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Crowdfunding als Finanzintermediär. Ein State of the Art der aktuellen Forschung

Bachelorarbeit 2014 68 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung und Hinführung
1.1 Aktualität des Themas: das Interesse an Crowdfunding
1.2 Forschungslücke
1.3 Forschungsfragen und Zielsetzung der Arbeit
1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit
1.5 Abgrenzung

2 Allgemeine Definitionen
2.1 Begriffsklärungen: Finanzintermediation
2.1.1 Der Finanzintermediär
2.1.2 Klassische Finanzintermediäre
2.1.3 Finanzintermediationssystem
2.1.4 Finanzkontrakte
2.1.5 Fokus der Arbeit
2.2 Definitionen im Bereich Crowdfunding
2.2.1 Crowdsourcing
2.2.2 Crowdfunding
2.2.3 Involvierte Parteien in einem beispielhaften Crowdfunding-Prozess

3 Anforderungen an einen Finanzintermediär
3.1 Neoklassisches Modell des vollkommenen Marktes
3.1.1 Fama: Transaktionskosten und die Administrations- und Servicefunktion
3.1.2 Gurley und Shaw: die Liquiditätstransformationsfunktion
3.2 Finanzintermediäre in der neuen Institutionenökonomik
3.2.1 Das Leland-Pyle-Modell und die Informationsfunktion (Signalling)
3.2.2 Das Diamond-Modell und die delegierte Kontrolle als Monitoringfunktion
3.3 Funktionale Modelle
3.3.1 Funktionales Modell nach Merton & Bodie
3.3.2 Allen & Santomero und die Partizipationskosten
3.4 Anforderungsgerüst an einen Finanzintermediär

4 Crowdfunding-Plattformen: Eigenschaften und Funktionen
4.1 Forschungsmethode des systematischen Literaturreviews
4.1.1 Warum ein Literarturreview
4.1.2 Forschungsfragen
4.1.3 Suchstrategie, Suchgrundlagen und Vorgehen
4.2 Ergebnisse
4.2.1 Statistische Auswertungen der Ergebnisse
4.2.2 Definitionen und Beschreibungen
4.2.3 Eigenschaft: Investitionsmodelle der Crowdfunding-Plattformen
4.2.4 Funktionsweisen der Crowdfunding-Plattformen

5 Diskussion der Ergebnisse
5.1 Zusammenfassung
5.2 Erläuterungen: Crowdfunding als Finanzintermediär
5.2.1 Transferfunktion
5.2.2 Transformationsfunktion
5.2.3 Informations- und Beratungsfunktion
5.2.4 Administrations- und Servicefunktion
5.2.5 Monitoringfunktion
5.2.6 Partizipationskostensenkungsfunktion
5.3 Fazit
5.4 Implikationen für die Zukunft von Crowdfunding

6 Schlussgedanke und Forschungsempfehlungen

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Anhang 1: Paper des Literaturreviews
8.2 Anhang 2: Tabelle mit Crowdfunding-Prozessbeschreibungen

Abstract

Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Crowdfunding-Plattformen Funktionen eines Finanzintermediäres wahrnehmen. Dafür wird analysiert, welche Aufgaben Finanzintermediären in grundlegenden Modellen der Intermediationstheorie zukommen, um damit ein Anforderungsgerüst zu erstellen. Danach wird mithilfe eines systematischen Literaturreviews ein Profil von Crowdfunding-Plattformen gemäß dem aktuellen Stand der Forschung ermittelt. Dieses Profil wird dann mit dem Anforderungsgerüst abgeglichen. Die Ergebnisse des Vergleichs zeigen, dass viele Funktionen von Crowdfunding-Plattformen bereits heute ausgeführt werden. Weitere Funktionen werden nach heutigem Forschungsstand begrenzt wahrgenommen, werden aber bei zunehmendem Wachstum der Plattformen mit großer Wahrscheinlichkeit vermehrt ausgeübt. Daraus schließt der Autor, dass Crowdfunding-Plattformen zukünftig als Finanzintermediäre gesehen werden können.

The present thesis examines how crowdfunding platforms perform the tasks of financial intermediaries. For that aim the author shows which tasks are performed by the intermediaries in basic models of financial intermediation. In the next step he does a literature review in order to present the state of the art of platform research. Then the author investigates which tasks of traditional financial intermediaries can be found within the crowdfunding mechanism. The result shows that a great part of the tasks is carried out by the way crowdfunding platforms work or directly by the crowd. Same of the tasks can be offered as a service by the platform or by a third party. Finally, just one task of traditional financial intermediaries cannot be performed by crowdfunding. As a conclusion crowdfunding platforms can be seen as a financial intermediary if they continue growing.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ergebnisse bei Ebscohost unter dem Begriff: „Crowdfunding“. Volltextsuche in Peer Reviewed Scholarly Journals

Abbildung 2: Crowdfunding Monitor: Kapitaleinsatz im Crowdfunding-Markt in Deutschland

Abbildung 3: Entwicklung der weltweiten Investitionen und Spenden im Crowdfunding-Markt in Million US$..

Abbildung 4: Festlegung der Betrachtungsebene.

Abbildung 5: Verhältnis der Publikationen in Journals und Konferenz Proceedings.

Abbildung 6: Überblick über die Anzahl der Forschungspaper pro thematischer Kategorie.

Abbildung 7: Überblick über die Anzahl der Forschungspaper pro thematischer Kategorie und Jahr..

Abbildung 8: Forschungsmethoden in Prozent und absoluten Werten.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ergebnisse des systematischen Literaturreviews geordnet nach Journals.

Tabelle 2: Definitionen oder Beschreibungen von Plattformen in den Papern.

Tabelle 3: Übersicht über verschiedene Investmentmodelle von Crowdfunding-Plattformen geordnet nach Autoren.

