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„Die Leiden des jungen Werther“ im Zusammenhang mit Goethes Leben. Ein biographischer Deutungsversuch

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gründe für autobiographisches Schreiben

3 Die Leiden des jungen Werther

4 Vergleich Werther und Goethe
4.1 Werthers Zeit in Wahlheim
4.2 Werthers Charakter
4.3 Werthers Suizid

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Im September 1774 erschien pünktlich zur Leipziger Herbstmesse der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von dem 24-jährigen Johann Wolfgang Goethe.[1] Bereits kurze Zeit später wurde das Werk zur literarischen Sensation: Vor allem junge Leute identifizierten sich mit dem unglücklich verliebten Protagonisten, der an der sozialen Wirklichkeit seiner Zeit zerbricht.[2] Es entstand ein regelrechter Hype um den Roman, der später als „Werther-Fieber“ in die Geschichte eingehen sollte: Man kleidete sich in Anlehnung an den Romanhelden mit blauem Frack und gelber Weste, benutzte das Parfum „Eau de Werther“ und imitierte überhaupt dessen Melancholie als Lebenshaltung.[3] Einige gingen sogar soweit, sich, wie das literarische Vorbild, das Leben zu nehmen.[4]

Die Kritik war dementsprechend zwiegespalten: Das eine Lager sah in dem Werk eine Verherrlichung des Selbstmords und es wurden Rufe nach Zensur und Verbot laut.[5] Auf der anderen Seite wurden die eindringliche Darstellung der Empfindungen und die poetische Schönheit des Werkes bewundert. Trotz oder gerade wegen der kontroversen Ansichten wurde „Werther“ eines der berühmtesten Werke der europäischen Literaturgeschichte und an die Seite des Briefromans reihten sich seither immer mehr Rezensionen, Fortsetzungen, Parodien und wenig später wurde der Stoff auch in Romanen und Gedichten aufgegriffen oder in Musik und Kunst umgesetzt.[6] Zuletzt erschien gerade der Film „Goethe!“ von Regisseur Philipp Stölz, der das Leben des Dichters mit dem Leben seiner Romanfigur Werther zu einem Liebesfilm verwebt. An einem ähnlichen Punkt setzt auch die vorliegenden Arbeit an und fragt nach Übereinstimmungen zwischen Werthers und Goethes Leben. Inwieweit ähneln sich der Dichter und sein Held? Inwieweit gibt es Parallelen zwischen ihrem Lebensgang und Leidensweg? Ist Werther vielleicht sogar als literarisches Selbstportrait Goethes zu lesen?

Um diese Fragen zu beantworten sollen im Folgenden einige Aspekte des Romans mit Goethes Biographie abgeglichen werden. Zuvor soll eine kurze Zusammenfassung des Inhalts Handlung und Personen darstellen, die für diesen Vergleich relevant sind. Auch soll eine kurze theoretische Abhandlung über den Sinn autobiographischen Schreibens informieren. Im Fazit soll abschließend eine Zusammenfassung der Ergebnisse erfolgen.

2 Gründe für autobiographisches Schreiben

Bevor die Geschichte Werthers mit dem Leben seines Dichtervaters verglichen wird, ist es zunächst sinnvoll, einige theoretische Überlegungen zum Thema der künstlerischen Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen voranzustellen. Denn es ist kein seltenes Phänomen, Charakterzüge oder Erlebnisse des Autors in seinen Werken wiederzuerkennen. Besonders deutlich zeigen dies beispielsweise die Romane „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust oder „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller, um einige Beispiele der Weltliteratur zu zitieren.[7] Keller sagte einmal über seinen Roman:

"Ich habe bei diesem Unglücklichen [dem grünen Heinrich] das gewagte Manöver gemacht, daß ich meine eigene Jugendgeschichte zum Inhalt des ersten Teils machte, um dann darauf den weiteren Verlauf des Romanes zu gründen, und zwar so, wie er mir selbst auch hätte passieren können, wenn ich mich nicht zusammengenommen hätte."[8]

