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Der Dokumentarfilm im Geschichtsunterricht. Nur ein Medium der Freizeitbeschäftigung oder moderner Lerninhalt?

Hausarbeit 2013 12 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Medium Dokumentarfilm im Unterrichtskontext
1.1 Dokumentarfilm oder Filmdokument?
1.2 Dokumentationsvorschlag im Themenkomplex NS-Zeit

2. Die unterrichtsbezogene Praxis
2.1 Die Aufgabenstellungen
2.2 Das Lernziel

3. (K)Ein Medium für den Unterricht?

4. Bibliographie

1. Einleitung: Das Medium Dokumentarfilm im Unterrichtskontext

„ Filme als „Belohnung, […] als zufälliges Anhängsel an den übrigen Unterricht (Schorb), zur Füllung nicht mehr ernsthaft wahrgenommener Stunden am Ende eines Schul(halb-)jahres oder vor den Ferien einzusetzen“1, galt in den 50er und 60er Jahren als geeigneter Einsatz des Mediums Film im Geschichtsunterricht. Diese obsolete Auffassung konnte durch neuere didaktische Ansätze in jüngerer Vergangenheit widerlegt werden und entspricht keineswegs der modernen Praxis der Filmnutzung im heutigen Schulunterricht. Im Gegenteil - obwohl in der heutigen Gesellschaft die meisten Menschen ihr Geschichtswissen aus den Dokumentationen oder historischen Spielfilmen des täglichen Fernsehprogramms entnehmen, nimmt der für den Unterricht förderliche Einsatz der bewegten Bilder stetig zu.2

Gerade die Fachdidaktik Geschichte setzte sich in den vergangenen Jahren diesbezüglich da- für ein, aus dem als Lernfach bekannten Unterricht die Schülerinnen und Schüler selbst zu Denkprozessen anzuregen und ihnen die Schlüsselkompetenzen im Umgang mit historischem Wissen näherzubringen.3 Dieser und weitere didaktische Ansätze, sowie die Entwicklung des Mediums Dokumentation und Film vom „Lückenfüller“ zum Erfolgsgaranten eines anregen- den Unterrichts, sind Bestandteil dieser Hausarbeit. Ebenso erfolgt eine praxisorientierte Aus- arbeitung einer Unterrichtssituation sowie die Chancen historischen Lernens, die sich daraus ergeben. Denn das Medium Film im Unterricht erfreut sich heute mehr denn je größter Be- liebtheit bei den Schülerinnen und Schülern nahezu jeder Jahrgangsstufe.

Beispiele dieser Entwicklung stellen einerseits die verbesserten technischen Möglichkeiten der Schulen dar. Anders als noch vor 20 Jahren besitzen diese heute umfangreiche Computer- kabinette, sowie Projektoren und Notebooks in den Klassenzimmern. DVD und Fernsehgeräte zählen dabei ebenso zu den technischen Aufrüstungen, die den Umgang mit Dokumentarfil- men maßgeblich vereinfachen. Auf der anderen Seite führten positive lernpsychologische Analysen zu einer größeren Akzeptanz des Mediums „Film“ im Unterricht, da die kombinier- te Aufnahme von Informationen über Augen und Ohren einen Leistungszuwachs von 20% gegenüber dem herkömmlichen Frontalunterricht garantieren.4 Zusätzlich nahm in den letzten Jahrzehnten der Fernsehkonsum der Schülerinnen und Schüler deutlich zu, wodurch hierbei die Wissensaufnahme von historischen Kenntnissen im Unterricht auf dieselbe Art und Weise erfolgt wie in der Freizeit.5 Stärker noch nahm dabei in den letzten Jahren die Anzahl der be- handelbaren Themen zu und oftmals wird Geschichtsbewusstsein an Jahrestagen historischer Ereignisse durch gezielte Thementage erzeugt.6