Tabelle 4: Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kapitel 5.2.1 bis 5.2.6

1 Einleitung und Hinführung

„Specialized platforms on the Internet …, addressing the perceived communication needs of ventures seeking for CF [Crowdfunding] and slowly taking over the role of financial intermediaries [1]

Othmar M. Lehner

Finanzintermediäre, im speziellen Banken, gab es schon vor über 5000 Jahren. Bereits damals war es ihre Aufgabe, das Geld von Personen aufzubewahren und Kredite an andere Personen zu vergeben. In sehr frühen Zeiten waren diese Intermediäre oft Personen, die in der ganzen Stadt bekannt waren, deren Familie oft schon Generationen dort lebte und die daher besonderes Vertrauen genossen. Später, mit der wachsenden Bevölkerung, waren und sind es meist Finanzinstitute, die diese Funktion wahrnahmen (Innes, 1913, S. 403). Lehner deutet in seinem Zitat einen Paradigmenwechsel an. Plattformen „übernehmen langsam die Rolle der Finanzintermediäre“ (vgl. Zitat oben, Lehner, 2013, S. 301). Werden klassische Finanzintermediäre nun überflüssig? Was hat es mit diesen „specialized platforms“, wie Lehner sie nennt, auf sich? Nehmen diese Plattformen wirklich die Rolle der Finanzintermediäre ein? Was machen diese Plattformen genau? Und was sind genau die Aufgaben von sogenannten Finanzintermediären?

Das sind nur einige Fragen, die sich dem Autor beim Lesen dieses Zitates und beim Schreiben dieser Arbeit stellten. Bei diesen spezialisierten Plattformen handelt es sich um sogenannte Crowdfunding-Plattformen. Auf diesen Plattformen kann man Projekte, Firmen oder Menschen finden, die Geld für einen bestimmten Zweck brauchen. Ganz im Sinne des Web 2.0 kann man sich über das Projekt austauschen und miteinander diskutieren. Wenn man will, kann man einen beliebig kleinen oder großen Betrag investieren, um das Projekt so zu unterstützen.

Der Gedanke, dass jeder eine Kleinigkeit gibt, um etwas zu finanzieren oder zu unterstützen, ist an sich nicht gerade neu, sondern bereits seit alttestamentlicher Zeit in unserem Kulturgut verankert. Im 5. Buch Moses, Kapital 14 Vers 22 steht bereits geschrieben „Du sollst alle Jahre den Zehnten absondern von allem Ertrag deiner Saat, der aus deinem Acker kommt …“ Der sogenannte Zehnte war in seinem Ursprung ein freiwilliger Betrag und wurde damals für das Gemeinwohl eingesetzt (Kang, 2001, S. 408). Durch die Informationstechnologie und die modernen Mittel des Web 2.0 konnte diese Idee in letzter Zeit an immenser Bedeutung gewinnen (Bartelt et al., 2012, S. 8). Eine Erweiterung zu dem Konzept des „Zehnten“ gibt es auch noch: meist wartet nach der Investition eine Belohnung auf den Investor.

1.1 Aktualität des Themas: das Interesse an Crowdfunding

Noch vor 6 Jahren waren Publikationen in der Forschung im Bereich Crowdfunding Mangelware. In Abbildung 1 sehen wir die Publikationen in der EBSCO Host Datenbank seit dem Jahr 2008. Man erkennt deutlich, dass das Interesse der Forschung am Bereich Crowdfunding in den letzten Jahren signifikant gestiegen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ergebnisse bei Ebscohost unter dem Begriff: „Crowdfunding“. Volltextsuche in Peer Reviewed Scholarly Journals. Quelle: Eigene Darstellung. Stand: 01.04.2014

Wer sich die „Google Trends“ zum Keyword Crowdfunding anschaut, sieht, dass auch hier ab 2009, jedoch besonders ab 2010 ein allgemeines „Suchinteresse“ nach dem Begriff vorhanden war. Die Tendenz ist weiterhin steigend, wie man dem Link in der Fußnote entnehmen kann[2].

Auch die Massenmedien haben das Thema „Crowdfunding“ entdeckt und berichten eifrig. Bereits im Mai 2011 schreibt beispielsweise Alexander Heintze über Crowdfunding auf Spiegel Online. Dort spricht er noch vom „sogenannten Crowdfunding“ und erklärt, dass das eine neue Methode sei, um Geld für Start-Ups zu sammeln (Heintze, 2011). Auch das Fernsehen berichtete bereits wie beispielsweise der deutsche Privatsender RTL (Bartelt et al., 2012, S. 13). Doch nicht nur die Medien und die Forschung zeigen ein wachsendes Interesse an Crowdfunding, sondern auch immer mehr Menschen stellen ihr Geld auf Crowdfunding-Plattformen zur Verfügung wie Abbildung 2 für Deutschland deutlich zeigt: ein Zuwachs von 175 % seit 2012.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Crowdfunding Monitor: Kapitaleinsatz im Crowdfunding-Markt in Deutschland Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an http://www.fuer-gruender.de/fileadmin/mediapool/Unsere_Studien/Crowd_funding_2013/Crowdfunding-Monitor_2013_F%C3%BCr-Gr%C3%BCnder.de.pdf am 28.03.2014

Der Massolution-Report in Abbildung 3 zeigt, dass diese Entwicklung nicht nur in Deutschland zu beobachten ist, sondern die eingesetzten Geldmengen weltweit stark steigen. Im Jahr 2012 waren es bereits über 2,5 Milliarden US$.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entwicklung der weltweiten Investitionen und Spenden im Crowdfunding-Markt in Million US$. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an den massolution Bericht (2013).