Mit diesem Zitat deutet Keller jenen Grund an, der so viele Autoren zu autobiographischen Schreiben bewegt: Es geht um Selbsterfahrung und Selbstreflexion, um das schreibende Sich-Aneignen von Erinnerungen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte.[9] Nach Werder können dabei vier Funktionen unterschieden werden: Zunächst die identitätsstiftende, psychologische Funktion, bei der man sich im Schreiben der eigenen Biographie vergewissert. Dann die sinnstiftende, philosophische Funktion, welche es ermöglicht, eben diese eigene Biographie schreibend zu hinterfragen und womöglich zu modellieren. Die soziologische Funktion stellt den Bezug des Individuums zu seinem gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Kontext sicher und die narrative Funktion ermöglicht, die eigene Biographie im erzählenden Schreiben neu zu verstehen und womöglich weiterzuentwickeln.[10]

Anhand dieser Funktionen lässt sich erkennen, dass der autobiographische Schreibprozess eine therapieähnliche Wirkung entfalten kann. Es wundert also nicht, dass der Berufsverband der deutschen Psychologinnen und Psychologen im Jahr 2003 das „therapeutische Schreiben“ als neuen Ansatz der Gesundheitsförderung in sein Fortbildungsangebot aufgenommen hat.[11] In den USA ist diese Art der Therapie beispielsweise bereits voll etabliert.[12] Neben dem therapeutischen Effekt kann das autobiographische Schreiben auch noch das sogenannte „generative Bedürfnis“ befriedigen: Die Weitergabe von Lebenserfahrung an die nächsten Generationen. Dies wird, vor allem von älteren Generationen, als sinnstiftende Erfahrung wahrgenommen. Das Schreiben des Werther-Romans vom damals 24-jährigen Goethe ist allerdings vermutlich weniger auf ein generatives Bedürfnis zurückzuführen. Eine Art therapeutischer Hintergrund ist schon wahrscheinlicher, da Goethe, wie im Folgenden noch gezeigt wird, die Erfahrung einer unerfüllten Liebe zu bewältigen hatte.

3 Die Leiden des jungen Werther

Um die später für den Vergleich herangezogenen Figuren und Ereignisse besser einordnen zu können, ist es hilfreich, die Handlung des Romans kurz in ihren Grundzügen darzustellen. Formal setzt sich der Roman aus Briefen an den Freund Wilhelm und aus einigen Passagen eines fiktiven Herausgebers zusammen. Der Roman ist in ein erstes und ein zweites Buch geteilt und die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von ungefähr anderthalb Jahren: Mai 1771 bis Dezember 1772.

Zu Beginn des Romans kommt der junge Werther nach Wahlheim und ist von dem Ort so angetan, dass er sich entschließt eine Weile zu bleiben: „So vertraulich, so heimlich hab ich nicht leicht ein Pläzchen gefunden [...].“[13] Er bewundert die Natur und zeichnet viel. Bald wird er auf einen Ball geladen und auf der Kutschfahrt dorthin lernt er Charlotte S. („Lotte“) kennen und ist entzückt von dem Bild dass sie im Kreise ihrer sechs Geschwister abgibt: „[Als ich] in die Thüre trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich jemals gesehen habe.“[14] Später auf dem Ball tanzt Werther mit Lotte und als ein Gewitter aufzieht und beide am Fenster den Regen betrachten, kommt beiden die gleiche Klopstock-Ode in den Sinn, woraufhin Werther auf eine Seelenverwandtschaft schließt und sich endgültig in Lotte verliebt. Lotte ist allerdings bereits mit dem Geschäftsmann Albert verlobt. Dennoch besucht Werther sie von da an immer öfter. Als Albert von einer Geschäftsreise zurückkommt, entsteht ein freundschaftliches Dreiecksverhältnis, doch Werther wird die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst und er entschließt sich, das Dorf für eine Weile zu verlassen: „Schon vierzehn Tage geh ich mit dem Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muß.“[15] Hiernach beginnt formal das zweite Buch des Werther: Er arbeitet nun am Hof bei einem Gesandten, aber die Geschäftspedanterie und die Borniertheit der Gesellschaft empfindet er als unerträglich und nachdem er eines Abends von einer Feier verwiesen wird, reicht er die Kündigung ein und lebt eine Zeit bei einem Fürsten auf dem Jagdschloss. Kurze Zeit später zieht es ihn aber wieder zurück nach Wahlheim: „Wo ich hin will? [...] ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles. Und ich lache über mein eigen Herz – und thu ihm seinen Willen.“[16] Zurück in Wahlheim sind Lotte und Albert mittlerweile verheiratet. Dennoch besucht Werther Lotte nun wieder regelmäßig. Albert werden diese häufigen Besuche aber suspekt, sodass Lotte Werther bittet, sie ein paar Tage nicht zu treffen. Als er sie trotz des Verbots am nächsten Tag wieder besucht und ihr aus seiner Ossian-Übersetzung vorliest, werden sie von ihren Gefühlen überwältigt und Werther küsst sie. Sie reist sich in Verwirrung los und schließt sich im Nebenzimmer ein. Werther hat zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, zu sterben. Er schreibt einen Abschiedsbrief und setzt seinem Leben um Mitternacht vor Heiligabend mit einer von Albert geliehenen Pistole ein Ende.

