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Anthropologie in Indien. Srinivas Anfänge und sein weiterer Werdegang

Hausarbeit 2013 8 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung ...

2. Anthropologie in Indien .

3. Sozialanthropologie ist gleich Soziologie?

4. Wichtige Vertreter der ersten und zweiten Generation

5. Mysore Narasimhachar Srinivas
5.1. Srinivas Studienzeit unter Ghurye
5.2. Srinivas Studienzeit in Oxford
5.3. Studienzeit: Vergleich Indien - Oxford
5.4. Rückkehr nach Indien und weitere Laufbahn

6. Conclusio

Bibliographie

Internetquellen

1. Einleitung

Mit Indien assoziiere ich zuerst das Wort „bunt“, dicht gefolgt von „Faszination“ und „unglaublich lange und komplizierte Namen“. Leider hatte ich noch nie die Gelegenheit das Land selbst zu bereisen, doch ich hatte die Gelegenheit während eines längeren Auslandsaufenthaltes in Australien mit einigen Menschen aus Indien eng in einem IT-Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Momentan ist Indien wieder vermehrt in den Medien vertreten, allerdings negativ konotiert, aufgrund der sexuellen Übergriffe auf Frauen und Massenvergewaltigungen (vgl. URL 1). Obwohl ich dieses Thema beziehungsweise die stetige Zunahme von der Abtreibung von weiblichen Föten und deren soziale Folgen sehr interessant finde[1], habe ich mich dazu entschlossen, passend zu unserer Disziplin, mir die Entwicklung der Sozialanthropologie und/oder Soziologie in Indien näher anzusehen. Dabei interessiert mich, wie sich eine wissenschaftliche Disziplin in einem Land, das unter westlichen WissenschaftlerInnen als „primitiv“ (Stichwort: Evolutionismus) angesehen wird, entwickeln konnte und vor allem wie damals mit WissenschaftlerInnen umgegangen wurde.

Im Zuge dieser Fragestellung habe ich mir zwei Artikeln ausgesucht: Zum einen eine kurze Buchkritik über das Buch „Anthropology in the East: Founders of Indian Sociology and Anthropology“ (Uberoi, Sundar, Deshpande 2007) von Surinder S Jodhka in einem Artikel namens „Plural Histories of Sociology and Social Antrhopology“. Zum anderen einen Artikel von Mysore Narasimhachar Srinivas: „Practicing Social Anthropology in India“.

Zuerst möchte ich kurz auf die Entwicklung der Anthropologie in Indien eingehen, danach werde ich einen kurzen Überblick über die Beziehung zwischen Sozialanthropologie und Soziologie geben, um anschließend mein Hauptaugenmerk auf Srinivas und seinen Weg zum Anthropologen zu legen.

2. Anthropologie in Indien

Die Anthropologie in Indien fing sich im 19. Jahrhundert mit der Hilfe von Laien, die Bestandteil des Verwaltungsapparates waren, langsam zu entwickeln an. Das damalige Forschungsinteresse lag vor allem in Bräuchen und Riten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine soziale Institution zu dieser Wissenschaft, das Anthropological Survey of India. 1871 wurde der erste Zensus zur systematischen Zählung der indischen Gesellschaft von Bürokraten und WissenschaftlerInnen durchgeführt. Dieser galt lange Zeit als Grundlage für diverse Arbeiten von Anthropologen und Wissenschaftler wie zum Beispiel Iyer oder Weber.

Während der britischen Kolonialherrschaft wurden vor allem Studien über die tribalen Gesellschaften durchgeführt. Dies ist für mich nicht weiter verwunderlich, da zu dieser Zeit in Großbritannien die Theorie des Evolutionismus sehr populär war. Hauptaugenmerk wurde auf die Dichotomie zwischen Tradition und Moderne gelegt. Die indischen Gesellschaft wurde als traditionell abgestempelt und der europäischen Moderne gegenübergestellt.

3. Sozialanthropologie ist gleich Soziologie?

Die Beziehung dieser zweier Disziplinen ist in Indien sehr komplex und eng. Ich bin der Meinung, dass man diese nicht außer Acht lassen darf, da die Trennung, die in unseren Breitengraden vorgenommen wird, nicht der in Indien entspricht. Die Termini werden in Indien entweder synonym oder getrennt verwendet. Synonym bedeuten beide das Untersuchen von Gesellschaften. Getrennt wurde folgende Trennlinie gezogen: Sozialanthropologie untersucht die anderen (vgl. Srinivas 1997:21) und ist heute eher mit dem Kolonialismus verbunden (vgl. Jodhka 2009: 35); Soziologie hingegen untersucht die eigene Gesellschaft und wurde erst später zu einer wichtigen (eigenständigen) Disziplin (ebd.).

Sehr interessant fand ich zu diesem Thema den geographischen Bruch, der mir während meiner Prüfungsvorbereitung unterkam. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden im Westen Indiens eher Soziologische Institute gegründet, wie zum Beispiel 1919 in Bombay und im Osten eher Institute der Anthropologie, beispielsweise im Jahre 1922 in Kalkutta.

4. Wichtige Vertreter der ersten und zweiten Generation

Die wichtigsten Vertreter der ersten Generation waren Iyer, Roy und Geddes. Sie waren fast alle Staatsbeamte und ihr Interesse galt den tribalen Gesellschaften. Zu den Vertreter der zweiten Generation zählen Anthropologen beziehungsweise Soziologen wie Ghurye, Bose, Elwin, Dube, Dumont und Srinivas.