All diese Informationen zeigen, dass das Thema „Crowdfunding“ zunehmend Interesse bekommt und damit hochaktuell ist. Es wird sowohl von der Forschung als auch von den Massenmedien als ein immer wichtigeres Thema angesehen.

1.2 Forschungslücke

Aus dem vorhergehenden Kapitel ist die Aktualität anhand des Wachstums von Crowdfunding klar ersichtlich. Dieses Wachstum erstreckt sich sowohl auf die Forschung als auch auf den Bereich der Investoren und Interessenten. Neben diesen quantitativen Wachstumsindikatoren hat sich allerdings in der letzten Zeit auch qualitativ ein Transformationsprozess angedeutet. Im Jahr 2000 startete im Prinzip die erste sogenannte Crowdfunding-Plattform, auch wenn der Begriff damals so nicht dafür verwendet wurde (ArtistShare, 2012). Auf Artistshare.com konnten Musiker ihre neue Platte bzw. ihre Aufnahmen finanzieren lassen. Die Finanzierung erfolgte nicht durch Banken oder Unternehmen, sondern durch die „Crowd“, also vor allem durch Privatpersonen, die das Vorhaben unterstützen wollten, weil sie die Musik einfach gern hatten. ArtistShare selbst schreibt auf ihrer Startseite „supporting the creative process since 2003“[3]. Ein Indiz für den Grundgedanken hinter der Plattform: kreative und kulturelle Förderung. Auf weiteren Plattformen wurden künstlerische, soziale oder ökologische Projekte präsentiert und finanziert. Dieser Grundgedanke ist der Ursprung vieler Plattformen (Forster, 2013, S. 21) und (Harrison, 2013, S. 284). Doch in den letzten Jahren gab es eine Entwicklung in eine weitere Richtung. Es wurden Plattformen für verschiedenste Industriesektoren geschaffen, die neben dem „Fundraising“ auch Kredite oder verschiedene andere Investitionsmöglichkeiten wie Eigenkapital oder Nachrangdarlehen vermittelten (Burtch, 2011). Daher etablierte sich zunehmend der Begriff Crowdinvesting, um jene Plattformen zu beschreiben, die verstärkt ein finanzielles Interesse im Auge haben. Könnte es also sein, dass immer mehr Aufgaben klassischer Finanzintermediäre (Definition siehe Kapitel 2.1.2) auch von Crowdfunding-Plattformen übernommen werden? In der aktuellen Forschung finden sich so gut wie keine Antworten auf diese Frage. Ein systematischer Überblick über den bisherigen Stand der Forschung bezüglich Crowdfunding-Plattformen und ein Vergleich dieser Ergebnisse mit den Aufgaben klassischer Finanzintermediäre fehlen ganz und gar. Es stellt sich die Frage, welche Aufgaben eines Finanzintermediäres Crowdfunding übernehmen kann und welche Zukunftsperspektiven sich aus der Antwort dieser Frage ableiten lassen. Daher widmet sich die vorliegende Arbeit dieser zukunftsweisenden Themenstellung.

1.3 Forschungsfragen und Zielsetzung der Arbeit

Wie im vorherigen Kapitel bereits angedeutet, ist die generelle Zielsetzung dieser Arbeit eine Antwort auf die Frage, inwiefern Crowdfunding als Finanzintermediär angesehen werden kann und welche Rolle Crowdfunding, basierend auf diesen Erkenntnissen, in der Zukunft spielen könnte. Dafür sollen die Aufgaben eines Finanzintermediäres mit den Eigenschaften und Funktionen von Crowdfunding-Plattformen gemäß dem aktuellen Stand der Forschung verglichen werden. Aus der Fragestellung ergaben sich drei Teile, die sich jeweils an den folgenden drei Forschungsfragen orientieren:

Teil 1: Was ist Stand der Forschung bezüglich der Aufgaben und Funktionen eines Finanzintermediäres?

Im ersten Teil sollen die Anforderungen an einen „vollkommenen” Finanzintermediär erarbeitet werden. Die Anforderungen beinhalten Aufgaben und Funktionen jedweder Art. Mithilfe der wichtigsten Theorien der Finanzwissenschaften im Bereich der Finanzintermediation soll ein Gerüst erstellt werden, aus dem klar ersichtlich wird, welche Aufgaben und Funktionen ein Finanzintermediär wahrnehmen kann.

Teil 2: Was ist der Stand der Forschung bezüglich der Eigenschaften und Funktionsweisen von Crowdfunding-Plattformen?

Im zweiten Teil sollen systematisch Paper anhand des Jourqual Rankings[4] gesucht werden, die Aufschluss über Eigenschaften und Funktionsweisen von Crowdfunding-Plattformen geben. Die Ergebnisse dieser Recherche werden zunächst statistisch präsentiert. Danach werden die gefundenen Paper analysiert und die Erkenntnisse über Crowdfunding-Plattformen herausgearbeitet. Dadurch soll ein Bild über den aktuellen Stand der Forschung über Eigenschaften und Funktionen von Crowdfunding-Plattformen gezeichnet werden.

Teil 3: Kann Crowdfunding als Finanzintermediär betrachtet werden?

Im dritten Teil soll anhand des Anforderungsgerüstes aus dem ersten Teil und mithilfe der Erkenntnisse über Crowdfunding-Plattformen aus dem zweiten Teil diskutiert werden, inwiefern Crowdfunding die Aufgaben von Finanzintermediären wahrnimmt. Das Ergebnis soll bei der Einschätzung über die zukünftige Rolle von Crowdfunding in der Finanzindustrie helfen.

