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Donald Davidsons Ereignisbegriff. Können Gründe Ursachen von Handlungen sein?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist eine Handlung?

3. Möglichkeiten der Verursachung
3.1 Kausale Erklärung von Ursache und Wirkung
3.2 Gründe als Ursachen

4. Die Kompatibilität von kausaler und rationaler Verursachung – Davidsons anomaler Monismus

5. Einwände und Probleme

„In der Philosophie sollte man diesen Zusammenhang sicherlich geheimnisvoll finden“ (Hampshire)

Zunächst möchte ich die Aufgabenstellung eingrenzen, indem ich relevante Aufsätze nenne, die Donald Davidson zu diesem Thema veröffentlicht hat und die für diese Hauptseminararbeit verwendet wurden. Im Wesentlichen sind dies 3 Aufsätze:

1. Handlungen, Gründe und Ursachen (1963)
2. Geistige Ereignisse (1970)
3. Handeln (1971)

Im ersten Aufsatz „Handlungen, Gründe und Ursachen“ findet sich die Antwort auf die Ausgangsfrage, ob Gründe wirklich Ursachen von Handlungen sein können. Da die Argumentation von Davidson sich plausibler und vollständiger unter Hinzunahme weiterer, zeitlich später verfasster Aufsätze gestaltet, werden diese ebenfalls herangezogen, vor allem die beiden Aufsätze „Geistige Ereignisse“ und „Handeln“ sollten Davidsons Argumentation weiter erhellen. Weitere hier zitierte Primärtexte von Davidson sowie verwendete Sekundärliteratur finden sich im Literaturverzeichnis im Anhang dieser Arbeit.

1. Einleitung

Die auf den ersten Blick trivial erscheinende Feststellung, dass Gründe Ursachen von Handlungen sein können, ist, wie so manches in der Philosophie, eine These, die im Alltagsgebrauch der Sprache gewöhnlich nicht zur Disposition steht.

Donald Davidson schlägt sich in dem Diskurs der philosophischen Handlungstheorie auf die Seite des Common sense. In seinem 1963 veröffentlichten Aufsatz „Handlungen, Gründe und Ursachen“ plädiert er dafür, dass die Angabe eines Grundes einer Handlung im Sinne einer Rationalisierung, eine Form der kausalen Erklärung sei (vgl. 1963, S.19).

Worin besteht grundsätzlich der Unterschied zwischen einem Grund und einer Ursache? Die fundamentale Differenz ist die Anwendung der Begriffe auf verschiedenartige Wirkursachen. Zum einen ist ein Grund etwas, das einem Subjekt als Legitimation einer Handlung zugeschrieben werden kann und diese somit verstehbar werden lässt. Gründe nachzuvollziehen bedeutet Interpretation. Hingegen bezieht sich der Begriff der Ursache auf eine abgeschlossene physikalische Welt, in der im Idealfall präzise Vorhersagen getroffen werden können. Gründe erfordern die Methode der Hermeneutik und Ursachen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Naturwissenschaften, oder man kann diese Differenzen auch als den Unterschied von Verstehen und Erklären beschreiben. Eben jene weitreichende Unterscheidung geht wesentlich auf W. Dilthey im 19. Jahrhundert zurück, der diesen Sachverhalt auf eine griffige Formel brachte: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“[1]

Im Folgenden soll nun erst einmal geklärt werden, was Davidson unter einer Handlung versteht und wie diese in einem kausalen Verhältnis stehen kann. Sind die Relata einer Handlung ausfindig gemacht, kann man sich der Möglichkeit der Verursachung widmen. Davon findet man zwei Arten, nämlich kausale Erklärungen einer Verursachung auf der Ebene der physikalischen Welt und eine mentale Verursachung im Sinne einer Rationalisierung einer Handlung durch Gründe. Sollen Gründe eine Form kausaler Erklärungskraft besitzen, müssen sie allgemeinen strikten Gesetzen folgen. Wie das möglich sein soll, ohne das mentale Vokabular dem präziseren physischen Vokabular zu opfern, d.h. auf dieses zu reduzieren, das ist unter anderem der Aufgabenbereich seines Anomalen Monismus, der Versuch die Beziehung zwischen Geistigem und Physischem zu veranschaulichen.

