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Magersucht in der weiblichen Adoleszenz. Ätiologie aus psychoanalytischer Sicht und pädagogische Praxis

von Sarah G. (Autor)

Seminararbeit 2015 24 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung in den Themenbereich

1. Einleitung

2. Abgrenzung Adoleszenz und Pubertät - Begriffsklärung

3. Essstörungen bei Mädchen in der Adoleszenz
3.1. Essstörungen als Sucht
3.2. Magersucht als eine Form von Essstörungen
3.3. Psychoanalytische Erklärungsansätze für Essstörungen bei Mädchen
3.3.1. Entstehung von Magersucht auf Grundlage der Triebtheorie
3.3.2. Entstehung der Magersucht auf Grundlage der Objektbeziehungstheorie
3.4. Relevanz für die pädagogische Praxis

4. Hilfen zur Bewältigung der Magersucht
4.1. Beratung und Therapie magersüchtige Mädchen
4.1.1. Beratung als Vorbereitung auf eine Therapie
4.1.2. Mögliche Therapieansätze bei einer Magersucht
4.2. Mögliche Präventionsansätze von Magersucht auf Grundlage psychoanalytischer Erklärungsansätze

5. Resümee und Beantwortung der Forschungsfrage

6. Kritik

7. Literaturverzeichnis

Einführung in den Themenbereich

Das Phänomen Essstörungen hat in den letzten Jahrzehnten sowohl in ÄFachkreisen als auch in der breiteren Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung gewonnen.“ (Stahr et al. 1995, 7) Durch die Popularisierung von Essstörungen griffen Frauenzeitschriften und andere Medien das Thema auf und trugen zu einer ÄSensibilisierung gegenüber diesen Erscheinungsformen abweichenden Essverhaltens“ (ebd.) bei. Essstörungen wie Magersucht und Ess-Brechsucht treten nach bisherigem Forschungsstand überwiegend in den westlichen Industrieländern auf, die unter anderem durch Nahrungsüberfluss, eine starke Konsumorientierung und die Entwicklung eines funktionalistischen Körperbildes geprägt sind (Pudel 2001,1). Essstörungen gehören zu den psychosomatischen Erkrankungen und treten zumeist das erste Mal in der Adoleszenz auf. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert Koch- Instituts (RKI), der von 2003 bis 2006 erstmals umfassende und bundesweit repräsentative Daten zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland erhoben hat, brachte alarmierende Ergebnisse. Mehr als ein Fünftel der Jugendlichen in Deutschland im Alter von 11 bis 17 Jahren zeigen demnach erste Symptome einer Essstörung und zum überwiegenden Teil sind junge Frauen von dieser Störung betroffen (RKI 2007, 795).

Es ist daher von großer Wichtigkeit erfolgreiche Beratungs- und Präventionskonzepte zum Thema Essstörungen bei Jugendlichen zu entwickeln, um diesem Trend entgegenzuwirken. Hier zeigt sich auch die Relevanz der Thematik für die Pädagogik, die an dieser Aufgabe mitwirken kann.

1. Einleitung

Vertreter*innen der Psychoanalytischen Pädagogik stellen sich in vielfältiger Weise der Aufgabe, den Erkenntnisschatz der Psychoanalyse auf die Pädagogik zu beziehen. Dies betont auch Helmuth Figdor, wenn er schreibt, dass es der Psychoanalytischen Pädagogik darum geht, die Wissenschaft der Psychoanalyse Äfür die Pädagogik bzw. die Erziehung fruchtbar zu machen“ (Figdor 2001, 63f.). So hat sich die Psychoanalytische Pädagogik seit ihrem Entstehen schon in viele Teilbereiche, wie die Heilpädagogik, Sozialpädagogik, Schulpädagogik und viele mehr vorgewagt und sich ferner verschiedensten Praxisbereichen und Fragenstellungen angenähert. Im Laufe der Zeit hat sich die Psychoanalytische Pädagogik somit einen großen Wissensvorrat angereichert, dessen Potential in vielfältiger Weise ausgeschöpft wird und in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Pädagogik zur Anwendung kommt (vgl. JPP Trescher, Büttner 1/1989-21/2013).

