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Über den Fortschrittsgedanken in John Stuart Mills „The Subjection of Women“ und dessen Verwirklichung

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Stuart Mill

3. The Subjection of Women
3.1 Die Position der Frau im 19. Jahrhundert
3.2 Fortschritt nach Mill

4. Die Position der Frau im 21. Jahrhundert

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„The principle which regulates the existing social relations between the two sexes — the legal subordination of one sex to the other — is wrong itself, and now one of the chief hindrances to human improvement; and [...] it ought to be replaced by a principle of perfect equality, admitting no power or privilege on the one side, nor disability on the other.“[1]

1869 veröffentlichte John Stuart Mill mit The Subjection of Women die damals wohl umstrittenste Arbeit seiner Karriere. Der Essay, von dem man annimmt, dass Mills Lebensgefährtin Harriet Taylor maßgeblichen Einfluss hatte, spricht sich für die uneingeschränkte Gleichstellung der Geschlechter aus. In Anbetracht der derzeit geltenden Normen und Wertvorstellungen eine unvorstellbare Forderung auf die vor allem mit Ablehnung reagiert wurde.[2] Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen sah Mill aber in der Gleichstellung der Geschlechter das Potenzial für immensen gesellschaftlichen und moralischen Fortschritt. Mill aber glaubte daran, dass die Menschheit, die seiner Ansicht nach stets im Fortschreiten begriffen sei, das Ideal einer vollkommenen Gleichstellung irgendwann erreichen würde.[3] Die vorliegende Arbeit soll diese These überprüfen und herausfinden inwieweit unsere heutige Gesellschaft sich tatsächlich Mills Utopie annähern konnte.

Hierbei soll folgendermaßen vorgegangen werden: Zunächst soll anhand einer knappen Biographie des Autors in den Entstehungshintergrund des Essays eingeführt werden. Daraufhin soll die Position der Frau im 19. Jahrhundert nachgezeichnet werden. Im Kontrast dazu wird danach Mills Vorschlag zu einer alternativen Gesellschaftsordnung vorgestellt. Auch soll gezeigt werden, welche Vorteile diese hätte und wie sie zu erreichen sei. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auch Mills Auffassung von Fortschritt zu klären, auf der die vorgeschlagene Gesellschaftsordnung gründet. Dabei soll eng am Text gearbeitet werden, da es sich bis hierhin vor allem um eine Nachzeichnung von Mills Gedanken handelt.

Im darauffolgenden Teil soll schließlich die damalige unserer heutigen Situation anhand ausgewählter Aspekte gegenüber gestellt werden, um einige Veränderungen herauszuarbeiten und festzustellen, inwieweit diese in Mills Sinne einen Fortschritt darstellen. Im Fazit kann daraufhin eine abschließende Einschätzung erfolgen, inwieweit heute von Geschlechtergleichheit zu sprechen ist und ob Mill mit seiner Prognose, die Menschheit würde stets im Fortschreiten begriffen sein, Recht hatte.

2. John Stuart Mill

Bevor sich die Arbeit dem Essay selbst zuwendet, sollen zunächst ein paar grundlegende Informationen bezüglich des Entstehungshintergrunds vorangestellt werden. In diesem Zusammenhang ist ein kurzer Exkurs in Mills Biografie aufschlussreich:

John Stuart Mill wurde 1806 in London geboren. Sein Vater James Mill erkannte in dem Sohn eine „hervorragende Begabung“ und machte es sich fortan - zusammen mit dem befreundeten Philosophen Jeremy Bentham - zur Aufgabe diesem eine frühe intellektualistische Erziehung nach strengem Plan zu verschaffen: Bereits im dritten Lebensjahr wurden dem Sohn Mathematik und Griechisch beigebracht, wenig später folgte Unterricht in Arithmetik, Literatur, Logik und Ökonomie, sodass er mit 17 Jahren eine Stellung bei der Ostindischen Kompanie in London erlangte, die ihm außerdem Raum für wissenschaftliche Tätigkeiten ließ.[4] Im Alter von 20 Jahren zeigte sich die Kehrseite des strikten Erziehungsplanes als Mill von einer ersten Depression heimgesucht wurde.[5] Dennoch verteidigte er rückblickend die Erziehungsmethode seines Vaters und schrieb in seiner Biografie, dass er allein dieser Erziehung seine Fähigkeiten zu verdanken und es nur dadurch zu etwas gebracht habe.[6]