2. Was ist eine Handlung?

Es gibt Ereignisse, die wir als Handlung bezeichnen und solche, lediglich Geschehnisse, bei denen wir dies nicht tun. Nach Davidson kann eine ziemlich genaue Menge von Ereignissen bestimmt werden, die Handlungen sind (vgl. 1971, S.74).

Gesucht wird zunächst nach einem Kriterium, das eine Unterscheidung zwischen einem Ereignis und einer Handlung liefern kann. „Er blinzelte, kullerte aus dem Bett, machte das Licht an, hustete, schwitzte, verschüttete den Kaffee und stolperte über den Teppich“ (1971, S.75). Das sind Vorgänge, bei denen wir uns in dieser aus dem Kontext gerissenen Darstellung im Unklaren darüber sind, ob sie Handlungen sind, da wir z.B. nicht wissen, ob jemand in einer bestimmten Absicht blinzelt oder, ob das Blinzeln ungewollt stattfindet. Zweifelsohne haben diese Beschreibungen in entsprechenden Kontexten das Potenzial eine Handlung zu sein, aber was fehlt, sind weitere Informationen über diese Ereignisse. Hat der oder diejenige absichtlich geblinzelt, gehustet und ist über den Teppich gestolpert? Als Kandidaten, der als Distinktion von Handlung und bloßem Geschehnis fungieren könnte, führt Davidson die Absicht ins Feld. Allerdings ist es nicht hinreichend für eine Handlung, eine Absicht zu haben, denn Absichtlichkeit impliziert zwar Handeln, jedoch muss es umgekehrt nicht gelten, d.h. von einer Handlung kann man unter Umständen auch dann sprechen, wenn keine Absicht vorliegt. Dabei unterscheidet Davidson zwischen 3 Szenarien einer Handlung. Als Beispiel nennt er u.a. das Verschütten eines Kaffees, das er in drei möglichen Szenarien darstellt. In allen drei Fällen sprechen wir normalerweise von einer Handlung. Erstens besteht die Möglichkeit, dass jemand fälschlicherweise der Meinung ist, in seiner Tasse befinde sich Tee und diese eben absichtlich verschüttet, dann ist das Teeverschütten intendiert, aber nicht das Kaffeeverschütten. Zweitens wird jemand an seinem Arm gestoßen und verschüttet dadurch seinen Kaffee, folglich unabsichtlich. Auch dann würde man noch von einer Handlung sprechen. Und im dritten Szenario verläuft alles nach Plan, jemand hat die Absicht einen Kaffee zu verschütten und vollzieht anschließend diese Tat. Probleme für die Absicht als hinreichendes Kriterium bereiten die ersten beiden genannten Fälle, etwas in einem Irrglauben zu beabsichtigen und etwas gar nicht zu beabsichtigen, wie z.B. auch das Verrechnen bei dem Versuch, eine mathematische Aufgabe zu lösen. Da sich der Sachverhalt des Kaffeeverschüttens z.B. sowohl intentional als auch nicht-intentional beschreiben lässt, schlägt Davidson vor, „von Sätzen und Handlungsbeschreibungen zu reden, anstatt von Handlungen“ (1971, S.77). Andernfalls könnten wir ein und dieselbe Handlung sowohl beabsichtigt als auch unbeabsichtigt nennen. Es muss eine Beschreibung eines Ereignisses derart geben, dass jemand etwas absichtlich getan hat, dann ist derjenige der Autor seiner Handlung.

„Jemand ist der handelnde Urheber eines Ereignisses dann und nur dann, wenn es eine Beschreibung seines Tuns gibt, durch die ein Satz wahr wird, der besagt, er habe es absichtlich getan.“ (1971, S.77)

Für das Beispiel des Kaffeeverschüttens übertragen heißt das, wenn Kaffee sich aus einer Tasse auf den Boden zubewegt, kann dieses Ereignis dann eine Handlung sein, wenn es eine Beschreibung dazu gibt, die besagt, ein Akteur habe es absichtlich getan. Das Ereignis ist das Grundlegende, das durch intentionale Beschreibung zu einer Handlung werden kann. Das bedeutet, alle Handlungen sind Ereignisse, diese referieren auf sie, aber nicht alle Ereignisse sind Handlungen. Erst durch eine Beschreibung wird ein Ereignis zu einer Handlung, deshalb sei es besser von Handlungssätzen als von Handlungen zu reden (vgl. 1971, S.77). Für Davidson sind Ereignisse etwas, das es beschreibungsunabhängig gibt. Es wird also auf zwei Ebenen zwischen Handlung und Ereignis differenziert, zum einen die Beschreibungsebene, durch die Ereignisse erst zu Handlungen werden und zum anderen die Ebene der unbeschriebenen Vorkommnisse der Ereignisse.