1.1 Dokumentarfilm oder Filmdokument?

Im bisherigen Kontext wurden die Begriffe Dokumentation, Dokumentarfilm und historischer Spielfilm synonym verwendet. Diese Ausarbeitung nimmt sich jedoch als Schwerpunkt die aus dem Fernsehen bekannte Dokumentation als eigene Gattung zum Gegenstand. Besonders scharf erfolgt hier eine Trennung der beiden Begriffe Filmdokument und Dokumentarfilm, da mit dem ersten Begriff Filmaufnahmen ab der Erfindung des Films 1895 gedrehtes Material zu verstehen sind und es sich beim Zweiten um zeitgenössisch gedrehte Aufnahmen zu jedem geschichtlichen Thema mit Intentionen des Regisseurs handelt. Dabei unterscheidet man zwi- schen Quellen und Darstellung innerhalb dieses Mediums, da Quellen Aufnahmen darstellen, die zeitnah zum Drehmoment ausgestrahlt wurden; Darstellungen, wenn von Aufnahme zur Aufführung Zeitverschiedenheit auftritt.7 So stellen damalige Quellen der NS-Wochenschau über die Olympischen Spiele 1936 als Berichterstattung aus heutiger Sicht Darstellungen der NS-Machtvorstellungen und Überlegenheitswünsche der „arischen“ Rasse dar.

Eine eigene Gattung innerhalb des Dokumentarfilms stellt der sog. Unterrichtsfilm dar, die vom Institut für Film in Wissenschaft und Unterricht (FWU München) produziert werden, sich durch ihre kurze Dauer von 15-20 Minuten besonders der knappen Stundendauer anpassen und an die jeweilige Klassenstufe angepasst sind.8

Eine weitere Unterscheidung betrifft das Alter einer Dokumentation. Während ältere Aus- strahlungen eine Aneinanderreihung von Filmdokumenten mit kommentierenden Autorenaus- sagen verbanden (Erwin Leiser: „Hitler - Mein Kampf“ von 1960), basieren neuere Werke auf einer Mischung aus heute kolorierten Archivmaterialien, Historiker- und Zeitzeugenaussagen mit vielen neu inszenierten Filmsequenzen (Sebastian Haffner - „Mein Kampf mit Hitler“ von 2013).9

1.2 Dokumentationsvorschlag im Themenkomplex NS-Zeit

Für die praktische Anwendung an einem Unterrichtsbeispiel dient die Dokumentation „Mein Kampf mit Hitler“ des bekannten Publizisten Sebastian Haffner, deren Erstausstrahlung im ZDF am 22.01.2013 erfolgte.10 Die Hintergrundinformationen entnahmen die Regisseure Pe- ter Adler und Gordian Maugg aus dem posthum erschienenen Werk Haffners „Geschichte eines Deutschen“ aus dem Jahr 2000. Inhalt der filmischen Umsetzung ist die Machtergrei- fung Adolf Hitlers an der Spitze der NSDAP und das Jahr 1933 aus der Zeitzeugenperspekti- ve des Autors, von dem die benutzen Autorkommentare stammen. Haffner lebte zu dieser Zeit in Berlin und verdeutlicht den Beginn der NS-Zeit aus der Sicht der deutschen Bevölkerung. Die umfangreichen Blickwinkel zeigen die Ereignisse aus der Sicht von begeisterten Anhä- ngern, über resignierende Liberale bis hin zu verfolgten Juden aus Haffners Umfeld. Dabei weckt er den Eindruck, als habe sich die deutsche Bevölkerung in jener Zeit widerstandlos dem Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Terror ergeben. Als Umsetzung dienen Filmdokumente der NS-Wochenschau, Rundfunkansagen und selbstgedrehte Spielfilmsze- nen.11 Besonders geeignet für den Unterricht ist diese Dokumentation durch ihre kurze Dauer von knapp 45 Minuten, was eine notwendige Vor- oder Nachbesprechung durch die Lehrkraft innerhalb einer Unterrichtseinheit ermöglicht und der bürgerlichen Perspektive, die besonders sozial- und gesellschaftsgeschichtliche Aspekte der Zeit beinhaltet.

