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Toleranzvermittlung in österreichischen Familien. Ihre Bedeutung aus der Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

von Sarah G. (Autor)

Seminararbeit 2015 26 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in den Themenbereich

2.Theoretischer Bezugsrahmen
2.1.Begriffsbestimmung Toleranz
2.2.Das Phänomen und die Ursachen der Intoleranz
2.3.Dimensionen von Toleranz
2.4.Toleranz als Wert
2.5.Toleranz vermitteln
2.6.Modifizierte Fragestellung

3.Methodisches Vorgehen
3.1.Datenerhebung
3.2. Gütekriterien

4.Datenanalyse
4.1.Begriffsverständnisse von Toleranz und Intoleranz
4.1.1.Kategorie ‚Verständnis von Toleranz‘
4.1.2.Kategorie ‚Verständnis von Intoleranz‘
4.1.3.Kategorie ‚Tolerantes und Intolerantes Verhalten‘
4.1.4.Kategorie ‚Toleranzverständnis gegenüber Ausländer*innen‘
4.2.Dimensionen von Toleranz
4.2.1.Kategorie ‚vertikale Toleranz und Intoleranz‘
4.2.2.Kategorie ‚horizontale Toleranz und Intoleranz‘
4.3.Vermittlung von Toleranz gegenüber Ausländer*innen
4.3.1.Kategorie ‚Vermittlung durch die Familie‘
4.3.2.Kategorie ‚Vermittlung durch die Freunde‘
4.3.3.Kategorie ‚Vermittlung durch die Schule‘
4.4.Toleranz erlernen
4.4.1.Kategorie ‚Das Fremde verstehen lernen‘
4.4.2.Kategorie ‚Das Wissen reflektieren‘
4.4.3.Kategorie ‚Durch Erfahrungen lernen‘

5.Resümee

6.Literaturverzeichnis

1. Einführung in den Themenbereich

In einer „zunehmend multikulturell geprägten Gesellschaft“ (Danzer et. al. 2007, 7) wie sie in Österreich sichtbar ist, die sich unter anderem durch die Internationalisierung/Globalisierung und wachsende Migration entwickelt hat, rücken besonders Fragen des Verstehens des Fremden und der Toleranz demgegenüber immer weiter in den Mittelpunkt einer pluralistischen Gesellschaft (Vgl. ebd.). Die Aktualität des Problems der Toleranz bzw. Intoleranz ist durch die Ereignisse seit dem Beginn der Epoche der Weltkriege immer offensichtlicher geworden, sowohl im soziopolitischen wie auch im kulturell-geistigen Bereich (Vgl. Hauer 1960, VII - XII). Je mehr Menschen über die österreichische Grenze einwandern, desto größer wird das Problem der Intoleranz und Ausgrenzung von Seiten der österreichischer Staatsbürger*innen. Durch das Zusammentreffen von Menschen mit verschiedenen Sprachen, unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeit und Traditionen können zahlreiche Ausschlussverfahren auftreten. Es werden kulturelle Haltungen und Handlungen von Ausländer*innen, mit denen sich die Österreicher*innen nicht identifizieren können, von diesen oft abgelehnt und verachtet, indem sie ihre eigenen, aus ihrer Sozialisationen geprägten Haltungen und Einstellungen als gesellschaftliche Norm festsetzen bzw. wird der eigenkulturelle Kontext überschätzt und idealisiert. Dies hat zur Folge, dass das Fremde entweder „exkludiert oder total in den eigenen Kontext inkludiert“ (Feldmann et al. 2002, 12) wird. (Vgl. ebd., 10f)

