seelentränen in ihrem ganzen Leben“ (Stifter 2003, S. 43). In dieser Situation zeigt die sonst so starke Brigitta das erste Mal Schwäche und dadurch auch ihre Weiblichkeit. Diese Tränen stehen jedoch nicht für die Erkenntnis ihrer eigenen ästhetischen Defizite, sondern werden von dem Erzähler als Ausdruck des Bedauerns über ihr versäumtes Leben gewertet und sollen Brigitta von der Vergangenheit befreien (vgl. Schmidt 2004, S. 186). Diese Theorie wird mit dem im Text genannten Symbol des Spiegels untermauert, da diese sowohl Erkenntnis als auch die weibliche Eitelkeit symbolisieren (vgl. Butzer & Jakob 2008, S. 357). Als Brigitta nach dem Zusammentreffen mit Stephan in ihr Zimmer kam, „und den Putzflitter Stück für Stück von dem Leibe nahm, trat sie im Nachtge- wande vor den Spiegel, und sah lange, lange hinein“ (Stifter 2003, S. 42). Als sie einige Zeit später wieder auf Stephan traf, fordert sie von ihm die allerhöchste Liebe. „Ich weiß, dass ich hässlich bin, darum würde ich eine höhere Liebe fordern, als das schönste Mädchen dieser Erde“ (Stifter 2003, S. 44). Mit dieser Forderung erhebt die Protagonistin den Anspruch auf Akzeptanz ihrer Individualität. Sie erwartet von einem Mann, der ihr außergewöhnliches Frausein und die ihr fehlende äußerliche Schönheit annimmt, eine gleichberichtigte Bezie- hung, in der sie ihre Identität nicht verleugnen muss (vgl. Baumann 1993, S. 128). Nachdem die Eltern von Stephan und Brigitta eingewilligt hatten, kam es zur Hochzeit der beiden (vgl. Stifter 2003, S. 45). Von nun an beginnt Stephan sie ganz im traditionellen Sinne von allen Entscheidungen auszuschließen. Er ließ die Wohnung in der Stadt „auf das Schönste und Glänzendste“ einrichten und beschloss mit Brigittas Vater die Hochzeit „öffentlich und mit großem Glanze“ zu feiern (Stifter 2003, S. 46). Durch den Ehealltag und die Rolle der Mutter vollzieht sich die Domestikation der Frau und Brigitta verliert nun endgültig ihre Individuali- tät (vgl. Baumann 1993, S. 128). Das Ehepaar lebte isoliert in der Stadt. Als Stephan diese Isolation nach einiger Zeit nicht mehr erträgt beschließt er mit Brigitta und seinem Sohn auf das Land zu ziehen. Brigitta „folgte ihm auf das Landgut“ in der Hoffnung, er wisse was ihr fehlt (Stifter 2003, S. 47).

2.3 Brigitta und Gabriele

Auf dem Land beginnt Stephan dieses umzuändern und hier zu wirtschaften und nutzte die Freizeit zum Jagen. Eines Tages trifft Stephan bei der Jagd auf die schöne Gabriele und sah „zwei Augen gegenüber, erschrocken und schön, wie die einer fremdländischen Gazelle“ (Stifter 2003, S. 48). Gabriele spricht Stephan, durch ihre Schönheit und Andersartigkeit so- fort an. Die Figur der Gabriele scheint aufgrund ihrer Schönheit, ähnlich wie bei Brigittas Schwestern, in einem enormen Gegensatz zu der hässlichen Brigitta zu stehen. Einerseits wird Gabriele als Verkörperung der idealen, natürlichen Schönheit und andererseits als eine Aus- nahmeerscheinung konstruiert (vgl. Schmidt 2004, S. 169 f.). „Es war Gabriele gewesen […] ein wildes Geschöpf, das ihr Vater auf dem Lande erzog […], weil er meinte, dass sie sich nur so am naturgemäßesten entfalte, und nicht zur Puppe gerate“ (Stifter 2003, S. 48). Dieses schöne und muntere Wesen steht im Kontrast zu der schweigsamen, verschlossenen und der weniger schönen Brigitta. Während die Protagonistin einige männliche Eigenschaften auf- weist, ist Gabriele der Inbegriff des Natürlichen und damit der Weiblichkeit. Es bestehen je- doch auch Gemeinsamkeiten der beiden Frauen. Zum einen üben beide Frauen eine große Anziehungskraft bei Stephan aus und zum anderen werden beide Frauen mit dem Adjektiv „wild“ beschrieben. Bei Brigitta liegt das Wilde vor allem in ihren großen wilden Augen, die im späteren Verlauf mit den dunklen, glänzenden Augen der Rehe verglichen werden. Auffäl- lig ist in diesem Zusammenhang auch der Vergleich der Frauen mit dem Reh bzw. der Gazel- le, da beide Tiere einen weitestgehend identischen Symbolgehalt aufweisen. Beide Tiere ste- hen für Schönheit, Lebhaftigkeit und Scharfsinnigkeit (vgl. Butzer & Jakob 2008, S. 156). Des Weiteren symbolisieren Rehe das Weiblich-Zarte und wird daher häufig für die Charakte- risierung von Frauenfiguren verwendet (vgl. Butzer & Jakob, S. 293). Dieses ist eines der wenigen Hinweise, dass die Protagonistin auch durchaus weibliche Züge in sich trägt.