Diese Ontologie der Ereignisse, die Individuation dieser eingeschlossen, ist wichtiger Bestandteil Davidsons Konzeption der Kausalität, denn jene Ereignisse sind die Relata einer kausalen Beziehung, d.h. Ursache und Wirkung sind Ereignisse.

Gerade weil die Davidsonschen Ereignisse einen fundamentalen Ort in seinem Theoriegebäude einnehmen, sind sie „heiß umkämpftes Terrain“[2].

An dieser Stelle verzichte ich auf eine detailliertere Explikation jener Ereignisse, da diese im weiteren Verlauf noch mehrmals eine Rolle spielen und somit weitere Erläuterungen dazu folgen werden.

Da die Absicht als Kriterium einer Handlung nicht ganz unproblematisch ist, denn der Begriff der Absicht ist womöglich weniger klar zu analysieren als der, den diese eigentlich erklären soll, sucht Davidson nach einem zusätzlichen Kriterium, das eine Handlung oder genauer gesagt eine Handlungsbeschreibung kennzeichnet. Einen Kandidaten dazu findet er im Kausalitätsbegriff, denn durch die Verursachung bestehe „eine gewisse ungefähre Symmetrie zwischen Absicht und Handeln“ (1971, S.79).

Mit einer Symmetrie ist hier gemeint, dass der Akteur einer Handlung und somit implizit eines Ereignisses, dessen Beschreibung eine Handlung ist, diese in einer bestimmten Art und Weise hervorbringt, auslöst oder verursacht. Derartige Verben weisen auf den Begriff der Kausalität hin, auf eine Handlungszuschreibung, die den Urheber einer Handlung kennzeichnet, folglich den Handelnden mit der Verursachung in Verbindung bringt. Brutus ermordete durch einen Dolchstoß Caesar. Der Urheber der Tötung Caesars war Brutus, indem er durch die Führung des Dolches in der richtigen Art und Weise in seiner Hand den Tod Caesars verursachte. Die Körperbewegung des Brutus, die Ursache, erzielt eine bestimmte physische Wirkung, ist eine Deutung im Sinne der Ereigniskausalität. Diese Form der Kausalität vermag es nach Davidson und wohl auch dem Common sense nach nicht die Frage nach der Verursachung des Caesar-Mordes erschöpfend zu erklären. Wer würde sich schon mit einer mechanisch-physikalischen Erklärung eines Mordes zufrieden geben? Womöglich ein Gerichtsmediziner. Wenn wir aber in Fällen wie in dem eben genannten Beispiel von Handlungen sprechen, meinen wir in der Regel etwas mehr damit als lediglich Ereigniskausalität. Diese andere Art der Kausalität wie sie bei Handlungen auftritt, im Vergleich zur Ereigniskausalität, nennt Davidson „Handlungskausalität“ (1971, S.85). Die begriffliche Trennung von Ereignis- und Handlungskausalität soll zwei verschiedene Aspekte des Handelns besser verständlich werden lassen, falls wir uns der Frage der Verursachung einer Handlung widmen. Nur im Zusammenspiel von Ereigniskausalität auf der Ebene der beschreibungsunabhängigen Verursachung und der relevanten handlungskausalen Beschreibung der Beweggründe eines Akteurs unter der er die Handlung ausgeführt hat verstehen wir eine Handlungserklärung vollständig, jedoch immer unter dem Vorbehalt eines rational agierenden Handelnden, der gemäß seiner Überzeugungen und Wünsche konsistent handelnd.

[...]


[1] zitiert nach: Sandkühler Hans Jörg, Enzyklopädie Philosophie, Meiner, 1999, Bd. 2, S.1698

[2] Glüer Katrin, Donald Davidson zur Einführung, Junius, 1993, S.92

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638324717
ISBN (Buch)
9783656871149
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31471
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Philosophie
Note
gut
Schlagworte
Donald Davidson Können Gründe Ursachen Handlungen Hauptseminar Kausalität

Autor

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