2. Die unterrichtsbezogene Praxis

Im Folgenden soll der Einsatz eines Dokumentarfilms am oben genannten Beispiel „Mein Kampf mit Hitler“ im Rahmen einer Doppelstunde zu 90 Minuten erfolgen. Die Basis dieses Gedankenspiels bildet der Rahmenlehrplan des Landes Berlin, in dem das Thema Nationalsozialismus in der 9./10. Klasse bzw. 12. Jahrgangsstufe behandelt wird.12 Der Berliner Geschichtsunterricht durchläuft einen sog. chronologischen Durchgang13 in der Bearbeitung seiner Themen von der Antike bis zur Gegenwart in der Sek I und Sek II und fördert nachhaltig Schlüsselkompetenzen im Zusammenhang historischen Lernens.

Gewählt wird die 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums, die gerade das Themengebiet „Machtübernahme oder Machtergreifung?“ durch Adolf Hitler beginnt. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich in der Einstiegsphase, da kurz zuvor das überleitende Thema „Zeit der Präsidialkabinette“ beendet wurde. Bisher haben die Jugendlichen lediglich Plakate zum Wahlkampf 1932 gesehen und ihre Eindrücke diesbezüglich geschildert. Geschichtliche Fak- ten wurden durch die Lehrkraft bis zum 30. Januar 1933 vermittelt, um den Einstieg in das neue Thema vorzubereiten. Als Einstiegsform dient ein animativer Einstieg, der bewusst die Geschichte nur bis zu einem gewissen Datum oder Ereignis erzählt und die Schülerinnen und Schüler mit offenen Fragen über den weiteren Werdegang konfrontiert. Häufiger wird diese Form in Zusammenarbeit mit schriftlichen Quellen gewählt und die Lernenden durch Speku- lation zu weiterer Nachforschung angeregt, jedoch eignet sich die Dokumentation ebenso da- zu, da diese abrupt im September 1933 mit mahnenden Worten und einem offenen Ausgang der Geschichte endet.14 Haffner lässt absichtlich sein eigenes Schicksal und der deutschen Bevölkerung offen, hebt aber Themen wie Verfolgung, Terror und Überwachung absichtlich in den Vordergrund. Somit werden die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken angeregt, was ein möglicher Grundstein für „Guten Unterricht“ ist.

2.1 Die Aufgabenstellungen

Vor dem Beginn der Dokumentation teilt die Lehrerin oder der Lehrer zu Stundenbeginn die Klasse in zwei Gruppen und händigt Arbeitsblätter mit Beobachtungsaufträgen aus. Diese beinhalten folgende Analysekriterien je nach Gruppe. Gegebenenfalls müssen Fragen beantwortet werden und noch einmal Fachbegriffe aus der Filmtechnik wie „Totale, Halbtotale, Froschperspektive (Kamerapositionen) erklärt werden:

Gruppe 1) Bild: Beschreien Siet, welche Aufnahmen für die Dokumentation genutzt wurden! Werden auffällige Kamerapositionen benutzt? Nennen Sie Personen, die im Vordergrund ste- hen! Zählen Sie auf, ob eher langsame Großaufnahmen oder dynamische Nahaufnahmen überwiegen!

Gruppe 2) Ton/Kommentar: Beschreiben Sie Tonaufnahmen, die für die Dokumentation genutzt wurden! Schilderern Sie, inwiefern die Musik das Gezeigte untermalt! Nennen Sie Aussagen/Worte, die Ihnen besonders auffallen! Fassen Sie zusammen, ob der Kommentar zu den gezeigten Bildern passt!