1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit liefert methodisch gesehen einen theoretischen Forschungsbeitrag. Es soll einerseits wirtschaftstheoretisch angeschaut werden, wie Finanzintermediäre funktionieren, und andererseits, wie Crowdfunding diese Funktionen – gemäß der Paper aus einem systematischen Literaturreview – wahrnimmt. Dabei ist die Arbeit, wie soeben beschrieben, in drei Teile gemäß den drei Forschungsfragen aufgeteilt. Zunächst werden jedoch einige Begriffe erklärt, um eine Verständnisgrundlage zu schaffen. Die Darstellung der Definitionen und Erklärungen in einem Kapitel dient der Übersichtlichkeit und Verständlichkeit, da die einzelnen Definitionen so nicht in jedem Kapitel nachgelesen werden müssen.

Im dritten Kapitel werden dann mithilfe einer gründlichen Literaturanalyse verschiedene Modelle vorgestellt, aus welchen wiederum die Aufgaben eines Finanzintermediäres abgeleitet werden.

Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse eines systematischen Literaturreviews über Crowdfunding sowie die genaue Suchsystematik und deren Begründung dargelegt.

Im fünften Kapitel werden dann die Ergebnisse aus Kapitel 3 und 4 verglichen und eine Antwort auf die Forschungsfrage 3 erarbeitet, inwiefern Crowdfunding ein Finanzintermediär ist. Hier wird keine neue Literatur mehr verwendet, sondern die Ergebnisse werden diskutiert, eingeordnet und bewertet. Darüber hinaus wird eine Einschätzung über die (zukünftige) Rolle von Crowdfunding in der Finanzindustrie abgegeben.

Im letzten Kapitel sollen weitere Forschungsfelder aufgezeigt und abschließende Gedanken vorgestellt werden.

1.5 Abgrenzung

Die Arbeit konzentriert sich auf die volks- und betriebswirtschaftlichen Aufgaben eines Finanzintermediäres innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Wo nötig wird ein rechtlicher Bezugsrahmen angesprochen und erläutert. Primär untersucht die Arbeit jedoch nicht, inwiefern Crowdfunding rechtlich gesehen als Finanzintermediär mit all den steuerlichen und publizistischen Pflichten zu sehen ist, sondern inwiefern es Aufgaben, welche den Finanzintermediären in der Theorie zukommen, umsetzt oder nicht umsetzt. Entsprechend ist diese Arbeit auch nicht auf bestimmte Länder begrenzt oder spezialisiert. Die Rechtsprechung bezüglich verschiedener Crowdfunding-Ausprägungen im Rahmen von Finanzgesetzen ist von Land zu Land unterschiedlich und müsste auf Basis der landeseigenen Rechtsprechung beleuchtet werden. Dies soll jedoch nicht Aufgabe dieser Arbeit sein.

2 Allgemeine Definitionen

In diesem Kapitel will der Autor wichtige Begrifflichkeiten klären und wo nötig definieren. Aus den Erklärungen des vorherigen Kapitels zur Forschungslücke und Zielsetzung der Arbeit ergibt sich die Notwendigkeit, einige Begriffe, die in dieser Arbeit häufig gebraucht werden, zu definieren. Dadurch wird ein gemeinsamer Sprachgebrauch der Begriffe sichergestellt, so dass sich der Autor in den folgenden Kapiteln vollständig der inhaltlichen Erarbeitung der bereits vorgestellten Themenstellung widmen kann.

2.1 Begriffsklärungen: Finanzintermediation

In diesem Kapitel sollen die wichtigsten Begriffe im Bereich der Finanzintermediation geklärt werden. Im Folgenden werden diese Begriffe mit der dargestellten Erklärung benutzt.

2.1.1 Der Finanzintermediär

Unter einem Finanzintermediär versteht man ganz allgemein einen Mittler zwischen Kapitalangebot und Kapitalnachfrage (Crane, 1995, S. 203). Weiter kann man zwischen Finanzintermediären im engeren und im weiteren Sinn unterscheiden. Finanzintermediäre im engeren Sinn sind Anbieter, deren Kerngeschäft aus Intermediationsleistungen besteht. Sie nehmen Geld auf der einen Seite an (Kapitalangebot), transformieren es gegebenenfalls und geben es auf der anderen Seite (Kapitalnachfrage) wieder aus (Greenbaum & Thakor, 2007, S. 42). Zentrales Merkmal ist hier, dass die Bilanz des Finanzintermediäres Einlagen oder Finanzierungsverträge auf der Passivseite und die Finanzressourcen auf der Aktivseite ausweist. Finanzintermediäre im engeren Sinn tragen somit bilanzielle Risiken. Finanzintermediäre im weiteren Sinne befinden sich dagegen eher in der Rolle eines Beraters, der Informationen bereitstellt, damit sich passende Marktpartner schneller finden (Bernet, 2003, S. 44). Ein Teil der Literatur spricht bei Anbietern von Leistungen für Finanzintermediäre von „sonstigen Finanzintermediären“, die aber nicht mehr eine Kernaufgabe innerhalb der Finanzintermediation wahrnehmen.

Für die vorliegende Arbeit wird auf die allgemeine Definition nach Langer und Weber zurückgegriffen, da untersucht werden soll, inwiefern Crowdfunding ein Finanzintermediär ist. Durch etwaige Einschränkungen des Begriffs könnte eine unvoreingenommene Untersuchung negativ beeinflusst werden.