Die Österreichische Jugend-Wertestudie, welche vom Österreichischen Institut für Jugendforschung (ÖIJ) in Kooperation mit dem Institut für Praktische Theologie (IPT) durchgeführt wurde, widmet sich dem Thema der Werteeinstellung von österreichischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Jahr 2011 wurden 1500 Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren hinsichtlich ihrer weltanschaulichen Orientierung, gesellschaftspolitischen Positionen, Wahrnehmung des sozialen Zusammenlebens sowie ihrer Ausbildung und Arbeitswelt befragt. Die Ergebnisse der Studie besagen, dass bei der heutigen Jugendgeneration auffällig ist, dass „Werte mehrdimensional organisiert“ (Heinzlmaier, Ikrath 2011, 44) sind, welches ein gleichgewichtiges Nebeneinander von verschiedenen Wertebereichen ermöglicht. (Vgl. ebd.) Im Werteraum von Mädchen/jungen Frauen und Burschen/jungen Männern sind beispielsweise sowohl autonomiestärkende, gemeinschaftsfördernde, demokratiestabilisierende und solidarische aber auch fremdenfeindliche, geschlechteregalitäre und traditionelle Einstellungen zu finden (Vgl. ebd.). Vor allem in der Lebenseinstellung gegenüber dem Thema Migration zeigen österreichische Jugendlicher/junge Erwachsene unterschiedliche Standpunkte: Zum einen sehen die Jugendlichen Menschen mit Migrationshintergrund eher als kulturelle Bereicherung und zum anderen zeigen aber auch Jugendliche eine etwas höhere Intoleranz gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, sofern es um den wirtschaftlichen Nutzen Österreichs geht. (Vgl. Heinzlmaier, Ikrath 2011, 65f)

Auf Grundlage des Studiums der oben genannten empirischen Studie entstand mein Interesse für die Beschäftigung mit dem Thema Toleranz gegenüber Migrant*innen aus der Perspektive von österreichischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hierbei stellt sich mir die Frage, was österreichische Jugendliche/junge Erwachsenen unter Toleranz verstehen und wo Toleranz überhaupt entsteht bzw. vermittelt wird?

Laut der Österreichischen Jugend-Wertestudie (2011) bewegen sich Mädchen/junge Frauen und Burschen/junge Männer in verschiedenen Lebensräumen und Kontexten wie Familie, Freizeit, Schule/Arbeit, Religion und Politik und greifen gleichzeitig in diese ein. Doch bieten diese Lebenswelten auch Rahmenbedingungen an, die für junge Menschen unterschiedliche Chancen eröffnen, aber auch Grenzen festlegen. Im Rahmen der Studie wurden die Jugendlichen ebenso nach der Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche gefragt. Die Familie wurde dabei mit 81 % an oberster Stelle genannt. Dieser Lebensbereich steht für den sozialen Nahbereich der Jugendlichen und erfährt heute hohe Wertschätzung bei ihnen. (Heinzlmaier, Ikrath 2011, 30f)

Im Rahmen des Seminars „Exklusion, Vielfalt und soziale Differenz - Arme Menschen und Soziale Wohlfahrt in Europa“ ist es möglich, als Abschluss dieser Lehrveranstaltung eine Seminararbeit zu verfassen. Folglich gilt mein Forschungsinteresse der Untersuchung der Bedeutungszuschreibung von Toleranzvermittlung innerhalb österreichischer Familien aus der Perspektive österreichischer Jugendlicher/junger Erwachsener.

Mein Forschungsinteresse basiert somit auf der Untersuchung von Sinneszusammenhängen eines sozialen Phänomens. Dementsprechend ergibt sich folgende vorläufige Forschungsfrage:

Welche Bedeutung schreiben österreichische Jugendliche der familiären Vermittlung von Toleranz gegenüber Migrant*innen zu?

Zur besseren Orientierung soll dem Leser/der Leserin der Aufbau der Arbeit näher vorgestellt werden. Im ersten Kapitel (1) wurde kurz in den Themenbereich der Arbeit eingeführt. Im darauffolgenden Kapitel (2) wird auf Basis der Literaturarbeit das Thema Toleranz aufgegriffen und theoretisch verortet. Das dritte Kapitel (3) konzentriert sich auf den praktischen Teil der Arbeit und beschreibt das methodische Vorgehen. Die Datenanalyse erfolgt im weiterführendem Kapitel (4). Als Abschluss dient das Kapitel fünf (5), in dem nochmal die Ergebnisse der Datenerhebung zusammengefasst werden.