Die Adoleszenz ist durch Umgestaltungen auf körperlicher, psychischer und interaktioneller Ebene geprägt: (fast) nichts bleibt wie es war. In der Adoleszenz müssen der Wandel der Beziehung zu den Eltern, die Veränderung in der Beziehung zu den Gleichaltrigen sowie eine veränderte Einstellung zum eigenen Körper bewältigt werden. Psychisches Selbst-Verständnis und körperliches Sein treiben in dieser Zeit phasenweise deutlich auseinander. (King 2002, 68) Mit Hilfe der Nahrung versuchen vor allem Adoleszente ÄKonflikte, hoffnungslos erscheinende Schwierigkeiten und Stress zu bewältigen“ (ebd.55), wodurch ein gestörtes Essverhalten schnell die Folge sein kann. Gestörtes Essverhalten (wie Zum Beispiel Esssucht, Magersucht, Ess-Brech-Sucht) ist ein weitverbreitetes Phänomen, welches sich häufig während der mittleren und späteren Adoleszenz ausbildet (Stahr et. al. 1995, 31).

Zu adoleszenten Entwicklungsthemen, ins besondere zu Essstörungen in der Adoleszenz, bestehen umfangreiche Untersuchungen und Publikationen. (Vgl. Reich, Cierpka 2001, Buchholz 2001, Buddeberg-Fischer 2000, Stahr et. al. 1995, Selvini Palazzoli 1992, Bruch 1991) Besonders dem Thema der Entstehung von Essstörungen haben sich zahlreiche Autor*innen der Psychoanalyse gewidmet. (Vgl. Selvini Palazzoli 1992, Bruch 1991) Für die Entstehung von Essstörungen in der Adoleszenz erhalten neben den feministischen, behavioristischen und systemischen Erklärungsansätzen die psychoanalytischen Erklärungsansätze große Bedeutung. Diese sollen im Mittelpunkt der Abhandlung stehen und als Basis für die Ausarbeitung von Beratungs-, Therapie- und Präventionskonzepte für die pädagogische Praxis dienen.

Innerhalb der Psychoanalytischen Pädagogik kann Beratung und (Ess-)Suchtprävention mit dem Ziel der Förderung psychischer Gesundheit in Zusammenhang gebracht werden. Auf dieses Ziel verweist Figdor (2007, 12) mit den Worten Freuds, der psychische Gesundheit als die ÄFähigkeit eines Menschen, arbeiten, lieben und Glück erleben zu können“ (Figdor 2007, 12) beschreibt.

Damit rückt im Überschneidungsbereich von Pädagogik und Psychoanalyse ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Die Suchtprävention im Rahmen von Essstörungen als Aufgabe der Pädagogik, verbunden mit psychischer Gesundheit als ein Ziel der psychoanalytisch-pädagogisch orientierten Erziehung. (Vgl. Figdor 2007)

Im Rahmen des Seminars ÄSE M7.3 Entwicklungsprozesse in Beratung und Psychotherapie - Adoleszenz als Gegenstand von Entwicklungsforschung und pädagogischer Beratung“ ist es möglich, als Abschluss dieser Lehrveranstaltung eine Seminararbeit zu verfassen. Da im Rahmen dieser Veranstaltung Psychoanalytische Themen wie Adoleszenz und Behinderung, Adoleszenz und Migrationshintergrund oder Adoleszenz und Aggression und Gewalt durch den Lehrveranstaltungsleiter behandelt wurden, blieb die Thematik Adoleszenz bei Mädchen im Zusammenhang mit der Entstehung von Magersucht bei Mädchen in der Adoleszenz außen vor bzw. wurde lediglich kurz angeschnitten. Mit Hilfe dieser Arbeit möchte ich die Ätiologie der Magersucht basierend auf psychoanalytischen Erklärungsmodellen näher betrachten und die Relevanz für die pädagogische Arbeit der Prävention von Magersucht herausarbeiten.

Aus diesen Überlegungen gehen nun folgende Forschungsfragen hervor:

Wie begründet die Psychoanalyse die Entstehung von Essstörungen, insbesondere von Magersucht, in der weiblichen Adoleszenz? Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Therapie und Beratung ziehen und welche Präventionskonzepte lassen sich für die pädagogische Praxis ableiten?

Mit Hilfe dieser Arbeit kann ein kleiner Beitrag zur bildungswissenschaftlichen Forschung geleistet werden, da die Scientific Community der Bildungswissenschaft sich mit Bildungs- und Entwicklungsprozessen von Menschen beschäftigt und als wissenschaftliche Disziplin stets daran interessiert ist, ihre Erkenntnisse über diese Prozesse zu erweitern und daraus neue Ansätze für die Entwicklung und Förderung zu erarbeiten.