2.1.2 Klassische Finanzintermediäre

Unter klassischen Finanzintermediären werden in dieser Arbeit die natürlichen oder juristischen Personen gesehen, die unter Artikel 2 Abs. 2 des Schweizer Bundesgesetzes über die Bekämpfung der Geldwäscherei und der Terrorismusfinanzierung im Finanzsektor (GwG) aufgeführt sind. Konkret sind das Banken, Fondsleitungen, sofern sie Anteilskonten führen oder selbst Anteile einer kollektiven Kapitalanlage vertreiben, Investmentgesellschaften und Vermögensverwalter im Sinne des Kollektivanlagengesetzes, sofern sie ebenfalls selbst Anteile vertreiben, Versicherungseinrichtungen nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz, Effektenhändler nach dem Börsengesetz und Spielbanken nach dem Spielbankengesetz (Geldwäschereigesetz, 2013). All diese Finanzintermediäre klassifizieren sich dadurch, dass sie bereits seit längerer Zeit existieren, bei weiten Teilen der Bevölkerung bekannt sind und namentlich ins Gesetz aufgenommen wurden.

2.1.3 Finanzintermediationssystem

Unter einem Finanzintermediationssystem versteht man das System als Ganzes, in welchem Finanzintermediäre innerhalb eines Marktes mit verschiedenen Mitspielern tätig sein können. Dabei wird zwischen Finanzintermediationssystemen mit und ohne Selbsteintritt unterschieden. Bei Systemen mit Selbsteintritt wickeln Intermediäre bilanzwirksame Geschäfte ab, sie gehören entsprechend zu den Finanzintermediären im engeren Sinn (Bernet, 2003, S. 44).

2.1.4 Finanzkontrakte

Finanzkontrakte sind Verträge, bei denen sich eine Vertragspartei bereit erklärt, finanzielle oder geldwerte Mittel für eine bestimmte Zeit zu Verfügung zu stellen, während eine andere Partei eine später anfallende, oft monetäre, Gegenleistung zu erbringen gedenkt. Finanzkontrakte können während einer bestimmten Zeit handelbar sein, müssen es aber nicht (Bernet, 2003, S. 56).

2.1.5 Fokus der Arbeit

Der Autor hat die relevanten Begriffe in Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden. eingeordnet. Der Fokus der Arbeit liegt auf den orange markierten Finanzintermediären und ihren Aufgaben und Funktionen. Nur da, wo es notwendig ist, wird auf die obere oder untere Ebene verwiesen. Für das Verständnis des großen Ganzen ist das Wissen um die Interaktionsebene von Finanzintermediären von Nutzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Festlegung der Betrachtungsebene. Quelle: Eigene Darstellung

2.2 Definitionen im Bereich Crowdfunding

Neben dem Begriff Crowdfunding selbst sollen zunächst kurz die Entstehungsgeschichte und die Ursprünge von Crowdfunding erläutert werden. Dafür ist der Begriff Crowdsourcing von zentraler Bedeutung. Anschließend soll der Begriff Crowdfunding an sich sowie ein beispielhafter Crowdfundingprozess vorgestellt werden.

2.2.1 Crowdsourcing

Der Journalist Jeff Howe benutzte diesen Begriff erstmals in seinem oft zitierten Artikel „The Rise of Crowdsourcing“ im Jahr 2006. Seitdem gilt er als Erfinder des Wortes Crowdsourcing, das er in seinem Artikel als eine Weiterentwicklung des Outsourcing sieht (Howe, 2006). Er definiert Crowdsourcing folgendermaßen: „Crowdsourcing is the act of taking a job traditionally performed by a designated agent (usually an employee) and outsourcing it to an undefined, generally large group of people in the form of an open call.“ (Howe, 2008). Es geht also um Ideen oder Aufgaben, die von einer nicht definierten Menschenmenge vor allem mithilfe moderner Web 2.0 Technologien generiert beziehungsweise bearbeitet werden sollen. Die Benutzer können dabei direkt interagieren und in einer Art Brainstorming Ideen entwickeln, indem jeder dem anderen neue Impulse liefert. Gassmann beschreibt Crowdsourcing als einen kreativen und interaktiven „Wertschöpfungsprozess, bei dem die unternehmenseigenen Problemstellungen durch Externe – die sogenannte kreative Crowd – bearbeitet werden“ (Gassmann, 2013, Vorwort). Estelles-Arolas und Gonzales-Ladrón-de-Guevara betonen in ihrer Definition von Crowdsourcing außerdem noch, dass beide Partei von ihrem Engagement profitieren, sei es ökonomisch oder intrinsisch. Die beiden entwickelten die wahrscheinlich allumfassendste Definition durch die Zusammenfassung verschiedener anderer Definitionen. Diese lautet wie folgt: „Crowdsourcing is a type of participative online activity in which an individual, an institution, a non-profit organization, or company proposes to a group of individuals of varying knowledge, heterogeneity, and number, via a flexible open call, the voluntary undertaking of a task. The undertaking of the task, of variable complexity and modularity, and in which the crowd should participate bringing their work, money, knowledge and/or experience, always entails mutual benefit. The user will receive the satisfaction of a given type of need, be it economic, social recognition, self-esteem, or the development of individual skills, while the crowdsourcer will obtain and utilize to their advantage that what the user has brought to the venture, whose form will depend on the type of activity undertaken.“ (2012, S. 197). Aufgrund dieser Win-Win-Situation haben sich in der Vergangenheit eine Vielzahl von Unterformen von Crowdsourcing entwickelt. Crowd Voting, Crowd Creation oder Crowd Wisdom werden von Howe genannt (2008). Es gibt auch weitere wie CrowdSearch, bei dem Satellitenbilder nach bestimmten Objekten wie zum Beispiel verschwundene Flugzeuge durchsucht werden können (vgl. Banerjee et al., 2010, S. 77). Auch Crowdfunding ist dementsprechend eine Untergruppe des Begriffs Crowdsourcing.

Für die Zukunft erkennt Howe ein großes Wachstumspotential für alle Unterformen von Crowdsourcing (2008, S.261). Dieser Schritt sei die logische Folge aus der Gewohnheit der „digital native“-Generation bereits in jungen Jahren viel Zeit im Internet zu verbringen und daher mit den Technologien vertraut zu sein (Howe, 2008, S. 26).