2. Theoretischer Bezugsrahmen

Im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter stehen zahlreiche Veränderungen bei Jugendlichen an, wobei diese an ihrer Bewältigung und Gestaltung selbst aktiv teilnehmen können. Diese Veränderungen sind geprägt durch körperliche Veränderungen in der Pubertät, durch die Weiterentwicklung der geistigen Fähigkeiten sowie durch gesellschaftlichen Erwartungen mit Blick auf Entwicklungsschritte in verschiedenen Bereichen, die über die Eltern, die Schule, Medien und andere Sozialisationsinstanzen an Jugendliche herangetragen werden. Eine zentrale Anforderung ist dabei die Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Das Ziel ist, eine erwachsene Identität zu entwickeln. (Vgl. Oerter, Dreher 2002, 295ff)

Eine bedeutende Aufgabe ist dabei die Entwicklung zum verantwortungsvollen und mündigen Mitglied der Gemeinschaft. Dazu gehört die Wahrnehmung und gedankliche Organisation der weiteren sozialen Umwelt unabhängig persönlicher Beziehungen im Nahbereich. Auf der anderen Seite entwickelt sich in diesem Prozess eine Vorstellung vom eigenen Platz, den man in der Gemeinschaft einnimmt. Die Wahrnehmung der verschiedenen sozialen Gruppen und die Zuordnung der eigenen Person zu diesen Gruppen ist dabei ein zentraler Aspekt. Es handelt davon, das für die soziale Identität die Zuordnung zu verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft, wie zum Beispiel Ausländer und Inländer, ebenso entscheidend ist wie nahe soziale Beziehungen für die sogenannte personale Identität. (Vgl. Tajfel, Turner 1986)

Bei den Konzepten, die Jugendliche von der Gesellschaft bilden, den zugehörigen Grenzziehungen und der eigenen Lokalisierung in diesem System handelt es sich nicht nur um Kognitionen. Es sind „Wertungen und Emotionen damit verknüpft: Welchen Rang haben Gruppen bzw. hat meine Gruppe in der Gemeinschaft? Mag ich die andere Gruppe, ist sie mir egal oder lehne ich sie ab? Die Antworten auf diese Fragen sind für sie von großer Bedeutung. So ist es für das eigene Selbstwertgefühl zumeist günstig, sich einer Gruppe mit höherem Rang zugehörig zu fühlen.“ (Noack 2014) Somit scheint es eine Tendenz zu geben, die eigene Gruppe in das beste Licht zu rücken. (Vgl. ebd.) Es ist in diesem Sinne nachvollziehbar, dass die Arbeit sich mit dem Thema Toleranz bzw. Intoleranz beschäftigt.

2.1. Begriffsbestimmung Toleranz

Was ist Toleranz? Eine Tugend, eine Einstellung oder gar eine angeborene Charaktereigenschaft? Bedeutet sie Respekt? Gleichgültigkeit oder Anerkennung? Der Begriff „Toleranz“ wird im Alltag nahezu selbstverständlich gebraucht. Im Grunde versteht jeder unter dem Begriff etwas anderes. Das war schon früher so und ist auch heute so. Für Goethe war Toleranz nur eine vorübergehende Gesinnung, die zur Anerkennung führen müsse. Reiner Forst versteht unter Toleranz allgemein „das Dulden oder Respektieren von Überzeugungen, Handlungen oder Praktiken, die einerseits falsch und normabweichend sind und andererseits aber nicht vollkommen abgelehnt werden können“ (Forst 1999, 1627-1632). Der deutsche Philosoph Heiner Hastedt (2012) versucht Toleranz von verwandten Werten abzugrenzen, indem er sagt:

„Toleranz beinhaltet zugleich Ablehnung und Geltenlassen von Haltungen und Handlungen von Personen mit dem Ergebnis einer Duldung oder einer friedlich bleibenden Koexsistenz, eventuell sogar gesteigert bis hin zum gegenseitigen Respekt. Toleranz unterscheidet sich sowohl von Anerkennung und Wertschätzung- denen das Moment der Ablehnung fehlt - als auch von bloßer Gleichgültigkeit und Beziehungslosigkeit.“ ( Hastedt 2012, 13)

Will man aber mit dem Begriff der Toleranz arbeiten bzw. Toleranz vermitteln oder gar zu Toleranz erziehen, so muss man eine handlungsorientierte Begriffsinterpretation anbieten können. So kann unter Toleranz eine Maxime für die individuelle und ethisch motivierte Entscheidung verstanden werden, um einen Konflikt gleichberechtigend und gewaltfrei auszuhalten oder zu regeln. (Vgl. Feldmann et al. 2002, 7f).