Methodisch wird in der Arbeit analytisch mit Fachliteratur gearbeitet, anhand derer die Entstehung von Essstörungen bzw. der Magersucht aus psychoanalytischer Sicht herausgearbeitet wird. Schließlich können auf Basis dieser, mögliche Therapie und Beratungskonzepte beschrieben werden und Präventionskonzepte für die pädagogische Praxis abgeleitet werden. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung zum Thema Magersucht und mögliche Beratungs- und Präventionsansätze bei Mädchen in der Adoleszenz könnten vor allem den Pädagog*innen, Berater*innen und Eltern und als Orientierungshilfe für die eigene pädagogische Praxis im Umgang mit Kleinkindern dienen.

Zur besseren Orientierung soll an dieser Stelle eine kurze Übersicht zum inhaltlichen Aufbau dieser Arbeit gegeben werden.

Im ersten Kapitel (1) dieser Arbeit wurde bereits in das Thema der Essstörungen eingeführt und das Forschungsinteresse dargestellt. Weiterführend soll im anschließenden Kapitel (2) die Begriffe Adoleszenz und Pubertät in Abgrenzung zueinander geklärt werden. Auf dieser Grundlage rückt in Kapitel drei (3) die Essstörung Magersucht bei Mädchen während der Adoleszenz in den Mittelpunkt der Ausarbeitung. Hierbei werden zunächst (3.1) die Merkmale und Diagnosekriterien für eine Anorexia Nervosa beschrieben und in Folge dessen als Sucht identifiziert (3.2). Der letzte Teil des Kapitels (3.3/3.4) widmet sich zum Einen den psychoanalytischen Erklärungsmodellen für die Entstehung von Magersucht und zum Anderen der daraus resultierenden Relevanz für die Pädagogik. Somit können in Kapitel vier (4) wesentliche Aspekte für die Beratung und Therapie anorektischer Mädchen dargestellt werden (4.1/4.2) und anschließend (4.3) relevante Präventionskonzepte abgeleitet werden. Als Abschluss dienen die Kapitel fünf und sechs (5/6) in denen nochmals die Ergebnisse in einem Überblick dargestellt werden, die ausgehenden Forschungsfragen beantwortet werden und die psychoanalytische Perspektive einer Kritik unterzogen wird.

2. Abgrenzung Adoleszenz und Pubertät - Begriffsklärung

Der Begriff ÄPubertät“ (von lateinisch pubes = Schamharr, pubertas = Geschlechtsreife) wird heute lediglich auf die Vorgänge der körperlichen Reifung bezogen (Specht 1996, 22). Es kennzeichnet also jene Zeit im Anschluss an die Kindheit, in der sich der kindliche in einen erwachsenen Körper verwandelt. Die Geschlechtsreife beginnt bei Pubertierenden etwa um das 11. Lebensjahr. Das äußere Zeichen dafür ist das Auftreten der ersten Regelblutung (Menstruation) beim Mädchen und den ersten Samenerguss (Ejakulation) beim Buben. Ein typisches Merkmal der Pubertät ist auch der starke Wachstumsschub. Aus den körperlichen Veränderungen ergeben sich soziale und emotionale Entwicklungsvorgänge, für die der Begriff ÄAdoleszenz“ (‚adolescere‘ bedeutet Äwachsen“ oder Äerwachsen werden“) benutzt wird. Man kann aber auch im weitesten Sinne von Jugendalter sprechen. (Specht 1996, 22ff)

Die Pubertät bezeichnet also in erster Linie den körperlichen Reifungsakt, während Adoleszenz sich auf psychische Entwicklungsaspekte bezieht (Müller-Bülow 2001, 17). Blos (1962) bezeichnet die Pubertät folgend als ein ÄWerk der Natur“ (Blos 1962, 149) und die Adoleszenz als ein ÄWerk des Menschen“ (ebd.). Diese Bezeichnungen zeigen, dass die Adoleszenz psychische Folgen der pubertären Veränderungen und deren Verarbeitung durch den Heranwachsenden beinhaltet. Die Dauer der Adoleszenz ist individuell verschieden und kann auch nicht klar festgelegt werden, da sie im Gegensatz zur Pubertät stärker von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen abhängig ist (Müller- Bülow 2001, 17).