2.2.2 Crowdfunding

Momentan gibt es mehrere ähnliche Definitionen von Crowdfunding. Eine allgemein gültige Definition konnte sich jedoch noch nicht durchsetzen (Tomczak & Brem, 2013, S. 338). Da Crowdfunding allerdings von vielen Autoren als Unterbegriff zu Crowdsourcing gesehen wird, nehmen diese Teile der Crowdsourcing-Definition auf. Beispielsweise definieren Belleflamme, Lambert und Schwienbacher Crowdfunding folgendermaßen: „Crowdfunding involves an open call, mostly through the Internet, for the provision of financial resources either in the form of donation or in exchange for the future product or some form of reward to support initiatives for specific purposes.” Sie beschreiben Crowdfunding also als einen offenen Aufruf zur Bereitstellung von finanziellen Ressourcen, entweder als Spende oder im Austausch gegen irgendeine Form der Vergütung oder eines zukünftigen Produktes, um eine spezifische Initiative zu unterstützen (2013a, S. 4). Der „open call“ und damit der Einbezug der „Crowd“ tauchte bereits in der Crowdsourcing-Definition von Howe auf. Allerdings wurde Crowdfunding neben Crowdsourcing noch von einer weiteren Idee beeinflusst: nämlich der Idee der Mikrofinanz („micro finance“) (Vitale, 2013). Dahinter verbirgt sich das Leihen kleiner Beträge an überwiegend benachteiligte Bevölkerungsschichten, die keinen Zugang zu konventionellem Kapital haben (Armendariz & Morduch, 2010). Von diesen beiden Konzepten inspiriert, ergibt sich eine ganz neue Kategorie der Kapitalbeschaffung (Mollick, 2014, S. 2). Anders als beim Microfinance-Konzept gibt es allerdings beim Crowdfunding keinen Finanzkontrakt zwischen einer oder mehrerer Personen und einer juristischen Person, sondern zwischen vielen Personen als Investoren („Crowd“) und einem Geldempfänger. Der Prozess des Investierens oder Spendens läuft meist über eine Plattform im Internet (Burkett, 2011). Als Gegenleistung gibt es für die Investoren eine Belohnung monetärer oder ideeller Art (Ordanini, Miceli, Pizzetti & Parasuraman, 2011, S. 445).

2.2.3 Involvierte Parteien in einem beispielhaften Crowdfunding-Prozess

Damit dem Leser deutlich wird, wie ein Crowdfundingprozess ablaufen kann, sollen hier ein typischer Ablauf sowie die involvierten Parteien kurz dargestellt werden. In Kapitel 4 erfolgt dann eine tiefergehende Untersuchung dieser Prozesse anhand aktueller Forschungsliteratur.

Generell gibt es drei Parteien, die beim Crowdfunding-Prozess von direkter Bedeutung sind. Es gibt einerseits die Partei, die Geld braucht, und andererseits die Partei, die das Geld zur Verfügung stellt. Darüber hinaus gibt es die Plattform, auf der sich die beiden Parteien finden (Tomczak & Brem, 2013, S. 339). Für die kapitalbedürftige Partei benutzt die Literatur Begriffe wie „founder“, „entrepreneur“, „start-up“, „organisation“ und weitere. Je nach Investmentmodell und Zielgruppe der Crowdfunding-Plattform eignet sich jeweils ein anderes Wort besser. Der Autor wird im Folgenden stets vom „ Kapitalnachfrager “ sprechen. Für die geldgebende Partei wird der Autor stets von „ Investor “ sprechen, auch wenn in manchen Fällen Spender unter Umständen der bessere Ausdruck ist. In der Literatur wird meist von „funder“, „baker“, „donator“ oder „investor“ gesprochen. Der dritte involvierte Spieler ist die Plattform. Die Crowdfunding-Plattform ist meist ein virtueller Platz, der unter einer Domain im World Wide Web zu finden ist. In der Literatur wird auch der Begriff „service provider“ neben „platform“ verwendet. Wichtig ist, dass sich unter einer Plattform als involvierte Partei nicht nur die Domain im World Wide Web verbirgt, sondern eine Organisation beziehungsweise ein Intermediär. Wenn der Autor also von der „ Crowdfunding-Plattform“ spricht, bezieht er sich auf den integrativen Begriff der Plattform als involvierte Partei und Intermediär. Der in diesem Zusammenhang gebrauchte Begriff „ Projekt “ wird generell für die Präsentation der Kapitalnachfrage genutzt, entsprechend auch für Kreditanfragen.

Zu Beginn eines Crowdfunding-Prozesses können sich die potentiellen Kapitalnachfrager sowie auch die Investoren über die Website der Plattform registrieren. Die Kapitalnachfrager müssen sich mit ihrem Projekt meist einem Bewerbungsverfahren unterziehen, das von Plattform zu Plattform sehr verschieden aussehen kann. Wird das Projekt von der Crowdfunding-Plattform angenommen, beginnt die Kapitalsammelphase. Sie dauert meist zwischen 30 und 90 Tagen. In dieser Phase können Investoren Beträge in beliebiger Höhe für das Projekt zur Verfügung stellen. Meist muss die Gesamtheit der Beträge in ihrer Summe einen gewissen vorher festgelegten Schwellenwert übersteigen, damit der Betrag wirklich an die Kapitalnachfrager ausbezahlt wird und ein „Fundingvertrag“ in Kraft tritt. Ansonsten gilt das Projekt als gescheitert und die Investoren bekommen ihr Geld zurück. Wenn das Projekt erfolgreich war, beginnt im Folgenden die Umsetzung des Projektes (Forster, 2013).