Diese Aufgabentypen nutzen die klassischen Operatoren des Anforderungsbereichs I und ar- beiten ebenso auf der Analyseebene der De-Konstruktion von Quellen. Deutlich sind diese als Durchstrukturierte Aufgaben zu definieren. Sie sollen einen von außen angebrachten Blick- winkel auf das Gezeigte ermöglichen und dienen der äußeren „Quellenkritik“. Nachdem die Schülerinnen und Schüler ihre erarbeiteten Aufgaben beendet haben, wird der Schwerpunkt der nächsten Arbeitsaufgaben auf den Inhalt der Dokumentation gelegt, besonders die Aussa- gen des Kommentators analysiert und gegenübergestellt. Diese sind vorrangig an den Aufga- benbereich II ausgerichtet und werden der gesamten Klasse bzw. dem gesamten Kurs gestellt:

1) Charakterisieren Sie in eigenen Worten Haffners Einstellung zu den Eingriffen Hitlers und der SA in das öffentliche Leben!

2) Stellen Sie die Aussagen von Haffners Vater und dessen eigene bezüglich der Bedrohung durch die Nationalsozialisten gegenüber! Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse mit Ihrem Nach- barn!

Hierbei wird auf die Inhaltsebene der De-Konstruktion abgezielt und es wird mit anstrukturierten Aufgabentypen gearbeitet. Ein Nachteil des Filmeinsatzes kommt ebenso zur Geltung - der hohe Zeitaufwand. Da realistisch betrachtet die 90 Minuten einer Doppelstunde nach der Aufgabenauswertung enden, sollen die folgenden Aufgabenstellungen des Anforderungsbereichs III Schlüsselkompetenzen der Schüler aufbauen und werden als Hausaufgabe zur nächsten Stunde aufgegeben und als Selbstreflexion des Gesehen genutzt werden. Diese bauen jedoch nicht auf das Kompetenzmodell des Berliner Rahmenlehrplans auf, sondern sind an das Modell von Peter Gautschi15 angelehnt:

1) Haffner stellt am Ende der Dokumentation die These auf: „Nicht einmal ein Jahr hat Hitler gebraucht und ein ganzes Volk marschiert.“ Bewerten Sie diese Aussage, inwiefern diese auf die gesamte Bevölkerung bezogen zutrifft! Versetzen Sie sich z.B. in die Lage Haffners, der eine Wahl zum „Widerstand“ hatte, diese aber nicht nutzte!

2) Eine weitere Aussage des Gezeigten lautete: „Was hat dieses Jahr, dass so hoffnungsvoll begann, aus uns gemacht? [...] Es hat [...] uns in den Abgrund schauen lassen, in den wir stürzen werden.“ Formulieren Sie zur nächsten Stunde Fragen, was Haffner mit dieser These meinen könnte und zur politischen Verfolgung im Dritten Reich!

[...]


1 zit. n. Schneider, Gerhard: Visuelle Medien - Film, in: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hgg.): xHandbuch Medien im Geschichtsunterricht, 2. Aufl., Schwalbach 2002, S. 365.

2 Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 10. Aufl., Seelze x2012, S. 214.

3 Sauer 2012, S. 25.

4 Schneider 2002, S. 366.

5 Schneider 2002, S. 366.

6 Sauer 2012, S.16.

7 Sauer 2012, S. 215.

8 Ebd. S. 218.

9 Ebd. S. 217.

10 http://www.youtube.com/watch?v=WWjriT5rwpE (Stand 02.03.2013)

11 http://www.zdf.de/ZDFzeit/Mein-Kampf-mit-Hitler-26139114.html (Stand 01.03.2013)

12 http://www.geschichtsdidaktik- xxhu.de/~gdgesch/tl_files/geschichtsdidaktik/Rahmenlehrplaene%20Berlin/sek1_geschichte.pdf , S. 38-40.

13 Sauer 2012, S. 49.

14 Schneider, Gerhard: Einstiege, in: Mayer, Ulrich; Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hgg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. Klaus Bergmann zum Gedächtnis, 2. Aufl., Schwalbach 2007, S. 605.

15 Die Informationen sind dem Inhalt der Folien des Medienseminares zum Thema Kompetenzmodelle x entnommen.

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668134393
ISBN (Buch)
9783668134409
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315018
Note
1,7
Schlagworte
Dokumentarfilm Filme in der Schule Lerninhalt Geschichtsunterricht

Autor

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