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Verzerrte Risikowahrnehmung als Auslöser von Spekulationsblasen

Finanz- und Schuldenkrise: Erklärungsansätze aus der Verhaltensökonomik

von Hendrik Kahlbach (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 35 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Risiko

Risikowahrnehmung

Behavioral Finance

Heuristiken und Fehlwahrnehmung
Availability
Anchoring
Erfahrungsbedingte Heuristik
Confirmation Bias
Overconfidence
Hyperprecision
Pseudosicherheit
Hindsight Bias
Weitere Einflussfaktoren

Typische Blasenbildung

Spekulative Manie und Rationalität der Wirtschaftsakteure

Mögliche Fehlentscheidung aufgrund verzerrter Risikowahrnehmung

Einfluss auf die Blasenbildung

Beispiel anhand der Immobilienblase 2007-2010

Konklusion

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht nichts.“ (Walter Scheel)

Jede individuelle Entscheidung birgt ein Risiko in sich. Im Alltag sowohl zu Hause als auch im Job müssen wir Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen

Manche Entscheidungen sind einfach, während andere eine ausgeprägte Untersuchung der vorliegenden Umstände erfordern.

Studieren? Wenn ja, wo und was? – Investieren? Wenn ja, wie viel und in was?

Jede Entscheidung öffnet einen neuen Weg und beinhaltet die Möglichkeit sich falsch zu entscheiden. Investitionen können verlustreich enden, der Studiengang könnte zu schwer oder enttäuschend sein, …

Es lohnt sich daher, die Chancen und Risiken, die jenen Entscheidungen zu Grunde liegen genauer zu betrachten. Eine falsche Risikoanalyse kann dazu führen eine fehlerhafte Entscheidung zu treffen und letztendlich Verlust zu generieren.

In einer Gewinn maximierenden Wirtschaft ist eine genaue Risikoanalyse von großer Bedeutung, um Verluste weitreichend einzugrenzen.

Jedoch kommt es in regelmäßigen Abständen zu Wirtschaftskrisen (die sogenannten spekulativen Blasen). In den ersten zwei dritteln des 19. Jahrhunderts traten jene sogar regelmäßig in 10 Jahresabständen auf (1816, 1826, 1837, 1847, 1857, 1866). Danach jedoch weniger regelmäßig aber beständig (1873, 1907, 1921, 1929). Die jüngste Wirtschaftsgeschichte beschreibt die Finanzkrise anhand der Immobilienblase in den USA von 2007 bis 2010.

Es erscheint eindeutig, dass es dieses Phänomen der Blasenbildung ein regelmäßiger, gar normaler Prozess wirtschaftlicher Geschichte ist und doch führen solche Krisen zu hohen Verlusten oft aufgrund falscher Risikobewertung und daraus resultierenden Fehlinvestitionen. Wie kommt es jedoch zu solch massiven Fehleinschätzungen? Man spricht in diesem Zusammenhang von spekulativen Manien bzw. von irrationalem Verhalten, welches zur unmittelbaren Verschärfung der Krise führt.

Die folgende Ausarbeitung befasst sich mit der Frage, wie verzerrte Risikowahrnehmung zu spekulativen Manien bzw. Blasenbildung führen kann. Dafür wird zuerst Risiko definiert, um dann auf verschiedene Risikowahrnehmungsmechanismen einzugehen und deren Hinführung zu spekulativen Manien auf der Grundlage eines allgemeinen Krisenverlaufs zu erklären.

Risiko

Die Bedeutung des Wortes Risiko beinhaltet im folgenden Text alle Verhaltensmuster, welche mit unsicherem Ausgang bzw. unsicheren Konsequenzen verbunden sind, unabhängig vom tatsächlich positiv oder negativ ausfallenden Endergebnis.

Coeneberg und Bamberg (2006) differenzieren den Begriff Entscheidung unter Sicherheit bzw. unter Unsicherheit.

Entscheidung unter Sicherheit:

à Die eintretende Situation ist bekannt.