2.4 Das Leben nach der Scheidung

Nachdem Brigitta von dem Verhältnis zwischen ihrem Ehemann und Gabriele erfahren hat, bittet sie ihn „mit sanften Worten“ um die Scheidung (Stifter 2003, S. 49). Stephan ist über ihre Entscheidung sehr erschrocken und versucht sie umzustimmen, nachdem ihm dieses nicht gelingt, reagiert er nahezu aggressiv: „Weib, ich hasse dich unaussprechlich, ich hasse dich unaussprechlich“ (Stifter 2003, S. 49). In dem Moment, indem Stephan sich eingestehen muss, dass er seine Frau verloren hat, wird Brigitta für ihn wieder attraktiv und begehrenswert (vgl. Schmidt 2004, S. 188). Obwohl Brigitta sich in der Ehe zu einer scheinbar fügsamen konventionellen Frau geändert hat, verfügt sie über genügend Selbstbewusstsein von ihrem untreuen Ehemann die Scheidung zu fordern. „Aber endlich nahm sie das aufgequollene schreiende Herz gleichsam in ihre Hand, und zerdrückte es“ (Stifter 2003, S. 49). Nach der Trennung zieht Brigitta in die Steppe nach Marosheli zurück. Sie hat ihren Schmerz noch nicht überwunden, denn sie zieht nicht nach Marosheli, um sinnvoll tätig zu werden, sondern „um sich dort zu verbergen“ (Stifter 2003, S. 50). Hier kümmert sie sich liebevoll um ihren Sohn. Als dieser etwas älter wird, nahm sie, wie in ihrer Jugend, die Männerkleider und be- gann ihr Ödland erfolgreich zu kultivieren (vgl. Stifter 2003, S. 51). Diese Verbindung von der zu bewältigenden Rolle als Mutter und dem praktisch-nützlichem Wirken für eine Ge- meinschaft, findet sie in der Kultivierung der inneren und äußeren Wüste ihre Identität wieder (vgl. Baumann 1993, S. 129).

Nach 15 Jahren begegnen sich Brigitta und ihr geschiedener Ehemann auf Marosheli. Der Major Stephan hat sich ganz bewusst in der Nähe von Brigittas Landgut niedergelassen. Als dieser eines Tages von einer schweren Krankheit Brigittas erfährt, pflegt er sie wieder gesund.

Seit diesem Moment an, haben die beiden regelmäßigen Kontakt. Über ihre Legitimität spre- chen die beiden jedoch nicht. Wenn die beiden sich treffen, trägt Brigitta stets Frauenkleidung und verkörpert stets weibliche Züge. So macht sie dem Major einen Vorwurf, als „er neulich in der Nachtluft von Gömör weg in leichten Kleidern nach Hause geritten sei - ob er denn nicht wisse, wie tückisch die Tauluft dieser Ebenen sei“ (Stifter 2003, S. 54 f.). Durch dieses Verhalten Brigittas gegenüber Stephan, wird deutlich, wie stark ihre Gefühle für diesen noch sind. Am Ende der Handlung kommt es zur endgültigen Versöhnung der beiden. Nachdem der gemeinsame Sohn Gustav von einem Wolf angefallen worden ist, sitzt der Major mit trä- nenden Augen an dem Bett des verletzten Sohnes. In diesem Moment spricht Brigitta den Major nach 15 Jahren zum ersten Mal mit seinem richtigen Namen an, worauf sich der Major in ihre Arme stürzt. In dieser Situation sind die Rollen der beiden vertauscht. Brigitta umarmt ihn „mit maßloser Heftigkeit“ und Stephan hörte man „leise schluchzen“ (Stifter 2003, S. 61 f.). Als sie daraufhin gemeinsam die Gründe für die lange Trennung suchen, entschuldigt sich Brigitta, sie sei der Sünde des Stolzes verfallen gewesen und drückt ihr Verständnis für Ste- phans Untreue aus. Stephan gesteht darauf hin, dass er ihre innere Schönheit kennengelernt habe und dieses, wie er nun weiß, das einzig Wahre ist. Im gleichen Augenblick aber legt er Brigitta wieder auf ihre soziale Rolle fest und artikuliert seinen Besitzanspruch, indem er sie als Mutter seines Kindes bezeichnet (vgl. Schmidt 2004, S. 193). Immer wieder stürzten die beiden sich in die Arme, als könnten sie ihr Glück nicht glauben (vgl. Stifter 2003, S. 63).

3 Discours der Erzählung

3.1 Zeit

Die Kategorie Zeit bzw. Tempus setzt sich aus den Unterkategorien Ordnung, Dauer und Fre- quenz zusammen. Bei dem Unterpunkt Ordnung geht es um die umrangierte Aufeinanderfol- ge der Ereignisse der Geschichte. In der Novelle Brigitta von Adalbert Stifter wird die Hand- lung, mit der Ausnahme von einer Rückblende, chronologisch erzählt. In dieser Rückblende, die auch als Analepse bezeichnet wird, erhält der Leser Einblicke in die Vergangenheit von der Protagonistin Brigitta. Dieses signalisiert der Autor zum Einen mit der Überschrift des Kapitels Steppenvergangenheit und zum Anderen mit den einführenden Worten: „Ehe ich entwickle, wir nach Marosheli geritten sind, wie ich Brigitta kennen gelernt habe, […] ist es nötig, dass ich einen Teil ihres früheren Lebens erzähle, ohne dem das Folgende nicht ver- ständlich wäre“ (Stifter 2003, S. 36).

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668134430
ISBN (Buch)
9783668134447
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315028
Note
2,3
Schlagworte
Adalbert Stifter Novelle Brigitta Bild der Frau
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