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Resilienzforschung. Merkmale, Risiko- und Schutzfaktoren der Widerstandsfähigkeit

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Begriffsbestimmung

2. Geschichte der Resilienzforschung

3. Merkmale von Resilienz

4. Risiko- und Schutzfaktoren
4.1. Risikofaktoren
4.2. Schutzfaktoren
4.2.1. Personale Schutzfaktoren
4.2.2. Familiäre Schutzfaktoren
4.2.3. Soziale Schutzfaktoren

5. Maßnahmen zur Stärkung von Resilienz

6. Resilienz im beruflichen Kontext

7. Fazit

Literaturverzeichnis

„Es geht im Leben nicht darum, gute Karten zu haben, sondern mit einem schlechten Blatt ein gutes Spiel zu machen.“

(Robert Louis Stevenson)

Einführung

Die Gesundheitsforschung hat in den vergangenen zwei Jahrzenten einen Paradigmenwechsel erfahren. Während sich in der Vergangenheit die Gesundheitsexperten hauptsächlich auf die negativen Folgen von traumatischen Erlebnissen, schlimmen Kindheitserfahrungen, Entwicklungsdefiziten oder ‑störungen und deren Behebung konzentrierten, fand in den 1990er Jahren eine Umkehr der wissenschaftlichen Denkrichtung und des Forschungsinteresses statt. Mit der Entwicklung des Resilienzkonzeptes rückten wie auch schon beim Konzept der Salutogenese die Stärken der Individuen, die positiven und gesunden Widerstandskräfte und deren Förderung in den Blick der Forscher.

Doch was genau ist unter dem Begriff „Resilienz“ zu verstehen? In Kapitel 1 dieser Arbeit wird eine Begriffsbestimmung vorgenommen bevor im zweiten Kapitel die Geschichte der Resilienzforschung nachgezeichnet wird. Das dritte Kapitel widmet sich dann den Merkmalen von Resilienz und zeigt die Wirkmechanismen von Widerstandfähigkeit auf.

Zentraler Bestandteil dieser Arbeit ist die Beschreibung der Risiko- und Schutzfaktoren von Resilienz. So fasst Kapitel 5 die Erkenntnisse zu hinderlichen und insbesondere zu förderlichen Bedingungen für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zusammen. Daran schließt sich in Kapitel 5 eine Beschreibung von Maßnahmen zur Stärkung von Resilienz an.

Die Resilienzforschung ist traditionell fest in der Entwicklungspsychologie verwurzelt. In den letzten Jahren interessiert sich jedoch auch die Arbeitspsychologie für die Ergebnisse. Darauf geht diese Arbeit im letzten Kapitel ein.

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff „Resilienz“ leitet sich ab vom lateinischen Wort „resilire“ bzw. dem englischen „resilience“ und bedeutet „zurückspringen“, „abprallen“, oder auch „Spannkraft“, „Widerstandsfähigkeit“ und „Elastizität“. Der Ursprung des Begriffs ist in der Werkstoffkunde zu finden, wobei damit die Eigenschaften von Materialien beschrieben werden, elastisch und flexibel auf äußere Einwirkungen zu reagieren und dabei dennoch ihre Form zu bewahren.

In Gesundheitsforschung und Entwicklungspsychologie bekommt Resilienz eine übertragene Bedeutung. Trotz einer Vielzahl an kontextabhängigen Definitionen ist ganz allgemein betrachtet Resilienz „die Fähigkeit von Menschen, auf wechselnde Lebenssituationen und Anforderungen in sich ändernden Situationen flexibel und angemessen zu reagieren und stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden zu meistern.“ (Quelle: Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik)

Im deutschsprachigen Raum hat sich vor allem die Definition von Corinna Wustmann durchgesetzt, die sowohl externale als auch internale Kriterien einbezieht. Resilienz ist demnach „die psychische Widerstandsfähigkeit von einigen Menschen gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann, 2004, S. 18), an denen viele andere Schaden nehmen. Das Phänomen der Resilienz bezieht sich auf die Abwehr von fehlangepassten Reaktionen angesichts belastender Lebensumstände“. Resilienz bezieht sich also auf psychische Gesundheit trotz erhöhter Entwicklungsrisiken und verweist auf die Fähigkeit von Individuen, solche Risikobelastungen zu bewältigen.