4 Vergleich Werther und Goethe

Seit Erscheinen des Werther wurden biographische Deutungsversuche angestellt, die Goethes Leben mit dem Inhalt des Werks abgleichen und noch heute werden diesbezüglich immer neue Entdeckungen präsentiert.[17] Die Forschung zeigt deutlich, dass viele Aspekte des Romans unübersehbar mit dem Leben des Dichters verknüpft sind. Diese Aspekte sollen im Folgenden anhand dreier Kategorien dargestellt werden: Werthers Zeit in Wahlheim, Werthers Charakter und Werthers Suizid. Trotz der vielen Parallelen sollte man nicht vergessen, dass Werther für sich steht und Kunstwerk, Fiktion und Komposition bleibt.

4.1 Werthers Zeit in Wahlheim

Goethe war 1772 als Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar tätig – genau wie Werther in der ungeliebten Position des angehenden Juristen.[18] Dort lernte er Christian Kestner und dessen 19jährige Verlobte Charlotte Buff kennen, zu denen er eine enge Freundschaft knüpfte. Kestner und Buff werden als historische Vorbilder für Lotte und Albert vermutet: Kestner zeichnete sich aus durch „ein ruhiges gleiches Betragen, Klarheit der Ansichten, Bestimmtheit im Handeln und Reden [...] und sein anhaltender Fleiß empfahl ihn dergestalt den Vorgesetzten, dass man ihm eine baldige Anstellung versprach.“[19] Buff war eine junge „nett gebildete Gestalt“ die nach dem Tod ihrer Mutter die volle Verantwortung für ihre vielen jüngeren Geschwister übernommen hatte.[20] Die Ähnlichkeiten zu den Romanfiguren sind hier bereits deutlich und auch stimmen viele weitere Details überein: So lernten sich Goethe und Buff beispielsweise auch auf einem Ball kennen.[21] Auch die „blassrote Schleife“, die Werther zum Geburtstag[22] von Lotte erhält und der Schattenriss, den er von ihr anfertigt, gab es tatsächlich.[23]

Die Geschichte der beiden fand ihr Ende, als Goethe versuchte, Charlotte zu küssen, was sie dazu veranlasste Klarheit zu schaffen. Goethe wurde die Aussichtslosigkeit seiner Liebe bewusst, er reiste aus Wetzlar ab und schrieb wenig später den Werther.[24] Das letzte Gespräch, dass er vor seiner Abreise mit Kestner und Buff geführt haben soll, soll von Leben und Tod gehandelt haben.[25] Im Roman ist das Thema an gleicher Stelle ebenfalls aufgegriffen.[26] Auch weitere Personen sind an reale Bekanntschaften Goethes angelehnt.