5.Mysore Narasimhachar Srinivas

MN Srinivas wurde 1916 in Mysore geboren und starb 83-jährig im Jahr 1999. Er gilt als Verbreiter der Soziologie in Indien und ist meines Erachtens auch heute noch populär, wie beispielsweise eine Seite im sozialen Netzwerk Facebook zeigt (vgl. URL 2).

5.1. Srinivas Studienzeit unter Ghurye

Srinivas begann Soziologie an der University School of Economics and Sociology bei Ghurye zu studieren. Nebenbei machte er noch einen Abschluss in Rechtswissenschaften, um einer eventuellen Arbeitslosigkeit als Soziologe entgegenzuwirken (vgl. Srinivas 1997:2). Diese Vorgehensweise kann ich sehr gut nachvollziehen, da damals wie heute Sozialwissenschaften nicht unbedingt zu den anerkanntesten Disziplinen in der Welt des Arbeitsmarktes, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene zählen. „Was macht man damit?“ ist wohl so ziemlich die häufigste Frage, die ich beantworten muss wenn es um die Wahl meines Studiums geht.

Ghurye gab Srinivas Themenvorschläge, die dieser annahm und bearbeitete. So hatte Ghurye, der eigentlich als „armchair anthropologist“ (Srinivas 1997:5) gilt, weil er die teilnehmende Beobachtung von Malinowski noch nicht kannte (entstand bekannter maßen erst später) und eher kürzere Feldaufenthalte präferierte, die Gelegenheit einfach an Informationen heranzukommen. Ich denke, dass dieses Arbeitsverhältnis zu Beginn beiden von Nutzen war, da sowohl Ghurye von den Arbeiten Srinivas, aber auch Srinivas von den Kontakten Ghuryes profitieren konnte (Ghurye war quasi Srinivas Gatekeeper). Zum Ende seiner Studienzeit hin lässt sich aus Srinivas Artikel herauslesen, dass das Verhältnis sich verschlechterte und Ghurye ihn immer mehr als Sekretär nutzte (vgl. Srinivas 1997:6), beziehungsweise ihn Forschungen anbot, die Srinivas nicht unbedingt interessierten. Unter Ghurye kam er sich eher wie ein Altertumsforscher, als ein Soziologe vor (vgl. Srinivas 1997:7).

5.2. Srinivas Studienzeit in Oxford

Srinivas bewarb sich auch auf Anraten Ghuryes in Oxford bei Radcliffe-Brown am Institute of Social Anthropology. Er bekam trotz der damals in Europa herrschenden Kriegswirren rund um den zweiten Weltkrieg schnell eine Antwort und wurde angenommen (vgl. ebd.).

Die damalige Reisezeit von Indien nach England betrug knapp einen Monat. Für den finanziellen Aufwand kam - wie es offensichtlich öfters passiert - die Familie auf. Heutzutage kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass man so lange von A nach B braucht. Man steigt einfach in ein Flugzeug ein und ein paar Stunden später kann man schon am anderen Ende der Welt sein. Ich finde es faszinierend, dass man diese Reisedauer für einen Weg auf sich nimmt. Noch dazu während eines Weltkrieges. Besonders interessieren würde mich hierbei, was für Gefühle und Gedanken Srinivas während dieser Zeit hegte. Ob er den Schritt nach Europa zu gehen vielleicht sogar bereut hatte (schließlich herrschte Krieg) oder ob er sich schon mental auf die neue Umgebung einstellte. Genug Zeit hatte er ja schließlich.

Unter Radcliffe-Brown arbeitete Srinivas weiterhin an seiner zuvor bei Ghurye verfassten These, diesmal auf Anraten Radcliffe-Browns vor allem an Religion und Ritual aus strukturfunktionalistischer Sicht (vgl. Srinivas 1997:9). Es zeigt sich auch hier, dass Srinivas unter dem ihm höher stehenden Anweisungen befolgte, aber dieses Mal scheint es so, als wären sie eher mit Srinivas Interessen verbunden. Seine Doktorarbeit machte er schließlich bei Radcliffe-Browns Nachfolger Evans-Pritchard fertig, bevor er zurück nach Indien ging (vgl. Srinivas 1997:11). Srinivas beschreibt in seinem Artikel die jeweiligen charakterlichen Eigenschaften seiner Vorgesetzten. Ich als Studentin bekomme dadurch erstmalig einen Eindruck über den Charakter verschiedener Wissenschaftler, die man ansonsten eigentlich nur wegen ihrer Theorien und Ansätze kennt. Außerdem wird klar, dass sowohl Radcliffe-Brown als auch Evans-Pritchard von Srinivas angetan waren, Letzterer bot ihm sogar kurz vor seiner Heimreise sogar eine Stelle als Lektor an (vgl. ebd.).

[...]


[1] Anfang des Jahres erschien im Kurier ein Bericht über die Ein-Kind-Politik Chinas und wie sich diese über mehrere Länder, wie zum Beispiel Indien, mittlerweile bis nach Europa, nach Albanien verbreitet. Darin wurden die sozialen Folgen (Überalterung der Gesellschaft, zu viele Männer für zu wenige Frauen, etc.) thematisiert. Leider ist der Artikel nicht mehr auffindbar.

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668130791
ISBN (Buch)
9783668130807
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314366
Institution / Hochschule
Universität Wien – Kultur- und Sozialanthropologie
Note
1
Schlagworte
Indien Anthropologie Ethnologie Srinivas Sozialanthropologie Soziologie

Autor

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