3 Anforderungen an einen Finanzintermediär

In diesem Kapitel sollen die Anforderungen an einen Finanzintermediär erarbeitet werden. In Kapitel 2 hat der Autor bereits zentrale Begriffe rund um das Thema Finanzintermediation vorgestellt und diese eingeordnet. Nun sollen die wichtigsten Modelle vorgestellt werden, die die Existenz und damit die Aufgaben von Finanzintermediären versuchen zu erklären. Anhand dieser Modelle wird dann ein Anforderungsgerüst erarbeitet werden.

Die Modelle in der Literatur lassen sich grundlegend in Verhaltensmodelle und Existenzmodelle aufteilen (Zillmann, 2013, S. 2). Verhaltensmodelle sehen Finanzintermediäre als endogen gegeben an und versuchen daher ihr Verhalten zu erklären. Warum tun sie das, was sie tun? Existenzmodelle versuchen dagegen aus der Theorie heraus zu erklären, warum es überhaupt Finanzintermediäre gibt, wozu man sie braucht und warum Finanzkontrakte nicht einfach direkt über eine Marktplattform gehandelt werden. Rein sachlich betrachtet wird die Transaktionskette durch den Eintritt eines Intermediäres länger, was wiederum, ceteris paribus, höhere Transaktionskosten verursacht. Die Intermediation muss also so wirkungsvoll sein, dass sie diese höheren Transaktionskosten kompensiert (Hellwig, 1991, S. 42). Langer und Weber bringen die Frage auf den Punkt: „Wodurch verursachen Banken im Rahmen ihrer Intermediationstätigkeit Wohlfahrtsgewinne, die andere Institutionen (insbesondere Märkte) nicht in gleicher Weise erbringen könnten?“ (2000, S. 206). Da Finanzintermediäre Dienstleister sind, wird ihre Existenz meistens durch ihre Funktionen definiert. Entsprechend sind die Existenzmodelle ein sinnvoller Einstieg, um ein Anforderungsgerüst zu entwickeln und die Aufgaben von Finanzintermediären herauszuarbeiten.

Die Modelle sollen mathematisch nicht in jedem Detail beleuchtet werden. Es werden viel mehr die Grundannahmen vorgestellt und die Implikationen auf Finanzintermediäre soweit dargestellt, um ihre Aufgabe oder ihre Eigenschaft zu begründen. Die Auswahl der Modelle kann im Rahmen dieser Arbeit nicht vollständig sein, daher werden die für den Zweck der Aufgabenerarbeitung sinnvollsten Modelle herangezogen.

3.1 Neoklassisches Modell des vollkommenen Marktes

Das Modell des perfekten, friktionslosen Markt wurde ausführlich bereits 1874 in einem Artikel von Walras behandelt (1977, c1954), weshalb oft vom Walrasianischen Paradigma („walrasian paradigma“) gesprochen wird. In diesem Modell des vollkommenen Marktes spielen Finanzintermediäre kaum eine Rolle. Das hat den einfachen Grund, dass in diesem Modell einige Annahmen getroffen werden, die Finanzintermediäre quasi überflüssig machen. Zunächst wird angenommen, es gäbe keine Transaktionskosten und Steuern. Auch rechtliche oder regulatorische Einschränkungen werden außer Acht gelassen. Finanzkontrakte sind in dem Modell beliebig teilbar und alle relevanten Informationen stehen allen Marktteilnehmern gleichzeitig zur Verfügung. Die Marktteilnehmer verfügen über eine insgesamt unbegrenzte Liquidität, ein einzelner Teilnehmer kann jedoch keinen Einfluss auf den Preis ausüben. Die Teilnehmer handeln stets rational nach dem Bild des „homo oeconomicus“ (Bernet, 2003, S. 84). In diesem Modell sind Investitionsentscheidungen abhängig von der erwarteten Rendite. Die Rendite spiegelt wiederum das Risiko wider. Je nach Risikopräferenz des Marktteilnehmers werden Investitionsentscheidungen getroffen. Da jeder über alle Informationen verfügt und alle Größen beliebig teilbar sind, ist kein Finanzintermediär nötig. Das Kapital sucht sich sozusagen automatisch die nutzenmaximierende Anlagemöglichkeit und stellt so ein perfektes (pareto effizientes) Equilibrium her (Arrow & Debreu, 1954). Institutionen spielen nur insofern eine Rolle, als dass sie als Produktionsfunktion (zum Beispiel für Kapital) angesehen werden (Bernet, 2003, S. 86). Der Kapitalmarkt funktioniert also ohne weitere Mittler. Doch in der Realität existierten Finanzintermediäre schon seit langer Zeit. Also versuchte man auch unter diesen Annahmen Finanzintermediäre zu erklären.

3.1.1 Fama: Transaktionskosten und die Administrations- und Servicefunktion

Der Ansatz von Fama argumentiert hier mit einer Zahlungsfunktion beziehungsweise einer Portfoliohaltungsaufgabe. Die Finanzkontrakte, die sich im neoklassischen Modell ja sozusagen sofort und automatisch finden, müssen in der Realität zusammengeführt (Anbahnungskosten), vereinbart, abgewickelt, kontrolliert und verwaltet werden. Zudem müssen die Zinsen oder Renditen ausbezahlt werden, was der Funktion der Finanzintermediäre entspricht. Die Aufgaben werden unter dem Begriff Transaktionskosten zusammengefasst. Damit nicht jeder Investor diese Aufgabe selbst wahrnehmen muss, bündelt ein Finanzintermediär diese Aufgaben und senkt so die Transaktionskosten. Es wird also eine Administrations- (oder Transaktions-) und Servicefunktion angenommen (vgl. Fama, 1980).