3. Essstörungen bei Mädchen in der Adoleszenz

ÄEssen ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen und eng mit Gefühlsregungen und sozialen Beziehungen verbunden“ (Reich et al. 2004, 12). So heißt es in der Umgangssprache zum Beispiel, dass jemandem Probleme und Spannungen Äauf den Magen schlagen“ oder dass Menschen ÄKummerspeck ansetzen“ können. Während dieser Umgang mit dem Essen von vielen Personen mit dem Lösen der jeweiligen Probleme wieder aufgegeben wird, gibt es eine Vielzahl von Menschen, bei denen sich diese und andere Verhaltensmuster zu einem gestörten Essverhalten entwickeln (vgl. ebd.). In der Informationsbroschüre ÄEssstörungen...was ist das?“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) werden Essstörungen in diesem Sinne als Versuch beschrieben, Ädie Nahrungsaufnahme und damit den Körper zu manipulieren. (...) Unbewusst wird dabei versucht, innere Konflikte, hoffnungslos erscheinende Schwierigkeiten und Stress zu bewältigen“ (BZgA 2006, 5). Dieses Kapitel soll nun der Einführung in den Themenkomplex der Essstörungen und im Besonderen der Magersucht dienen.

Das Phänomen der Essstörungen nicht geschlechtsspezifisch zu betrachten, würde zentrale Charakteristika verkennen und damit Erklärungen unbrauchbar machen. Da Mädchen und junge Frauen die überwältigende Mehrheit der Betroffenen darstellen (Buchholz 2001, 5), nehmen sie auch in dieser Arbeit die Hauptrolle ein - sie sind sozusagen der "Regelfall".

3.1. Essstörungen als Sucht

Grundsätzlich wird bei der Definition von Sucht zwischen substanzgebundenen und substanzungebundenen Abhängigkeiten unterschieden, letztere werden auch als Verhaltensabhängigkeiten bezeichnet. Die Entwicklung einer Abhängigkeit unterliegt dabei in beiden Fällen derselben Dynamik. Die substanzungebundene Abhängigkeit äußert sich in bestimmten Verhaltensweisen, die die Gesundheit schädigen oder schwerwiegende soziale Folgen haben können. Essstörungen werden als stoffungebundene Sucht eingeordnet. (Beushausen 2004, 15ff)

Während im allgemeinen Sprachgebrauch die Essstörungen häufig der Sucht zugeordnet werden(Magersucht, Ess-Brechsucht, Fresssucht), urteilen die Literatur und die Mitarbeiter beratender Institutionen unterschiedlich. Oftmals wird eine klare Zuordnung vermieden. Für Brunner und Franke(1997) sind die Essstörungen weder Äeindeutig noch ausschließlich den Abhängigkeitserkrankungen zuzuordnen“ (Brunner, Franke 1997, 56). Der Bundesverband für Essstörungen betrachtet Essstörungen als psychosomatische Erkrankung mit Suchtcharakter. Der DMS und der ICD ordnenEssstörungen nicht der Sucht zu, sondern den psychosomatischen Erkrankungen. Die meisten Suchtberatungsstellen fühlen sich jedoch für das Problem der Essstörungen zuständig (Vgl. LSM 1997).

Auf der Grundlage der Meinungsverschiedenheit in der Fachwelt, versucht Dr. J. Beushausen (2004) Essstörungen aus den folgenden Gründen den Süchten zuzuordnen:

Ein Grund Essstörungen als Sucht zuzuordnen wäre, dass ÄMenschen mit Essstörungen sich oftmals selbst als süchtig“ (Beushausen 2004, 17) beschreiben. Des Weiteren steht Äbei massiven Essstörungen und bei stoffgebundenen Suchterkrankungen das Essen, bzw. das stoffgebundene Suchtmittel, im Mittelpunkt des Alltags“ (ebd., 18). Zusätzlich hebt sie hervor, dass Ädie Verhaltensweisen Hungern und Intoxikation in ähnlicher Weise den psychologischen, physiologischen und sozialen Zustand des Menschen verändern“ (ebd.)

Außerdem berichten Ädie Betroffenen in sehr ähnlicher Weise von einem überwältigenden Verlangen nach Alkohol oder Essen oder Nicht-Essen, wobei es im Laufe der Zeit zu einer sogenannten ‚Dosissteigerung‘ kommt“ (Beushausen 2004, 18). Das heißt, es wird immer mehr gegessen, getrunken, erbrochen oder gehungert.

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Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668146754
ISBN (Buch)
9783668146761
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314817
Institution / Hochschule
Universität Wien – Bildungswissenschaft
Note
1
Schlagworte
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Autor

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    Sarah G. (Autor)

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