Wichtig hierbei ist jedoch die Unterscheidung, dass Resilienz sich nicht alleine trotz der widrigen Lebensumstände, sondern geradezu wegen dieser negativen Bedingungen entwickelt, mit denen sich das Individuum auseinander setzen muss. So sind l aut Rönnau-Böse und Fröhlich-Gildhoff zwei Aspekte Voraussetzung, um von „Resilienz“ sprechen zu können:

„1. Es besteht eine belastende Situation.
2. Diese belastende Situation wird erfolgreich bewältigt“ (vgl. Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff, 2010, S. 10).

Demnach ist Resilienz nicht als primär individuelle und angeborene Eigenschaft zu verstehen, sondern als eine Fähigkeit, die ein Ergebnis einer Interaktion zwischen der Person und ihrer Umwelt ist. Sie ist damit keine stabile, feste Größe, sondern ein dynamischer Entwicklungsprozess.

Der Gegenbegriff zu Resilienz ist die „Vulnerabilität“ (lat. „Verletzlichkeit“). Die Vulnerabilität ist als Konzept defizitorientiert und verweist auf die Möglichkeit, dass ein Individuum, unter dem Einfluss von Risikobelastungen verschiedene Formen von Erlebens- und Verhaltensstörungen entwickelt.

2. Geschichte der Resilienzforschung

Bekannt wurde der Begriff Resilienz über die sogenannte „ Kauai-Studie“ in den 1950er Jahren. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner verfolgte in dieser Studie vier Jahrzehnte lang die Entwicklungsverläufe von fast 700 Kindern, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden. Etwa ein Drittel von ihnen wuchs unter für ihre Entwicklung höchst riskanten sozialen Bedingungen auf. Werner und ihr Team fanden heraus, dass etwa zwei Drittel dieser „Risiko-Kinder“ höchst problematische Entwicklungsverläufe nahmen. Ein Drittel der Kinder wuchs jedoch unerwartet zu kompetenten, psychisch gesunden, leistungsfähigen und zuversichtlichen Erwachsenen heran. Sie erwiesen sich somit als resilient gegenüber den Risiken, die ihr Umfeld barg.

Die Kauai-Studie war zwar nicht die erste Erhebung ihrer Art, aber wohl die bekannteste. Sie und andere Studien aus der Pionierphase begründeten eine neue Forschungsrichtung, die Resilienzforschung.

In Deutschland wurden Anfang 1980er Jahre erste Studien zum Thema Resilienz durchgeführt. Die bekanntesten davon sind die „Mannheimer-Risikokinder-Studie“ und die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“.

Die „Mannheimer Risikokinderstudie“ begann 1986 als eine prospektiv angelegte Längsschnittstudie zur Entwicklung von Risikokindern. Sie begleitet eine ausgewählte Gruppe von Kindern von der Geburt bis zum Jugendalter in ihrer individuellen und familiären Entwicklung. Die Aus gangsstichprobe umfasste 362 Kin der, die zwischen 1986 und 1988 im Raum Mannheim geboren wurden. Diese wurden aufgrund der zum Zeitpunkt der Geburt erfassten organischen und psychosozialen Belastungen in drei Risikogruppen eingeteilt (keine, leichte oder schwere Belastung). Es wurden bisher Untersuchungen im Alter von drei Monaten, zwei, vier, fünf, acht, elf und 15 Jahren durchgeführt. Die Zielsetzung der Studie war es, „herauszufinden, wie sich Kinder mit unterschiedlichen Risikobelastungen entwickeln und welche möglichen protektiven (schützenden) Faktoren es gibt“ (Fröhlich-Gildhoff, Rönnau-Böse 2014, S. 16). Die Ergebnisse der Studie konnten die Ergebnisse der „Kauai-Studie“ bestätigen und zusätzlich die Entwicklungsrisiken gut beschreiben. Die Erforschung der protektiven Faktoren selber blieb jedoch aus.