Neben seinem Vater gab es noch eine weitere Person die Mills Leben und Werk besonders prägte: Harriet Taylor. Zwischen ihr und Mill entwickelte sich bereits früh eine enge und langjährige Freundschaft und nach dem Tod ihres ersten Mannes wurde sie Mills Ehefrau. Taylor, die auch eigene Texte veröffentlichte, las und überarbeitete nicht nur Mills Schriften, sondern war auch impulsgebende Instanz für Themen und Gedanken, denen er sich widmete und so wundert es nicht, dass viele der in Mills Essay The Subjection of Women (1869) angeführten Argumente auch in Taylors zuvor erschienenem Essay The Enfranchisement of Women (1851) zu finden sind.[7] Bis heute ist es Gegenstand der Debatte, inwieweit man die Gedanken des Essay ihm oder ihr zuzuordnen hat.[8] Sicher ist, dass das Thema Frauenrecht ein großes Anliegen beider Autoren war: Sie hatten gemeinsam die erste Frauenstimmrechtsgesellschaft gegründet und auch in Mills späterer Zeit als Mitglied des Parlaments war das Frauenrecht eine seiner obersten Prioritäten.[9]

3. The Subjection of Women

Auch wenn Mill stets wenig Wert darauf legte „die systematischen Bezüge zwischen seinen Schriften explizit zu machen“, spiegeln sich in The Subjection of Women doch die Überlegungen vorangegangener Werke wieder.[10] In diesem Zusammenhang sei vor allem auf Utilitarianism (1861) verwiesen. Hier wird in der Tradition Benthams an das Konzept des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Anzahl an Beteiligten angeknüpft. In diesem Rahmen definiert Mill beispielsweise auch den Gerechtigkeitsbegriff: Jegliche Ungleichbehandlung oder Freiheitsbeschränkung muss durch Nutzenüberlegung zu rechtfertigen sein, ansonsten ist sie nicht rechtmäßig.[11] Von diesem Gerechtigkeitsbegriff geht Mill auch in The Subjection of Women aus. Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass der Essay auf utilitaristischem Fundament steht. Daneben zeichnet sich der Text durch die überzeugende Argumentationsstruktur aus: Mill greift alle denkbaren Gegenargumente auf, um sie sogleich mit beeindruckender Rhetorik zu widerlegen.

3.1 Die Position der Frau im 19. Jahrhundert

In diesem Kapitel soll zunächst die derzeitige gesellschaftliche und rechtliche Position der Frau nachgezeichnet und auch die von Mill gelieferten Erklärungen dafür gegeben werden, wie sich dieser von ihm als „primitive Zustand der Sklaverei“ bezeichnete Zustand entwickeln und so lange halten konnte.[12]