Ausgangspunkt der praxisorientierten Definition von Toleranz ist der Mensch und sein Grundrecht auf freie Entfaltung. Dieses Grundrecht ist in den Menschenrechten verankert. Es garantiert dem Einzelnen ein Maximum an Freiheit und Vielfalt und der demokratischen Gesellschaft den notwendigen Pluralismus. Dieser Pluralismus macht die Auseinandersetzung mit Andersartigkeit und die Entscheidung für einen eigenen Lebensentwurf möglich aber auch erforderlich. (Vgl. Feldmann et al. 2002, 13) Jeder einzelne Mensch trägt in seinem Handeln die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entscheidungen. Besonders in Konfliktsituationen ist der Druck sehr hoch, sich für ein angemessenes Verhalten zu entscheiden. Zur Orientierung sind maßgebliche Kriterien notwendig, um das eigene Vorgehen besser einschätzen zu können. Toleranz, verstanden als solche Richtlinie, „behält ihre Gültigkeit über den Einzelfall hinaus und kann daher als Orientierungshilfe dienen“, so die Autoren Feldmann, Henschel und Ulrich (2002, 13).

In diesem Sinne wird Toleranz als Maxime definiert, wodurch eine individuelle und ethische Entscheidung, einen Konflikt aus Einsicht, ausgehalten oder gewaltfrei geregelt werden kann. Ein Konflikt zwischen zwei Individuen bedeutet immer eine Ablehnung der Wertvorstellungen und Normen des jeweils anderen. Toleranz, verstanden als Maxime, führt „notwendig zur Suche nach einer umfassenden Perspektive, die es den Konfliktparteien erlaubt ihre jeweilige Gewissheit als genauso legitim und gültig anerkennen zu können“ (Feldmann et al. 2002, 14). Die Anerkennung ermöglicht schließlich, Wege zu finden, in dem die unterschiedlichen Bedürfnisse nebeneinander bestehen können. Damit erweist sich Toleranz als Grundlage für ein demokratisches und soziales Miteinander. Jedoch ist die Anwendung individuell abhängig. Entweder orientiert sich ein Individuum oder ein Kollektiv an dieser Maxime oder er/sie/es macht Toleranz nicht zum Maßstab seines/ihres Handelns. (Vgl. ebd. 14f)

2.2. Das Phänomen und die Ursachen der Intoleranz

Menschen sind nicht von Natur aus mit sozialen Kompetenzen ausgestatten (Vgl. Otto 1996, 583). Sozialität gehört zwar zu den Grundbedürfnissen des Menschen, die Kompetenz zum Umgang mit anderen müsse jedoch von jedem einzelnen erlernt werden (Vgl. Taylor 1996, 17). In Auseinandersetzungen mit anderen Menschen rational und friedlichen zu treten, stellt eine hohe zivilisatorische Leistung dar, die nicht selbstverständlich ist. Viele Ursachen für intolerantes Verhalten in modernen Gesellschaften lassen sich auf nachhaltige Veränderungen der sozialen Strukturen zurückführen. Dazu gehören (Vgl. Feldmann et al. 2002,10):

- Die Auflösung traditioneller Beziehungen wie z. B. der Familie
- Der schnelle Wandel von alten Orientierungsmustern zu neuen Lebensstilen
- Die hohe Komplexität wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge durch die Internationalisierung/Globalisierung
- Der Zuwachs und die Beschleunigung des Informationsaustausches durch die neuen Medien

Diese sozialen Veränderungen tragen zu einer wachsenden Konfrontation mit abweichenden Lebensentwürfen, Meinungen und Einstellungen bei und offenbaren zunehmend ihren ambivalenten Charakter (Vgl. Heitmeyer 1996): Auf „der einen Seite führen sie zu einer kulturellen, religiösen und ethnischen Vielfalt, auf der anderen Seite treten Normen und Werte in Konkurrenz zueinander und erhöhen das Konfliktpotential innerhalb der Gesellschaft“ (Feldmann et al. 2002, 10). Die Phänomene der Intoleranz sind oft nicht die direkte Folge des gesellschaftlichen Wandels, sondern häufig die „Reaktion auf die durch den gesellschaftlichen Wandel hervorgerufenen Überforderungen und Verunsicherungen“ (ebd., 11).