3.1.2 Gurley und Shaw: die Liquiditätstransformationsfunktion

Auch Gurley und Shaw bewegen sich in ihrem Aufsatz von 1960 „Money in a theory of finance“ innerhalb der neoklassischen Annahmen und suchen dort nach Erklärungen für Finanzintermediäre. Sie vermuten, dass Finanzintermediäre die Wertpapiere („primary securities“) von Firmen in indirekte Finanzstrukturen transformieren. Während Firmen Aktien/Firmenanteile und Bonds ausgeben, wollen Investoren in den Ausführungen von Gurley und Shaw lieber Einlagen oder Lebensversicherungen (Gurley & Shaw, 1960). Die entscheidende Frage dahinter ist allerdings, warum Firmen ihre Kapitalnachfrage nicht durch die Ausgabe von entsprechenden Finanzformen decken, welche die Investoren gerade nachfragen (eben beispielsweise Lebensversicherungen) oder warum Investoren nicht einfach Firmenanteile oder Bonds kaufen? Implizit nehmen Gurley und Shaw hier an, dass die Investoren ihr Risiko diversifizieren wollen und dies aufgrund der Unteilbarkeit von Lebensversicherungen und Einlagen nur tun können, wenn ein Finanzintermediär als Zwischenstation eingeschaltet ist (Hellwig, 1991, S. 43; vgl. auch Stillhart, 2002, S. 14). Dieser muss also auch die Wertpapiere in kleinere indirekte Finanzstrukturen transformieren, was eine zeitliche und örtliche Transformation der Finanzprodukte impliziert. Wir halten also fest, dass der Finanzintermediär hier eine Transformation der Liquidität, also der Beschaffenheit (Losgrößen- und Fristentransformation) der Finanzpakete zur Risikodiversifizierung der Investoren vornimmt.

Doch reichen diese Erklärungen, die sich nah an dem neoklassischen Gerüst bewegen, aus? Wie im nächsten Kapitel beschrieben, gab es auch einige Wissenschaftler, die davon ausgingen, dass Finanzintermediäre in diesem Modellrahmen nur unzureichend erklärt werden konnten. Da Finanzintermediäre aber stets in großer Zahl existierten, musste man weiter forschen, um weitere Erklärungsansätze zu finden. In den folgenden Abschnitten sollen einige dieser Modelle vorgestellt werden. Oft werden die Annahmen der Neoklassik zunächst angenommen, dann aber an bestimmten Stellen aufgeweicht.

3.2 Finanzintermediäre in der neuen Institutionenökonomik

Die neue Institutionenökonomik zeichnet sich besonders dadurch aus, dass in ihrem Zentrum eine vertragsorientierte Sichtweise steht. Die hier entwickelten Modelle basieren stets auf einem Vertrag zwischen den Marktpartnern. Es wird dabei angenommen, dass Knappheit aller Ressourcen vorherrscht. Teil der Annahme ist auch, dass ein Vertrag geschlossen werden muss, da nicht mehr wie in der Neoklassik alle Marktteilnehmer alle Informationen gleichzeitig zur Verfügung haben, wie die folgenden beiden Modelle darlegen.

3.2.1 Das Leland-Pyle-Modell und die Informationsfunktion (Signalling)

Im Leland Pyle Modell von Leland und Pyle (1977) wird das Problem asymmetrischer Informationsverteilung beleuchtet. Leland und Pyle nehmen an, dass Geldnehmer typischerweise sowohl ihre Firma oder ihr Finanzeinsatzgebiet als auch ihre Zahlungsmoral besser als die Geldgeber kennen. Aufgrund des „moral hazard“, also den immensen Vorteilen, die Geldnehmer durch eine Verschleierung von Risiken haben, können Geldnehmer sich nicht sicher über die Qualitätsaussagen des Geldgebers sein (Leland & Pyle, 1977, S. 377). Um sich dieser Problematik modellhaft anzunähern, nehmen Leland und Pyle an, dass eine Information den Charakter eines öffentlichen Guts hat und, wie bereits angedeutet, der Geldgeber nur schwer oder gar nicht zwischen guten und weniger guten Informationen entscheiden kann. Im Extremfall kann es sein, dass sich gar kein Markt entwickelt oder nur ein Markt mit nicht pareto-effizientem Handel (vgl. Stillhart, 2002, S. 36). In der Wissenschaft wird ein nicht pareto-optimales Handelsergebnis als „adverse Selektion“ bezeichnet. Da Geldnehmer natürlich Geld zu guten Konditionen bekommen wollen, nehmen sie Kosten auf sich, sogenannte „signalling costs“, um zu beweisen, dass sie ein qualitativ hochwertiges Projekt besitzen. Diese Signalkosten müssen so hoch sein, dass es sich für die schlechten Projekte nicht lohnt diese zu fälschen oder zu imitieren. Leland und Pyle schlagen hier vor, dass die Projektinhaber einen Teil der Finanzierungskosten selbst tragen. Um jedoch ausreichend Signale zu senden, müssen Projektinhaber dann viel mehr selbst finanzieren als eigentlich effizient wäre.

[...]


[1] Lehner, 2013, S. 301

[2] http://www.google.com/trends/explore#q=Crowdfunding&date=1%2F2007%2087m&cmpt=q am 30.03.2014

[3] Im Oktober 2003 war das erste Projekt erfolgreich ArtistShare (2012).

[4] Website des Rankings: http://vhbonline.org/service/jourqual/ am 03.05.2014

Details

Seiten
68
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668144286
ISBN (Buch)
9783668144293
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315004
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,25 (5,25)
Schlagworte
Crowdfunding Crowd Crowdinvesting Finanzintermediation Crowd funding Plattform Intermediationstheorie Social funding donation equity funding

Autor

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Titel: Crowdfunding als Finanzintermediär. Ein State of the Art der aktuellen Forschung