Das Leben einer Frau im 19. Jahrhundert zeichnete sich weniger durch Freiheit oder Selbstbestimmung als durch Ergebenheit und Aufopferung aus, was Mill dazu veranlasst, die Situation der Ehefrau mit dem Zustand der Leibeigenschaft gleichzusetzen: „[Die Frau ist] tatsächlich noch heute die Leibeigene ihres Mannes, und zwar [...] in keinem geringeren Grade als diejenigen die man gewöhnlich mit dem Namen Sklaven bezeichnet.“[13] Mill geht noch weiter und argumentiert im Laufe der Schrift, die Situation der Ehefrau sei noch prekärer als die des Sklaven, denn „kein Sklave ist Sklave in solcher Ausdehnung und in so vollem Sinne des Wortes wie es die Frau ist.“[14] Hiermit spielt er darauf an, dass die Frau kein Leben außerhalb dieser Leibeigenschaft hat, nicht nur weil sie mit ihrem Herrn permanent zusammenlebt sondern auch weil sie vollständig von diesem abhängig ist. Eine Reihe von konkreten Beispielen verdeutlicht den ungleichen Status, auch vor dem Gesetz: Der Frau war es nicht gestattet, eigenen Besitz zu beanspruchen. Selbst mögliches Erbe wurde dem Mann zur Verwaltung überlassen, sodass ihr jegliche Verfügung über Vermögen entzogen war: „Das Gesetz betrachtet Mann und Frau als »Eine Person«, um daraus die Folgerung herzuleiten, was ihr gehöre, sei auch das Seinige, der Parallelschluss, was sein sei, gehöre ihr, wird aber niemals daraus gezogen.“[15] Auch das Recht über die gemeinsamen Kinder lag allein bei dem Mann und ohne seine Zustimmung konnte sie nichts in Bezug auf diese bestimmen.[16] Eine Scheidung war nur in äußerst seltenen Fällen möglich, beispielsweise nach brutaler Behandlung durch den Mann.[17] Neben den Missständen im Bereich des Privaten lässt sich auch eine Reihe politischer und gesellschaftlicher Ungleichbehandlungen aufzählen. So war den Frauen beispielsweise das Wahlrecht verwehrt.[18] Auch wurde ihnen verweigert, öffentliche Ämter zu bekleiden und auch höherer Bildung oder gewerbliche Tätigkeit war im Allgemeinen ein Privileg der Männer. Die Aufgaben der Frau sollten in erster Linie auf das häusliche Leben beschränkt bleiben.[19]

Wie aber entstand ein solcher Zustand der Ungerechtigkeit und wie kam es, dass er sich so lange halten konnte? Zunächst lässt sich festhalten, dass diese Gesellschaftsordnung „niemals das Resultat der Überlegung oder des Vordenkens [war].“ Vielmehr verdankt diese Ordnung „seine Entstehung einfach dem Umstande, dass vom frühesten Kindesalter der Menschheit an jede Frau sich in einem Zustande der Knechtschaft bei irgendeinem Manne befunden hat. Gesetze und politische Systeme beginnen mit Anerkennung derjenigen Beziehungen, welche sie bereits bei den einzelnen Individuen als bestehend vorfinden. Sie verwandeln das, was bloß physische Tatsache war, in ein legales Recht [...].“[20]

Es handelt sich also um ein System, was schlicht auf langgehegten Gewohnheiten basiert, die ohne überlegte Rechtfertigung in die moderne Welt übernommen wurden. Aber gerade solche Regelungen, die sich auf Gewohnheiten der Menschen statt auf Verstand stützen, sind nach Mill besonders schwer zu überwinden, denn „solange eine Meinung sehr fest im Gefühl wurzelt, wird sie sich durch ein gegen sich geltend gemachtes Übergewicht von Argumenten nicht erschüttern lassen, sondern weit eher an Stabilität gewinnen.“[21] Durch die langgehegte Tradition wird die Ordnung auch als natürlich angesehen und es wird davon ausgegangen, die Frau sei gar nicht zu den gleichen Leistungen wie der Mann in der Lage. Dabei wird allerdings übersehen, dass die Frau durch die von der Gesellschaft zugeschriebene Rolle geformt wird und ihre wahre Natur so gar nicht beurteilt werden kann: „Jede Frau wird von frühester Jugend an erzogen in dem Glauben, das Ideal eines weiblichen Charakters sei [...]; kein eigener Wille, keine Herrschaft über sich durch Selbstbestimmung, sondern Unterwerfung, Fügsamkeit in die Bestimmung anderer.“[22]

Wie unzufrieden die Frauen mit der Situation waren, wurde durch eine Protestwelle deutlich, die einen Großteil der westlichen Welt erfasste: Immer mehr Frauen kritisierten öffentlich den gesellschaftlichen Missstand, bildeten Vereine und reichten Petitionen ein mit dem obersten Ziel, das Wahlrecht zu erlangen.[23] Allerdings wurden diese Mühen zu Mills Zeiten nur mit schleppendem Erfolg belohnt.[24]