Entscheidung unter Unsicherheit:

à Es ist unsicher, welche Situation eintritt.

- Entscheidung unter Risiko:

à Die Wahrscheinlichkeiten für die verschiedenen eintretenden Situationen sind bekannt bzw. berechenbare Erwartungswerte.

- Entscheidung unter Ungewissheit:

à Die möglichen eintretenden Situationen sind bekannt, jedoch nicht die Wahrscheinlichkeiten ihres Eintritts.

Für Entscheidungen unter Risiko wird angenommen, dass Personen anhand ihrer kognitiven Kapazitäten, Lernkapazität, Erfahrungen und Umfeld subjektiv rationale Entscheidungen treffen.

Oft versuchen jene Akteure vereinfachte mentale Strategien oder Heuristiken (Daumenregeln) zu benutzen bzw. zu entwickeln um die Auswertung der Eintrittswahrscheinlichkeit zu bestimmen.

Dies kann dazu führen, dass systematische Fehler begangen werden, da insbesondere Heuristiken einer genauen Einschätzung der Wahrscheinlichkeit entbehren.

Zusätzlich sind diese subjektiven Verhaltensmuster bestimmter Wahrnehmung und somit Begrenzungen unterworfen und können zu Fehleinschätzungen bzw. Fehlentscheidungen führen. Diese Ausarbeitung wird sich auf die Entscheidung unter Unsicherheit insbesondere unter Ungewissheit konzentrieren und die verschiedenen Ansätze der Risikobewertung von Individuen erläutern.

Risikowahrnehmung

Im Folgenden wird die Annahme vorausgesetzt, dass es keine statistischen Vorgaben in jedweder Hinsicht gibt und beteiligte Individuen somit das Risiko selbst beurteilen müssen.

Es ist wichtig, die Grenzen einer Beurteilung zu kennen um effektive Entscheidungen zu treffen. Die Wahrnehmung dieser Grenzen ist jedoch häufig von Individuum zu Individuum grundlegend verschieden, da die rational objektive Berechnung der Risiken nicht selten durch emotionale Verflechtung, äußere Umstände und Erfahrungen beeinträchtigt wird.

Zusätzlich zu logischen Denkfehlern können also auch noch wahrnehmungsbedingte Fehler auftreten.

Für die Risikobeurteilung spielen sowohl Experten, als auch die Gesellschaft eine elementare Rolle, welche in der Lage ist, das Individuelle empfundene Risiko zu beeinflussen. Ein Beispiel hierfür ist Nukleare Energie. Die Mehrzahl der Stromempfänger hat weder eine direkte Verbindung zu Atomkraftwerken noch liegen ihnen im Gegensatz zu den verantwortlichen Expertengruppen genaue Kenntnisse über die Sicherheit vor. Trotzdem ist man beispielsweise unmittelbar dem Risiko eines GAU ausgesetzt und folglich in die Entscheidung über die Stromzufuhr eingebunden.

Auch in verschiedenen Finanzierungs- oder Investitionsgeschäften holen Laien sich nicht selten fachmännischen Rat und lassen diesen in ihre Risikobewertung eingehen.

Zusätzlich bietet Behavioral Finance einen Erklärungsansatz für die mentalen Vorgänge, die zur Risikowahrnehmung und -bewertung führen und somit eventuell in einer Investitionsentscheidung münden.

Behavioral Finance

Behavioral Finance beschäftigt sich mit dem Einfluss der Psychologie auf das Verhalten finanzwirtschaftlicher Akteure und den daraus entstehenden Effekten auf dem Markt.

Diese wichtige Wissenschaft beinhaltet somit Erklärungsansätze für Marktversagen aufgrund von irrationalem Verhalten der Masse bzw. den einzelnen Individuen.

Es wird erklärt wie bereits bei der Informationssammlung, Kombination und Auswertung eine fehlerhafte Risikobewertung entstehen kann.