2.3. Dimensionen von Toleranz

Die Toleranz richtet sich anfänglich, in der frühen europäischen Neuzeit vor allem auf die Toleranz staatlicher Institutionen (Kollektive) gegenüber Individuen. Diese Dimension der Toleranz gehört der „vertikalen Toleranz“ (Hastedt 2012, 11) an. Der zweite Fall, der zu dieser Ebene zugeordnet werden kann, ist das gegenseitige Tolerieren von Individuen untereinander (Individuen tolerieren Individuen). Auf der Ebene der „horizontalen Toleranz“ (ebd.) gehört zum einen das wechselseitige Tolerieren staatlicher Institutionen (Kollektive tolerieren Kollektive) und das Tolerieren eines Kollektivs von Seiten eines Individuums (Individuum toleriert Kollektive). (Vgl. ebd.)

Neben diesen zwei Ebenen von Toleranz können zwei weitere Ausprägungen von Toleranz unterschieden werden: auf der einen Seite ist die „formale Toleranz“ (Mensching 1955, 18) auch „passive Toleranz“ genannt aufzufinden, welche fremde Einstellungen, Überzeugungen und Handlungen unangetastet lässt. Das heißt, ein Mensch und dessen Einstellungen werden lediglich vom Staat, von einer Gruppe oder von einem Individuum geduldet bzw. die Einstellungen werden hingenommen und ertragen. Dem gegenüber steht die „inhaltliche Toleranz“ (ebd.) auch „aktive Toleranz“ genannt, welche sich nicht auf das bloße Unangetastetlassen beschränkt, sondern darüber hinaus positive Anerkennung den Einstellungen des Fremden gegenüberbringt und eine Haltung höchster Anteilnahme aufbringt. (Vgl. ebd., 18f)

2.4. Toleranz als Wert

Nachdem der Toleranzbegriff eingegrenzt wurde, gilt es diesen als Wert zu identifizieren. Kann Toleranz überhaupt als ein Wert gekennzeichnet werden?

Zunächst ist zu sagen, dass Werte Ideen sind, dir wir bestimmten Dingen oder Verhältnissen zuschreiben. So kann man Werte einerseits als einen Güterwert (Werteeigenschaft, die ein Gut für ein wertendes Individuum besitzt) betrachten und andererseits werden mit Werten Orientierungswerte bezeichnet, welche Ideale oder Leitbegriffe sein können, an denen wir uns in allen unseren Haltungen und Handlungen orientieren (Vgl. Standop 2005, 13). Im Rahmen dieser Arbeit soll nun Toleranz als Orientierungswert/Maxime identifiziert werden. Ein Wert stellt nämlich „eine grundlegende Vorstellung über erwünschte (End-) Zustände dar, die ausdrücklich oder unausgesprochen für das Streben eines Individuums charakteristisch sind“ (ebd., 13). Werte regeln vor allem „soziale Interaktionen zwischen den jeweiligen Individuen“ (ebd., 14) in einer Gesellschaft und haben „für die einzelne Person handlungsleitende Funktion“ (ebd., 14).

Laut der österreichischen Wertestudie (2011) sind nämlich Werte vor allem für die Jugendlichen/jungen Erwachsenen „als weitestgehend individuell in der Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld herausgebildete Orientierungshilfen für das eigene Leben zu verstehen. Werte konstituieren die eigene Persönlichkeit und sind gleichzeitig handlungsleitend, insofern sie darüber entscheiden können, wie man sich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen verhält.“ (Heinzlmaier, Ikrath 2011, 44).

Es muss jedoch gesagt werden, dass es nicht heißt, wenn ein Mensch für tolerante Prinzipien eintritt, dass er diese auch in jedem Kontext anwendet. Es muss somit zuerst zwischen einem „abstrakten/prinzipiellen Toleranzwert“ (Trüdinger 2006, 24) und einer „angewandten toleranten Einstellung“ (ebd.) unterschieden werden. Wie dann grundlegende Prinzipien und spezifische Orientierungen zusammenhängen, muss erst danach geklärt werden. Im zweiten Schritt kann man anschließend von Überlegungen über tolerante Einstellungen zu einem Orientierungswert der Toleranz gelangen - muss man aber nicht. (Vgl. Trüdinger 2006, 24f)

2.5. Toleranz vermitteln

Niemand kann sich dem Prozess wachsender Vielfalt und zunehmender Individualisierung entziehen. Durch die Konkurrenz vielfältiger Lebensentwürfe, Kulturen, Religionen, Philosophien und Ethnien führt dieser Prozess zu einer verschärften Wahrnehmung der Vorläufigkeit und Begrenztheit aller Deutungsmuster.