3.2 Fortschritt nach Mill

Nachdem im vorigen Kapitel die Ungleichbehandlung der Geschlechter geschildert und Gründe für das Bestehen dieser Ordnung betrachtet wurden, zeigt sich deutlich, dass sie unrechtmäßig ist und durch eine Neue ersetzt werden sollte. Nach Mill sollte eine ideale Gesellschaft statt auf Zwang und Unterdrückung auf den Prinzipien der Freiheit und Gleichheit gegründet sein. Im Folgenden wird gezeigt, welche Vorteile eine Ordnung auf Grundlage dieser Prinzipien mit sich brächte und mit welchen Mitteln sie zu erreichen sei. In diesem Zusammenhang soll auch Mills Auffassung von Fortschritt dargelegt werden, die die gedankliche Grundlage für die neue Gesellschaftsordnung darstellt.

Nach Mill zeichnet sich die moderne Welt dadurch aus, dass die Menschen „nicht für einen vorherbestimmten Platz im Leben geboren [...] [und daran] unwiderruflich gefesselt sind, sondern die Freiheit haben, ihre Fähigkeiten anzuwenden [...], um diejenige Lebensstellung zu erlangen, welche ihnen am wünschenswerten scheint.“[25] Während im Mittelalter die Menschen in eine bestimmte soziale Klasse und in eine bestimmte Berufsgruppe hineingeboren wurden und sich dem entsprechenden Leben fügen mussten, so gibt es in einer fortschrittlichen Gesellschaft immer weniger solcher Regelungen und Schranken. Stattdessen wird in der Neuzeit der Lebensweg vom Individuum so weit wie möglich selbst bestimmt.[26] Dieses Prinzip ist nicht nur für die Zufriedenheit des Einzelnen förderlich, sondern auch für die Entwicklung der gesamten Gesellschaft, denn so wird durch Gewerbefreiheit und Konkurrenz sichergestellt, dass jede Tätigkeit demjenigen überlassen wird, der sie am besten auszuführen vermag, anstatt jemandem der durch seine Geburt dazu verpflichtet ist, sie auszuführen.[27] Gesellschafts- und Staatsorganisation, die das Individuum daran hindern, seine Fähigkeiten zu seinem und zum Nutzen aller zu gebrauchen wirken Fortschritt indes entgegen.[28] Die Unterdrückung der Frauen ist also nicht nur an sich eine veraltete Erscheinung, die nicht in eine moderne Welt passt, sondern hindert diese zusätzlich am weiteren Fortschreiten, da sie die Hälfe der Menschen daran hindert, ihre Fähigkeiten zur Entwicklung beizutragen.[29]

[...]


[1] Mill (Ryan), S. 133

[2] Vgl. Kuenzle/ Schefczyk, S.193

[3] Vgl. ebd., S. 180 f.

[4] Vgl. Grabowsky, S. 267 ff.

[5] Vgl. ebd., S. 269

[6] Vgl. ebd., S. 268

[7] Vgl. Okin, 207 f.

[8] Vgl. ebd., S. 206

[9] Vgl. Grabowski, S. 275

[10] Kuenzle/ Schefczyk, S. 192 f.

[11] Vgl. ebd., S. 193

[12] Mill (Hirsch), S. 9

[13] Ebd., S. 52

[14] Ebd., S. 54

[15] Mill (Hirsch), S. 54

[16] Vgl. ebd., S. 54 f.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd. S. 87

[19] Vgl. ebd. ff.

[20] Ebd., S. 8

[21] Ebd., S. 2

[22] Mill (Hirsch), S. 26

[23] Vgl. ebd., S. 23

[24] Vgl. ebd.

[25] Ebd., S. 29

[26] Vgl. ebd., S. 28 ff.

[27] Vgl. Mill (Hirsch), S. 31 ff.

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. ebd.

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668130364
ISBN (Buch)
9783668130371
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314500
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
John Stuart Mill Subjection of Women Feminismus Philosophie Aktualität

Autor

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Titel: Über den Fortschrittsgedanken in John Stuart Mills „The Subjection of Women“ und dessen Verwirklichung