Im nächsten Abschnitt werden verschiedene Motive für fehlerhafte Risikowahrnehmung erläutert.

Heuristiken und Fehlwahrnehmung

Availability

Diese Heuristik bedient sich der Erinnerungs- bzw. Vorstellungskraft.

Situationen, deren tatsächlicher Eintritt leicht vorstellbar ist, werden als wahrscheinlicher bewertet. Ebenfalls gelten Situationen, die man sich leicht erneut ins Gedächtnis rufen kann als wahrscheinlicher als jene, deren man sich kaum erinnert.

Offensichtlich können hier Verzerrungen auftreten. Es kann beispielsweise durch realitätsnahe Filme, sich wiederholende Thematiken sowohl im Fernsehen, als auch in anderen Medien insbesondere in den Nachrichten zu einer verzerrten Wahrnehmung der realitätsnahen Risikofaktoren führen. Vor Allem, wenn jene Information keine statistisch relevante Rolle einnimmt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Relationship between judged frequency and the actual number of deaths per year for 41 causes of death Source: Kahneman, Slovic, Tversky, 2001, p.466

Beispiel: Es wird oft vermutet, dass Unfälle genau so oft zum Tod führen wie Krankheiten.

Tatsächlich führen Krankheiten 16 Mal häufiger zum Tod.

Diese massive Fehlschätzung könnte durch die Filmindustrie und die Medien erklärt werden. Es gibt verhältnismäßig wenig Filme, bei denen Darsteller einen natürlichen Tod erleiden. Dagegen gibt es unzählige Filme in denen Unfälle und ähnliche Umstände unausweichlich zum Tod führen. Zusätzlich werden in den Nachrichten vermehrt Katastrophen, Unfälle und ähnliche Dramen geschildert.

Abbildung 1 verdeutlich diese Heuristik. Die tatsächlichen Werte liegen auf der Gerade, während die geschätzten Werte auf der Kurve liegen. Zwar wurde die Reihenfolge der Todesursachen nach ihrer Häufigkeit von der kleinsten zur größten Wahrscheinlichkeit gut geordnet, jedoch liegen einzelne Zahlenangaben deutlich abseits der Realität.

Anhand dieser Abbildung kann man außerdem den Wahrnehmungsmechanismus Anchoring erklären.

Anchoring

Die Beurteilung hängt zum großen Teil davon ab, welche Erfahrung oder Information zuerst die beurteilende Person erreicht.

Diese Information bildet den sogenannten Anker, um den sich die anderen Einschätzungen sammeln.

Beispiel: Zwei Gruppen sollten einschätzen, wie viele Todesfälle durch welche Umstände zustande gekommen sind.

Gruppe 1 bekam die Info, dass jährlich 50,000 Menschen durch Motorradunfälle sterben.

Gruppe 2 bekam die Info, dass jährlich 1,000 Menschen durch einen Stromschlag ums Leben kommen.

Die zweite Gruppe hat die Gesamtanzahl der Todesfälle deutlich geringer eingeschätzt als die Teilnehmer der ersten Gruppe.

In Abbildung 1 kann man ein ideales Abbild einer Anchoring Auswertung erkennen, da die geschätzten Werte im Gegensatz zu den reellen Werten sich mehr um einen Mittelwert konzentrieren, der als gedanklicher Anker funktioniert hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Anker vorgegeben war, denn man kann sich auch durchaus selbst einen Anker zu Vergleichszwecken erschaffen. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, ob man diese Fehlerwahrscheinlichkeit bewusst eingeht oder ob man, wie es beim Anchoring der Fall ist unbewusst Maßstäbe ansetzt.

[...]

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668130012
ISBN (Buch)
9783668130029
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314484
Note
Schlagworte
verzerrte risikowahrnehmung auslöser spekulationsblasen finanz- schuldenkrise erklärungsansätze verhaltensökonomik

Autor

  • Hendrik Kahlbach (Autor)

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Titel: Verzerrte Risikowahrnehmung als Auslöser von Spekulationsblasen