Die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“ legte in den 1990er Jahren hingegen den Schwerpunkt ihrer Untersuchung auf die seelischen Widerstandskräfte und die Überprüfung von vermeintlichen Schutzfaktoren, die unter den Bedingungen eines besonders hohen Entwicklungsrisikos entstehen. Es sollte damit also explizit die Resilienz der Kinder - auch außerhalb ihrer Familie - untersucht werden. Die Forscher wählten für ihre Untersuchung ein Zweigruppendesign, in dem sie eine resiliente Gruppe mit einer Hochrisikogruppe verglichen. Die Probanden waren Jugendliche, die in Heimbetreuung aufwuchsen. Die Gruppe setzte sich aus 146 Personen im Alter von 14-17 Jahren zusammen, wovon 60 als resilient und 86 als verhaltensauffällig eingestuft wurden.

Eine zweite Erhebung der Daten erfolgte nach zwei Jahren. Es zeigte sich, dass zwei Drittel der Jugendlichen in ihrem Verhalten entweder resilient oder auffällig geblieben sind. Die zum Zeitpunkt der ersten Erhebung festgelegten protektiven Faktoren erwiesen sich als beständig, d.h. sie hielten der Überprüfung stand und erwiesen sich auch als prognostisch wirksam. Damit wurde eine Modellvorstellung bestätigt, in der solche Schutzfaktoren eine schädliche Wirkung eines vorhandenen Risikofaktors positiv beeinflussen und diesen mindern oder beseitigen.

Anzumerken sei, dass aufgrund der hohen Fluktuation in den Heimen und der besonderen Risikogruppe die Ergebnisse der Arbeit nur eingeschränkt verallgemeinerbar sind. Eine bundesweit d urchgeführte Längs schnittstudie zur psychischen Gesundheit stellt zurzeit das Zusatzmodul BELLA des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts dar, dessen Ziel es ist, repräsentative Daten über die seelische Gesundheit Kinder und Jugendlicher in Deutschland zu gewinnen.

3. Merkmale von Resilienz

Zu Beginn der Resilienzforschung in den 1970er Jahren ging man davon aus, dass die Widerstandsfähigkeit des Menschen vor allem genetisch vorbestimmt und damit angeboren ist. Mit der Erkenntnis, dass Resilienz jedoch hauptsächlich durch die Interaktion zwischen der Person und ihrer Umwelt bedingt ist, legte man ihre wesentlichen Merkmale fest. Als zentrale Wirkmechanismen von Resilienz gelten: (vgl. Fröhlich-Gildhoff, Rönnau-Böse, 2014, S. 10 ff):

Resilienz ist eine variable Größe

Die Widerstandsfähigkeit des Individuums ist nicht beständig und verändert sich im Laufe des Lebens. Sie ist kein permanentes Schutzschild gegen die Widrigkeiten des Lebens, sondern ein dynamischer Prozess, der in der jeweiligen Situation neu bestehen bzw. neu gebildet werden muss. Somit ist Resilienz nicht nur instabil, sondern auch nicht voraussehbar. Dies kann dazu führen, dass belastende Situationen zum einen Zeitpunkt des Lebens gut, zu einem anderen aber nur mit Schwierigkeiten oder gar nicht bewältigt werden können.

Resilienz ist situationsspezifisch und kontextabhängig

Die Fähigkeit zur Resilienz ist nicht allgemeingültig und auf alle Lebensbereiche übertragbar, sondern situationsabhängig. So kann es sein, dass ein Manager in beruflichen Zusammenhängen seine Aufgaben auch unter Druck und Stress mit Bravour meistert, während er mit sozialem Stress im privaten Bereich völlig überfordert ist. So unterscheidet man in diesem Zusammenhang teilweise zwischen Resilienzfähigkeiten, die nur für einen Bereich spezifisch sind, wie z.B. soziale oder emotionale Resilienz.

Resilienz ist ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess

Resilienz ist mit Lernerfahrungen und bewältigten Lebensereignissen verbunden, welche sich auf die weitere Entwicklung des Individuums positiv auswirken. Durch die Interaktion mit der Umwelt wird diese ebenfalls positiv beeinflusst und reguliert. So kann es sein, dass jemand, der sich in einer scheinbar völlig hoffnungslosen Lage befindet und trotzdem an seine Möglichkeiten glaubt, die Situation am Ende kontrolliert und sein Umfeld damit verändert. Zusätzlich erstarkt er an dieser Erfahrung, so dass dieser Prozess eine kumulative Wirkung zeigt.

Aufgrund der Vielschichtigkeit der beteiligten biologischen, psychologischen und psychosozialen Einflüsse, ist Resilienz nie eindimensional zu erfassen und soll daher immer ganzheitlich betrachtet werden.

4. Risiko- und Schutzfaktoren

Hinsichtlich der Entstehung von Entwicklungsstörungen aber auch bei der Bildung von Resilienz spielen Risiko- und Schutzfaktoren eine zentrale Rolle. Beide sind in ihrer Wirkungsweise miteinander verflochten, sie nähren und beeinflussen sich gegenseitig.

Legt die klassische Entwicklungspsychologie den Fokus auf die Entwicklungsrisiken, vollzieht sich mit der Resilienzforschung ein Paradigmenwechsel. Analog zum Konzept der Salutogenese, das sich vom traditionell krankheitszentrierten Modell der Pathogenese abwendet und eine gesundheitsbezogene, ressourcenorientierte und präventiv ansetzende Methodik postuliert, stellt die Resilienzforschung die Schutzfaktoren und ihre protektive Wirkung in den Mittelpunkt des Interesses.

4.1. Risikofaktoren

Ganz allgemein gesagt versteht man unter Risikofaktoren alle Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Störungsentwicklung erhöhen. Holtmann und Schmidt definieren Risikofaktoren wie folgt: „Risikofaktoren werden als krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungshemmende Merkmale definiert, von denen potentiell eine Gefährdung der gesunden Entwicklung des Kindes ausgeht“ (Holtmann/Schmidt zitiert nach Fröhlich-Gildhoff, Rönnau-Böse, 2014, S. 20 ff).

Risikofaktoren können sowohl internal als auch external auftreten, d.h. sie können dem Individuum innewohnend (z.B. chronische Krankheiten, genetische Prädispositionen, geringe kognitive Fähigkeiten) oder durch das Umfeld des Individuums bedingt sein (z.B. Armut, Alkoholmissbrauch bei den Eltern, Belastungen innerhalb des sozialen Umfelds).

Weiterhin können Risikofaktoren unveränderbar oder variabel sein. Unveränderbar ist z.B. das Geschlecht des Kindes, das je nach Entwicklungsphase einem besonders hohen Risiko ausgesetzt ist (z.B. selbstverletzendes Verhalten pubertierender Mädchen). Veränderbare Faktoren sind hingegen, alle Faktoren, auf die ein Einfluss genommen werden kann, wie z.B. die Mutter-Kind-Beziehung. Die veränderbaren Faktoren sind in der Resilienzforschung von besonderem Interesse, da hier die Entwicklung von Konzepten zur Prävention und Interventionsmöglichkeiten ansetzen können.

Grundsätzlich jedoch gilt, dass das Vorhandensein eines Risikofaktors nicht zwangsläufig die Entstehung einer Störung nach sich ziehen muss. Meistens ist es die kumulative Wirkung von mehreren Risikofaktoren, der eine Entwicklungsstörung folgen kann.

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Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668144514
ISBN (Buch)
9783668144521
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314602
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1.0
Schlagworte
Resilienz Resilienzforschung Widerstandsfähigkeit

Autor

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Titel: Resilienzforschung. Merkmale, Risiko- und Schutzfaktoren der Widerstandsfähigkeit