Das Mädchen, dass sich im Werther-Roman ertränkte[27] schuf Goethe höchstwahrscheinlich auf der Grundlage einer wahren Begebenheit: Die 23jährige Anna Elisabeth Stöber ertränkte sich am 29. Dezember 1769 in Frankfurt, weil ihr Geliebter sie verlassen hatte.[28] Auch der Hergang von Werthers Suizid ist an den Selbstmord eines Freundes angelehnt, wie in Kapitel 4.3 noch gezeigt werden soll.

4.2 Werthers Charakter

„Das ist auch so ein Geschöpf [Werther] das ich gleich dem Pelikan mit dem Blut meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten.“[29]

Nicht nur Erlebnisse und Personen aus dem Werther-Roman finden Entsprechungen in Goethes Leben, sondern auch die gesamte Wesensart des Protagonisten, sein Charakter und seine Vorlieben sind Goethe recht ähnlich. Das oben genannte Zitat ist nur eine von vielen Andeutungen Goethes die dies belegen. Eine weitere ist beispielsweise in jenem Brief zu finden, den er einer ersten Fassung des Werther-Romans an Lotte beilegte: „Adieu, liebe Lotte, ich schick’ Euch eh’stens einen Freund der viel Ähnlich’s mit mir hat, und hoffe, Ihr sollt ihn gut aufnehmen – er heißt Werther [...].“[30] Diese charakterlichen Ähnlichkeiten sind anhand verschiedenster Punkte festzumachen:

[...]


[1] Vgl. Suhrkamp BasisBibliothek 1998, S. 164

[2] Vgl. URL: http://www.referate10.com/referate/Deutsch/4/Die-Leiden-des-jungen-Werthers---Johann-Wolfgang-von-Goethe-reon.php

[3] Vgl. Suhrkamp Basisbibliothek 1998, S. 165

[4] Vgl. ebd., S. 165

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. URL: http://universal_lexikon.deacademic.com/209740/autobiographischer_Roman

[8] URL: http://www.litde.com/jahrhundert/keller-der-grne-heinrich/erinnern-und-erfinden-der-autobiographische-roman.php

[9] Vgl. Schulte-Steinicke 2009, S. 174

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Schulte-Steinicke 2009, S. 172 f.

[13] Goethe 1774, S. 15 f.

[14] Goethe 1774, S. 20

[15] Goethe 1774, S. 59

[16] Goethe 1774, S. 79 f.

[17] Vgl. Suhrkamp BasisBibliothek 1998, S. 189

[18] Vgl. URL: http://www.referate10.com/referate/Deutsch/4/Die-Leiden-des-jungen-Werthers---Johann-Wolfgang-von-Goethe-reon.php

[19] Goethe in seinem Memoirenroman Dichtung und Wahrheit. Suhrkamp BasisBibliothek 1998, S. 181

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. URL: http://www.referate10.com/referate/Deutsch/4/Die-Leiden-des-jungen-Werthers---Johann-Wolfgang-von-Goethe-reon.php

[22] Vgl. Werthers Geburtstag ist am gleichen Tag wie Goethes Geburtstag: Am 28. August.

[23] Vgl. URL: http://mixed-pickles.com/werke/die%20leiden%20des%20jungen%20werther.html

[24] Vgl. URL: http://www.dieterwunderlich.de/Goethe_Werther.htm#com

[25] Vgl. URL: http://www.referate10.com/referate/Deutsch/4/Die-Leiden-des-jungen-Werthers---Johann-Wolfgang-von-Goethe-reon.php

[26] Vgl. Goethe 1774, S. 61

[27] Vgl. Goethe 1774, S. 51

[28] Vgl. URL: http://mixed-pickles.com/werke/die%20leiden%20des%20jungen%20werther.html Bild: Das Portrait auf dieser Seite zeigt Charlotte Buff (Pastellgemälde von J. H. Schröder). URL: http://www.jena.de/fm/43/CharlotteKestnerGebBuff1753-1828VonJohHchSchroeder.jpg

[29] Suhrkamp BasisBibliothek 1998, S. 117

[30] Suhrkamp BasisBibliothek 1998, S. 174

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668130616
ISBN (Buch)
9783668130623
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314502
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
Goethe Werther Biografische Deutung Klassiker

Autor

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