Das Ziel der familiären Erziehung besteht laut Jutta Standop (2005, 68) darin, eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln. Die Erziehung als Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung ist „grundsätzlich wertorientiert, denn sie hat den Anspruch, Orientierungshilfe sowie Wertherstellung zu leisten und ihre Absicht ist die Wertverwirklichung in der autonomen Persönlichkeit“ (ebd., 68). Ein Mensch mit einer gereiften Persönlichkeit kennt schließlich die grundsätzlichen Folgen seines Verhaltens, ist bereit diese zu überprüfen und weiß sie zu vertreten, zeigt jedoch auch für die anderen Werte Verständnis.

Auch wenn noch gewisse Unsicherheiten hinsichtlich der Effekte früher Erziehungserfahrungen in der Familie auf das Ausmaß an Toleranz oder Intoleranz unter Jugendlichen bestehen, erhält die inhaltliche Vermittlung von Einstellungen immer mehr Bedeutung. Für die Übernahme von Werthaltungen hat nach Oerter (1974, 270ff) das „Lernen durch Nachahmung und Identifikationen“ (ebd., 271) eine bedeutende Funktion. Im Rahmen seiner Theorie vermutet er, dass das Kind nicht nur „zufällig vereinzelte Verhaltensweisen und Gewohnheiten imitiert, sondern Überzeugungen und Wertesysteme vollständig übernimmt“ (ebd., 272). Demzufolge können die Eltern ein Modell darstellen, indem sie ihre Einstellungen und ihre Umgangsweisen mit Migrant*innen gegenüber ihren Kindern nach außen tragen und folglich weitervermitteln.

2.6. Modifizierte Fragestellung

Mit Hilfe der Ausarbeitung der theoretischen Literatur zu dem Thema konnte ich weiterführend meine vorübergehende Forschungsfrage modifizieren, welche nun lautet:

Wie konstruieren österreichische Jugendliche die Bedeutung der familiären Vermittlung von Toleranz gegenüber Migrant*innen?

Was verstehen österreichische Jugendliche unter dem Begriff Toleranz, welche Dimensionen von Toleranz spielen für sie eine Rolle und welche Vermittlungsformen von Toleranz werden innerhalb der familiären Erziehung dabei genannt?

3. Methodisches Vorgehen

Nachdem die theoretische Verortung meiner Arbeit geklärt wurde, stelle ich nun die verwendete methodische Arbeitsweise vor. Das dritte Kapitel meines Endberichtes gibt einen methodischen Überblick zu meinem Forschungsvorhaben und zur Entstehung und Auswertung meiner gesammelten Daten. Durch das Führen von vier problemzentrierten Interviews mit österreichischen jungen Erwachsenen, versuchte ich an die mich interessierende Informationen zu gelangen. Hierzu bildet der entwickelte Interviewleitfaden die Basis. Danach wurde das erhobene Material durch die strukturierte qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2003) ausgewertet, dessen Ziel es ist, „das Material so zu reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, durch Abstraktion einen überschaubaren Corpus zu schaffen, der immer noch Abbild des Grundmaterials ist.“ (Mayring 2003, 58). Für das konkret praktische Vorgehen entwirft Mayring ein „allgemeines inhaltsanalytisches Ablaufmodell“ (Mayring, 2003, S. 53 ff.), das alle Tätigkeiten der qualitativen Inhaltsanalyse systematisch gliedert und erläutert:

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668134850
ISBN (Buch)
9783668134867
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314820
Institution / Hochschule
Universität Wien – Bildungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
toleranzvermittlung familien ihre bedeutung perspektive jugendlichen erwachsenen

Autor

  • Sarah G. (Autor)

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Titel: Toleranzvermittlung in österreichischen Familien. Ihre Bedeutung aus der Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen